So weit war das Land
Roman
Beryl Fletcher(Author)
btb (Publisher)
Published on 1. January 2003
Book
Paperback/Softback
320 pages
978-3-442-73003-2 (ISBN)
Description
Neuseeland, in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts: die junge Alice, uneheliches Kind eines englischen Dienstmädchens, wird über das Meer geschickt, um in der Ferne eine neue Heimat zu finden. Widerwillig macht sie sich auf den Weg, und die Reise ins Unbekannte entwickelt sich tatsächlich schon bald zu einer ernsthaften Herausforderung für die junge Frau, die viel wagen muss, um sich ihren Platz im Leben zu erobern. Eine ungewöhnliche Familiengeschichte nimmt ihren Anfang, wie sie mitreißender, tragischer, aber auch beglückender nicht sein könnte. Beryl Fletcher ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Neuseelands, vielfach preisgekrönt und von der Kritik hochgelobt.
More details
Series
73003
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73003-2 (9783442730032)
Schweitzer Classification
Persons
Beryl Fletcher, wurde in Neuseeland geboren und zählt dort seit Jahren zu den produktivsten und erfolgreichsten Autorinnen. Sie ist vielfach preisgekrönt. "So weit war das Land" ist ihr erstes Buch, das auf deutsch erscheint.
Content
Das erste Problem ist der Kassettenrekorder. Er will nicht richtig funktionieren. Das Mädchen fummelt daran herum, bittet mich, langsam in das Mikrofon zu sprechen, dann spult sie die Kassette zurück und spielt sie ab. Nichts. Sie versucht es erneut. Diesmal ein schwaches Zischen, ein Flüstern.
'Ich kam als Alice Nellie Smallacomb zur Welt.'
Meine Stimme klingt seltsam. Ich hatte gedacht, dass sie mit dem Alter tiefer würde, voller. Aber sie quiekt und krächzt wie ein junger Bursche in der Pubertät, und die Worte kommen anders heraus, als sie sich in meinem Kopf anhören. Vielleicht lebe ich schon zu lange in diesem warmen Inselwind. Tiefe Furchen in meiner Haut, und nun dieses dünne Tremolo. Ich hätte nie geglaubt, dass es mit meiner Stimme eher vorbei sein würde als mit mir.
Ich setzte den Kessel auf, als sie kam. Sie trank zwei Tassen Tee und aß ein Stück Gebäck mit Butter. Doch ich merkte, dass sie es nicht erwarten konnte anzufangen. Sie ist ein hübsches Mädchen, sehr schick in ihren kleinen Schnallenschuhen und mit den feinen silbernen Tupfern in ihren schwarzen Strümpfen.
Das Mädchen erzählt mir, sie sammle die Lebensgeschichten alter Frauen, die in den dreißiger Jahren aus Großbritannien in dieses Land kamen. 'Hier ist Ihr Geld, Alice', sagt sie. 'In bar, und jedes Mal, wenn Sie in den
Kassettenrekorder sprechen, gebe ich Ihnen weitere fünfhundert.'
Ich hätte mir nie träumen lassen, dass meine gesprochenen Worte irgendeinen Wert haben. Zehn Fünfzig-Dollar-Scheine, jeder mit einem Glitzerfaden. Ich falte sie sorgfältig, mit Ehrerbietung. Dann bekomme ich Angst. Ich giere nach diesem Geld. Es gibt so viele Dinge, die ich brauche. Ich werde versuchen, meine Lebensgeschichte so weit wie möglich auszudehnen. Aber was, wenn ich ihr nicht gebe, was sie will? Was, wenn sie meine Geschichte langweilig findet?
Das Mädchen versetzt dem Kassettenrekorder einen Klaps, dann spricht sie Datum und Uhrzeit ins Mikrofon. Und es schallt zurück, klar wie eine Glocke. Ihre Stimme ist jung und frisch. Eins von diesen selbstbewussten, gebildeten Mädchen. Angst haben die vor gar nichts.
'Werden Sie mir Fragen stellen?' will ich wissen.
'So wenige wie möglich. Ich möchte Ihre Geschichte in Ihren eigenen Worten hören. Vielleicht könnten wir mit Erinnerungen an Ihre Kindheit beginnen.'
Wie kann ich ihr meine frühen Jahre verständlich machen? Ich lebe seit fünfundsiebzig Jahren. Es ist, als schaute man über einen gewaltigen, düsteren Ozean hinweg auf eine einzelne Kerze, die am Rande des Horizonts eben flackernd ausgehen will. Tote Zeit, erstarrt in Geschichte. So zumindest wird sie es sehen. Ich weiß nicht, ob sie mir glauben wird, dass ich das absolute Gedächtnis für jedes wichtige Gespräch und Ereignis habe, das mein Leben geprägt hat. Es ist noch zu früh, ihr von meinem System zur Speicherung von Erinnerungen zu erzählen. Womöglich denkt sie, ich sei verrückt mit meinem Gerede über Glasperlen und Kaleidoskope und chiffrierte Farben, Rot für Leben, Weiß für Tod, Schwarz für Erneuerung.
'Wo soll ich anfangen?'
'Am Anfang, wo Sie geboren wurden, so was in der Art.'
'Ich kam als Alice Nellie Smallacomb zur Welt. Meine Mutter war erst fünfzehn bei meiner Geburt, aber ich weiß, wer mein Vater war. Er war auch erst fünfzehn und hieß Nigel Warrington. Später wurde er ein berühmter Rechtsanwalt, dann Richter. Sie war nicht mit ihm verheiratet, das erlaubten seine Eltern nicht. Sie fanden, sie sei von zu niederer Herkunft. Mit elf Jahren ging sie als Küchenmädchen in Stellung. Meine Großeltern waren ihr Herr und ihre Herrin. Mein Vater war ihr einziger Sohn, damals ein Schuljunge. Sie durfte bleiben, als sie versprach, nie jemandem zu erzählen, wessen Kind ich war. Sie ließen sie ein Dokument unterschreiben, auf dem stand, sie sei beim Maitanz von einem Fremden verführt worden.'
'Das muss schwer für Sie gewesen sein.'
'In mancher Hinsicht war es meine glücklichste Zeit. Meine Mutter vergötterte mich, und Mrs. Warrington versorgte mich mit Kleidung, indem sie aus dem Zeug, das sie für ihre diversen Wohltätigkeitseinrichtungen sammelte, Kleider und Schürzen und die am wenigsten abgetragenen Stiefel heraussuchte. Einmal schenkte sie mir einen kleinen Muff aus echtem Pelz, der mir an einer Lederschnur um den Hals hing.
Mrs. Warrington schaute mir gern beim Spielen zu, ohne mich merken zu lassen, dass sie da war. Das Rascheln ihrer langen Röcke verriet sie. Ich drehte mich dann ganz plötzlich um und versuchte, sie zu erwischen. Ich dachte, es handele sich um eine Art Spiel, das Damen mit kleinen Mädchen spielten. Als ich älter war, ließ sie mich gelegentlich in ihr privates Wohnzimmer bringen und erlaubte mir, mit einigen ihrer Schätze zu spielen. Ich erinnere mich an einen Satz schwarz lackierter Kästchen, die ineinander passten, und an ein Kaleidoskop, das unendliche Netze aus Glasfäden spann, und an einen Kristallanhänger, der winzige Punkte blendender Farbe aufblitzen ließ. Sie saß währenddessen kerzengerade in ihrem hochlehnigen Sessel und guckte mich an, ohne zu sprechen. Ich entsinne mich ganz deutlich an ihre blassblauen Augen. Sie hatte jene großen, irgendwie zitternden Augen, mit denen sie immer aussah, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.'
'Hat sie sich jemals zu Ihnen bekannt?'
'Nur einmal. Sie war sehr fromm und kultiviert. Sie legte großen Wert auf gute Manieren. Guten Morgen, Alice, pflegte sie zu sagen. Ich bete dafür, dass du dich benimmst. Ich musste einen kleinen Knicks vor ihr machen, meine Unterröcke und Röcke so von mir weghalten und mich verbeugen. Sie muss furchtbar gelitten haben, als ihr klar wurde, dass ihr einziger Sohn meine Mutter in Schwierigkeiten gebracht hatte. Und doch erinnere ich mich, das Gefühl gehabt zu haben, dass ich ihr ziemlich wichtig war. Manchmal holte sie mir zusätzliche Leckerbissen aus der Küche. Die Köchin billigte das gar nicht. Sie wartete immer, bis die Herrin gegangen war, und machte dann dem Küchenmädchen gegenüber spitze Bemerkungen, indem sie fragte, wieso einer gewissen jungen Dame besondere Vergünstigungen zuteil wurden. Obwohl ich zu klein war, um zu verstehen, was sie meinte, schämte ich mich und fühlte mich beschmutzt. Ich wusste, dass ich etwas Schlimmes angestellt hatte, nur wusste ich nicht, was.
Meine Lieblingsleckerei waren Marmeladentaschen, die aus den Resten vom Mürbeteig gemacht wurden. Die Herrin hob sie, knusprig und heiß und mit auslaufender Erdbeermarmelade, mit einer Silberzange vom Blech. Sie drohte mir mit dem Finger und flüsterte: erzähl deiner Mutter nichts. Oh, der warme, süße Geschmack, der mir dann in den Mund lief.
Die Erinnerung daran, wie ich in ihrem Wohnzimmer spielte, verfolgte mich in späteren Jahren. Die fragilen Fäden des Kaleidoskops setzten sich in meinem Kopf in einem bestimmten Muster fest. Diagonale Umrisse, jeder ausgefüllt von Glasperlen, die geformt waren wie bunte Tränen. Dieses Muster sollte all das repräsentieren, was mir bald schon versagt sein würde, die Gegenstände und Emotionen, die mit ihrem wunderschönen Haus verknüpft waren; die Wärme ihres Kaminfeuers, ihre raschelnden Seidenkleider, die Sicherheit, genau zu wissen, was ich zu tun hatte. Ein jedes Ding an seinem Platz, ein Platz für jedes Ding.
In den verzweifelten Jahren, die folgten, beschwor ich, wann immer ich glaubte, vor Verlangen zu vergehen, ein Bild des Kaleidoskopmusters herauf und sang lautlos: ich konnte es sehen, ich konnte es wirklich sehen.
Es war eine gute Zeit dort in dem großen Haus bei den Warringtons. Das Licht war von herrlicher Beschaffenheit, es veränderte sich mit der Tageszeit. Morgens war es Kerzenlicht. Die Zimmer der Dienstboten hatten kein elektrisches Licht. Ich sehe meine Mutter heute noch, wie ihr das lange, feine Haar über den molligen Rücken fiel, während sie sich in der Porzellanschüssel das Gesicht wusch und ihren zitternden Körper mit kaltem Wasser bespritzte. Die Flamme flackerte auf ihrem rosigen Gesicht.
'Ich kam als Alice Nellie Smallacomb zur Welt.'
Meine Stimme klingt seltsam. Ich hatte gedacht, dass sie mit dem Alter tiefer würde, voller. Aber sie quiekt und krächzt wie ein junger Bursche in der Pubertät, und die Worte kommen anders heraus, als sie sich in meinem Kopf anhören. Vielleicht lebe ich schon zu lange in diesem warmen Inselwind. Tiefe Furchen in meiner Haut, und nun dieses dünne Tremolo. Ich hätte nie geglaubt, dass es mit meiner Stimme eher vorbei sein würde als mit mir.
Ich setzte den Kessel auf, als sie kam. Sie trank zwei Tassen Tee und aß ein Stück Gebäck mit Butter. Doch ich merkte, dass sie es nicht erwarten konnte anzufangen. Sie ist ein hübsches Mädchen, sehr schick in ihren kleinen Schnallenschuhen und mit den feinen silbernen Tupfern in ihren schwarzen Strümpfen.
Das Mädchen erzählt mir, sie sammle die Lebensgeschichten alter Frauen, die in den dreißiger Jahren aus Großbritannien in dieses Land kamen. 'Hier ist Ihr Geld, Alice', sagt sie. 'In bar, und jedes Mal, wenn Sie in den
Kassettenrekorder sprechen, gebe ich Ihnen weitere fünfhundert.'
Ich hätte mir nie träumen lassen, dass meine gesprochenen Worte irgendeinen Wert haben. Zehn Fünfzig-Dollar-Scheine, jeder mit einem Glitzerfaden. Ich falte sie sorgfältig, mit Ehrerbietung. Dann bekomme ich Angst. Ich giere nach diesem Geld. Es gibt so viele Dinge, die ich brauche. Ich werde versuchen, meine Lebensgeschichte so weit wie möglich auszudehnen. Aber was, wenn ich ihr nicht gebe, was sie will? Was, wenn sie meine Geschichte langweilig findet?
Das Mädchen versetzt dem Kassettenrekorder einen Klaps, dann spricht sie Datum und Uhrzeit ins Mikrofon. Und es schallt zurück, klar wie eine Glocke. Ihre Stimme ist jung und frisch. Eins von diesen selbstbewussten, gebildeten Mädchen. Angst haben die vor gar nichts.
'Werden Sie mir Fragen stellen?' will ich wissen.
'So wenige wie möglich. Ich möchte Ihre Geschichte in Ihren eigenen Worten hören. Vielleicht könnten wir mit Erinnerungen an Ihre Kindheit beginnen.'
Wie kann ich ihr meine frühen Jahre verständlich machen? Ich lebe seit fünfundsiebzig Jahren. Es ist, als schaute man über einen gewaltigen, düsteren Ozean hinweg auf eine einzelne Kerze, die am Rande des Horizonts eben flackernd ausgehen will. Tote Zeit, erstarrt in Geschichte. So zumindest wird sie es sehen. Ich weiß nicht, ob sie mir glauben wird, dass ich das absolute Gedächtnis für jedes wichtige Gespräch und Ereignis habe, das mein Leben geprägt hat. Es ist noch zu früh, ihr von meinem System zur Speicherung von Erinnerungen zu erzählen. Womöglich denkt sie, ich sei verrückt mit meinem Gerede über Glasperlen und Kaleidoskope und chiffrierte Farben, Rot für Leben, Weiß für Tod, Schwarz für Erneuerung.
'Wo soll ich anfangen?'
'Am Anfang, wo Sie geboren wurden, so was in der Art.'
'Ich kam als Alice Nellie Smallacomb zur Welt. Meine Mutter war erst fünfzehn bei meiner Geburt, aber ich weiß, wer mein Vater war. Er war auch erst fünfzehn und hieß Nigel Warrington. Später wurde er ein berühmter Rechtsanwalt, dann Richter. Sie war nicht mit ihm verheiratet, das erlaubten seine Eltern nicht. Sie fanden, sie sei von zu niederer Herkunft. Mit elf Jahren ging sie als Küchenmädchen in Stellung. Meine Großeltern waren ihr Herr und ihre Herrin. Mein Vater war ihr einziger Sohn, damals ein Schuljunge. Sie durfte bleiben, als sie versprach, nie jemandem zu erzählen, wessen Kind ich war. Sie ließen sie ein Dokument unterschreiben, auf dem stand, sie sei beim Maitanz von einem Fremden verführt worden.'
'Das muss schwer für Sie gewesen sein.'
'In mancher Hinsicht war es meine glücklichste Zeit. Meine Mutter vergötterte mich, und Mrs. Warrington versorgte mich mit Kleidung, indem sie aus dem Zeug, das sie für ihre diversen Wohltätigkeitseinrichtungen sammelte, Kleider und Schürzen und die am wenigsten abgetragenen Stiefel heraussuchte. Einmal schenkte sie mir einen kleinen Muff aus echtem Pelz, der mir an einer Lederschnur um den Hals hing.
Mrs. Warrington schaute mir gern beim Spielen zu, ohne mich merken zu lassen, dass sie da war. Das Rascheln ihrer langen Röcke verriet sie. Ich drehte mich dann ganz plötzlich um und versuchte, sie zu erwischen. Ich dachte, es handele sich um eine Art Spiel, das Damen mit kleinen Mädchen spielten. Als ich älter war, ließ sie mich gelegentlich in ihr privates Wohnzimmer bringen und erlaubte mir, mit einigen ihrer Schätze zu spielen. Ich erinnere mich an einen Satz schwarz lackierter Kästchen, die ineinander passten, und an ein Kaleidoskop, das unendliche Netze aus Glasfäden spann, und an einen Kristallanhänger, der winzige Punkte blendender Farbe aufblitzen ließ. Sie saß währenddessen kerzengerade in ihrem hochlehnigen Sessel und guckte mich an, ohne zu sprechen. Ich entsinne mich ganz deutlich an ihre blassblauen Augen. Sie hatte jene großen, irgendwie zitternden Augen, mit denen sie immer aussah, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.'
'Hat sie sich jemals zu Ihnen bekannt?'
'Nur einmal. Sie war sehr fromm und kultiviert. Sie legte großen Wert auf gute Manieren. Guten Morgen, Alice, pflegte sie zu sagen. Ich bete dafür, dass du dich benimmst. Ich musste einen kleinen Knicks vor ihr machen, meine Unterröcke und Röcke so von mir weghalten und mich verbeugen. Sie muss furchtbar gelitten haben, als ihr klar wurde, dass ihr einziger Sohn meine Mutter in Schwierigkeiten gebracht hatte. Und doch erinnere ich mich, das Gefühl gehabt zu haben, dass ich ihr ziemlich wichtig war. Manchmal holte sie mir zusätzliche Leckerbissen aus der Küche. Die Köchin billigte das gar nicht. Sie wartete immer, bis die Herrin gegangen war, und machte dann dem Küchenmädchen gegenüber spitze Bemerkungen, indem sie fragte, wieso einer gewissen jungen Dame besondere Vergünstigungen zuteil wurden. Obwohl ich zu klein war, um zu verstehen, was sie meinte, schämte ich mich und fühlte mich beschmutzt. Ich wusste, dass ich etwas Schlimmes angestellt hatte, nur wusste ich nicht, was.
Meine Lieblingsleckerei waren Marmeladentaschen, die aus den Resten vom Mürbeteig gemacht wurden. Die Herrin hob sie, knusprig und heiß und mit auslaufender Erdbeermarmelade, mit einer Silberzange vom Blech. Sie drohte mir mit dem Finger und flüsterte: erzähl deiner Mutter nichts. Oh, der warme, süße Geschmack, der mir dann in den Mund lief.
Die Erinnerung daran, wie ich in ihrem Wohnzimmer spielte, verfolgte mich in späteren Jahren. Die fragilen Fäden des Kaleidoskops setzten sich in meinem Kopf in einem bestimmten Muster fest. Diagonale Umrisse, jeder ausgefüllt von Glasperlen, die geformt waren wie bunte Tränen. Dieses Muster sollte all das repräsentieren, was mir bald schon versagt sein würde, die Gegenstände und Emotionen, die mit ihrem wunderschönen Haus verknüpft waren; die Wärme ihres Kaminfeuers, ihre raschelnden Seidenkleider, die Sicherheit, genau zu wissen, was ich zu tun hatte. Ein jedes Ding an seinem Platz, ein Platz für jedes Ding.
In den verzweifelten Jahren, die folgten, beschwor ich, wann immer ich glaubte, vor Verlangen zu vergehen, ein Bild des Kaleidoskopmusters herauf und sang lautlos: ich konnte es sehen, ich konnte es wirklich sehen.
Es war eine gute Zeit dort in dem großen Haus bei den Warringtons. Das Licht war von herrlicher Beschaffenheit, es veränderte sich mit der Tageszeit. Morgens war es Kerzenlicht. Die Zimmer der Dienstboten hatten kein elektrisches Licht. Ich sehe meine Mutter heute noch, wie ihr das lange, feine Haar über den molligen Rücken fiel, während sie sich in der Porzellanschüssel das Gesicht wusch und ihren zitternden Körper mit kaltem Wasser bespritzte. Die Flamme flackerte auf ihrem rosigen Gesicht.