Der Übersetzer
Leben und Sterben in Darfur
DAOUD HARI(Author)
Blessing (Publisher)
Published on 14. April 2008
Book
Hardback
256 pages
978-3-89667-376-3 (ISBN)
Description
Daoud Hari sah mit eigenen Augen, wie die Dörfer seiner Heimat im Westen Sudans von Reitermilizen überfallen und von Kampfflugzeugen zerstört wurden, wie seine Geschwister vertrieben und getötet wurden. Er selbst konnte sich in den Tschad retten und fand seine Lebensaufgabe: die Worte der über 2,5 Millionen Flüchtlinge in Darfur jenen zu übersetzen, die über die 'schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt' (UNO) berichten.
'Ich bin der Übersetzer, der Journalisten nach Darfur gebracht hat. In diesem Buch möchte ich Sie mitnehmen, wenn Sie den Mut haben, mich zu begleiten.' Daoud Hari vom Stamm der Zaghawa verließ seine Familie, um die Schule zu besuchen, lernte Arabisch und Englisch. Er reiste illegal nach Ägypten und Israel, um Geld zu verdienen, wurde aufgegriffen und nach Darfur zurückgeschickt. Das Wiedersehen in der Heimat sollte kurz sein: Sein Dorf wurde, wie unzählige andere, ausgelöscht. Statt wie viele seiner Freunde zum Gewehr zu greifen und sich einer Rebellengruppe anzuschließen, tat Hari das, was er konnte: zuhören. Vom Tschad aus führte er Journalisten aus Europa und den Vereinigten Staaten über die Grenze in die gefährlichsten Gebiete Darfurs. Zusammen mit internationalen Beobachtern sprach er in Flüchtlingslagern mit Hunderten von Menschen und übersetzte ihre Geschichten. Im August 2006 verhaftete man ihn und einen Reporter der Chicago Tribune, bezichtigte ihn der Spionage, verhörte ihn unter Folter und drohte ihm mit Exekution. Über einen Monat später konnte er befreit werden. In seinem Buch erzählt er von Begegnungen mit dem Tod, aber auch von der unwiderstehlichen Weisheit, der Liebe und dem beinahe unzerstörbaren Humor seiner Landsleute.
'Ich bin der Übersetzer, der Journalisten nach Darfur gebracht hat. In diesem Buch möchte ich Sie mitnehmen, wenn Sie den Mut haben, mich zu begleiten.' Daoud Hari vom Stamm der Zaghawa verließ seine Familie, um die Schule zu besuchen, lernte Arabisch und Englisch. Er reiste illegal nach Ägypten und Israel, um Geld zu verdienen, wurde aufgegriffen und nach Darfur zurückgeschickt. Das Wiedersehen in der Heimat sollte kurz sein: Sein Dorf wurde, wie unzählige andere, ausgelöscht. Statt wie viele seiner Freunde zum Gewehr zu greifen und sich einer Rebellengruppe anzuschließen, tat Hari das, was er konnte: zuhören. Vom Tschad aus führte er Journalisten aus Europa und den Vereinigten Staaten über die Grenze in die gefährlichsten Gebiete Darfurs. Zusammen mit internationalen Beobachtern sprach er in Flüchtlingslagern mit Hunderten von Menschen und übersetzte ihre Geschichten. Im August 2006 verhaftete man ihn und einen Reporter der Chicago Tribune, bezichtigte ihn der Spionage, verhörte ihn unter Folter und drohte ihm mit Exekution. Über einen Monat später konnte er befreit werden. In seinem Buch erzählt er von Begegnungen mit dem Tod, aber auch von der unwiderstehlichen Weisheit, der Liebe und dem beinahe unzerstörbaren Humor seiner Landsleute.
More details
Language
German
Product notice
With dust jacket
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-89667-376-3 (9783896673763)
Schweitzer Classification
Persons
Daoud Hari, 34, ist einer von nur drei Flüchtlingen aus Darfur, die seit 2003 in den USA aufgenommen wurden, und eine Stimme der Initiative "Voices from Darfur". Er lebt heute in New Jersey.
Content
Wenn Gott dir schon das Bein brechen muss, so wird er dir zumindest das Humpeln beibringen, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Dieses Buch ist mein armseliges Humpeln: ein dünner Bericht, der längst nicht jede Geschichte erzählen kann, die erzählenswert wäre. Ich habe in Darfur vieles gehört und gesehen, was mir das Herz gebrochen hat. Diese Geschichten gebe ich an Sie weiter, weil ich weiß, dass die meisten Menschen den anderen ein glückliches Leben wünschen, und wenn sie die Lage übersehen, tun sie, was sie können, um die Welt wieder freundlicher zu machen. Und gerade dann sind Menschen, so meine ich, am wunderbarsten.
Wenn Sie wissen, wo auf der Karte Ägypten liegt, und von dort aus nach unten gehen, dann treffen Sie auf den Sudan. Der Westteil des Sudans heißt Darfur und ist etwa so groß wie Frankreich oder Texas. Darfur ist eine weitgehend flache Region mit wenig Bergland und endlos weiten Ebenen voller kleiner Bäume, stacheliger Büsche und versandeter Flussbetten.
In Darfur lebte ich mit meiner Familie, bis unser Dorf überfallen wurde. Unser Volk heißt Zaghawa. Wir sind ein traditionelles Hirtenvolk, aber in Dörfern sesshaft; wir wohnen in großen runden grasgedeckten Hütten, deren kegelförmige Dächer im Regen herrlich duften. Meine Kindheit war - hoffentlich wie Ihre - angefüllt mit lauter glücklichen Erlebnissen. Sie hatten wahrscheinlich ein Fahrrad und dann ein erstes Auto, und ich hatte ein Kamel, Kelgi, den ich innig liebte und sehr schnell laufen lassen konnte. In kalten Nächten kam er manchmal mit in die Hütte, und das war allen recht so.
Wir Zaghawa sind keine Araber, aber in der Nähe gab es viele arabische Nomaden, die als Freunde einen Teil meiner Kindheit ausmachten. Mein Vater nahm mich zu Festen in ihre Zelte mit, und sie waren bei unseren Festessen dabei.
'Dar' bedeutet Land. Die 'Fur' sind ein Volk weiter im Süden, sie betreiben überwiegend Ackerbau. Ein Anführer der Fur war im 16. Jahrhundert König der gesamten Region, und damals erhielt diese Gegend ihren Namen.
Hunderttausende meiner Landsleute wurden in der letzten Zeit getötet, wie Sie vielleicht gehört haben. Weitere zweieinhalb Millionen fristen ihr Dasein in Flüchtlingslagern oder in abgelegenen Verstecken in Wüstentälern. Die Hintergründe für diesen Zustand will ich im Folgenden darlegen. Detailliertere Informationen finden Sie im Schlussteil des Buches.
Damit die Welt in Zukunft Nein sagen kann zu Völkermorden, ist es unerlässlich, dass die Einwohner von Darfur in ihre Heimat zurückkehren und dort in Sicherheit leben können. Wenn die Welt es zulässt, dass die Bevölkerung von Darfur für immer von ihrem Land vertrieben und an ihrer Lebensweise gehindert wird, dann wird es auch anderswo zu Völkermorden kommen, denn die Leute werden denken: Es funktioniert. Es darf nicht funktionieren. Die Bevölkerung von Darfur muss jetzt nach Hause.
Für sie schreibe ich, und für diesen Tag der Heimkehr, und für eine ganz bestimmte Frau und ihre drei Kinder im Himmel, und für einen bestimmten Mann und seine Tochter im Himmel, und für meinen eigenen Vater und meine Brüder im Himmel, und für die, die noch am Leben sind und die so glücklich hätten leben können.
Ich schreibe dies auch für die Frauen und Mädchen von Darfur. Bestimmt haben Sie ihre Gesichter gesehen, in schön kräftige Farben gehüllt, und Sie wissen, wie sie leiden; aber sie sind nicht so, wie Sie meinen. Sie mögen jetzt Opfer sein, aber eigentlich sind sie eher Helden als Opfer. Meine Tante Joyar zum Beispiel kämpfte gegen Kameldiebe und arabische Militärs, zur sportlichen Vergnügung trat sie im Ring gegen Männer an und besiegte sie immer. Sie weigerte sich zu heiraten, bis sie jenseits der vierzig war. Ihr widme ich dieses Buch, und den Mädchen aus meinem Dorf, die bei unseren rauen Kinderspielen schneller und stärker waren als wir Jungen. Meiner Mutter widme ich es, die als junge Frau im Busch eine Bande angriffslustiger Löwen von unserem Rind und unseren Schafen fernhielt, einen langen Tag über, eine lange Nacht und den ganzen folgenden Vormittag, und dazu benutzte sie nichts als die Kraft ihrer Stimme und zwei Stöcke, die sie gegeneinander schlug. Die Kraft ihrer Stimme ist etwas, was ich sehr gut kenne.
In der Nähe meines Dorfes liegt ein schöner Berg, der bei uns immer Dorf Gottes hieß. Zwar praktizieren sowohl wir einheimischen Afrikaner als auch die arabischen Nomaden den Islam, aber trotzdem stieg unser Volk, stiegen besonders die jungen Leute schon immer auf diesen Berg und steckten Opfergaben in die Spalte im Felsen. Fleisch oder Hirse oder wilde Blumen legten sie in diese Löcher, dazu Briefe an Gott, Dankesbriefe oder Bittbriefe für eine bestimmte Wohltat. Diese Gaben und Briefe wurden dort schon hinterlegt, lange bevor die jüngeren Religionen auf uns kamen. Für einen jungen Mann, eine junge Frau, kann in so einem Brief die Bitte stehen, dass ein anderer junger Mensch als Gefährte bestimmt werden möge. Es kann die Bitte sein, dass ein Großvater genesen möge, oder dass die Regenzeit gut verläuft, oder dass eine Hochzeit schön wird und die Ehe glücklich. Oder ganz einfach, dass das kommende Jahr für alle da unten im Dorf ein gutes wird. Nun denn, Gott, in meinem Herzen stehe ich nun da oben und lege dieses Buch als Opfergabe in deinen Berg. Und ich preise dich mit allen deinen Namen, und ich preise unsere Urmutter Erde, und alle Propheten und weisen Männer und Frauen und die Geister des Himmels und der Erde, die uns jetzt helfen mögen, wo wir bedürftig sind.
Und Ihnen, mein Freund, mein Leser, danke ich von Herzen, dass Sie sich auf diese Reise machen. Natürlich ist es eine harte Geschichte, aber es gibt auch viele Stellen, bei denen Sie staunen werden und sich freuen, dass Sie mich begleitet haben.
Der Übersetzer
1
Anruf von unterwegs
Bestimmt wissen Sie, wie wichtig es sein kann, einen guten Telefonempfang zu haben: Wir rasten gerade in einem zerkratzten, dreckigen Geländewagen, der vor einer Woche noch sehr viel weißer gewesen war, durch die heiße afrikanische Wüste. Unser Fahrer, ein Stammesangehöriger aus Darfur wie ich, kurvte durch dorniges Akaziengebüsch, steuerte gekonnt durch den tiefen Sand in den endlos aufeinander folgenden Wadis, und segelte über die welligen Pisten - Straßen, die diesen Namen verdienen, gibt es nicht. Auf dem Rücksitz saß ein junger britischer Nachrichtenreporter, Philip Cox, und hielt sich fest, während wir durchgeschüttelt wurden, und unsere Ladung rumpelte und klirrte und schwappte. Als alter Wüstenfuchs war er in bester Laune, und das selbst noch nach einer langen Woche einer staubigen Reise und nach so vielen emotional schwierigen Interviews. Überlebende hatten uns berichtet, wie die Dörfer nachts von Männern mit Fackeln und Maschinengewehren umstellt wurden, wie Männer, Frauen und Kinder umgebracht wurden, wie Menschen bei lebendigem Leibe in den Grashütten von Darfur verbrannt wurden. Sie hatten uns erzählt, wie junge Mädchen vergewaltigt und verstümmelt, wie junge Burschen mit der Machete niedergemetzelt wurden - manchmal lange Reihen von achtzig Mann auf einmal.
Man kann nicht Mensch sein und ungerührt bleiben, aber wenn man nun einmal den Job hat, diese Geschichten in die Welt hinauszutragen, dann macht man eben weiter. Also machten wir weiter.
Mein Job als Philips Übersetzer und Führer war es, uns am Leben zu erhalten. Mehrmals pro Stunde rief ich Militärführer der Rebellengruppen oder der tschadischen Armee an und fragte sie, ob wir diesen oder jenen Weg nehmen sollten, um Kämpfen oder sonstigem Ärger aus dem Weg zu gehen. Ich verdankte es meiner riesigen Sammlung von Telefonnummern, dass viele Journalisten sich mir anvertrauten, wenn sie nach Darfur hineinwollten. Ich weiß nicht, wie Philip anfangs an meine Handynummer gekommen war - vielleicht über die US-Botschaft, oder das US-Außenministerium, oder die britische Botschaft, oder über den UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, oder über eine der Hilfsorganisationen oder eine Widerstandsgruppe. Anscheinend hatten jetzt alle meine Handynummer. Nur von der sudanesischen Regierung hatte er sie ganz sicher nicht, denn deren Soldaten würden mich umbringen, wenn sie mich mit einem Journalisten im Schlepptau erwischen würden.
Diese Anrufe auf dem Satellitentelefon (oder einfach auf dem Handy) gingen oft an Anführer, die mir sagten: 'Nein, ihr riskiert euer Leben, wenn ihr hierherkommt, wir haben hier heute die und die Kampfhandlungen.' Dann suchten wir eben einen anderen Weg.
Wenn eine Rebellengruppierung mitbekommt, dass man gerade bei einer anderen Gruppe angerufen hat, könnten sie einen als Spion verdächtigen, obwohl es doch nur um den Journalisten und seine Story ging - die Rebellen bekommen nichts dafür. Mit solchen Dingen musste ich aufpassen, wenn ich meine Reporter lebendig aus Darfur hinausbringen wollte, damit auch mehr Geschichten hinaus in die Welt drangen. Seit dem Angriff auf mein eigenes Dorf war das der Grund, und wirklich der einzige Grund geworden, für den ich weiterlebte. Innerlich fühlte ich mich praktisch tot, und ich wollte bloß, dass meine restlichen Tage noch zu etwas gut waren. Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal so gefühlt. Die meisten jungen Leute, mit denen ich aufgewachsen war, waren inzwischen tot oder kämpften im Widerstand; auch ich hatte mich entschieden, mein Leben aufs Spiel zu setzen, aber ich verwendete dazu mein Englisch und keine Waffe.
Wir mussten vor Sonnenuntergang an unserem Ziel sein, wollten wir nicht riskieren, von der sudanesischen Armee angegriffen zu werden, oder von Darfur-Rebellen, die mit der Regierung verbündet waren, oder von anderen Rebellen, die nicht wussten, wer wir waren, und uns einfach nur zur Sicherheit umbrächten. Deshalb waren wir nicht erfreut über das, was nun geschah.
Unser Geländewagen wurde plötzlich von sechs Wagen aufgehalten, die aus einem dichten Wüstengebüsch auftauchten. Es waren auch Geländewagen, aber ihre Dächer waren vollständig aufgeschweißt, sodass die Männer sehr schnell ein- und aussteigen konnten - etwa wenn sie sich aus einem verlorenen Gefecht retten mussten oder das Gefährt verlassen, bevor eine raketenbetriebene Granate sie erreichte. Staubige Männer mit Kalaschnikows stiegen aus. Auf den Befehl ihres Anführers hin richteten sie ihre Waffen auf uns. Wenn so viele Gewehre gleichzeitig entsichert werden, ist das klickende Geräusch sehr beeindruckend. Langsam krochen wir mit erhobenen Händen aus unserem Fahrzeug.
Diese Leute waren eindeutig Rebellen: Ihre Uniformen waren bloß schmutzige Jeans; Munitionsgürtel hingen ihnen über die Brust; ihre lose gewickelten Turbane - eigentlich Kopftücher - starrten vom Staub vieler Gefechtstage. Diese Truppen führen keine Ärzte mit, fast jeden Tag haben sie Kampfeinsätze, und ihre Freunde lassen sie in flachen Gräbern zurück. Emotional gesehen sind sie wandelnde Tote, die ihre Zukunft gerade noch in Stunden zählen. Dadurch sind sie oft so gnadenlos, als dächten sie, es könnten gleich alle mit ihnen ins nächste Leben gehen. Viele von ihnen haben mit angesehen, wie ihre Familien ermordet und ihre Dörfer niedergebrannt wurden. Sie können sich vorstellen, wie Sie sich selbst fühlen würden, wenn Ihre Heimatstadt einfach weggewischt und Ihre gesamte Familie von einem Feind umgebracht wurde, nach dem Sie jetzt das Land durchsuchen, um ihn zu töten und dann in Frieden zu sterben.
Zu den Rebellen gehören die Sudanesische Befreiungsbewegung (SLM), die Sudanesische Befreiungsarmee (SLA), die Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit (JEM) und etliche mehr. Im Tschad gibt es noch weitere Gruppierungen, und sie überschreiten nach Belieben die Grenzen. Woher sie Waffen und Geld beziehen, ist oft ein Rätsel, aber Massen von automatischen Waffen gibt es in Darfur schon seit der Zeit der libyschen Übergriffe auf den Tschad, für die Darfur als Bereitstellungsraum genutzt wurde. Zudem ist zu bedenken, dass der Sudan mit äußerst radikalen islamistischen Gruppierungen verbündet ist und unabhängig davon den Großteil seines Ölaufkommens an China liefert. So wird vermutet, dass die Interessen bestimmter westlicher und anderer Nachbarstaaten bei der Ausrüstung der Rebellen eine Rolle spielen. Es ist ein Trauerspiel, wie die einfachen Leute leiden, wenn es um solcherart Tauziehen geht.
Beinahe halb Afrika besteht aus dem Weideland der Hirtendörfer, und ein Großteil dieses Landes besitzt unterirdisch großen Reichtum und oberirdisch eine arme Bevölkerung. Diese gehört zu den dreihundert Millionen Afrikanern, die am Tag weniger als einen Dollar verdienen und oft aus dem Weg geschafft oder getötet werden, wenn es um Interessen wie Öl, Wasser, Erze und Diamanten geht. So kommt es sehr leicht zur Bildung von Rebellengruppen. Die Männer, die uns hier aufhielten, hatten sich wahrscheinlich nicht lange überreden lassen, um dieser Gruppe beizutreten.
Der müde aussehende junge Anführer dieser Männer kam zu mir und sprach mich auf Zaghawa an:
'Daoud Ibarahaem Hari, wir wissen alles über dich. Du bist ein Spion. Ich weiß, dass du ein Zaghawa bist wie wir und kein Araber, aber leider haben wir Befehle, und wir müssen dich jetzt töten.'
Er konnte leicht erkennen, dass ich ein Zaghawa war, denn ich trug die kleinen Narben in Form von Anführungszeichen, die meine Großmutter mir als Baby in die Schläfen geritzt hatte.
Der Anführer schnaubte traurig, dann legte er den Lauf seiner M14 auf eine dieser Narben an meinem Kopf. Er hieß mich stillzuhalten und forderte Philip auf, zur Seite zu gehen. Er unterbrach sich, um Philip in gebrochenem Englisch zu erklären, er solle sich keine Sorgen machen, sie würden ihn in den Tschad zurückschicken, wenn sie mich getötet hätten.
'Ja, in Ordnung, aber einen Moment mal', gab Philip zurück, hielt die Hand hoch, um das fatale Geschehen einen Augenblick aufzuhalten, und fragte mich:
'Was ist hier los?'
'Sie halten mich für einen Spion, und gleich schießen sie, da explodiert mein Kopf, deshalb sollst du zur Seite gehen.'
'Wer sind sie?', fragte er.
Ich nannte ihm den Namen der Gruppierung und wies vorsichtig mit dem Kopf in Richtung eines Fahrzeugs, auf dessen Seite ihre Initialen gemalt waren.
Er blickte zu dem Fahrzeug und ließ seine Hände auf die Hüften sinken. Er sah aus, wie Engländer aussehen, wenn sie über unnötige Unannehmlichkeiten verärgert sind. Philip trug einen gut gewickelten Turban; seine Haut war von seinen vielen Abenteuern in der Wüste gebräunt und leicht rissig. Er hatte nicht vor, zur Seite zu gehen und einen tadellosen Übersetzer zu verlieren.
'Warten Sie mal!', sagte er zu dem Rebellenführer. 'Do not shoot this man. Dieser Mann ist kein Spion. Dieser Mann ist mein Übersetzer, er heißt Suleyman Abakar Moussa, er ist aus dem Tschad. Er hat Papiere.' Philip dachte, ich hieße so. Ich hatte diesen Namen verwendet, um nicht aus dem Tschad in den Sudan ausgeliefert zu werden und damit in den sicheren Tod, denn dort wurde ich gesucht, und auch, um nicht im Tschad in einem Flüchtlingslager bleiben zu müssen, wo ich nur wenig ausrichten konnte.
'Ich habe diesen Mann angestellt, damit er mit mir herkommt; er ist kein Spion. Wir machen einen Film für das britische Fernsehen. Verstehen Sie das? Es ist absolut unerlässlich, dass Sie das verstehen.' Er forderte mich auf, zu übersetzen, um ganz sicherzugehen, und in meiner Lage kam ich dieser Aufforderung gerne nach.
Mehr als Philips Worte war es sein Auftreten, das den Anführer zögern ließ. Ich sah seinen Finger über den Abzug streichen. Der Gewehrlauf an meiner Schläfe war heiß. Hatte er vor Kurzem geschossen, oder war er einfach von der Sonne aufgeheizt? Für den Fall, dass dies meine letzten Gedanken waren, befand ich sie für allzu unpassend. So dachte ich an meine Familie und wie sehr ich sie alle liebte und dass ich vielleicht bald meine Brüder wiedersehen würde.
'Ich werde jetzt jemanden anrufen', erklärte Philip und zog langsam sein Satellitentelefon aus seiner militärgrünen Hosentasche. 'Sie werden diesen Mann nicht erschießen, denn Ihr Anführer wird gleich auf diesem Telefon mit Ihnen reden - verstehen Sie?' Er suchte eine Nummer aus seinem PDA - es war die Direktdurchwahl des obersten Anführers der Rebellengruppe. Im Vorjahr hatte er ihn interviewt.
'Ihr Oberkommandant', erklärte er allen Gewehrschützen, die uns wie ein Erschießungskommando umstanden, während er auf die Verbindung wartete. 'Oberkommandant. Das hier ist seine Direktdurchwahl. Jetzt klingelt es. Tuut, tuut.'
Gott ist gütig. Das Satellitentelefon hatte ausreichend Empfang. Die Nummer stimmte noch. Der ferne Kommandant ging selbst ans Telefon. Er erinnerte sich bestens an Philip. Ein Wunder nach dem anderen.
Philip sprach am Telefon in einem schnellen Englisch, das ich in aller Ruhe für die Leute mit den Gewehren übersetzte.
Philip hob einen Finger in die Luft, während er sprach, und mit diesem Finger und mit seinen Augen bat er um noch einen Augenblick, und um noch einen. Er lachte, um zu zeigen, dass der Mann am Telefon und er alte Freunde waren.
'Sie sind alte Freunde', übersetzte ich.
Dann hielt Philip das Satellitentelefon dem Anführer hin, der den Gewehrlauf noch fester an meine Schläfe drückte.
'Bitte sprechen Sie jetzt mit ihm. Bitte. Er sagt, es ist ein Befehl an Sie, mit ihm zu sprechen.'
Der Anführer zögerte, ob das nur ein Trick war, aber schließlich griff er doch nach dem Telefon. Die beiden Kommandanten sprachen ausführlich miteinander. Ich sah, wie sein Finger am Abzug sich wie eine Kobra auf und ab bewegte und schließlich zur Seite glitt. Wir wurden aufgefordert, das Land unverzüglich zu verlassen.
Nicht getötet zu werden ist herrlich. Es lässt einen wieder und wieder lächeln, wie ein Idiot, hilflos lächeln über mehrere Stunden hinweg. Wunderbar. Ich wurde nicht erschossen - hamdallah. Meine Brüder, ihr werdet noch ein bisschen auf mich warten müssen.
Unser Fahrer hatte die ganze Zeit mit aufgerissenen Augen zugesehen, denn Fahrern ergeht es in solchen Situationen oft nicht sehr gut. Es ging fröhlich zu in dem Geländewagen, als wir eilig zurückfuhren in die Siedlung Tine an der Grenze zwischen Tschad und Sudan.
'Toll hast du das gemacht', sagte ich zu Philip. Wir fuhren an ein paar Bäumen vorbei, bevor er antwortete:
'Toll, ja. Ich hatte nämlich schon seit Wochen versucht, zu ihm durchzukommen. Glück gehabt, wirklich.'
Der Fahrer, der fast kein Englisch konnte, fragte mich, was Philip gesagt hatte. Ich erklärte ihm, er hätte gesagt 'Gott ist gütig', und ich bin tatsächlich sicher, dass er das meinte.
Wenn Sie wissen, wo auf der Karte Ägypten liegt, und von dort aus nach unten gehen, dann treffen Sie auf den Sudan. Der Westteil des Sudans heißt Darfur und ist etwa so groß wie Frankreich oder Texas. Darfur ist eine weitgehend flache Region mit wenig Bergland und endlos weiten Ebenen voller kleiner Bäume, stacheliger Büsche und versandeter Flussbetten.
In Darfur lebte ich mit meiner Familie, bis unser Dorf überfallen wurde. Unser Volk heißt Zaghawa. Wir sind ein traditionelles Hirtenvolk, aber in Dörfern sesshaft; wir wohnen in großen runden grasgedeckten Hütten, deren kegelförmige Dächer im Regen herrlich duften. Meine Kindheit war - hoffentlich wie Ihre - angefüllt mit lauter glücklichen Erlebnissen. Sie hatten wahrscheinlich ein Fahrrad und dann ein erstes Auto, und ich hatte ein Kamel, Kelgi, den ich innig liebte und sehr schnell laufen lassen konnte. In kalten Nächten kam er manchmal mit in die Hütte, und das war allen recht so.
Wir Zaghawa sind keine Araber, aber in der Nähe gab es viele arabische Nomaden, die als Freunde einen Teil meiner Kindheit ausmachten. Mein Vater nahm mich zu Festen in ihre Zelte mit, und sie waren bei unseren Festessen dabei.
'Dar' bedeutet Land. Die 'Fur' sind ein Volk weiter im Süden, sie betreiben überwiegend Ackerbau. Ein Anführer der Fur war im 16. Jahrhundert König der gesamten Region, und damals erhielt diese Gegend ihren Namen.
Hunderttausende meiner Landsleute wurden in der letzten Zeit getötet, wie Sie vielleicht gehört haben. Weitere zweieinhalb Millionen fristen ihr Dasein in Flüchtlingslagern oder in abgelegenen Verstecken in Wüstentälern. Die Hintergründe für diesen Zustand will ich im Folgenden darlegen. Detailliertere Informationen finden Sie im Schlussteil des Buches.
Damit die Welt in Zukunft Nein sagen kann zu Völkermorden, ist es unerlässlich, dass die Einwohner von Darfur in ihre Heimat zurückkehren und dort in Sicherheit leben können. Wenn die Welt es zulässt, dass die Bevölkerung von Darfur für immer von ihrem Land vertrieben und an ihrer Lebensweise gehindert wird, dann wird es auch anderswo zu Völkermorden kommen, denn die Leute werden denken: Es funktioniert. Es darf nicht funktionieren. Die Bevölkerung von Darfur muss jetzt nach Hause.
Für sie schreibe ich, und für diesen Tag der Heimkehr, und für eine ganz bestimmte Frau und ihre drei Kinder im Himmel, und für einen bestimmten Mann und seine Tochter im Himmel, und für meinen eigenen Vater und meine Brüder im Himmel, und für die, die noch am Leben sind und die so glücklich hätten leben können.
Ich schreibe dies auch für die Frauen und Mädchen von Darfur. Bestimmt haben Sie ihre Gesichter gesehen, in schön kräftige Farben gehüllt, und Sie wissen, wie sie leiden; aber sie sind nicht so, wie Sie meinen. Sie mögen jetzt Opfer sein, aber eigentlich sind sie eher Helden als Opfer. Meine Tante Joyar zum Beispiel kämpfte gegen Kameldiebe und arabische Militärs, zur sportlichen Vergnügung trat sie im Ring gegen Männer an und besiegte sie immer. Sie weigerte sich zu heiraten, bis sie jenseits der vierzig war. Ihr widme ich dieses Buch, und den Mädchen aus meinem Dorf, die bei unseren rauen Kinderspielen schneller und stärker waren als wir Jungen. Meiner Mutter widme ich es, die als junge Frau im Busch eine Bande angriffslustiger Löwen von unserem Rind und unseren Schafen fernhielt, einen langen Tag über, eine lange Nacht und den ganzen folgenden Vormittag, und dazu benutzte sie nichts als die Kraft ihrer Stimme und zwei Stöcke, die sie gegeneinander schlug. Die Kraft ihrer Stimme ist etwas, was ich sehr gut kenne.
In der Nähe meines Dorfes liegt ein schöner Berg, der bei uns immer Dorf Gottes hieß. Zwar praktizieren sowohl wir einheimischen Afrikaner als auch die arabischen Nomaden den Islam, aber trotzdem stieg unser Volk, stiegen besonders die jungen Leute schon immer auf diesen Berg und steckten Opfergaben in die Spalte im Felsen. Fleisch oder Hirse oder wilde Blumen legten sie in diese Löcher, dazu Briefe an Gott, Dankesbriefe oder Bittbriefe für eine bestimmte Wohltat. Diese Gaben und Briefe wurden dort schon hinterlegt, lange bevor die jüngeren Religionen auf uns kamen. Für einen jungen Mann, eine junge Frau, kann in so einem Brief die Bitte stehen, dass ein anderer junger Mensch als Gefährte bestimmt werden möge. Es kann die Bitte sein, dass ein Großvater genesen möge, oder dass die Regenzeit gut verläuft, oder dass eine Hochzeit schön wird und die Ehe glücklich. Oder ganz einfach, dass das kommende Jahr für alle da unten im Dorf ein gutes wird. Nun denn, Gott, in meinem Herzen stehe ich nun da oben und lege dieses Buch als Opfergabe in deinen Berg. Und ich preise dich mit allen deinen Namen, und ich preise unsere Urmutter Erde, und alle Propheten und weisen Männer und Frauen und die Geister des Himmels und der Erde, die uns jetzt helfen mögen, wo wir bedürftig sind.
Und Ihnen, mein Freund, mein Leser, danke ich von Herzen, dass Sie sich auf diese Reise machen. Natürlich ist es eine harte Geschichte, aber es gibt auch viele Stellen, bei denen Sie staunen werden und sich freuen, dass Sie mich begleitet haben.
Der Übersetzer
1
Anruf von unterwegs
Bestimmt wissen Sie, wie wichtig es sein kann, einen guten Telefonempfang zu haben: Wir rasten gerade in einem zerkratzten, dreckigen Geländewagen, der vor einer Woche noch sehr viel weißer gewesen war, durch die heiße afrikanische Wüste. Unser Fahrer, ein Stammesangehöriger aus Darfur wie ich, kurvte durch dorniges Akaziengebüsch, steuerte gekonnt durch den tiefen Sand in den endlos aufeinander folgenden Wadis, und segelte über die welligen Pisten - Straßen, die diesen Namen verdienen, gibt es nicht. Auf dem Rücksitz saß ein junger britischer Nachrichtenreporter, Philip Cox, und hielt sich fest, während wir durchgeschüttelt wurden, und unsere Ladung rumpelte und klirrte und schwappte. Als alter Wüstenfuchs war er in bester Laune, und das selbst noch nach einer langen Woche einer staubigen Reise und nach so vielen emotional schwierigen Interviews. Überlebende hatten uns berichtet, wie die Dörfer nachts von Männern mit Fackeln und Maschinengewehren umstellt wurden, wie Männer, Frauen und Kinder umgebracht wurden, wie Menschen bei lebendigem Leibe in den Grashütten von Darfur verbrannt wurden. Sie hatten uns erzählt, wie junge Mädchen vergewaltigt und verstümmelt, wie junge Burschen mit der Machete niedergemetzelt wurden - manchmal lange Reihen von achtzig Mann auf einmal.
Man kann nicht Mensch sein und ungerührt bleiben, aber wenn man nun einmal den Job hat, diese Geschichten in die Welt hinauszutragen, dann macht man eben weiter. Also machten wir weiter.
Mein Job als Philips Übersetzer und Führer war es, uns am Leben zu erhalten. Mehrmals pro Stunde rief ich Militärführer der Rebellengruppen oder der tschadischen Armee an und fragte sie, ob wir diesen oder jenen Weg nehmen sollten, um Kämpfen oder sonstigem Ärger aus dem Weg zu gehen. Ich verdankte es meiner riesigen Sammlung von Telefonnummern, dass viele Journalisten sich mir anvertrauten, wenn sie nach Darfur hineinwollten. Ich weiß nicht, wie Philip anfangs an meine Handynummer gekommen war - vielleicht über die US-Botschaft, oder das US-Außenministerium, oder die britische Botschaft, oder über den UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, oder über eine der Hilfsorganisationen oder eine Widerstandsgruppe. Anscheinend hatten jetzt alle meine Handynummer. Nur von der sudanesischen Regierung hatte er sie ganz sicher nicht, denn deren Soldaten würden mich umbringen, wenn sie mich mit einem Journalisten im Schlepptau erwischen würden.
Diese Anrufe auf dem Satellitentelefon (oder einfach auf dem Handy) gingen oft an Anführer, die mir sagten: 'Nein, ihr riskiert euer Leben, wenn ihr hierherkommt, wir haben hier heute die und die Kampfhandlungen.' Dann suchten wir eben einen anderen Weg.
Wenn eine Rebellengruppierung mitbekommt, dass man gerade bei einer anderen Gruppe angerufen hat, könnten sie einen als Spion verdächtigen, obwohl es doch nur um den Journalisten und seine Story ging - die Rebellen bekommen nichts dafür. Mit solchen Dingen musste ich aufpassen, wenn ich meine Reporter lebendig aus Darfur hinausbringen wollte, damit auch mehr Geschichten hinaus in die Welt drangen. Seit dem Angriff auf mein eigenes Dorf war das der Grund, und wirklich der einzige Grund geworden, für den ich weiterlebte. Innerlich fühlte ich mich praktisch tot, und ich wollte bloß, dass meine restlichen Tage noch zu etwas gut waren. Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal so gefühlt. Die meisten jungen Leute, mit denen ich aufgewachsen war, waren inzwischen tot oder kämpften im Widerstand; auch ich hatte mich entschieden, mein Leben aufs Spiel zu setzen, aber ich verwendete dazu mein Englisch und keine Waffe.
Wir mussten vor Sonnenuntergang an unserem Ziel sein, wollten wir nicht riskieren, von der sudanesischen Armee angegriffen zu werden, oder von Darfur-Rebellen, die mit der Regierung verbündet waren, oder von anderen Rebellen, die nicht wussten, wer wir waren, und uns einfach nur zur Sicherheit umbrächten. Deshalb waren wir nicht erfreut über das, was nun geschah.
Unser Geländewagen wurde plötzlich von sechs Wagen aufgehalten, die aus einem dichten Wüstengebüsch auftauchten. Es waren auch Geländewagen, aber ihre Dächer waren vollständig aufgeschweißt, sodass die Männer sehr schnell ein- und aussteigen konnten - etwa wenn sie sich aus einem verlorenen Gefecht retten mussten oder das Gefährt verlassen, bevor eine raketenbetriebene Granate sie erreichte. Staubige Männer mit Kalaschnikows stiegen aus. Auf den Befehl ihres Anführers hin richteten sie ihre Waffen auf uns. Wenn so viele Gewehre gleichzeitig entsichert werden, ist das klickende Geräusch sehr beeindruckend. Langsam krochen wir mit erhobenen Händen aus unserem Fahrzeug.
Diese Leute waren eindeutig Rebellen: Ihre Uniformen waren bloß schmutzige Jeans; Munitionsgürtel hingen ihnen über die Brust; ihre lose gewickelten Turbane - eigentlich Kopftücher - starrten vom Staub vieler Gefechtstage. Diese Truppen führen keine Ärzte mit, fast jeden Tag haben sie Kampfeinsätze, und ihre Freunde lassen sie in flachen Gräbern zurück. Emotional gesehen sind sie wandelnde Tote, die ihre Zukunft gerade noch in Stunden zählen. Dadurch sind sie oft so gnadenlos, als dächten sie, es könnten gleich alle mit ihnen ins nächste Leben gehen. Viele von ihnen haben mit angesehen, wie ihre Familien ermordet und ihre Dörfer niedergebrannt wurden. Sie können sich vorstellen, wie Sie sich selbst fühlen würden, wenn Ihre Heimatstadt einfach weggewischt und Ihre gesamte Familie von einem Feind umgebracht wurde, nach dem Sie jetzt das Land durchsuchen, um ihn zu töten und dann in Frieden zu sterben.
Zu den Rebellen gehören die Sudanesische Befreiungsbewegung (SLM), die Sudanesische Befreiungsarmee (SLA), die Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit (JEM) und etliche mehr. Im Tschad gibt es noch weitere Gruppierungen, und sie überschreiten nach Belieben die Grenzen. Woher sie Waffen und Geld beziehen, ist oft ein Rätsel, aber Massen von automatischen Waffen gibt es in Darfur schon seit der Zeit der libyschen Übergriffe auf den Tschad, für die Darfur als Bereitstellungsraum genutzt wurde. Zudem ist zu bedenken, dass der Sudan mit äußerst radikalen islamistischen Gruppierungen verbündet ist und unabhängig davon den Großteil seines Ölaufkommens an China liefert. So wird vermutet, dass die Interessen bestimmter westlicher und anderer Nachbarstaaten bei der Ausrüstung der Rebellen eine Rolle spielen. Es ist ein Trauerspiel, wie die einfachen Leute leiden, wenn es um solcherart Tauziehen geht.
Beinahe halb Afrika besteht aus dem Weideland der Hirtendörfer, und ein Großteil dieses Landes besitzt unterirdisch großen Reichtum und oberirdisch eine arme Bevölkerung. Diese gehört zu den dreihundert Millionen Afrikanern, die am Tag weniger als einen Dollar verdienen und oft aus dem Weg geschafft oder getötet werden, wenn es um Interessen wie Öl, Wasser, Erze und Diamanten geht. So kommt es sehr leicht zur Bildung von Rebellengruppen. Die Männer, die uns hier aufhielten, hatten sich wahrscheinlich nicht lange überreden lassen, um dieser Gruppe beizutreten.
Der müde aussehende junge Anführer dieser Männer kam zu mir und sprach mich auf Zaghawa an:
'Daoud Ibarahaem Hari, wir wissen alles über dich. Du bist ein Spion. Ich weiß, dass du ein Zaghawa bist wie wir und kein Araber, aber leider haben wir Befehle, und wir müssen dich jetzt töten.'
Er konnte leicht erkennen, dass ich ein Zaghawa war, denn ich trug die kleinen Narben in Form von Anführungszeichen, die meine Großmutter mir als Baby in die Schläfen geritzt hatte.
Der Anführer schnaubte traurig, dann legte er den Lauf seiner M14 auf eine dieser Narben an meinem Kopf. Er hieß mich stillzuhalten und forderte Philip auf, zur Seite zu gehen. Er unterbrach sich, um Philip in gebrochenem Englisch zu erklären, er solle sich keine Sorgen machen, sie würden ihn in den Tschad zurückschicken, wenn sie mich getötet hätten.
'Ja, in Ordnung, aber einen Moment mal', gab Philip zurück, hielt die Hand hoch, um das fatale Geschehen einen Augenblick aufzuhalten, und fragte mich:
'Was ist hier los?'
'Sie halten mich für einen Spion, und gleich schießen sie, da explodiert mein Kopf, deshalb sollst du zur Seite gehen.'
'Wer sind sie?', fragte er.
Ich nannte ihm den Namen der Gruppierung und wies vorsichtig mit dem Kopf in Richtung eines Fahrzeugs, auf dessen Seite ihre Initialen gemalt waren.
Er blickte zu dem Fahrzeug und ließ seine Hände auf die Hüften sinken. Er sah aus, wie Engländer aussehen, wenn sie über unnötige Unannehmlichkeiten verärgert sind. Philip trug einen gut gewickelten Turban; seine Haut war von seinen vielen Abenteuern in der Wüste gebräunt und leicht rissig. Er hatte nicht vor, zur Seite zu gehen und einen tadellosen Übersetzer zu verlieren.
'Warten Sie mal!', sagte er zu dem Rebellenführer. 'Do not shoot this man. Dieser Mann ist kein Spion. Dieser Mann ist mein Übersetzer, er heißt Suleyman Abakar Moussa, er ist aus dem Tschad. Er hat Papiere.' Philip dachte, ich hieße so. Ich hatte diesen Namen verwendet, um nicht aus dem Tschad in den Sudan ausgeliefert zu werden und damit in den sicheren Tod, denn dort wurde ich gesucht, und auch, um nicht im Tschad in einem Flüchtlingslager bleiben zu müssen, wo ich nur wenig ausrichten konnte.
'Ich habe diesen Mann angestellt, damit er mit mir herkommt; er ist kein Spion. Wir machen einen Film für das britische Fernsehen. Verstehen Sie das? Es ist absolut unerlässlich, dass Sie das verstehen.' Er forderte mich auf, zu übersetzen, um ganz sicherzugehen, und in meiner Lage kam ich dieser Aufforderung gerne nach.
Mehr als Philips Worte war es sein Auftreten, das den Anführer zögern ließ. Ich sah seinen Finger über den Abzug streichen. Der Gewehrlauf an meiner Schläfe war heiß. Hatte er vor Kurzem geschossen, oder war er einfach von der Sonne aufgeheizt? Für den Fall, dass dies meine letzten Gedanken waren, befand ich sie für allzu unpassend. So dachte ich an meine Familie und wie sehr ich sie alle liebte und dass ich vielleicht bald meine Brüder wiedersehen würde.
'Ich werde jetzt jemanden anrufen', erklärte Philip und zog langsam sein Satellitentelefon aus seiner militärgrünen Hosentasche. 'Sie werden diesen Mann nicht erschießen, denn Ihr Anführer wird gleich auf diesem Telefon mit Ihnen reden - verstehen Sie?' Er suchte eine Nummer aus seinem PDA - es war die Direktdurchwahl des obersten Anführers der Rebellengruppe. Im Vorjahr hatte er ihn interviewt.
'Ihr Oberkommandant', erklärte er allen Gewehrschützen, die uns wie ein Erschießungskommando umstanden, während er auf die Verbindung wartete. 'Oberkommandant. Das hier ist seine Direktdurchwahl. Jetzt klingelt es. Tuut, tuut.'
Gott ist gütig. Das Satellitentelefon hatte ausreichend Empfang. Die Nummer stimmte noch. Der ferne Kommandant ging selbst ans Telefon. Er erinnerte sich bestens an Philip. Ein Wunder nach dem anderen.
Philip sprach am Telefon in einem schnellen Englisch, das ich in aller Ruhe für die Leute mit den Gewehren übersetzte.
Philip hob einen Finger in die Luft, während er sprach, und mit diesem Finger und mit seinen Augen bat er um noch einen Augenblick, und um noch einen. Er lachte, um zu zeigen, dass der Mann am Telefon und er alte Freunde waren.
'Sie sind alte Freunde', übersetzte ich.
Dann hielt Philip das Satellitentelefon dem Anführer hin, der den Gewehrlauf noch fester an meine Schläfe drückte.
'Bitte sprechen Sie jetzt mit ihm. Bitte. Er sagt, es ist ein Befehl an Sie, mit ihm zu sprechen.'
Der Anführer zögerte, ob das nur ein Trick war, aber schließlich griff er doch nach dem Telefon. Die beiden Kommandanten sprachen ausführlich miteinander. Ich sah, wie sein Finger am Abzug sich wie eine Kobra auf und ab bewegte und schließlich zur Seite glitt. Wir wurden aufgefordert, das Land unverzüglich zu verlassen.
Nicht getötet zu werden ist herrlich. Es lässt einen wieder und wieder lächeln, wie ein Idiot, hilflos lächeln über mehrere Stunden hinweg. Wunderbar. Ich wurde nicht erschossen - hamdallah. Meine Brüder, ihr werdet noch ein bisschen auf mich warten müssen.
Unser Fahrer hatte die ganze Zeit mit aufgerissenen Augen zugesehen, denn Fahrern ergeht es in solchen Situationen oft nicht sehr gut. Es ging fröhlich zu in dem Geländewagen, als wir eilig zurückfuhren in die Siedlung Tine an der Grenze zwischen Tschad und Sudan.
'Toll hast du das gemacht', sagte ich zu Philip. Wir fuhren an ein paar Bäumen vorbei, bevor er antwortete:
'Toll, ja. Ich hatte nämlich schon seit Wochen versucht, zu ihm durchzukommen. Glück gehabt, wirklich.'
Der Fahrer, der fast kein Englisch konnte, fragte mich, was Philip gesagt hatte. Ich erklärte ihm, er hätte gesagt 'Gott ist gütig', und ich bin tatsächlich sicher, dass er das meinte.