Ich bin Gott
Thriller
Giorgio Faletti(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 16. August 2010
Book
Paperback/Softback
512 pages
978-3-442-47280-2 (ISBN)
Description
Ein Serienkiller verfolgt in New York einen gnadenlosen Racheplan
New York wird von einem Serienkiller heimgesucht, der seine Opfer rein zufällig auswählt. Doch er hat es auf möglichst viele Menschenleben abgesehen. Als in Manhattan ein Hochhaus mit zweiundzwanzig Stockwerken explodiert, macht die Polizei eine grausame Entdeckung: Weitere Gebäude in der Stadt sind vermint und können jederzeit hochgehen. Aber niemand außer dem Killer weiß, welche und wie viele. Detective Vivien Light setzt alles daran, den Unbekannten zu stoppen. Doch die Zeit läuft, und jemand, der Vivien sehr nahe steht, schwebt in höchster Gefahr.
New York wird von einem Serienkiller heimgesucht, der seine Opfer rein zufällig auswählt. Doch er hat es auf möglichst viele Menschenleben abgesehen. Als in Manhattan ein Hochhaus mit zweiundzwanzig Stockwerken explodiert, macht die Polizei eine grausame Entdeckung: Weitere Gebäude in der Stadt sind vermint und können jederzeit hochgehen. Aber niemand außer dem Killer weiß, welche und wie viele. Detective Vivien Light setzt alles daran, den Unbekannten zu stoppen. Doch die Zeit läuft, und jemand, der Vivien sehr nahe steht, schwebt in höchster Gefahr.
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-47280-2 (9783442472802)
Schweitzer Classification
Persons
Giorgio Faletti, geboren 1950 im italienischen Asti, ist ein wahres Multitalent. Zunächst machte sich der gelernte Jurist als Moderator und Komiker in legendären italienischen Fernsehshows einen Namen ("Drive in", "Emilio"), danach wandte er sich der Musik zu, schrieb Lieder für berühmte Sänger und gewann 1994 beim Festival von San Remo selbst den zweiten Platz. 2002 erschien sein Debütroman "Ich töte", mit dem er monatelang Italiens Bestsellerlisten besetzte und so viele Bücher verkaufte wie kein italienischer Romancier vor ihm. Zwei Jahre später setzte Giorgio Faletti seinen sensationellen Erfolg mit "Im Augenblick des Todes" fort. Der Autor lebt mit seiner Frau auf Elba.
Content
Ich komme mir vor wie ein Anhalter, der auf einem texanischen Highway von einem Hagelsturm überrascht wird. Ich kann nicht weglaufen. Ich kann mich nicht unterstellen. Und ich kann ihm nicht Einhalt gebieten.
Lyndon B. Johnson Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika
ACHT MINUTEN
Ich gehe los.
Ich gehe langsam, denn ich muss nicht rennen. Ich gehe langsam, denn ich will nicht rennen. Alles ist festgelegt, auch die Zeit für meine Schritte. Ich habe ausgerechnet, dass acht Minuten genügen. Am Handgelenk trage ich eine billige Uhr und in der Jackentasche einen Gegenstand. Die Jacke ist aus grünem Stoff, auf dem einst oberhalb der Brusttasche, über dem Herzen, ein Streifen mit einem Dienstgrad und einem Namen aufgenäht war. Die Erinnerungen an den Besitzer dieser Jacke sind verblasst, als hätte man sie dem nachlassenden Gedächtnis eines alten Mannes anvertraut. Nur ein blasser, heller Strich ist geblieben, ein kleiner Fleck, der bereits tausend Waschgängen widerstanden hat, nachdem jemand
diesen schmalen Stoffstreifen abgerissen und den Namen zunächst auf ein Grab und dann ins Nichts befördert hat.
Jetzt ist es nur noch eine Jacke.
Meine Jacke.
Ich habe beschlossen, sie jedes Mal anzuziehen, wenn ich hinausgehe und meinen kurzen, achtminütigen Gang mache. Die Schritte verlieren sich wie ein Rascheln im Rauschen Millionen anderer Schritte, die tagtäglich in dieser Stadt gegangen werden. Die Minuten fließen ineinander wie Scherze der Zeit, farblose Sternschnuppen, eine Schneeflocke auf einem Gebirgskamm, die als einzige weiß, dass sie anders ist als die anderen.
Acht Minuten lang muss ich mit gleichmäßigen Schritten gehen, um sicher zu sein, dass das Funksignal stark genug ist, um seine Arbeit zu verrichten.
Wenn die Sonne plötzlich erlischt - so habe ich irgendwo gelesen -, wird ihr Licht noch acht Minuten lang die Erde erreichen, bevor diese dann in absolute Finsternis und Kälte getaucht werden wird.
Das fällt mir unvermittelt ein, und ich muss lachen. So stehe ich denn inmitten von Menschen und Autos ganz allein auf einem Gehweg in New York und lache, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund aufgerissen, zur großen Überraschung eines Satelliten im All. Die Leute schieben sich weiter und starren diesen Typen an, der da an einer Straßenecke steht und wie ein Irrer lacht.
Manch einer wird glauben, dass ich tatsächlich verrückt bin.
Einer bleibt sogar stehen und fällt in mein Lachen ein, dann wird ihm klar, dass er lacht, ohne zu wissen, warum. Mir laufen die Tränen übers Gesicht, weil ich über die unglaubliche Boshaftigkeit des Schicksals lachen muss. Menschen haben gelebt, um zu denken. Anderen war dies verwehrt, weil sie ums nackte Überleben kämpfen mussten.
Andere wiederum mussten sterben.
Ausweglose Angst, ein Röcheln ohne rettenden Sauerstoff, ein Fragezeichen, auf dem Rücken zu tragen wie das Gewicht eines Kreuzes, weil der Anstieg eine chronische Krankheit ist. Niemand hat je Abhilfe geschaffen, aus dem einfachen Grund, dass es keine Abhilfe gibt.
Ich mache nur ein Angebot: acht Minuten.
Keiner von denen, die an mir vorbeihasten, kann wissen, wann genau die acht Minuten beginnen.
Ich schon.
Ich habe die Sonne viele Male in der Hand und kann sie erlöschen lassen, wann ich will. Ich erreiche die Stelle, die für meine Schritte und für meine Uhr 'hier' bedeutet, und stecke die Hand in die Tasche. Meine Finger umfassen den vertrauten festen Gegenstand.
Meine Haut auf der Kunststoffoberfläche ist ein sicherer Führer auf dem Pfad, den es zu beschreiten gilt, eine wachsame Erinnerung.
Ich finde einen Knopf und drücke ihn sanft.
Und noch einen.
Und noch einen.
Einen Augenblick oder tausend Jahre später erfolgt, wie ein Donner ohne Gewitter, die Detonation. Die Erde nimmt den Himmel auf, ein Augenblick der Befreiung.
Die Schreie, der Staub, das Krachen der ineinanderfahren - den Autos, die Sirenen machen mir bewusst, dass für viele Menschen dort hinten die acht Minuten vorbei sind.
Das ist meine Macht.
Das ist meine Pflicht.
Das ist mein Wille.
Ich bin Gott.
EINE EWIGKEIT ZUVOR
Die Zimmerdecke war weiß, doch der Mann auf der Liege sah dort lauter Bilder und Spiegel. Bilder, die ihn seit Monaten jede Nacht quälten. Spiegel der Wirklichkeit und der Erinnerung, in denen er immer wieder sein Gesicht sah.
Sein Gesicht von heute und sein Gesicht von früher.
Zwei verschiedene Gestalten, die tragische Magie einer Veränderung. Zwei Spielfiguren, deren Züge den Anfang und das Ende jenes langwierigen Gesellschaftsspiels, das der Krieg gewesen war, markierten. Viele hatten mitgespielt, zu viele. Manche mussten aussetzen, andere wurden hinausgeworfen.
Niemand hatte gewonnen. Weder die eine noch die andere Seite.
Trotz allem war er zurückgekehrt. Er hatte überlebt und konnte noch atmen und sehen, doch er würde nie wieder den Wunsch haben, angesehen zu werden. Die Welt reichte für ihn nicht mehr über den Rand seines Schattens hinaus, und als Strafe würde er immer weiterlaufen, bis ans Ende der Welt. Er würde fliehen, verfolgt von etwas, das an seinem Rücken klebte wie ein Plakat an einer Wand.
Hinter ihm in einem Ledersessel saß Colonel Lensky, der Militärpsychiater, eine freundliche Person in einer Position, die Widerstand herausforderte. Seit Monaten, vielleicht seit Jahren, nein, seit Jahrhunderten trafen sie sich in diesem Zimmer, in dem der leicht rostige Geruch, den jede militärische Einrichtung ausströmt, weder aus der Luft noch aus der Erinnerung zu verbannen war. Auch wenn es sich nicht um eine Kaserne, sondern um ein Krankenhaus handelte.
Der Colonel war ein Mann mit schütterem braunem Haar und einer ruhigen Stimme, und man würde ihn eher für einen Kaplan als für einen Soldaten halten. Manchmal trug er seine Uniform, meist aber war er in Zivil. Unauffällige Kleidung, neutrale Farben, unscheinbares Gesicht. Er gehörte zu jener Sorte Mensch, die man sofort wieder vergisst.
Die man sofort wieder vergessen will.
Im Übrigen hatte er in all dieser Zeit die Stimme des Colonels häufiger gehört, als er dessen Gesicht gesehen hatte.
'Morgen kannst du also gehen.'
In diesen Worten schwang die Endgültigkeit des Abschieds mit, aber auch unendliche Erleichterung und unerbittliche Einsamkeit.
'Ja.'
'Bist du bereit?'
Nein!, hätte er gerne geschrien. Ich bin nicht bereit, so wie ich auch nicht bereit war, als alles angefangen hat.
Lyndon B. Johnson Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika
ACHT MINUTEN
Ich gehe los.
Ich gehe langsam, denn ich muss nicht rennen. Ich gehe langsam, denn ich will nicht rennen. Alles ist festgelegt, auch die Zeit für meine Schritte. Ich habe ausgerechnet, dass acht Minuten genügen. Am Handgelenk trage ich eine billige Uhr und in der Jackentasche einen Gegenstand. Die Jacke ist aus grünem Stoff, auf dem einst oberhalb der Brusttasche, über dem Herzen, ein Streifen mit einem Dienstgrad und einem Namen aufgenäht war. Die Erinnerungen an den Besitzer dieser Jacke sind verblasst, als hätte man sie dem nachlassenden Gedächtnis eines alten Mannes anvertraut. Nur ein blasser, heller Strich ist geblieben, ein kleiner Fleck, der bereits tausend Waschgängen widerstanden hat, nachdem jemand
diesen schmalen Stoffstreifen abgerissen und den Namen zunächst auf ein Grab und dann ins Nichts befördert hat.
Jetzt ist es nur noch eine Jacke.
Meine Jacke.
Ich habe beschlossen, sie jedes Mal anzuziehen, wenn ich hinausgehe und meinen kurzen, achtminütigen Gang mache. Die Schritte verlieren sich wie ein Rascheln im Rauschen Millionen anderer Schritte, die tagtäglich in dieser Stadt gegangen werden. Die Minuten fließen ineinander wie Scherze der Zeit, farblose Sternschnuppen, eine Schneeflocke auf einem Gebirgskamm, die als einzige weiß, dass sie anders ist als die anderen.
Acht Minuten lang muss ich mit gleichmäßigen Schritten gehen, um sicher zu sein, dass das Funksignal stark genug ist, um seine Arbeit zu verrichten.
Wenn die Sonne plötzlich erlischt - so habe ich irgendwo gelesen -, wird ihr Licht noch acht Minuten lang die Erde erreichen, bevor diese dann in absolute Finsternis und Kälte getaucht werden wird.
Das fällt mir unvermittelt ein, und ich muss lachen. So stehe ich denn inmitten von Menschen und Autos ganz allein auf einem Gehweg in New York und lache, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund aufgerissen, zur großen Überraschung eines Satelliten im All. Die Leute schieben sich weiter und starren diesen Typen an, der da an einer Straßenecke steht und wie ein Irrer lacht.
Manch einer wird glauben, dass ich tatsächlich verrückt bin.
Einer bleibt sogar stehen und fällt in mein Lachen ein, dann wird ihm klar, dass er lacht, ohne zu wissen, warum. Mir laufen die Tränen übers Gesicht, weil ich über die unglaubliche Boshaftigkeit des Schicksals lachen muss. Menschen haben gelebt, um zu denken. Anderen war dies verwehrt, weil sie ums nackte Überleben kämpfen mussten.
Andere wiederum mussten sterben.
Ausweglose Angst, ein Röcheln ohne rettenden Sauerstoff, ein Fragezeichen, auf dem Rücken zu tragen wie das Gewicht eines Kreuzes, weil der Anstieg eine chronische Krankheit ist. Niemand hat je Abhilfe geschaffen, aus dem einfachen Grund, dass es keine Abhilfe gibt.
Ich mache nur ein Angebot: acht Minuten.
Keiner von denen, die an mir vorbeihasten, kann wissen, wann genau die acht Minuten beginnen.
Ich schon.
Ich habe die Sonne viele Male in der Hand und kann sie erlöschen lassen, wann ich will. Ich erreiche die Stelle, die für meine Schritte und für meine Uhr 'hier' bedeutet, und stecke die Hand in die Tasche. Meine Finger umfassen den vertrauten festen Gegenstand.
Meine Haut auf der Kunststoffoberfläche ist ein sicherer Führer auf dem Pfad, den es zu beschreiten gilt, eine wachsame Erinnerung.
Ich finde einen Knopf und drücke ihn sanft.
Und noch einen.
Und noch einen.
Einen Augenblick oder tausend Jahre später erfolgt, wie ein Donner ohne Gewitter, die Detonation. Die Erde nimmt den Himmel auf, ein Augenblick der Befreiung.
Die Schreie, der Staub, das Krachen der ineinanderfahren - den Autos, die Sirenen machen mir bewusst, dass für viele Menschen dort hinten die acht Minuten vorbei sind.
Das ist meine Macht.
Das ist meine Pflicht.
Das ist mein Wille.
Ich bin Gott.
EINE EWIGKEIT ZUVOR
Die Zimmerdecke war weiß, doch der Mann auf der Liege sah dort lauter Bilder und Spiegel. Bilder, die ihn seit Monaten jede Nacht quälten. Spiegel der Wirklichkeit und der Erinnerung, in denen er immer wieder sein Gesicht sah.
Sein Gesicht von heute und sein Gesicht von früher.
Zwei verschiedene Gestalten, die tragische Magie einer Veränderung. Zwei Spielfiguren, deren Züge den Anfang und das Ende jenes langwierigen Gesellschaftsspiels, das der Krieg gewesen war, markierten. Viele hatten mitgespielt, zu viele. Manche mussten aussetzen, andere wurden hinausgeworfen.
Niemand hatte gewonnen. Weder die eine noch die andere Seite.
Trotz allem war er zurückgekehrt. Er hatte überlebt und konnte noch atmen und sehen, doch er würde nie wieder den Wunsch haben, angesehen zu werden. Die Welt reichte für ihn nicht mehr über den Rand seines Schattens hinaus, und als Strafe würde er immer weiterlaufen, bis ans Ende der Welt. Er würde fliehen, verfolgt von etwas, das an seinem Rücken klebte wie ein Plakat an einer Wand.
Hinter ihm in einem Ledersessel saß Colonel Lensky, der Militärpsychiater, eine freundliche Person in einer Position, die Widerstand herausforderte. Seit Monaten, vielleicht seit Jahren, nein, seit Jahrhunderten trafen sie sich in diesem Zimmer, in dem der leicht rostige Geruch, den jede militärische Einrichtung ausströmt, weder aus der Luft noch aus der Erinnerung zu verbannen war. Auch wenn es sich nicht um eine Kaserne, sondern um ein Krankenhaus handelte.
Der Colonel war ein Mann mit schütterem braunem Haar und einer ruhigen Stimme, und man würde ihn eher für einen Kaplan als für einen Soldaten halten. Manchmal trug er seine Uniform, meist aber war er in Zivil. Unauffällige Kleidung, neutrale Farben, unscheinbares Gesicht. Er gehörte zu jener Sorte Mensch, die man sofort wieder vergisst.
Die man sofort wieder vergessen will.
Im Übrigen hatte er in all dieser Zeit die Stimme des Colonels häufiger gehört, als er dessen Gesicht gesehen hatte.
'Morgen kannst du also gehen.'
In diesen Worten schwang die Endgültigkeit des Abschieds mit, aber auch unendliche Erleichterung und unerbittliche Einsamkeit.
'Ja.'
'Bist du bereit?'
Nein!, hätte er gerne geschrien. Ich bin nicht bereit, so wie ich auch nicht bereit war, als alles angefangen hat.