Undank ist der Väter Lohn
Ein Inspektor-Lynley-Roman
Elizabeth George(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 1. January 2003
Book
Paperback/Softback
736 pages
978-3-442-05494-7 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
Der Selbstmord eines berühmten Londoner Komponisten und die Leichen zweier ermordeter junger Menschen in einem gottverlassenen Moor: Das Ermittlergespann Lynley und Havers steht vor der größten beruflichen - und menschlichen - Herausforderung ihrer gemeinsamen Laufbahn.
More details
Series
5494
Language
German
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-442-05494-7 (9783442054947)
Schweitzer Classification
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Persons
Akribische Recherche, präziser Spannungsaufbau und höchste psychologische Raffinesse zeichnen die Bücher der Amerikanerin Elizabeth George aus. Ihre Fälle sind stets detailgenaue Porträts unserer Zeit und ihrer Gesellschaft. Elizabeth George, die lange an
Content
Julian Britton war sich im klaren darüber, daß er bisher nichts aus seinem Leben gemacht hatte. Er züchtete Hunde, er verwaltete den Familiensitz, der kaum noch mehr war als eine bröckelnde Ruine, und er versuchte mit täglichen Vorträgen, seinen Vater vom Alkohol fernzuhalten. Das war auch schon alles. Zur Meisterschaft hatte er es einzig darin gebracht, Gin in den Ausguß zu kippen, und so fühlte er sich jetzt mit seinen siebenundzwanzig Jahren als völliger Versager. Aber heute abend durfte er nicht klein beigeben. Er mußte sich durchsetzen.
Er begann mit den Vorbereitungen bei seiner äußeren Erscheinung. Vor dem Ankleidespiegel in seinem Zimmer unterzog er sich einer gnadenlosen Musterung, zupfte seinen Hemdkragen gerade, schnippte einen Fussel von seiner Schulter. Stirnrunzelnd betrachtete er sein Gesicht und bemühte sich, den Ausdruck in seine Züge zu legen, den er am Abend zeigen wollte. Ernsthaftigkeit wäre angemessen, meinte er. Und auch eine gewisse Besorgnis, denn die war vertretbar. Aber keinesfalls durfte er den Anschein erwecken, mit einem inneren Konflikt zu kämpfen, und schon gar nicht durfte er aussehen, als sei er völlig aus dem Lot. Und er durfte sich auf keinen Fall fragen, wie er gerade in diesem Augenblick, da sein Leben ein einziges Trümmerfeld war, dazu kam, dieses Wagnis einzugehen.
Zwei schlaflose Nächte und zwei endlose Tage hatten ihm reichlich Zeit gegeben, sich zu überlegen, was er sagen wollte. Und in der Tat hatte Julian den größten Teil der beiden Nächte und Tage nach Nicola Maidens unglaublicher Enthüllung mit wohldurchdachten Phantasiegesprächen gefüllt, gerade mit so viel Besorgnis unterlegt, daß keiner auf den Gedanken kommen konnte, er fühle sich in irgendeiner Weise persönlich betroffen. Und nun, nach achtundvierzig Stunden ununterbrochener Selbstgespräche, trieb es Julian, die Sache endlich auf den Weg zu bringen, auch wenn er keine Garantie dafür hatte, daß seinen Worten das gewünschte Gewicht beigemessen würde.
Er wandte sich vom Spiegel ab und nahm seine Autoschlüssel von der Kommode. Die feine Staubschicht, die sonst meist das mattglänzende Holz bedeckte, war entfernt worden. Samantha, seine Cousine, hatte sich also wieder einmal in eine Putzorgie gestürzt, ein sicheres Zeichen dafür, daß sie bei ihrem wildentschlossenen Bemühen, seinem Vater das Trinken auszutreiben, erneut gescheitert war.
In ebendieser Absicht, ihren Onkel vor dem Alkohol zu retten, war Samantha vor acht Monaten nach Derbyshire gekommen, ein guter Engel, der eines Tages in Broughton Manor erschien, um eine Familie wiederzuvereinen, die seit mehr als drei Jahrzehnten zerstritten war. Sie hatte in dieser Richtung allerdings kaum etwas erreicht, und Julian fragte sich, wie lange sie den Kampf noch weiterführen würde.
'Wir müssen ihn trocken kriegen, Julie', hatte Samantha erst an diesem Morgen gesagt. 'Dir muß doch klar sein, wie wichtig das gerade jetzt ist.'
Nicola andererseits, die seinen Vater seit acht Jahren kannte und nicht erst seit acht Monaten, vertrat schon lange den Standpunkt, ihn in Ruhe zu lassen. Mehr als einmal hatte sie gesagt: 'Wenn dein Dad sich zu Tode trinken will, kannst du nichts dagegen tun, Jule. Und Sam genausowenig.' Aber Nicola hatte ja auch keine Ahnung, was das für ein Gefühl war, wenn man zusehen mußte, wie der eigene Vater langsam, aber sicher dem Alkohol verfiel und immer tiefer in trunkenen Wahnvorstellungen von einer romantischen Vergangenheit versank. Sie war in einer Umgebung groß geworden, wo die Dinge das waren, was sie zu sein schienen. Sie hatte Eltern, deren Liebe unerschütterlich war. Sie hatte nicht die bittere Erfahrung machen müssen, zuerst von der Mutter im Stich gelassen zu werden, weil die sich den 'Blumenkindern' angeschlossen hatte und am Abend vor dem zwölften Geburtstag ihres Kindes auf und davon war, um bei einem Guru in wallenden Gewändern zu 'studieren', und dann vom Vater, dessen Liebe zum Alkohol anscheinend stärker war als die Liebe zu seinen drei Kindern. Ja, dachte Julian, hätte Nicola sich auch nur einmal über die unterschiedlichen Verhältnisse, in denen sie beide aufgewachsen waren, Gedanken gemacht, so hätte sie vielleicht erkannt, daß jede ihrer verdammten Entscheidungen -
Er dachte nicht weiter. Diese Gedanken würde er nicht zulassen. Er konnte es sich nicht erlauben. Er durfte sich nicht von dem Vorhaben, das jetzt in Angriff genommen werden mußte, ablenken lassen.
'Jetzt hör mir mal zu!' Er nahm seine Brieftasche und schob sie ein. 'Du bist für jede gut genug. Sie hat Scheißangst gekriegt. Sie hat den falschen Weg genommen. Und damit basta. Behalt das im Kopf. Und denk dran, daß jeder weiß, wie gut ihr beide immer zueinander gepaßt habt.'
Daran glaubte er. Nicola Maiden war seit Jahren genauso ein Teil von Julian Brittons Leben wie er ein Teil von ihrem. Wer sie kannte, wußte längst, daß sie zusammengehörten. Nicola war die einzige, die das offenbar nicht akzeptierte.
'Ich weiß ja, daß wir nicht verlobt sind', hatte er ihr an dem Abend vor zwei Tagen gesagt, als sie ihm eröffnet hatte, daß sie für immer aus dem Peak District fort wolle und von nun an nur noch zu Kurzbesuchen zurückkehren würde. 'Aber zwischen uns hat es doch immer eine stillschweigende Vereinbarung gegeben, oder nicht? Ich würde nicht mit dir schlafen, wenn ich das nicht ernst nähme. Komm schon, Nick! Verdammt noch mal, du kennst mich doch!'
Es war nicht der Heiratsantrag, wie er ihn sich vorgestellt hatte, und sie interpretierte seine Worte auch nicht so. Sie sagte sehr direkt: 'Jule, ich mag dich unheimlich gern. Du bist ein prima Kerl und warst mir immer ein echter Freund. Und bei uns läuft's gut, viel besser als es für mich je mit einem anderen gelaufen ist.'
'Ja, also dann -'
'Aber ich liebe dich nicht', fuhr sie fort. 'Sex ist nicht gleich Liebe. Das ist nur in Filmen und Büchern so.'
Im ersten Moment war er sprachlos vor Bestürzung. Es war, als hätte jemand jeden Gedanken in seinem Kopf gelöscht. Und als er schwieg, sprach sie weiter.
Sie würde, sagte sie, weiterhin seine Freundin im Peak District bleiben, wenn er das wolle. Sie würde hin und wieder ihre Eltern besuchen kommen und sich gerne immer die Zeit nehmen, auch Julian zu sehen. Sie könnten, wenn er das wolle, auch in Zukunft miteinander schlafen. Ihr sei das recht. Aber heiraten? Dazu seien sie beide viel zu verschieden, erklärte sie.
'Ich weiß, wieviel dir daran liegt, Broughton Manor zu erhalten', sagte sie. 'Das ist dein Traum, und du wirst ihn wahrmachen. Aber mir bedeutet dieser Traum nichts, und ich bin nicht bereit, dich oder mich damit zu kränken, daß ich so tue, als ob. Das ist keinem gegenüber fair.'
Und endlich sagte er in einem Moment der bitteren Klarheit: 'Es geht doch nur um das gottverfluchte Geld. Und die Tatsache, daß ich keines habe oder jedenfalls nicht genug, um dir zu genügen.'
'Nein, Julian, das stimmt nicht. Nicht ganz.' Sie drehte sich halb herum, so daß sie ihm ins Gesicht sehen konnte, und seufzte tief. 'Ich will versuchen, es dir zu erklären.'
Er hatte sie angehört, stundenlang, wie ihm schien, obwohl sie wahrscheinlich kaum zehn Minuten gesprochen hatte. Und am Ende, als alles zwischen ihnen gesagt war, als sie aus dem Rover gestiegen und im Schatten der Giebelveranda von Maiden Hall verschwunden war, war er wie im Schlaf nach Hause gefahren, betäubt von Schmerz, Verwirrung und ungläubiger Überraschung. Nein, hatte er immer nur gedacht, nein, sie könnte doch nie. sie kann nicht ernstlich. nein. Nach der ersten schlaflosen Nacht war ihm in all seinem Schmerz klargeworden, daß er unbedingt etwas unternehmen mußte. Er hatte sie angerufen, und sie hatte eingewilligt, sich mit ihm zu treffen. Sie würde es niemals ablehnen, ihn zu sehen, hatte sie gesagt.
Ehe er aus dem Zimmer ging, warf er einen letzten Blick in den Spiegel und gönnte sich ein letztes Wort der Selbstbestätigung. 'Ihr habt euch immer gut verstanden. Vergiß das nicht.'
Dann ging er durch den düsteren oberen Korridor des Gutshauses und öffnete die Tür zu dem kleinen Raum, den sein Vater als Wohnzimmer benutzte. Die angespannten finanziellen Verhältnisse der Familie hatten zu einem allgemeinen Auszug aus den größeren unteren Räumen geführt, die mit dem Verkauf antiker Möbelstücke, von Gemälden und Kunstgegenständen allmählich unbewohnbar geworden waren. Jetzt lebten die Brittons nur noch in der oberen Etage des Hauses. Zimmer waren genug da, aber sie waren klein und dunkel.
Jeremy Britton saß in seinem Wohnzimmer, offensichtlich volltrunken. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, und zwischen den Fingern seiner rechten Hand verglühte eine Zigarette. Julian ging zu ihm und nahm ihm die Zigarette ab. Sein Vater rührte sich nicht.
Julian schüttelte resigniert den Kopf, als er ihn betrachtete: All sein Verstand, seine Kraft und sein Stolz waren ausgelöscht von der Sucht. Eines Tages würde sein Vater noch das Haus abbrennen. Es gab Momente - wie eben jetzt -, da dachte Julian, ein vernichtender Brand wäre vielleicht sogar das Beste. Er drückte die Zigarette aus und nahm die Packung Dunhill und das Feuerzeug aus der Brusttasche seines Vaters. Dann packte er die Ginflasche und ging.
Er war gerade dabei, Gin, Zigaretten und Feuerzeug hinter dem Haus zum Müll zu werfen, als er ihre Stimme hörte.
'Hast du ihn wieder erwischt, Julie?'
Er fuhr zusammen, schaute sich um, konnte sie aber im Halbdunkel nicht sehen. Bis sie aufstand. Sie hatte auf der Trockenmauer gesessen, die den hinteren Zugang des Gutshauses vom ersten seiner verwilderten Gärten abgrenzte. Eine unbeschnittene Glyzinie, die mit dem nahenden Herbst die ersten Blätter zu verlieren begann, hatte sie verborgen. Sie klopfte sich den Staub von ihren Khakishorts und ging ihm entgegen.
'Ich glaube langsam wirklich, daß er sich umbringen will', sagte Samantha nüchtern, wie es ihre Art war. 'Nur auf den Grund bin ich bis jetzt noch nicht gekommen.'
'Er braucht keinen Grund', versetzte Julian kurz. 'Nur das Mittel.'
'Ich versuche immer wieder, ihn von dem Zeug wegzukriegen, aber er hat überall etwas versteckt.' Sie starrte auf das dunkle Haus, das sich wie eine Festung in der Landschaft vor ihnen erhob. 'Ich versuch's wirklich, Julian. Ich weiß, daß es wichtig ist.' Sie richtete ihren Blick wieder auf ihn und musterte seine Kleidung. 'Du hast dich ja richtig fein gemacht. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, was Besonderes anzuziehen. Hätte ich das tun sollen?'
Julian sah sie verständnislos an, während er die Hände zu seiner Brust hob und auf der Suche nach etwas, von dem er wußte, daß es nicht da war, gegen sein Hemd klopfte.
'Du hast's vergessen, stimmt's?' fragte Samantha, der es an Scharfsinn nicht mangelte.
Julian wartete auf eine Erklärung.
'Die Mondfinsternis', sagte sie.
'Die Mondfinsternis?' Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. 'Ach Gott! Die Mondfinsternis. Mensch, Sam, die hatte ich wirklich ganz vergessen. Ist sie heute nacht? Gehst du irgendwohin, wo man sie besser sehen kann?'
Mit einer Kopfbewegung zu der Glyzinie, unter der sie eben hervorgekommen war, sagte sie: 'Ich hab uns Proviant eingepackt. Käse, Obst, Brot und ein bißchen Wurst. Und Wein. Ich dachte, falls wir länger warten müssen, als vermutet.'
'Warten.? Ach, Mist, Samantha.' Er wußte nicht, wie er es ihr sagen sollte. Er hatte nie den Eindruck erwecken wollen, daß er sich mit ihr zusammen die Mondfinsternis ansehen wollte.
'Hab ich mich im Tag geirrt?' Ihr Ton verriet ihre Enttäuschung. Sie wußte schon, daß sie sich nicht im Tag geirrt hatte und allein zum Eyam Moor würde hinausmarschieren müssen, wenn sie sich das große Ereignis von dort aus ansehen wollte.
Er hatte nur ganz beiläufig von der zu erwartenden Mondfinsternis gesprochen. Zumindest hatte er es beiläufig gemeint. 'Vom Eyam Moor aus kann man sie gut sehen', hatte er bemerkt. 'Es soll ungefähr eine halbe Stunde vor Mitternacht passieren. Interessierst du dich für Astronomie, Sam?'
Samantha hatte diese Bemerkung offensichtlich als Aufforderung interpretiert, und einen Moment lang ärgerte sich Julian über seine Cousine. Was die sich einbildete! Aber er bemühte sich, seinen Unwillen zu verbergen, er war ihr immerhin einiges schuldig. Mit dem Ziel, ihre Mutter und ihren Onkel - Julians Vater - miteinander zu versöhnen, kam sie nun seit acht Monaten regelmäßig zu ausgedehnten Besuchen aus Winchester nach Broughton Manor. Und jeder Aufenthalt hatte sich mehr in die Länge gezogen, soviel gab es für sie auf dem Gut zu tun, sei es die Renovierung des Hauses oder die Durchführung der Turniere, Feste und Inszenierungen historischer Ereignisse. Julian organisierte sie auf dem Gutsgelände, um das Einkommen der Familie Britton aufzubessern. Er war aufrichtig dankbar für Samanthas Hilfe, zumal seine Geschwister ihrem Zuhause längst den Rücken gekehrt hatten und sein Vater keinen Finger gerührt hatte, seit er kurz nach seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag den Besitz geerbt und nichts Eiligeres zu tun gehabt hatte, als ihn mit seinen Hippiefreunden zu bevölkern und völlig vor die Hunde gehen zu lassen.
Aber Julians Dankbarkeit änderte nichts daran, daß Samanthas Erwartungen ihn nervten. Er hatte doch nur ins Blaue hinein geschwatzt, während sie mit vereinten Kräften schufteten, um drei Ecksteine an der Außenmauer der alten Kapelle zu ersetzen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, daß er Samantha, die aus reiner Gutherzigkeit mitanpackte, soviel arbeiten ließ, und suchte hilflos nach irgendeiner Art der Wiedergutmachung. Geld, um sie zu entschädigen, hatte er keines; sie hätte es im übrigen sowieso nicht genommen; sein einziger Besitz waren seine Hunde und sein umfangreiches Wissen über seine Heimat Derbyshire. Und so bot er ihr, weil ihm daran lag, daß sie sich auf Broughton Manor wohl fühlte, eben an, was ihm möglich war: gelegentliche gemeinsame Aktivitäten mit den Jagdhunden und Gespräche. Und sie hatte das mißverstanden.
'Ich hab nicht geglaubt.' Er stieß die Schuhspitze in ein Fleckchen kahler Erde im Kies, wo ein Löwenzahnstengel sich emporreckte. 'Es tut mir wirklich leid, aber ich wollte gerade rüber nach Maiden Hall.'
'Oh!'
Seltsam, dachte Julian, daß eine einzige Silbe zugleich Mißbilligung und Entzücken ausdrücken konnte.
'Wie blöd von mir', sagte sie. 'Ich weiß gar nicht, wieso ich auf die Idee gekommen bin, daß du. Na ja, ist ja auch egal.'
'Wir holen das nach.' Er hoffte, er konnte sie überzeugen. 'Wenn ich nicht schon verabredet wäre - du verstehst das doch.'
'Aber natürlich', sagte sie. 'Wir dürfen doch unsere Nicola nicht enttäuschen.'
Mit einem flüchtigen, kühlen Lächeln tauchte sie in die Höhle unter den Glyzinienranken und schob sich einen Korb über den Arm.
'Ein andermal, ja?' sagte Julian.
'Wie's dir recht ist.' Sie sah ihn nicht an, als sie an ihm vorüberging und durch das Tor im Innenhof von Broughton Manor verschwand.
Er spürte seine Erleichterung, als sie weg war. Ohne es zu merken, hatte er die Luft angehalten. 'Tut mir leid', sagte er leise ins Leere. 'Aber das hier ist wirklich wichtig. Wenn du wüßtest, wie sehr, würdest du es verstehen.'
In flottem Tempo fuhr er zur Padley-Schlucht, nordwestlich in Richtung Bakewell, wo er die mittelalterliche Brücke überquerte, die sich über den River Wye spannte, und nutzte die Fahrt zu einer letzten Probe seiner kleinen Rede. Als er die sacht ansteigende Auffahrt nach Maiden Hall erreichte, war er ziemlich sicher, daß sein Vorhaben den gewünschten Erfolg bringen würde.
Maiden Hall stand auf halber Höhe eines bewaldeten Hangs. Das Land hier war dicht bewachsen von Eichengehölz, und die Auffahrt zum Haus war vom dichten Laub alter Kastanien und Linden überdacht. Julian nahm die engen Serpentinen der ansteigenden Straße mit der Gewandtheit des Geübten und hielt auf dem gekiesten Gästeparkplatz neben einem Mercedes-Sportwagen an.
Er betrat das Haus nicht durch den Haupteingang, sondern ging direkt in die Küche, wo Andy Maiden seinem Küchenchef beim Flambieren einer Schale Crème brûlée zusah. Der Koch Christian-Louis Ferrer war vor fünf Jahren aus Frankreich geholt worden, um der zwar ordentlichen, aber nicht gerade einfallsreichen Küche von Maiden Hall feinschmeckerisches Flair zu geben. Im Augenblick jedoch, fand Julian, glich Ferrer mit seinem kulinarischen Flammenwerfer mehr einem Feuerteufel als einem Grand artiste de la cuisine. Andys Gesichtsausdruck ließ ahnen, daß er Julians Meinung teilte. Erst als Christian-Louis die Glasur zu einer hauchdünnen knusprigen Kruste gebacken hatte und mit einem gönnerhaften Lächeln 'Et voilà, Andy' sagte, sah Andy auf und bemerkte Julian.
'Feuerwerk in der Küche war noch nie mein Fall', bekannte er mit einem verlegenen Lächeln. 'Hallo, Julian, was gibt's Neues aus Broughton und Umgebung?'
Das war die übliche Begrüßung, und Julian gab die gewohnte Antwort darauf. 'Gesegnet sind die Gerechten. Was den Rest der Menschheit angeht. vergiß es!'
Er begann mit den Vorbereitungen bei seiner äußeren Erscheinung. Vor dem Ankleidespiegel in seinem Zimmer unterzog er sich einer gnadenlosen Musterung, zupfte seinen Hemdkragen gerade, schnippte einen Fussel von seiner Schulter. Stirnrunzelnd betrachtete er sein Gesicht und bemühte sich, den Ausdruck in seine Züge zu legen, den er am Abend zeigen wollte. Ernsthaftigkeit wäre angemessen, meinte er. Und auch eine gewisse Besorgnis, denn die war vertretbar. Aber keinesfalls durfte er den Anschein erwecken, mit einem inneren Konflikt zu kämpfen, und schon gar nicht durfte er aussehen, als sei er völlig aus dem Lot. Und er durfte sich auf keinen Fall fragen, wie er gerade in diesem Augenblick, da sein Leben ein einziges Trümmerfeld war, dazu kam, dieses Wagnis einzugehen.
Zwei schlaflose Nächte und zwei endlose Tage hatten ihm reichlich Zeit gegeben, sich zu überlegen, was er sagen wollte. Und in der Tat hatte Julian den größten Teil der beiden Nächte und Tage nach Nicola Maidens unglaublicher Enthüllung mit wohldurchdachten Phantasiegesprächen gefüllt, gerade mit so viel Besorgnis unterlegt, daß keiner auf den Gedanken kommen konnte, er fühle sich in irgendeiner Weise persönlich betroffen. Und nun, nach achtundvierzig Stunden ununterbrochener Selbstgespräche, trieb es Julian, die Sache endlich auf den Weg zu bringen, auch wenn er keine Garantie dafür hatte, daß seinen Worten das gewünschte Gewicht beigemessen würde.
Er wandte sich vom Spiegel ab und nahm seine Autoschlüssel von der Kommode. Die feine Staubschicht, die sonst meist das mattglänzende Holz bedeckte, war entfernt worden. Samantha, seine Cousine, hatte sich also wieder einmal in eine Putzorgie gestürzt, ein sicheres Zeichen dafür, daß sie bei ihrem wildentschlossenen Bemühen, seinem Vater das Trinken auszutreiben, erneut gescheitert war.
In ebendieser Absicht, ihren Onkel vor dem Alkohol zu retten, war Samantha vor acht Monaten nach Derbyshire gekommen, ein guter Engel, der eines Tages in Broughton Manor erschien, um eine Familie wiederzuvereinen, die seit mehr als drei Jahrzehnten zerstritten war. Sie hatte in dieser Richtung allerdings kaum etwas erreicht, und Julian fragte sich, wie lange sie den Kampf noch weiterführen würde.
'Wir müssen ihn trocken kriegen, Julie', hatte Samantha erst an diesem Morgen gesagt. 'Dir muß doch klar sein, wie wichtig das gerade jetzt ist.'
Nicola andererseits, die seinen Vater seit acht Jahren kannte und nicht erst seit acht Monaten, vertrat schon lange den Standpunkt, ihn in Ruhe zu lassen. Mehr als einmal hatte sie gesagt: 'Wenn dein Dad sich zu Tode trinken will, kannst du nichts dagegen tun, Jule. Und Sam genausowenig.' Aber Nicola hatte ja auch keine Ahnung, was das für ein Gefühl war, wenn man zusehen mußte, wie der eigene Vater langsam, aber sicher dem Alkohol verfiel und immer tiefer in trunkenen Wahnvorstellungen von einer romantischen Vergangenheit versank. Sie war in einer Umgebung groß geworden, wo die Dinge das waren, was sie zu sein schienen. Sie hatte Eltern, deren Liebe unerschütterlich war. Sie hatte nicht die bittere Erfahrung machen müssen, zuerst von der Mutter im Stich gelassen zu werden, weil die sich den 'Blumenkindern' angeschlossen hatte und am Abend vor dem zwölften Geburtstag ihres Kindes auf und davon war, um bei einem Guru in wallenden Gewändern zu 'studieren', und dann vom Vater, dessen Liebe zum Alkohol anscheinend stärker war als die Liebe zu seinen drei Kindern. Ja, dachte Julian, hätte Nicola sich auch nur einmal über die unterschiedlichen Verhältnisse, in denen sie beide aufgewachsen waren, Gedanken gemacht, so hätte sie vielleicht erkannt, daß jede ihrer verdammten Entscheidungen -
Er dachte nicht weiter. Diese Gedanken würde er nicht zulassen. Er konnte es sich nicht erlauben. Er durfte sich nicht von dem Vorhaben, das jetzt in Angriff genommen werden mußte, ablenken lassen.
'Jetzt hör mir mal zu!' Er nahm seine Brieftasche und schob sie ein. 'Du bist für jede gut genug. Sie hat Scheißangst gekriegt. Sie hat den falschen Weg genommen. Und damit basta. Behalt das im Kopf. Und denk dran, daß jeder weiß, wie gut ihr beide immer zueinander gepaßt habt.'
Daran glaubte er. Nicola Maiden war seit Jahren genauso ein Teil von Julian Brittons Leben wie er ein Teil von ihrem. Wer sie kannte, wußte längst, daß sie zusammengehörten. Nicola war die einzige, die das offenbar nicht akzeptierte.
'Ich weiß ja, daß wir nicht verlobt sind', hatte er ihr an dem Abend vor zwei Tagen gesagt, als sie ihm eröffnet hatte, daß sie für immer aus dem Peak District fort wolle und von nun an nur noch zu Kurzbesuchen zurückkehren würde. 'Aber zwischen uns hat es doch immer eine stillschweigende Vereinbarung gegeben, oder nicht? Ich würde nicht mit dir schlafen, wenn ich das nicht ernst nähme. Komm schon, Nick! Verdammt noch mal, du kennst mich doch!'
Es war nicht der Heiratsantrag, wie er ihn sich vorgestellt hatte, und sie interpretierte seine Worte auch nicht so. Sie sagte sehr direkt: 'Jule, ich mag dich unheimlich gern. Du bist ein prima Kerl und warst mir immer ein echter Freund. Und bei uns läuft's gut, viel besser als es für mich je mit einem anderen gelaufen ist.'
'Ja, also dann -'
'Aber ich liebe dich nicht', fuhr sie fort. 'Sex ist nicht gleich Liebe. Das ist nur in Filmen und Büchern so.'
Im ersten Moment war er sprachlos vor Bestürzung. Es war, als hätte jemand jeden Gedanken in seinem Kopf gelöscht. Und als er schwieg, sprach sie weiter.
Sie würde, sagte sie, weiterhin seine Freundin im Peak District bleiben, wenn er das wolle. Sie würde hin und wieder ihre Eltern besuchen kommen und sich gerne immer die Zeit nehmen, auch Julian zu sehen. Sie könnten, wenn er das wolle, auch in Zukunft miteinander schlafen. Ihr sei das recht. Aber heiraten? Dazu seien sie beide viel zu verschieden, erklärte sie.
'Ich weiß, wieviel dir daran liegt, Broughton Manor zu erhalten', sagte sie. 'Das ist dein Traum, und du wirst ihn wahrmachen. Aber mir bedeutet dieser Traum nichts, und ich bin nicht bereit, dich oder mich damit zu kränken, daß ich so tue, als ob. Das ist keinem gegenüber fair.'
Und endlich sagte er in einem Moment der bitteren Klarheit: 'Es geht doch nur um das gottverfluchte Geld. Und die Tatsache, daß ich keines habe oder jedenfalls nicht genug, um dir zu genügen.'
'Nein, Julian, das stimmt nicht. Nicht ganz.' Sie drehte sich halb herum, so daß sie ihm ins Gesicht sehen konnte, und seufzte tief. 'Ich will versuchen, es dir zu erklären.'
Er hatte sie angehört, stundenlang, wie ihm schien, obwohl sie wahrscheinlich kaum zehn Minuten gesprochen hatte. Und am Ende, als alles zwischen ihnen gesagt war, als sie aus dem Rover gestiegen und im Schatten der Giebelveranda von Maiden Hall verschwunden war, war er wie im Schlaf nach Hause gefahren, betäubt von Schmerz, Verwirrung und ungläubiger Überraschung. Nein, hatte er immer nur gedacht, nein, sie könnte doch nie. sie kann nicht ernstlich. nein. Nach der ersten schlaflosen Nacht war ihm in all seinem Schmerz klargeworden, daß er unbedingt etwas unternehmen mußte. Er hatte sie angerufen, und sie hatte eingewilligt, sich mit ihm zu treffen. Sie würde es niemals ablehnen, ihn zu sehen, hatte sie gesagt.
Ehe er aus dem Zimmer ging, warf er einen letzten Blick in den Spiegel und gönnte sich ein letztes Wort der Selbstbestätigung. 'Ihr habt euch immer gut verstanden. Vergiß das nicht.'
Dann ging er durch den düsteren oberen Korridor des Gutshauses und öffnete die Tür zu dem kleinen Raum, den sein Vater als Wohnzimmer benutzte. Die angespannten finanziellen Verhältnisse der Familie hatten zu einem allgemeinen Auszug aus den größeren unteren Räumen geführt, die mit dem Verkauf antiker Möbelstücke, von Gemälden und Kunstgegenständen allmählich unbewohnbar geworden waren. Jetzt lebten die Brittons nur noch in der oberen Etage des Hauses. Zimmer waren genug da, aber sie waren klein und dunkel.
Jeremy Britton saß in seinem Wohnzimmer, offensichtlich volltrunken. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, und zwischen den Fingern seiner rechten Hand verglühte eine Zigarette. Julian ging zu ihm und nahm ihm die Zigarette ab. Sein Vater rührte sich nicht.
Julian schüttelte resigniert den Kopf, als er ihn betrachtete: All sein Verstand, seine Kraft und sein Stolz waren ausgelöscht von der Sucht. Eines Tages würde sein Vater noch das Haus abbrennen. Es gab Momente - wie eben jetzt -, da dachte Julian, ein vernichtender Brand wäre vielleicht sogar das Beste. Er drückte die Zigarette aus und nahm die Packung Dunhill und das Feuerzeug aus der Brusttasche seines Vaters. Dann packte er die Ginflasche und ging.
Er war gerade dabei, Gin, Zigaretten und Feuerzeug hinter dem Haus zum Müll zu werfen, als er ihre Stimme hörte.
'Hast du ihn wieder erwischt, Julie?'
Er fuhr zusammen, schaute sich um, konnte sie aber im Halbdunkel nicht sehen. Bis sie aufstand. Sie hatte auf der Trockenmauer gesessen, die den hinteren Zugang des Gutshauses vom ersten seiner verwilderten Gärten abgrenzte. Eine unbeschnittene Glyzinie, die mit dem nahenden Herbst die ersten Blätter zu verlieren begann, hatte sie verborgen. Sie klopfte sich den Staub von ihren Khakishorts und ging ihm entgegen.
'Ich glaube langsam wirklich, daß er sich umbringen will', sagte Samantha nüchtern, wie es ihre Art war. 'Nur auf den Grund bin ich bis jetzt noch nicht gekommen.'
'Er braucht keinen Grund', versetzte Julian kurz. 'Nur das Mittel.'
'Ich versuche immer wieder, ihn von dem Zeug wegzukriegen, aber er hat überall etwas versteckt.' Sie starrte auf das dunkle Haus, das sich wie eine Festung in der Landschaft vor ihnen erhob. 'Ich versuch's wirklich, Julian. Ich weiß, daß es wichtig ist.' Sie richtete ihren Blick wieder auf ihn und musterte seine Kleidung. 'Du hast dich ja richtig fein gemacht. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, was Besonderes anzuziehen. Hätte ich das tun sollen?'
Julian sah sie verständnislos an, während er die Hände zu seiner Brust hob und auf der Suche nach etwas, von dem er wußte, daß es nicht da war, gegen sein Hemd klopfte.
'Du hast's vergessen, stimmt's?' fragte Samantha, der es an Scharfsinn nicht mangelte.
Julian wartete auf eine Erklärung.
'Die Mondfinsternis', sagte sie.
'Die Mondfinsternis?' Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. 'Ach Gott! Die Mondfinsternis. Mensch, Sam, die hatte ich wirklich ganz vergessen. Ist sie heute nacht? Gehst du irgendwohin, wo man sie besser sehen kann?'
Mit einer Kopfbewegung zu der Glyzinie, unter der sie eben hervorgekommen war, sagte sie: 'Ich hab uns Proviant eingepackt. Käse, Obst, Brot und ein bißchen Wurst. Und Wein. Ich dachte, falls wir länger warten müssen, als vermutet.'
'Warten.? Ach, Mist, Samantha.' Er wußte nicht, wie er es ihr sagen sollte. Er hatte nie den Eindruck erwecken wollen, daß er sich mit ihr zusammen die Mondfinsternis ansehen wollte.
'Hab ich mich im Tag geirrt?' Ihr Ton verriet ihre Enttäuschung. Sie wußte schon, daß sie sich nicht im Tag geirrt hatte und allein zum Eyam Moor würde hinausmarschieren müssen, wenn sie sich das große Ereignis von dort aus ansehen wollte.
Er hatte nur ganz beiläufig von der zu erwartenden Mondfinsternis gesprochen. Zumindest hatte er es beiläufig gemeint. 'Vom Eyam Moor aus kann man sie gut sehen', hatte er bemerkt. 'Es soll ungefähr eine halbe Stunde vor Mitternacht passieren. Interessierst du dich für Astronomie, Sam?'
Samantha hatte diese Bemerkung offensichtlich als Aufforderung interpretiert, und einen Moment lang ärgerte sich Julian über seine Cousine. Was die sich einbildete! Aber er bemühte sich, seinen Unwillen zu verbergen, er war ihr immerhin einiges schuldig. Mit dem Ziel, ihre Mutter und ihren Onkel - Julians Vater - miteinander zu versöhnen, kam sie nun seit acht Monaten regelmäßig zu ausgedehnten Besuchen aus Winchester nach Broughton Manor. Und jeder Aufenthalt hatte sich mehr in die Länge gezogen, soviel gab es für sie auf dem Gut zu tun, sei es die Renovierung des Hauses oder die Durchführung der Turniere, Feste und Inszenierungen historischer Ereignisse. Julian organisierte sie auf dem Gutsgelände, um das Einkommen der Familie Britton aufzubessern. Er war aufrichtig dankbar für Samanthas Hilfe, zumal seine Geschwister ihrem Zuhause längst den Rücken gekehrt hatten und sein Vater keinen Finger gerührt hatte, seit er kurz nach seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag den Besitz geerbt und nichts Eiligeres zu tun gehabt hatte, als ihn mit seinen Hippiefreunden zu bevölkern und völlig vor die Hunde gehen zu lassen.
Aber Julians Dankbarkeit änderte nichts daran, daß Samanthas Erwartungen ihn nervten. Er hatte doch nur ins Blaue hinein geschwatzt, während sie mit vereinten Kräften schufteten, um drei Ecksteine an der Außenmauer der alten Kapelle zu ersetzen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, daß er Samantha, die aus reiner Gutherzigkeit mitanpackte, soviel arbeiten ließ, und suchte hilflos nach irgendeiner Art der Wiedergutmachung. Geld, um sie zu entschädigen, hatte er keines; sie hätte es im übrigen sowieso nicht genommen; sein einziger Besitz waren seine Hunde und sein umfangreiches Wissen über seine Heimat Derbyshire. Und so bot er ihr, weil ihm daran lag, daß sie sich auf Broughton Manor wohl fühlte, eben an, was ihm möglich war: gelegentliche gemeinsame Aktivitäten mit den Jagdhunden und Gespräche. Und sie hatte das mißverstanden.
'Ich hab nicht geglaubt.' Er stieß die Schuhspitze in ein Fleckchen kahler Erde im Kies, wo ein Löwenzahnstengel sich emporreckte. 'Es tut mir wirklich leid, aber ich wollte gerade rüber nach Maiden Hall.'
'Oh!'
Seltsam, dachte Julian, daß eine einzige Silbe zugleich Mißbilligung und Entzücken ausdrücken konnte.
'Wie blöd von mir', sagte sie. 'Ich weiß gar nicht, wieso ich auf die Idee gekommen bin, daß du. Na ja, ist ja auch egal.'
'Wir holen das nach.' Er hoffte, er konnte sie überzeugen. 'Wenn ich nicht schon verabredet wäre - du verstehst das doch.'
'Aber natürlich', sagte sie. 'Wir dürfen doch unsere Nicola nicht enttäuschen.'
Mit einem flüchtigen, kühlen Lächeln tauchte sie in die Höhle unter den Glyzinienranken und schob sich einen Korb über den Arm.
'Ein andermal, ja?' sagte Julian.
'Wie's dir recht ist.' Sie sah ihn nicht an, als sie an ihm vorüberging und durch das Tor im Innenhof von Broughton Manor verschwand.
Er spürte seine Erleichterung, als sie weg war. Ohne es zu merken, hatte er die Luft angehalten. 'Tut mir leid', sagte er leise ins Leere. 'Aber das hier ist wirklich wichtig. Wenn du wüßtest, wie sehr, würdest du es verstehen.'
In flottem Tempo fuhr er zur Padley-Schlucht, nordwestlich in Richtung Bakewell, wo er die mittelalterliche Brücke überquerte, die sich über den River Wye spannte, und nutzte die Fahrt zu einer letzten Probe seiner kleinen Rede. Als er die sacht ansteigende Auffahrt nach Maiden Hall erreichte, war er ziemlich sicher, daß sein Vorhaben den gewünschten Erfolg bringen würde.
Maiden Hall stand auf halber Höhe eines bewaldeten Hangs. Das Land hier war dicht bewachsen von Eichengehölz, und die Auffahrt zum Haus war vom dichten Laub alter Kastanien und Linden überdacht. Julian nahm die engen Serpentinen der ansteigenden Straße mit der Gewandtheit des Geübten und hielt auf dem gekiesten Gästeparkplatz neben einem Mercedes-Sportwagen an.
Er betrat das Haus nicht durch den Haupteingang, sondern ging direkt in die Küche, wo Andy Maiden seinem Küchenchef beim Flambieren einer Schale Crème brûlée zusah. Der Koch Christian-Louis Ferrer war vor fünf Jahren aus Frankreich geholt worden, um der zwar ordentlichen, aber nicht gerade einfallsreichen Küche von Maiden Hall feinschmeckerisches Flair zu geben. Im Augenblick jedoch, fand Julian, glich Ferrer mit seinem kulinarischen Flammenwerfer mehr einem Feuerteufel als einem Grand artiste de la cuisine. Andys Gesichtsausdruck ließ ahnen, daß er Julians Meinung teilte. Erst als Christian-Louis die Glasur zu einer hauchdünnen knusprigen Kruste gebacken hatte und mit einem gönnerhaften Lächeln 'Et voilà, Andy' sagte, sah Andy auf und bemerkte Julian.
'Feuerwerk in der Küche war noch nie mein Fall', bekannte er mit einem verlegenen Lächeln. 'Hallo, Julian, was gibt's Neues aus Broughton und Umgebung?'
Das war die übliche Begrüßung, und Julian gab die gewohnte Antwort darauf. 'Gesegnet sind die Gerechten. Was den Rest der Menschheit angeht. vergiß es!'