
Die Akte Alois Brunner
Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist
Campus (Publisher)
1st Edition
Published on 16. August 2000
Book
Hardback
327 pages
978-3-593-36569-5 (ISBN)
Description
Die Autoren folgen den Spuren des größten noch lebenden NS- Kriegsverbrechers Alois Brunner. Als engster Mitarbeiter von Adolf Eichmann in der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" schickte Brunner zwischen 1939 bis 1945 über 120000 Menschen in den Tod. Nach dem Krieg gelingt es ihm unterzutauchen und sich nach Syrien abzusetzen. In Frankreich wird er zweimal in Abwesenheit zum Tode verurteilt, Mitte der achtziger Jahre wird er vor der UN-Vollversammlung angeklagt, aber ansonsten lebt Brunner unbehelligt. Ein brisantes Buch, das auf dem international vielbeachteten ARD-Dokumentarfilm Die Akte B. - Alois Brunner, die Geschichte eines Massenmörders basiert. Die Nachforschungen der Autoren ergeben, dass es sich im Fall Brunner um den größten Skandal der Nachkriegszeit handelt, der zu der Frage führt: Wann wird die Bundesregierung endlich tätig?
Reviews / Votes
Brunners Nebelwände"Was den 'Fall Brunner' so spannend macht, ist sein 'Weiterleben' nach dem Zweiten Weltkrieg. Hafner und Schapira setzen die erstaunliche Karriere Brunners nach 1945 aus vielen Mosaiksteinen zusammen." (Frankfurter Allgemeine, 16.10.2000)
Die rechte Hand von Adolf Eichmann
"Was Hafner und Schapira an Fakten zu Tage fördern, lässt sich nur mit dem Begriff Justizskandal umschreiben." (Der Tagesspiegel, 16.10.2000)
Wo ist Alois B.?
"'Die Akte Alois Brunner' ist trauriger Beleg für die Verfehlungen und Versäumnisse des deutschen Rechtsstaats im Umgang mit seiner eigenen Vergangenheit." (Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000)
Alois Brunner
"Eine Spurensuche, die einem den Atem verschlägt." (Rheinischer Merkur, 08.12.2000)
Nazi-Verbrecher noch immer auf freiem Fuß
"Die Lektüre dieses Buches ist deprimierend, aber gerade deswegen notwendig." (Kölner Stadt-Anzeiger, 11.01.2001)
Ungeschoren davongekommen
"Ein glänzend geschriebenes und beeindruckend präzise recherchiertes Buch." (Frankfurter Rundschau, 01.03.2001)
More details
Language
German
Edition type
New edition
Illustrations
51 s/w Abbildungen
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 14 cm
Weight
571 gr
ISBN-13
978-3-593-36569-5 (9783593365695)
Schweitzer Classification
Persons
Esther Schapira ist seit 1995 Redakteurin für Politik und Gesellschaft und Ressortleiterin der Abteilung Zeitgeschichte beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks.
Dr. Georg M. Hafner ist Abteilungsleiter der Redaktion Politik und Gesellschaft beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks und Kommentator bei den ARD-Tagesthemen.
Dr. Georg M. Hafner ist Abteilungsleiter der Redaktion Politik und Gesellschaft beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks und Kommentator bei den ARD-Tagesthemen.
Content
Wie Behörden einen Massenmörder suchen
Frankfurt am Main: Ein Staatsanwalt hat keine Eile
Ein kleiner Raum mit einem alten Resopalschreibtisch. An der Stirnseite des Zimmers ein Fenster, durch das etwas Sonne fällt. Hinter dem Schreibtisch ein freundlicher Herr, der einen blauen Pappaktendeckel in den Händen hält. Darin ist auf wenigen Blättern zusammengestellt, was der Staatsanwalt für mitteilungswürdig hält. Viel ist das nicht. Ja, auf Alois Brunner sind 500 000 Mark ausgesetzt. Nein, noch sind keine Hinweise eingegangen. Ein wenig irritiert scheint er über unser Ansinnen, ihn bei seiner Suche nach dem namhaften Kriegsverbrecher zu begleiten. "Wissen Sie", klärt uns Staatsanwalt Jürgen Hess, der zuständige Ermittler beim Landgericht Frankfurt am Main im Frühjahr 1996 auf, "suchen können wir eigentlich gar nicht. Ich kann ja nicht durch die Welt fahren und den Hinweisen nachgehen, wenn überhaupt welche kommen. Sie als Journalisten können das vielleicht. Aber wir haben diese Möglichkeit nicht." Freundlich und müde dreht der ältere Herr vor uns den Aktendeckel von der Vorder- auf die Rückseite und wieder nach vorn. Dann öffnet er ihn und nimmt ein Foto heraus. Es zeigt das Porträt eines gut aussehenden jungen Mannes: Alois Brunner im Jahr 1942. Es ist das offizielle Fahndungsfoto. Warum, so wollen wir wissen, wird mit dem Foto eines jungen Mannes nach einem über 80-Jährigen gesucht? Und das, obwohl man sich noch nicht einmal mit einem Phantombild behelfen müsste. Es gibt aktuellere Fotos von Alois Brunner, aufgenommen 1985 in Syrien. Sie zeigen einen glatzköpfigen alten Mann mit Sonnenbrille und einer verkrüppelten Hand. Besondere Kennzeichen: Es fehlen vier Finger an der linken Hand. Ein Auge ist ein Glasauge. Im Fahndungsaufruf ist davon keine Rede. Warum nicht? "Weil diese Erkenntnisse nicht zweifelsfrei sind", weil nicht hundertprozentig zu klären sei, ob die neueren Fotos tatsächlich Alois Brunner zeigen. Eine erstaunliche Fahndungszurückhaltung, auf die wir im Zuge unserer Recherchen immer wieder treffen werden. Erstaunlich auch, dass sich im Zeitalter modernster elektronischer Untersuchungsmethoden nicht feststellen lassen soll, ob die neuesten Fotos von 1985 dieselbe Person zeigen wie das Foto von 1942. Kann denn das BKA keine entsprechenden Vermessungen machen? Doch, beruhigt uns der Ermittler von Staats wegen, natürlich ginge das, und das sei ja auch gemacht worden. Tatsächlich gibt es ein Lichtbildgutachten des Bundeskriminalamtes, das zu dem Ergebnis kommt, "dass es sich vermutlich um ein und dieselbe Person handelt". Die Gründlichkeit dieser Feststellung kann kaum bezweifelt werden, immerhin hat man sich neun Jahre Zeit gelassen für diese Untersuchung. Warum so lange? Wie die Fotos zustande kamen und was die zuständigen Staatsanwaltschaften dann mit ihnen anfingen, auch darüber sollten wir später noch mehr und wahrhaft Verblüffendes erfahren.
An diesem ersten Besuchstag bekommen wir nur einen Vorgeschmack des "Ermittlungsdrucks" im Verfahren mit dem Aktenzeichen Js 14 1/60 (GstA) der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt am Main. "Nein", belehrt uns Jürgen Hess geduldig und ein wenig mitleidig lächelnd ob unserer fehlenden Gelassenheit, >vermutlich< heißt eben nicht mit Sicherheit". Zweifel können also nicht ausgeschlossen werden, und nachher gerät ein falscher Mann in Verdacht, ein Massenmörder zu sein. Ein derartiges Risiko hält zwar auch Staatsanwalt Hess für gering, aber auszuschließen ist es eben nicht. Und deshalb bleibt es beim Fahndungsfoto von 1942. Letztlich spielt es aber tatsächlich auch keine Rolle, mit welchem Foto nach Alois Brunner gesucht wird, denn das Fahndungsblatt mit den ausgelobten 500000 Mark hat praktisches DIN-A 4-Format, damit es gut in den Aktenordner passt. Da liegt es, sicher verborgen vor der Öffentlichkeit, die lediglich durch eine kurze Pressemeldung von der Fahndung erfährt. Warum es kein veröffentlichtes Fahndungsplakat gibt, auch dazu werden wir noch erstaunliche Antworten hören.
Frankfurt am Main: Ein Staatsanwalt hat keine Eile
Ein kleiner Raum mit einem alten Resopalschreibtisch. An der Stirnseite des Zimmers ein Fenster, durch das etwas Sonne fällt. Hinter dem Schreibtisch ein freundlicher Herr, der einen blauen Pappaktendeckel in den Händen hält. Darin ist auf wenigen Blättern zusammengestellt, was der Staatsanwalt für mitteilungswürdig hält. Viel ist das nicht. Ja, auf Alois Brunner sind 500 000 Mark ausgesetzt. Nein, noch sind keine Hinweise eingegangen. Ein wenig irritiert scheint er über unser Ansinnen, ihn bei seiner Suche nach dem namhaften Kriegsverbrecher zu begleiten. "Wissen Sie", klärt uns Staatsanwalt Jürgen Hess, der zuständige Ermittler beim Landgericht Frankfurt am Main im Frühjahr 1996 auf, "suchen können wir eigentlich gar nicht. Ich kann ja nicht durch die Welt fahren und den Hinweisen nachgehen, wenn überhaupt welche kommen. Sie als Journalisten können das vielleicht. Aber wir haben diese Möglichkeit nicht." Freundlich und müde dreht der ältere Herr vor uns den Aktendeckel von der Vorder- auf die Rückseite und wieder nach vorn. Dann öffnet er ihn und nimmt ein Foto heraus. Es zeigt das Porträt eines gut aussehenden jungen Mannes: Alois Brunner im Jahr 1942. Es ist das offizielle Fahndungsfoto. Warum, so wollen wir wissen, wird mit dem Foto eines jungen Mannes nach einem über 80-Jährigen gesucht? Und das, obwohl man sich noch nicht einmal mit einem Phantombild behelfen müsste. Es gibt aktuellere Fotos von Alois Brunner, aufgenommen 1985 in Syrien. Sie zeigen einen glatzköpfigen alten Mann mit Sonnenbrille und einer verkrüppelten Hand. Besondere Kennzeichen: Es fehlen vier Finger an der linken Hand. Ein Auge ist ein Glasauge. Im Fahndungsaufruf ist davon keine Rede. Warum nicht? "Weil diese Erkenntnisse nicht zweifelsfrei sind", weil nicht hundertprozentig zu klären sei, ob die neueren Fotos tatsächlich Alois Brunner zeigen. Eine erstaunliche Fahndungszurückhaltung, auf die wir im Zuge unserer Recherchen immer wieder treffen werden. Erstaunlich auch, dass sich im Zeitalter modernster elektronischer Untersuchungsmethoden nicht feststellen lassen soll, ob die neuesten Fotos von 1985 dieselbe Person zeigen wie das Foto von 1942. Kann denn das BKA keine entsprechenden Vermessungen machen? Doch, beruhigt uns der Ermittler von Staats wegen, natürlich ginge das, und das sei ja auch gemacht worden. Tatsächlich gibt es ein Lichtbildgutachten des Bundeskriminalamtes, das zu dem Ergebnis kommt, "dass es sich vermutlich um ein und dieselbe Person handelt". Die Gründlichkeit dieser Feststellung kann kaum bezweifelt werden, immerhin hat man sich neun Jahre Zeit gelassen für diese Untersuchung. Warum so lange? Wie die Fotos zustande kamen und was die zuständigen Staatsanwaltschaften dann mit ihnen anfingen, auch darüber sollten wir später noch mehr und wahrhaft Verblüffendes erfahren.
An diesem ersten Besuchstag bekommen wir nur einen Vorgeschmack des "Ermittlungsdrucks" im Verfahren mit dem Aktenzeichen Js 14 1/60 (GstA) der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt am Main. "Nein", belehrt uns Jürgen Hess geduldig und ein wenig mitleidig lächelnd ob unserer fehlenden Gelassenheit, >vermutlich< heißt eben nicht mit Sicherheit". Zweifel können also nicht ausgeschlossen werden, und nachher gerät ein falscher Mann in Verdacht, ein Massenmörder zu sein. Ein derartiges Risiko hält zwar auch Staatsanwalt Hess für gering, aber auszuschließen ist es eben nicht. Und deshalb bleibt es beim Fahndungsfoto von 1942. Letztlich spielt es aber tatsächlich auch keine Rolle, mit welchem Foto nach Alois Brunner gesucht wird, denn das Fahndungsblatt mit den ausgelobten 500000 Mark hat praktisches DIN-A 4-Format, damit es gut in den Aktenordner passt. Da liegt es, sicher verborgen vor der Öffentlichkeit, die lediglich durch eine kurze Pressemeldung von der Fahndung erfährt. Warum es kein veröffentlichtes Fahndungsplakat gibt, auch dazu werden wir noch erstaunliche Antworten hören.