Wahn der Malerei
Klaus Fußmann(Author)
Pantheon (Publisher)
Published on 14. September 2009
Book
Hardback
432 pages
978-3-570-55096-0 (ISBN)
Description
Über die Ohnmacht der Kunst und den Sinn der Malerei
Er ist einer der renommiertesten Maler in Deutschland- und ein Maler, der über Kunst reflektiert. Seine Bilder waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. In diesem schön ausgestatteten und reich illustrierten Band versammelt Klaus Fußmann seine essayistische Auseinandersetzung mit der Kunst, speziell mit der Malerei.
Die gesammelten Texte Klaus Fußmanns.
Er ist einer der renommiertesten Maler in Deutschland- und ein Maler, der über Kunst reflektiert. Seine Bilder waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. In diesem schön ausgestatteten und reich illustrierten Band versammelt Klaus Fußmann seine essayistische Auseinandersetzung mit der Kunst, speziell mit der Malerei.
Die gesammelten Texte Klaus Fußmanns.
Reviews / Votes
'Lektüre für lange Winterabende, wenn man das elektronische Herdfeuer (vulgo TV) einmal kalt werden lässt.'More details
Language
German
Product notice
With flaps
Illustrations
mit zahlreichen Abbildungen
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-570-55096-0 (9783570550960)
Schweitzer Classification
Person
Klaus Fußmann, geboren 1938 in Velbert/Rheinland, lebt und arbeitet in Berlin und Gelting (Schleswig-Holstein). Von 1968 an macht er sich mit verschiedenen Ausstellungen im In- und Ausland einen Namen. Größere Präsentationen seines Werkes folgen z. B. 198
Content
ZU GLAUBEN FÄLLT dem Westler schwer. Auch wenn er wollte, wäre es ihm nicht möglich. Das Christentum überzeugt nicht mehr, die Lehren geben keine überzeugende Antwort. Der Anteil der agnostischen Europäer wird größer, und es wirkt fast befremdend, wenn in einer Gesprächsrunde ein Diskutant sich als gläubiger Christ bezeichnet. Höflich geht man auf ihn ein, doch eigentlich wird ihm selbst sein Glaube nicht geglaubt. Der Glaube, einst die sieghafte Fanfare Luthers, ist dem Westler fremd geworden, Religion eignet sich nicht als Gesprächsstoff. Wenn das Thema aufkommt, sind die meisten gehemmt, und es ist ihnen unbehaglich dabei. Gott als Terminus ist tabu, kommt er dennoch ins Spiel, wird das Gespräch stockend und hilflos, eigentlich interessiert es niemanden.
Selbst evangelische Geistliche versuchten vor einigen Jahren, sich von Christus zu lösen, sie bekannten öffentlich, an ihn als göttliche wie geschichtliche Figur nicht mehr zu glauben, erklärten aber, daß Religion auch ohne Gott, als Gemeinde, als eine ethische Gemeinschaft weiter existieren könne. Sie waren bereit, das Zentrum des Protestantismus aufzugeben - eine groteske Zumutung für Christen. Die katholische Kirche, erstarrt, geht auf die Forderungen der Zeit nicht ein, aber auch Amerika mit seinen vielfältigen Formen des Christentums hat es nicht besser. Sogenannte Apostel künden täglich im Fernsehen von ihrer Erweckung, wie Jesus ihnen erschien und sie in schwerer Bedrängnis, als sie den Revolver schon an die Schläfe hielten, vom Selbstmord abhielt: Lügen und Heuchelei, Attitüden ohne jede Wahrhaftigkeit.
Die westliche Gesellschaft des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt hat den wahren Glauben nicht mehr nötig, sie vermißt ihn offenbar nicht einmal. Den Menschen unserer Zeit umgeben viele Apparate, die ihn laufend beschäftigen und davon ablenken, über die letzten Dinge nachzusinnen. Er hat ein Auto, einen Fernseher, Handys, Zeitungen, Bücher, Schallplatten, Laptops, Computer, Bilder und so weiter. Er erfährt immer mehr über die verborgene Komplexität des Lebens, über die Geheimnisse der Materie und über das unendliche Weltall. Eine darauf gerichtete Vernunft herrscht in der westlichen Welt, zudem Toleranz und eben jener Pragmatismus, der dieses Leben vorantreibt.
Ganz kann der moderne Mensch die Sorge um seine Sterblichkeit natürlich nicht vertreiben. Es stellt sich die Frage, was nach dem Tod aus ihm wird, und außerdem interessiert es ihn, wie sein weiteres Leben verlaufen wird, ob das Schicksal es gut mit ihm meint. Und so sickern wieder religiös gepolte Wünsche ein, wenigstens ein bißchen möchte man es wissen: Astrologie ist gefragt, die Sterne lügen nicht. Anspruchsvoller geben sich esoterische Zirkel mit geheimen Riten, seriös und fordernd dagegen meditative Übungen, die bis zum Buddhismus führen können; Breitenwirkung bleibt selbst dieser ernst zu nehmenden Religion im Westen versagt. Philosophie hat eine große Resonanz, die verkappte Gottsuche eines Heidegger oder Nietzsche entspricht eher dem Naturell des Westlers.
Vor allem findet er an der Kunst Gefallen. In der Kunst, in ihren Allegorien, ihren Symbolen, Geschichten, Kompositionen und Klängen findet der Abendländer noch jenen Rest von Metaphysik, an die er glauben kann. Kunst als größte Phänomenologie, älter als seine ihm bekannte Geschichte und mit jedem Film, Buch und Bild weiter anwachsend, fasziniert ihn. Der westliche Mensch lebt mit und in der Kunst, und an sie glaubt er. Es ist ein ganz selbstverständlicher Glaube, der keinem hier mehr auffällt. Bilder umgeben den Westler ständig, Filme bedeuten ihm viel, sie vor allem gaukeln ihm eine Wirklichkeit vor, an die er glaubt, und so mancher lebt schon ganz in virtuellen Welten aus Internet, E-Mail, Fernsehen und Film. Kunst ist eine moderne Wirklichkeit geworden.
Nur allmählich ist Kunst an die Stelle der Religion getreten. Als jene an Überzeugungskraft verlor, übernahm Kunst partiell die unbesetzten Felder. Angefangen hat alles mit den Bildern. Über Jahrhunderte währte die Veränderung, in den langen Zeiträumen vom Mittelalter bis zur Neuzeit verselbständigten sich die Bilder. Sie haben die Religion aufgesogen und überwunden und sind schließlich selbst zum Gegenstand der Anbetung geworden, genauso, wie die Ikonoklasten es befürchtet und die Moslems es vorausgesagt haben.
Bilder sind eine große Gefahr für den Glauben. Mit ihnen trat eine Kraft auf, die für die christliche Religion unbeherrschbar wurde, eine Gefahr, die allen monotheistischen Religionsstiftern bekannt war. Durch das Alte Testament ziehen sich die Berichte von den Kämpfen der Israeliten gegen die Götzenanbeter. Verachtung, ja Abscheu trifft die Völker, die sich ein Bild machen von Gott oder ihren Göttern, doch die Kinder Israels, nur einmal von Moses kurz unbeaufsichtigt gelassen, tanzen selbst um das Goldene Kalb. Die Gefahr und die Versuchung, sich von Gott und der Welt ein Bild zu machen, war immer gegenwärtig. Der griechische Kaiser Leo III., äußerst erfolgreich im Kampf gegen die Araber, erkannte das, verbot 726 alle Bilder, auch die Ikonen, und befahl 730 ihre Vernichtung. Damit stieß er jedoch überall im Reich auf Widerstand. Bezeichnenderweise protestierte in Rom besonders nachdrücklich Papst Gregor II. Der sogenannte Bilderstreit begann, der das Oströmische Reich hundert Jahre lang erschütterte. Auf Dauer konnte sich ein Bilderverbot nicht durchsetzen, das westliche Christentum hat der Versuchung nicht widerstehen können. Keine Vorschriften, keine Orthodoxie, weder ein Savonarola noch die calvinistischen Bilderstürmer konnten den Geist der Umwandlung aufhalten. Die statischen Mosaiken Ravennas wichen den dynamischen Fresken Giottos.
Das Abendland ist der Faszination der Bilder, ihrer Verführung erlegen. Unzählige Figuren zierten alsbald die Kathedralen, und alle offiziellen Räume waren mit Wandbildern versehen. Illuminierte Bücher, beim Adel wie beim Klerus besonders geschätzt, gingen von Hand zu Hand. Zaghaft, doch im Laufe der Zeit mehr und mehr, trat der Künstler hinter den Werken hervor; er wurde berühmt.
Das bildnerische Denken bekam neben den sprachlichen und wissenschaftlichen Disziplinen einen Rang, eine Bedeutung. Zwar sollte der nie ganz anerkannt werden, aber der Einfluß dieser Denkform dürfte latent ungeheuer gewesen sein, denn im Bild mußte Phantasie Realität werden. Das Bild entdeckte Zusammenhänge, für die es kein Wort, keinen Terminus gab, Körper wurden konkreter, faßbarer, Räume weiter: Die Vorstellung wurde genauer. Mit dem Beginn der Neuzeit wurde Europa von Bildern förmlich überflutet. Allein in Holland waren mit einem Mal Tausende von Malern tätig, die ihre frei erfundenen und ohne Auftrag gemalten Bilder zum Kauf anboten.
Selbst evangelische Geistliche versuchten vor einigen Jahren, sich von Christus zu lösen, sie bekannten öffentlich, an ihn als göttliche wie geschichtliche Figur nicht mehr zu glauben, erklärten aber, daß Religion auch ohne Gott, als Gemeinde, als eine ethische Gemeinschaft weiter existieren könne. Sie waren bereit, das Zentrum des Protestantismus aufzugeben - eine groteske Zumutung für Christen. Die katholische Kirche, erstarrt, geht auf die Forderungen der Zeit nicht ein, aber auch Amerika mit seinen vielfältigen Formen des Christentums hat es nicht besser. Sogenannte Apostel künden täglich im Fernsehen von ihrer Erweckung, wie Jesus ihnen erschien und sie in schwerer Bedrängnis, als sie den Revolver schon an die Schläfe hielten, vom Selbstmord abhielt: Lügen und Heuchelei, Attitüden ohne jede Wahrhaftigkeit.
Die westliche Gesellschaft des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt hat den wahren Glauben nicht mehr nötig, sie vermißt ihn offenbar nicht einmal. Den Menschen unserer Zeit umgeben viele Apparate, die ihn laufend beschäftigen und davon ablenken, über die letzten Dinge nachzusinnen. Er hat ein Auto, einen Fernseher, Handys, Zeitungen, Bücher, Schallplatten, Laptops, Computer, Bilder und so weiter. Er erfährt immer mehr über die verborgene Komplexität des Lebens, über die Geheimnisse der Materie und über das unendliche Weltall. Eine darauf gerichtete Vernunft herrscht in der westlichen Welt, zudem Toleranz und eben jener Pragmatismus, der dieses Leben vorantreibt.
Ganz kann der moderne Mensch die Sorge um seine Sterblichkeit natürlich nicht vertreiben. Es stellt sich die Frage, was nach dem Tod aus ihm wird, und außerdem interessiert es ihn, wie sein weiteres Leben verlaufen wird, ob das Schicksal es gut mit ihm meint. Und so sickern wieder religiös gepolte Wünsche ein, wenigstens ein bißchen möchte man es wissen: Astrologie ist gefragt, die Sterne lügen nicht. Anspruchsvoller geben sich esoterische Zirkel mit geheimen Riten, seriös und fordernd dagegen meditative Übungen, die bis zum Buddhismus führen können; Breitenwirkung bleibt selbst dieser ernst zu nehmenden Religion im Westen versagt. Philosophie hat eine große Resonanz, die verkappte Gottsuche eines Heidegger oder Nietzsche entspricht eher dem Naturell des Westlers.
Vor allem findet er an der Kunst Gefallen. In der Kunst, in ihren Allegorien, ihren Symbolen, Geschichten, Kompositionen und Klängen findet der Abendländer noch jenen Rest von Metaphysik, an die er glauben kann. Kunst als größte Phänomenologie, älter als seine ihm bekannte Geschichte und mit jedem Film, Buch und Bild weiter anwachsend, fasziniert ihn. Der westliche Mensch lebt mit und in der Kunst, und an sie glaubt er. Es ist ein ganz selbstverständlicher Glaube, der keinem hier mehr auffällt. Bilder umgeben den Westler ständig, Filme bedeuten ihm viel, sie vor allem gaukeln ihm eine Wirklichkeit vor, an die er glaubt, und so mancher lebt schon ganz in virtuellen Welten aus Internet, E-Mail, Fernsehen und Film. Kunst ist eine moderne Wirklichkeit geworden.
Nur allmählich ist Kunst an die Stelle der Religion getreten. Als jene an Überzeugungskraft verlor, übernahm Kunst partiell die unbesetzten Felder. Angefangen hat alles mit den Bildern. Über Jahrhunderte währte die Veränderung, in den langen Zeiträumen vom Mittelalter bis zur Neuzeit verselbständigten sich die Bilder. Sie haben die Religion aufgesogen und überwunden und sind schließlich selbst zum Gegenstand der Anbetung geworden, genauso, wie die Ikonoklasten es befürchtet und die Moslems es vorausgesagt haben.
Bilder sind eine große Gefahr für den Glauben. Mit ihnen trat eine Kraft auf, die für die christliche Religion unbeherrschbar wurde, eine Gefahr, die allen monotheistischen Religionsstiftern bekannt war. Durch das Alte Testament ziehen sich die Berichte von den Kämpfen der Israeliten gegen die Götzenanbeter. Verachtung, ja Abscheu trifft die Völker, die sich ein Bild machen von Gott oder ihren Göttern, doch die Kinder Israels, nur einmal von Moses kurz unbeaufsichtigt gelassen, tanzen selbst um das Goldene Kalb. Die Gefahr und die Versuchung, sich von Gott und der Welt ein Bild zu machen, war immer gegenwärtig. Der griechische Kaiser Leo III., äußerst erfolgreich im Kampf gegen die Araber, erkannte das, verbot 726 alle Bilder, auch die Ikonen, und befahl 730 ihre Vernichtung. Damit stieß er jedoch überall im Reich auf Widerstand. Bezeichnenderweise protestierte in Rom besonders nachdrücklich Papst Gregor II. Der sogenannte Bilderstreit begann, der das Oströmische Reich hundert Jahre lang erschütterte. Auf Dauer konnte sich ein Bilderverbot nicht durchsetzen, das westliche Christentum hat der Versuchung nicht widerstehen können. Keine Vorschriften, keine Orthodoxie, weder ein Savonarola noch die calvinistischen Bilderstürmer konnten den Geist der Umwandlung aufhalten. Die statischen Mosaiken Ravennas wichen den dynamischen Fresken Giottos.
Das Abendland ist der Faszination der Bilder, ihrer Verführung erlegen. Unzählige Figuren zierten alsbald die Kathedralen, und alle offiziellen Räume waren mit Wandbildern versehen. Illuminierte Bücher, beim Adel wie beim Klerus besonders geschätzt, gingen von Hand zu Hand. Zaghaft, doch im Laufe der Zeit mehr und mehr, trat der Künstler hinter den Werken hervor; er wurde berühmt.
Das bildnerische Denken bekam neben den sprachlichen und wissenschaftlichen Disziplinen einen Rang, eine Bedeutung. Zwar sollte der nie ganz anerkannt werden, aber der Einfluß dieser Denkform dürfte latent ungeheuer gewesen sein, denn im Bild mußte Phantasie Realität werden. Das Bild entdeckte Zusammenhänge, für die es kein Wort, keinen Terminus gab, Körper wurden konkreter, faßbarer, Räume weiter: Die Vorstellung wurde genauer. Mit dem Beginn der Neuzeit wurde Europa von Bildern förmlich überflutet. Allein in Holland waren mit einem Mal Tausende von Malern tätig, die ihre frei erfundenen und ohne Auftrag gemalten Bilder zum Kauf anboten.