Die eiserne Orchidee
Roman
Jennifer Cody Epstein(Author)
btb (Publisher)
Published on 2. March 2009
Book
Other book format
496 pages
978-3-442-73682-9 (ISBN)
Description
Eine faszinierende Lebensgeschichte um eine junge Frau, die es aus den Sümpfen eines Bordells in China bis an die Spitze der Bohème nach Paris schafft
China, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts: Früh Waise geworden, wird die junge Chinesin Pan Yuliang im Alter von vierzehn Jahren an ein Bordell verkauft. In dem Glauben, für immer und ewig ihren Freiern ausgeliefert zu sein, kann Pan Yuliang ihr Glück kaum fassen, als sie eines Tages von einem ehrenwerten Geschäftsmann freigekauft wird, der sie zu seiner Konkubine macht. Mit seiner Unterstützung beginnt sie als eine der ersten Frauen Chinas an der Kunstakademie zu studieren und gewinnt bald darauf ein Stipendium nach Frankreich. Dort trifft sie auch den Studenten Xudun wieder, mit dem sie eine Affäre beginnt. Wird ihre Liebe eine Chance haben? Und wird sie sich als moderne Frau im traditionellen China behaupten können?
China, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts: Früh Waise geworden, wird die junge Chinesin Pan Yuliang im Alter von vierzehn Jahren an ein Bordell verkauft. In dem Glauben, für immer und ewig ihren Freiern ausgeliefert zu sein, kann Pan Yuliang ihr Glück kaum fassen, als sie eines Tages von einem ehrenwerten Geschäftsmann freigekauft wird, der sie zu seiner Konkubine macht. Mit seiner Unterstützung beginnt sie als eine der ersten Frauen Chinas an der Kunstakademie zu studieren und gewinnt bald darauf ein Stipendium nach Frankreich. Dort trifft sie auch den Studenten Xudun wieder, mit dem sie eine Affäre beginnt. Wird ihre Liebe eine Chance haben? Und wird sie sich als moderne Frau im traditionellen China behaupten können?
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Illustrations
1
11 farbige Abbildungen, 1 s/w Abbildung
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-442-73682-9 (9783442736829)
Schweitzer Classification
Persons
Jennifer Cody Epstein verbrachte mehrere Jahre in Japan, China. Hongkong, Thailand und Italien. Sie schrieb für Zeitschriften wie "The Wall Street Journal", "Self" und "The Chigao Tribune". Ihre Kurzgeschichten wurden in mehreren Journalen veröffentlicht.
Content
Montparnasse, 1957
Als die Sitzung zu Ende ist, zieht sich Yuliang ans ramponierte Spülbecken in der Ecke ihres Ateliers zurück. Eine der beiden Frauen, die Modell gestanden haben, geht gleich. Die andere, Leanne, zögert etwas, zieht ihren Slip gerade und zupft ihre Strumpfbänder zurecht, dorthin, wo sie hingehören, ganz oben an ihre Oberschenkel. Während sie die Gummibänder an die Strümpfe hakt, beugt sie sich über Yuliangs Gemälde, über das noch feuchte Resultat der letzten fünf Stunden: ein Baum, ein See. Sie selbst neben einer zweiten nackten Figur kniend. Yuliang wischt sich die bekleckerten Handflächen an ihrem Malkittel ab und beobachtet Leanne, die wiederum jenes Mädchen beobachtet, in das sie soeben verwandelt worden ist. Die junge Frau hat sich tapfer gehalten, findet Yuliang. Neue Modelle brauchen meist viel Zeit, um sich auszuziehen und sich in ihrer Nacktheit vor fremden Augen wohl zu fühlen. Aber Leanne hat sie überrascht: Sie stieg so unbekümmert aus ihrem Kleid und ihrer Unterwäsche aus Orlon, als habe sie sich ihr ganzes Leben lang öffentlich ausgezogen. Sie machte kein Aufhebens um ihren Körper; entschuldigte sich nicht für den Pickel auf ihrem linken Oberschenkel, versuchte nicht, ihn zu verstecken. Dafür durchquerte sie während der fünfstündigen Sitzung in jeder Pause nackt und ohne Scham den Raum und begutachtete Yuliangs Fortschritte, ohne ein Wort zu sagen.
Yuliang, die gewöhnlich weiterarbeitet, wenn ihre Modelle Pause machen, irritierte dieses besondere Interesse. Sie hörte zwar nicht mit der Arbeit auf. Aber sie setzte sie anders als geplant fort, vor allem zögerte sie, an Leannes Fleisch weiterzumalen, während diese ihr zusah. Sie arbeitete stattdessen an anderen Dingen - ihrem Weidenbaum, der zerknüllten Decke -, die ganze Zeit atmete sie den Duft ihrer Beobachterin, ihr billiges Parfüm, ihre letzten Zigaretten, eine süßsaure Andeutung von Schweiß - und etwas Sauberes, wie sonnengetrocknete Wäsche. Leanne hatte gesagt, ihr Vater betreibe einen Waschsalon in der Nähe des Gare du Lyon.
Rostiges Wasser strömt aus dem Hahn. Yuliang wartet, ihre seifigen Fingerspitzen an die Kälte des Hahns gepresst. Als der Wasserstrahl klar ist, hält sie ihre Pinsel darunter. Farben verfließen mit ihren jeweiligen Pendants: Ultramarin mit Kadmium mit Blau mit Ockergelb. Die leuchtenden Farbtöne verwandeln sich in ein matschbraunes Bächlein, das im Ausguss versickert. Sie wäscht gerade ihre Hände, als Leanne plötzlich niest: eine Explosion auf einem so hohen Ton, dass es schon fast rührend ist.
"Pardon", sagt Leanne.
"Non, non", sagt Yuliang. "Es tut mir leid, dass es hier so kalt ist." Sie sagt es auf Französisch; Leannes Chinesisch ist eher begrenzt.
"Vielleicht die Katze. Bei denen juckt meine Nase manchmal." Die Kleine hält sich ein Taschentuch an die Oberlippe.
"Aha." Yuliang wendet sich wieder ihren Pinseln zu, das Tuch bleibt für einen Augenblick gestochen scharf vor ihrem inneren Auge stehen: das sternhelle Weiß, der Glanz, den nur Bügeleisen und Stärke zustande bringen. Leannes Familie - ursprünglich aus Guangxi - besaß bis 1954 eine der chinesischen Banken in Hanoi. Mehr hat Leanne nicht erzählt; Yuliang nimmt an, dass die Kommunisten die Bank kassierten, als sie sich den ganzen Norden des Landes nahmen.
Vermisst sie ihr Land?, fragt sich Yuliang. Denn sie selbst vermisst China sehr - trotz allem. "Denken Sie manchmal daran, in Ihre Heimat zurückzukehren?", wurde sie bei der letzten Ausstellung von einem Journalisten gefragt. "Naturellement, parfois", gab sie zur Antwort; in Wahrheit denkt sie ununterbrochen daran. Die Wahrheit ist, dass Heimat für sie inzwischen weniger ein Ort als ein Teil ihres Innern ist, ein vom Krebs des Heimwehs durchwuchertes Organ. Beim Malen lässt der Schmerz nach. Aber der Kummer um alles, was sie verloren hat, vergeht nie. Orte und Menschen tauchen noch immer schlaglichtartig in ihr auf, so lebhaft und echt, als könnte sie sie berühren: die Pariser Eleganz von der Fuzhou Road, die Ulmenalleen und Tudorvillen. Ein Markt in Shanghai, die Luft erfüllt von Dialekten und dem scharfen Geruch angebratenen Fleischs. Frauen, die an einem Flussufer Gemüse und Geschirr waschen und ihre schreienden rotgesichtigen Kinder stillen. Das feuchte Geklapper der Händler auf dem Jangtse; ihr Planschen, ihr unglaublich erfindungsreiches Gefluche. Die vom Wind zerfetzten Schreie der Möwen über den Booten.
Yuliang schließt die Augen. Sofort ist sie wieder dort, beim Anlegen des Dampfers. Zanhua hält seine Arme vor Verzweiflung steif um sie gepresst, der lächerliche englische Spazierstock drückt ihr ins Schulterblatt. Damals, im Jahr 1937, schien ihr völlig klar, dass Chiang Kaisheks so genanntes "neues Leben" schon wieder am Sterben war. Taipeh lag in verkohlten Trümmern. Hirohitos Soldaten schlichen wie Wölfe in den Straßen umher, formierten sich immer wieder neu, um erneut zuzuschlagen. Doch die wahre Gefahr kam von Yuliangs eigenen Landsleuten, von Chiangs Blauhemden und den Schlägern seiner Grünen Bande - von der bedrohlichen kleinen Farbpalette des Generalissimus selbst. Zu jenem Zeitpunkt wussten alle, dass Yuliang auf der Abschussliste stand - und wenn nicht sie selbst, dann auf jeden Fall ihr Werk. Und trotzdem flehte Zanhua sie an, es sich noch einmal zu überlegen. Noch kannst du bleiben, hatte er mit Nachdruck gesagt. Es ist nicht zu spät. Veränderungen liegen in der Luft. Ich spüre es. Sogar heute - ist es wirklich zwanzig Jahre her? - kann Yuliang seine Stimme hören. Seine Hoffnung, sein unerklärliches Vertrauen in sie. Für einen Augenblick tauchen Zweifel auf. Hätte sie bleiben sollen?
Sei nicht albern. Sie öffnet die Augen wieder und dreht den Strom ihrer Gefühle unzimperlich zu wie einen Wasserhahn. Ihre Arbeit bedeutet noch immer ihr Leben. Ja, sie ist einsam hier. Aber sie hat Zufriedenheit gefunden. Sie hat das Malen, ihre Katzen. Ihre Kunden und ihre Bewunderer. Ihren kleinen Freundeskreis. Alle würden ihr bestätigen, dass die Entscheidung richtig war. Ihre Freundin Junbi hatte neulich etwas in dieser Richtung gesagt, als sie Yuliangs letztes Selbstporträt betrachtete: "Etwas ist anders als sonst, neu."
"Meinst du, dass ich mich als Raucherin, Spielerin und Trinkerin darstelle?" Die Nacktheit hatte sie gar nicht erst erwähnt. Die war alles andere als neu.
"Das ist es nicht." Junbi hatte einen Augenblick nachgedacht, ihre sanfte Stirn in Falten. "Ach, jetzt weiß ich es! Du lächelst. Du wirkst glücklich."
Als die Sitzung zu Ende ist, zieht sich Yuliang ans ramponierte Spülbecken in der Ecke ihres Ateliers zurück. Eine der beiden Frauen, die Modell gestanden haben, geht gleich. Die andere, Leanne, zögert etwas, zieht ihren Slip gerade und zupft ihre Strumpfbänder zurecht, dorthin, wo sie hingehören, ganz oben an ihre Oberschenkel. Während sie die Gummibänder an die Strümpfe hakt, beugt sie sich über Yuliangs Gemälde, über das noch feuchte Resultat der letzten fünf Stunden: ein Baum, ein See. Sie selbst neben einer zweiten nackten Figur kniend. Yuliang wischt sich die bekleckerten Handflächen an ihrem Malkittel ab und beobachtet Leanne, die wiederum jenes Mädchen beobachtet, in das sie soeben verwandelt worden ist. Die junge Frau hat sich tapfer gehalten, findet Yuliang. Neue Modelle brauchen meist viel Zeit, um sich auszuziehen und sich in ihrer Nacktheit vor fremden Augen wohl zu fühlen. Aber Leanne hat sie überrascht: Sie stieg so unbekümmert aus ihrem Kleid und ihrer Unterwäsche aus Orlon, als habe sie sich ihr ganzes Leben lang öffentlich ausgezogen. Sie machte kein Aufhebens um ihren Körper; entschuldigte sich nicht für den Pickel auf ihrem linken Oberschenkel, versuchte nicht, ihn zu verstecken. Dafür durchquerte sie während der fünfstündigen Sitzung in jeder Pause nackt und ohne Scham den Raum und begutachtete Yuliangs Fortschritte, ohne ein Wort zu sagen.
Yuliang, die gewöhnlich weiterarbeitet, wenn ihre Modelle Pause machen, irritierte dieses besondere Interesse. Sie hörte zwar nicht mit der Arbeit auf. Aber sie setzte sie anders als geplant fort, vor allem zögerte sie, an Leannes Fleisch weiterzumalen, während diese ihr zusah. Sie arbeitete stattdessen an anderen Dingen - ihrem Weidenbaum, der zerknüllten Decke -, die ganze Zeit atmete sie den Duft ihrer Beobachterin, ihr billiges Parfüm, ihre letzten Zigaretten, eine süßsaure Andeutung von Schweiß - und etwas Sauberes, wie sonnengetrocknete Wäsche. Leanne hatte gesagt, ihr Vater betreibe einen Waschsalon in der Nähe des Gare du Lyon.
Rostiges Wasser strömt aus dem Hahn. Yuliang wartet, ihre seifigen Fingerspitzen an die Kälte des Hahns gepresst. Als der Wasserstrahl klar ist, hält sie ihre Pinsel darunter. Farben verfließen mit ihren jeweiligen Pendants: Ultramarin mit Kadmium mit Blau mit Ockergelb. Die leuchtenden Farbtöne verwandeln sich in ein matschbraunes Bächlein, das im Ausguss versickert. Sie wäscht gerade ihre Hände, als Leanne plötzlich niest: eine Explosion auf einem so hohen Ton, dass es schon fast rührend ist.
"Pardon", sagt Leanne.
"Non, non", sagt Yuliang. "Es tut mir leid, dass es hier so kalt ist." Sie sagt es auf Französisch; Leannes Chinesisch ist eher begrenzt.
"Vielleicht die Katze. Bei denen juckt meine Nase manchmal." Die Kleine hält sich ein Taschentuch an die Oberlippe.
"Aha." Yuliang wendet sich wieder ihren Pinseln zu, das Tuch bleibt für einen Augenblick gestochen scharf vor ihrem inneren Auge stehen: das sternhelle Weiß, der Glanz, den nur Bügeleisen und Stärke zustande bringen. Leannes Familie - ursprünglich aus Guangxi - besaß bis 1954 eine der chinesischen Banken in Hanoi. Mehr hat Leanne nicht erzählt; Yuliang nimmt an, dass die Kommunisten die Bank kassierten, als sie sich den ganzen Norden des Landes nahmen.
Vermisst sie ihr Land?, fragt sich Yuliang. Denn sie selbst vermisst China sehr - trotz allem. "Denken Sie manchmal daran, in Ihre Heimat zurückzukehren?", wurde sie bei der letzten Ausstellung von einem Journalisten gefragt. "Naturellement, parfois", gab sie zur Antwort; in Wahrheit denkt sie ununterbrochen daran. Die Wahrheit ist, dass Heimat für sie inzwischen weniger ein Ort als ein Teil ihres Innern ist, ein vom Krebs des Heimwehs durchwuchertes Organ. Beim Malen lässt der Schmerz nach. Aber der Kummer um alles, was sie verloren hat, vergeht nie. Orte und Menschen tauchen noch immer schlaglichtartig in ihr auf, so lebhaft und echt, als könnte sie sie berühren: die Pariser Eleganz von der Fuzhou Road, die Ulmenalleen und Tudorvillen. Ein Markt in Shanghai, die Luft erfüllt von Dialekten und dem scharfen Geruch angebratenen Fleischs. Frauen, die an einem Flussufer Gemüse und Geschirr waschen und ihre schreienden rotgesichtigen Kinder stillen. Das feuchte Geklapper der Händler auf dem Jangtse; ihr Planschen, ihr unglaublich erfindungsreiches Gefluche. Die vom Wind zerfetzten Schreie der Möwen über den Booten.
Yuliang schließt die Augen. Sofort ist sie wieder dort, beim Anlegen des Dampfers. Zanhua hält seine Arme vor Verzweiflung steif um sie gepresst, der lächerliche englische Spazierstock drückt ihr ins Schulterblatt. Damals, im Jahr 1937, schien ihr völlig klar, dass Chiang Kaisheks so genanntes "neues Leben" schon wieder am Sterben war. Taipeh lag in verkohlten Trümmern. Hirohitos Soldaten schlichen wie Wölfe in den Straßen umher, formierten sich immer wieder neu, um erneut zuzuschlagen. Doch die wahre Gefahr kam von Yuliangs eigenen Landsleuten, von Chiangs Blauhemden und den Schlägern seiner Grünen Bande - von der bedrohlichen kleinen Farbpalette des Generalissimus selbst. Zu jenem Zeitpunkt wussten alle, dass Yuliang auf der Abschussliste stand - und wenn nicht sie selbst, dann auf jeden Fall ihr Werk. Und trotzdem flehte Zanhua sie an, es sich noch einmal zu überlegen. Noch kannst du bleiben, hatte er mit Nachdruck gesagt. Es ist nicht zu spät. Veränderungen liegen in der Luft. Ich spüre es. Sogar heute - ist es wirklich zwanzig Jahre her? - kann Yuliang seine Stimme hören. Seine Hoffnung, sein unerklärliches Vertrauen in sie. Für einen Augenblick tauchen Zweifel auf. Hätte sie bleiben sollen?
Sei nicht albern. Sie öffnet die Augen wieder und dreht den Strom ihrer Gefühle unzimperlich zu wie einen Wasserhahn. Ihre Arbeit bedeutet noch immer ihr Leben. Ja, sie ist einsam hier. Aber sie hat Zufriedenheit gefunden. Sie hat das Malen, ihre Katzen. Ihre Kunden und ihre Bewunderer. Ihren kleinen Freundeskreis. Alle würden ihr bestätigen, dass die Entscheidung richtig war. Ihre Freundin Junbi hatte neulich etwas in dieser Richtung gesagt, als sie Yuliangs letztes Selbstporträt betrachtete: "Etwas ist anders als sonst, neu."
"Meinst du, dass ich mich als Raucherin, Spielerin und Trinkerin darstelle?" Die Nacktheit hatte sie gar nicht erst erwähnt. Die war alles andere als neu.
"Das ist es nicht." Junbi hatte einen Augenblick nachgedacht, ihre sanfte Stirn in Falten. "Ach, jetzt weiß ich es! Du lächelst. Du wirkst glücklich."