Raven - Rabentod
Roman
George Dawes Green(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 18. October 2010
Book
Paperback/Softback
352 pages
978-3-442-37428-1 (ISBN)
Description
Sie haben gerade 318 Millionen Dollar im Lotto gewonnen. Noch wissen sie nicht, dass es der schlimmste Tag ihres Lebens wird.
Die Boatrights können ihr Glück kaum fassen, haben sie doch tatsächlich den Jackpot geknackt: 318 Millionen Dollar und ein neues Leben warten auf sie. Und zwei Gauner, die die Chance ihres Lebens wittern. Sie drohen den Boatrights, ihre Lieben umzubringen, wenn sie nicht die Hälfte des Geldes bekommen. Der clevere Shaw nistet sich bei den Gewinnern im Haus ein, der finstere Romeo bewacht den Rest der Familie: um beim ersten Anzeichen von Widerstand jemanden zu töten. Doch schnell vermischen sich Gier, Wahnsinn, Angst, Vernunft - kurz: Gut und Böse. Und die Frage ist: Wer hat hier eigentlich wen in der Hand?
Die Boatrights können ihr Glück kaum fassen, haben sie doch tatsächlich den Jackpot geknackt: 318 Millionen Dollar und ein neues Leben warten auf sie. Und zwei Gauner, die die Chance ihres Lebens wittern. Sie drohen den Boatrights, ihre Lieben umzubringen, wenn sie nicht die Hälfte des Geldes bekommen. Der clevere Shaw nistet sich bei den Gewinnern im Haus ein, der finstere Romeo bewacht den Rest der Familie: um beim ersten Anzeichen von Widerstand jemanden zu töten. Doch schnell vermischen sich Gier, Wahnsinn, Angst, Vernunft - kurz: Gut und Böse. Und die Frage ist: Wer hat hier eigentlich wen in der Hand?
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-442-37428-1 (9783442374281)
Schweitzer Classification
Persons
George Dawes Green ist ein international gefeierter Bestsellerautor. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem fulminanten Debüt Die Geschworene, das sich über drei Millionen Mal verkaufte. Verfilmt mit Demi Moore und Alex Baldwin unter dem Titel Nicht schuldig wurde es zum Kult wie Das Schweigen der Lämmer. 14 Jahre mussten seine Fans auf sein neues Meisterwerk Raven - Rabentod warten.
George Dawes Green lebt abwechselnd in Georgia und New York.
George Dawes Green lebt abwechselnd in Georgia und New York.
Content
MITTWOCH
ROMEO FUHR IM DIFFUSEN Dämmerlicht von den Blue Ridge Mountains herunter, und er war zu schnell dran, als ihm ein Waschbär oder ein Opossum frontal ins Auto lief. Der Aufprall war erschreckend sanft. Kein Schlag - nur ein Geräusch unter der Karosserie, als würde ein Reißverschluss geöffnet. Dennoch ging es Romeo ans Herz. Er bremste und hielt am Straßenrand.
Shaw wachte auf. 'Was ist los?'
'Ich hab irgendwas überfahren', sagte Romeo, stieg aus und ging die I-77 zurück, um nach dem Kadaver Ausschau zu halten. Shaw folgte ihm. Ein Sattelschlepper raste den Berg herunter, sie spürten seine Druckwelle und hörten den tiefer werdenden Sound, als er an ihnen vorbeirauschte. Dann war es still. Sie konnten ihre eigenen Schritte hören. Zikaden und ein paar Akkorde Honkytonk-Musik in der Ferne. 'Mann', sagte Shaw. 'Hörst du das. Wir sind verdammt noch mal tatsächlich im Süden.'
Aber sie fanden keine Spur von dem Tier.
Sie liefen ein Stück weit und warteten auf Scheinwerfer, damit sie den Highway in beide Richtungen überblicken konnten. Schließlich gingen sie zurück und suchten das Bankett ab. Nichts - noch nicht einmal ein Blutfleck. Dann blieb Romeo ratlos stehen und sah den Glühwürmchen zu, die auf und ab schwirrten.
'Hey', sagte Shaw, 'dein Freund hat wohl noch mal Glück gehabt.'
'Nee, nee. Ich hab ihn überfahren.'
'Na ja, vielleicht war es eine Art Opfer', sagte Shaw leichthin. 'Vielleicht sollte es unsere Reise günstig beeinflussen.'
Als sie zu dem Toyota Tercel zurückkamen, meinte Shaw, er sei jetzt wach und könne fahren. Romeo hatte nichts dagegen. Er stieg auf der Beifahrerseite ein, und sie fuhren ins Flachland von North Carolina hinunter. Er hatte einen Druck auf den Ohren, und die Luftfeuchtigkeit nahm zu. Romeo kippte seinen Sitz so weit nach hinten, wie es ging, und sah zum Mond hinauf. Irgendwo hinter Elkin, NC, ließ er die Augen nur für einen Moment zufallen; der Highway begann sich unter ihm zu wölben, und er glitt langsam wie auf einer Spirale abwärts, in einen bodenlos tiefen Schlaf.
AN MITTWOCHABENDEN hielt sich Tara vom Haus fern.
Mittwochabend war Jackpotabend. Mom begann dann schon früh zu trinken. Sie goss sich ein Glas Gin Tonic ein, breitete alle ihre Lotterielose vor sich auf dem Kaffeetisch aus und betrachtete sie liebevoll; sie berührte sie ein nach dem anderen und fragte sich, welches wohl das eine sein würde. Der Fernseher lief, aber Mom beachtete ihn nicht. Alle ihre Gedanken waren bei dem angenehmen Leben, das vor ihr lag. Jachten, Badekuren in Arizona, strahlend weiße Dörfer in Griechenland, der unstillbare Neid ihrer Freundinnen. Sie trank ihren ersten Drink aus und machte sich einen neuen. Ihr Sohn Jase - Taras kleiner Bruder - bettete seinen Kopf auf ihren Schoß und spielte auf seiner Konsole. Sie zerzauste sein Haar und schwenkte das Eis in ihrem Drink. Irgendwann begannen die Farben des schwindenden Tages, die Farben des Fernsehgeräts und alle Farben ihres Lebens besonders lebhaft, sogar prächtig zu wirken, und sie sagte sich, dass keine Frau auf Erden so gesegnet war wie sie. Dann griff sie zu ihrem Handy und schickte eine SMS an ihre Tochter:
Ich weiß, wir gewinnen heute Abend!! Oder:
Ich brauch dich! Tara, Schatz!! Mein Glücksbringer! Wo
bist du? Komm nach Hause!!
Aber Tara wusste, das waren Sirenengesänge. Sie musste taub gegenüber ihnen bleiben. Noch spät in der Bibliothek lernen, ins Kino gehen, sich mit Clio im Einkaufszentrum herumtreiben - sich auf jeden Fall vom Haus fernhalten, bis der Jackpot gezogen war und Dad nach Hause kam, um den größten Teil von Moms betrunkener Tirade nach der Ziehung abzubekommen. Gegen Mitternacht hatten sich ihre Wut und ihr Schmerz dann für gewöhnlich erschöpft, und die Luft war rein.
Doch an diesem Mittwoch war Tara ein Fehler unterlaufen. Sie hatte ihr Botaniklehrbuch mit sämtlichen Handouts in ihrem Zimmer vergessen. Das Missgeschick war am Morgen passiert, aber sie bemerkte es erst um 19 Uhr, nach dem Kurs in organischer Chemie, als sie in ihren Spind schaute und feststellte, dass das Buch nicht da war.
Sie hatte am nächsten Tag eine Prüfung. Und sie hatte noch nicht mal einen Blick auf das ganze Zeug geworfen.
Sie überlegte, ob sie Dad anrufen sollte. Vielleicht konnte er das Buch für sie herausschmuggeln. Aber es war schon zu spät. Er würde inzwischen auf dem Weg zur Kirche sein, zu seinem Treffen der Lions of Judah. Vielleicht Jase? Nein, Jase würde es Mom verraten; den hatte sie voll in der Tasche.
Nein, dachte Tara. Was ich tun muss, ist, einfach ins Haus spazieren, absolut fügsam sein und mich unter keinen Umständen von Mom in einen Streit verwickeln lassen, egal, was sie sagt - und dann bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in mein Zimmer verschwinden, bevor die Ziehung stattfindet, bevor sie durchdreht.
Tara ging zum Parkplatz, stieg in ihren verbeulten Geo und verließ den Campus des Coastal Georgia Community College. Bald war sie auf der Robin Road, dann auf der Redwood Road: Straßen, die sie verachtete. Sie hasste alles an ihnen. Sie hasste ihre langweiligen Namen, ihre öden Rasenflächen und die Reihen von gedrungenen Ziegelhäusern im Ranchstil. Ihres war das am meisten gedrungene und ziegelige von allen, in einer Straße namens Oriole Road. Als sie dort ankam, verlangsamte sie auf Schritttempo und blickte zum Wohnzimmerfenster hinein. Mom, der Fernseher. Das Gemälde von Don Quichotte, wie er sich den Windmühlen entgegenstemmt. Das Holzregal mit Dads Modellen des Chevy Number 3 und Moms Hummelpuppen. Jases Beine ragten über das Ende der Couch. Alles, was Tara an ihrem Zuhause verachtete, leuchtete hier warm wie ein Werbespot für niedrige Baudarlehen oder Ungezieferbekämpfung, und es war ein derart deprimierendes Schauspiel, dass sie Clio anrufen und ihr davon erzählen musste.
'Ich spioniere mein eigenes Haus aus.'
'Das ist aber nun wirklich ein bisschen pervers', sagte Clio.
'Es ist ein echt hässliches Haus.'
'Ich weiß.'
'Ich kann die kleinen, marinierten Schweinsfüße meines Bruders sehen.'
'Okay.'
'Aber ich muss feststellen, wie betrunken Mom ist.'
'Wie betrunken ist sie?'
'Das ist ja das Problem - ich kann es nicht sagen. Ich kann ihre Hände nicht sehen. Ich muss sehen, wie sie ihr Glas hält. Wenn sie das Glas schwenkt und den kleinen Finger dabei abspreizt, sitze ich bereits schwer in der Patsche.'
'Hast du vor hineinzugehen?'
'Ich muss.'
'Aber hat deine Mutter heute nicht ihren Ausrastabend?'
'O ja.'
'Was treibst du dann dort? Komm rüber ins Hauptquartier. Weißt du, wer noch kommt? Dieser Typ von See No Weevil. Jonah. Der Typ, der dich flachlegen will.'
'Das hast du mir schon erzählt, Clio.'
'Dann komm und lass dich flachlegen.'
'Ich habe morgen eine Prüfung in Botanik.'
'Himmel. Du bist so eine fade Streberin.'
'Wieso legst du ihn nicht flach?'
'Also gut. Überredet.'
'Du bist so eine Hurenschlampe.'
'Ich weiß. Hey, ich muss Schluss machen. Falls deine Mutter irgendwas Interessantes tut, wie den Pimmel von deinem kleinen Bruder anfassen oder so, dann sag mir Bescheid.'
'Ich schick dir die Bilder', sagte Tara. 'Du kannst sie ins Netz stellen.' Sie legte auf und fuhr in den Carport.
Sobald sie das Wohnzimmer betrat, fiel Mom über sie her. 'Wo warst du?' Tara zog das Glas zurate und sah, dass es schnell geschwenkt wurde, bei voll abgespreiztem kleinem Finger, was einen harten Abend erahnen ließ.
'In einem Kurs.'
'Du solltest mich anrufen, wenn du so spät noch unterwegs bist.'
Es ist nicht spät, dachte Tara, sagte aber nichts.
Mom bohrte weiter. 'Was für ein Kurs war das?'
'Äh. Organische Chemie.'
'Wozu belegst du das denn?'
Lass gut sein. Das einzige Ziel ist Freiheit. 'Ich weiß nicht, ich schätze, es ist irgendwie eine Voraussetzung, die man braucht.'
'Aber wenn du nur so eine verdammte, du weißt schon, wirst - wieso zwingen sie dich dann, organische Chemie zu belegen?'
Tara zuckte mit den Achseln.
'Sie wollen unser ganzes Geld', sagte Mom, 'und dafür bringen sie euch wertloses Zeug bei.'
Es fiel schwer, das so stehen zu lassen. Insbesondere, da Mom keinen Cent zu ihren Studiengebühren beisteuerte - weil jeder Penny aus Taras Job bei der Bank, plus Hilfe von ihrer Großmutter Nell plus einem kleinen Stipendium stammte. Alles, was sie von ihren Eltern erhielt, waren Unterkunft und Verpflegung, wofür sie allerdings vierhundertfünfzig Dollar im Monat bezahlte, auch das war also kein Geschenk. Es kostete Überwindung, ihr nicht über den Mund zu fahren. Aber was würde es nützen? Vergiss nicht, du willst nichts weiter, als in dein Zimmer kommen. Vergiss nicht, dass diese Frau dasselbe fremde Wesen mit dem Vogelhals ist, das du vor ein paar Augenblicken durch das Fenster beobachtet hast. Tu so, als gäbe es keine familiäre Bindung, als würdest du über allem schweben, als wärst du unsichtbar und könntest jederzeit unbemerkt verschwinden _
'Warte. Setz dich einen Moment zu mir. Die Ziehung kommt gleich.'
'Ich hab morgen eine Prüfung, Mom. Deshalb sollte ich vielleicht
'Weißt du, wie viel diesmal im Jackpot ist?'
Tara schüttelte den Kopf.
'Das kann nicht dein Ernst sein', sagte Mom. 'Du weißt es tatsächlich nicht?'
'Nein, wirklich nicht!'
'Dreihundertachtzehn Millionen Dollar.'
'Wow.'
Die Summe berührte Taras Leben in keinerlei Weise, aber sie dachte, wenn sie genügend Ehrfurcht zeigte, würde Mom sie vielleicht aus ihren Fängen entlassen.
'Wenn man allerdings alles auf einmal nimmt', sagte Mom, 'dann bleiben nach Abzug der Steuern nur noch hundert Millionen und noch was.'
'Oh.'
'So hundertzwanzig und ein paar Zerquetschte. Lohnt kaum die Mühe, was? Würdest du mir das hier nachfüllen? Dann muss ich den kleinen Prinzen hier nicht stören.'
Mom schwenkte ihr Glas.
Im Fernsehen lief Nip/Tuck, keine angemessene Sendung für den zehnjährigen Jase, andererseits sah der Junge gar nicht hin. Er spielte Revenant auf seiner Spielkonsole. Wie üblich sah und hörte er nichts - und Tara ignorierte ihn ihrerseits nur zu gern. Sie ging in die Küche, füllte Moms Glas mit Eis, Gin und Tonic, schnitt eine halbe Limettenscheibe ab und steckte sie dekorativ an den Rand. Sei eifrig bemüht, unterwürfig! Versuch, sie milde zu stimmen! Leiste keinerlei Widerstand!
Aber als sie zurückkam, hielt Mom ein schmales Kuvert mit Fenster in die Höhe, eine Rechnung von einem Kreditkartenunternehmen, und fragte: 'Weißt du, wie ich die bekommen habe? Sie kam direkt ins Büro. Angela hat sie mir gegeben. Ich wusste nicht einmal, dass diese Rechnung existiert. Siebenhundert Dollar. Dein Vater hat nie ein Wort davon gesagt.'
Was war die am wenigsten aufmüpfige Erwiderung? Tara versuchte es mit: 'Wie furchtbar, Mom.'
'Furchtbar? Das ist das Demütigendste, was einem passieren kann. Natürlich macht sich dein Vater keine Sorgen. Dein Vater glaubt, es wird alles gut.'
'Und, ist es etwa nicht so?'
Auweia, das war dämlich. Das war viel zu fröhlich. Mom schlug zu. 'Du kapierst überhaupt nichts, oder? Wir werden zwangsversteigert. Sie werden uns das Haus wegnehmen. Das Haus ist weniger wert als die verdammte Hypothek, und sie werden es uns unter den Füßen wegziehen und den Scheißwagen dazu. Du wirst das Studium abbrechen müssen. Tut mir leid, Schätzchen. Du wirst anfangen müssen, ein bisschen Einkommen zu erwirtschaften.'
'Mom, ich bin ein wenig müde. Macht es dir etwas aus, wenn ich
'Denkst du vielleicht, ich bin nicht müde? Ich bin es so verdammt müde, so arm zu sein, und dass dein Vater die Augen vor allem verschließt und ihr Kinder glaubt, das Ganze ist nur ein schlechter Traum, aus dem wir irgendwann aufwachen! Wir werden al^les verlieren, kapierst du das nicht. Dieses Boot ist dabei zu sinken. Für uns wird es keinen Rettungsschirm geben. Wir gehen unter! Ich meine, Süße, du wirst anfangen müssen zu schwimmen. Du wirst
Aber da ertönte eine Fanfare im Fernsehen, und Mom hörte augenblicklich auf. Sie versetzte Jase einen leichten Schlag, der Junge machte ihr eilig Platz, und sie beugte sich vor, um ihre Flotille von Losen zu überblicken.
'Und nun', verkündete eine düstere Stimme, 'folgt die heutige Ziehung des Max-a-Million-Jackpot. Der Wert des Jackpot beträgt heute ^ dreihundertachtzehn Mill-jonen Dollar.'
Auf dem Bildschirm war niemand zu sehen. Es gab nur diese Stimme, die nach Bestattungsunternehmer klang. Und eine Lostrommel in Form einer Urne, die voller langsam rotierender Plastikkugeln war. Eine von ihnen wirbelte plötzlich in einem Luftstrom nach oben und rollte eine Serpentinenbahn hinunter, ehe sie sich der Kamera präsentierte.
'Die erste Zahl lautet ^ sieben-und-zwanzig!'
'Mhm', murmelte Mom, 'die hätten wir schon mal.' Sie versuchte, gleichgültig zu klingen. Aber ihre Augen waren voller Gier.
Tara stahl sich ein paar Schritte in Richtung Flur.
'Die nächste Zahl ist zweiundvierzig.'
'Na, die hab ich auf jeden Fall', sagte Mom. Jetzt nutzte Tara ihre Chance und glitt geschmeidig aus dem Raum, während Mom zu sehr von den Zahlen benebelt war, die sie beobachten musste.
In ihrem Zimmer schloss sie die Tür und setzte sich an den Laptop auf ihrem Schreibtisch. Clio hatte gerade geschrieben:
'Lernst' du noch, altes Miststück? Glaubst du, Jonah Wrights Sperma hat Heilkräfte? Hilft es einem, Pfunde an Hüfte, Taille und Oberschenkel zu verlieren? Er war aber nicht im Hauptquartier, nur dieser eklige Seth von Jax. Ich hasse Brunswick. Sterbe, wenn ich hier nicht rauskomme.
Tara schrieb zurück:
Hab noch nicht angefangen. Wurde von Mom abgefangen. Sie guckt die Ziehung. In zwanzig Sekunden wird sie verloren haben und wieder durchdrehen.
Und pünktlich ertönte Moms Höllengekreische aus dem Wohnzimmer. Noch schlimmer als sonst. Dann: 'Tara! Ta-ra!' Sie tippte:
Bin gleich zurück ^
Und öffnete die Tür. 'Ja?' 'Tara!'
Heute Abend klang es besonders gequält. Tara ging ins Wohnzimmer zurück und fand ihre Mutter vor dem Fernseher wieder - sie kniete davor, während Jase in einer Ecke kauerte. Mom hatte komplett den Verstand verloren. Ihr
Mund stand offen, sie hielt eins der Lose in die Höhe, und Tränen liefen über ihre Wangen. Doch das war keines der üblichen suffbedingten Schauspiele von Selbstmitleid, das war echte Furcht. 'Gütiger Gott!', schrie sie. Als würde sie sein Antlitz in diesem Augenblick tatsächlich schauen. Sie hielt das Los umklammert und schaukelte vor und zurück. 'Gütiger Gott! Gütiger Gott!'
?OHHERSTAG
SHAW BRIET NACHGERADE BEI lebendigem Leib. Die Klimaanlage in dem 91er Tercel war so schwachbrüstig, dass er das Fenster offen lassen musste, wenn er nicht umkommen wollte. Allerdings war die Luft, die hereinkam, heiß wie ein Düsenstrahl, und er kam trotzdem um. Eine Weile drängte er sich dicht an einen Lkw in der Nachbarspur, nur um den Schatten auszunutzen. Aber der Lastwagen bog zu einer Wiegestation ab, und er war wieder diesem Brutofen ausgesetzt. Er war die ganze Nacht am Steuer gewesen, mit nur einem kurzen Nickerchen an der Raststätte bei Charlotte, und er war bis zur Halskrause vollgepumpt mit Red Bull, Kaffee und Dextrostat. Die Landschaft in Georgia war nichts als Pinien und endloses Highwayband. Außerdem ging ihm Romeos Schlafen auf die Nerven. Romeo hatte seit den Bergen wild und heftig geschlafen: Er schwitzte, schauderte und mahlte manchmal mit den Zähnen, was Shaw beinahe wahnsinnig machte. Es war höchste Zeit, ihn aufzuwecken.
Aber jetzt noch nicht. Keine Stunde mehr bis Florida. Mit der Hitze werde ich schon fertig, dachte er. Es war wieder einmal ein kalter, scheußlicher Frühling in Ohio gewesen: Lass mich auftauen. Sechsundfünfzig Minuten bis Florida, nach meinen Berechnungen. Wenn ich die Hitze und die Langeweile durchstehe und weiter bei einundachtzig Meilen pro Stunde bleibe, sind wir in fünfundfünfzig Minuten und ^ vierzig Sekunden in Florida - mehr oder weniger, und wir können unsere Frühstückspause in Fl^orida machen.
Dann bemerkte er das Ziehen. Ein Vorderreifen hatte zu wenig Luft und zog den Wagen nach rechts. Er glaubte zu wissen, woran es lag. Der linke Vorderreifen hatte ein winziges Loch; Romeo wollte es vor der Reise nachsehen lassen, aber offenbar hatte er es vergessen. Shaw nahm die nächste Ausfahrt. Es gab vier Tankstellen, aber da er nur Luft brauchte, spielte es keine Rolle, welche er ansteuerte; er wählte einfach irgendeine aus. Er fuhr zum Luftschlauch am Rand des Parkplatzes.
Nachdem er den Motor abgestellt hatte, kam es ihm immer noch so vor, als würde die Welt schnell vorbeiziehen.
Er stieg aus, griff nach dem Schlauch und stellte fest, dass die Druckanzeige kaputt war. Er wusste, dass Romeo keine haben würde, und ging in den Laden. Der Laden nannte sich 'Chummy's Gourmet Shoppe', führte aber nur das übliche Junkfoodsortiment. Chips und Salsa, Regale voller Süßigkeiten, eine Wand voll gekühlter Softdrinks. Die Luft war allerdings angenehm kühl. Und das Mädchen hinter dem Ladentisch hatte hübsche, hochstehende Brüste unter dem T-Shirt.
'Hi', sagte es, mit einem kleinen Südstaatenschnalzer am Ende. Sein erstes Südstaatenmädchen. Er hatte schon welche kennengelernt, aber das hier war das erste, das er im Süden traf. Auf ihrem Namensschild stand Cheryl. Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne, um sie zu säubern, und wünschte, er könnte etwas Witziges erwidern. Aber ihm fiel nichts ein.
'Haben Sie so was wie eine Druckluftanzeige?', fragte er. 'Ich muss meine Reifen überprüfen.'
Sie legte einen stark abgenutzten Druckmesser auf die Theke. 'Fahren Sie nicht weg damit.'
'Mach ich nicht.'
Sie lächelte ihn warm an.
Er ging zum Wagen hinaus, kauerte sich neben das linke Vorderrad und bemühte sich, die Radkappen nicht zu berühren. Er las einen Druck von hundertdreiundneunzig Bar ab, was eigentlich gar nicht so niedrig war. Er pumpte ein paar Luftstöße hinein, dann ging er zu den hinteren Reifen, die genau bei zweihundertsieben Bar standen, wie es sein sollte.
Romeos Tür ging auf, und seine Stimme ertönte. 'Was'n los?'
'Der Wagen zieht irgendwie zur Seite.'
'Wo sind wir?'
'Georgia.'
'Die haben uns keinen Scheiß erzählt, was die Hitze angeht, stimmt's?'
Wenn es nicht der Reifendruck ist, grübelte Shaw, dann ist es wahrscheinlich der Gleichlauf. Oder sogar das Achsenlager. Das Achsenlager hoffentlich nicht. Sie hatten zwar vereinbart, die Kosten auf dieser Reise zu teilen, aber er würde verdammt noch mal nicht die Hälfte eines neuen Achsenlagers für Romeos Auto bezahlen. Vielleicht konnten sie es einfach ignorieren. Die Karre im Schongang bis Key West bringen und sie dort verkaufen - der Plan war, auf Fischereibooten anzuheuern, sich bis Trinidad durchzuschlagen und nie mehr zu ihren Zombie-Jobs bei Dayton Techworld zurückzukehren.
Er überprüfte den rechten vorderen Reifen und dachte wieder an die Kassiererin. Wenigstens hatte er jetzt einen Einstieg bei ihr. Er würde ihr den Druckmesser zurückgeben und sagen: 'Die Reifen waren in Ordnung. Vermutlich hat mein Wagen einfach gezogen, weil er wollte, dass ich hier hereinkomme.' Sollte er es so stehen lassen? Subtil, geheimnisvoll? Oder sollte er erklären, dass unter der Erde Kraftlinien verlaufen, sogenannte Ley-Linien, und Wirbel, wo sie sich kreuzten, und dass diese Wirbel wie riesige Magnete wirken konnten? Hm. Das käme ihr möglicherweise zu verrückt vor.
Vielleicht sollte er einfach sagen: 'Mein Auto mag Blondinen.'
Himmel. Ja. Er war Tausende Meilen von Piqua, Ohio, entfernt, und hier war niemand außer Romeo, der ihn verurteilen konnte, und Romeos Urteil zählte nicht. Wieso also nicht den Mantel der Unsichtbarkeit tragen und sagen, was ihm in den Sinn kam?
ROMEO FUHR IM DIFFUSEN Dämmerlicht von den Blue Ridge Mountains herunter, und er war zu schnell dran, als ihm ein Waschbär oder ein Opossum frontal ins Auto lief. Der Aufprall war erschreckend sanft. Kein Schlag - nur ein Geräusch unter der Karosserie, als würde ein Reißverschluss geöffnet. Dennoch ging es Romeo ans Herz. Er bremste und hielt am Straßenrand.
Shaw wachte auf. 'Was ist los?'
'Ich hab irgendwas überfahren', sagte Romeo, stieg aus und ging die I-77 zurück, um nach dem Kadaver Ausschau zu halten. Shaw folgte ihm. Ein Sattelschlepper raste den Berg herunter, sie spürten seine Druckwelle und hörten den tiefer werdenden Sound, als er an ihnen vorbeirauschte. Dann war es still. Sie konnten ihre eigenen Schritte hören. Zikaden und ein paar Akkorde Honkytonk-Musik in der Ferne. 'Mann', sagte Shaw. 'Hörst du das. Wir sind verdammt noch mal tatsächlich im Süden.'
Aber sie fanden keine Spur von dem Tier.
Sie liefen ein Stück weit und warteten auf Scheinwerfer, damit sie den Highway in beide Richtungen überblicken konnten. Schließlich gingen sie zurück und suchten das Bankett ab. Nichts - noch nicht einmal ein Blutfleck. Dann blieb Romeo ratlos stehen und sah den Glühwürmchen zu, die auf und ab schwirrten.
'Hey', sagte Shaw, 'dein Freund hat wohl noch mal Glück gehabt.'
'Nee, nee. Ich hab ihn überfahren.'
'Na ja, vielleicht war es eine Art Opfer', sagte Shaw leichthin. 'Vielleicht sollte es unsere Reise günstig beeinflussen.'
Als sie zu dem Toyota Tercel zurückkamen, meinte Shaw, er sei jetzt wach und könne fahren. Romeo hatte nichts dagegen. Er stieg auf der Beifahrerseite ein, und sie fuhren ins Flachland von North Carolina hinunter. Er hatte einen Druck auf den Ohren, und die Luftfeuchtigkeit nahm zu. Romeo kippte seinen Sitz so weit nach hinten, wie es ging, und sah zum Mond hinauf. Irgendwo hinter Elkin, NC, ließ er die Augen nur für einen Moment zufallen; der Highway begann sich unter ihm zu wölben, und er glitt langsam wie auf einer Spirale abwärts, in einen bodenlos tiefen Schlaf.
AN MITTWOCHABENDEN hielt sich Tara vom Haus fern.
Mittwochabend war Jackpotabend. Mom begann dann schon früh zu trinken. Sie goss sich ein Glas Gin Tonic ein, breitete alle ihre Lotterielose vor sich auf dem Kaffeetisch aus und betrachtete sie liebevoll; sie berührte sie ein nach dem anderen und fragte sich, welches wohl das eine sein würde. Der Fernseher lief, aber Mom beachtete ihn nicht. Alle ihre Gedanken waren bei dem angenehmen Leben, das vor ihr lag. Jachten, Badekuren in Arizona, strahlend weiße Dörfer in Griechenland, der unstillbare Neid ihrer Freundinnen. Sie trank ihren ersten Drink aus und machte sich einen neuen. Ihr Sohn Jase - Taras kleiner Bruder - bettete seinen Kopf auf ihren Schoß und spielte auf seiner Konsole. Sie zerzauste sein Haar und schwenkte das Eis in ihrem Drink. Irgendwann begannen die Farben des schwindenden Tages, die Farben des Fernsehgeräts und alle Farben ihres Lebens besonders lebhaft, sogar prächtig zu wirken, und sie sagte sich, dass keine Frau auf Erden so gesegnet war wie sie. Dann griff sie zu ihrem Handy und schickte eine SMS an ihre Tochter:
Ich weiß, wir gewinnen heute Abend!! Oder:
Ich brauch dich! Tara, Schatz!! Mein Glücksbringer! Wo
bist du? Komm nach Hause!!
Aber Tara wusste, das waren Sirenengesänge. Sie musste taub gegenüber ihnen bleiben. Noch spät in der Bibliothek lernen, ins Kino gehen, sich mit Clio im Einkaufszentrum herumtreiben - sich auf jeden Fall vom Haus fernhalten, bis der Jackpot gezogen war und Dad nach Hause kam, um den größten Teil von Moms betrunkener Tirade nach der Ziehung abzubekommen. Gegen Mitternacht hatten sich ihre Wut und ihr Schmerz dann für gewöhnlich erschöpft, und die Luft war rein.
Doch an diesem Mittwoch war Tara ein Fehler unterlaufen. Sie hatte ihr Botaniklehrbuch mit sämtlichen Handouts in ihrem Zimmer vergessen. Das Missgeschick war am Morgen passiert, aber sie bemerkte es erst um 19 Uhr, nach dem Kurs in organischer Chemie, als sie in ihren Spind schaute und feststellte, dass das Buch nicht da war.
Sie hatte am nächsten Tag eine Prüfung. Und sie hatte noch nicht mal einen Blick auf das ganze Zeug geworfen.
Sie überlegte, ob sie Dad anrufen sollte. Vielleicht konnte er das Buch für sie herausschmuggeln. Aber es war schon zu spät. Er würde inzwischen auf dem Weg zur Kirche sein, zu seinem Treffen der Lions of Judah. Vielleicht Jase? Nein, Jase würde es Mom verraten; den hatte sie voll in der Tasche.
Nein, dachte Tara. Was ich tun muss, ist, einfach ins Haus spazieren, absolut fügsam sein und mich unter keinen Umständen von Mom in einen Streit verwickeln lassen, egal, was sie sagt - und dann bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in mein Zimmer verschwinden, bevor die Ziehung stattfindet, bevor sie durchdreht.
Tara ging zum Parkplatz, stieg in ihren verbeulten Geo und verließ den Campus des Coastal Georgia Community College. Bald war sie auf der Robin Road, dann auf der Redwood Road: Straßen, die sie verachtete. Sie hasste alles an ihnen. Sie hasste ihre langweiligen Namen, ihre öden Rasenflächen und die Reihen von gedrungenen Ziegelhäusern im Ranchstil. Ihres war das am meisten gedrungene und ziegelige von allen, in einer Straße namens Oriole Road. Als sie dort ankam, verlangsamte sie auf Schritttempo und blickte zum Wohnzimmerfenster hinein. Mom, der Fernseher. Das Gemälde von Don Quichotte, wie er sich den Windmühlen entgegenstemmt. Das Holzregal mit Dads Modellen des Chevy Number 3 und Moms Hummelpuppen. Jases Beine ragten über das Ende der Couch. Alles, was Tara an ihrem Zuhause verachtete, leuchtete hier warm wie ein Werbespot für niedrige Baudarlehen oder Ungezieferbekämpfung, und es war ein derart deprimierendes Schauspiel, dass sie Clio anrufen und ihr davon erzählen musste.
'Ich spioniere mein eigenes Haus aus.'
'Das ist aber nun wirklich ein bisschen pervers', sagte Clio.
'Es ist ein echt hässliches Haus.'
'Ich weiß.'
'Ich kann die kleinen, marinierten Schweinsfüße meines Bruders sehen.'
'Okay.'
'Aber ich muss feststellen, wie betrunken Mom ist.'
'Wie betrunken ist sie?'
'Das ist ja das Problem - ich kann es nicht sagen. Ich kann ihre Hände nicht sehen. Ich muss sehen, wie sie ihr Glas hält. Wenn sie das Glas schwenkt und den kleinen Finger dabei abspreizt, sitze ich bereits schwer in der Patsche.'
'Hast du vor hineinzugehen?'
'Ich muss.'
'Aber hat deine Mutter heute nicht ihren Ausrastabend?'
'O ja.'
'Was treibst du dann dort? Komm rüber ins Hauptquartier. Weißt du, wer noch kommt? Dieser Typ von See No Weevil. Jonah. Der Typ, der dich flachlegen will.'
'Das hast du mir schon erzählt, Clio.'
'Dann komm und lass dich flachlegen.'
'Ich habe morgen eine Prüfung in Botanik.'
'Himmel. Du bist so eine fade Streberin.'
'Wieso legst du ihn nicht flach?'
'Also gut. Überredet.'
'Du bist so eine Hurenschlampe.'
'Ich weiß. Hey, ich muss Schluss machen. Falls deine Mutter irgendwas Interessantes tut, wie den Pimmel von deinem kleinen Bruder anfassen oder so, dann sag mir Bescheid.'
'Ich schick dir die Bilder', sagte Tara. 'Du kannst sie ins Netz stellen.' Sie legte auf und fuhr in den Carport.
Sobald sie das Wohnzimmer betrat, fiel Mom über sie her. 'Wo warst du?' Tara zog das Glas zurate und sah, dass es schnell geschwenkt wurde, bei voll abgespreiztem kleinem Finger, was einen harten Abend erahnen ließ.
'In einem Kurs.'
'Du solltest mich anrufen, wenn du so spät noch unterwegs bist.'
Es ist nicht spät, dachte Tara, sagte aber nichts.
Mom bohrte weiter. 'Was für ein Kurs war das?'
'Äh. Organische Chemie.'
'Wozu belegst du das denn?'
Lass gut sein. Das einzige Ziel ist Freiheit. 'Ich weiß nicht, ich schätze, es ist irgendwie eine Voraussetzung, die man braucht.'
'Aber wenn du nur so eine verdammte, du weißt schon, wirst - wieso zwingen sie dich dann, organische Chemie zu belegen?'
Tara zuckte mit den Achseln.
'Sie wollen unser ganzes Geld', sagte Mom, 'und dafür bringen sie euch wertloses Zeug bei.'
Es fiel schwer, das so stehen zu lassen. Insbesondere, da Mom keinen Cent zu ihren Studiengebühren beisteuerte - weil jeder Penny aus Taras Job bei der Bank, plus Hilfe von ihrer Großmutter Nell plus einem kleinen Stipendium stammte. Alles, was sie von ihren Eltern erhielt, waren Unterkunft und Verpflegung, wofür sie allerdings vierhundertfünfzig Dollar im Monat bezahlte, auch das war also kein Geschenk. Es kostete Überwindung, ihr nicht über den Mund zu fahren. Aber was würde es nützen? Vergiss nicht, du willst nichts weiter, als in dein Zimmer kommen. Vergiss nicht, dass diese Frau dasselbe fremde Wesen mit dem Vogelhals ist, das du vor ein paar Augenblicken durch das Fenster beobachtet hast. Tu so, als gäbe es keine familiäre Bindung, als würdest du über allem schweben, als wärst du unsichtbar und könntest jederzeit unbemerkt verschwinden _
'Warte. Setz dich einen Moment zu mir. Die Ziehung kommt gleich.'
'Ich hab morgen eine Prüfung, Mom. Deshalb sollte ich vielleicht
'Weißt du, wie viel diesmal im Jackpot ist?'
Tara schüttelte den Kopf.
'Das kann nicht dein Ernst sein', sagte Mom. 'Du weißt es tatsächlich nicht?'
'Nein, wirklich nicht!'
'Dreihundertachtzehn Millionen Dollar.'
'Wow.'
Die Summe berührte Taras Leben in keinerlei Weise, aber sie dachte, wenn sie genügend Ehrfurcht zeigte, würde Mom sie vielleicht aus ihren Fängen entlassen.
'Wenn man allerdings alles auf einmal nimmt', sagte Mom, 'dann bleiben nach Abzug der Steuern nur noch hundert Millionen und noch was.'
'Oh.'
'So hundertzwanzig und ein paar Zerquetschte. Lohnt kaum die Mühe, was? Würdest du mir das hier nachfüllen? Dann muss ich den kleinen Prinzen hier nicht stören.'
Mom schwenkte ihr Glas.
Im Fernsehen lief Nip/Tuck, keine angemessene Sendung für den zehnjährigen Jase, andererseits sah der Junge gar nicht hin. Er spielte Revenant auf seiner Spielkonsole. Wie üblich sah und hörte er nichts - und Tara ignorierte ihn ihrerseits nur zu gern. Sie ging in die Küche, füllte Moms Glas mit Eis, Gin und Tonic, schnitt eine halbe Limettenscheibe ab und steckte sie dekorativ an den Rand. Sei eifrig bemüht, unterwürfig! Versuch, sie milde zu stimmen! Leiste keinerlei Widerstand!
Aber als sie zurückkam, hielt Mom ein schmales Kuvert mit Fenster in die Höhe, eine Rechnung von einem Kreditkartenunternehmen, und fragte: 'Weißt du, wie ich die bekommen habe? Sie kam direkt ins Büro. Angela hat sie mir gegeben. Ich wusste nicht einmal, dass diese Rechnung existiert. Siebenhundert Dollar. Dein Vater hat nie ein Wort davon gesagt.'
Was war die am wenigsten aufmüpfige Erwiderung? Tara versuchte es mit: 'Wie furchtbar, Mom.'
'Furchtbar? Das ist das Demütigendste, was einem passieren kann. Natürlich macht sich dein Vater keine Sorgen. Dein Vater glaubt, es wird alles gut.'
'Und, ist es etwa nicht so?'
Auweia, das war dämlich. Das war viel zu fröhlich. Mom schlug zu. 'Du kapierst überhaupt nichts, oder? Wir werden zwangsversteigert. Sie werden uns das Haus wegnehmen. Das Haus ist weniger wert als die verdammte Hypothek, und sie werden es uns unter den Füßen wegziehen und den Scheißwagen dazu. Du wirst das Studium abbrechen müssen. Tut mir leid, Schätzchen. Du wirst anfangen müssen, ein bisschen Einkommen zu erwirtschaften.'
'Mom, ich bin ein wenig müde. Macht es dir etwas aus, wenn ich
'Denkst du vielleicht, ich bin nicht müde? Ich bin es so verdammt müde, so arm zu sein, und dass dein Vater die Augen vor allem verschließt und ihr Kinder glaubt, das Ganze ist nur ein schlechter Traum, aus dem wir irgendwann aufwachen! Wir werden al^les verlieren, kapierst du das nicht. Dieses Boot ist dabei zu sinken. Für uns wird es keinen Rettungsschirm geben. Wir gehen unter! Ich meine, Süße, du wirst anfangen müssen zu schwimmen. Du wirst
Aber da ertönte eine Fanfare im Fernsehen, und Mom hörte augenblicklich auf. Sie versetzte Jase einen leichten Schlag, der Junge machte ihr eilig Platz, und sie beugte sich vor, um ihre Flotille von Losen zu überblicken.
'Und nun', verkündete eine düstere Stimme, 'folgt die heutige Ziehung des Max-a-Million-Jackpot. Der Wert des Jackpot beträgt heute ^ dreihundertachtzehn Mill-jonen Dollar.'
Auf dem Bildschirm war niemand zu sehen. Es gab nur diese Stimme, die nach Bestattungsunternehmer klang. Und eine Lostrommel in Form einer Urne, die voller langsam rotierender Plastikkugeln war. Eine von ihnen wirbelte plötzlich in einem Luftstrom nach oben und rollte eine Serpentinenbahn hinunter, ehe sie sich der Kamera präsentierte.
'Die erste Zahl lautet ^ sieben-und-zwanzig!'
'Mhm', murmelte Mom, 'die hätten wir schon mal.' Sie versuchte, gleichgültig zu klingen. Aber ihre Augen waren voller Gier.
Tara stahl sich ein paar Schritte in Richtung Flur.
'Die nächste Zahl ist zweiundvierzig.'
'Na, die hab ich auf jeden Fall', sagte Mom. Jetzt nutzte Tara ihre Chance und glitt geschmeidig aus dem Raum, während Mom zu sehr von den Zahlen benebelt war, die sie beobachten musste.
In ihrem Zimmer schloss sie die Tür und setzte sich an den Laptop auf ihrem Schreibtisch. Clio hatte gerade geschrieben:
'Lernst' du noch, altes Miststück? Glaubst du, Jonah Wrights Sperma hat Heilkräfte? Hilft es einem, Pfunde an Hüfte, Taille und Oberschenkel zu verlieren? Er war aber nicht im Hauptquartier, nur dieser eklige Seth von Jax. Ich hasse Brunswick. Sterbe, wenn ich hier nicht rauskomme.
Tara schrieb zurück:
Hab noch nicht angefangen. Wurde von Mom abgefangen. Sie guckt die Ziehung. In zwanzig Sekunden wird sie verloren haben und wieder durchdrehen.
Und pünktlich ertönte Moms Höllengekreische aus dem Wohnzimmer. Noch schlimmer als sonst. Dann: 'Tara! Ta-ra!' Sie tippte:
Bin gleich zurück ^
Und öffnete die Tür. 'Ja?' 'Tara!'
Heute Abend klang es besonders gequält. Tara ging ins Wohnzimmer zurück und fand ihre Mutter vor dem Fernseher wieder - sie kniete davor, während Jase in einer Ecke kauerte. Mom hatte komplett den Verstand verloren. Ihr
Mund stand offen, sie hielt eins der Lose in die Höhe, und Tränen liefen über ihre Wangen. Doch das war keines der üblichen suffbedingten Schauspiele von Selbstmitleid, das war echte Furcht. 'Gütiger Gott!', schrie sie. Als würde sie sein Antlitz in diesem Augenblick tatsächlich schauen. Sie hielt das Los umklammert und schaukelte vor und zurück. 'Gütiger Gott! Gütiger Gott!'
?OHHERSTAG
SHAW BRIET NACHGERADE BEI lebendigem Leib. Die Klimaanlage in dem 91er Tercel war so schwachbrüstig, dass er das Fenster offen lassen musste, wenn er nicht umkommen wollte. Allerdings war die Luft, die hereinkam, heiß wie ein Düsenstrahl, und er kam trotzdem um. Eine Weile drängte er sich dicht an einen Lkw in der Nachbarspur, nur um den Schatten auszunutzen. Aber der Lastwagen bog zu einer Wiegestation ab, und er war wieder diesem Brutofen ausgesetzt. Er war die ganze Nacht am Steuer gewesen, mit nur einem kurzen Nickerchen an der Raststätte bei Charlotte, und er war bis zur Halskrause vollgepumpt mit Red Bull, Kaffee und Dextrostat. Die Landschaft in Georgia war nichts als Pinien und endloses Highwayband. Außerdem ging ihm Romeos Schlafen auf die Nerven. Romeo hatte seit den Bergen wild und heftig geschlafen: Er schwitzte, schauderte und mahlte manchmal mit den Zähnen, was Shaw beinahe wahnsinnig machte. Es war höchste Zeit, ihn aufzuwecken.
Aber jetzt noch nicht. Keine Stunde mehr bis Florida. Mit der Hitze werde ich schon fertig, dachte er. Es war wieder einmal ein kalter, scheußlicher Frühling in Ohio gewesen: Lass mich auftauen. Sechsundfünfzig Minuten bis Florida, nach meinen Berechnungen. Wenn ich die Hitze und die Langeweile durchstehe und weiter bei einundachtzig Meilen pro Stunde bleibe, sind wir in fünfundfünfzig Minuten und ^ vierzig Sekunden in Florida - mehr oder weniger, und wir können unsere Frühstückspause in Fl^orida machen.
Dann bemerkte er das Ziehen. Ein Vorderreifen hatte zu wenig Luft und zog den Wagen nach rechts. Er glaubte zu wissen, woran es lag. Der linke Vorderreifen hatte ein winziges Loch; Romeo wollte es vor der Reise nachsehen lassen, aber offenbar hatte er es vergessen. Shaw nahm die nächste Ausfahrt. Es gab vier Tankstellen, aber da er nur Luft brauchte, spielte es keine Rolle, welche er ansteuerte; er wählte einfach irgendeine aus. Er fuhr zum Luftschlauch am Rand des Parkplatzes.
Nachdem er den Motor abgestellt hatte, kam es ihm immer noch so vor, als würde die Welt schnell vorbeiziehen.
Er stieg aus, griff nach dem Schlauch und stellte fest, dass die Druckanzeige kaputt war. Er wusste, dass Romeo keine haben würde, und ging in den Laden. Der Laden nannte sich 'Chummy's Gourmet Shoppe', führte aber nur das übliche Junkfoodsortiment. Chips und Salsa, Regale voller Süßigkeiten, eine Wand voll gekühlter Softdrinks. Die Luft war allerdings angenehm kühl. Und das Mädchen hinter dem Ladentisch hatte hübsche, hochstehende Brüste unter dem T-Shirt.
'Hi', sagte es, mit einem kleinen Südstaatenschnalzer am Ende. Sein erstes Südstaatenmädchen. Er hatte schon welche kennengelernt, aber das hier war das erste, das er im Süden traf. Auf ihrem Namensschild stand Cheryl. Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne, um sie zu säubern, und wünschte, er könnte etwas Witziges erwidern. Aber ihm fiel nichts ein.
'Haben Sie so was wie eine Druckluftanzeige?', fragte er. 'Ich muss meine Reifen überprüfen.'
Sie legte einen stark abgenutzten Druckmesser auf die Theke. 'Fahren Sie nicht weg damit.'
'Mach ich nicht.'
Sie lächelte ihn warm an.
Er ging zum Wagen hinaus, kauerte sich neben das linke Vorderrad und bemühte sich, die Radkappen nicht zu berühren. Er las einen Druck von hundertdreiundneunzig Bar ab, was eigentlich gar nicht so niedrig war. Er pumpte ein paar Luftstöße hinein, dann ging er zu den hinteren Reifen, die genau bei zweihundertsieben Bar standen, wie es sein sollte.
Romeos Tür ging auf, und seine Stimme ertönte. 'Was'n los?'
'Der Wagen zieht irgendwie zur Seite.'
'Wo sind wir?'
'Georgia.'
'Die haben uns keinen Scheiß erzählt, was die Hitze angeht, stimmt's?'
Wenn es nicht der Reifendruck ist, grübelte Shaw, dann ist es wahrscheinlich der Gleichlauf. Oder sogar das Achsenlager. Das Achsenlager hoffentlich nicht. Sie hatten zwar vereinbart, die Kosten auf dieser Reise zu teilen, aber er würde verdammt noch mal nicht die Hälfte eines neuen Achsenlagers für Romeos Auto bezahlen. Vielleicht konnten sie es einfach ignorieren. Die Karre im Schongang bis Key West bringen und sie dort verkaufen - der Plan war, auf Fischereibooten anzuheuern, sich bis Trinidad durchzuschlagen und nie mehr zu ihren Zombie-Jobs bei Dayton Techworld zurückzukehren.
Er überprüfte den rechten vorderen Reifen und dachte wieder an die Kassiererin. Wenigstens hatte er jetzt einen Einstieg bei ihr. Er würde ihr den Druckmesser zurückgeben und sagen: 'Die Reifen waren in Ordnung. Vermutlich hat mein Wagen einfach gezogen, weil er wollte, dass ich hier hereinkomme.' Sollte er es so stehen lassen? Subtil, geheimnisvoll? Oder sollte er erklären, dass unter der Erde Kraftlinien verlaufen, sogenannte Ley-Linien, und Wirbel, wo sie sich kreuzten, und dass diese Wirbel wie riesige Magnete wirken konnten? Hm. Das käme ihr möglicherweise zu verrückt vor.
Vielleicht sollte er einfach sagen: 'Mein Auto mag Blondinen.'
Himmel. Ja. Er war Tausende Meilen von Piqua, Ohio, entfernt, und hier war niemand außer Romeo, der ihn verurteilen konnte, und Romeos Urteil zählte nicht. Wieso also nicht den Mantel der Unsichtbarkeit tragen und sagen, was ihm in den Sinn kam?