Gefasst
Beth Goobie(Author)
CBT (Publisher)
Published on 9. February 2009
Book
Paperback/Softback
128 pages
978-3-570-30527-0 (ISBN)
Description
Kelly wird in eine geschlossene Schule für Mädchen eingewiesen. Langsam lernt sie, dass sie sich ihrer Vergangenheit stellen muss .
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-570-30527-0 (9783570305270)
Schweitzer Classification
Persons
Beth Goobie wurde 1959 im kanadischen Guelph, Ontario geboren. Nach ihrem Highschool-Abschluss studierte sie Psychologie. Sechs Jahre lang arbeitete sie als Psychotherapeutin und half psychisch und sexuell missbrauchten Kindern. Seit 1987 ist sie mehrfach
Content
Ich saß neben meiner Sozialarbeiterin im Auto und starrte aus dem Fenster. Wir hatten die Innenstadt hinter uns gelassen und fuhren auf der Hauptstraße in den Norden von Winnipeg. Ein Laden nach dem anderen glitt vorüber, dann kam ein McDonald's. An einer Bushaltestelle blickte mich eine Frau an und sah dann mit ausdruckslosem Gesicht weg. So war es, wenn man ein Kind im System war. So viele Leute sahen mit höflichem, nichtssagendem Gesichtsausdruck einfach durch einen hindurch. Ich fragte mich dann immer, ob dieses Nichts von mir oder von ihnen kam.
Ich bin fünfzehn Jahre alt und werde in eine geschlossene Anstalt gebracht. Immer wieder ging mir dieser Gedanke durch den Kopf. Draußen tanzten gelbe Blätter über die Straße, wie Traurigkeit, wie Freiheit. Das Auto bog von der Hauptstraße ab und fuhr an ein paar Häusern vorbei. Am Ende der Straße befand sich ein großes schwarzes Eisentor, hinter dem wir auf einem Parkplatz hielten. Auf dem Schild am Tor stand: Marymound Mädchenschule.
Vor zwei Tagen war ich zu einem Treffen hier gewesen. Diesmal sollte ich bleiben. Als sich der Wagen dem Haupteingang näherte, sah ich die Drähte in den Fensterscheiben. Draht im Glas macht es schwerer, die Fenster einzuschlagen und herauszuklettern. Das heißt, man kommt nicht raus - man sitzt fest, wo man ist, bis sich jemand entschließt, einen rauszulassen.
Ich war noch nicht mal drinnen und hatte schon das Gefühl, als würden die Mauern mich ersticken. Panikwellen stiegen in mir auf und ich hatte das Gefühl zu ertrinken. Ich konnte nicht zulassen, dass sie mir das antaten, ich konnte es nicht.
Ich stieß die Wagentür auf, sprang hinaus und rannte zum Tor. Meine Sozialarbeiterin rief hinter mir her, aber ich hörte nur ein dröhnendes Grollen. An der Parkplatzeinfahrt stand das Horrorfilm-Tor noch offen und wartete auf mich.
Ich musste hier weg - ich konnte an nichts anderes denken. Das Tor wurde immer größer und größer und dann war ich hindurch und auf der Straße. Alles in mir spannte sich an und ich rannte so schnell wie mein Herz schlug und noch schneller.
Dann hörte ich Schritte hinter mir. Gorillaschritte - laut und schwer. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, dass es die Schritte eines Mannes waren. Er war direkt hinter mir, und ich gab auf, weil ich wusste, dass Männer stärker und gemeiner sind als Mädchen. Wenigstens das weiß ich. Ich hörte auf zu rennen und die Luft um mich schien stillzustehen. Ich keuchte und versuchte, zu Atem zu kommen, während ich die Straße ohne mich weiterlaufen sah. Die Hand des Mannes berührte meinen Arm - nicht sehr fest, aber spürbar.
'Ich lasse dich eine Minute zu Atem kommen', sagte er.
Ich antwortete nicht. Keuchend stand er da und wartete darauf, dass ich ruhiger atmete. Ich wollte ihn nicht ansehen, starrte auf den Boden und tat so, als läge seine Hand nicht auf meinem Arm. Schließlich sagte er: 'Kelly, ich bin Jim. Ich glaube, wir sollten jetzt umkehren.'
Schweigend gingen wir zurück. Ich trat nach Blättern und betrachtete meine Füße. Sträflingsfüße, dachte ich, als wir durchs Tor kamen. Als wir zum Auto kamen, sah mich meine Sozialarbeiterin böse an.
'Das war nicht sonderlich klug, Kelly Paddik.'
Ich versuchte, sie anzusehen, als hätte ich sie noch nie zuvor gesehen und als ob es mir völlig egal wäre. Innerlich weinte ich - in Händen, Bauch und Beinen.
Ich wandte den Blick vom Gesicht meiner Sozialarbeiterin, und da sah ich die Frau, die neben ihr stand. Obwohl sie keine Haube trug, wusste ich sofort, dass sie eine Nonne war. Sie trug eine hellbraune Uniform und ein kleines Kreuz hing um ihren Hals. Der Anblick einer Nonne erschreckte mich so, dass ich das Gefühl hatte, an Ellbogen und Knien auseinanderzubrechen. In Geschichten und Filmen sind an solchen Orten immer Nonnen. Daran erkennt man, dass man für immer weggesperrt wird.
'Hallo Kelly. Ich bin Schwester Mary.' Sie war so klein, dass sie mir gerade bis zu den Schultern reichte. Und sie war alt - so alt wie eine Großmutter. Wenn das ganze Personal so war, konnte ich leicht weglaufen. Das munterte mich etwas auf, bis mir Jim einfiel.
'Komm mit. Ich zeige dir dein Zimmer', sagte Schwester Mary.
Wie im Hotel, dachte ich.
Jim blieb dicht hinter uns, um zu verhindern, dass ich wieder weglief. Mir war, als müsste ich ihn wie einen Ganzkörperhandschuh mit mir herumtragen. Wahrscheinlich hielt er sich für meinen Bodyguard - ein netter Kerl, der Kelly Paddik vor allem Bösen beschützte. Aber wenn er so nett war, warum waren dann meine Hände schweißfeucht, und warum klopfte mein Herz so? Ich hätte mich am liebsten umgedreht und ihn weggestoßen.
Bevor ich das tun konnte, öffnete Schwester Mary die Eingangstür, und wir betraten das Gebäude. Nach dem hellen Sonnenschein und den flatternden gelben Blättern fand ich es drinnen sehr dunkel. Irgendwo in der Nähe konnte man Mädchenstimmen hören. Wir gingen einen langen Gang entlang und durch eine verschlossene Tür. Dann ging es zwei Treppen hinauf. Ich beobachtete die alte Nonne und wartete darauf, dass sie vor Anstrengung umkippen würde. Aber sie kam nicht mal aus der Puste. Vielleicht machte sie ja Krafttraining.
Am Ende der Treppen bogen wir in einen weiteren Gang ein. Links sah ich ein Büro mit einem großen Fenster mit Drahtgitter. Wahrscheinlich wollte das Personal einen sicheren Rückzugsort haben. Vor uns lag ein großer Raum mit Sofas, einem Fernseher und einer Küchenzeile. Zu beiden Seiten des Raumes gab es fünf Türen. Ein Mädchen pro Zimmer, dachte ich. Macht zehn Mädchen.
Schwester Mary führte mich zur mittleren Tür auf der linken Seite. Sie schloss sie auf und sagte: 'Die Mädchen in dieser Abteilung sind zwischen zwölf und siebzehn Jahre alt, Kelly. Ich bin eure Betreuerin. Wenn du mit mir über irgendetwas sprechen möchtest, sag jemandem vom Personal Bescheid. Das hier ist dein Zimmer.'
Ich betrat den schmalen Raum hinter ihr, gefolgt von Jim. Er war wirklich klein - einmal Niesen und er war voll. Echt, in fünf Schritten war man einmal durch. Und es gab keine Möglichkeit, irgendetwas zu verstecken, außer man schob es in die Lüftungsschlitze der Heizung. Als ich darüber nachdachte, legte Jim meinen Koffer auf das Bett. Dann öffnete er ihn und durchsuchte meine Sachen. Ich spürte, wie eine große Welle des Zorns in mir aufstieg. Aber ich bekam die Wut in den Griff. An solchen Orten muss man das: alles, was man fühlt, unter Verschluss halten. Wenn nicht, verliert man die Beherrschung und wird noch länger eingesperrt. Ich verschließe meine Wut und meine Traurigkeit ganz tief in mir drinnen und lasse mir nichts anmerken. Irgendwann fühlt es sich dann so an, als säße man selbst auf sich drauf - als ob ein großer Hintern auf meinem Kopf säße. Aber wenn ich dann schneller hier rauskam, war das alles, was zählte.
'Da ist keine Bombe drin', murmelte ich.
'Tut mir leid, Kelly, aber wir müssen das tun', erklärte Jim. Dann hielt er meinen Schmusestein hoch.
Ich bin fünfzehn Jahre alt und werde in eine geschlossene Anstalt gebracht. Immer wieder ging mir dieser Gedanke durch den Kopf. Draußen tanzten gelbe Blätter über die Straße, wie Traurigkeit, wie Freiheit. Das Auto bog von der Hauptstraße ab und fuhr an ein paar Häusern vorbei. Am Ende der Straße befand sich ein großes schwarzes Eisentor, hinter dem wir auf einem Parkplatz hielten. Auf dem Schild am Tor stand: Marymound Mädchenschule.
Vor zwei Tagen war ich zu einem Treffen hier gewesen. Diesmal sollte ich bleiben. Als sich der Wagen dem Haupteingang näherte, sah ich die Drähte in den Fensterscheiben. Draht im Glas macht es schwerer, die Fenster einzuschlagen und herauszuklettern. Das heißt, man kommt nicht raus - man sitzt fest, wo man ist, bis sich jemand entschließt, einen rauszulassen.
Ich war noch nicht mal drinnen und hatte schon das Gefühl, als würden die Mauern mich ersticken. Panikwellen stiegen in mir auf und ich hatte das Gefühl zu ertrinken. Ich konnte nicht zulassen, dass sie mir das antaten, ich konnte es nicht.
Ich stieß die Wagentür auf, sprang hinaus und rannte zum Tor. Meine Sozialarbeiterin rief hinter mir her, aber ich hörte nur ein dröhnendes Grollen. An der Parkplatzeinfahrt stand das Horrorfilm-Tor noch offen und wartete auf mich.
Ich musste hier weg - ich konnte an nichts anderes denken. Das Tor wurde immer größer und größer und dann war ich hindurch und auf der Straße. Alles in mir spannte sich an und ich rannte so schnell wie mein Herz schlug und noch schneller.
Dann hörte ich Schritte hinter mir. Gorillaschritte - laut und schwer. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, dass es die Schritte eines Mannes waren. Er war direkt hinter mir, und ich gab auf, weil ich wusste, dass Männer stärker und gemeiner sind als Mädchen. Wenigstens das weiß ich. Ich hörte auf zu rennen und die Luft um mich schien stillzustehen. Ich keuchte und versuchte, zu Atem zu kommen, während ich die Straße ohne mich weiterlaufen sah. Die Hand des Mannes berührte meinen Arm - nicht sehr fest, aber spürbar.
'Ich lasse dich eine Minute zu Atem kommen', sagte er.
Ich antwortete nicht. Keuchend stand er da und wartete darauf, dass ich ruhiger atmete. Ich wollte ihn nicht ansehen, starrte auf den Boden und tat so, als läge seine Hand nicht auf meinem Arm. Schließlich sagte er: 'Kelly, ich bin Jim. Ich glaube, wir sollten jetzt umkehren.'
Schweigend gingen wir zurück. Ich trat nach Blättern und betrachtete meine Füße. Sträflingsfüße, dachte ich, als wir durchs Tor kamen. Als wir zum Auto kamen, sah mich meine Sozialarbeiterin böse an.
'Das war nicht sonderlich klug, Kelly Paddik.'
Ich versuchte, sie anzusehen, als hätte ich sie noch nie zuvor gesehen und als ob es mir völlig egal wäre. Innerlich weinte ich - in Händen, Bauch und Beinen.
Ich wandte den Blick vom Gesicht meiner Sozialarbeiterin, und da sah ich die Frau, die neben ihr stand. Obwohl sie keine Haube trug, wusste ich sofort, dass sie eine Nonne war. Sie trug eine hellbraune Uniform und ein kleines Kreuz hing um ihren Hals. Der Anblick einer Nonne erschreckte mich so, dass ich das Gefühl hatte, an Ellbogen und Knien auseinanderzubrechen. In Geschichten und Filmen sind an solchen Orten immer Nonnen. Daran erkennt man, dass man für immer weggesperrt wird.
'Hallo Kelly. Ich bin Schwester Mary.' Sie war so klein, dass sie mir gerade bis zu den Schultern reichte. Und sie war alt - so alt wie eine Großmutter. Wenn das ganze Personal so war, konnte ich leicht weglaufen. Das munterte mich etwas auf, bis mir Jim einfiel.
'Komm mit. Ich zeige dir dein Zimmer', sagte Schwester Mary.
Wie im Hotel, dachte ich.
Jim blieb dicht hinter uns, um zu verhindern, dass ich wieder weglief. Mir war, als müsste ich ihn wie einen Ganzkörperhandschuh mit mir herumtragen. Wahrscheinlich hielt er sich für meinen Bodyguard - ein netter Kerl, der Kelly Paddik vor allem Bösen beschützte. Aber wenn er so nett war, warum waren dann meine Hände schweißfeucht, und warum klopfte mein Herz so? Ich hätte mich am liebsten umgedreht und ihn weggestoßen.
Bevor ich das tun konnte, öffnete Schwester Mary die Eingangstür, und wir betraten das Gebäude. Nach dem hellen Sonnenschein und den flatternden gelben Blättern fand ich es drinnen sehr dunkel. Irgendwo in der Nähe konnte man Mädchenstimmen hören. Wir gingen einen langen Gang entlang und durch eine verschlossene Tür. Dann ging es zwei Treppen hinauf. Ich beobachtete die alte Nonne und wartete darauf, dass sie vor Anstrengung umkippen würde. Aber sie kam nicht mal aus der Puste. Vielleicht machte sie ja Krafttraining.
Am Ende der Treppen bogen wir in einen weiteren Gang ein. Links sah ich ein Büro mit einem großen Fenster mit Drahtgitter. Wahrscheinlich wollte das Personal einen sicheren Rückzugsort haben. Vor uns lag ein großer Raum mit Sofas, einem Fernseher und einer Küchenzeile. Zu beiden Seiten des Raumes gab es fünf Türen. Ein Mädchen pro Zimmer, dachte ich. Macht zehn Mädchen.
Schwester Mary führte mich zur mittleren Tür auf der linken Seite. Sie schloss sie auf und sagte: 'Die Mädchen in dieser Abteilung sind zwischen zwölf und siebzehn Jahre alt, Kelly. Ich bin eure Betreuerin. Wenn du mit mir über irgendetwas sprechen möchtest, sag jemandem vom Personal Bescheid. Das hier ist dein Zimmer.'
Ich betrat den schmalen Raum hinter ihr, gefolgt von Jim. Er war wirklich klein - einmal Niesen und er war voll. Echt, in fünf Schritten war man einmal durch. Und es gab keine Möglichkeit, irgendetwas zu verstecken, außer man schob es in die Lüftungsschlitze der Heizung. Als ich darüber nachdachte, legte Jim meinen Koffer auf das Bett. Dann öffnete er ihn und durchsuchte meine Sachen. Ich spürte, wie eine große Welle des Zorns in mir aufstieg. Aber ich bekam die Wut in den Griff. An solchen Orten muss man das: alles, was man fühlt, unter Verschluss halten. Wenn nicht, verliert man die Beherrschung und wird noch länger eingesperrt. Ich verschließe meine Wut und meine Traurigkeit ganz tief in mir drinnen und lasse mir nichts anmerken. Irgendwann fühlt es sich dann so an, als säße man selbst auf sich drauf - als ob ein großer Hintern auf meinem Kopf säße. Aber wenn ich dann schneller hier rauskam, war das alles, was zählte.
'Da ist keine Bombe drin', murmelte ich.
'Tut mir leid, Kelly, aber wir müssen das tun', erklärte Jim. Dann hielt er meinen Schmusestein hoch.