Ballroom
Gay Historical Romance
Carol Grayson(Author)
Michaela Nelamischkies(Editor)
Fantasy Welt Zone (Publisher)
1st Edition
Published on 5. January 2012
Book
Paperback/Softback
108 pages
978-3-942539-84-5 (ISBN)
Description
Berlin zu Anfang des zweiten Weltkrieges. Liebe auf den ersten Blick. Ein deutscher Offizier der Luftwaffe und ein französischer Gigolo treffen sich in einem Tanzlokal in der Hauptstadt Berlin. Aber alles spricht gegen die Beziehung von Claude Duval und Ullrich von Eisenau. Die Zeit, das Regime und der Krieg. Tod und Intrigen bedrohen nicht nur ihre Liebe, sondern auch Claudes Freunde und Kollegen. Ullrich ist vielleicht der einzige Weg in die Freiheit, aber würde er für sie ein solches Wagnis auf sich nehmen?
More details
Edition
1., Auflage
Language
German
Place of publication
Germany
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-942539-84-5 (9783942539845)
Schweitzer Classification
Persons
Die Autorin und Musikverlegerin Carola Kickers lebt in Kempen am Niederrhein und ist vorwiegend in den Bereichen Mystery und Dark Fantasy tätig. Aber auch Kindergeschichten und der eine oder andere Krimi fließen aus ihrer Feder. Viele ihrer Kurzgeschichten und auch Bücher wurden bislang bei verschiedenen Verlagen und als Hörbücher veröffentlicht. Speziell bei ihren Vampirgeschichten pflegt sie die "Schwarze Romantik". Seit 2010 schreibt unter dem Pseudonym Carol Grayson.
Content
Berlin zu Anfang des zweiten Weltkrieges. Liebe auf den ersten Blick. Ein deutscher Offizier der Luftwaffe und ein französischer Gigolo treffen sich in einem Tanzlokal in der Hauptstadt Berlin. Aber alles spricht gegen die Beziehung von Claude Duval und Ullrich von Eisenau. Die Zeit, das Regime und der Krieg. Tod und Intrigen bedrohen nicht nur ihre Liebe, sondern auch Claudes Freunde und Kollegen. Ullrich ist vielleicht der einzige Weg in die Freiheit, aber würde er für sie ein solches Wagnis auf sich nehmen?
Prolog
Berlin, Silvester 1938
Ich erinnere mich noch als wäre es erst gestern gewesen:
Das letzte friedvolle Silvesterfest. Es schneite in dicken Flocken. Ganz Berlin war in den weißen Zuckerguss des Winters getaucht. Überall wurde gelacht und getanzt. Man trug elegante Kleider. Gläser klirrten und protesteten einander hoffnungsvoll zu.
Die Kapelle spielte "Küss mich, bitte, bitte, küss mich" bereits das dritte Mal an diesem Abend. Wenn sie Pause machte, drehte sich eine Schellack-Platte auf dem Grammophonteller. Doch das schien keinen der Gäste zu stören. Berlin tanzte an diesem Abend wie an vielen anderen, während über dem ganzen Land dunkle Wolken heraufzogen. Wolken, die niemand sehen wollte. Die bunten Lichter der Hauptstadt dagegen, die Busse voller Touristen, von denen sich einige auch in unser Lokal verirrten, das war der Rhythmus, der die aufkeimende Unruhe überdeckte. Die große Stadt schien am Tage zu hyperventilieren, als wollte sie den politischen braunen Keim, der in ihr gärte, ausspeien. Aber das samtene blaue Tuch der Nacht milderte das drohende Unheil und die bunten Lichter lockten Berliner wie Touristen in die zahllosen Vergnügungsstätten.
Eine davon war unser "Le Chalet", ein exklusives Etablissement in Berlin-Charlottenburg und das älteste seiner Art. Alle waren sie willkommen hier: Ältere Damen suchten in den Armen der eleganten Eintänzer ebenso Zuflucht wie graumelierte Herren die Gesellschaft der charmanten Frolleins, zu denen übrigens auch ich gehörte. Die meisten einsamen Menschen verschlug es nach einem Kino- oder Theaterbesuch in einen der Ballrooms, um sich ein paar vergnügte Stunden zu erkaufen. Viele von ihnen wurden über die Jahre hinweg zu Stammgästen. Oh, wir hatten viele Stammgäste, sogar bekannte Leute aus Film und Fernsehen. Natürlich durften wir nicht darüber sprechen. Nicht einmal, wenn wir nicht im "Dienst" waren. In dieser Hinsicht war unser Chef sehr penibel.
Wir, das waren Rudi, Elfie, Lilly, Claude und ich, Marlene. Allesamt gestrandete Existenzen im wilden Strudel der Hauptstadt. Jeder von uns hatte versucht, hier irgendwie Fuß zu fassen und jeder von uns war an diesem Versuch gescheitert. Lilly, die ehemalige Schauspielerin, der ein Mann das Herz gebrochen hatte und die nun nichts anderes mehr im Kopf hatte, als an allen Männern Rache zu üben. So, wie sie aussah, gelang ihr das jedesmal perfekt: rotes Haar, dunkelblaue Augen und eine Figur wie eine barocke Diva. Genau deshalb bekam sie schon seit langem keine Engagements mehr und musste sich irgendwie über Wasser halten.
Dann waren da noch Elfriede Müller, die vom Hof ihres gewalttätigen Vaters, einem Landwirt in Mecklenburg, ausgerissen war, Rudi Hoffmann, der galante Herzens- und vorbestrafte Taschendieb, der kein Zuhause mehr kannte außer unserem Lokal, Claude Duval, ein sensibler, zerbrechlicher Franzose aus dem Baskenland und nebenbei ein verkannter Maler und ich, Marlene Schmidt, gerade mal neunzehn Jahre alt und Waise. Alle waren wir an den Rand der Gesellschaft gespült worden, planten unsere Zukunft nur noch von Tag zu Tag. Bei Musik und Champagner, in den Armen der zahlenden, mehr oder weniger angenehmen Gäste schwebten wir jeden Abend ab 20 Uhr über die riesige Tanzfläche. Über uns die kristallenen Lüster, deren goldene Lichter unsere Traurigkeit im Herzen übertünchten. Wir alle wollten viel mehr vergessen als unsere Gäste ihren Alltag! Die Hoffnungslosigkeit überdeckten wir mit Make-Up, festlicher Kleidung und einem maskenhaften Lächeln. Alles, was wir hatten, war unser gutes Aussehen.
Aber ich möchte der Geschichte gar nicht vorgreifen, denn es ist gar nicht meine Geschichte, lieber Leser. Es ist die Geschichte von Claude Duval, meinem lieben Freund und Kollegen.
* * *
Zwei Tage nach dem rauschenden Silvesterball in das Jahr 1939 betraten drei schwarzgekleidete Uniformierte mit schweren Stiefeln das "Le Chalet" und klebten überall ihre Pamphlete an. Sie kamen und gingen wieder, ohne ein Wort zu sprechen. Elfie erschienen sie wie die dunkle Vorhut einer noch viel größeren Gefahr. Als sie gegangen waren, winkte sie ihre Kollegen, die an der Theke saßen, zu sich. Dann starrten sie alle gemeinsam fassungslos auf die geschwungenen Zeilen, die wieder eine Verordnung ihres neuen Führers ankündigten:
Von heute an durfte die Kapelle nur noch "deutsche" Lieder spielen. Der so beliebte Swing war von einem Tag auf den anderen verboten worden.
Rudi zündete sich nervös eine Zigarette an. "Das kann ja heiter werden", murmelte er dabei. Elfie starrte angstvoll in die Runde. "Soll das heißen, dass wir jetzt regelmäßig kontrolliert werden?" Sie war ein scheues, blondes Reh, das nichts so sehr fürchtete wie Autoritätspersonen. Das lag wohl an ihrem brutalen Vater, der sie nach dem Tod der Mutter zu allen Arbeiten auf dem Hof gezwungen hatte, um eine Magd einzusparen. Wenn sie ihre Arbeit nicht schaffte, setzte es Schläge. Erst im Ballroom war sie richtig aufgeblüht und genoss die Komplimente der Herren. Soviel Aufmerksamkeit wie hier hatte sie als Kind nie bekommen.
"Möglich", gab Rudi zu. Er sah zu jeder Tages- und Nachtzeit aus wie aus dem Ei gepellt. Immer im gepflegten Anzug, und die Fliege saß niemals schief. Das blonde Haar wurde stets streng mit Pomade gebändigt und die blauen Augen prüften listig wie ein Fuchs die Umgebung auf der Suche nach einem kleinen Profit. Er legte sehr viel Wert auf sein Äußeres und verbrachte mehr Zeit im Bad als seine weiblichen Kollegen. Das verschaffte ihm recht bald die Gunst wohlhabender Damen, die mit ihren Trinkgeldern seine Leidenschaft für Pferdewetten unterstützten.
Der Einzige, der bislang geschwiegen hatte, war der zierliche junge Franzose. Claude Duval hatte mit vierundzwanzig Jahren geglaubt, es hier in Berlin als Künstler zu etwas bringen zu können. Doch die Galerien hatten seine Aquarelle abgelehnt. Zu depressiv, hatten sie gemeint. Aus Geldnot war er hier als Eintänzer gelandet. Heute überlegte er zum ersten Mal, ob er lieber nach Paris hätte gehen sollen. Doch er schwieg. Sein zurückgekämmtes, leicht gewelltes schwarzes Haar glänzte im goldenen Licht des Lokals und das bartlose schmale Gesicht mit den tiefbraunen Augen und den markanten Wangenknochen verzog keine Miene. Dabei sah er so knabenhaft aus, wenn er lachte. Seine Grübchen hatten schon so manches Frauenherz gebrochen. Seit die Nationalsozialisten an der Regierung waren, besaß er als Ausländer den Status einer Duldung hier in Berlin und das auch nur, weil er eine feste Anstellung hatte.
"Ach, was soll´s, gibt doch genug schöne Lieder. Im Grunde kann es uns doch egal sein", maulte die mondäne Lilly. Sie war ein Rasseweib, das mit ausgeprägten Rundungen lockte und so manche müde Männeraugen am Abend zum Glänzen brachte. Sie konnte wirklich eine Hexe sein, was die Herren der Schöpfung anging, aber sie besaß ein Herz aus Gold.
"Was meinst du, Marlene?", fragte sie die zierliche Dunkelhaarige neben sich. Marlene glich von ihrem Typ eher einer kleinen Exotin oder Zigeunerin. Genau das war ihr Manko, denn sie wurde von der Reichsstelle für Sippenforschung als nicht rein arisch eingestuft, damit war sie so etwas wie Freiwild für jeden arischen Mann. Schwarzes Haar floss in weichen Locken auf ihre Schultern, haselnussbraune Augen schauten neugierig in die Welt. Ihre Taille war so schmal, dass ein kräftiger Mann sie mit zwei Händen umfassen konnte. Nur der makellose Teint schimmerte so blass wie der einer Porzellanpuppe, weshalb die Gäste auch oft nach dem "Schneewittchen" fragten. "Keine Ahnung. Was wird der Chef wohl dazu sagen?", erwiderte sie jetzt.
Der Chef des "Le Chalet" hieß Egon Bergmann, ein kräftiger ehemaliger Gastwirt und cleverer Geschäftsmann. Er war mittlerweile Ende Vierzig, hatte zwei Kneipen in den Sand gesetzt und ebenso viele gescheiterte Ehen hinter sich. Dann hatte er von einer Amerikareise diese Idee mit dem "Ballroom" mitgebracht und seitdem florierten seine Geschäfte. Natürlich hatte es bald Nachahmer gegeben. Aber sein Lokal war das älteste hier in der Stadt und das bestbesuchte. Ja, Egon verstand es, Leute zu überzeugen. Egal, ob diese eine Uniform trugen oder nicht. Er war der erste, der sich mit den neuen Regelungen anfreundete. Ob es der Hitlergruß war oder die neue Schanklizenz. Seine Angestellten nannten ihn alle nur den "dicken Egon". Seine Vorliebe für die gutbürgerliche Küche, vor allem die Schweinshaxe, war ihm deutlich anzusehen. Aber auch der dicke Egon, der jetzt aus seinem Büro kam und zu seinen Leuten trat, konnte gegen diese Anordnung nichts tun. Er wollte, dass sein Geschäft weiter so gut lief wie bisher. Also musste er sich mit der neuen Bezirksleitung von Berlin-Charlottenburg gut stehen.
"Kommt schon, Kinder, es gibt noch einiges zu tun. Die Leute wollen doch heute Abend wieder unterhalten werden. Beschränkt euch halt auf die guten alten Standardtänze. Ich werd mit dem Georg sprechen. Wird schon nicht so schlimm werden", versuchte er, die Stimmung der Fünf aufzuheitern. Georg war ihr Kapellmeister, der jeden Abend mit seiner kleinen Truppe für die Unterhaltung sorgte. Auch er würde kaum begeistert sein, sein Repertoire einschränken zu müssen. Die Vier trollten sich schweigend. Jeder von ihnen spürte, dass dies nicht die einzige Änderung im neuen Jahr sein würde.
Bergmann starrte nochmal auf das Pamphlet in DIN-A5-Größe, von dem immer fünf nebeneinander an die edle Wandtäfelung geklebt worden waren, insgesamt fünfzehn hingen jetzt da. "Eines hätte ja wohl auch genügt", knurrte er. "Ihr verschandelt mir ja die Dekoration." Doch er wagte nicht, auch nur ein einziges davon zu entfernen.
An diesem Abend schien trotz der Lichter, des Lachens und des reichlich fließenden Champagners die Fröhlichkeit nicht mehr so echt zu sein wie früher. Vielleicht lag es daran, dass heute weniger Besucher als sonst gekommen waren? Claude, der seine Tanzpartnerin gerade zu ihrem Tisch zurückgebracht hatte, blickte sich verstohlen um.
Als ob man den Clowns Fesseln angelegt hätte, überlegte er, doch dann lächelte er wieder der grauhaarigen, juwelenbehängten Dame zu, die ihm jetzt einen Schein über zwanzig Reichsmark als kleine Anerkennung in die Hand drückte.
"Vielen Dank für den Tanz, junger Mann. Ich hoffe, wir haben bald wieder das Vergnügen." Claude deutete einen Handkuss an.
"Jederzeit, Madame." Sein Deutsch besaß dabei diesen charmanten französischen Akzent, den die "Allemandes" so sehr schätzten. Wenn die wüssten . Claude trug ein Geheimnis in sich. Ein Geheimnis, das es ihm schwer machte, in den Armen einer Frau mehr zu sein als ein Schauspieler.
Berlin, Silvester 1938
Ich erinnere mich noch als wäre es erst gestern gewesen:
Das letzte friedvolle Silvesterfest. Es schneite in dicken Flocken. Ganz Berlin war in den weißen Zuckerguss des Winters getaucht. Überall wurde gelacht und getanzt. Man trug elegante Kleider. Gläser klirrten und protesteten einander hoffnungsvoll zu.
Die Kapelle spielte "Küss mich, bitte, bitte, küss mich" bereits das dritte Mal an diesem Abend. Wenn sie Pause machte, drehte sich eine Schellack-Platte auf dem Grammophonteller. Doch das schien keinen der Gäste zu stören. Berlin tanzte an diesem Abend wie an vielen anderen, während über dem ganzen Land dunkle Wolken heraufzogen. Wolken, die niemand sehen wollte. Die bunten Lichter der Hauptstadt dagegen, die Busse voller Touristen, von denen sich einige auch in unser Lokal verirrten, das war der Rhythmus, der die aufkeimende Unruhe überdeckte. Die große Stadt schien am Tage zu hyperventilieren, als wollte sie den politischen braunen Keim, der in ihr gärte, ausspeien. Aber das samtene blaue Tuch der Nacht milderte das drohende Unheil und die bunten Lichter lockten Berliner wie Touristen in die zahllosen Vergnügungsstätten.
Eine davon war unser "Le Chalet", ein exklusives Etablissement in Berlin-Charlottenburg und das älteste seiner Art. Alle waren sie willkommen hier: Ältere Damen suchten in den Armen der eleganten Eintänzer ebenso Zuflucht wie graumelierte Herren die Gesellschaft der charmanten Frolleins, zu denen übrigens auch ich gehörte. Die meisten einsamen Menschen verschlug es nach einem Kino- oder Theaterbesuch in einen der Ballrooms, um sich ein paar vergnügte Stunden zu erkaufen. Viele von ihnen wurden über die Jahre hinweg zu Stammgästen. Oh, wir hatten viele Stammgäste, sogar bekannte Leute aus Film und Fernsehen. Natürlich durften wir nicht darüber sprechen. Nicht einmal, wenn wir nicht im "Dienst" waren. In dieser Hinsicht war unser Chef sehr penibel.
Wir, das waren Rudi, Elfie, Lilly, Claude und ich, Marlene. Allesamt gestrandete Existenzen im wilden Strudel der Hauptstadt. Jeder von uns hatte versucht, hier irgendwie Fuß zu fassen und jeder von uns war an diesem Versuch gescheitert. Lilly, die ehemalige Schauspielerin, der ein Mann das Herz gebrochen hatte und die nun nichts anderes mehr im Kopf hatte, als an allen Männern Rache zu üben. So, wie sie aussah, gelang ihr das jedesmal perfekt: rotes Haar, dunkelblaue Augen und eine Figur wie eine barocke Diva. Genau deshalb bekam sie schon seit langem keine Engagements mehr und musste sich irgendwie über Wasser halten.
Dann waren da noch Elfriede Müller, die vom Hof ihres gewalttätigen Vaters, einem Landwirt in Mecklenburg, ausgerissen war, Rudi Hoffmann, der galante Herzens- und vorbestrafte Taschendieb, der kein Zuhause mehr kannte außer unserem Lokal, Claude Duval, ein sensibler, zerbrechlicher Franzose aus dem Baskenland und nebenbei ein verkannter Maler und ich, Marlene Schmidt, gerade mal neunzehn Jahre alt und Waise. Alle waren wir an den Rand der Gesellschaft gespült worden, planten unsere Zukunft nur noch von Tag zu Tag. Bei Musik und Champagner, in den Armen der zahlenden, mehr oder weniger angenehmen Gäste schwebten wir jeden Abend ab 20 Uhr über die riesige Tanzfläche. Über uns die kristallenen Lüster, deren goldene Lichter unsere Traurigkeit im Herzen übertünchten. Wir alle wollten viel mehr vergessen als unsere Gäste ihren Alltag! Die Hoffnungslosigkeit überdeckten wir mit Make-Up, festlicher Kleidung und einem maskenhaften Lächeln. Alles, was wir hatten, war unser gutes Aussehen.
Aber ich möchte der Geschichte gar nicht vorgreifen, denn es ist gar nicht meine Geschichte, lieber Leser. Es ist die Geschichte von Claude Duval, meinem lieben Freund und Kollegen.
* * *
Zwei Tage nach dem rauschenden Silvesterball in das Jahr 1939 betraten drei schwarzgekleidete Uniformierte mit schweren Stiefeln das "Le Chalet" und klebten überall ihre Pamphlete an. Sie kamen und gingen wieder, ohne ein Wort zu sprechen. Elfie erschienen sie wie die dunkle Vorhut einer noch viel größeren Gefahr. Als sie gegangen waren, winkte sie ihre Kollegen, die an der Theke saßen, zu sich. Dann starrten sie alle gemeinsam fassungslos auf die geschwungenen Zeilen, die wieder eine Verordnung ihres neuen Führers ankündigten:
Von heute an durfte die Kapelle nur noch "deutsche" Lieder spielen. Der so beliebte Swing war von einem Tag auf den anderen verboten worden.
Rudi zündete sich nervös eine Zigarette an. "Das kann ja heiter werden", murmelte er dabei. Elfie starrte angstvoll in die Runde. "Soll das heißen, dass wir jetzt regelmäßig kontrolliert werden?" Sie war ein scheues, blondes Reh, das nichts so sehr fürchtete wie Autoritätspersonen. Das lag wohl an ihrem brutalen Vater, der sie nach dem Tod der Mutter zu allen Arbeiten auf dem Hof gezwungen hatte, um eine Magd einzusparen. Wenn sie ihre Arbeit nicht schaffte, setzte es Schläge. Erst im Ballroom war sie richtig aufgeblüht und genoss die Komplimente der Herren. Soviel Aufmerksamkeit wie hier hatte sie als Kind nie bekommen.
"Möglich", gab Rudi zu. Er sah zu jeder Tages- und Nachtzeit aus wie aus dem Ei gepellt. Immer im gepflegten Anzug, und die Fliege saß niemals schief. Das blonde Haar wurde stets streng mit Pomade gebändigt und die blauen Augen prüften listig wie ein Fuchs die Umgebung auf der Suche nach einem kleinen Profit. Er legte sehr viel Wert auf sein Äußeres und verbrachte mehr Zeit im Bad als seine weiblichen Kollegen. Das verschaffte ihm recht bald die Gunst wohlhabender Damen, die mit ihren Trinkgeldern seine Leidenschaft für Pferdewetten unterstützten.
Der Einzige, der bislang geschwiegen hatte, war der zierliche junge Franzose. Claude Duval hatte mit vierundzwanzig Jahren geglaubt, es hier in Berlin als Künstler zu etwas bringen zu können. Doch die Galerien hatten seine Aquarelle abgelehnt. Zu depressiv, hatten sie gemeint. Aus Geldnot war er hier als Eintänzer gelandet. Heute überlegte er zum ersten Mal, ob er lieber nach Paris hätte gehen sollen. Doch er schwieg. Sein zurückgekämmtes, leicht gewelltes schwarzes Haar glänzte im goldenen Licht des Lokals und das bartlose schmale Gesicht mit den tiefbraunen Augen und den markanten Wangenknochen verzog keine Miene. Dabei sah er so knabenhaft aus, wenn er lachte. Seine Grübchen hatten schon so manches Frauenherz gebrochen. Seit die Nationalsozialisten an der Regierung waren, besaß er als Ausländer den Status einer Duldung hier in Berlin und das auch nur, weil er eine feste Anstellung hatte.
"Ach, was soll´s, gibt doch genug schöne Lieder. Im Grunde kann es uns doch egal sein", maulte die mondäne Lilly. Sie war ein Rasseweib, das mit ausgeprägten Rundungen lockte und so manche müde Männeraugen am Abend zum Glänzen brachte. Sie konnte wirklich eine Hexe sein, was die Herren der Schöpfung anging, aber sie besaß ein Herz aus Gold.
"Was meinst du, Marlene?", fragte sie die zierliche Dunkelhaarige neben sich. Marlene glich von ihrem Typ eher einer kleinen Exotin oder Zigeunerin. Genau das war ihr Manko, denn sie wurde von der Reichsstelle für Sippenforschung als nicht rein arisch eingestuft, damit war sie so etwas wie Freiwild für jeden arischen Mann. Schwarzes Haar floss in weichen Locken auf ihre Schultern, haselnussbraune Augen schauten neugierig in die Welt. Ihre Taille war so schmal, dass ein kräftiger Mann sie mit zwei Händen umfassen konnte. Nur der makellose Teint schimmerte so blass wie der einer Porzellanpuppe, weshalb die Gäste auch oft nach dem "Schneewittchen" fragten. "Keine Ahnung. Was wird der Chef wohl dazu sagen?", erwiderte sie jetzt.
Der Chef des "Le Chalet" hieß Egon Bergmann, ein kräftiger ehemaliger Gastwirt und cleverer Geschäftsmann. Er war mittlerweile Ende Vierzig, hatte zwei Kneipen in den Sand gesetzt und ebenso viele gescheiterte Ehen hinter sich. Dann hatte er von einer Amerikareise diese Idee mit dem "Ballroom" mitgebracht und seitdem florierten seine Geschäfte. Natürlich hatte es bald Nachahmer gegeben. Aber sein Lokal war das älteste hier in der Stadt und das bestbesuchte. Ja, Egon verstand es, Leute zu überzeugen. Egal, ob diese eine Uniform trugen oder nicht. Er war der erste, der sich mit den neuen Regelungen anfreundete. Ob es der Hitlergruß war oder die neue Schanklizenz. Seine Angestellten nannten ihn alle nur den "dicken Egon". Seine Vorliebe für die gutbürgerliche Küche, vor allem die Schweinshaxe, war ihm deutlich anzusehen. Aber auch der dicke Egon, der jetzt aus seinem Büro kam und zu seinen Leuten trat, konnte gegen diese Anordnung nichts tun. Er wollte, dass sein Geschäft weiter so gut lief wie bisher. Also musste er sich mit der neuen Bezirksleitung von Berlin-Charlottenburg gut stehen.
"Kommt schon, Kinder, es gibt noch einiges zu tun. Die Leute wollen doch heute Abend wieder unterhalten werden. Beschränkt euch halt auf die guten alten Standardtänze. Ich werd mit dem Georg sprechen. Wird schon nicht so schlimm werden", versuchte er, die Stimmung der Fünf aufzuheitern. Georg war ihr Kapellmeister, der jeden Abend mit seiner kleinen Truppe für die Unterhaltung sorgte. Auch er würde kaum begeistert sein, sein Repertoire einschränken zu müssen. Die Vier trollten sich schweigend. Jeder von ihnen spürte, dass dies nicht die einzige Änderung im neuen Jahr sein würde.
Bergmann starrte nochmal auf das Pamphlet in DIN-A5-Größe, von dem immer fünf nebeneinander an die edle Wandtäfelung geklebt worden waren, insgesamt fünfzehn hingen jetzt da. "Eines hätte ja wohl auch genügt", knurrte er. "Ihr verschandelt mir ja die Dekoration." Doch er wagte nicht, auch nur ein einziges davon zu entfernen.
An diesem Abend schien trotz der Lichter, des Lachens und des reichlich fließenden Champagners die Fröhlichkeit nicht mehr so echt zu sein wie früher. Vielleicht lag es daran, dass heute weniger Besucher als sonst gekommen waren? Claude, der seine Tanzpartnerin gerade zu ihrem Tisch zurückgebracht hatte, blickte sich verstohlen um.
Als ob man den Clowns Fesseln angelegt hätte, überlegte er, doch dann lächelte er wieder der grauhaarigen, juwelenbehängten Dame zu, die ihm jetzt einen Schein über zwanzig Reichsmark als kleine Anerkennung in die Hand drückte.
"Vielen Dank für den Tanz, junger Mann. Ich hoffe, wir haben bald wieder das Vergnügen." Claude deutete einen Handkuss an.
"Jederzeit, Madame." Sein Deutsch besaß dabei diesen charmanten französischen Akzent, den die "Allemandes" so sehr schätzten. Wenn die wüssten . Claude trug ein Geheimnis in sich. Ein Geheimnis, das es ihm schwer machte, in den Armen einer Frau mehr zu sein als ein Schauspieler.