
Mondschatten
Roman
Donna Gillespie(Author)
Fischer Taschenbuch (Publisher)
1st Edition
Published on 20. April 2004
Book
Paperback/Softback
672 pages
978-3-596-16161-4 (ISBN)
Description
Als Auriane, die schöne und kluge Heldin aus "Mondfeuer" an der Seite von Marcus Julianus an den Rhein zurückkehrt, weiß sie , dass diese Zeit des Friedens und des Glücks mit ihm nur von kurzer Dauer sein werden. Zu verschieden sind die beiden Welten, die dort an Rhein und Mosel aufeinandertreffen. Schon bald wird der große, alles verändernde Sturm losbrechen, der auch ihre eigene Familie treffen wird. Folgt sie dem Weg, den ihr die große Göttin Ramis schon bei ihrer Geburt geweissagt hat? Kann ihre Liebe zu Marcus und zu ihren beiden Töchtern dem Sturm standhalten?
Auch in ihrem zweiten Roman entführt uns Donna Gillespie in die Welt der Römer und Germanen an Rhein, Mosel und Main. Die Autorin hat mit Auriane eine Heldin geschaffen, die in beiden Welten ihren Platz und ihr Glück finden will.
Auch in ihrem zweiten Roman entführt uns Donna Gillespie in die Welt der Römer und Germanen an Rhein, Mosel und Main. Die Autorin hat mit Auriane eine Heldin geschaffen, die in beiden Welten ihren Platz und ihr Glück finden will.
More details
Series
Edition
1., Aufl.
Language
German
Dimensions
Height: 190 mm
Width: 125 mm
Weight
412 gr
ISBN-13
978-3-596-16161-4 (9783596161614)
Schweitzer Classification
Content
Fünftes Kapitel
»Wenn du deine Rückkehr beschleunigen kannst«, schrieb Auriane am nächsten Tag an Marcus, »bitte ich dich, es zu tun. Dieser Gardist war wie Gift. Ich spüre, dass von ihm Böses ausgehen wird. Ein übler Gestank hängt in der Luft, seit er das Weite gesucht hat. Der arme Milo hat mir gesagt, dass der Mann versucht hat, ihn zu ermorden.
Du bist mir teurer als mein Leben.«
In der nächsten Nacht, lange nachdem alle Lampen gelöscht worden waren, wurde Auriane von einem Sturm geweckt. Als sie aufstand, um sich zu vergewissern, dass beide Kinder schliefen, sah sie es wieder. In der Nacht zuvor war es ihr auch schon aufgefallen. Am Ende des Peristyi-Gartens leuchtete in der dunklen Tiefe unten am Fluss schwach ein Licht. Sie hielt den Atem an. Gestern hatte sie sich eingeredet, es sei die Lampe eines Handelsschiffs auf der Mosel. Heute war es eindeutig etwas anderes. Jetzt kam es sogar langsam das Ufer herauf. Das kleine Licht wirkte beinahe neugierig, wie es sich so dicht über der Erde hin und her bewegte. Dann beschrieb es einen etwa mannshohen Bogen, als wolle es Aurianes Aufmerksamkeit auf sich lenken.
'Bei diesem Unwetter kann kein Mensch dort draußen sein.'
Sie vergaß alle Vorsicht und ließ sich fast gegen ihren Willen von dem geheimnisvollen Licht durch den Säulengang locken. Ihr Nachtgewand blähte sich sofort wie ein Segel.
Die Gewalt des Sturms nahm zu. Er warf im Garten eine Statue um, tobte in den Blättern und Zweigen des Obstgartens, peitschte die Erlen und beschwor die Erdgeister aus der Tiefe.
Auriane dachte schaudernd an die Legionen von Toten, die auf den Rössern der Vergeltung in solchen Nächten aus der Unterwelt hervorbrachen. Wotans wilde Jagd zog über das Land.
Das schwache Licht bewegte sich unbeirrt weiter. Es schien den Naturgewalten zu trotzen und kam immer näher. Gespensterhaft zuckend blinkte es durch die Bäume des Obstgartens und verschwand tanzend hinter Büschen und Blättern, ohne zu verlöschen. Plötzlich wurde Auriane klar, dass sich ein Mensch mit einer Lampe näherte. Wer immer es sein mochte, er nahm den einzigen Weg, der sicherstellte, dass weder Hunde noch Pferde seine Witterung aufnahmen und ihn mit ihrem Lärm verrieten. Offenbar kannte das geheimnisvolle Wesen sich aus.
'Ich sollte die Stallburschen wecken. Es ist leichtsinnig, wenn ich den Eindringling allein stelle.'
Sie überlegte kurz, warf einen forschenden Blick zu den Stallungen hinüber und stellte fest, dass tatsächlich einer der Männer noch wach war.
'Gut. Er kann die anderen rufen, wenn es Schwierigkeiten gibt.'
Plötzlich bemerkte Auriane, dass das Licht Linien beschrieb, die ihr so vertraut waren wie das Kopfnicken eines Freundes. Bildete sie sich das ein? Nein, sie täuschte sich nicht! Es war das Signal, mit dem früher Baldurs Gefolgsleute nachts den Gefährten ihr Kommen angezeigt hatten. Nachdem Auriane das alte Zeichen erkannt hatte, sah sie es so klar und deutlich wie die Füße, die sie durch die Dunkelheit trugen. Wie war es möglich, dass sie so lange gebraucht hatte, um es wieder zu erkennen?
Fassungslosigkeit, Mitgefühl und Staunen kämpften in ihr miteinander. Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
'Ich muss dem, der da kommt, etwas zu essen geben.'
Das war ihr erster Gedanke. Sie eilte in das Vorratshaus, das an die Küche der Villa angebaut war. Mit Tränen in den Augen nahm sie einen Sack, legte Hirsebrot hinein, einen Laib harten Käse und Würste aus der Räucherkammer. Ihre Hände zitterten, als sie schnell noch einen Krug mit Wein füllte.
Während sie sich im Vorratshaus befand, schlich ein Stallbursche in der Dunkelheit eilig näher und versteckte sich zwischen den Buchsbaumhecken.
Auriane trug den Sack mit Proviant ins Freie. Dabei empfand sie eine bodenlose Angst, in deren Kern aber auch tiefe Erleichterung aufkeimte. So, stellte sie sich vor, fühlte man sich, wenn man nach langer Krankheit den sicheren Tod vor Augen hatte.
'Die alte Welt kommt endlich, um mich zurückzuholen!'
Nachrichten von zu Hause konnten nichts Gutes bedeuten.
Das Licht hatte inzwischen den Peristyl-Garten erreicht. Auriane sah, dass es sich um eine Hornlampe handelte, wie man sie an den Reisewagen befestigte. Sie beleuchtete eine Gestalt in einem weiten, flatternden Umhang. Der Kopf verschwand völlig unter einer Kapuze.
»Wer ist da?«, rief Auriane in den Sturm. »Brauchst du Hilfe?«
»Nein, ich bin ein Freund. Ich will nichts Böses!«
Die Stimme klang so vertraut und fremd zugleich, dass ihr Klang Auriane wie ein Pfeil mitten ins Herz traf.
'Nein, das kann nicht sein!'
»Bist du es, Auriane?«
'Diese Stimme ...'
»Auriane? Du bist es doch, nicht wahr? Ich bin es ... Witgern!«
Sie zögerte. Ihr kamen Zweifel. Wo war der alte, volltönende Klang?
»Wie hieß! der Hund meines Vaters?«, rief Auriane. »Sein Lieblingshund?«
»Schatten!«, kam die Antwort. »Auriane, ich bin ...«
»Wie hieß mein toter Bruder, und wie wurde er getötet?«
»Arnwulf!«, erwiderte er, ohne zu zögern: »Er wurde bei einem Überfall der Römer auf Baldurs Halle erschlagen! Wieso glaubst du mir nicht, Auriane? Ich bin es wirklich! Ich schwöre es beim Schwert deines Vaters!«
Auriane begann zu rennen. Eine Armlänge vor ihm blieb sie stehen und packte ihn bei den Schultern.
»Witgern! Was im Namen aller Götter tust du hier?« Ihr plötzliches erleichtertes Lachen machte ihren Ärger weniger überzeugend. »Du bist verrückt, dich auf diese Seite des Flusses zu wagen!«
»Vielleicht«, erwiderte er gutmütig. »Aber schließlich ist die ganze Welt verrückt.«
Unter der wollenen Kapuze glänzte das eine Auge wie das Auge eines wilden Tiers, aber sie sah auch ein warmes Willkommen darin. Aschfarbene Haare fielen ihm in die Stirn. Eine schwarze seidene Klappe bedeckte die Stelle, wo das zweite Auge hätte sein sollen. Dadurch wirkte er wie ein Zauberer, der halb in dunklen Welten lebte und zu früh Hels Reich kennen gelernt hatte. Das kantige Gesicht trug noch immer Spuren beseelter Leidenschaft, obwohl die Landschaft seiner Gefühle verödet und die Haut durch das lange Zerstörungswerk der Elemente verwittert war. Er wirkte kleiner, als sie ihn in Erinnerung hatte, aber er hatte immer noch etwas von einem nachdenklichen jungen Dichter an sich. Wäre er in einer römischen Stadt geboren worden, dann hätte er seine lyrischen Verse vor begeisterten Zuhörern vorgetragen und nicht Speere auf unerbittliche Feinde geworfen. Er roch nach dem Bärenfett, mit dem er sich gegen die Nässe und Kälte eingerieben hatte.
»Wenn sie dich fangen, machen sie aus deinem Tod ein großes Schauspiel! Willst du in der Arena irgendeiner armseligen kleinen Stadt beim Kampf gegen wilde Tiere elend sterben? Witgern, hast du völlig den Verstand verloren?«
»Können wir an einen wärmeren Platz gehen, bevor du dich heiser schreist?« Er lachte ungezwungen.
Sie zog ihn mit sich zum Haus. Dort fanden sie einen geschützten Platz unter dem überstehenden Dach und setzten sich mit dem Rücken gegen die Mauer. Er sprang erschrocken wieder auf.
»In der Mauer brennt Feuer!«
»Das ist nur heiße Luft, kein Feuer. Damit heizen wir die Räume«, erklärte sie lächelnd.
Vorsichtig betastete er die Mauer, murmelte kopfschüttelnd etwas Unverständliches und setzte sich wieder neben sie. Dann wandte er sich Auriane zu und hob mit der Hand ihr Kinn. Sie schwiegen eine Weile.
»Du bist gesund und hübsch wie eine Schwanenjungfrau! Hier wohnst du also! Wirklich ein königliches Haus, das deiner würdig ist! Ich hatte immer die Vorstellung, du solltest in einem Palast leben. Offenbar denken die Götter das auch.«
Sie wollte ihm widersprechen, ihm erklären, das sei kein Palast, aber ihr wurde bewusst, wie viel sie und wie wenig er von der Welt gesehen hatte. Deshalb erwiderte sie nur: »Und du bist stark wie ein Bär!« Sie sagte das mehr, um ihre Traurigkeit zu verbergen, denn er war so deutlich vom Leben gezeichnet, dass es ihr ins Herz schnitt.
Witgern lachte leise. »Dein Anblick, Auriane, ist wie der Frühling nach einem Winter, in dem alle Rinder erfroren sind! Du bist noch genauso wie damals, als ich dich zum letzten Mal gesehen habe. Dabei sind seit dem Frühlingsmorgen, als dich Ramis aus dem Leib deiner Mutter geholt hat, bereits vierzig Winter vergangen.« »Hör auf, mir zu schmeicheln, und iss etwas«, fiel sie ihm schnell ins Wort, legte die Dinge aus dem Sack vor ihm auf die Steinplatten und stellte den Krug daneben. Nach der Schnelligkeit zu urteilen, mit der er aß, hatte er mehrere Tage lang gehungert.
»Ich werde nicht davongejagt?«, fragte er besorgt zwischen großen Bissen Brot.
»Wenn du meinst von Julianus«, erwiderte Auriane, »er ist nicht hier. Außerdem würde er einen Mann, der mein Freund ist, niemals als Feind behandeln. Aber wir wollen die Verschwiegenheit des Haushalts nicht auf die Probe stellen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Wie bist du hierher gekommen?«
»Mit Hilfe von Freunden, die in eine dieser neuen Reiter-Kohorten gepresst wurden. Du weißt, sie bestehen aus unseren Männern und Männern von Bruderstämmen. Sie haben mich als einen der ihren verkleidet, und ich bin mit ihnen zusammen nachts einfach über die Brücke von Mogontiacum geritten.«
»Das kann nicht wahr sein! Der Rebell, auf dessen Kopf eine Belohnung ausgesetzt ist, reitet ungehindert an den Brückenwachen vorbei!«
Er lachte, aber es klang bitter. »Mit Wotans Hilfe habe ich dann das Haus gefunden. Man hat mich zuerst zweimal in die falsche Richtung geschickt. Ich werde nicht lange bleiben. Ein paar Worte mit dir, und der Wolf verschwindet wieder im Wald!«
Auriane beteuerte: »Wir sind und wir bleiben Bruder und Schwester!«
Sie meinte Bruder und Schwester im Kampf. In ihrer Jugend hatten sie zusammen Überfälle an der Grenze verübt und während des Kriegs, den Kaiser Domitian gegen ihren Stamm führte, gemeinsam gehungert. Er hatte an ihrer Seite sterben wollen, als die kaiserlichen Truppen die belagerten Chatten aus ihrem letzten Zufluchtsort vertrieben. Wäre Witgerns Pferd nicht gestürzt und hätte ihn abgeworfen, als sie todesmutig ihren letzten Angriff ritten, wären sie zusammen gefangen genommen worden. Stattdessen hatten sich ihre Wege getrennt. Und Auriane lebte als Verbannte auf der sicheren und bequemen Seite des Rheins.
»Ich komme besser gleich zur Sache«, sagte Witgern, und seine Stimme klang plötzlich hart. »Beim letzten Vollmond ist heimlich der große Rat zusammengetreten. Man hat mich gewählt, um dich zu holen. Sie glauben, ich kann als Einziger gut genug reden, um dich davon zu überzeugen, dass du zurückkommen musst. Auriane, wir brauchen dich, so wie wir dich noch nie gebraucht haben.« Sie spürte, wie sich ihr ganzer Körper spannte, als sei er ein Schild geworden.
»Die Cherusker haben bereits siebzehn Dörfer erobert«, fuhr er fort. »Und sie haben sich zum Bleiben eingerichtet. Dein Dorf liegt als leichte Beute vor ihnen.«
»Und was ist mit meiner Mutter?«, flüsterte sie tonlos.
»Atlind geht es gut.« Er lachte. »Ich glaube, der König der Cherusker fürchtet sich ein wenig vor ihr. Wie auch immer, wahrscheinlich werden sie das Dorf im Bibertal nicht vor dem nächsten Jahr angreifen. Wir müssen Krieg führen, Auriane.« Er beugte sich noch näher und flüsterte: »Dank deiner Großzügigkeit können wir das jetzt ja tun ... wir haben eine ganze Höhle voller Eisenwaffen.«
Sie wandte niedergeschlagen den Blick ab, denn sie fühlte sich wie ein Tier, das in immer engere Gehege getrieben wurde.
»Wenn du deine Rückkehr beschleunigen kannst«, schrieb Auriane am nächsten Tag an Marcus, »bitte ich dich, es zu tun. Dieser Gardist war wie Gift. Ich spüre, dass von ihm Böses ausgehen wird. Ein übler Gestank hängt in der Luft, seit er das Weite gesucht hat. Der arme Milo hat mir gesagt, dass der Mann versucht hat, ihn zu ermorden.
Du bist mir teurer als mein Leben.«
In der nächsten Nacht, lange nachdem alle Lampen gelöscht worden waren, wurde Auriane von einem Sturm geweckt. Als sie aufstand, um sich zu vergewissern, dass beide Kinder schliefen, sah sie es wieder. In der Nacht zuvor war es ihr auch schon aufgefallen. Am Ende des Peristyi-Gartens leuchtete in der dunklen Tiefe unten am Fluss schwach ein Licht. Sie hielt den Atem an. Gestern hatte sie sich eingeredet, es sei die Lampe eines Handelsschiffs auf der Mosel. Heute war es eindeutig etwas anderes. Jetzt kam es sogar langsam das Ufer herauf. Das kleine Licht wirkte beinahe neugierig, wie es sich so dicht über der Erde hin und her bewegte. Dann beschrieb es einen etwa mannshohen Bogen, als wolle es Aurianes Aufmerksamkeit auf sich lenken.
'Bei diesem Unwetter kann kein Mensch dort draußen sein.'
Sie vergaß alle Vorsicht und ließ sich fast gegen ihren Willen von dem geheimnisvollen Licht durch den Säulengang locken. Ihr Nachtgewand blähte sich sofort wie ein Segel.
Die Gewalt des Sturms nahm zu. Er warf im Garten eine Statue um, tobte in den Blättern und Zweigen des Obstgartens, peitschte die Erlen und beschwor die Erdgeister aus der Tiefe.
Auriane dachte schaudernd an die Legionen von Toten, die auf den Rössern der Vergeltung in solchen Nächten aus der Unterwelt hervorbrachen. Wotans wilde Jagd zog über das Land.
Das schwache Licht bewegte sich unbeirrt weiter. Es schien den Naturgewalten zu trotzen und kam immer näher. Gespensterhaft zuckend blinkte es durch die Bäume des Obstgartens und verschwand tanzend hinter Büschen und Blättern, ohne zu verlöschen. Plötzlich wurde Auriane klar, dass sich ein Mensch mit einer Lampe näherte. Wer immer es sein mochte, er nahm den einzigen Weg, der sicherstellte, dass weder Hunde noch Pferde seine Witterung aufnahmen und ihn mit ihrem Lärm verrieten. Offenbar kannte das geheimnisvolle Wesen sich aus.
'Ich sollte die Stallburschen wecken. Es ist leichtsinnig, wenn ich den Eindringling allein stelle.'
Sie überlegte kurz, warf einen forschenden Blick zu den Stallungen hinüber und stellte fest, dass tatsächlich einer der Männer noch wach war.
'Gut. Er kann die anderen rufen, wenn es Schwierigkeiten gibt.'
Plötzlich bemerkte Auriane, dass das Licht Linien beschrieb, die ihr so vertraut waren wie das Kopfnicken eines Freundes. Bildete sie sich das ein? Nein, sie täuschte sich nicht! Es war das Signal, mit dem früher Baldurs Gefolgsleute nachts den Gefährten ihr Kommen angezeigt hatten. Nachdem Auriane das alte Zeichen erkannt hatte, sah sie es so klar und deutlich wie die Füße, die sie durch die Dunkelheit trugen. Wie war es möglich, dass sie so lange gebraucht hatte, um es wieder zu erkennen?
Fassungslosigkeit, Mitgefühl und Staunen kämpften in ihr miteinander. Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
'Ich muss dem, der da kommt, etwas zu essen geben.'
Das war ihr erster Gedanke. Sie eilte in das Vorratshaus, das an die Küche der Villa angebaut war. Mit Tränen in den Augen nahm sie einen Sack, legte Hirsebrot hinein, einen Laib harten Käse und Würste aus der Räucherkammer. Ihre Hände zitterten, als sie schnell noch einen Krug mit Wein füllte.
Während sie sich im Vorratshaus befand, schlich ein Stallbursche in der Dunkelheit eilig näher und versteckte sich zwischen den Buchsbaumhecken.
Auriane trug den Sack mit Proviant ins Freie. Dabei empfand sie eine bodenlose Angst, in deren Kern aber auch tiefe Erleichterung aufkeimte. So, stellte sie sich vor, fühlte man sich, wenn man nach langer Krankheit den sicheren Tod vor Augen hatte.
'Die alte Welt kommt endlich, um mich zurückzuholen!'
Nachrichten von zu Hause konnten nichts Gutes bedeuten.
Das Licht hatte inzwischen den Peristyl-Garten erreicht. Auriane sah, dass es sich um eine Hornlampe handelte, wie man sie an den Reisewagen befestigte. Sie beleuchtete eine Gestalt in einem weiten, flatternden Umhang. Der Kopf verschwand völlig unter einer Kapuze.
»Wer ist da?«, rief Auriane in den Sturm. »Brauchst du Hilfe?«
»Nein, ich bin ein Freund. Ich will nichts Böses!«
Die Stimme klang so vertraut und fremd zugleich, dass ihr Klang Auriane wie ein Pfeil mitten ins Herz traf.
'Nein, das kann nicht sein!'
»Bist du es, Auriane?«
'Diese Stimme ...'
»Auriane? Du bist es doch, nicht wahr? Ich bin es ... Witgern!«
Sie zögerte. Ihr kamen Zweifel. Wo war der alte, volltönende Klang?
»Wie hieß! der Hund meines Vaters?«, rief Auriane. »Sein Lieblingshund?«
»Schatten!«, kam die Antwort. »Auriane, ich bin ...«
»Wie hieß mein toter Bruder, und wie wurde er getötet?«
»Arnwulf!«, erwiderte er, ohne zu zögern: »Er wurde bei einem Überfall der Römer auf Baldurs Halle erschlagen! Wieso glaubst du mir nicht, Auriane? Ich bin es wirklich! Ich schwöre es beim Schwert deines Vaters!«
Auriane begann zu rennen. Eine Armlänge vor ihm blieb sie stehen und packte ihn bei den Schultern.
»Witgern! Was im Namen aller Götter tust du hier?« Ihr plötzliches erleichtertes Lachen machte ihren Ärger weniger überzeugend. »Du bist verrückt, dich auf diese Seite des Flusses zu wagen!«
»Vielleicht«, erwiderte er gutmütig. »Aber schließlich ist die ganze Welt verrückt.«
Unter der wollenen Kapuze glänzte das eine Auge wie das Auge eines wilden Tiers, aber sie sah auch ein warmes Willkommen darin. Aschfarbene Haare fielen ihm in die Stirn. Eine schwarze seidene Klappe bedeckte die Stelle, wo das zweite Auge hätte sein sollen. Dadurch wirkte er wie ein Zauberer, der halb in dunklen Welten lebte und zu früh Hels Reich kennen gelernt hatte. Das kantige Gesicht trug noch immer Spuren beseelter Leidenschaft, obwohl die Landschaft seiner Gefühle verödet und die Haut durch das lange Zerstörungswerk der Elemente verwittert war. Er wirkte kleiner, als sie ihn in Erinnerung hatte, aber er hatte immer noch etwas von einem nachdenklichen jungen Dichter an sich. Wäre er in einer römischen Stadt geboren worden, dann hätte er seine lyrischen Verse vor begeisterten Zuhörern vorgetragen und nicht Speere auf unerbittliche Feinde geworfen. Er roch nach dem Bärenfett, mit dem er sich gegen die Nässe und Kälte eingerieben hatte.
»Wenn sie dich fangen, machen sie aus deinem Tod ein großes Schauspiel! Willst du in der Arena irgendeiner armseligen kleinen Stadt beim Kampf gegen wilde Tiere elend sterben? Witgern, hast du völlig den Verstand verloren?«
»Können wir an einen wärmeren Platz gehen, bevor du dich heiser schreist?« Er lachte ungezwungen.
Sie zog ihn mit sich zum Haus. Dort fanden sie einen geschützten Platz unter dem überstehenden Dach und setzten sich mit dem Rücken gegen die Mauer. Er sprang erschrocken wieder auf.
»In der Mauer brennt Feuer!«
»Das ist nur heiße Luft, kein Feuer. Damit heizen wir die Räume«, erklärte sie lächelnd.
Vorsichtig betastete er die Mauer, murmelte kopfschüttelnd etwas Unverständliches und setzte sich wieder neben sie. Dann wandte er sich Auriane zu und hob mit der Hand ihr Kinn. Sie schwiegen eine Weile.
»Du bist gesund und hübsch wie eine Schwanenjungfrau! Hier wohnst du also! Wirklich ein königliches Haus, das deiner würdig ist! Ich hatte immer die Vorstellung, du solltest in einem Palast leben. Offenbar denken die Götter das auch.«
Sie wollte ihm widersprechen, ihm erklären, das sei kein Palast, aber ihr wurde bewusst, wie viel sie und wie wenig er von der Welt gesehen hatte. Deshalb erwiderte sie nur: »Und du bist stark wie ein Bär!« Sie sagte das mehr, um ihre Traurigkeit zu verbergen, denn er war so deutlich vom Leben gezeichnet, dass es ihr ins Herz schnitt.
Witgern lachte leise. »Dein Anblick, Auriane, ist wie der Frühling nach einem Winter, in dem alle Rinder erfroren sind! Du bist noch genauso wie damals, als ich dich zum letzten Mal gesehen habe. Dabei sind seit dem Frühlingsmorgen, als dich Ramis aus dem Leib deiner Mutter geholt hat, bereits vierzig Winter vergangen.« »Hör auf, mir zu schmeicheln, und iss etwas«, fiel sie ihm schnell ins Wort, legte die Dinge aus dem Sack vor ihm auf die Steinplatten und stellte den Krug daneben. Nach der Schnelligkeit zu urteilen, mit der er aß, hatte er mehrere Tage lang gehungert.
»Ich werde nicht davongejagt?«, fragte er besorgt zwischen großen Bissen Brot.
»Wenn du meinst von Julianus«, erwiderte Auriane, »er ist nicht hier. Außerdem würde er einen Mann, der mein Freund ist, niemals als Feind behandeln. Aber wir wollen die Verschwiegenheit des Haushalts nicht auf die Probe stellen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Wie bist du hierher gekommen?«
»Mit Hilfe von Freunden, die in eine dieser neuen Reiter-Kohorten gepresst wurden. Du weißt, sie bestehen aus unseren Männern und Männern von Bruderstämmen. Sie haben mich als einen der ihren verkleidet, und ich bin mit ihnen zusammen nachts einfach über die Brücke von Mogontiacum geritten.«
»Das kann nicht wahr sein! Der Rebell, auf dessen Kopf eine Belohnung ausgesetzt ist, reitet ungehindert an den Brückenwachen vorbei!«
Er lachte, aber es klang bitter. »Mit Wotans Hilfe habe ich dann das Haus gefunden. Man hat mich zuerst zweimal in die falsche Richtung geschickt. Ich werde nicht lange bleiben. Ein paar Worte mit dir, und der Wolf verschwindet wieder im Wald!«
Auriane beteuerte: »Wir sind und wir bleiben Bruder und Schwester!«
Sie meinte Bruder und Schwester im Kampf. In ihrer Jugend hatten sie zusammen Überfälle an der Grenze verübt und während des Kriegs, den Kaiser Domitian gegen ihren Stamm führte, gemeinsam gehungert. Er hatte an ihrer Seite sterben wollen, als die kaiserlichen Truppen die belagerten Chatten aus ihrem letzten Zufluchtsort vertrieben. Wäre Witgerns Pferd nicht gestürzt und hätte ihn abgeworfen, als sie todesmutig ihren letzten Angriff ritten, wären sie zusammen gefangen genommen worden. Stattdessen hatten sich ihre Wege getrennt. Und Auriane lebte als Verbannte auf der sicheren und bequemen Seite des Rheins.
»Ich komme besser gleich zur Sache«, sagte Witgern, und seine Stimme klang plötzlich hart. »Beim letzten Vollmond ist heimlich der große Rat zusammengetreten. Man hat mich gewählt, um dich zu holen. Sie glauben, ich kann als Einziger gut genug reden, um dich davon zu überzeugen, dass du zurückkommen musst. Auriane, wir brauchen dich, so wie wir dich noch nie gebraucht haben.« Sie spürte, wie sich ihr ganzer Körper spannte, als sei er ein Schild geworden.
»Die Cherusker haben bereits siebzehn Dörfer erobert«, fuhr er fort. »Und sie haben sich zum Bleiben eingerichtet. Dein Dorf liegt als leichte Beute vor ihnen.«
»Und was ist mit meiner Mutter?«, flüsterte sie tonlos.
»Atlind geht es gut.« Er lachte. »Ich glaube, der König der Cherusker fürchtet sich ein wenig vor ihr. Wie auch immer, wahrscheinlich werden sie das Dorf im Bibertal nicht vor dem nächsten Jahr angreifen. Wir müssen Krieg führen, Auriane.« Er beugte sich noch näher und flüsterte: »Dank deiner Großzügigkeit können wir das jetzt ja tun ... wir haben eine ganze Höhle voller Eisenwaffen.«
Sie wandte niedergeschlagen den Blick ab, denn sie fühlte sich wie ein Tier, das in immer engere Gehege getrieben wurde.