
Der Feind
Roman
Vince Flynn(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 1. October 2007
Book
Paperback/Softback
608 pages
978-3-453-26528-8 (ISBN)
Description
Auge in Auge mit dem Feind
Jahrelang hat CIA-Agent Mitch Rapp sein Land gegen die Terroristen verteidigt und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Doch als in Saudi-Arabien jemand einen Preis auf seinen Kopf aussetzt und seine Frau einem Attentat zum Opfer fällt, eskaliert die Lage. Zwischen Wut und tiefster Verzweiflung schwankend, macht sich Rapp schließlich auf, die Schuldigen zu finden. Die Spur führt nach Europa .
Jahrelang hat CIA-Agent Mitch Rapp sein Land gegen die Terroristen verteidigt und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Doch als in Saudi-Arabien jemand einen Preis auf seinen Kopf aussetzt und seine Frau einem Attentat zum Opfer fällt, eskaliert die Lage. Zwischen Wut und tiefster Verzweiflung schwankend, macht sich Rapp schließlich auf, die Schuldigen zu finden. Die Spur führt nach Europa .
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-453-26528-8 (9783453265288)
Schweitzer Classification
Persons
Author
Vince Flynn, geboren 1966 in St. Paul, Minnesota, arbeitete in der PR-Branche und verbrachte einige Zeit im US-Elite-Corps der Marines, in dem er Kampfpilot werden wollte. Bald entdeckte er jedoch seine wahre Leidenschaft und eroberte mit dem Schreiben hochaktueller Politthriller die Bestsellerlisten. Für die TV-Serie 24 war er als Berater tätig. Vince Flynn verstarb im Juni 2013.
Revised by
Translation
Content
Einen Menschen zu töten ist eine relativ einfache Angelegenheit - vor allem, wenn es sich um jemanden handelt, der absolut nichts Böses ahnt. Etwas völlig anderes ist es, einen Mann wie Mitch Rapp zu töten. Dazu wäre sorgfältige Planung und ein äußerst geschickter Killer - oder noch besser, ein ganzes Team von Killern - notwendig, die entweder mutig oder verrückt genug sind, eine solche Aufgabe zu übernehmen. Ja, jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, würde von einem solchen Auftrag wohl die Finger lassen.
Der entscheidende Faktor eines solchen Unterfangens war, Rapp zu erwischen, wenn er es am wenigsten erwartete. Doch bei Rapps Wachsamkeit, die schon an Verfolgungswahn grenzte, war das alles andere als einfach. Alle Einzelheiten des Plans mussten perfekt aufeinander abgestimmt sein, und selbst dann würden die Killer noch eine gehörige Portion Glück brauchen. Diejenigen, die dieses Vorhaben in die Tat umsetzen wollten, schätzten die Erfolgschancen auf etwa siebzig Prozent - und aus diesem Grund durfte absolut nichts darauf hindeuten, dass sie irgendetwas mit dem Anschlag zu tun hatten. Falls die Killer, die sie anheuern würden, scheiterten, würde Rapp alles daransetzen, die Drahtzieher zu finden - auch wenn die Betreffenden noch so mächtig sein sollten. Und diese Leute waren nicht darauf erpicht, den Rest ihres Lebens von Rapp gejagt zu werden.
LANGLEY, VIRGINIA
Rapp stand vor dem Schreibtisch seiner Chefin. Sie hatte ihm einen Sessel angeboten, doch er zog es vor, stehen zu bleiben. Die Sonne war bereits untergegangen, es war schon spät, und er wäre lieber zu Hause bei seiner Frau gewesen - doch diese Sache musste er noch erledigen. Die Akte war zweieinhalb Zentimeter dick. Die Sache war ihm ziemlich lästig, und er wollte sie endlich vom Schreibtisch haben, damit er sich anderen Dingen zuwenden konnte.
Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn Irene Kennedy sich damit begnügt hätte, die Zusammenfassung zu lesen und ihm die Akte zurückzugeben - aber das war nicht unbedingt ihre Art. Man schaffte es nicht als erste Frau an die Spitze der CIA, wenn man es sich immer leicht machte. Dr. Kennedy hatte ein fotografisches Gedächtnis und einen messerscharfen Verstand. Sie glich einem dieser Supercomputer, die die großen Versicherungsgesellschaften im Keller stehen haben und die Tag für Tag Millionen von Daten und Fakten analysieren. Irene Kennedys Fähigkeit, eine bestimmte Situation zu erfassen, war unübertrefflich. Sie speicherte alle Informationen, die gesammelt wurden, einschließlich der heiklen Dinge, die nie an die Öffentlichkeit gelangten, wie zum Beispiel jene Akte, die sie nun auf dem Schreibtisch liegen hatte.
Rapp sah zu, wie sie das Dossier eilig durchblätterte und gelegentlich zu einer Stelle zurückging, die ihr nicht ganz schlüssig erschien. Er war sich bewusst, dass sein Bericht die eine oder andere Ungereimtheit enthielt, aber dieser Papierkram war nicht gerade sein Spezialgebiet. Seine Fähigkeiten waren eher am anderen Ende ihres Geschäfts angesiedelt. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte sie seine Berichte mit dem Rotstift in der Hand gelesen und jede Menge Korrekturen angebracht - doch das sparte sie sich diesmal. Die vorliegende Akte barg einigen Zündstoff in sich - Material, das brisant genug war, um jede Menge Karrieren zu ruinieren. Irene Kennedy wusste schon, was es geschlagen hatte, wenn Rapp früh am Morgen oder spätabends in ihrem Büro auftauchte und darauf verzichtete, Platz zu nehmen. In einem solchen Fall war es besser, den Rotstift gar nicht erst zur Hand zu nehmen. Sie wusste genau, was er wollte, und so las sie den Bericht, ohne etwas zu sagen.
Irene Kennedy wollte Angelegenheiten dieser Art stets noch einmal überdenken, bevor sie eine Entscheidung traf. Das war zwar nicht nach Rapps Geschmack - er musste jedoch zugeben, dass sie besser als er imstande war, die Dinge in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Außerdem war sie der Boss, und es war letztlich ihr zierlicher Hals, der unter das Fallbeil kam, wenn etwas schiefging. Falls sie ins Visier geriet, würde Rapp nicht zögern, sich in die Schusslinie zu stellen, doch die Aasgeier der Washingtoner Politik würden auch ihren Kopf fordern. Rapp respektierte sie, was bei ihm durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Er war ein Einzelkämpfer. Er war dazu ausgebildet, unabhängig zu operieren und mitten im Kampfgebiet ganz allein zu überleben - und das für Monate, wenn es sein musste. Für so manchen wäre diese Arbeit absolut nervenaufreibend gewesen, doch Rapp genoss es geradezu, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Draußen in den Krisenherden der Welt gab es keinen Papierkram zu erledigen und niemanden, der ihm über die Schulter schaute. Dort gab es keine Bürokraten, die jedes Risiko scheuten und jeden seiner Schritte kritisierten. Dort war er völlig unabhängig. Sie hatten ihn dazu ausgebildet, dass er genau so vorging, und jetzt mussten sie sich auch mit ihm abfinden.
Typen wie Mitch Rapp waren nicht sonderlich gut darin, Befehle entgegenzunehmen, vor allem nicht von Leuten, die sie nicht respektierten. Zum Glück genoss Irene Kennedy seinen Respekt, und sie verfügte auch über die Macht, gewisse Dinge durchzusetzen oder, so wie in diesem Fall, einfach wegzuschauen, während er die Sache in die Hand nahm. Mehr wollte Rapp gar nicht - ja, so war es ihm sogar am liebsten. Er brauchte nicht ihren Segen und grünes Licht für die Mission - es genügte ihm völlig, wenn sie ihm die Akte zurückgab, gute Nacht sagte und ihn einfach machen ließ.
Rapp hatte seine Leute bereits auf die Sache vorbereitet. Er konnte sich gleich am nächsten Morgen mit ihnen treffen und die Angelegenheit binnen zwölf Stunden erledigen, wenn nichts dazwischenkam - und in diesem Fall sollte es eigentlich keine unliebsamen Überraschungen geben. Der Mann, um den es ging, schien in seinem Wahn zu glauben, dass nichts und niemand ihm etwas anhaben konnte. Er würde gar nicht merken, wie ihm geschah. Das Problem lag lediglich in dem Aufsehen, das die Sache eventuell erregen würde. Rapp selbst scherte sich keinen Deut darum, aber er wusste, dass sich Kennedy sehr wohl deswegen Gedanken machte und genau aus diesem Grund vielleicht mit ihrer Zustimmung zögern würde.
Sie schloss die Mappe, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Rapp kannte sie besser als die meisten, und er wusste, dass diese Geste kein gutes Zeichen war. Es bedeutete, dass sie Kopfschmerzen hatte, und das lag höchstwahrscheinlich an der heiklen Sache, mit der er gerade zu ihr gekommen war.
'Lass mich raten', begann sie schließlich und blickte mit müden Augen zu ihm auf, 'du willst ihn ausschalten.'
Rapp nickte.
'Wie kommt es, dass deine Lösungsansätze immer damit zu tun haben, dass jemand getötet wird?'
Rapp zuckte die Achseln. 'Auf diese Art ist die Sache einfach dauerhafter.'
Die Direktorin der CIA sah ihn etwas enttäuscht an, schüttelte den Kopf und legte die Hand auf die Aktenmappe.
'Was willst du denn hören, Irene? Ich bin nun mal kein Sozialarbeiter, der sich mit der Resozialisierung von Kriminellen beschäftigt. Der Typ hier hat seine Chance gehabt. Die Franzosen hatten ihn für fast zwei Jahre eingesperrt. Seit sechs Monaten ist er wieder draußen, und er macht munter dort weiter, wo er vorher aufgehört hat.'
'Hast du schon mal einen Gedanken an die Folgen verschwendet?'
'Na ja, das ist nicht unbedingt meine starke Seite.'
Sie sah ihn vorwurfsvoll an.
'Ich habe schon mit unseren französischen Kollegen gesprochen. Sie sind genauso sauer wie wir. Es liegt an ihren verdammten Politikern und diesem schwachsinnigen Richter, dass er wieder frei herumläuft.'
Irene Kennedy konnte ihm in diesem Punkt nicht widersprechen. Sie hatte mit ihrem französischen Amtskollegen ausführlich über den Betreffenden gesprochen, und er war alles andere als glücklich darüber, dass die Entscheidungsträger seines Landes den radikalen islamischen Geistlichen auf freien Fuß gesetzt hatten. Den Antiterror-Spezialisten in Frankreich gefiel die Sache genauso wenig wie ihnen.
'Dieser Typ ist kein Unbekannter', wandte Kennedy ein. 'Die Zeitungen haben über ihn berichtet. Wenn er plötzlich tot ist, werden sie sich nur so auf die Sache stürzen.'
'Sollen sie doch. Der Wirbel dauert zwei Tage . vielleicht auch eine Woche, dann suchen sie sich eine neue Sensation, die sie ausschlachten können. Außerdem würden wir damit eine Botschaft an all die Idioten richten, die glauben, sie können völlig ungestört im Westen operieren.'
Sie sah ihn mit ausdruckslosen Augen an. 'Was ist mit dem Präsidenten?', fragte sie. 'Er wird wissen wollen, ob wir etwas damit zu tun haben.'
'Sag ihm einfach, du wüsstest nichts davon', antwortete er achselzuckend.
'Ich lüge ihn nicht gern an', erwiderte sie stirnrunzelnd.
'Dann sag ihm doch, er soll mich danach fragen. Er wird schon verstehen und die Sache auf sich beruhen lassen. Er weiß doch auch, wie das Spiel läuft.'
Irene Kennedy lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Den Blick auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, sagte sie: 'Er ist ein Geistlicher.'
'Er ist ein radikaler Schurke, der den Koran für seine eigenen perversen Zwecke missbraucht. Er sammelt Geld für Terrorgruppen, er rekrutiert junge Männer, die leicht zu beeinflussen sind, um sie als Selbstmordattentäter einzusetzen, und er tut das alles praktisch vor unserer Nase.'
'Genau das ist ein weiteres Problem bei der Sache. Was glaubst du, wie die Kanadier reagieren werden?'
'In der Öffentlichkeit werden sich sicher manche empört zeigen, aber insgeheim würden sie uns am liebsten einen Orden verleihen. Wir haben bereits mit der Mounted Police und dem Security Intelligence Service gesprochen . sie würden den Mistkerl am liebsten abschieben, aber in ihrem Justizministerium haben sie offenbar die politische Korrektheit mit dem Löffel gefressen. Wir haben sogar mitbekommen, wie zwei Leute von ihrem Geheimdienst darüber spekulieren, wie sie den Kerl verschwinden lassen könnten.'
'Das ist nicht dein Ernst?'
'Und ob. Coleman und seine Jungs haben das Gespräch erst diese Woche mitgehört.'
Kennedy sah ihn nachdenklich an. 'Ich kann mir durchaus vorstellen, dass unsere Kollegen insgeheim erleichtert auf den Tod des Mannes reagieren würden, aber das ändert trotzdem nichts daran, dass der Vorfall jede Menge Staub in der politischen Öffentlichkeit aufwirbeln würde.'
Rapp wollte nicht über die politische Seite der Angelegenheit diskutieren, weil die Argumente aus diesem Blickwinkel eher gegen sein Vorhaben sprachen. 'Hör mal . es ist schon schlimm genug, wenn diese religiösen Fanatiker drüben in Saudi-Arabien und Pakistan aktiv sind, aber hier in Nordamerika können wir das nicht zulassen. Um ganz ehrlich zu sein, ich hoffe sogar, dass die Medien darüber berichten, damit all die anderen Eiferer mitbekommen, dass wir ab jetzt Nägel mit Köpfen machen. Irene, wir stecken mitten in einem Krieg, und wir müssen langsam anfangen, dementsprechend zu handeln.'
Widerstrebend musste sie ihm recht geben. 'Wie willst du es anstellen?', fragte sie schließlich resignierend.
'Colemans Team ist schon seit sechs Tagen auf dem Posten und beobachtet ihn. Der Kerl funktioniert wie ein Uhrwerk. Es gibt keine nennenswerten Sicherheitsvorkehrungen. Wir können ihn entweder auf der Straße erledigen, was natürlich bedeutet, dass es auch jemanden treffen würde, der vielleicht bei ihm ist. Wir könnten ihn aber auch mit einem schallgedämpften Gewehr aus ein oder zwei Blocks Entfernung ausschalten. Ich persönlich bin für einen gezielten Schuss aus der Ferne. Wenn der richtige Mann am Abzug sitzt, stehen die Chancen genauso gut wie aus der Nähe, und die Sache wäre bedeutend sicherer.'
Nachdenklich blickte sie auf die Akte hinunter. 'Könnt ihr ihn auch verschwinden lassen?', fragte sie schließlich.
'Mit genügend Zeit, Geld und Personal lässt sich alles machen, aber warum sollten wir es uns schwerer machen als nötig?'
'Das Aufsehen in der Öffentlichkeit wäre viel geringer, wenn die Medien keine Leiche hätten, die sie fotografieren können.'
'Ich kann nichts versprechen, aber ich werde sehen, was sich machen lässt.'
Irene Kennedy nickte bedächtig. 'Also gut. Regel Nummer eins, Mitch: Lass dich nicht erwischen.'
'Das versteht sich von selbst. Ich halte viel von Selbsterhaltung.'
'Ich weiß . ich wollte nur sagen, wenn ihr irgendwie dafür sorgen könnt, dass er nie gefunden wird, wäre das sicher hilfreich.'
'Alles klar', sagte Rapp und nahm die Akte wieder an sich. 'Sonst noch was?'
'Ja. Wenn du zurück bist, möchte ich, dass du dich mit jemandem triffst. Zwei Leute, genau gesagt.'
'Mit wem?'
Sie schüttelte den Kopf. 'Die Einzelheiten erfährst du, wenn du wieder da bist, Mitch. Bring erst einmal die Sache hier hinter dich, und ruf mich an, sobald du fertig bist.'
MEKKA, SAUDI-ARABIEN
'Ich will einen Mann töten lassen.'
Die Worte wurden allzu laut und vor allzu vielen Leuten ausgesprochen - und das in einer Umgebung, wo man derart offene Worte seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte. Mit den Leibwächtern waren es achtundzwanzig Männer, die sich in dem luxuriösen Empfangssaal von Prinz Muhammad bin Rashids Palast in Mekka aufhielten. Rashid war Minister für Islamische Angelegenheiten, ein überaus wichtiges Amt in Saudi-Arabien. Hier in seinem Palast hielt er, der Tradition der Wüstenscheichs folgend, seine wöchentlichen Audienzen ab. Manche kamen, um ihn um einen Gefallen zu bitten, der Mehrheit aber ging es vor allem darum, sich in der Nähe des Prinzen aufzuhalten. Gewiss gab es auch einige, die im Auftrag von Rashids Halbbruder König Abdullah hier spionierten.
Als diese unverblümte Bitte ausgesprochen wurde, machte sich keiner der Anwesenden mehr die Mühe, so zu tun, als ginge es ihn nichts an, was um ihn herum vorging, während er gleichzeitig alles und jeden belauschte - etwas, das bei diesen Audienzen mit großer Kunstfertigkeit praktiziert wurde. Alles wandte sich dem Prinzen zu, um zu sehen, wie er reagierte.
Prinz Muhammad bin Rashid schaute nicht auf, doch er spürte, dass alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Dass ihm die Bitte seines Freundes einen Moment lang unangenehm war, lag gewiss nicht daran, dass es um einen Mord ging. Rashid hatte nichts anderes erwartet. Es war schon einige Zeit her, dass er seinem Freund ganz bewusst die Information hatte zukommen lassen, die, wie er hoffte, schließlich zu dieser verzweifelten Bitte führen würde. Das Einzige, was ihn störte, war, dass sein alter Freund so unbedacht war, ein so heikles Anliegen vor so vielen Männern zu äußern, denen man nicht trauen konnte. Das Königreich war selbst für einen so mächtigen Mann wie Muhammad bin Rashid zu einem gefährlichen Platz geworden.
Der Prinz nahm die Hand des Mannes, der vor ihm kniete, und überlegte gut, wie er ihm antworten sollte. Er war sich bewusst, dass die kühne Bitte sowie seine Reaktion darauf noch vor Sonnenuntergang im ganzen Land und möglicherweise darüber hinaus verbreitet werden würde. Das Königshaus Saud war heute in sich gespalten. Brüder waren untereinander verfeindet, und Rashid wusste, dass er sehr vorsichtig sein musste. Es waren bereits einige Mitglieder der königlichen Familie getötet worden, und es würden ihnen noch viele ins Grab folgen, bevor der Kampf vorüber war. Sein größter Widersacher war der König selbst, ein schwacher Führer, der sich allzu oft den Wünschen der Amerikaner beugte.
Rashid verzichtete auf eine große Geste, wie sie in seiner Kultur in einer derartigen Situation üblich gewesen wäre. 'Du sollst nicht von solchen Dingen sprechen, Saeed', antwortete er vorwurfsvoll. 'Ich weiß, wie schwer dich der Verlust deines Sohnes getroffen hat, aber du darfst nicht vergessen, dass Allah mächtig und die Rache sein ist.'
'Aber wir sind doch Werkzeuge Allahs', entgegnete der Mann zornig, 'und ich verlange meine eigene Rache. Ich habe ein Recht darauf.'
Der Prinz blickte von dem schmerzerfüllten Gesicht seines alten Freundes auf, der vor ihm kniete, und befahl seinen Gehilfen, den Saal räumen zu lassen. Dann streckte er die Hand aus und berührte einen Mann, der rechts neben ihm saß, am Knie, um ihn zum Bleiben aufzufordern.
Als der Saal leer war, sah der Prinz seinen Freund mit strenger Miene an. 'Es ist eine sehr ernste Bitte, die du mir da zu Füßen legst', sagte er.
Saeed Ahmed Abdullah hatte Tränen in den Augen. 'Die Ungläubigen haben meinen Sohn getötet. Er war ein guter Junge.' Er wandte sein schmerzerfülltes Gesicht dem Mann zu, den Rashid aufgefordert hatte zu bleiben - Scheich Ahmed al-Ghamdi, den geistlichen Führer der Großen Moschee in Mekka. 'Mein Sohn war ein wahrer Gläubiger, der dem Aufruf zum Dschihad folgte. Er hat alles geopfert, während so viele andere die Hände in den Schoß legen.' Saeed blickte sich im großen Saal um, wie um seinen Zorn auch gegen die Angehörigen der privilegierten Schicht zu richten, die große Reden führten und mit Geld um sich warfen, aber davor zurückscheuten, ihr Blut hinzugeben. Er war so versunken in seinem tiefen Schmerz, dass ihm gar nicht aufgefallen war, dass alle anderen hinausgegangen waren.
Scheich Ahmed nickte zustimmend. 'Wahid war ein tapferer Krieger', bestätigte er.
'Sehr tapfer', fuhr Saeed fort und wandte sich wieder seinem alten Freund zu. 'Wir kennen uns schon sehr lange. Habe ich dich je mit nebensächlichen Bitten belästigt?'
Rashid schüttelte den Kopf.
'Ich würde dich heute nicht mit dieser Sache behelligen, wenn diese Feiglinge in Riad meine einfache Bitte erfüllt und den Amerikanern die Stirn geboten hätten. Ich wollte doch nur, dass man mir die Leiche meines jüngsten Kindes zurückbringt, damit ich es angemessen bestatten kann. Stattdessen sagt man mir, dass dieser Ungläubige meinen Sohn absichtlich der Schande preisgegeben hat, um ihm das Paradies vorzuenthalten. Was soll ich in einer solchen Situation tun?'
'Was genau erwartest du von mir?', fragte Rashid seufzend.
'Ich will, dass du einen Mann für mich tötest, nicht mehr und nicht weniger. Auge um Auge.'
Der Prinz musterte seinen Freund bedächtig. 'Das ist keine geringe Bitte.'
'Ich würde es ja selbst tun', fuhr Saeed rasch fort, 'aber ich habe keine Erfahrung in solchen Dingen, während du, mein alter Freund, viele Kontakte in der Welt der Spionage hast.'
Der entscheidende Faktor eines solchen Unterfangens war, Rapp zu erwischen, wenn er es am wenigsten erwartete. Doch bei Rapps Wachsamkeit, die schon an Verfolgungswahn grenzte, war das alles andere als einfach. Alle Einzelheiten des Plans mussten perfekt aufeinander abgestimmt sein, und selbst dann würden die Killer noch eine gehörige Portion Glück brauchen. Diejenigen, die dieses Vorhaben in die Tat umsetzen wollten, schätzten die Erfolgschancen auf etwa siebzig Prozent - und aus diesem Grund durfte absolut nichts darauf hindeuten, dass sie irgendetwas mit dem Anschlag zu tun hatten. Falls die Killer, die sie anheuern würden, scheiterten, würde Rapp alles daransetzen, die Drahtzieher zu finden - auch wenn die Betreffenden noch so mächtig sein sollten. Und diese Leute waren nicht darauf erpicht, den Rest ihres Lebens von Rapp gejagt zu werden.
LANGLEY, VIRGINIA
Rapp stand vor dem Schreibtisch seiner Chefin. Sie hatte ihm einen Sessel angeboten, doch er zog es vor, stehen zu bleiben. Die Sonne war bereits untergegangen, es war schon spät, und er wäre lieber zu Hause bei seiner Frau gewesen - doch diese Sache musste er noch erledigen. Die Akte war zweieinhalb Zentimeter dick. Die Sache war ihm ziemlich lästig, und er wollte sie endlich vom Schreibtisch haben, damit er sich anderen Dingen zuwenden konnte.
Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn Irene Kennedy sich damit begnügt hätte, die Zusammenfassung zu lesen und ihm die Akte zurückzugeben - aber das war nicht unbedingt ihre Art. Man schaffte es nicht als erste Frau an die Spitze der CIA, wenn man es sich immer leicht machte. Dr. Kennedy hatte ein fotografisches Gedächtnis und einen messerscharfen Verstand. Sie glich einem dieser Supercomputer, die die großen Versicherungsgesellschaften im Keller stehen haben und die Tag für Tag Millionen von Daten und Fakten analysieren. Irene Kennedys Fähigkeit, eine bestimmte Situation zu erfassen, war unübertrefflich. Sie speicherte alle Informationen, die gesammelt wurden, einschließlich der heiklen Dinge, die nie an die Öffentlichkeit gelangten, wie zum Beispiel jene Akte, die sie nun auf dem Schreibtisch liegen hatte.
Rapp sah zu, wie sie das Dossier eilig durchblätterte und gelegentlich zu einer Stelle zurückging, die ihr nicht ganz schlüssig erschien. Er war sich bewusst, dass sein Bericht die eine oder andere Ungereimtheit enthielt, aber dieser Papierkram war nicht gerade sein Spezialgebiet. Seine Fähigkeiten waren eher am anderen Ende ihres Geschäfts angesiedelt. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte sie seine Berichte mit dem Rotstift in der Hand gelesen und jede Menge Korrekturen angebracht - doch das sparte sie sich diesmal. Die vorliegende Akte barg einigen Zündstoff in sich - Material, das brisant genug war, um jede Menge Karrieren zu ruinieren. Irene Kennedy wusste schon, was es geschlagen hatte, wenn Rapp früh am Morgen oder spätabends in ihrem Büro auftauchte und darauf verzichtete, Platz zu nehmen. In einem solchen Fall war es besser, den Rotstift gar nicht erst zur Hand zu nehmen. Sie wusste genau, was er wollte, und so las sie den Bericht, ohne etwas zu sagen.
Irene Kennedy wollte Angelegenheiten dieser Art stets noch einmal überdenken, bevor sie eine Entscheidung traf. Das war zwar nicht nach Rapps Geschmack - er musste jedoch zugeben, dass sie besser als er imstande war, die Dinge in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Außerdem war sie der Boss, und es war letztlich ihr zierlicher Hals, der unter das Fallbeil kam, wenn etwas schiefging. Falls sie ins Visier geriet, würde Rapp nicht zögern, sich in die Schusslinie zu stellen, doch die Aasgeier der Washingtoner Politik würden auch ihren Kopf fordern. Rapp respektierte sie, was bei ihm durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Er war ein Einzelkämpfer. Er war dazu ausgebildet, unabhängig zu operieren und mitten im Kampfgebiet ganz allein zu überleben - und das für Monate, wenn es sein musste. Für so manchen wäre diese Arbeit absolut nervenaufreibend gewesen, doch Rapp genoss es geradezu, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Draußen in den Krisenherden der Welt gab es keinen Papierkram zu erledigen und niemanden, der ihm über die Schulter schaute. Dort gab es keine Bürokraten, die jedes Risiko scheuten und jeden seiner Schritte kritisierten. Dort war er völlig unabhängig. Sie hatten ihn dazu ausgebildet, dass er genau so vorging, und jetzt mussten sie sich auch mit ihm abfinden.
Typen wie Mitch Rapp waren nicht sonderlich gut darin, Befehle entgegenzunehmen, vor allem nicht von Leuten, die sie nicht respektierten. Zum Glück genoss Irene Kennedy seinen Respekt, und sie verfügte auch über die Macht, gewisse Dinge durchzusetzen oder, so wie in diesem Fall, einfach wegzuschauen, während er die Sache in die Hand nahm. Mehr wollte Rapp gar nicht - ja, so war es ihm sogar am liebsten. Er brauchte nicht ihren Segen und grünes Licht für die Mission - es genügte ihm völlig, wenn sie ihm die Akte zurückgab, gute Nacht sagte und ihn einfach machen ließ.
Rapp hatte seine Leute bereits auf die Sache vorbereitet. Er konnte sich gleich am nächsten Morgen mit ihnen treffen und die Angelegenheit binnen zwölf Stunden erledigen, wenn nichts dazwischenkam - und in diesem Fall sollte es eigentlich keine unliebsamen Überraschungen geben. Der Mann, um den es ging, schien in seinem Wahn zu glauben, dass nichts und niemand ihm etwas anhaben konnte. Er würde gar nicht merken, wie ihm geschah. Das Problem lag lediglich in dem Aufsehen, das die Sache eventuell erregen würde. Rapp selbst scherte sich keinen Deut darum, aber er wusste, dass sich Kennedy sehr wohl deswegen Gedanken machte und genau aus diesem Grund vielleicht mit ihrer Zustimmung zögern würde.
Sie schloss die Mappe, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Rapp kannte sie besser als die meisten, und er wusste, dass diese Geste kein gutes Zeichen war. Es bedeutete, dass sie Kopfschmerzen hatte, und das lag höchstwahrscheinlich an der heiklen Sache, mit der er gerade zu ihr gekommen war.
'Lass mich raten', begann sie schließlich und blickte mit müden Augen zu ihm auf, 'du willst ihn ausschalten.'
Rapp nickte.
'Wie kommt es, dass deine Lösungsansätze immer damit zu tun haben, dass jemand getötet wird?'
Rapp zuckte die Achseln. 'Auf diese Art ist die Sache einfach dauerhafter.'
Die Direktorin der CIA sah ihn etwas enttäuscht an, schüttelte den Kopf und legte die Hand auf die Aktenmappe.
'Was willst du denn hören, Irene? Ich bin nun mal kein Sozialarbeiter, der sich mit der Resozialisierung von Kriminellen beschäftigt. Der Typ hier hat seine Chance gehabt. Die Franzosen hatten ihn für fast zwei Jahre eingesperrt. Seit sechs Monaten ist er wieder draußen, und er macht munter dort weiter, wo er vorher aufgehört hat.'
'Hast du schon mal einen Gedanken an die Folgen verschwendet?'
'Na ja, das ist nicht unbedingt meine starke Seite.'
Sie sah ihn vorwurfsvoll an.
'Ich habe schon mit unseren französischen Kollegen gesprochen. Sie sind genauso sauer wie wir. Es liegt an ihren verdammten Politikern und diesem schwachsinnigen Richter, dass er wieder frei herumläuft.'
Irene Kennedy konnte ihm in diesem Punkt nicht widersprechen. Sie hatte mit ihrem französischen Amtskollegen ausführlich über den Betreffenden gesprochen, und er war alles andere als glücklich darüber, dass die Entscheidungsträger seines Landes den radikalen islamischen Geistlichen auf freien Fuß gesetzt hatten. Den Antiterror-Spezialisten in Frankreich gefiel die Sache genauso wenig wie ihnen.
'Dieser Typ ist kein Unbekannter', wandte Kennedy ein. 'Die Zeitungen haben über ihn berichtet. Wenn er plötzlich tot ist, werden sie sich nur so auf die Sache stürzen.'
'Sollen sie doch. Der Wirbel dauert zwei Tage . vielleicht auch eine Woche, dann suchen sie sich eine neue Sensation, die sie ausschlachten können. Außerdem würden wir damit eine Botschaft an all die Idioten richten, die glauben, sie können völlig ungestört im Westen operieren.'
Sie sah ihn mit ausdruckslosen Augen an. 'Was ist mit dem Präsidenten?', fragte sie. 'Er wird wissen wollen, ob wir etwas damit zu tun haben.'
'Sag ihm einfach, du wüsstest nichts davon', antwortete er achselzuckend.
'Ich lüge ihn nicht gern an', erwiderte sie stirnrunzelnd.
'Dann sag ihm doch, er soll mich danach fragen. Er wird schon verstehen und die Sache auf sich beruhen lassen. Er weiß doch auch, wie das Spiel läuft.'
Irene Kennedy lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Den Blick auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, sagte sie: 'Er ist ein Geistlicher.'
'Er ist ein radikaler Schurke, der den Koran für seine eigenen perversen Zwecke missbraucht. Er sammelt Geld für Terrorgruppen, er rekrutiert junge Männer, die leicht zu beeinflussen sind, um sie als Selbstmordattentäter einzusetzen, und er tut das alles praktisch vor unserer Nase.'
'Genau das ist ein weiteres Problem bei der Sache. Was glaubst du, wie die Kanadier reagieren werden?'
'In der Öffentlichkeit werden sich sicher manche empört zeigen, aber insgeheim würden sie uns am liebsten einen Orden verleihen. Wir haben bereits mit der Mounted Police und dem Security Intelligence Service gesprochen . sie würden den Mistkerl am liebsten abschieben, aber in ihrem Justizministerium haben sie offenbar die politische Korrektheit mit dem Löffel gefressen. Wir haben sogar mitbekommen, wie zwei Leute von ihrem Geheimdienst darüber spekulieren, wie sie den Kerl verschwinden lassen könnten.'
'Das ist nicht dein Ernst?'
'Und ob. Coleman und seine Jungs haben das Gespräch erst diese Woche mitgehört.'
Kennedy sah ihn nachdenklich an. 'Ich kann mir durchaus vorstellen, dass unsere Kollegen insgeheim erleichtert auf den Tod des Mannes reagieren würden, aber das ändert trotzdem nichts daran, dass der Vorfall jede Menge Staub in der politischen Öffentlichkeit aufwirbeln würde.'
Rapp wollte nicht über die politische Seite der Angelegenheit diskutieren, weil die Argumente aus diesem Blickwinkel eher gegen sein Vorhaben sprachen. 'Hör mal . es ist schon schlimm genug, wenn diese religiösen Fanatiker drüben in Saudi-Arabien und Pakistan aktiv sind, aber hier in Nordamerika können wir das nicht zulassen. Um ganz ehrlich zu sein, ich hoffe sogar, dass die Medien darüber berichten, damit all die anderen Eiferer mitbekommen, dass wir ab jetzt Nägel mit Köpfen machen. Irene, wir stecken mitten in einem Krieg, und wir müssen langsam anfangen, dementsprechend zu handeln.'
Widerstrebend musste sie ihm recht geben. 'Wie willst du es anstellen?', fragte sie schließlich resignierend.
'Colemans Team ist schon seit sechs Tagen auf dem Posten und beobachtet ihn. Der Kerl funktioniert wie ein Uhrwerk. Es gibt keine nennenswerten Sicherheitsvorkehrungen. Wir können ihn entweder auf der Straße erledigen, was natürlich bedeutet, dass es auch jemanden treffen würde, der vielleicht bei ihm ist. Wir könnten ihn aber auch mit einem schallgedämpften Gewehr aus ein oder zwei Blocks Entfernung ausschalten. Ich persönlich bin für einen gezielten Schuss aus der Ferne. Wenn der richtige Mann am Abzug sitzt, stehen die Chancen genauso gut wie aus der Nähe, und die Sache wäre bedeutend sicherer.'
Nachdenklich blickte sie auf die Akte hinunter. 'Könnt ihr ihn auch verschwinden lassen?', fragte sie schließlich.
'Mit genügend Zeit, Geld und Personal lässt sich alles machen, aber warum sollten wir es uns schwerer machen als nötig?'
'Das Aufsehen in der Öffentlichkeit wäre viel geringer, wenn die Medien keine Leiche hätten, die sie fotografieren können.'
'Ich kann nichts versprechen, aber ich werde sehen, was sich machen lässt.'
Irene Kennedy nickte bedächtig. 'Also gut. Regel Nummer eins, Mitch: Lass dich nicht erwischen.'
'Das versteht sich von selbst. Ich halte viel von Selbsterhaltung.'
'Ich weiß . ich wollte nur sagen, wenn ihr irgendwie dafür sorgen könnt, dass er nie gefunden wird, wäre das sicher hilfreich.'
'Alles klar', sagte Rapp und nahm die Akte wieder an sich. 'Sonst noch was?'
'Ja. Wenn du zurück bist, möchte ich, dass du dich mit jemandem triffst. Zwei Leute, genau gesagt.'
'Mit wem?'
Sie schüttelte den Kopf. 'Die Einzelheiten erfährst du, wenn du wieder da bist, Mitch. Bring erst einmal die Sache hier hinter dich, und ruf mich an, sobald du fertig bist.'
MEKKA, SAUDI-ARABIEN
'Ich will einen Mann töten lassen.'
Die Worte wurden allzu laut und vor allzu vielen Leuten ausgesprochen - und das in einer Umgebung, wo man derart offene Worte seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte. Mit den Leibwächtern waren es achtundzwanzig Männer, die sich in dem luxuriösen Empfangssaal von Prinz Muhammad bin Rashids Palast in Mekka aufhielten. Rashid war Minister für Islamische Angelegenheiten, ein überaus wichtiges Amt in Saudi-Arabien. Hier in seinem Palast hielt er, der Tradition der Wüstenscheichs folgend, seine wöchentlichen Audienzen ab. Manche kamen, um ihn um einen Gefallen zu bitten, der Mehrheit aber ging es vor allem darum, sich in der Nähe des Prinzen aufzuhalten. Gewiss gab es auch einige, die im Auftrag von Rashids Halbbruder König Abdullah hier spionierten.
Als diese unverblümte Bitte ausgesprochen wurde, machte sich keiner der Anwesenden mehr die Mühe, so zu tun, als ginge es ihn nichts an, was um ihn herum vorging, während er gleichzeitig alles und jeden belauschte - etwas, das bei diesen Audienzen mit großer Kunstfertigkeit praktiziert wurde. Alles wandte sich dem Prinzen zu, um zu sehen, wie er reagierte.
Prinz Muhammad bin Rashid schaute nicht auf, doch er spürte, dass alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Dass ihm die Bitte seines Freundes einen Moment lang unangenehm war, lag gewiss nicht daran, dass es um einen Mord ging. Rashid hatte nichts anderes erwartet. Es war schon einige Zeit her, dass er seinem Freund ganz bewusst die Information hatte zukommen lassen, die, wie er hoffte, schließlich zu dieser verzweifelten Bitte führen würde. Das Einzige, was ihn störte, war, dass sein alter Freund so unbedacht war, ein so heikles Anliegen vor so vielen Männern zu äußern, denen man nicht trauen konnte. Das Königreich war selbst für einen so mächtigen Mann wie Muhammad bin Rashid zu einem gefährlichen Platz geworden.
Der Prinz nahm die Hand des Mannes, der vor ihm kniete, und überlegte gut, wie er ihm antworten sollte. Er war sich bewusst, dass die kühne Bitte sowie seine Reaktion darauf noch vor Sonnenuntergang im ganzen Land und möglicherweise darüber hinaus verbreitet werden würde. Das Königshaus Saud war heute in sich gespalten. Brüder waren untereinander verfeindet, und Rashid wusste, dass er sehr vorsichtig sein musste. Es waren bereits einige Mitglieder der königlichen Familie getötet worden, und es würden ihnen noch viele ins Grab folgen, bevor der Kampf vorüber war. Sein größter Widersacher war der König selbst, ein schwacher Führer, der sich allzu oft den Wünschen der Amerikaner beugte.
Rashid verzichtete auf eine große Geste, wie sie in seiner Kultur in einer derartigen Situation üblich gewesen wäre. 'Du sollst nicht von solchen Dingen sprechen, Saeed', antwortete er vorwurfsvoll. 'Ich weiß, wie schwer dich der Verlust deines Sohnes getroffen hat, aber du darfst nicht vergessen, dass Allah mächtig und die Rache sein ist.'
'Aber wir sind doch Werkzeuge Allahs', entgegnete der Mann zornig, 'und ich verlange meine eigene Rache. Ich habe ein Recht darauf.'
Der Prinz blickte von dem schmerzerfüllten Gesicht seines alten Freundes auf, der vor ihm kniete, und befahl seinen Gehilfen, den Saal räumen zu lassen. Dann streckte er die Hand aus und berührte einen Mann, der rechts neben ihm saß, am Knie, um ihn zum Bleiben aufzufordern.
Als der Saal leer war, sah der Prinz seinen Freund mit strenger Miene an. 'Es ist eine sehr ernste Bitte, die du mir da zu Füßen legst', sagte er.
Saeed Ahmed Abdullah hatte Tränen in den Augen. 'Die Ungläubigen haben meinen Sohn getötet. Er war ein guter Junge.' Er wandte sein schmerzerfülltes Gesicht dem Mann zu, den Rashid aufgefordert hatte zu bleiben - Scheich Ahmed al-Ghamdi, den geistlichen Führer der Großen Moschee in Mekka. 'Mein Sohn war ein wahrer Gläubiger, der dem Aufruf zum Dschihad folgte. Er hat alles geopfert, während so viele andere die Hände in den Schoß legen.' Saeed blickte sich im großen Saal um, wie um seinen Zorn auch gegen die Angehörigen der privilegierten Schicht zu richten, die große Reden führten und mit Geld um sich warfen, aber davor zurückscheuten, ihr Blut hinzugeben. Er war so versunken in seinem tiefen Schmerz, dass ihm gar nicht aufgefallen war, dass alle anderen hinausgegangen waren.
Scheich Ahmed nickte zustimmend. 'Wahid war ein tapferer Krieger', bestätigte er.
'Sehr tapfer', fuhr Saeed fort und wandte sich wieder seinem alten Freund zu. 'Wir kennen uns schon sehr lange. Habe ich dich je mit nebensächlichen Bitten belästigt?'
Rashid schüttelte den Kopf.
'Ich würde dich heute nicht mit dieser Sache behelligen, wenn diese Feiglinge in Riad meine einfache Bitte erfüllt und den Amerikanern die Stirn geboten hätten. Ich wollte doch nur, dass man mir die Leiche meines jüngsten Kindes zurückbringt, damit ich es angemessen bestatten kann. Stattdessen sagt man mir, dass dieser Ungläubige meinen Sohn absichtlich der Schande preisgegeben hat, um ihm das Paradies vorzuenthalten. Was soll ich in einer solchen Situation tun?'
'Was genau erwartest du von mir?', fragte Rashid seufzend.
'Ich will, dass du einen Mann für mich tötest, nicht mehr und nicht weniger. Auge um Auge.'
Der Prinz musterte seinen Freund bedächtig. 'Das ist keine geringe Bitte.'
'Ich würde es ja selbst tun', fuhr Saeed rasch fort, 'aber ich habe keine Erfahrung in solchen Dingen, während du, mein alter Freund, viele Kontakte in der Welt der Spionage hast.'