
Die Ringeltaube
Erzählung
André Gide(Author)
DVA (Publisher)
Published on 21. August 2006
Book
Hardback
80 pages
978-3-421-05896-6 (ISBN)
Description
Ein literarisches Kleinod: eine bisher unbekannte erotische Erzählung von André Gide
Am 28. Juli 1907 besucht André Gide das Fest seines Freundes Eugène Rouart. Man amüsiert sich, der Wein fließt in Strömen. Gide entdeckt den jungen Ferdinand Pouzac und ist von dessen erotischer Ausstrahlung fasziniert. Er beobachtet ihn und sucht seine Nähe, bis Ferdinand ihn schließlich spät in der Nacht nach Hause begleitet. Dort geben sie sich der Liebe hin. Ferdinand, der bei der Liebe gurrt wie eine Taube, trägt fortan den Spitznamen 'die Ringeltaube'.
André Gide hält dieses Erlebnis sofort in einer Erzählung fest. Doch er wird sie nie publizieren. War sie ihm zu persönlich? Eine sensationelle späte Entdeckung von Gides Tochter - nun erstmals veröffentlicht.
Am 28. Juli 1907 besucht André Gide das Fest seines Freundes Eugène Rouart. Man amüsiert sich, der Wein fließt in Strömen. Gide entdeckt den jungen Ferdinand Pouzac und ist von dessen erotischer Ausstrahlung fasziniert. Er beobachtet ihn und sucht seine Nähe, bis Ferdinand ihn schließlich spät in der Nacht nach Hause begleitet. Dort geben sie sich der Liebe hin. Ferdinand, der bei der Liebe gurrt wie eine Taube, trägt fortan den Spitznamen 'die Ringeltaube'.
André Gide hält dieses Erlebnis sofort in einer Erzählung fest. Doch er wird sie nie publizieren. War sie ihm zu persönlich? Eine sensationelle späte Entdeckung von Gides Tochter - nun erstmals veröffentlicht.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 20 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-421-05896-6 (9783421058966)
Schweitzer Classification
Persons
Author
André Gide (1869-1951) wurde in Paris geboren. Schon früh hatte er Kontakte zur französischen Avantgarde und schloss Freundschaft mit Mallarmé, Claudel, Valéry und Oscar Wilde. 1909 begründete er als Herausgeber die "Nouvelle Revue Française" mit und war jahrzehntelang einer der wichtigsten Literaten seiner Zeit. 1947 den erhielt er den Literaturnobelpreis. Zu seinen autobiographischen Schriften gehören u.a. "Tagebuch" (1889-1949) sowie "Stirb und werde" (1926). Seine bekanntesten erzählenden Werke sind "Der Immoralist" (1902), "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" (1907), "Die enge Pforte" (1909), "Die Pastoralsymphonie" (1919), "Die Falschmünzer" (1925) und "Die Schule der Frauen" (1929).
Afterword
Foreword
Translation
Andrea Spingler, geboren 1949 in Stuttgart, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie in München. Seit 1980 übersetzt sie französische Literatur und erhielt dafür den Eugen-Helmlé-Preis 2007 sowie den Prix lémanique de la traduction 2012. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.
Content
Vorwort
Im Nachlass meines Vaters habe ich eine kleine erotische Novelle aus dem Jahr 1907 gefunden mit dem Titel 'Die Ringeltaube'. Aus mehreren Gründen, solchen der Freundschaft oder der Moral, hat Gide sie nicht veröffentlicht. Beschäftigt mit neuen Abenteuern und wichtigen Arbeiten, hat er seinen Text dann wahrscheinlich aus dem Auge verloren. Was die berichtete Episode angeht, so brauchte er gewiss nicht die Veröffentlichung, um sich daran zu erinnern. Beim Lesen spürt man sofort, mit welcher Freude er sie niederschrieb.
Kann uns diese Einführung in die Liebe noch berühren? Sicherlich hinterlässt das heimliche Einverständnis der beiden Partner einen Eindruck von Frische und Poesie, und die Novelle vermittelt dem Leser das Erregende an der Entdeckung der Erotik, das Vergnügen der vertraulichen Nähe, den Triumph geteilter Begierde und Lust.
Für mich ist dieser kleine Text voller Lebensfreude. Er ist frei von jeglicher Perversität. Er bestätigt, dass es in Gides Fall ungerecht und falsch ist, von 'orgiastischem Verhalten' zu sprechen. Das passte nicht zu ihm.
Hier haben wir also einen äußerst nuancierten, behutsamen Initiationsbericht vor uns, während die Masse der Publikationen heutzutage gern die derbste Sexualität ins Zentrum rückt. Ist das nicht ein Grund mehr, ihn zu veröffentlichen?
Catherine Gide
Frühjahr 2002
Gide oder Die ewige Jugend
Seit dem Sommer 1907 schlummerte in den Papieren André Gides diese Ringeltaube, die seine Tochter Catherine zufällig gefunden hat und zu unserer größten Freude ediert sehen wollte. Ein bisher unveröffentlichtes Werk von Gide erscheint beinahe ein Jahrhundert nach seiner Niederschrift: Das kommt nicht jeden Tag vor. Wie bei den 'Falschmünzern', nur in kleinerem Maßstab, gibt es auch hier den Text 'Die Ringeltaube', die Geschichte der Ringeltaube, alias Ferdinand, und die Geschichte des Textes 'Die Ringeltaube'. Fehlt nur noch das Tagebuch der Ringeltaube . Gide hatte bekanntlich eine Vorliebe für diese vielfachen literarischen Spiegelungen 'en abyme'.
Die Ringeltaube ist eine kurze Novelle ('sieben recht große Bogen', notiert Gide am 1. August 1907 in seinem Tagebuch), in der er von jener ungewöhnlichen Nacht des 28. Juli erzählt, die er auf dem Anwesen seines Freundes Eugène Rouart in Bagnols-de-Grenade, unweit von Toulouse, mit Ferdinand Pouzac, dem zweitgeborenen Sohn eines Knechts von Rouart, verbrachte. Eine Nacht? Eher ein paar Stunden, denn der Abend hatte in Fronton begonnen, wo Gide an einer Feier anlässlich des haushohen Sieges von Rouart bei den Wahlen zum Bezirksrat teilnahm. (Eugène Rouart sollte seine politische Laufbahn fortsetzen und Senator des Departements Haute-Garonne werden.) Dank der Hilfsbereitschaft des Freundes konnte Gide dann in Begleitung des Jugendlichen - Gide glaubte, Ferdinand sei fünfzehn, in Wirklichkeit war er siebzehn - unauffällig verschwinden und auf seinem Zimmer in dessen Armen die Wollust erfahren. Nebenbei sei erwähnt, dass Ferdinand den reizenden Spitznamen 'Ringeltaube', mit dem die Freunde (Gide, Rouart und Ghéon) ihn stets bezeichnen werden, damals erhielt, 'weil das Liebesabenteuer in der Nacht ihn so sanft gurren ließ', wie Gide schreibt. Ohne auf die näheren Umstände des Abenteuers selbst und seiner Erotik 'voller Lebensfreude', wie Catherine Gide sagt, einzugehen, halten wir fest, dass Gide den Jüngling, der ihm unmissverständlich die Fellatio anbietet, etwas kess findet. 'Ich hielt ihn zurück, da ich selbst nicht sehr lasterhaft bin und es mir widerstrebte, durch irgendeinen hässlichen Exzess die Erinnerung zu verderben, die uns beiden von dieser Nacht bleiben würde', erklärt er. Gide, den einige leichtfertig als perversen Verführer beschrieben, schätzte, wie man weiß und wie er wiederholt äußerte, eine kindliche Form der Sexualität, wobei er sich mit der 'flüchtigsten Berührung' begnügte und die jungen Männer stets einverstanden oder sogar die treibende Kraft waren.
Jedenfalls hinterließ jene Nacht des 28. Juli 1907 bei dem fast Vierzigjährigen (Gide ist 1869 geboren), der bereits an die zwanzig Bücher verfasst hatte, darunter so bedeutende wie 'Paludes' (1895), 'Die Früchte der Erde' (1897) und 'Der Immoralist' (1902), einen tiefen und dauerhaften Eindruck: 'Ich machte Freudensprünge und hätte meilenweit gehen können; ich fühlte mich zehn Jahre jünger.' Den Bericht dieser Nacht - die für ihn fast so bedeutend ist wie 1895 seine Begegnung mit dem jungen Mohammed in Nordafrika, und 1910, nach Ferdinands Tod, wird Gide die beiden Episoden miteinander in Verbindung bringen - schreibt er in einem Zug nieder, aber nicht ohne an seinem Text zu feilen, wie die durchgestrichenen Passagen und Korrekturen im Manuskript beweisen. Als er am 1. August 1907 in sein Haus im normannischen Cuverville zurückkehrt, ist 'Die Ringeltaube' fertig - und in einem Briefumschlag verwahrt. Am 9. August wird er sie seinem Freund Jacques Copeau vorlesen, dessen Reaktion er fürchtet. Dieser zeigt sich gerührt von der Geschichte.
Die Rede war erneut von Ferdinand, als dieser krank wurde und Rouart und Ghéon ihn im Krankenhaus besuchten und sich um ihn kümmerten. Dann wieder bei seinem Tod 1910. Und schließlich 1921 am Rand des Manuskripts von 'Stirb und werde'. 'Die Ringeltaube' hätte ein Roman werden sollen, namentlich aus der Feder Eugène Rouarts. Wir wissen nicht, ob er ihn geschrieben hat. Es kann aber sein, dass Gides Novelle, von deren Existenz er wusste, auch wenn er sie nicht gelesen hatte, Rouarts Inspiration zunichte machte.
Gide hat seinen Text nie publiziert, obwohl er sonst nicht die Gewohnheit hatte, Unveröffentlichtes, auch persönlichen Charakters, für sich zu behalten. Vielleicht war ihm gerade dieser Text, als Ausnahme von seiner Regel, zu intim, zu 'eindeutig'. Und vielleicht beherzigte er auch, was einige seiner Freunde, wie der sehr vorsichtige Roger Martin du Gard, ihm rieten. Essayisten und Biographen hat das nicht gehindert, sich lang und breit über 'Die Ringeltaube' auszulassen. So nimmt der gehässige José Cabanis in Dieu et la NRF im Kapitel über Henri Ghéon wortreich zu der Episode Stellung. In seiner Biographie André Gide ou la vocation du bonheur, auf deren Fortsetzung wir noch immer warten (einmal müsste dieser 'Fluch' erklärt werden, dass es noch niemandem gelungen ist, Gides Leben von seiner Geburt bis zu seinem Tod 1951 erschöpfend und endgültig zu beschreiben, wohingegen seine Jugend in allen Einzelheiten erforscht worden ist, insbesondere von Jean Delay), erwähnt auch Claude Martin die Geschichte und erläutert in einer Anmerkung: 'Gide hat diesen Abend mit der >Ringeltaube< ausführlich geschildert [.], auf sieben Bogen, die nie veröffentlicht, aber sorgfältig in einem gelben Umschlag aufbewahrt wurden, der erhalten ist (Archiv Catherine Gide).' Hier spürt man die nur zu verständliche Frustration des Forschers.
Heute können wir 'Die Ringeltaube' endlich in ihrer ganzen 'Frische' und 'Poesie', wie Catherine Gide schreibt, entdecken. Ja, Frische und Poesie. Wir wissen, dass Gide sein Leben lang von Dutzenden Scheinheiligen, von Konformisten aller Art angegriffen wurde, die seinen Lebenswandel, seine Bekenntnisse zum Vorwand nahmen, um sein Werk auf den Index zu setzen und ihn an den Pranger zu stellen. Selbst heutzutage steigt diese hasserfüllte Kritik manchmal im Namen der Political correctness wie der Phönix aus der Asche. Genug davon! Gide selbst, in die Enge getrieben und verletzt durch ein vulgäres - und bezeichnenderweise anonymes - Pamphlet, das 1931 erschien, schrieb folgende, von Claude Martin zitierte Zeilen an Martin du Gard: 'Die Jugend verderben! Als wäre die Einführung in die Lust an sich eine Perversion! Im allgemeinen ist sie ganz das Gegenteil! Man vergisst oder vielmehr verkennt, was mit diesen Liebkosungen einhergeht, in welcher Atmosphäre des Vertrauens, der Aufrichtigkeit, des edlen Wettstreits diese Art Freundschaften entstehen und sich entwickeln![.] Zu meiner Rechtfertigung kann ich sagen: Mein Einfluss auf die Jugendlichen, die auf mich zugegangen sind, war immer nützlich und heilsam. Ja, das ist kein Paradox: Meine Rolle war immer eine versittlichende. Stets ist es mir gelungen, das Beste, was sie in sich hatten, noch zu steigern! Wie viele bereits auf die schiefe Bahn geratene Jungen habe ich auf den rechten Weg gebracht, die sich ohne mich ihren niedrigsten Instinkten überlassen hätten und vollends abgerutscht wären! Wie viele Aufsässige, Faule, Heuchler, Lügner haben auf meine Ratschläge gehört und Geschmack an der Arbeit, an der Redlichkeit, an der Ordnung, an der Schönheit gefunden! Eben dank dieser gegenseitigen Anziehung, dieser gegenseitigen Zärtlichkeit .'
Ein Plädoyer in eigener Sache vielleicht, aber auch das ergreifende Bekenntnis eines Mannes, der wiederholt den Angriffen seiner Zensoren ausgesetzt ist und der sich, was selten vorkommt, zu seinen Beziehungen äußert, wenn auch nur privat. Bisweilen vergißt man, wie viel Hass und Eifersucht Gide sein Leben lang erregte, beinahe soviel wie Bewunderung und Begeisterung; entsprechend eben seinem Format, seinem Einfluss auf Generationen von Lesern und Schriftstellern. Diese Zeilen haben etwas Sokratisches.
Und typisch für Gide ist auch diese Umkehrung der Situation, diese Pose als Verteidiger von Ordnung und Moral. Gide war kein Genet, dazu war er zu protestantisch. Gide hat es nicht nötig, entschuldigt oder verteidigt zu werden.
Hier muss man ihn einfach lesen. Entdecken wir also diese berühmte Ringeltaube in ihrer authentischen Gestalt. Gide und Ferdinand in ihrer ewigen Jugend. Nicht wie ein Archäologe, der einen Papyrus aus einem Grab holt, sondern wie ein Amateur, der zu dem verwirrenden literarischen Puzzle namens 'Gesammelte Werke von André Gide' das ganz kleine Teil hinzufügt, das noch fehlte. Seit fünfundneunzig Jahren.
Jean-Claude Perrier
Die Ringeltaube
Juli 1907 - Bagnols - Ferdinand - Die Ringeltaube
An diesem Tag (28. Juli 1907), dem Tag der Wahlen zum Bezirksrat, war in Fronton, der Kreisstadt, gerade Volksfest. Eug[ène] hatte konkurrenzlos und haushoch gewonnen. Musik, Festbeleuchtung, Raketen, alles schien zu seinen Ehren da zu sein. Nach der Auszählung der Stimmen seiner Kommune waren wir mit dem Gastwirt Lafage, dem Doktor Coulon und Fabre, dem Beigeordneten, in Fronton zum Essen gegangen.
Man servierte uns Schnecken und Kutteln, ich tat nur so, als würde ich davon essen; dann ein dürftiges Huhn. Doch nach der erdrückenden Hitze des Tages hatte man mehr Durst als Hunger, und die vorzüglichen Weine flossen reichlich. Am Nebentisch speisten mit Raymond, dem Chauffeur, die drei Fahrradboten, die R[ouart] eigens ausgeschickt hatte und die das glückliche Ergebnis der Wahlen aus den anderen Kommunen berichteten. Es waren Baptiste, sein Bruder Ferdinand und ein Dritter, Belangloserer, den ich noch nie gesehen hatte. Durch Zufall kam ich in Ferdinands Nähe; wir saßen fast Rücken an Rücken. Als zu der Musik auf dem Platz Raketen losgingen, konnte ich mich, ohne dass es allzu unnatürlich aussah, zu ihm hinüberbeugen und mich dabei mit einer Hand auf sein Knie stützen. Zweifellos spürte er, dass ich es mit einer gewissen Absicht tat, denn ich glaube wohl, er lächelte mir zu. Das Essen zog sich in die Länge; ich sehnte mich danach, mit ihnen ins Fest einzutauchen. Der Doktor, der Beigeordnete und der Gastwirt ließen sich mit meinem Freund auf eine politische Diskussion ein, ich stahl mich davon, beinahe ohne dass sie es merkten. Der kleine Coulon, der Sohn des Doktors, der um uns herumstrich, folgte mir. Ich fürchtete ein wenig, diesen Knaben verstimmt zu haben, da ich ihn acht Tage zuvor bei einer Fahrt im Automobil ein wenig bedrängt hatte. Er war im Gegenteil aber sehr zuvorkommend und erbot sich, mich zu führen. Die Hauptstraße des Dorfes war recht hübsch illuminiert. Dort drängte sich das Volk, und auf einem kleinen Platz spielte ein bescheidenes Orchester die Art Musik, die man zum Tanzen braucht. Der kleine Coulon, der sich ganz gelöst an mich lehnte, schien mir äußerst liebenswürdig; und sicher wäre er, hätte ich ihn umworben, nicht mehr so zurückhaltend gewesen wie neulich.
Er war es sogar, der mich etwas später am Abend fortzog und sich, abseits von der Menge und im Schatten, unter dem Vorwand der Müdigkeit beim ersten Wink ganz nah zu mir auf die Stufen einer Treppe setzte; an jedem anderen Abend hätte mir diese Freude genügt.
Doch die Menge lockte, und bald trafen wir wieder auf die Gruppe der vier jungen Leute vom Abendessen. Raymond, von ebenmäßiger Schönheit und allzu sehr dafür geschaffen, den Frauen zu gefallen, ließ mich kalt; nicht so Baptiste und noch weniger Ferdinand.
[Durchgestrichen: Er war ein Jahr jünger als sein Bruder, ich hatte ihn auf dem Hof nicht richtig gesehen oder nicht richtig angeschaut. Ich erkannte ihn kaum. Gewiss, die Freude und der Wein waren uns allen zu Kopf gestiegen; machte ihn das wirklich schöner, oder kam es mir nur so vor?]
Baptiste war sechzehn, Ferdinand ein Jahr jünger als sein Bruder. Auf dem Hof hatte ich ihn kaum bemerkt; der Überschwang des Festes verwandelte ihn. Doch da ich meine Vorliebe nicht zu früh offenbaren wollte, plauderte ich mit allen vieren gleichermaßen, animierte sie zum Tanzen, bot an, für sie Weiber, wie sie es nannten, aufzufordern. Ferdinand trug eine bauschige Leinenhose, die an den Fesseln mit den Riemen der Sandalen zusammengebunden war, so dass er aussah wie ein Mameluck. Die engsitzende leichte Jacke betonte seine Schlankheit. Den Hut, den er aufhatte, sehe ich nicht mehr vor mir, aber ich erinnere mich, dass ihm die halblangen Haare ungeordnet in die Stirn hingen. Sein Hemd, das unter der offenen Jacke hervorschaute, war, wie auf dem Land üblich, dunkelblau.
Ich ging am Arm bald des einen, bald des anderen; im Schutz der Menge und der Nacht wagte ich mehr. Und alles, was ich wagte, schienen sie zu erwarten, so bereitwillig gaben sie sich zu dem her, was schon mehr als Kühnheit war.
Vater Coulon, der Doktor, scheuchte mich auf. Er klopft mir plötzlich auf die Schulter: 'Ach, Sie wollen sich verdrücken! - Kommen Sie doch mit.' Und so weiter. Ich tue, als folgte ich ihm, und ergreife die Flucht.
An der Biegung der Straßen sehe ich im Halbschatten, wie sich Raymond und Ferdinand, die das bestimmt verabredet hatten, treffen und in die Nacht davonlaufen. Einen Augenblick war meine Freude von der Sorge getrübt: Wo sind sie? Was machen sie?
Erst sehr viel später brachte mich der kleine Coulon auf den Gedanken, sie beim Automobil zu suchen. Dieses war im Schuppen des Doktors abgestellt worden. Tatsächlich, da sind Raymond und Ferdinand damit beschäftigt, es wieder in Gang zu setzen. Ich nehme Ferdinand beiseite, frage ihn, was er mit Raymond gemacht habe, kann jedoch nichts aus ihm herausbringen. Aber ich bin nicht abweisend und liebkose ihn, während ich ihn befrage, mit der Hand, mit dem Lächeln und mit der Stimme.
Wir fahren ab. Gern blieb ich noch; doch warum? Ferdinand folgt uns. Ich befürchte, dass das Auto zu schnell ist, dass er nicht Schritt halten kann; doch nein; tapfer legt er sich ins Zeug und gewinnt an den Steigungen sogar einen Vorsprung vor uns.
Unterdessen erzähle ich R[ouart] meinen Tag: die Begegnung mit Jean Coulon am Ufer der Garonne. Seine Bemerkung, sobald ich angefangen habe: 'Der kleine Touja wollte es gerade mit mir treiben.' (François Touja ist der, dem wir wegen seines gebräunten Gesichts den Spitznamen 'Aprikose' gegeben hatten; er ist der jüngste in R[ouart]s Herde.) Jean Coulon ist trotz seiner Bereitwilligkeit zu unreif und erregt nur mein Gehirn; trotzdem habe ich bei ihm große Lust empfunden. Noch unreifer und dennoch fabelhaft entwickelt, der kleine Lazare, Jeans Bruder, den ich mir im Vorbeigehen auf einer Gartenbank schnappe, hingestreckt wie zur Siesta, aber sein Blick begehrlich, lüstern und verschlagen, drei Tage musste ich ihm hinterherlaufen. Was hätte ich nicht alles zu sagen über diesen Nichtsnutz!
Diese beiden am Tag und nachts der Sohn des Doktors, das hatte mich einigermaßen erschöpft. Um wieder neues Verlangen zu verspüren, brauchte es diese außerordentliche Gelegenheit, die sich durch R[ouart]s Entgegenkommen bieten sollte. Vielleicht trug Ferdinand selbst ein wenig dazu bei. Denn schließlich, warum begleitete er uns, als einziger von seiner Bande, während sich sein Bruder und seine Freunde weiter in Fronton amüsierten? In den vergangenen Tagen hatte Rouart sein Bestes getan, um mir zu meiner Lust zu verhelfen. Eines Abends hatte er Aprikose kommen lassen; eines Morgens hatte er mir den großen Jacques gebracht. Es lag nicht an ihm, wenn diese gleichzeitig allzu vorbereiteten und allzu hastigen Freuden meinen Hunger nur sehr schlecht gestillt haben. Ich verhehlte ihm nicht, dass ich keuchend, mit hängender Zunge und .
Im Nachlass meines Vaters habe ich eine kleine erotische Novelle aus dem Jahr 1907 gefunden mit dem Titel 'Die Ringeltaube'. Aus mehreren Gründen, solchen der Freundschaft oder der Moral, hat Gide sie nicht veröffentlicht. Beschäftigt mit neuen Abenteuern und wichtigen Arbeiten, hat er seinen Text dann wahrscheinlich aus dem Auge verloren. Was die berichtete Episode angeht, so brauchte er gewiss nicht die Veröffentlichung, um sich daran zu erinnern. Beim Lesen spürt man sofort, mit welcher Freude er sie niederschrieb.
Kann uns diese Einführung in die Liebe noch berühren? Sicherlich hinterlässt das heimliche Einverständnis der beiden Partner einen Eindruck von Frische und Poesie, und die Novelle vermittelt dem Leser das Erregende an der Entdeckung der Erotik, das Vergnügen der vertraulichen Nähe, den Triumph geteilter Begierde und Lust.
Für mich ist dieser kleine Text voller Lebensfreude. Er ist frei von jeglicher Perversität. Er bestätigt, dass es in Gides Fall ungerecht und falsch ist, von 'orgiastischem Verhalten' zu sprechen. Das passte nicht zu ihm.
Hier haben wir also einen äußerst nuancierten, behutsamen Initiationsbericht vor uns, während die Masse der Publikationen heutzutage gern die derbste Sexualität ins Zentrum rückt. Ist das nicht ein Grund mehr, ihn zu veröffentlichen?
Catherine Gide
Frühjahr 2002
Gide oder Die ewige Jugend
Seit dem Sommer 1907 schlummerte in den Papieren André Gides diese Ringeltaube, die seine Tochter Catherine zufällig gefunden hat und zu unserer größten Freude ediert sehen wollte. Ein bisher unveröffentlichtes Werk von Gide erscheint beinahe ein Jahrhundert nach seiner Niederschrift: Das kommt nicht jeden Tag vor. Wie bei den 'Falschmünzern', nur in kleinerem Maßstab, gibt es auch hier den Text 'Die Ringeltaube', die Geschichte der Ringeltaube, alias Ferdinand, und die Geschichte des Textes 'Die Ringeltaube'. Fehlt nur noch das Tagebuch der Ringeltaube . Gide hatte bekanntlich eine Vorliebe für diese vielfachen literarischen Spiegelungen 'en abyme'.
Die Ringeltaube ist eine kurze Novelle ('sieben recht große Bogen', notiert Gide am 1. August 1907 in seinem Tagebuch), in der er von jener ungewöhnlichen Nacht des 28. Juli erzählt, die er auf dem Anwesen seines Freundes Eugène Rouart in Bagnols-de-Grenade, unweit von Toulouse, mit Ferdinand Pouzac, dem zweitgeborenen Sohn eines Knechts von Rouart, verbrachte. Eine Nacht? Eher ein paar Stunden, denn der Abend hatte in Fronton begonnen, wo Gide an einer Feier anlässlich des haushohen Sieges von Rouart bei den Wahlen zum Bezirksrat teilnahm. (Eugène Rouart sollte seine politische Laufbahn fortsetzen und Senator des Departements Haute-Garonne werden.) Dank der Hilfsbereitschaft des Freundes konnte Gide dann in Begleitung des Jugendlichen - Gide glaubte, Ferdinand sei fünfzehn, in Wirklichkeit war er siebzehn - unauffällig verschwinden und auf seinem Zimmer in dessen Armen die Wollust erfahren. Nebenbei sei erwähnt, dass Ferdinand den reizenden Spitznamen 'Ringeltaube', mit dem die Freunde (Gide, Rouart und Ghéon) ihn stets bezeichnen werden, damals erhielt, 'weil das Liebesabenteuer in der Nacht ihn so sanft gurren ließ', wie Gide schreibt. Ohne auf die näheren Umstände des Abenteuers selbst und seiner Erotik 'voller Lebensfreude', wie Catherine Gide sagt, einzugehen, halten wir fest, dass Gide den Jüngling, der ihm unmissverständlich die Fellatio anbietet, etwas kess findet. 'Ich hielt ihn zurück, da ich selbst nicht sehr lasterhaft bin und es mir widerstrebte, durch irgendeinen hässlichen Exzess die Erinnerung zu verderben, die uns beiden von dieser Nacht bleiben würde', erklärt er. Gide, den einige leichtfertig als perversen Verführer beschrieben, schätzte, wie man weiß und wie er wiederholt äußerte, eine kindliche Form der Sexualität, wobei er sich mit der 'flüchtigsten Berührung' begnügte und die jungen Männer stets einverstanden oder sogar die treibende Kraft waren.
Jedenfalls hinterließ jene Nacht des 28. Juli 1907 bei dem fast Vierzigjährigen (Gide ist 1869 geboren), der bereits an die zwanzig Bücher verfasst hatte, darunter so bedeutende wie 'Paludes' (1895), 'Die Früchte der Erde' (1897) und 'Der Immoralist' (1902), einen tiefen und dauerhaften Eindruck: 'Ich machte Freudensprünge und hätte meilenweit gehen können; ich fühlte mich zehn Jahre jünger.' Den Bericht dieser Nacht - die für ihn fast so bedeutend ist wie 1895 seine Begegnung mit dem jungen Mohammed in Nordafrika, und 1910, nach Ferdinands Tod, wird Gide die beiden Episoden miteinander in Verbindung bringen - schreibt er in einem Zug nieder, aber nicht ohne an seinem Text zu feilen, wie die durchgestrichenen Passagen und Korrekturen im Manuskript beweisen. Als er am 1. August 1907 in sein Haus im normannischen Cuverville zurückkehrt, ist 'Die Ringeltaube' fertig - und in einem Briefumschlag verwahrt. Am 9. August wird er sie seinem Freund Jacques Copeau vorlesen, dessen Reaktion er fürchtet. Dieser zeigt sich gerührt von der Geschichte.
Die Rede war erneut von Ferdinand, als dieser krank wurde und Rouart und Ghéon ihn im Krankenhaus besuchten und sich um ihn kümmerten. Dann wieder bei seinem Tod 1910. Und schließlich 1921 am Rand des Manuskripts von 'Stirb und werde'. 'Die Ringeltaube' hätte ein Roman werden sollen, namentlich aus der Feder Eugène Rouarts. Wir wissen nicht, ob er ihn geschrieben hat. Es kann aber sein, dass Gides Novelle, von deren Existenz er wusste, auch wenn er sie nicht gelesen hatte, Rouarts Inspiration zunichte machte.
Gide hat seinen Text nie publiziert, obwohl er sonst nicht die Gewohnheit hatte, Unveröffentlichtes, auch persönlichen Charakters, für sich zu behalten. Vielleicht war ihm gerade dieser Text, als Ausnahme von seiner Regel, zu intim, zu 'eindeutig'. Und vielleicht beherzigte er auch, was einige seiner Freunde, wie der sehr vorsichtige Roger Martin du Gard, ihm rieten. Essayisten und Biographen hat das nicht gehindert, sich lang und breit über 'Die Ringeltaube' auszulassen. So nimmt der gehässige José Cabanis in Dieu et la NRF im Kapitel über Henri Ghéon wortreich zu der Episode Stellung. In seiner Biographie André Gide ou la vocation du bonheur, auf deren Fortsetzung wir noch immer warten (einmal müsste dieser 'Fluch' erklärt werden, dass es noch niemandem gelungen ist, Gides Leben von seiner Geburt bis zu seinem Tod 1951 erschöpfend und endgültig zu beschreiben, wohingegen seine Jugend in allen Einzelheiten erforscht worden ist, insbesondere von Jean Delay), erwähnt auch Claude Martin die Geschichte und erläutert in einer Anmerkung: 'Gide hat diesen Abend mit der >Ringeltaube< ausführlich geschildert [.], auf sieben Bogen, die nie veröffentlicht, aber sorgfältig in einem gelben Umschlag aufbewahrt wurden, der erhalten ist (Archiv Catherine Gide).' Hier spürt man die nur zu verständliche Frustration des Forschers.
Heute können wir 'Die Ringeltaube' endlich in ihrer ganzen 'Frische' und 'Poesie', wie Catherine Gide schreibt, entdecken. Ja, Frische und Poesie. Wir wissen, dass Gide sein Leben lang von Dutzenden Scheinheiligen, von Konformisten aller Art angegriffen wurde, die seinen Lebenswandel, seine Bekenntnisse zum Vorwand nahmen, um sein Werk auf den Index zu setzen und ihn an den Pranger zu stellen. Selbst heutzutage steigt diese hasserfüllte Kritik manchmal im Namen der Political correctness wie der Phönix aus der Asche. Genug davon! Gide selbst, in die Enge getrieben und verletzt durch ein vulgäres - und bezeichnenderweise anonymes - Pamphlet, das 1931 erschien, schrieb folgende, von Claude Martin zitierte Zeilen an Martin du Gard: 'Die Jugend verderben! Als wäre die Einführung in die Lust an sich eine Perversion! Im allgemeinen ist sie ganz das Gegenteil! Man vergisst oder vielmehr verkennt, was mit diesen Liebkosungen einhergeht, in welcher Atmosphäre des Vertrauens, der Aufrichtigkeit, des edlen Wettstreits diese Art Freundschaften entstehen und sich entwickeln![.] Zu meiner Rechtfertigung kann ich sagen: Mein Einfluss auf die Jugendlichen, die auf mich zugegangen sind, war immer nützlich und heilsam. Ja, das ist kein Paradox: Meine Rolle war immer eine versittlichende. Stets ist es mir gelungen, das Beste, was sie in sich hatten, noch zu steigern! Wie viele bereits auf die schiefe Bahn geratene Jungen habe ich auf den rechten Weg gebracht, die sich ohne mich ihren niedrigsten Instinkten überlassen hätten und vollends abgerutscht wären! Wie viele Aufsässige, Faule, Heuchler, Lügner haben auf meine Ratschläge gehört und Geschmack an der Arbeit, an der Redlichkeit, an der Ordnung, an der Schönheit gefunden! Eben dank dieser gegenseitigen Anziehung, dieser gegenseitigen Zärtlichkeit .'
Ein Plädoyer in eigener Sache vielleicht, aber auch das ergreifende Bekenntnis eines Mannes, der wiederholt den Angriffen seiner Zensoren ausgesetzt ist und der sich, was selten vorkommt, zu seinen Beziehungen äußert, wenn auch nur privat. Bisweilen vergißt man, wie viel Hass und Eifersucht Gide sein Leben lang erregte, beinahe soviel wie Bewunderung und Begeisterung; entsprechend eben seinem Format, seinem Einfluss auf Generationen von Lesern und Schriftstellern. Diese Zeilen haben etwas Sokratisches.
Und typisch für Gide ist auch diese Umkehrung der Situation, diese Pose als Verteidiger von Ordnung und Moral. Gide war kein Genet, dazu war er zu protestantisch. Gide hat es nicht nötig, entschuldigt oder verteidigt zu werden.
Hier muss man ihn einfach lesen. Entdecken wir also diese berühmte Ringeltaube in ihrer authentischen Gestalt. Gide und Ferdinand in ihrer ewigen Jugend. Nicht wie ein Archäologe, der einen Papyrus aus einem Grab holt, sondern wie ein Amateur, der zu dem verwirrenden literarischen Puzzle namens 'Gesammelte Werke von André Gide' das ganz kleine Teil hinzufügt, das noch fehlte. Seit fünfundneunzig Jahren.
Jean-Claude Perrier
Die Ringeltaube
Juli 1907 - Bagnols - Ferdinand - Die Ringeltaube
An diesem Tag (28. Juli 1907), dem Tag der Wahlen zum Bezirksrat, war in Fronton, der Kreisstadt, gerade Volksfest. Eug[ène] hatte konkurrenzlos und haushoch gewonnen. Musik, Festbeleuchtung, Raketen, alles schien zu seinen Ehren da zu sein. Nach der Auszählung der Stimmen seiner Kommune waren wir mit dem Gastwirt Lafage, dem Doktor Coulon und Fabre, dem Beigeordneten, in Fronton zum Essen gegangen.
Man servierte uns Schnecken und Kutteln, ich tat nur so, als würde ich davon essen; dann ein dürftiges Huhn. Doch nach der erdrückenden Hitze des Tages hatte man mehr Durst als Hunger, und die vorzüglichen Weine flossen reichlich. Am Nebentisch speisten mit Raymond, dem Chauffeur, die drei Fahrradboten, die R[ouart] eigens ausgeschickt hatte und die das glückliche Ergebnis der Wahlen aus den anderen Kommunen berichteten. Es waren Baptiste, sein Bruder Ferdinand und ein Dritter, Belangloserer, den ich noch nie gesehen hatte. Durch Zufall kam ich in Ferdinands Nähe; wir saßen fast Rücken an Rücken. Als zu der Musik auf dem Platz Raketen losgingen, konnte ich mich, ohne dass es allzu unnatürlich aussah, zu ihm hinüberbeugen und mich dabei mit einer Hand auf sein Knie stützen. Zweifellos spürte er, dass ich es mit einer gewissen Absicht tat, denn ich glaube wohl, er lächelte mir zu. Das Essen zog sich in die Länge; ich sehnte mich danach, mit ihnen ins Fest einzutauchen. Der Doktor, der Beigeordnete und der Gastwirt ließen sich mit meinem Freund auf eine politische Diskussion ein, ich stahl mich davon, beinahe ohne dass sie es merkten. Der kleine Coulon, der Sohn des Doktors, der um uns herumstrich, folgte mir. Ich fürchtete ein wenig, diesen Knaben verstimmt zu haben, da ich ihn acht Tage zuvor bei einer Fahrt im Automobil ein wenig bedrängt hatte. Er war im Gegenteil aber sehr zuvorkommend und erbot sich, mich zu führen. Die Hauptstraße des Dorfes war recht hübsch illuminiert. Dort drängte sich das Volk, und auf einem kleinen Platz spielte ein bescheidenes Orchester die Art Musik, die man zum Tanzen braucht. Der kleine Coulon, der sich ganz gelöst an mich lehnte, schien mir äußerst liebenswürdig; und sicher wäre er, hätte ich ihn umworben, nicht mehr so zurückhaltend gewesen wie neulich.
Er war es sogar, der mich etwas später am Abend fortzog und sich, abseits von der Menge und im Schatten, unter dem Vorwand der Müdigkeit beim ersten Wink ganz nah zu mir auf die Stufen einer Treppe setzte; an jedem anderen Abend hätte mir diese Freude genügt.
Doch die Menge lockte, und bald trafen wir wieder auf die Gruppe der vier jungen Leute vom Abendessen. Raymond, von ebenmäßiger Schönheit und allzu sehr dafür geschaffen, den Frauen zu gefallen, ließ mich kalt; nicht so Baptiste und noch weniger Ferdinand.
[Durchgestrichen: Er war ein Jahr jünger als sein Bruder, ich hatte ihn auf dem Hof nicht richtig gesehen oder nicht richtig angeschaut. Ich erkannte ihn kaum. Gewiss, die Freude und der Wein waren uns allen zu Kopf gestiegen; machte ihn das wirklich schöner, oder kam es mir nur so vor?]
Baptiste war sechzehn, Ferdinand ein Jahr jünger als sein Bruder. Auf dem Hof hatte ich ihn kaum bemerkt; der Überschwang des Festes verwandelte ihn. Doch da ich meine Vorliebe nicht zu früh offenbaren wollte, plauderte ich mit allen vieren gleichermaßen, animierte sie zum Tanzen, bot an, für sie Weiber, wie sie es nannten, aufzufordern. Ferdinand trug eine bauschige Leinenhose, die an den Fesseln mit den Riemen der Sandalen zusammengebunden war, so dass er aussah wie ein Mameluck. Die engsitzende leichte Jacke betonte seine Schlankheit. Den Hut, den er aufhatte, sehe ich nicht mehr vor mir, aber ich erinnere mich, dass ihm die halblangen Haare ungeordnet in die Stirn hingen. Sein Hemd, das unter der offenen Jacke hervorschaute, war, wie auf dem Land üblich, dunkelblau.
Ich ging am Arm bald des einen, bald des anderen; im Schutz der Menge und der Nacht wagte ich mehr. Und alles, was ich wagte, schienen sie zu erwarten, so bereitwillig gaben sie sich zu dem her, was schon mehr als Kühnheit war.
Vater Coulon, der Doktor, scheuchte mich auf. Er klopft mir plötzlich auf die Schulter: 'Ach, Sie wollen sich verdrücken! - Kommen Sie doch mit.' Und so weiter. Ich tue, als folgte ich ihm, und ergreife die Flucht.
An der Biegung der Straßen sehe ich im Halbschatten, wie sich Raymond und Ferdinand, die das bestimmt verabredet hatten, treffen und in die Nacht davonlaufen. Einen Augenblick war meine Freude von der Sorge getrübt: Wo sind sie? Was machen sie?
Erst sehr viel später brachte mich der kleine Coulon auf den Gedanken, sie beim Automobil zu suchen. Dieses war im Schuppen des Doktors abgestellt worden. Tatsächlich, da sind Raymond und Ferdinand damit beschäftigt, es wieder in Gang zu setzen. Ich nehme Ferdinand beiseite, frage ihn, was er mit Raymond gemacht habe, kann jedoch nichts aus ihm herausbringen. Aber ich bin nicht abweisend und liebkose ihn, während ich ihn befrage, mit der Hand, mit dem Lächeln und mit der Stimme.
Wir fahren ab. Gern blieb ich noch; doch warum? Ferdinand folgt uns. Ich befürchte, dass das Auto zu schnell ist, dass er nicht Schritt halten kann; doch nein; tapfer legt er sich ins Zeug und gewinnt an den Steigungen sogar einen Vorsprung vor uns.
Unterdessen erzähle ich R[ouart] meinen Tag: die Begegnung mit Jean Coulon am Ufer der Garonne. Seine Bemerkung, sobald ich angefangen habe: 'Der kleine Touja wollte es gerade mit mir treiben.' (François Touja ist der, dem wir wegen seines gebräunten Gesichts den Spitznamen 'Aprikose' gegeben hatten; er ist der jüngste in R[ouart]s Herde.) Jean Coulon ist trotz seiner Bereitwilligkeit zu unreif und erregt nur mein Gehirn; trotzdem habe ich bei ihm große Lust empfunden. Noch unreifer und dennoch fabelhaft entwickelt, der kleine Lazare, Jeans Bruder, den ich mir im Vorbeigehen auf einer Gartenbank schnappe, hingestreckt wie zur Siesta, aber sein Blick begehrlich, lüstern und verschlagen, drei Tage musste ich ihm hinterherlaufen. Was hätte ich nicht alles zu sagen über diesen Nichtsnutz!
Diese beiden am Tag und nachts der Sohn des Doktors, das hatte mich einigermaßen erschöpft. Um wieder neues Verlangen zu verspüren, brauchte es diese außerordentliche Gelegenheit, die sich durch R[ouart]s Entgegenkommen bieten sollte. Vielleicht trug Ferdinand selbst ein wenig dazu bei. Denn schließlich, warum begleitete er uns, als einziger von seiner Bande, während sich sein Bruder und seine Freunde weiter in Fronton amüsierten? In den vergangenen Tagen hatte Rouart sein Bestes getan, um mir zu meiner Lust zu verhelfen. Eines Abends hatte er Aprikose kommen lassen; eines Morgens hatte er mir den großen Jacques gebracht. Es lag nicht an ihm, wenn diese gleichzeitig allzu vorbereiteten und allzu hastigen Freuden meinen Hunger nur sehr schlecht gestillt haben. Ich verhehlte ihm nicht, dass ich keuchend, mit hängender Zunge und .