Hannibal Rising
Roman
Thomas Harris(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 1. April 2008
Book
Paperback/Softback
352 pages
978-3-453-43264-2 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
Wie Hannibal Lecter zum Kannibalen wurde
Der Dämon erwacht: Thomas Harris führt uns in die Kindheit des genialen, äußerst kultivierten und monströsen Serienkillers. Er enthüllt den Albtraum, den Hannibal erlebt und der ihn bald zu eigenen Gräueltaten treibt.
Das dunkle Trauma des Hannibal Lecter - die atemberaubende Vorgeschichte zu den Welterfolgen "Roter Drache", "Das Schweigen der Lämmer" und "Hannibal".
Der Dämon erwacht: Thomas Harris führt uns in die Kindheit des genialen, äußerst kultivierten und monströsen Serienkillers. Er enthüllt den Albtraum, den Hannibal erlebt und der ihn bald zu eigenen Gräueltaten treibt.
Das dunkle Trauma des Hannibal Lecter - die atemberaubende Vorgeschichte zu den Welterfolgen "Roter Drache", "Das Schweigen der Lämmer" und "Hannibal".
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-453-43264-2 (9783453432642)
Schweitzer Classification
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Persons
Thomas Harris beginnt seine Karriere als Journalist und schreibt hauptsächlich über Gewaltkriminalität in den USA und Mexiko. Danach ist er in New York als Reporter und Redakteur bei Associated Press angestellt. 1973 schreibt er seinen ersten Roman Black Sunday. Sein größter Erfolg wird 1988 das Buch Das Schweigen der Lämmer, das wochenlang die Bestsellerliste der New York Times anführt und auch als Verfilmung 1991 einen Oscar als bester Film erhält.
Content
PROLOG
Die Tür zu Dr. Hannibal Lecters Gedächtnispalast befindet sich in dem Dunkel im Zentrum seines Geistes, und sie hat eine Klinke, die nur mit dem Tastsinn gefunden werden kann. Dieses eigenartige Portal öffnet sich auf äußerst große und gut beleuchtete Säle, früher Barock, und auf Gänge und Kammern, die es an Zahl und Vielfalt mit denen des Topkapi-Museums aufnehmen können.
Überall sind Ausstellungsstücke, großzügig gehängt und gut beleuchtet, jedes an Erinnerungen gekoppelt, die in geometrischer Folge zu anderen Erinnerungen führen.
Säle, die Hannibal Lecters frühesten Jahren gewidmet sind, unterscheiden sich insofern von den anderen Archiven, als sie unvollständig sind. In einigen Fällen handelt es sich um statische Szenen, bruchstückhaft, wie bemalte attische Scherben, zusammengehalten von nacktem Gips. Andere Räume enthalten Klang und Bewegung, große im Dunkeln sich wälzende Schlangen, immer wieder blitzartig erhellt. Manche Areale der Anlage, die Hannibal selbst nicht betreten kann, sind gefüllt mit flehentlichen Bitten und Schreien. Doch die Wände der Korridore werfen keine Schreie zurück, und es gibt Musik, wenn Sie das möchten.
Mit dem Bau des Palastes wurde schon früh in Hannibals Leben als Lernender begonnen. In den Jahren der Inhaftierung verbesserte und vergrößerte er seinen Palast, und seine Schätze halfen ihm über die langen Durststrecken hinweg, wenn Wärter ihm Bücher verweigerten.
Lassen Sie uns hier, im heißen Dunkel seines Geistes, gemeinsam nach der Türklinke tasten. Und wenn wir sie finden, wollen wir uns für Musik in den Korridoren entscheiden und, nicht nach links oder rechts blickend, zum Saal des Beginns gehen, wo die Exponate am lückenhaftesten sind.
Wir werden ihnen hinzufügen, was wir anderswo in Erfahrung gebracht haben, in Kriegsdokumenten, Polizeiberichten und Interviews, in stummer Forensik, in den Körperhaltungen der Toten. Die Briefe seines Onkels Robert Lecter, vor Kurzem entdeckt, könnten uns dabei helfen, den Lebenslauf Hannibals zu rekonstruieren, denn er selbst hat die einzelnen Daten nach eigenem Gutdünken immer wieder geändert, um die Ermittlungsbehörden und seine Chronisten zu verwirren.
Vielleicht können wir dank dieser Bemühungen dabei zusehen, wie sich die Bestie dort drinnen von der Zitze abwendet und sich, trotz Gegenwind, in die Welt hinausbegibt.
II
Das ist das Erste, das ich erkannte: Die Zeit ist wie das Echo einer Axt im Wald.
Philip Larkin
Hannibal der Schreckliche (1365-1428) erbaute Burg Lecter in fünf Jahren und setzte dabei die Soldaten ein, die er bei der Schlacht von Zalgiris gefangen genommen hatte. An dem Tag, als zum ersten Mal sein Banner auf den fertiggestellten Türmen flatterte, rief er die Gefangenen im Gemüsegarten der Burg zusammen, stieg auf das Galgengerüst, das dort stand, und schenkte ihnen, wie versprochen, die Freiheit. Statt in ihre Heimat zurückzukehren, entschieden sich jedoch wegen der vorzüglichen Verpflegung viele dafür, in seinen Diensten zu bleiben.
Mehr als fünfhundert Jahre später stand Hannibal Lecter, acht Jahre alt und der Achte dieses Namens, mit seiner kleinen Schwester Mischa im Gemüsegarten und fütterte die schwarzen Schwäne auf dem schwarzen Wasser des Burggrabens mit Brot. Mischa, die sich Halt suchend an Hannibals Hand klammerte, traf bei mehreren Würfen mit ihren Brotstücken nicht einmal den Burggraben. Dicke Karpfen stießen gegen die Seerosenblätter, und die Libellen flogen erschrocken auf.
Jetzt kam der Leitschwan aus dem Wasser. Auf seinen kurzen Beinen watschelte er auf die Kinder zu und zischte sie herausfordernd an. Der Schwan kannte Hannibal schon sein ganzes Leben lang, und trotzdem kam er immer noch drohend an und verdeckte mit seinen schwarzen Flügeln Teile des Himmels.
'Ohh, Anniba!', stieß Mischa erschrocken hervor und ging hinter ihrem großen Bruder in Deckung.
Hannibal hob, wie es ihm sein Vater beigebracht hatte, die Arme auf Schulterhöhe und streckte sie seitlich weit von sich, wobei durch die Weidengerten in seinen Händen die Reichweite noch zusätzlich vergrößert wurde. Der Schwan blieb stehen, nahm Hannibals größere Spannweite zur Kenntnis und zog sich ins Wasser zurück, um weiterzufressen.
'Es ist jeden Tag das Gleiche', sagte Hannibal zu dem großen Wasservogel. Aber dieser Tag war kein Tag wie jeder andere, und er fragte sich, wohin die Schwäne fliehen könnten.
Mischa hatte vor Aufregung ihr Brot auf den feuchten Boden fallen lassen. Als Hannibal sich bückte, um es für sie aufzuheben, machte sie sich einen Spaß daraus, ihm mit ihrer sternförmigen kleinen Hand etwas Schmutz auf die Nase zu schmieren. Auch er tupfte ihr etwas Schlamm auf die Nasenspitze, und sie lachten über ihre Spiegelbilder im Burggraben.
Plötzlich spürten die Kinder drei heftige Einschläge im Boden, das Wasser des Burggrabens begann zu zittern, und ihre Gesichter auf der dunklen Oberfläche verschwammen. Der Lärm ferner Explosionen rollte über die Felder. Hannibal zog seine Schwester vom Boden hoch und rannte mit ihr in den Schutz der Burg zurück.
Im Burghof hatte man Cesar, das große Zugpferd, vor die Kutsche gespannt. Berndt in seiner Stallknechtschürze und Lothar, der Majordomus, luden drei kleine Koffer in das Gepäckabteil der Kutsche.
Auf dem Treppenabsatz stand der Koch. 'Junger Herr, Madame wünscht Sie in ihrem Zimmer zu sprechen', rief er Hannibal zu, als er ihn erblickte.
Hannibal übergab seine kleine Schwester Nana, dem Kindermädchen, und rannte die ausgetretenen Stufen des Haupthauses hinauf.
Hannibal liebte das Zimmer seiner Mutter mit seinen vielen Gerüchen, der bemalten Decke und der Holzvertäfelung mit den geschnitzten Gesichtern. Madame Lecter war väterlicherseits eine Sforza, mütterlicherseits eine Visconti und hatte das Zimmer aus Mailand mitgebracht.
Im Moment war sie sichtlich in Aufregung, und das Licht brach sich in rötlichen Funken in ihren strahlend braunen Augen. Wortlos drückte sie Hannibal eine Schatulle in die Hand, dann ging sie auf eine mit Reliefdarstellungen von Engeln verzierte Stelle der Wand zu und legte den Zeigefinger auf die Lippen eines Puttos, worauf sich in der Wand eine Klappe öffnete, hinter der ein Geheimfach verborgen war. Sie nahm den Schmuck, den sie darin aufbewahrt hatte, heraus und legte ihn in die Schatulle. Obenauf packte sie noch so viele der gebündelten Briefe aus dem Geheimfach, wie in dem Kästchen Platz fanden.
Hannibal dachte, dass seine Mutter aussah wie ihre Großmutter auf der Kamee, die mit dem restlichen Schmuck in die Schatulle purzelte.
Wolken, auf die Decke des Zimmers gemalt. Wenn er als Baby gestillt wurde, öffnete er immer die Augen und sah den Busen seiner Mutter mit den Wolken verschwimmen. Er wusste noch genau, wie sich die Säume ihrer Bluse an seinem Gesicht angefühlt hatten. Und die Amme - ihr goldenes Kreuz funkelte wie das Sonnenlicht zwischen den wundervollen Wolken und drückte gegen seine Wange, wenn sie ihn hielt. Und wie sie dann den Abdruck des Kreuzes auf seiner Haut wegzureiben versuchte, damit er verschwand, bevor Madame ihn sah.
Aber jetzt erschien sein Vater mit den Hauptbüchern in der Tür.
'Simonetta, wir müssen aufbrechen.'
Die Babywäsche wurde in Mischas Kupferbadewanne gepackt, und Madame steckte die Schmuckschatulle dazwischen. Sie blickte sich im Zimmer um, nahm ein kleines Gemälde von Venedig von der Kommode und drückte es nach kurzem Überlegen Hannibal in die Hände.
'Bring das dem Koch. Aber sieh zu, dass du es schön am Rahmen hältst.' Sie lächelte ihn an. 'Und dass du vor allem die Rückseite nicht wieder schmutzig machst.'
Der Majordomus Lothar trug die Badewanne nach unten und lud sie in die Kutsche. Hannibal brachte das kleine Gemälde dem Koch und ging dann auf den Burghof hinaus. Dort stand Mischa ganz allein herum und wurde immer quengeliger, weil sich in der Hektik des Aufbruchs niemand um sie kümmerte.
Hannibal hob seine Schwester hoch und ließ sie Cesars Kopf tätscheln. Um das große Zugpferd zum Wiehern zu bringen, kniff sie es ein paar Mal, aber Cesar blieb ruhig und bewegte nicht einmal den Kopf. Als es Mischa wieder langweilig wurde, nahm Hannibal eine Handvoll Getreidekörner aus dem Futterkübel und streute damit ein großes 'M' auf den Boden des Hofs. Sofort kamen Tauben angeflogen und bildeten beim Aufpicken des Getreides ein 'M' aus lebenden Vögeln.
Hannibal zog den Buchstaben in Mischas Handfläche nach -sie war schon drei Jahre alt, und er konnte es kaum erwarten, dass sie lesen lernte. '>MDer Koch, ein großer, kräftiger Mann in weißer Küchenkleidung, brachte den packenden Männern etwas zu essen. Das Pferd drehte ein Auge in seine Richtung und folgte dem Geräusch seiner Schritte mit einem kreisenden Ohr. Als Cesar noch ein Fohlen war, hatte ihn der Koch mehr als einmal unter lautem Schimpfen und Fluchen, mit einem Besen auf sein Hinterteil eindreschend, aus dem Gemüsegarten verscheucht.
'Ich bleibe noch und helfe Ihnen, in der Küche alles zusammenzupacken', bot der Hauslehrer Herr Jakov dem Koch an.
'Nein, gehen Sie lieber mit dem Jungen', entgegnete der
Koch.
Graf Lecter hob Mischa in die Kutsche, und Hannibal schloss die Arme um seine kleine Schwester. Als sein Vater eine Hand an seine Wange legte, stellte Hannibal überrascht fest, dass Graf Lecter zitterte.
'Drei Flugzeuge haben die Bahngleise bombardiert. Oberst Timka sagt, wir haben mindestens noch eine Woche Zeit, wenn die Deutschen überhaupt bis hierher kommen, und dann wird es höchstens an den großen Straßen zu Gefechten kommen. Wir ziehen uns erst einmal ins Jagdhaus zurück. Dort haben wir nichts zu befürchten.'
Es war der 23. Juni 1941, der zweite Tag von 'Unternehmen Barbarossa', Hitlers Blitzvorstoß durch Osteuropa nach Russland.
Damit sich das Pferd nicht am Kopf verletzte, ging der Stallknecht Berndt auf dem Waldweg vor der Kutsche her und hackte mit einer kurzen Pike herabhängende Zweige weg.
Herr Jakov folgte, die Satteltaschen voller Bücher, auf einer Mähre. Er war kein guter Reiter, und um unter den tief hängenden Ästen hindurchzukommen, klammerte er sich unbeholfen am Hals seines Pferds fest. Manchmal, wenn der Weg zu steil wurde, stieg er ab, um wie Lothar, Berndt und selbst Graf Lecter zu Fuß weiterzugehen. Hinter ihnen schnellten die beiseitegeschobenen Zweige zurück, um den Weg wieder zu verschließen.
Hannibal roch das von den Rädern der Kutsche zerquetschte Laub und das warme Haar Mischas, die auf seinem Schoß saß. Hoch über ihnen flogen deutsche Bomber. Zum Bordun ihres tiefen Brummens, akzentuiert vom trockenen Stakkato der Flugabwehrgeschütze, summte Hannibal seiner Schwester ein Lied vor. Es war keine fröhliche Melodie.
'Nein, Anniba', sagte Mischa. 'Sing das Männlein!' Gemeinsam stimmten sie darauf das Lied von dem geheimnisvollen kleinen Mann im Wald an. Ihre Mutter und das Kindermädchen Nana fielen in der heftig schaukelnden Kutsche mit ein, und wenig später ertönte von draußen auch die Stimme des Hauslehrers Herrn Jakov, obwohl er Mühe hatte, sich im Sattel zu halten, und zudem nicht gern auf Deutsch sang.
Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm,
Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem purpurroten Mäntelein.
Nach zwei beschwerlichen Stunden erreichten sie tief im Wald eine von hohen Bäumen umgebene Lichtung.
Das Jagdhaus war im Lauf der letzten dreihundert Jahre von einem primitiven Unterstand im Wald zu einem komfortablen Fachwerkhaus mit einem hohen Steildach ausgebaut worden. Ein Stück abseits davon stand eine kleine Scheune mit zwei Pferdeboxen und einem Schlafraum für das Gesinde, und direkt dahinter, durch eine Hecke den Blicken entzogen, befand sich ein mit zahlreichen Schnörkeln verziertes Aborthäuschen im viktorianischen Stil.
Das Fundament des Jagdhauses bestand zum Teil aus den Steinen eines mittelalterlichen Altars, der von Anhängern eines Ringelnatterkults errichtet worden war. Als der Majordomus Lothar ein paar Ranken weghackte, damit Nana die Fenster öffnen konnte, sah Hannibal eine Ringelnatter aus dem alten Gemäuer kommen und in den Wald fliehen.
Graf Lecter hatte für das Zugpferd einen Eimer Wasser aus dem Brunnen hochgezogen und strich ihm mit den Händen über das Fell, als es gierig daraus trank. Über Cesars Rücken hinweg wandte er sich dem Stallknecht zu. 'Bis du wieder zurück in der Burg bist, Berndt, hat der Koch in der Küche sicher schon alles fertig zusammengepackt. Cesar soll sich über Nacht in seiner Box ausruhen, und dann kommst du bei Tagesanbruch zusammen mit dem Koch hierher zurück, auf keinen Fall später. Ich möchte, dass die Burg spätestens bis zum Morgen geräumt ist.'
Der Hilfswillige Vladis Grutas hatte sein freundlichstes Gesicht aufgesetzt, als er den Hof von Burg Lecter betrat. Forschend ließ er den Blick von einem Fenster zum andern wandern, dann rief er mit lauter Stimme: 'Hallo, ist da jemand?'
Grutas war schmächtig, hatte schmutzig blondes Haar und auffallend blaue Augen, die so hell waren, dass man in ihnen den leeren Himmel zu sehen glaubte. Er rief noch einmal in die Stille hinein: 'Hallo, ist da jemand?'
Als er wieder keine Antwort erhielt, ging er in die Küche, wo mehrere Kisten mit Lebensmitteln herumstanden. Er vergewisserte sich kurz, dass niemand ihn beobachtete, und ließ hastig ein paar Beutel Kaffee und Zucker in seinem Rucksack verschwinden. Die Kellertür im hinteren Teil der Küche stand offen. Grutas spähte die Treppe hinunter. Aus dem Dunkel des Kellers drang ein schwacher Lichtschein zu ihm herauf.
Nachdem er sich noch einmal umgesehen hatte, tastete er sich vorsichtig die steinerne Treppe hinab. Unten angekommen, umfing ihn die kühle Höhlenluft des riesigen Gewölbekellers der Burg. Das Eisengitter des Weinkellers stand offen.
Im schwachen Schein zweier flackernder Laternen sah Grutas den riesigen Schatten des Kochs über die hohen, mit Etiketten versehenen Stellagen tanzen, die voll mit verstaubten Weinflaschen waren. Der große, kräftige Mann stand mit dem Rücken zur Tür über den Verkostungstisch in der Mitte des Weinkellers gebeugt und war damit beschäftigt, ein kleines Gemälde mit kostbarem Rahmen in Packpapier einzuschlagen und mit Bindfaden zu verschnüren.
Als der Koch damit fertig war, legte er das Bild zu den anderen Paketen auf dem Tisch. Dann nahm er eine der Laternen und zog an dem eisernen Leuchter, der über dem Verkostungstisch von der Decke hing. Es ertönte ein leises Klicken, und eines der Weinregale löste sich ein paar Zentimeter von der Rückwand des Kellergewölbes. Unter lautem Quietschen zog der Koch das Regal ganz heraus. Dahinter kam eine dunkle Öffnung in der Wand zum Vorschein.
Der Koch ging in den Raum, der sich dort hinten befand, und hängte die Laterne an einen Haken. Dann kam er in den Weinkeller zurück und machte sich daran, die Pakete, die auf dem Verkostungstisch lagen, in die verborgene Kammer zu tragen.
Als er damit fertig war, schob er das Weinregal wieder an seinen Platz vor dem geheimen Durchgang zurück. Das war für Grutas das Zeichen, sein Versteck zu verlassen und lautlos die Treppe hinaufzuhuschen. Doch dann hörte er draußen einen Schuss fallen, und gleich darauf dröhnte aus dem Keller die Stimme des Kochs.
'Halt! Wer ist da?'
Für einen Mann seiner Größe kam der Koch erstaunlich schnell die Treppe herauf.
' Halt! Bleib sofort stehen! Was hast du hier zu suchen, Kerl?'
Vladis Grutas rannte durch die Küche und stürmte winkend und rufend auf den Burghof hinaus.
Der Koch griff sich einen Besenstiel und wollte ihm hinterherstürzen, als er in der Tür zum Hof die Silhouette eines Mannes mit den unverkennbaren Umrissen eines Stahlhelms auf dem Kopf auftauchen sah. Einen Moment später kamen auch schon drei deutsche Fallschirmjäger in die Küche, jeder mit einer Maschinenpistole im Anschlag. Hinter ihrem Rücken drückte sich auch Vladis Grutas wieder herein.
'Kochlöffel, mein Freund, wie geht's, wie steht's?', fragte Grutas grinsend und nahm einen Schinken aus einer der Kisten auf dem Boden.
'Leg das Fleisch sofort wieder zurück, du Ratte!', befahl der deutsche Unterscharführer und richtete seine Waffe genauso bedenkenlos auf Grutas, wie er sie zuvor auf den Koch gerichtet hatte. 'Und jetzt verschwinde, geh raus zur Patrouille.'
Der Weg zurück zur Burg war meistens leicht abschüssig, und mit der leeren Kutsche kam Berndt gut voran. Kurz bevor er das Ende des Waldes erreichte, bildete er sich ein, von einem hohen Baum einen Storch auffliegen zu sehen. Doch als er näher kam, stellte er fest, dass das weiße Flattern von einem großen Stück Stoff herrührte, einem Fallschirm mit durchtrennten Fangleinen, der sich hoch oben im Geäst verfangen hatte. Berndt zog abrupt an den Zügeln und brachte die Kutsche zum Stehen. Er legte seine Pfeife beiseite, kletterte vom Kutschbock, ging zu Cesar und legte ihm beruhigend die Hand an den Hals, um ihm etwas ins Ohr zu murmeln. Dann setzte er seinen Weg vorsichtig zu Fuß fort.
Er kam nicht weit. Von einem Baum neben dem Weg hing an einem niedrigen Ast ein Mann in bäuerlicher Kleidung, der erst vor Kurzem gehängt worden war, die Drahtschlinge tief in seinen Hals eingegraben, das Gesicht blauschwarz angelaufen, die schmutzigen Stiefel dreißig Zentimeter über dem Boden baumelnd. Hastig drehte sich Berndt nach der Kutsche um und hielt nach einer Stelle Ausschau, wo er auf dem schmalen Waldweg wenden könnte.
In diesem Moment kamen sie unter den Bäumen hervor, drei deutsche Soldaten, ein Unterscharführer und sechs Männer in Zivil. Der Unterscharführer überlegte kurz, dann zog er den Verschluss seiner Maschinenpistole zurück.
Einen der Zivilisten kannte Berndt.
'Grutas, was ist denn hier los?', fragte er den Mann.
'Berndt, der brave Berndt, der immer tut, was man ihm sagt.' Mit einem freundlichen Lächeln ging Grutas auf ihn zu. ' Das ist der Stallknecht des Grafen', erklärte er dem deutschen Unterscharführer. 'Er kann sich um das Pferd kümmern, das da vorne steht.'
'Und wer sagt mir, dass er kein Freund von dir ist?', wollte der Deutsche wissen.
'Ich', sagte Grutas und spuckte Berndt ins Gesicht. 'Den anderen habe ich doch auch aufgehängt, oder etwa nicht? Und den habe ich auch gekannt. Es gibt schließlich keinen Grund, weshalb wir zu Fuß gehen sollten, wenn wir auch eine Kutsche nehmen können.' Und leiser, ausschließlich an den Unterscharführer gewandt, fügte er hinzu: 'Wenn Sie mir mein Gewehr kurz zurückgeben, erschieße ich ihn, sobald wir wieder in der Burg sind.'
Die Tür zu Dr. Hannibal Lecters Gedächtnispalast befindet sich in dem Dunkel im Zentrum seines Geistes, und sie hat eine Klinke, die nur mit dem Tastsinn gefunden werden kann. Dieses eigenartige Portal öffnet sich auf äußerst große und gut beleuchtete Säle, früher Barock, und auf Gänge und Kammern, die es an Zahl und Vielfalt mit denen des Topkapi-Museums aufnehmen können.
Überall sind Ausstellungsstücke, großzügig gehängt und gut beleuchtet, jedes an Erinnerungen gekoppelt, die in geometrischer Folge zu anderen Erinnerungen führen.
Säle, die Hannibal Lecters frühesten Jahren gewidmet sind, unterscheiden sich insofern von den anderen Archiven, als sie unvollständig sind. In einigen Fällen handelt es sich um statische Szenen, bruchstückhaft, wie bemalte attische Scherben, zusammengehalten von nacktem Gips. Andere Räume enthalten Klang und Bewegung, große im Dunkeln sich wälzende Schlangen, immer wieder blitzartig erhellt. Manche Areale der Anlage, die Hannibal selbst nicht betreten kann, sind gefüllt mit flehentlichen Bitten und Schreien. Doch die Wände der Korridore werfen keine Schreie zurück, und es gibt Musik, wenn Sie das möchten.
Mit dem Bau des Palastes wurde schon früh in Hannibals Leben als Lernender begonnen. In den Jahren der Inhaftierung verbesserte und vergrößerte er seinen Palast, und seine Schätze halfen ihm über die langen Durststrecken hinweg, wenn Wärter ihm Bücher verweigerten.
Lassen Sie uns hier, im heißen Dunkel seines Geistes, gemeinsam nach der Türklinke tasten. Und wenn wir sie finden, wollen wir uns für Musik in den Korridoren entscheiden und, nicht nach links oder rechts blickend, zum Saal des Beginns gehen, wo die Exponate am lückenhaftesten sind.
Wir werden ihnen hinzufügen, was wir anderswo in Erfahrung gebracht haben, in Kriegsdokumenten, Polizeiberichten und Interviews, in stummer Forensik, in den Körperhaltungen der Toten. Die Briefe seines Onkels Robert Lecter, vor Kurzem entdeckt, könnten uns dabei helfen, den Lebenslauf Hannibals zu rekonstruieren, denn er selbst hat die einzelnen Daten nach eigenem Gutdünken immer wieder geändert, um die Ermittlungsbehörden und seine Chronisten zu verwirren.
Vielleicht können wir dank dieser Bemühungen dabei zusehen, wie sich die Bestie dort drinnen von der Zitze abwendet und sich, trotz Gegenwind, in die Welt hinausbegibt.
II
Das ist das Erste, das ich erkannte: Die Zeit ist wie das Echo einer Axt im Wald.
Philip Larkin
Hannibal der Schreckliche (1365-1428) erbaute Burg Lecter in fünf Jahren und setzte dabei die Soldaten ein, die er bei der Schlacht von Zalgiris gefangen genommen hatte. An dem Tag, als zum ersten Mal sein Banner auf den fertiggestellten Türmen flatterte, rief er die Gefangenen im Gemüsegarten der Burg zusammen, stieg auf das Galgengerüst, das dort stand, und schenkte ihnen, wie versprochen, die Freiheit. Statt in ihre Heimat zurückzukehren, entschieden sich jedoch wegen der vorzüglichen Verpflegung viele dafür, in seinen Diensten zu bleiben.
Mehr als fünfhundert Jahre später stand Hannibal Lecter, acht Jahre alt und der Achte dieses Namens, mit seiner kleinen Schwester Mischa im Gemüsegarten und fütterte die schwarzen Schwäne auf dem schwarzen Wasser des Burggrabens mit Brot. Mischa, die sich Halt suchend an Hannibals Hand klammerte, traf bei mehreren Würfen mit ihren Brotstücken nicht einmal den Burggraben. Dicke Karpfen stießen gegen die Seerosenblätter, und die Libellen flogen erschrocken auf.
Jetzt kam der Leitschwan aus dem Wasser. Auf seinen kurzen Beinen watschelte er auf die Kinder zu und zischte sie herausfordernd an. Der Schwan kannte Hannibal schon sein ganzes Leben lang, und trotzdem kam er immer noch drohend an und verdeckte mit seinen schwarzen Flügeln Teile des Himmels.
'Ohh, Anniba!', stieß Mischa erschrocken hervor und ging hinter ihrem großen Bruder in Deckung.
Hannibal hob, wie es ihm sein Vater beigebracht hatte, die Arme auf Schulterhöhe und streckte sie seitlich weit von sich, wobei durch die Weidengerten in seinen Händen die Reichweite noch zusätzlich vergrößert wurde. Der Schwan blieb stehen, nahm Hannibals größere Spannweite zur Kenntnis und zog sich ins Wasser zurück, um weiterzufressen.
'Es ist jeden Tag das Gleiche', sagte Hannibal zu dem großen Wasservogel. Aber dieser Tag war kein Tag wie jeder andere, und er fragte sich, wohin die Schwäne fliehen könnten.
Mischa hatte vor Aufregung ihr Brot auf den feuchten Boden fallen lassen. Als Hannibal sich bückte, um es für sie aufzuheben, machte sie sich einen Spaß daraus, ihm mit ihrer sternförmigen kleinen Hand etwas Schmutz auf die Nase zu schmieren. Auch er tupfte ihr etwas Schlamm auf die Nasenspitze, und sie lachten über ihre Spiegelbilder im Burggraben.
Plötzlich spürten die Kinder drei heftige Einschläge im Boden, das Wasser des Burggrabens begann zu zittern, und ihre Gesichter auf der dunklen Oberfläche verschwammen. Der Lärm ferner Explosionen rollte über die Felder. Hannibal zog seine Schwester vom Boden hoch und rannte mit ihr in den Schutz der Burg zurück.
Im Burghof hatte man Cesar, das große Zugpferd, vor die Kutsche gespannt. Berndt in seiner Stallknechtschürze und Lothar, der Majordomus, luden drei kleine Koffer in das Gepäckabteil der Kutsche.
Auf dem Treppenabsatz stand der Koch. 'Junger Herr, Madame wünscht Sie in ihrem Zimmer zu sprechen', rief er Hannibal zu, als er ihn erblickte.
Hannibal übergab seine kleine Schwester Nana, dem Kindermädchen, und rannte die ausgetretenen Stufen des Haupthauses hinauf.
Hannibal liebte das Zimmer seiner Mutter mit seinen vielen Gerüchen, der bemalten Decke und der Holzvertäfelung mit den geschnitzten Gesichtern. Madame Lecter war väterlicherseits eine Sforza, mütterlicherseits eine Visconti und hatte das Zimmer aus Mailand mitgebracht.
Im Moment war sie sichtlich in Aufregung, und das Licht brach sich in rötlichen Funken in ihren strahlend braunen Augen. Wortlos drückte sie Hannibal eine Schatulle in die Hand, dann ging sie auf eine mit Reliefdarstellungen von Engeln verzierte Stelle der Wand zu und legte den Zeigefinger auf die Lippen eines Puttos, worauf sich in der Wand eine Klappe öffnete, hinter der ein Geheimfach verborgen war. Sie nahm den Schmuck, den sie darin aufbewahrt hatte, heraus und legte ihn in die Schatulle. Obenauf packte sie noch so viele der gebündelten Briefe aus dem Geheimfach, wie in dem Kästchen Platz fanden.
Hannibal dachte, dass seine Mutter aussah wie ihre Großmutter auf der Kamee, die mit dem restlichen Schmuck in die Schatulle purzelte.
Wolken, auf die Decke des Zimmers gemalt. Wenn er als Baby gestillt wurde, öffnete er immer die Augen und sah den Busen seiner Mutter mit den Wolken verschwimmen. Er wusste noch genau, wie sich die Säume ihrer Bluse an seinem Gesicht angefühlt hatten. Und die Amme - ihr goldenes Kreuz funkelte wie das Sonnenlicht zwischen den wundervollen Wolken und drückte gegen seine Wange, wenn sie ihn hielt. Und wie sie dann den Abdruck des Kreuzes auf seiner Haut wegzureiben versuchte, damit er verschwand, bevor Madame ihn sah.
Aber jetzt erschien sein Vater mit den Hauptbüchern in der Tür.
'Simonetta, wir müssen aufbrechen.'
Die Babywäsche wurde in Mischas Kupferbadewanne gepackt, und Madame steckte die Schmuckschatulle dazwischen. Sie blickte sich im Zimmer um, nahm ein kleines Gemälde von Venedig von der Kommode und drückte es nach kurzem Überlegen Hannibal in die Hände.
'Bring das dem Koch. Aber sieh zu, dass du es schön am Rahmen hältst.' Sie lächelte ihn an. 'Und dass du vor allem die Rückseite nicht wieder schmutzig machst.'
Der Majordomus Lothar trug die Badewanne nach unten und lud sie in die Kutsche. Hannibal brachte das kleine Gemälde dem Koch und ging dann auf den Burghof hinaus. Dort stand Mischa ganz allein herum und wurde immer quengeliger, weil sich in der Hektik des Aufbruchs niemand um sie kümmerte.
Hannibal hob seine Schwester hoch und ließ sie Cesars Kopf tätscheln. Um das große Zugpferd zum Wiehern zu bringen, kniff sie es ein paar Mal, aber Cesar blieb ruhig und bewegte nicht einmal den Kopf. Als es Mischa wieder langweilig wurde, nahm Hannibal eine Handvoll Getreidekörner aus dem Futterkübel und streute damit ein großes 'M' auf den Boden des Hofs. Sofort kamen Tauben angeflogen und bildeten beim Aufpicken des Getreides ein 'M' aus lebenden Vögeln.
Hannibal zog den Buchstaben in Mischas Handfläche nach -sie war schon drei Jahre alt, und er konnte es kaum erwarten, dass sie lesen lernte. '>MDer Koch, ein großer, kräftiger Mann in weißer Küchenkleidung, brachte den packenden Männern etwas zu essen. Das Pferd drehte ein Auge in seine Richtung und folgte dem Geräusch seiner Schritte mit einem kreisenden Ohr. Als Cesar noch ein Fohlen war, hatte ihn der Koch mehr als einmal unter lautem Schimpfen und Fluchen, mit einem Besen auf sein Hinterteil eindreschend, aus dem Gemüsegarten verscheucht.
'Ich bleibe noch und helfe Ihnen, in der Küche alles zusammenzupacken', bot der Hauslehrer Herr Jakov dem Koch an.
'Nein, gehen Sie lieber mit dem Jungen', entgegnete der
Koch.
Graf Lecter hob Mischa in die Kutsche, und Hannibal schloss die Arme um seine kleine Schwester. Als sein Vater eine Hand an seine Wange legte, stellte Hannibal überrascht fest, dass Graf Lecter zitterte.
'Drei Flugzeuge haben die Bahngleise bombardiert. Oberst Timka sagt, wir haben mindestens noch eine Woche Zeit, wenn die Deutschen überhaupt bis hierher kommen, und dann wird es höchstens an den großen Straßen zu Gefechten kommen. Wir ziehen uns erst einmal ins Jagdhaus zurück. Dort haben wir nichts zu befürchten.'
Es war der 23. Juni 1941, der zweite Tag von 'Unternehmen Barbarossa', Hitlers Blitzvorstoß durch Osteuropa nach Russland.
Damit sich das Pferd nicht am Kopf verletzte, ging der Stallknecht Berndt auf dem Waldweg vor der Kutsche her und hackte mit einer kurzen Pike herabhängende Zweige weg.
Herr Jakov folgte, die Satteltaschen voller Bücher, auf einer Mähre. Er war kein guter Reiter, und um unter den tief hängenden Ästen hindurchzukommen, klammerte er sich unbeholfen am Hals seines Pferds fest. Manchmal, wenn der Weg zu steil wurde, stieg er ab, um wie Lothar, Berndt und selbst Graf Lecter zu Fuß weiterzugehen. Hinter ihnen schnellten die beiseitegeschobenen Zweige zurück, um den Weg wieder zu verschließen.
Hannibal roch das von den Rädern der Kutsche zerquetschte Laub und das warme Haar Mischas, die auf seinem Schoß saß. Hoch über ihnen flogen deutsche Bomber. Zum Bordun ihres tiefen Brummens, akzentuiert vom trockenen Stakkato der Flugabwehrgeschütze, summte Hannibal seiner Schwester ein Lied vor. Es war keine fröhliche Melodie.
'Nein, Anniba', sagte Mischa. 'Sing das Männlein!' Gemeinsam stimmten sie darauf das Lied von dem geheimnisvollen kleinen Mann im Wald an. Ihre Mutter und das Kindermädchen Nana fielen in der heftig schaukelnden Kutsche mit ein, und wenig später ertönte von draußen auch die Stimme des Hauslehrers Herrn Jakov, obwohl er Mühe hatte, sich im Sattel zu halten, und zudem nicht gern auf Deutsch sang.
Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm,
Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem purpurroten Mäntelein.
Nach zwei beschwerlichen Stunden erreichten sie tief im Wald eine von hohen Bäumen umgebene Lichtung.
Das Jagdhaus war im Lauf der letzten dreihundert Jahre von einem primitiven Unterstand im Wald zu einem komfortablen Fachwerkhaus mit einem hohen Steildach ausgebaut worden. Ein Stück abseits davon stand eine kleine Scheune mit zwei Pferdeboxen und einem Schlafraum für das Gesinde, und direkt dahinter, durch eine Hecke den Blicken entzogen, befand sich ein mit zahlreichen Schnörkeln verziertes Aborthäuschen im viktorianischen Stil.
Das Fundament des Jagdhauses bestand zum Teil aus den Steinen eines mittelalterlichen Altars, der von Anhängern eines Ringelnatterkults errichtet worden war. Als der Majordomus Lothar ein paar Ranken weghackte, damit Nana die Fenster öffnen konnte, sah Hannibal eine Ringelnatter aus dem alten Gemäuer kommen und in den Wald fliehen.
Graf Lecter hatte für das Zugpferd einen Eimer Wasser aus dem Brunnen hochgezogen und strich ihm mit den Händen über das Fell, als es gierig daraus trank. Über Cesars Rücken hinweg wandte er sich dem Stallknecht zu. 'Bis du wieder zurück in der Burg bist, Berndt, hat der Koch in der Küche sicher schon alles fertig zusammengepackt. Cesar soll sich über Nacht in seiner Box ausruhen, und dann kommst du bei Tagesanbruch zusammen mit dem Koch hierher zurück, auf keinen Fall später. Ich möchte, dass die Burg spätestens bis zum Morgen geräumt ist.'
Der Hilfswillige Vladis Grutas hatte sein freundlichstes Gesicht aufgesetzt, als er den Hof von Burg Lecter betrat. Forschend ließ er den Blick von einem Fenster zum andern wandern, dann rief er mit lauter Stimme: 'Hallo, ist da jemand?'
Grutas war schmächtig, hatte schmutzig blondes Haar und auffallend blaue Augen, die so hell waren, dass man in ihnen den leeren Himmel zu sehen glaubte. Er rief noch einmal in die Stille hinein: 'Hallo, ist da jemand?'
Als er wieder keine Antwort erhielt, ging er in die Küche, wo mehrere Kisten mit Lebensmitteln herumstanden. Er vergewisserte sich kurz, dass niemand ihn beobachtete, und ließ hastig ein paar Beutel Kaffee und Zucker in seinem Rucksack verschwinden. Die Kellertür im hinteren Teil der Küche stand offen. Grutas spähte die Treppe hinunter. Aus dem Dunkel des Kellers drang ein schwacher Lichtschein zu ihm herauf.
Nachdem er sich noch einmal umgesehen hatte, tastete er sich vorsichtig die steinerne Treppe hinab. Unten angekommen, umfing ihn die kühle Höhlenluft des riesigen Gewölbekellers der Burg. Das Eisengitter des Weinkellers stand offen.
Im schwachen Schein zweier flackernder Laternen sah Grutas den riesigen Schatten des Kochs über die hohen, mit Etiketten versehenen Stellagen tanzen, die voll mit verstaubten Weinflaschen waren. Der große, kräftige Mann stand mit dem Rücken zur Tür über den Verkostungstisch in der Mitte des Weinkellers gebeugt und war damit beschäftigt, ein kleines Gemälde mit kostbarem Rahmen in Packpapier einzuschlagen und mit Bindfaden zu verschnüren.
Als der Koch damit fertig war, legte er das Bild zu den anderen Paketen auf dem Tisch. Dann nahm er eine der Laternen und zog an dem eisernen Leuchter, der über dem Verkostungstisch von der Decke hing. Es ertönte ein leises Klicken, und eines der Weinregale löste sich ein paar Zentimeter von der Rückwand des Kellergewölbes. Unter lautem Quietschen zog der Koch das Regal ganz heraus. Dahinter kam eine dunkle Öffnung in der Wand zum Vorschein.
Der Koch ging in den Raum, der sich dort hinten befand, und hängte die Laterne an einen Haken. Dann kam er in den Weinkeller zurück und machte sich daran, die Pakete, die auf dem Verkostungstisch lagen, in die verborgene Kammer zu tragen.
Als er damit fertig war, schob er das Weinregal wieder an seinen Platz vor dem geheimen Durchgang zurück. Das war für Grutas das Zeichen, sein Versteck zu verlassen und lautlos die Treppe hinaufzuhuschen. Doch dann hörte er draußen einen Schuss fallen, und gleich darauf dröhnte aus dem Keller die Stimme des Kochs.
'Halt! Wer ist da?'
Für einen Mann seiner Größe kam der Koch erstaunlich schnell die Treppe herauf.
' Halt! Bleib sofort stehen! Was hast du hier zu suchen, Kerl?'
Vladis Grutas rannte durch die Küche und stürmte winkend und rufend auf den Burghof hinaus.
Der Koch griff sich einen Besenstiel und wollte ihm hinterherstürzen, als er in der Tür zum Hof die Silhouette eines Mannes mit den unverkennbaren Umrissen eines Stahlhelms auf dem Kopf auftauchen sah. Einen Moment später kamen auch schon drei deutsche Fallschirmjäger in die Küche, jeder mit einer Maschinenpistole im Anschlag. Hinter ihrem Rücken drückte sich auch Vladis Grutas wieder herein.
'Kochlöffel, mein Freund, wie geht's, wie steht's?', fragte Grutas grinsend und nahm einen Schinken aus einer der Kisten auf dem Boden.
'Leg das Fleisch sofort wieder zurück, du Ratte!', befahl der deutsche Unterscharführer und richtete seine Waffe genauso bedenkenlos auf Grutas, wie er sie zuvor auf den Koch gerichtet hatte. 'Und jetzt verschwinde, geh raus zur Patrouille.'
Der Weg zurück zur Burg war meistens leicht abschüssig, und mit der leeren Kutsche kam Berndt gut voran. Kurz bevor er das Ende des Waldes erreichte, bildete er sich ein, von einem hohen Baum einen Storch auffliegen zu sehen. Doch als er näher kam, stellte er fest, dass das weiße Flattern von einem großen Stück Stoff herrührte, einem Fallschirm mit durchtrennten Fangleinen, der sich hoch oben im Geäst verfangen hatte. Berndt zog abrupt an den Zügeln und brachte die Kutsche zum Stehen. Er legte seine Pfeife beiseite, kletterte vom Kutschbock, ging zu Cesar und legte ihm beruhigend die Hand an den Hals, um ihm etwas ins Ohr zu murmeln. Dann setzte er seinen Weg vorsichtig zu Fuß fort.
Er kam nicht weit. Von einem Baum neben dem Weg hing an einem niedrigen Ast ein Mann in bäuerlicher Kleidung, der erst vor Kurzem gehängt worden war, die Drahtschlinge tief in seinen Hals eingegraben, das Gesicht blauschwarz angelaufen, die schmutzigen Stiefel dreißig Zentimeter über dem Boden baumelnd. Hastig drehte sich Berndt nach der Kutsche um und hielt nach einer Stelle Ausschau, wo er auf dem schmalen Waldweg wenden könnte.
In diesem Moment kamen sie unter den Bäumen hervor, drei deutsche Soldaten, ein Unterscharführer und sechs Männer in Zivil. Der Unterscharführer überlegte kurz, dann zog er den Verschluss seiner Maschinenpistole zurück.
Einen der Zivilisten kannte Berndt.
'Grutas, was ist denn hier los?', fragte er den Mann.
'Berndt, der brave Berndt, der immer tut, was man ihm sagt.' Mit einem freundlichen Lächeln ging Grutas auf ihn zu. ' Das ist der Stallknecht des Grafen', erklärte er dem deutschen Unterscharführer. 'Er kann sich um das Pferd kümmern, das da vorne steht.'
'Und wer sagt mir, dass er kein Freund von dir ist?', wollte der Deutsche wissen.
'Ich', sagte Grutas und spuckte Berndt ins Gesicht. 'Den anderen habe ich doch auch aufgehängt, oder etwa nicht? Und den habe ich auch gekannt. Es gibt schließlich keinen Grund, weshalb wir zu Fuß gehen sollten, wenn wir auch eine Kutsche nehmen können.' Und leiser, ausschließlich an den Unterscharführer gewandt, fügte er hinzu: 'Wenn Sie mir mein Gewehr kurz zurückgeben, erschieße ich ihn, sobald wir wieder in der Burg sind.'