
Vom Warten
Marion Brasch, Dietmar Dath, Vincent Klink, Ludger Lütkehaus, Andreas Maier, Philipp Mosetter, Nora-Eugenie Gomringer u. a. Über Zeitlöcher und Warteschlangen
Georg Christian (Fotograf) Dörr(Author)
Stefan Geyer(Editor)
marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Published on 25. September 2018
Book
Hardback
192 pages
978-3-7374-1096-0 (ISBN)
Description
Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht auf irgendetwas warten. Am Bahnsteig, an der Supermarktkasse, im Wartezimmer - auf das Glück, die Liebe, ein besseres Leben. Diese Wartezeiten summieren sich im Laufe eines Lebens auf durchschnittlich fünf Jahre. Das Warten begleitet uns ein Leben lang und es genießt keinen sonderlich guten Ruf. Meist wird Wartezeit als gestohlene Lebenszeit empfunden, als Eingriff in unseren Tagesablauf. Wer warten muss, fühlt sich fremdbestimmt. Doch kann Warten auch als geschenkte Zeit empfunden werden, als Gelegenheit zur Muße. Warten als Chance innezuhalten in einer sich in zunehmendem Maße beschleunigenden Welt, als Möglichkeit zur Entschleunigung.
Gegenwärtige Autorinnen und Autoren wie Stephanie Bart, Marion Brasch, Dietmar Dath, Andrea Diener, Werner Frizen, Andreas Göttlich, Nora-Eugenie Gomringer, Vinzent Klink, Ludger Lütkehaus, Andreas Maier, Philipp Mosetter, Katja Thorwarth, Mark-Stefan Tietze u. a. lassen uns in Originalbeiträgen an ihren »Wahrheiten über das Warten« teilhaben und unsere Sicht auf dieses Alltagsphänomen überdenken.
Gegenwärtige Autorinnen und Autoren wie Stephanie Bart, Marion Brasch, Dietmar Dath, Andrea Diener, Werner Frizen, Andreas Göttlich, Nora-Eugenie Gomringer, Vinzent Klink, Ludger Lütkehaus, Andreas Maier, Philipp Mosetter, Katja Thorwarth, Mark-Stefan Tietze u. a. lassen uns in Originalbeiträgen an ihren »Wahrheiten über das Warten« teilhaben und unsere Sicht auf dieses Alltagsphänomen überdenken.
More details
Edition
1. Auflage
Language
German
Place of publication
Wiesbaden
Germany
Dimensions
Height: 20 cm
Width: 12.5 cm
Thickness: 2.5 cm
Weight
397 gr
ISBN-13
978-3-7374-1096-0 (9783737410960)
Schweitzer Classification
Persons
Author
ISNI: 0000 0000 3082 583X
Editor
Stefan Geyer, geb. 1953, ist Wahl-Frankfurter mit Berliner Wurzeln, Herausgeber und Autor.
ISNI: 0000 0005 1530 8486
ISNI: 0000 0005 1530 8486
Content
Auf ein Bier
von Philipp Mosetter
Ich habe ihr einen Zettel hingelegt. »Bin bei Klaus« steht drauf. Ich will nicht, dass sie auf mich wartet. Das wäre mir unangenehm. Mit Warten, dieser ungeliebten Tochter der Zeit, kann man sich ja ganz schön dieselbe verderben. Sie wartet natürlich trotzdem, also trotz meines Zettels, den ich ihr ja deshalb hinterlassen habe, damit sie nicht warten muss, weil sie ja weiß, wo ich bin und sie ebenso weiß, dass ich da für gewöhnlich nicht länger als ein oder zwei Bierchen bin.
Ich merke es am zweiten Bier. Schon beim ersten Schluck schmeckt das zweite Bier anders. Es schmeckt nicht mehr so schön gesellig, sondern eher, wie soll ich sagen, ungeduldig. Ich probiere noch einen Schluck, tatsächlich. Ich kann ihr Warten tatsächlich am Geschmack meines Bieres erkennen. Zunächst zweifelt man bei solchen, nahezu übersinnlichen Wahrnehmungen ja an sich selbst. Also probiere ich noch einen Schluck. Aber kein Zweifel, ganz nervös schmeckt mein Bier, es kribbelt auf der Zunge, taucht den Gaumen in eine leicht herbe, melancholische Stimmung, die Kälte der Einsamkeit rinnt den Hals hinunter. Eindeutig, sie wartet. Bei einem Rotwein würde man das Warten nicht so deutlich schmecken können. Ein Rotwein ist geschmacklich doch ganz bei sich. Da ich bei Klaus aber Bier trinke, kann ich schmecken wie sie wartet - also bezahle ich.
Ich kenne übrigens niemanden, der nachdrücklicher warten kann als sie. Sie würde mir wahrscheinlich auch in den Rotwein ihr Warten hinein schmecken.
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von Philipp Mosetter
Ich habe ihr einen Zettel hingelegt. »Bin bei Klaus« steht drauf. Ich will nicht, dass sie auf mich wartet. Das wäre mir unangenehm. Mit Warten, dieser ungeliebten Tochter der Zeit, kann man sich ja ganz schön dieselbe verderben. Sie wartet natürlich trotzdem, also trotz meines Zettels, den ich ihr ja deshalb hinterlassen habe, damit sie nicht warten muss, weil sie ja weiß, wo ich bin und sie ebenso weiß, dass ich da für gewöhnlich nicht länger als ein oder zwei Bierchen bin.
Ich merke es am zweiten Bier. Schon beim ersten Schluck schmeckt das zweite Bier anders. Es schmeckt nicht mehr so schön gesellig, sondern eher, wie soll ich sagen, ungeduldig. Ich probiere noch einen Schluck, tatsächlich. Ich kann ihr Warten tatsächlich am Geschmack meines Bieres erkennen. Zunächst zweifelt man bei solchen, nahezu übersinnlichen Wahrnehmungen ja an sich selbst. Also probiere ich noch einen Schluck. Aber kein Zweifel, ganz nervös schmeckt mein Bier, es kribbelt auf der Zunge, taucht den Gaumen in eine leicht herbe, melancholische Stimmung, die Kälte der Einsamkeit rinnt den Hals hinunter. Eindeutig, sie wartet. Bei einem Rotwein würde man das Warten nicht so deutlich schmecken können. Ein Rotwein ist geschmacklich doch ganz bei sich. Da ich bei Klaus aber Bier trinke, kann ich schmecken wie sie wartet - also bezahle ich.
Ich kenne übrigens niemanden, der nachdrücklicher warten kann als sie. Sie würde mir wahrscheinlich auch in den Rotwein ihr Warten hinein schmecken.
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