
Matthias Claudius oder Leben als Hauptberuf
Reinhard Görisch(Author)
Francke-Buch (Publisher)
1st Edition
Published in September 2014
Book
Hardback
112 pages
978-3-86827-467-7 (ISBN)
Description
Diese Biografie schildert in kompakter Form die Lebensstationen des Dichters und Schriftstellers Matthias Claudius (1740-1815). Hauptthemen seines Werkes werden vorgestellt, in Zitaten kommen er und Zeitgenossen zu Wort. Dabei wird deutlich: Matthias Claudius ist keineswegs nur der Poet biedermeierlicher Gemütlichkeit und sorglos heiterer Familienidyllen. Und er ist mehr als ein fromm-erbaulicher Glaubenszeuge. Diese Biografie zeigt Claudius in der Vielschichtigkeit seiner Persönlichkeit und seines Gesamtwerks. Die Botschaft, die er den Menschen bringen will, ist der christliche Glaube als Lehre und tägliche Praxis, mit Respekt vor anderen Konfessionen und Religionen. Durch seine Werke regt er bis heute dazu an, christliches Leben bewusst zu gestalten, die eigenen Gaben auszuschöpfen und an der Hoffnung über unsere irdische Existenz hinaus festzuhalten.
More details
Edition
1., Auflage
Language
German
Target group
Freunde der Dichtung von Matthias-Claudius
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-86827-467-7 (9783868274677)
Schweitzer Classification
Person
Reinhard Görisch studierte Germanistik und Evangelische Religion in Marburg und Göttingen. Er promovierte zum Dr. phil. mit einer Dissertation über Matthias Claudius, ist Vorsitzender der Claudius-Gesellschaft e.V. und Herausgeber der "Jahresschriften der Claudius-Gesellschaft".
Content
I. Der Lebenslauf
. zu befehlen, wozu ich geschickt sein soll
Im Oktober 1787 schreibt der Dichter Matthias Claudius, 47 Jahre alt, dessen Wohnort Wandsbeck damals auf dänischem Herrschaftsgebiet liegt, einen Brief an den Kronprinzen und Mitregenten von Dänemark, der ihn bei früherer Gelegenheit seines Wohlwollens versichert hatte. Claudius erklärt einleitend, er habe sich "bisher von meiner Hände Arbeit genährt und mich nicht übel dabei befunden"; Erziehung und Unterricht seiner (damals) acht Kinder ließen dafür jedoch immer weniger Zeit, und so wünsche er nun
irgend eine Stelle in des Königs Lande und, wenn es sein könnte, im lieben Holstein. Gnädiger Prinz, ich bitte nicht um eine sehr einträgliche Stelle, sondern nur um eine, die mich nährt, und um so eine bitte ich mit aller Unbefangenheit eines Mannes, der Willens ist, das Brot, das ihm der König gibt, zu verdienen.
Wenn es mir auch erlaubt sein würde, so wüßte ich nicht zu sagen, wozu ich eigentlich geschickt bin, und ich muß Ew. Königl. Hoheit untertänig bitten, daß Sie gnädigst geruhen, ein Machtwort zu sprechen und zu befehlen, wozu ich geschickt sein soll. Ich ersterbe mit den Gesinnungen eines getreuen Untertan / Ew. Königl. Hoheit / untertäniger Matthias Claudius (BrI 360f.).*
Mit Witz versucht Claudius eine arge Verlegenheit seines Bittgesuchs auszubügeln: Er kann nichts vorweisen, was ihn für eine Anstellung besonders empfiehlt, er hat keinen akademischen Grad von der Universität und keinen förmlich gelernten Beruf, und das mit 47 Jahren! Freier Schriftsteller könnte er sich nennen, das war damals noch eine Seltenheit; aber gerade weil dieser "Beruf" ihn und seine Familie nicht ernähren kann, hat er ja ein solches Bittgesuch nötig. Übrigens hilft der dänische Kronprinz: 1788 wird Claudius Bankrevisor in Altona bei festem Gehalt. Diese materielle Existenzgrundlage lässt ihm genügend Muße, denn nur für einige Tage im Jahr muss er jeweils zur Kassenprüfung nach Altona reisen.
Bis 1788 war Claudius auf diversen Posten tätig gewesen und auch berühmt geworden, aber nicht erfolgreich im üblichen Sinn.
Anfangs schwankend, ziellos
Matthias Claudius wird am 15. August 1740 in Reinfeld, einem Ort westlich von Lübeck, als vierter Sohn des dortigen Pastors geboren. Zunächst vom Vater unterrichtet, verlässt er bereits mit 14 oder 15 Jahren das Elternhaus und besucht im nahen Plön die Lateinschule. Von 1759 an studiert er gemeinsam mit seinem Bruder Josias (der in dieser Zeit stirbt) in Jena kurz Theologie, dann aber Wirtschafts- und Staatswissenschaften. Über die Gründe des Wechsels gibt es bloß Vermutungen, er selbst hat sich nie dazu geäußert. Das zweite Studium beendet er im damals üblichen Zeitrahmen ohne Examen, denn "für die Mehrzahl der Studierenden war ein Universitätsbesuch ohne Graduierung die Regel".1 Mit einigem brauchbaren Wissen, aber ohne Berufsaussicht kehrt Claudius 1762 für zwei Jahre zu den Eltern zurück. Brieflich erwägt er zuweilen Tätigkeiten wie Sekretär, Hauslehrer oder Bergwerksangestellter in Norwegen,2 ernsthaft scheint er sich freilich nicht zu bemühen.
Stattdessen veröffentlicht er 1763 sein erstes Büchlein "Tändeleyen und Erzählungen", von dem die Literaturkritiker gleich damals nichts halten und das bis heute in Schriften über Claudius geringschätzig abgetan wird. Immerhin erfährt das Erstlingswerk im Jahr darauf noch eine zweite Auflage. Da liest man z. B.:
Die süßen Lippen der Mädchen
Vor der Geburt des Amors wußte man nichts von Küssen, und der liebende Jüngling kannte die unaussprechliche Wollust nicht, die ich empfinde, wenn ich meine Lippen sanft auf die Lippen meiner Chloe drücke.
Die Mädchenlippen waren schön, doch waren sie nicht süß,
Bis Venus Göttertrank auf sie durch Amors träufeln ließ.
Als Amor geboren wurde, hielten die Götter ein Fest, und waren alle so vergnügt, als sie noch nie gewesen waren. (.) (C 707)
Und so weiter. Oder:
Der arme Mann
In einem kleinen Dorfe wohnte
Ein alter armer frommer Mann,
Der nichts durch Arbeit mehr gewann,
Und den Gott itzt dadurch für seine Redlichkeit belohnte,
Daß alle Bauern, die ihn sahn,
Des Alten Not und Armut fühlten,
Und ihn mit Freuden unterhielten. (.) (C 715)
Auch das ist Claudius, aber es ist noch nicht der uns vertraute Claudiuston, den man von den ersten dichterischen Versuchen des Dreiundzwanzigjährigen auch nicht unbedingt erwarten sollte. Wenn er Amor sein Spiel zwischen empfindsamen Mädchen und Jünglingen in lieblicher Landschaft treiben lässt, folgt er einer literarischen Mode jener Jahre, der Anakreontik. Er bringt sie aus den literarischen Kreisen Jenas mit, denen er sich seinerzeit als Mitglied der "Teutschen Gesellschaft" angeschlossen hatte. In anderen Gedichten klingen spätere Themen immerhin schon an: edle Gesinnung, ein frommer Heide, Todesgedenken und dergleichen mehr. Nur die dichterische Gestaltung ist noch unpersönlich, sozusagen Konfektionsware.
Dann findet sich doch eine Anstellung für Claudius. Vermutlich auf Vermittlung eines Onkels hin reist er im März 1764 nach Kopenhagen, damals ein Zentrum norddeutscher Kultur. Dort wird er Privatsekretär eines Grafen Holstein, empfängt geistige und speziell literarische Anregungen und lernt vor allem den berühmten Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock kennen, mit dem er auch später in guter Verbindung bleibt. Claudius hat gesellschaftlichen Umgang und könnte bei etwas mehr Ehrgeiz Staatsbeamter werden, aber weil jener Graf seinen Dienst schon nach knapp anderthalb Jahren quittiert und Kopenhagen verlässt,3 kehrt auch Claudius erneut ins elterliche Reinfelder Pfarrhaus zurück. Über die folgende Zeit schreibt ein Biograph: "Die drei Jahre in Reinfeld von 1765 bis 1768 bilden den ,weißen Fleck' in der Claudius-Biographie, Zeit ohne äußere Ereignisse (.); wir wissen nichts von den Sorgen, die der Vater sich gemacht haben mag, wenn er den Sohn im Alter zwischen fünfundzwanzig und achtundzwanzig zu Hause sitzen sah, einer Zeit, da ein junger Mann Existenz und Familie begründet."4
Ein paar Briefe und ganz wenige Gedichte sind uns aus diesem Zeitraum bekannt, in dem Claudius aber wohl zu sich selbst findet. Vermutlich hat er viel musiziert. Damals, so berichtet sein Freund Sprickmann, hätte Claudius in Lübeck eine Organistenstelle bekommen können und habe nur der Form halber vorspielen sollen, dann aber seinen Mitbewerber spielen gehört und daraufhin seinen Verzicht auf die Stelle erklärt - der andere verdiene sie mehr als er.5 Das ist schon "typisch Claudius", dickschädelig ehrlich, wie auch bei einem anderen Vorfall: Da schickt er 1781 dem Herausgeber einer Auswahl seiner Gedichte, August Hermann Niemeyer, das Honorar zurück, obwohl der Autor das Geld gut gebrauchen könnte - bloß weil der Abdruck ohne sein Wissen erfolgt ist und er sein Publikum durch die Art der Auswahl getäuscht sieht (BrI 312f.).
In Hamburg nicht nur Nachrichtenschreiber
Aber kehren wir ins Jahr 1768 zurück: Da entschließt Matthias Claudius sich endlich doch, auf eigenen Füßen zu stehen. Er zieht nach Hamburg, hofft vergeblich auf bezahlte Übersetzerarbeiten. Stattdessen vermittelt Klopstock ihn als Redakteur bei dürftiger Bezahlung an die "Adreß-Comptoir-Nachrichten". Diese Zeitung ist nicht für die gebildete Welt gedacht, sondern sorgt "zweimal die Woche für Informationen über Handel, Schiffahrt, Börse, lokale Neuigkeiten und für bescheidene Unterhaltung". Claudius hat dabei zunächst "das Nachrichtenmaterial zu sammeln, zu ordnen und zum Druck zu befördern", später betreut er den "geringe(n) literarische(n) Winkel".6 Aber indem er die nüchternen Meldungen zuweilen geistreich aufmöbelt, auch selbständige Betrachtungen und Gedichte beisteuert, beginnt er hier seinen eigenen unverwechselbaren Stil auszubilden.
"So verirrt sich Matthias in einen Beruf", meint sein Biograph Urban Roedl.7 Man kann es so ausdrücken, bedenkt man den Mangel an Ausdauer und seine Anpassungsprobleme, die Claudius in dieser wie in späteren Anstellungen scheitern lassen. Hingegen ist der positive Einfluss, den die Zeitungsarbeiten hier wie anschließend beim "Wandsbecker Bothen" auf den Charakter der Claudius'schen Schriftstellerei insgesamt haben, völlig verkannt, wenn man jene Jahre als "Frondienste auf der Redaktion" einstuft und von dem Claudius "wesensfremden Journalismus" spricht.8
Im Gegenteil scheint Claudius Spaß an seiner Arbeit für die "Adreß-Comptoir-Nachrichten" zu haben, und verkleidet als Londoner Korrespondent (Beitrag vom 16.1.1769, C 736) skizziert er launig, was ihm gewiss selber vorschwebt:
Ich schreibe auch nicht bloß die Nachrichten so hin, sondern tue gemeiniglich etwas von meinem Eigenen hinzu, eine Exklamation [erstaunter Ausruf] oder Lügenstrafung, oder was Satirisches, und sonst noch allerlei, und ich habe eine besondere Gabe, die Semikolons anzubringen.
Seine eigenen unterhaltsam aufklärenden Betrachtungen handeln z. B. vom menschlichen Herzen, von Planetenbewegungen, vom Aussterben der Tugend (in Form einer "Grabschrift", eines Nachrufs) oder von Theateraufführungen. Die oben genannten Stilmittel begegnen auch hier, und Claudius erfindet sich hier schon Briefpartner. Mit diesem Trick soll sich der Leser gleichsam ins Gespräch einbezogen fühlen - eine für sein späteres Werk ganz wichtige Darstellungsform. Und wie schon erwähnt bietet Claudius in dieser Zeitung hin und wieder Gedichte an. Eines scheint ganz unmittelbar jenen innigen Familiensinn zu bezeugen, für den Claudius auch berühmt geworden ist - obwohl er damals noch gar keine Familie hatte! Also in so fremder Umgebung von Nachrichten aus Wirtschaft und Politik findet sich ungeniert ausgiebig und zärtlich.
. zu befehlen, wozu ich geschickt sein soll
Im Oktober 1787 schreibt der Dichter Matthias Claudius, 47 Jahre alt, dessen Wohnort Wandsbeck damals auf dänischem Herrschaftsgebiet liegt, einen Brief an den Kronprinzen und Mitregenten von Dänemark, der ihn bei früherer Gelegenheit seines Wohlwollens versichert hatte. Claudius erklärt einleitend, er habe sich "bisher von meiner Hände Arbeit genährt und mich nicht übel dabei befunden"; Erziehung und Unterricht seiner (damals) acht Kinder ließen dafür jedoch immer weniger Zeit, und so wünsche er nun
irgend eine Stelle in des Königs Lande und, wenn es sein könnte, im lieben Holstein. Gnädiger Prinz, ich bitte nicht um eine sehr einträgliche Stelle, sondern nur um eine, die mich nährt, und um so eine bitte ich mit aller Unbefangenheit eines Mannes, der Willens ist, das Brot, das ihm der König gibt, zu verdienen.
Wenn es mir auch erlaubt sein würde, so wüßte ich nicht zu sagen, wozu ich eigentlich geschickt bin, und ich muß Ew. Königl. Hoheit untertänig bitten, daß Sie gnädigst geruhen, ein Machtwort zu sprechen und zu befehlen, wozu ich geschickt sein soll. Ich ersterbe mit den Gesinnungen eines getreuen Untertan / Ew. Königl. Hoheit / untertäniger Matthias Claudius (BrI 360f.).*
Mit Witz versucht Claudius eine arge Verlegenheit seines Bittgesuchs auszubügeln: Er kann nichts vorweisen, was ihn für eine Anstellung besonders empfiehlt, er hat keinen akademischen Grad von der Universität und keinen förmlich gelernten Beruf, und das mit 47 Jahren! Freier Schriftsteller könnte er sich nennen, das war damals noch eine Seltenheit; aber gerade weil dieser "Beruf" ihn und seine Familie nicht ernähren kann, hat er ja ein solches Bittgesuch nötig. Übrigens hilft der dänische Kronprinz: 1788 wird Claudius Bankrevisor in Altona bei festem Gehalt. Diese materielle Existenzgrundlage lässt ihm genügend Muße, denn nur für einige Tage im Jahr muss er jeweils zur Kassenprüfung nach Altona reisen.
Bis 1788 war Claudius auf diversen Posten tätig gewesen und auch berühmt geworden, aber nicht erfolgreich im üblichen Sinn.
Anfangs schwankend, ziellos
Matthias Claudius wird am 15. August 1740 in Reinfeld, einem Ort westlich von Lübeck, als vierter Sohn des dortigen Pastors geboren. Zunächst vom Vater unterrichtet, verlässt er bereits mit 14 oder 15 Jahren das Elternhaus und besucht im nahen Plön die Lateinschule. Von 1759 an studiert er gemeinsam mit seinem Bruder Josias (der in dieser Zeit stirbt) in Jena kurz Theologie, dann aber Wirtschafts- und Staatswissenschaften. Über die Gründe des Wechsels gibt es bloß Vermutungen, er selbst hat sich nie dazu geäußert. Das zweite Studium beendet er im damals üblichen Zeitrahmen ohne Examen, denn "für die Mehrzahl der Studierenden war ein Universitätsbesuch ohne Graduierung die Regel".1 Mit einigem brauchbaren Wissen, aber ohne Berufsaussicht kehrt Claudius 1762 für zwei Jahre zu den Eltern zurück. Brieflich erwägt er zuweilen Tätigkeiten wie Sekretär, Hauslehrer oder Bergwerksangestellter in Norwegen,2 ernsthaft scheint er sich freilich nicht zu bemühen.
Stattdessen veröffentlicht er 1763 sein erstes Büchlein "Tändeleyen und Erzählungen", von dem die Literaturkritiker gleich damals nichts halten und das bis heute in Schriften über Claudius geringschätzig abgetan wird. Immerhin erfährt das Erstlingswerk im Jahr darauf noch eine zweite Auflage. Da liest man z. B.:
Die süßen Lippen der Mädchen
Vor der Geburt des Amors wußte man nichts von Küssen, und der liebende Jüngling kannte die unaussprechliche Wollust nicht, die ich empfinde, wenn ich meine Lippen sanft auf die Lippen meiner Chloe drücke.
Die Mädchenlippen waren schön, doch waren sie nicht süß,
Bis Venus Göttertrank auf sie durch Amors träufeln ließ.
Als Amor geboren wurde, hielten die Götter ein Fest, und waren alle so vergnügt, als sie noch nie gewesen waren. (.) (C 707)
Und so weiter. Oder:
Der arme Mann
In einem kleinen Dorfe wohnte
Ein alter armer frommer Mann,
Der nichts durch Arbeit mehr gewann,
Und den Gott itzt dadurch für seine Redlichkeit belohnte,
Daß alle Bauern, die ihn sahn,
Des Alten Not und Armut fühlten,
Und ihn mit Freuden unterhielten. (.) (C 715)
Auch das ist Claudius, aber es ist noch nicht der uns vertraute Claudiuston, den man von den ersten dichterischen Versuchen des Dreiundzwanzigjährigen auch nicht unbedingt erwarten sollte. Wenn er Amor sein Spiel zwischen empfindsamen Mädchen und Jünglingen in lieblicher Landschaft treiben lässt, folgt er einer literarischen Mode jener Jahre, der Anakreontik. Er bringt sie aus den literarischen Kreisen Jenas mit, denen er sich seinerzeit als Mitglied der "Teutschen Gesellschaft" angeschlossen hatte. In anderen Gedichten klingen spätere Themen immerhin schon an: edle Gesinnung, ein frommer Heide, Todesgedenken und dergleichen mehr. Nur die dichterische Gestaltung ist noch unpersönlich, sozusagen Konfektionsware.
Dann findet sich doch eine Anstellung für Claudius. Vermutlich auf Vermittlung eines Onkels hin reist er im März 1764 nach Kopenhagen, damals ein Zentrum norddeutscher Kultur. Dort wird er Privatsekretär eines Grafen Holstein, empfängt geistige und speziell literarische Anregungen und lernt vor allem den berühmten Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock kennen, mit dem er auch später in guter Verbindung bleibt. Claudius hat gesellschaftlichen Umgang und könnte bei etwas mehr Ehrgeiz Staatsbeamter werden, aber weil jener Graf seinen Dienst schon nach knapp anderthalb Jahren quittiert und Kopenhagen verlässt,3 kehrt auch Claudius erneut ins elterliche Reinfelder Pfarrhaus zurück. Über die folgende Zeit schreibt ein Biograph: "Die drei Jahre in Reinfeld von 1765 bis 1768 bilden den ,weißen Fleck' in der Claudius-Biographie, Zeit ohne äußere Ereignisse (.); wir wissen nichts von den Sorgen, die der Vater sich gemacht haben mag, wenn er den Sohn im Alter zwischen fünfundzwanzig und achtundzwanzig zu Hause sitzen sah, einer Zeit, da ein junger Mann Existenz und Familie begründet."4
Ein paar Briefe und ganz wenige Gedichte sind uns aus diesem Zeitraum bekannt, in dem Claudius aber wohl zu sich selbst findet. Vermutlich hat er viel musiziert. Damals, so berichtet sein Freund Sprickmann, hätte Claudius in Lübeck eine Organistenstelle bekommen können und habe nur der Form halber vorspielen sollen, dann aber seinen Mitbewerber spielen gehört und daraufhin seinen Verzicht auf die Stelle erklärt - der andere verdiene sie mehr als er.5 Das ist schon "typisch Claudius", dickschädelig ehrlich, wie auch bei einem anderen Vorfall: Da schickt er 1781 dem Herausgeber einer Auswahl seiner Gedichte, August Hermann Niemeyer, das Honorar zurück, obwohl der Autor das Geld gut gebrauchen könnte - bloß weil der Abdruck ohne sein Wissen erfolgt ist und er sein Publikum durch die Art der Auswahl getäuscht sieht (BrI 312f.).
In Hamburg nicht nur Nachrichtenschreiber
Aber kehren wir ins Jahr 1768 zurück: Da entschließt Matthias Claudius sich endlich doch, auf eigenen Füßen zu stehen. Er zieht nach Hamburg, hofft vergeblich auf bezahlte Übersetzerarbeiten. Stattdessen vermittelt Klopstock ihn als Redakteur bei dürftiger Bezahlung an die "Adreß-Comptoir-Nachrichten". Diese Zeitung ist nicht für die gebildete Welt gedacht, sondern sorgt "zweimal die Woche für Informationen über Handel, Schiffahrt, Börse, lokale Neuigkeiten und für bescheidene Unterhaltung". Claudius hat dabei zunächst "das Nachrichtenmaterial zu sammeln, zu ordnen und zum Druck zu befördern", später betreut er den "geringe(n) literarische(n) Winkel".6 Aber indem er die nüchternen Meldungen zuweilen geistreich aufmöbelt, auch selbständige Betrachtungen und Gedichte beisteuert, beginnt er hier seinen eigenen unverwechselbaren Stil auszubilden.
"So verirrt sich Matthias in einen Beruf", meint sein Biograph Urban Roedl.7 Man kann es so ausdrücken, bedenkt man den Mangel an Ausdauer und seine Anpassungsprobleme, die Claudius in dieser wie in späteren Anstellungen scheitern lassen. Hingegen ist der positive Einfluss, den die Zeitungsarbeiten hier wie anschließend beim "Wandsbecker Bothen" auf den Charakter der Claudius'schen Schriftstellerei insgesamt haben, völlig verkannt, wenn man jene Jahre als "Frondienste auf der Redaktion" einstuft und von dem Claudius "wesensfremden Journalismus" spricht.8
Im Gegenteil scheint Claudius Spaß an seiner Arbeit für die "Adreß-Comptoir-Nachrichten" zu haben, und verkleidet als Londoner Korrespondent (Beitrag vom 16.1.1769, C 736) skizziert er launig, was ihm gewiss selber vorschwebt:
Ich schreibe auch nicht bloß die Nachrichten so hin, sondern tue gemeiniglich etwas von meinem Eigenen hinzu, eine Exklamation [erstaunter Ausruf] oder Lügenstrafung, oder was Satirisches, und sonst noch allerlei, und ich habe eine besondere Gabe, die Semikolons anzubringen.
Seine eigenen unterhaltsam aufklärenden Betrachtungen handeln z. B. vom menschlichen Herzen, von Planetenbewegungen, vom Aussterben der Tugend (in Form einer "Grabschrift", eines Nachrufs) oder von Theateraufführungen. Die oben genannten Stilmittel begegnen auch hier, und Claudius erfindet sich hier schon Briefpartner. Mit diesem Trick soll sich der Leser gleichsam ins Gespräch einbezogen fühlen - eine für sein späteres Werk ganz wichtige Darstellungsform. Und wie schon erwähnt bietet Claudius in dieser Zeitung hin und wieder Gedichte an. Eines scheint ganz unmittelbar jenen innigen Familiensinn zu bezeugen, für den Claudius auch berühmt geworden ist - obwohl er damals noch gar keine Familie hatte! Also in so fremder Umgebung von Nachrichten aus Wirtschaft und Politik findet sich ungeniert ausgiebig und zärtlich.