
Die Runen der Erde
Die Chroniken von Thomas Covenant Bd. 3
Stephen Donaldson(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 2. October 2006
Book
Paperback/Softback
864 pages
978-3-453-53254-0 (ISBN)
Description
Dies ist die Geschichte von Thomas Covenant, der auf magische Weise in eine andere Welt versetzt wird - eine Welt, in der sich die Armeen des Guten zur Entscheidungsschlacht gegen den Dunklen Lord rüsten. Und es ist Covenants Aufgabe, diese Armeen zu führen .
Gewaltiger als Stephen Kings "Der dunkle Turm", epischer als J. R. R. Tolkiens "Der Herr der Ringe": Mit den legendären Chroniken von Thomas Covenant hat der amerikanische Autor Stephen Donaldson eines der größten phantastischen Epen der modernen Zeit geschaffen. Der neue, lang erwartete Roman "Die Runen der Erde" stand monatelang auf den amerikanischen Bestsellerlisten.
Gewaltiger als Stephen Kings "Der dunkle Turm", epischer als J. R. R. Tolkiens "Der Herr der Ringe": Mit den legendären Chroniken von Thomas Covenant hat der amerikanische Autor Stephen Donaldson eines der größten phantastischen Epen der modernen Zeit geschaffen. Der neue, lang erwartete Roman "Die Runen der Erde" stand monatelang auf den amerikanischen Bestsellerlisten.
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 21 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-453-53254-0 (9783453532540)
Schweitzer Classification
Persons
Author
Der Amerikaner Stephen R. Donaldson gehört mit George R. R. Martin und Robert Jordan zu den bedeutendsten Fantasy-Autoren der Gegenwart. Mit den "Chroniken von Thomas Covenant" hat er eines der größten phantastischen Epen der modernen Zeit geschafften. Er lebt in New Mexico und schreibt gerade Band acht der Chroniken. Bei Heyne liegen vor: "Die Macht des Rings" (enthält "Der Fluch des Verächters", "Der Siebte Kreis" und "Die letzte Wallstatt"), "Der Bogen der Zeit" (enthält "Das Verwundete Land", "Der Einholzbaum" und "Der Ring der Kraft") sowie "Die Runen der Erde".
Illustrated by
Revised by
Momo Evers ist Historikerin, Germanistin und gelernte Journalistin. Seit über 20 Jahren ist sie für Verlage sowie in der Erwachsenen- und Jugendbildung tätig. Sie ist selbst Adoptivmutter und engagiert sich ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche in Notsituationen.
Translation
Content
Prolog
'Mein Herz hat Stuben'
Mutters Sohn
Nein, Mr. Covenant', wiederholte sie zum dritten Mal. 'Das kann ich nicht.'
Seit er ihr Büro betreten hatte, wünschte Linden sich, er würde fortgehen, aber er starrte sie an, als hätte er kein Wort verstanden. 'Ich sehe das Problem nicht, Doktor Avery.' Seine Stimme weckte in ihr Echos, die an seinen Vater erinnerten: aufblitzende Erinnerungen wie glitzernde Lichtreflexe auf unruhigem Wasser. 'Ich bin ihr Sohn. Ich habe das Recht dazu. Und ich bin für sie verantwortlich.' Trotz der Unterschiede zogen sogar seine Gesichtszüge ein Schleppnetz über ihr Herz und brachten Schmerzen und Sehnsüchte mit herauf. 'Ihnen bedeutet sie nichts, nur ein Problem, das Sie nicht lösen können. Eine Belastung für den Steuerzahler. Eine Vergeudung von Ressourcen, die Sie nutzen könnten, um jemand anderem zu helfen.' Seine Augen standen etwas zu weit auseinander, sein ganzes Gesicht war zu breit. Das Fleisch von Kinn und Wangen deutete Zügellosigkeit an.
Und trotzdem.
Hätte er aus Ton bestanden, hätten ein bis zwei rasche Abtragungen mit dem Bildhauerspachtel, eine nur etwas schärfere Linie an beiden Mundwinkeln genügt, um seine Wangen streng wie die eines Propheten zu machen. Ein Zusammenkneifen wie von altem Leid in den Augenwinkeln; ein wenig grauer Staub, um sein Haar um Jahre älter erscheinen zu lassen. Die Augen selbst hatten genau die richtige Farbe, eine unruhige Färbung wie eine Schattierung von Wahnsinn oder prophetischer Gabe. Oh, er hätte sein Vater sein können, wäre er nicht so jung und nicht gezeichnet gewesen. Hätte er jemals einen Preis zahlen müssen, der so maßlos war wie der, den sein Vater hatte zahlen müssen.
Jedenfalls war er hartnäckig genug, um Thomas Covenant sein zu können.
Er schien ihr in einem Dunst aus Erinnerungen gegenüberzusitzen, sie an den Mann zu erinnern, den sie geliebt hatte. An den Mann, der sich voller Angst und Zorn erhoben hatte, um die schwere Bürde seines Schicksals auf sich zu nehmen.
Sie wich dem Blick des jungen Mannes aus und betrachtete die Wände ihres Büros, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Bei anderer Gelegenheit hätte die hier herrschende strikte Professionalität vielleicht beruhigend gewirkt. Wie der aufgeräumte Schreibtisch und die massiven Karteischränke schienen ihre gerahmten Diplome für sie zu bürgen. In der Vergangenheit hatten sie ihr manchmal Trost gespendet. Heute jedoch blieben sie wirkungslos.
Wie oft hatte sie Thomas Covenant in den Armen gehalten? Allzu selten; nicht oft genug, um ihren Hunger nach ihm zu stillen. Sie trug noch immer seinen Ehering aus Weißgold an einer Silberkette um den Hals. Er war alles, was ihr von ihm geblieben war.
'Ich kann sie erreichen, Doktor Avery', fuhr der Sohn mit einer Stimme fort, die zu ausdruckslos war, um die seines Vaters zu sein. 'Sie können es nicht. Sie haben es seit Jahren versucht. Ich bin sicher, dass Sie Ihr Bestes getan haben. Aber hätten Sie sie erreichen können, wäre sie jetzt wieder geistig gesund. Es wird Zeit, sie gehen zu lassen. Lassen Sie mich sie mitnehmen.'
'Mr. Covenant', sagte sie eindringlich, 'ich erkläre Ihnen noch mal: Das kann ich nicht. Die Gesetze dieses Bundesstaats erlauben es nicht. Ärztliche Standesethik erlaubt es nicht.'
Ich erlaube es nicht.
Joan Covenant war so unzugänglich, wie ihr Sohn behauptete. Trotz aller nur vorstellbaren Medikamente und Therapien hätte sie ebenso gut katatonisch sein können. Tatsächlich wäre sie ohne ständige Pflege längst gestorben. Aber sie bedeutete Linden Avery keineswegs nichts. Glaubte Roger Covenant das wirklich, würde er die Frau, die sich ihm in den Weg stellte, nie verstehen.
Seine Mutter war Thomas Covenants Exfrau. Vor zehn Jahren hatte Linden beobachtet, wie Covenant sein Leben für Joans Leben hingegeben hatte - mit einem Lächeln, um sie zu beruhigen. Dieses Lächeln hatte Lindens Herz aus seinem Versteck gelockt, die schützende Hülle aus Lügen und Verpflichtungen fortgewischt. Manchmal glaubte sie, alles, was sie seither getan hatte, was sie geworden war, habe in diesem Augenblick begonnen. Covenants Lächeln hatte eine Detonation ausgelöst, die sie schlagartig von der Todessehnsucht ihrer eigenen Eltern befreit hatte. Die neue Frau, die aus dieser Explosion hervorgegangen war, hatte Thomas Covenant aus tiefstem Herzensgrund geliebt.
Und um seinetwillen würde sie Joan nicht im Stich lassen.
Trotzdem saß ihr jetzt Roger Covenant an ihrem Schreibtisch gegenüber und forderte die Entlassung seiner Mutter. Wäre sie der Frauentyp gewesen, der die Torheit von Irregeleiteten amüsant fand, hätte sie ihm ins Gesicht gelacht. Woher nahm er nur diese Unverschämtheit?
Teufel, wie kam er überhaupt auf diese Idee?
'Tut mir leid.' Offenbar wollte er höflich sein. 'Ich sehe das Problem noch immer nicht. Sie ist meine Mutter. Ich bin ihr Sohn. Ich bin bereit, mich um sie zu kümmern. Wie kann das Gesetz das verhindern wollen? Wie können Sie etwas dagegen haben, Doktor Avery? Ich verstehe nicht, weshalb sie nicht schon mit mir weggefahren ist.'
Sie wandte sich kurz ab, um aus dem Fenster zu sehen. Es bot einen wenig erhebenden Ausblick auf den Parkplatz, auf dem ihre alte, verrostete Klapperkiste hockte und auf den Tag zu warten schien, an dem ihre Schweißnähte nachgeben würden, sodass sie endlich zu Schrott zusammensacken konnte. Sie hatte den Wagen nur behalten, weil er sie zu ihren ersten Begegnungen mit Thomas Covenant getragen hatte.
Falls Roger nicht gehen wollte, konnte sie doch bestimmt einfach wegfahren? Zu ihrem Auto hinausgehen, den Motor mit Tricks in Gang bringen und zu Jeremiah heimfahren?
Nein. Hätte sie eine Frau sein wollen, die die Flucht ergriff, wenn ihre Arbeit einmal schwierig war, hätte sie sich ein zuverlässigeres Auto kaufen sollen.
Aus alter Gewohnheit hob sie eine Hand, um den harten Kreis von Covenants Ring unter ihrer Bluse zu berühren. Dann wandte sie sich seufzend wieder seinem Sohn zu.
'Ich will versuchen, mich deutlich auszudrücken. Was Sie verstehen oder nicht, ist nebensächlich. Hier geht es um Folgendes: Solange und bis Sie mir eine von einem Richter unterzeichnete gerichtliche Anordnung bringen, dass ich Joan Covenant in Ihre Obhut entlassen soll, bleibt sie, wo sie ist. Ende der Diskussion.' Sie sah ihn erwartungsvoll an. Als er auf den Wink nicht reagierte, fügte sie hinzu: 'Das ist das Stichwort für Ihren Abgang, Mr. Covenant.'
Verstehen Sie nicht, dass Sie nicht der einzige Mensch sind, der sich etwas aus ihr macht?
Im Grunde bezweifelte sie, dass Roger Covenant sich überhaupt etwas aus seiner stummen Mutter machte. Seine gleichgültige Art und der schlummernde Wahnsinn oder die prophetische Gabe in seinem Blick vermittelten einen ganz anderen Eindruck.
Er hatte ihr erklärt, er habe Joan nicht schon früher abgeholt, weil er nicht alt genug gewesen sei. Aber gestern sei er einundzwanzig geworden. Nun sei er bereit. Trotzdem hegte Linden intuitiv die Überzeugung, er verfolge irgendeinen geheimen Zweck, der stärker als Liebe oder Fürsorge war.
In seiner unbeirrbaren Hartnäckigkeit erinnerte er sie an einige der glaubwürdigeren Psychopathen, die sie in ihrer Dienstzeit als Chefärztin im Berenford Memorial Psychiatric Hospital kennengelernt hatte. Aber vielleicht litt Roger Covenant an keiner schlimmeren Krankheit als hoffnungslosem Narzissmus, was bedeutete, dass er ihr nur die Wahrheit gesagt hatte. Er konnte >das Problem nicht sehen<.
Diesmal aber musste etwas in ihrem Tonfall - oder den widersprüchlichen Feuern, die in ihrem Blick aufzuflackern begannen - sein eigenartiges Sendungsbewusstsein durchdrungen haben. Bevor sie ihm drohen konnte, den Sicherheitsdienst zu verständigen, erhob er sich, als hätte er endlich verstanden.
Augenblicklich erhob sich auch Linden. Nun sah sie, dass er ein bis zwei Zoll kleiner als sein Vater und deutlich stämmiger war. Auch aus diesem Grund würde er niemals jene besondere Hagerkeit, jene scharfe und eklatante Zielstrebigkeit - bar jeder Kompromissbereitschaft oder der Fähigkeit, sich zu ergeben - an den Tag legen, die Thomas Covenant für sie unwiderstehlich gemacht hatten.
Er würde niemals der Mann sein, der sein Vater gewesen war. Er hatte zu viel von seiner Mutter an sich. Seine Haltung verriet ihn: die lichte Schlaffheit seiner Schultern; die Anspannung, die fehlenden Gleichgewichtssinn kompensierte. Seine Arme schienen ein Grab unbeendeter Gesten zu sein, vorzeitig abgebrochener Appelle oder Beteuerungen von Ehrlichkeit. Unter all seiner Hartnäckigkeit erahnte Linden Joans Schwäche, unglücklich und im Wesentlichen verraten.
Vielleicht hatten seine wahren Wünsche nichts mit seiner Mutter zu tun. Vielleicht wollte er sich lediglich als seinem Vater ebenbürtig erweisen. Oder ihn ausstechen.
Als Roger sich erhob, gestand er seine Niederlage jedoch nicht ein. Stattdessen fragte er: 'Kann ich sie sehen? Das letzte Mal liegt schon Jahre zurück.' Er bedachte Linden mit einem ungekünstelten Lächeln. 'Und es gibt etwas, das ich Ihnen zeigen möchte.'
Trotz ihrer Ungeduld nickte sie. 'Natürlich. Sie können sie gleich jetzt besuchen.' Seltsamerweise bekümmerte sie seine offensichtliche Leere, bekümmerte sie um seinetwillen. Thomas Covenant hatte sie gelehrt, dass Unwissenheit - ebenso wie Unschuld - nicht die Kraft besaß, sich vor Unheil zu schützen. Weil Roger nichts verstand, konnte ihn nichts davor bewahren, leiden zu müssen.
Sobald er Joans Not sah, würde seine Verständnislosigkeit ihn für oder gegen sie einnehmen. Auf der anderen Seite konnte ihn diese Erfahrung in beiden Fällen vielleicht dazu bewegen, Linden nicht länger zu belästigen.
Sie nickte und deutete in Richtung Tür. Die Morgenvisite lag schon hinter ihr, und der Papierkram konnte warten; zweifellos brauchten ihre Patienten sie im Augenblick nicht. Im Grunde genommen existierte das Berenford Memorial nicht, um seine Patienten zu heilen, sondern um ihnen zu helfen, sich selbst zu heilen.
Auf einmal kooperativ, als hätte er ein wichtiges Zugeständnis erlangt, ging Roger vor ihr hinaus. Sein Lächeln erschien ihr jetzt als bloßer Reflex: ein unbewusster Ausdruck seines Eifers.
Linden schloss die Tür hinter sich und führte ihn durch das Gebäude, in dem sie die Arbeit verrichtete, mit der sie Covenants Platz in ihrem Herzen auszufüllen versuchte. Seinen Platz und den des Landes.
Unwillkürlich erinnerte sie sich an den Klang von Pechnases Stimme, als er sang:
Mein Herz hat Stuben,
Die seufzen von Staub,
Und Asche in den Herden.
Manchmal entmutigte sie der Gegensatz zwischen ihren Erlebnissen mit Thomas Covenant und ihren Jahren im Berenford Memorial. Bestimmt ließ sich ihr Kampf gegen die Geisteskrankheit ihrer Patienten nicht mit der Herrlichkeit von Thomas Covenants Kampf um die Erlösung des Landes vergleichen. Trotzdem schluckte sie ihren Kummer hinunter. Der Schmerz solcher Erinnerungen war ihr vertraut, und sie wusste, wie sie damit umgehen musste. Sie führte Roger weiter zu Joans Zimmer.
Ihr Leben hier war nicht minder gut als das, das sie mit Covenant geführt hatte. Es war nur anders. Vielleicht weniger großartig: mehrdeutiger, mit kleineren Triumphen. Aber es genügte.
Ein kurzer Flur führte sie aus dem kleinen Verwaltungstrakt des Krankenhauses und durch die Eingangshalle, vorbei an Maxine Dubroffs Empfangs- und Informationstheke. Maxine arbeitete hier an fünf Tagen in der Woche jeweils neun Stunden lang: eine ältliche Frau, die wie ein Storch aussah, wie ein Engel lächelte und jeden, der das Berenford Memorial betrat, mit nie versiegender Freundlichkeit betreute. Sie war eine Freiwillige, die sich Linden eines Tages einfach angeschlossen hatte, nachdem Linden, die in jeder dritten Nacht in der Notaufnahme Dienst tat, Maxines Ehemann Ernie das Leben gerettet hatte. Sein Pferd hatte ihn mit einem Hufschlag gegen die Brust niedergestreckt; Linden hatte einen Knochensplitter in seiner linken Lunge entdeckt und entfernt. Ernie war genesen, um seinem Pferd bessere Manieren beizubringen, und Maxine stand Linden seither zu Diensten.
Sie lächelte jetzt, als Linden und Roger Covenant die geflieste Eingangshalle durchquerten. Obwohl Linden sich in Rogers Begleitung befand, lächelte sie ebenfalls - weniger engelsgleich als Maxine, aber nicht weniger aufrichtig. Maxine erinnerte Linden daran, dass sie in ihrer Hingabe an ihre Arbeit nicht allein war. Wie Linden und die meisten Mitarbeiter im Berenford Memorial fühlte Maxine sich zur Deckung eines Bedarfs verpflichtet, den die County erkannte, aber nicht decken konnte.
Vor zehn Jahren war Joan von einer Gruppe von Leuten, die nach Ansicht der County eindeutig verrückt waren, aus Thomas Covenants Obhut entführt worden. Diese Menschen hatten ihre Armut und Verrücktheit wochenlang offen zur Schau gestellt, indem sie um Essen, Unterkunft und Kleidung gebettelt und die Bürger aufgefordert hatten, Buße zu tun. Eines Nachts - Linden war erst knapp vierundzwanzig Stunden zuvor in der Stadt eingetroffen, um ihre Arbeit im County Hospital anzutreten - hatten sie Joan entführt und Covenant bewusstlos in seinem über und über mit Blut besudelten Haus zurückgelassen.
Sie hatten Joan in den Wald hinter Covenants Haus verschleppt, sich angeschickt, sie bei irgendeinem bizarren Ritual zu ermorden - einem Ritual, dessen Bestandteil es war, dass die Beteiligten ihre Hände in einem eigens dafür entzündeten großen Feuer zu Stümpfen abbrannten. Obwohl niemand außer Linden die Wahrheit wusste, hatte dieses Ritual seinen Zweck erfüllt. Es hatte Covenant auf Joans Spur in den Wald gelockt. Dort hatte er ihren Platz eingenommen und war an ihrer Stelle getötet worden.
In dem Leben, das Linden hier in ihrer Welt gelebt hatte, hatte sie Covenant kaum sechsunddreißig Stunden lang gekannt.
Nach seinem Tod allerdings hatten die Menschen, die Covenants Selbstopfer arrangiert hatten, in gewissem Umfang zu geistiger Stabilität zurückgefunden. Ihre verkohlten Hände und ausgemergelten Körper waren schrecklich genug gewesen, und die Behandlung dieser Verletzungen hatten die Kapazitäten des County Hospitals aufs Äußerste belastet. Für die Bürger der County aber hatte die Last der psychischen Desorientiertheit sich als schwerer zu tragen erwiesen. Die County hatte sich kollektiv verantwortlich gefühlt.
Die meisten Leute gestanden öffentlich ein, dass sie versäumt hatten, sich um die einsamsten und schwächsten Mitglieder ihrer Gesellschaft zu kümmern. Geistesgestörte Mütter und Väter hätten doch sicherlich nicht nur die eigenen Hände, sondern auch die ihrer Kinder ins Feuer gehalten, wenn ihr Elend nicht von den stabileren Seelen in ihrer Umgebung ignoriert worden wäre? Diese verletzten Männer und Frauen hätten doch sicherlich auf solche Gewalt verzichtet, wenn ihnen ein Ausweg angeboten worden wäre? Selbst wenn noch so viele geisteskranke Prediger sie zum Fanatismus angestachelt hätten, oder? Grausam leidende Kinder nächtelang schluchzen zu hören weckte bei den wohlmeinenden Bürgern der County den Wunsch nach irgendeinem Präventionsmechanismus.
Doch das Gefühl kollektiver Schuld reichte tiefer, als die meisten Leute sich eingestehen wollten. Intuitiv erkannten die Menschen, dass die schrecklichen Ereignisse, die zu Covenants Tod geführt hatten, nie geschehen wären, wenn er nicht gemieden und ausgegrenzt, in die traditionelle Rolle des Leprakranken gedrängt worden wäre. Gewiss, er hatte an etwas gelitten, das die Ärzte als >Primärform< von Hansens Krankheit mit ungeklärter Ätiologie bezeichnet hatten. Auch nach den Maßstäben einer selten vorkommenden Krankheit wie Lepra waren solche Fälle rar, aber sie traten trotzdem häufig genug auf, um an den Zorn Gottes denken zu lassen - an eine Strafe für Sünden, die so schändlich waren, dass der Sünder davon krank wurde.
Zutiefst verängstigt und voller Abscheu, hatten die Leute Thomas Covenant gemieden; über ein Jahrzehnt lang war er auf der Haven-Farm nur geduldet worden: Er hatte sich nirgends sehen lassen und war nie in die Stadt gekommen, von seinen Nachbarn gemieden und von Barton Littleton, dem County Sheriff, gelegentlich schikaniert worden; er war von Megan Roman, seiner Anwältin, unbehaglich toleriert worden und hatte nur einen Freund gehabt: Doktor Julius Berenford, damals Chefarzt im County Hospital. Tatsächlich hätte der Abscheu der County vor seiner Krankheit Covenant ins Exil getrieben, hätte er nicht einmal einem kleinen Mädchen nach einem Schlangenbiss das Leben gerettet. Außerdem hatte er für die Bedürftigen der County beträchtliche Summen gespendet - von dem Geld, das er mit Romanen über Macht und Schuld verdiente. Deshalb hatte man ihn geduldet. Tatsächlich hatte er so ausgerechnet die Leute unterstützt, die ihm später den Tod gebracht und vermutlich zuvor Joan in den Wahnsinn getrieben hatten.
Dann war er fort gewesen, unwiderruflich, und hatte nur Joan und Linden hinterlassen.
Doktor Berenford glaubte, er sei zu Covenants Lebzeiten zu schweigsam gewesen. Später dann erhob er seine Stimme, und Megan Roman, die von ihrem eigenen schlechten Gewissen angetrieben wurde, griff seine Vorschläge auf. Auch die Wähler und Politiker der County fühlten sich verantwortlicher, als sie hätten zugeben wollen. Sie leisteten Lobbyarbeit im Parlament ihres Bundesstaats; sie erhöhten die Gewerbesteuer; sie beantragten Zuschüsse, und schließlich erbauten sie das Berenford Memorial Psychiatric Hospital, das nach Julius benannt wurde, nachdem er eines Nachts vor fünf Jahren friedlich entschlafen war. Dann ernannten sie Linden Avery zur Chefärztin des Berenford Memorials, denn sie war die Einzige von ihnen, die Covenant in seinen letzten Stunden begleitet hatte.
Linden leitete eine kleine Klinik mit nur zwanzig Betten, alle in Einzelzimmern. Ihr Mitarbeiterstab bestand aus fünf Krankenschwestern, fünf Krankenpflegern, einem Hausmeister, einem Gebäudetechniker und einer Gruppe von Teilzeitsekretärinnen, zu denen Freiwillige wie Maxine Dubroff kamen. Im Berenford Memorial arbeiteten zwei Psychiater. Und eine Internistin - sie selbst - mit Erfahrung in Unfallmedizin und Familienpraxis: Knochenbrüche, Traumata und Augenreizungen.
Aus der Eingangshalle führte sie Covenants Sohn in die Abteilung >Intensivpflege< hinauf, deren zehn Betten mit Patienten belegt waren, bei denen die Gefahr bestand, dass sie sich selbst verletzten, das Pflegepersonal angriffen oder bei günstiger Gelegenheit wegliefen. Statt jedoch zu Joans Zimmer weiterzugehen, blieb Linden oben an der Treppe stehen und wandte sich Roger zu.
'Bitte noch einen Augenblick, Mr. Covenant. Darf ich Sie etwas fragen?' Wenn er seine Mutter gesehen hatte, würde er ihr vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu geben. 'Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich, weshalb Sie hier sind.'
Auch diesmal schien sein Lächeln reiner Reflex zu sein. 'Was gibt es da viel zu verstehen? Sie ist meine Mutter. Warum sollte ich sie nicht sehen wollen?'
'Natürlich', erwiderte Linden. 'Aber worauf beruht Ihr Wunsch, sich um sie zu kümmern? Das kommt nicht so häufig vor, wie Sie vielleicht denken. Das klingt offen gesagt ein bisschen.', der Ausdruck, den sie am liebsten benutzt hätte, lautete de trop, existenziell beeinträchtigt, '. beängstigend.'
Roger schien sich zu versteifen. 'Als ich sie zuletzt gesehen habe', antwortete er, 'hat sie mir erklärt, falls sie versage, müsse ich ihre Stelle einnehmen. Bis gestern hatte ich nicht die Mittel, um das tun zu können.'
Linden hielt unwillkürlich den Atem an, während ihre Magennerven sich verkrampften. 'Wobei versagt?'
'Mein Herz hat Stuben'
Mutters Sohn
Nein, Mr. Covenant', wiederholte sie zum dritten Mal. 'Das kann ich nicht.'
Seit er ihr Büro betreten hatte, wünschte Linden sich, er würde fortgehen, aber er starrte sie an, als hätte er kein Wort verstanden. 'Ich sehe das Problem nicht, Doktor Avery.' Seine Stimme weckte in ihr Echos, die an seinen Vater erinnerten: aufblitzende Erinnerungen wie glitzernde Lichtreflexe auf unruhigem Wasser. 'Ich bin ihr Sohn. Ich habe das Recht dazu. Und ich bin für sie verantwortlich.' Trotz der Unterschiede zogen sogar seine Gesichtszüge ein Schleppnetz über ihr Herz und brachten Schmerzen und Sehnsüchte mit herauf. 'Ihnen bedeutet sie nichts, nur ein Problem, das Sie nicht lösen können. Eine Belastung für den Steuerzahler. Eine Vergeudung von Ressourcen, die Sie nutzen könnten, um jemand anderem zu helfen.' Seine Augen standen etwas zu weit auseinander, sein ganzes Gesicht war zu breit. Das Fleisch von Kinn und Wangen deutete Zügellosigkeit an.
Und trotzdem.
Hätte er aus Ton bestanden, hätten ein bis zwei rasche Abtragungen mit dem Bildhauerspachtel, eine nur etwas schärfere Linie an beiden Mundwinkeln genügt, um seine Wangen streng wie die eines Propheten zu machen. Ein Zusammenkneifen wie von altem Leid in den Augenwinkeln; ein wenig grauer Staub, um sein Haar um Jahre älter erscheinen zu lassen. Die Augen selbst hatten genau die richtige Farbe, eine unruhige Färbung wie eine Schattierung von Wahnsinn oder prophetischer Gabe. Oh, er hätte sein Vater sein können, wäre er nicht so jung und nicht gezeichnet gewesen. Hätte er jemals einen Preis zahlen müssen, der so maßlos war wie der, den sein Vater hatte zahlen müssen.
Jedenfalls war er hartnäckig genug, um Thomas Covenant sein zu können.
Er schien ihr in einem Dunst aus Erinnerungen gegenüberzusitzen, sie an den Mann zu erinnern, den sie geliebt hatte. An den Mann, der sich voller Angst und Zorn erhoben hatte, um die schwere Bürde seines Schicksals auf sich zu nehmen.
Sie wich dem Blick des jungen Mannes aus und betrachtete die Wände ihres Büros, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Bei anderer Gelegenheit hätte die hier herrschende strikte Professionalität vielleicht beruhigend gewirkt. Wie der aufgeräumte Schreibtisch und die massiven Karteischränke schienen ihre gerahmten Diplome für sie zu bürgen. In der Vergangenheit hatten sie ihr manchmal Trost gespendet. Heute jedoch blieben sie wirkungslos.
Wie oft hatte sie Thomas Covenant in den Armen gehalten? Allzu selten; nicht oft genug, um ihren Hunger nach ihm zu stillen. Sie trug noch immer seinen Ehering aus Weißgold an einer Silberkette um den Hals. Er war alles, was ihr von ihm geblieben war.
'Ich kann sie erreichen, Doktor Avery', fuhr der Sohn mit einer Stimme fort, die zu ausdruckslos war, um die seines Vaters zu sein. 'Sie können es nicht. Sie haben es seit Jahren versucht. Ich bin sicher, dass Sie Ihr Bestes getan haben. Aber hätten Sie sie erreichen können, wäre sie jetzt wieder geistig gesund. Es wird Zeit, sie gehen zu lassen. Lassen Sie mich sie mitnehmen.'
'Mr. Covenant', sagte sie eindringlich, 'ich erkläre Ihnen noch mal: Das kann ich nicht. Die Gesetze dieses Bundesstaats erlauben es nicht. Ärztliche Standesethik erlaubt es nicht.'
Ich erlaube es nicht.
Joan Covenant war so unzugänglich, wie ihr Sohn behauptete. Trotz aller nur vorstellbaren Medikamente und Therapien hätte sie ebenso gut katatonisch sein können. Tatsächlich wäre sie ohne ständige Pflege längst gestorben. Aber sie bedeutete Linden Avery keineswegs nichts. Glaubte Roger Covenant das wirklich, würde er die Frau, die sich ihm in den Weg stellte, nie verstehen.
Seine Mutter war Thomas Covenants Exfrau. Vor zehn Jahren hatte Linden beobachtet, wie Covenant sein Leben für Joans Leben hingegeben hatte - mit einem Lächeln, um sie zu beruhigen. Dieses Lächeln hatte Lindens Herz aus seinem Versteck gelockt, die schützende Hülle aus Lügen und Verpflichtungen fortgewischt. Manchmal glaubte sie, alles, was sie seither getan hatte, was sie geworden war, habe in diesem Augenblick begonnen. Covenants Lächeln hatte eine Detonation ausgelöst, die sie schlagartig von der Todessehnsucht ihrer eigenen Eltern befreit hatte. Die neue Frau, die aus dieser Explosion hervorgegangen war, hatte Thomas Covenant aus tiefstem Herzensgrund geliebt.
Und um seinetwillen würde sie Joan nicht im Stich lassen.
Trotzdem saß ihr jetzt Roger Covenant an ihrem Schreibtisch gegenüber und forderte die Entlassung seiner Mutter. Wäre sie der Frauentyp gewesen, der die Torheit von Irregeleiteten amüsant fand, hätte sie ihm ins Gesicht gelacht. Woher nahm er nur diese Unverschämtheit?
Teufel, wie kam er überhaupt auf diese Idee?
'Tut mir leid.' Offenbar wollte er höflich sein. 'Ich sehe das Problem noch immer nicht. Sie ist meine Mutter. Ich bin ihr Sohn. Ich bin bereit, mich um sie zu kümmern. Wie kann das Gesetz das verhindern wollen? Wie können Sie etwas dagegen haben, Doktor Avery? Ich verstehe nicht, weshalb sie nicht schon mit mir weggefahren ist.'
Sie wandte sich kurz ab, um aus dem Fenster zu sehen. Es bot einen wenig erhebenden Ausblick auf den Parkplatz, auf dem ihre alte, verrostete Klapperkiste hockte und auf den Tag zu warten schien, an dem ihre Schweißnähte nachgeben würden, sodass sie endlich zu Schrott zusammensacken konnte. Sie hatte den Wagen nur behalten, weil er sie zu ihren ersten Begegnungen mit Thomas Covenant getragen hatte.
Falls Roger nicht gehen wollte, konnte sie doch bestimmt einfach wegfahren? Zu ihrem Auto hinausgehen, den Motor mit Tricks in Gang bringen und zu Jeremiah heimfahren?
Nein. Hätte sie eine Frau sein wollen, die die Flucht ergriff, wenn ihre Arbeit einmal schwierig war, hätte sie sich ein zuverlässigeres Auto kaufen sollen.
Aus alter Gewohnheit hob sie eine Hand, um den harten Kreis von Covenants Ring unter ihrer Bluse zu berühren. Dann wandte sie sich seufzend wieder seinem Sohn zu.
'Ich will versuchen, mich deutlich auszudrücken. Was Sie verstehen oder nicht, ist nebensächlich. Hier geht es um Folgendes: Solange und bis Sie mir eine von einem Richter unterzeichnete gerichtliche Anordnung bringen, dass ich Joan Covenant in Ihre Obhut entlassen soll, bleibt sie, wo sie ist. Ende der Diskussion.' Sie sah ihn erwartungsvoll an. Als er auf den Wink nicht reagierte, fügte sie hinzu: 'Das ist das Stichwort für Ihren Abgang, Mr. Covenant.'
Verstehen Sie nicht, dass Sie nicht der einzige Mensch sind, der sich etwas aus ihr macht?
Im Grunde bezweifelte sie, dass Roger Covenant sich überhaupt etwas aus seiner stummen Mutter machte. Seine gleichgültige Art und der schlummernde Wahnsinn oder die prophetische Gabe in seinem Blick vermittelten einen ganz anderen Eindruck.
Er hatte ihr erklärt, er habe Joan nicht schon früher abgeholt, weil er nicht alt genug gewesen sei. Aber gestern sei er einundzwanzig geworden. Nun sei er bereit. Trotzdem hegte Linden intuitiv die Überzeugung, er verfolge irgendeinen geheimen Zweck, der stärker als Liebe oder Fürsorge war.
In seiner unbeirrbaren Hartnäckigkeit erinnerte er sie an einige der glaubwürdigeren Psychopathen, die sie in ihrer Dienstzeit als Chefärztin im Berenford Memorial Psychiatric Hospital kennengelernt hatte. Aber vielleicht litt Roger Covenant an keiner schlimmeren Krankheit als hoffnungslosem Narzissmus, was bedeutete, dass er ihr nur die Wahrheit gesagt hatte. Er konnte >das Problem nicht sehen<.
Diesmal aber musste etwas in ihrem Tonfall - oder den widersprüchlichen Feuern, die in ihrem Blick aufzuflackern begannen - sein eigenartiges Sendungsbewusstsein durchdrungen haben. Bevor sie ihm drohen konnte, den Sicherheitsdienst zu verständigen, erhob er sich, als hätte er endlich verstanden.
Augenblicklich erhob sich auch Linden. Nun sah sie, dass er ein bis zwei Zoll kleiner als sein Vater und deutlich stämmiger war. Auch aus diesem Grund würde er niemals jene besondere Hagerkeit, jene scharfe und eklatante Zielstrebigkeit - bar jeder Kompromissbereitschaft oder der Fähigkeit, sich zu ergeben - an den Tag legen, die Thomas Covenant für sie unwiderstehlich gemacht hatten.
Er würde niemals der Mann sein, der sein Vater gewesen war. Er hatte zu viel von seiner Mutter an sich. Seine Haltung verriet ihn: die lichte Schlaffheit seiner Schultern; die Anspannung, die fehlenden Gleichgewichtssinn kompensierte. Seine Arme schienen ein Grab unbeendeter Gesten zu sein, vorzeitig abgebrochener Appelle oder Beteuerungen von Ehrlichkeit. Unter all seiner Hartnäckigkeit erahnte Linden Joans Schwäche, unglücklich und im Wesentlichen verraten.
Vielleicht hatten seine wahren Wünsche nichts mit seiner Mutter zu tun. Vielleicht wollte er sich lediglich als seinem Vater ebenbürtig erweisen. Oder ihn ausstechen.
Als Roger sich erhob, gestand er seine Niederlage jedoch nicht ein. Stattdessen fragte er: 'Kann ich sie sehen? Das letzte Mal liegt schon Jahre zurück.' Er bedachte Linden mit einem ungekünstelten Lächeln. 'Und es gibt etwas, das ich Ihnen zeigen möchte.'
Trotz ihrer Ungeduld nickte sie. 'Natürlich. Sie können sie gleich jetzt besuchen.' Seltsamerweise bekümmerte sie seine offensichtliche Leere, bekümmerte sie um seinetwillen. Thomas Covenant hatte sie gelehrt, dass Unwissenheit - ebenso wie Unschuld - nicht die Kraft besaß, sich vor Unheil zu schützen. Weil Roger nichts verstand, konnte ihn nichts davor bewahren, leiden zu müssen.
Sobald er Joans Not sah, würde seine Verständnislosigkeit ihn für oder gegen sie einnehmen. Auf der anderen Seite konnte ihn diese Erfahrung in beiden Fällen vielleicht dazu bewegen, Linden nicht länger zu belästigen.
Sie nickte und deutete in Richtung Tür. Die Morgenvisite lag schon hinter ihr, und der Papierkram konnte warten; zweifellos brauchten ihre Patienten sie im Augenblick nicht. Im Grunde genommen existierte das Berenford Memorial nicht, um seine Patienten zu heilen, sondern um ihnen zu helfen, sich selbst zu heilen.
Auf einmal kooperativ, als hätte er ein wichtiges Zugeständnis erlangt, ging Roger vor ihr hinaus. Sein Lächeln erschien ihr jetzt als bloßer Reflex: ein unbewusster Ausdruck seines Eifers.
Linden schloss die Tür hinter sich und führte ihn durch das Gebäude, in dem sie die Arbeit verrichtete, mit der sie Covenants Platz in ihrem Herzen auszufüllen versuchte. Seinen Platz und den des Landes.
Unwillkürlich erinnerte sie sich an den Klang von Pechnases Stimme, als er sang:
Mein Herz hat Stuben,
Die seufzen von Staub,
Und Asche in den Herden.
Manchmal entmutigte sie der Gegensatz zwischen ihren Erlebnissen mit Thomas Covenant und ihren Jahren im Berenford Memorial. Bestimmt ließ sich ihr Kampf gegen die Geisteskrankheit ihrer Patienten nicht mit der Herrlichkeit von Thomas Covenants Kampf um die Erlösung des Landes vergleichen. Trotzdem schluckte sie ihren Kummer hinunter. Der Schmerz solcher Erinnerungen war ihr vertraut, und sie wusste, wie sie damit umgehen musste. Sie führte Roger weiter zu Joans Zimmer.
Ihr Leben hier war nicht minder gut als das, das sie mit Covenant geführt hatte. Es war nur anders. Vielleicht weniger großartig: mehrdeutiger, mit kleineren Triumphen. Aber es genügte.
Ein kurzer Flur führte sie aus dem kleinen Verwaltungstrakt des Krankenhauses und durch die Eingangshalle, vorbei an Maxine Dubroffs Empfangs- und Informationstheke. Maxine arbeitete hier an fünf Tagen in der Woche jeweils neun Stunden lang: eine ältliche Frau, die wie ein Storch aussah, wie ein Engel lächelte und jeden, der das Berenford Memorial betrat, mit nie versiegender Freundlichkeit betreute. Sie war eine Freiwillige, die sich Linden eines Tages einfach angeschlossen hatte, nachdem Linden, die in jeder dritten Nacht in der Notaufnahme Dienst tat, Maxines Ehemann Ernie das Leben gerettet hatte. Sein Pferd hatte ihn mit einem Hufschlag gegen die Brust niedergestreckt; Linden hatte einen Knochensplitter in seiner linken Lunge entdeckt und entfernt. Ernie war genesen, um seinem Pferd bessere Manieren beizubringen, und Maxine stand Linden seither zu Diensten.
Sie lächelte jetzt, als Linden und Roger Covenant die geflieste Eingangshalle durchquerten. Obwohl Linden sich in Rogers Begleitung befand, lächelte sie ebenfalls - weniger engelsgleich als Maxine, aber nicht weniger aufrichtig. Maxine erinnerte Linden daran, dass sie in ihrer Hingabe an ihre Arbeit nicht allein war. Wie Linden und die meisten Mitarbeiter im Berenford Memorial fühlte Maxine sich zur Deckung eines Bedarfs verpflichtet, den die County erkannte, aber nicht decken konnte.
Vor zehn Jahren war Joan von einer Gruppe von Leuten, die nach Ansicht der County eindeutig verrückt waren, aus Thomas Covenants Obhut entführt worden. Diese Menschen hatten ihre Armut und Verrücktheit wochenlang offen zur Schau gestellt, indem sie um Essen, Unterkunft und Kleidung gebettelt und die Bürger aufgefordert hatten, Buße zu tun. Eines Nachts - Linden war erst knapp vierundzwanzig Stunden zuvor in der Stadt eingetroffen, um ihre Arbeit im County Hospital anzutreten - hatten sie Joan entführt und Covenant bewusstlos in seinem über und über mit Blut besudelten Haus zurückgelassen.
Sie hatten Joan in den Wald hinter Covenants Haus verschleppt, sich angeschickt, sie bei irgendeinem bizarren Ritual zu ermorden - einem Ritual, dessen Bestandteil es war, dass die Beteiligten ihre Hände in einem eigens dafür entzündeten großen Feuer zu Stümpfen abbrannten. Obwohl niemand außer Linden die Wahrheit wusste, hatte dieses Ritual seinen Zweck erfüllt. Es hatte Covenant auf Joans Spur in den Wald gelockt. Dort hatte er ihren Platz eingenommen und war an ihrer Stelle getötet worden.
In dem Leben, das Linden hier in ihrer Welt gelebt hatte, hatte sie Covenant kaum sechsunddreißig Stunden lang gekannt.
Nach seinem Tod allerdings hatten die Menschen, die Covenants Selbstopfer arrangiert hatten, in gewissem Umfang zu geistiger Stabilität zurückgefunden. Ihre verkohlten Hände und ausgemergelten Körper waren schrecklich genug gewesen, und die Behandlung dieser Verletzungen hatten die Kapazitäten des County Hospitals aufs Äußerste belastet. Für die Bürger der County aber hatte die Last der psychischen Desorientiertheit sich als schwerer zu tragen erwiesen. Die County hatte sich kollektiv verantwortlich gefühlt.
Die meisten Leute gestanden öffentlich ein, dass sie versäumt hatten, sich um die einsamsten und schwächsten Mitglieder ihrer Gesellschaft zu kümmern. Geistesgestörte Mütter und Väter hätten doch sicherlich nicht nur die eigenen Hände, sondern auch die ihrer Kinder ins Feuer gehalten, wenn ihr Elend nicht von den stabileren Seelen in ihrer Umgebung ignoriert worden wäre? Diese verletzten Männer und Frauen hätten doch sicherlich auf solche Gewalt verzichtet, wenn ihnen ein Ausweg angeboten worden wäre? Selbst wenn noch so viele geisteskranke Prediger sie zum Fanatismus angestachelt hätten, oder? Grausam leidende Kinder nächtelang schluchzen zu hören weckte bei den wohlmeinenden Bürgern der County den Wunsch nach irgendeinem Präventionsmechanismus.
Doch das Gefühl kollektiver Schuld reichte tiefer, als die meisten Leute sich eingestehen wollten. Intuitiv erkannten die Menschen, dass die schrecklichen Ereignisse, die zu Covenants Tod geführt hatten, nie geschehen wären, wenn er nicht gemieden und ausgegrenzt, in die traditionelle Rolle des Leprakranken gedrängt worden wäre. Gewiss, er hatte an etwas gelitten, das die Ärzte als >Primärform< von Hansens Krankheit mit ungeklärter Ätiologie bezeichnet hatten. Auch nach den Maßstäben einer selten vorkommenden Krankheit wie Lepra waren solche Fälle rar, aber sie traten trotzdem häufig genug auf, um an den Zorn Gottes denken zu lassen - an eine Strafe für Sünden, die so schändlich waren, dass der Sünder davon krank wurde.
Zutiefst verängstigt und voller Abscheu, hatten die Leute Thomas Covenant gemieden; über ein Jahrzehnt lang war er auf der Haven-Farm nur geduldet worden: Er hatte sich nirgends sehen lassen und war nie in die Stadt gekommen, von seinen Nachbarn gemieden und von Barton Littleton, dem County Sheriff, gelegentlich schikaniert worden; er war von Megan Roman, seiner Anwältin, unbehaglich toleriert worden und hatte nur einen Freund gehabt: Doktor Julius Berenford, damals Chefarzt im County Hospital. Tatsächlich hätte der Abscheu der County vor seiner Krankheit Covenant ins Exil getrieben, hätte er nicht einmal einem kleinen Mädchen nach einem Schlangenbiss das Leben gerettet. Außerdem hatte er für die Bedürftigen der County beträchtliche Summen gespendet - von dem Geld, das er mit Romanen über Macht und Schuld verdiente. Deshalb hatte man ihn geduldet. Tatsächlich hatte er so ausgerechnet die Leute unterstützt, die ihm später den Tod gebracht und vermutlich zuvor Joan in den Wahnsinn getrieben hatten.
Dann war er fort gewesen, unwiderruflich, und hatte nur Joan und Linden hinterlassen.
Doktor Berenford glaubte, er sei zu Covenants Lebzeiten zu schweigsam gewesen. Später dann erhob er seine Stimme, und Megan Roman, die von ihrem eigenen schlechten Gewissen angetrieben wurde, griff seine Vorschläge auf. Auch die Wähler und Politiker der County fühlten sich verantwortlicher, als sie hätten zugeben wollen. Sie leisteten Lobbyarbeit im Parlament ihres Bundesstaats; sie erhöhten die Gewerbesteuer; sie beantragten Zuschüsse, und schließlich erbauten sie das Berenford Memorial Psychiatric Hospital, das nach Julius benannt wurde, nachdem er eines Nachts vor fünf Jahren friedlich entschlafen war. Dann ernannten sie Linden Avery zur Chefärztin des Berenford Memorials, denn sie war die Einzige von ihnen, die Covenant in seinen letzten Stunden begleitet hatte.
Linden leitete eine kleine Klinik mit nur zwanzig Betten, alle in Einzelzimmern. Ihr Mitarbeiterstab bestand aus fünf Krankenschwestern, fünf Krankenpflegern, einem Hausmeister, einem Gebäudetechniker und einer Gruppe von Teilzeitsekretärinnen, zu denen Freiwillige wie Maxine Dubroff kamen. Im Berenford Memorial arbeiteten zwei Psychiater. Und eine Internistin - sie selbst - mit Erfahrung in Unfallmedizin und Familienpraxis: Knochenbrüche, Traumata und Augenreizungen.
Aus der Eingangshalle führte sie Covenants Sohn in die Abteilung >Intensivpflege< hinauf, deren zehn Betten mit Patienten belegt waren, bei denen die Gefahr bestand, dass sie sich selbst verletzten, das Pflegepersonal angriffen oder bei günstiger Gelegenheit wegliefen. Statt jedoch zu Joans Zimmer weiterzugehen, blieb Linden oben an der Treppe stehen und wandte sich Roger zu.
'Bitte noch einen Augenblick, Mr. Covenant. Darf ich Sie etwas fragen?' Wenn er seine Mutter gesehen hatte, würde er ihr vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu geben. 'Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich, weshalb Sie hier sind.'
Auch diesmal schien sein Lächeln reiner Reflex zu sein. 'Was gibt es da viel zu verstehen? Sie ist meine Mutter. Warum sollte ich sie nicht sehen wollen?'
'Natürlich', erwiderte Linden. 'Aber worauf beruht Ihr Wunsch, sich um sie zu kümmern? Das kommt nicht so häufig vor, wie Sie vielleicht denken. Das klingt offen gesagt ein bisschen.', der Ausdruck, den sie am liebsten benutzt hätte, lautete de trop, existenziell beeinträchtigt, '. beängstigend.'
Roger schien sich zu versteifen. 'Als ich sie zuletzt gesehen habe', antwortete er, 'hat sie mir erklärt, falls sie versage, müsse ich ihre Stelle einnehmen. Bis gestern hatte ich nicht die Mittel, um das tun zu können.'
Linden hielt unwillkürlich den Atem an, während ihre Magennerven sich verkrampften. 'Wobei versagt?'