Tanz mit mir!
Roman
Lucy Dillon(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 11. May 2009
Book
Paperback/Softback
608 pages
978-3-442-46896-6 (ISBN)
Description
Let's Dance!
Wenn es im Leben an Zauber fehlt, kann Tanzen wahre Wunder bewirken. - Davon ist Angelica überzeugt, und entschließt sich daher, nach dem Ende ihrer Karriere als Profitänzerin noch einmal voll durchzustarten, und eine Tanzschule zu gründen. Ihr Motto scheint auch für die Paare aus ihrem Kurs zu gelten: schon bald werden beim Foxtrott neue Freundschaften gebildet, beim Walzer tiefe Blicke ausgetauscht und beim Tango neue Leidenschaften geweckt - und die Schüler lernen, dass ein Wiegeschritt manchmal mehr sagt als 1000 Worte .
Wenn es im Leben an Zauber fehlt, kann Tanzen wahre Wunder bewirken. - Davon ist Angelica überzeugt, und entschließt sich daher, nach dem Ende ihrer Karriere als Profitänzerin noch einmal voll durchzustarten, und eine Tanzschule zu gründen. Ihr Motto scheint auch für die Paare aus ihrem Kurs zu gelten: schon bald werden beim Foxtrott neue Freundschaften gebildet, beim Walzer tiefe Blicke ausgetauscht und beim Tango neue Leidenschaften geweckt - und die Schüler lernen, dass ein Wiegeschritt manchmal mehr sagt als 1000 Worte .
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-46896-6 (9783442468966)
Schweitzer Classification
Persons
Lucy Dillon kommt aus Cumbria, einer Grafschaft im Nordwesten Englands, hält sich aber in letzter Zeit immer häufiger in London auf, wo es einfach die besseren Tanzpartys gibt. Sie hat schon in der Grundschule das Tanzen gelernt, und wird seitdem jeden Ta
Content
Angelica Andrews, die die British Open Ballroom Dancing 1974, 76, 77 und 78 sowie die British Ten-Dance Championships 1977 gewonnen und als Finalistin an den European Ballroom Dancing Championships so oft teilgenommen hatte, dass sie die Male kaum noch zählen konnte, brauchte sich nicht um rostige Schlüssel oder Schlösser zu kümmern.
Selbst ohne die perlenbesetzten Turnierkleider und den schwarzen Eyeliner gehörte Angelica nicht zu der Sorte Frau, die sich die Türen selbst öffnen muss. Für gewöhnlich nahm ihr ein Mann diese Aufgabe ab, der sich schier überschlug, damit sie ungehindert hindurchrauschen konnte. Heute allerdings war weit und breit kein Mann in Sicht. Außerdem öffnete der Schlüssel, mit dem sie im Schloss herumstocherte, nicht nur eine simple Tür, von der die Farbe abblätterte, sondern vielmehr die Tür zu ihrer Kindheit - bevor sie tanzen konnte, bevor sie schön war, ja bevor sie überhaupt 'Angelica' war.
Dies war ganz gewiss kein Augenblick, in dem ihr eine Begleitung angenehm gewesen wäre. Daher biss sie die Zähne in einsamer, aber majestätischer Erhabenheit zusammen und rüttelte am verrosteten Türschloss der Longhampton Memorial Hall.
'Verdammt!', fauchte sie, als ihr dabei ein dunkelrot lackierter Nagel einriss. Mrs. Highams Aussage zufolge, die gut und gerne dem ersten Kuratorium der Memorial Hall von 1921 angehört haben könnte, musste man für das Schloss 'ein wenig Geschick' haben. Wie dieses 'Geschick' aussehen sollte, hatte sie aber leider nicht näher beschrieben. Mrs. Higham hatte ihr den Schlüssel mit argwöhnischer Miene überreicht, obwohl Angelica nicht nur über die Erlaubnis verfügte, am folgenden Abend einen Tanzkurs zu leiten, sondern sich auch noch sehr lebhaft daran erinnern konnte, wie Mrs. Higham vor fünfzig Jahren immer ihre segelohrige Tochter Vanessa vom Tanzunterricht abgeholt hatte. Schon damals hatte sie stets den Eindruck erweckt, außergewöhnlich argwöhnisch zu sein.
'Du bist also zurück, Angela', hatte sie mit einer erbitterten Genugtuung festgestellt, als Angelica unterschrieben hatte. Es klang, als hätte sie dreißig Jahre lang darauf gewartet, sie mit diesen Worten zu begrüßen.
Angelica hatte sich vergewissert, dass sie mit 'Angelica Andrews' und nicht 'Angela Clarke' unterzeichnet hatte. Sie war zwar zurückgekehrt, aber sie war nicht mehr die gleiche Person wie früher.
In einem letzten Anlauf, der einen feinen Staubschleier auf ihrer edlen Wolljacke zurückließ, schaffte sie es endlich, die schwere Eingangstür aufzustoßen, und betrat den gefliesten Vorraum. Hier hatte sich nichts verändert. Seit sie wieder nach Longhampton gezogen war, hatte sie ein paar Mal die freitäglichen Tanzabende besucht, doch da war die Halle mit Menschen gefüllt gewesen; mit modernen Menschen, die das Gebäude fest an die Gegenwart knüpften. Jetzt jedoch war sie allein hier und hatte das Gefühl, sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit zu begeben - in ihre Vergangenheit, die im Inneren des Tanzsaals ungeduldig mit den Fingern trommelte und sie mit einigen Erinnerungen in sprödem Schwarz-Weiß, anderen wiederum im knalligen Farbglanz der Achtzigerjahre erwartete.
Angelica schloss die Augen und atmete den Geruch ein, der sie mit einem Schlag in die Fünfziger- und Sechzigerjahre zurückversetzte: Bohnerwachs und Holzvertäfelung, Schmutz und Staub von der Straße, die sich im Laufe von Dekaden festgetreten hatten. Wenn man das Licht herunterdimmte und einen Langsamen Walzer auflegte, hatte Angelica in der Memorial Hall schon immer das Gefühl gehabt, in eine andere Zeit versetzt zu werden.
Genau wie jetzt, dachte sie und lauschte dem sachten Scheppern der uralten Rohrleitungen. Fast spürte sie die weiten Satinröcke im Dunkeln vorbeirauschen, und in jedem Knarren der hölzernen Dachbalken schwang ein 'Darf ich bitten?' mit, das als Echo aus den düsteren Dreißigerjahren widerhallte.
Angelica öffnete wieder die Augen und ließ den Blick über die Eichenholztafeln wandern, die an die Bewohner Longhamptons erinnerten, die im Krieg gefallen waren, über die geschwungenen Schmuckschnitzereien und Knäufe sowie über den Fries aus gemalten Moriskentänzern und Tänzerinnen in festlichen Gazekleidern, die mittlerweile verblasst waren wie alte getrocknete Blüten. Das Fensterglas in den Türen, die den Vorraum mit dem Haupttanzsaal verbanden, war von Spinnweben überzogen. Obwohl der Saal immer noch genutzt wurde, schien er ohne die Musik, mit den übereinandergestapelten Stühlen und den Hinweisen zu den Brandschutzbedingungen in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. In ihrer Erinnerung hörte Angelica schmetternde Hörner, die flotten Streicher einer Tanzkapelle und den widerhallenden Shuffle-Rhythmus der Snares, gespielt mit einem Jazz-Besen.
Es war fast wie ein Dejä-vu-Erlebnis, und ein unheimliches Gefühl beschlich sie - ihre Vergangenheit wurde wieder lebendig, nachdem sie viele Jahre lang so getan hatte, als hätte es sie nie gegeben.
Musik besaß die Kraft, Erinnerungen wachzurufen. Angelica hatte stets den Eindruck gehabt, den Geist der Vergangenheit zu spüren, wenn sie zu Musik tanzte, die Jahre vor ihrer Geburt aufgenommen worden war. Wenn man sich zu dieser Musik bewegte, teilte man den freudigen Schauer mit allen zaghaften Männern und erwartungsvollen Frauen, die genau das Gleiche, am selben Ort, an den gleichen lauen Sommerabenden oder kühlen Herbsttagen wie heute erlebt hatten. Die Welt mochte sich immer weiter um ihre Achse drehen, doch die Schritte und Kombinationen, das Führen und Folgen, blieben gleich.
Angelica ließ sich auf der Bank nieder, auf der sie schon als Sechsjährige gesessen und eifrig ihre roten Ballettschuhe angezogen hatte. Sie kramte aus ihrer Tasche die roten abgenutzten, aber butterweichen Schnürschuhe mit der Ledersohle hervor, die sie zum Unterrichten trug. Selbst jetzt noch wollte sie den Schwingboden nicht mit ihren Straßenschuhen betreten.
Wenn sie sich schon auf den Weg in die Vergangenheit machte, dann wenigstens in den richtigen Schuhen.
Als sie mit den Füßen in die Tanzschuhe schlüpfte, fiel ihr Blick auf die Verbindungstüren. Sie spürte die Gänsehaut auf ihren gebräunten Armen. Wenn sie die Türen gleich aufstoßen würde, würden dann die Geister der Vergangenheit dort tanzen und sie missbilligend empfangen?
Mrs. Trellys zum Beispiel, die erste Ballettlehrerin, mit ihrem Gehstock und der alten Geschichte, wie sie beinahe zum Kirow-Ballett nach Russland gegangen wäre, und ihren scharfen Worten über kleine Mädchen mit rrrrrrrrunden Schultern.
Oder der süße, aber schwerfällige Bernard, ihr erster richtiger Tanzpartner. Mit zurückgegelten Haaren und leuchtend roten Ohren wartete er im Frack seines Vaters ein wenig unbeholfen darauf, dass sie vielleicht doch noch ihre Meinung ändern würde.
Selbst ohne die perlenbesetzten Turnierkleider und den schwarzen Eyeliner gehörte Angelica nicht zu der Sorte Frau, die sich die Türen selbst öffnen muss. Für gewöhnlich nahm ihr ein Mann diese Aufgabe ab, der sich schier überschlug, damit sie ungehindert hindurchrauschen konnte. Heute allerdings war weit und breit kein Mann in Sicht. Außerdem öffnete der Schlüssel, mit dem sie im Schloss herumstocherte, nicht nur eine simple Tür, von der die Farbe abblätterte, sondern vielmehr die Tür zu ihrer Kindheit - bevor sie tanzen konnte, bevor sie schön war, ja bevor sie überhaupt 'Angelica' war.
Dies war ganz gewiss kein Augenblick, in dem ihr eine Begleitung angenehm gewesen wäre. Daher biss sie die Zähne in einsamer, aber majestätischer Erhabenheit zusammen und rüttelte am verrosteten Türschloss der Longhampton Memorial Hall.
'Verdammt!', fauchte sie, als ihr dabei ein dunkelrot lackierter Nagel einriss. Mrs. Highams Aussage zufolge, die gut und gerne dem ersten Kuratorium der Memorial Hall von 1921 angehört haben könnte, musste man für das Schloss 'ein wenig Geschick' haben. Wie dieses 'Geschick' aussehen sollte, hatte sie aber leider nicht näher beschrieben. Mrs. Higham hatte ihr den Schlüssel mit argwöhnischer Miene überreicht, obwohl Angelica nicht nur über die Erlaubnis verfügte, am folgenden Abend einen Tanzkurs zu leiten, sondern sich auch noch sehr lebhaft daran erinnern konnte, wie Mrs. Higham vor fünfzig Jahren immer ihre segelohrige Tochter Vanessa vom Tanzunterricht abgeholt hatte. Schon damals hatte sie stets den Eindruck erweckt, außergewöhnlich argwöhnisch zu sein.
'Du bist also zurück, Angela', hatte sie mit einer erbitterten Genugtuung festgestellt, als Angelica unterschrieben hatte. Es klang, als hätte sie dreißig Jahre lang darauf gewartet, sie mit diesen Worten zu begrüßen.
Angelica hatte sich vergewissert, dass sie mit 'Angelica Andrews' und nicht 'Angela Clarke' unterzeichnet hatte. Sie war zwar zurückgekehrt, aber sie war nicht mehr die gleiche Person wie früher.
In einem letzten Anlauf, der einen feinen Staubschleier auf ihrer edlen Wolljacke zurückließ, schaffte sie es endlich, die schwere Eingangstür aufzustoßen, und betrat den gefliesten Vorraum. Hier hatte sich nichts verändert. Seit sie wieder nach Longhampton gezogen war, hatte sie ein paar Mal die freitäglichen Tanzabende besucht, doch da war die Halle mit Menschen gefüllt gewesen; mit modernen Menschen, die das Gebäude fest an die Gegenwart knüpften. Jetzt jedoch war sie allein hier und hatte das Gefühl, sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit zu begeben - in ihre Vergangenheit, die im Inneren des Tanzsaals ungeduldig mit den Fingern trommelte und sie mit einigen Erinnerungen in sprödem Schwarz-Weiß, anderen wiederum im knalligen Farbglanz der Achtzigerjahre erwartete.
Angelica schloss die Augen und atmete den Geruch ein, der sie mit einem Schlag in die Fünfziger- und Sechzigerjahre zurückversetzte: Bohnerwachs und Holzvertäfelung, Schmutz und Staub von der Straße, die sich im Laufe von Dekaden festgetreten hatten. Wenn man das Licht herunterdimmte und einen Langsamen Walzer auflegte, hatte Angelica in der Memorial Hall schon immer das Gefühl gehabt, in eine andere Zeit versetzt zu werden.
Genau wie jetzt, dachte sie und lauschte dem sachten Scheppern der uralten Rohrleitungen. Fast spürte sie die weiten Satinröcke im Dunkeln vorbeirauschen, und in jedem Knarren der hölzernen Dachbalken schwang ein 'Darf ich bitten?' mit, das als Echo aus den düsteren Dreißigerjahren widerhallte.
Angelica öffnete wieder die Augen und ließ den Blick über die Eichenholztafeln wandern, die an die Bewohner Longhamptons erinnerten, die im Krieg gefallen waren, über die geschwungenen Schmuckschnitzereien und Knäufe sowie über den Fries aus gemalten Moriskentänzern und Tänzerinnen in festlichen Gazekleidern, die mittlerweile verblasst waren wie alte getrocknete Blüten. Das Fensterglas in den Türen, die den Vorraum mit dem Haupttanzsaal verbanden, war von Spinnweben überzogen. Obwohl der Saal immer noch genutzt wurde, schien er ohne die Musik, mit den übereinandergestapelten Stühlen und den Hinweisen zu den Brandschutzbedingungen in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. In ihrer Erinnerung hörte Angelica schmetternde Hörner, die flotten Streicher einer Tanzkapelle und den widerhallenden Shuffle-Rhythmus der Snares, gespielt mit einem Jazz-Besen.
Es war fast wie ein Dejä-vu-Erlebnis, und ein unheimliches Gefühl beschlich sie - ihre Vergangenheit wurde wieder lebendig, nachdem sie viele Jahre lang so getan hatte, als hätte es sie nie gegeben.
Musik besaß die Kraft, Erinnerungen wachzurufen. Angelica hatte stets den Eindruck gehabt, den Geist der Vergangenheit zu spüren, wenn sie zu Musik tanzte, die Jahre vor ihrer Geburt aufgenommen worden war. Wenn man sich zu dieser Musik bewegte, teilte man den freudigen Schauer mit allen zaghaften Männern und erwartungsvollen Frauen, die genau das Gleiche, am selben Ort, an den gleichen lauen Sommerabenden oder kühlen Herbsttagen wie heute erlebt hatten. Die Welt mochte sich immer weiter um ihre Achse drehen, doch die Schritte und Kombinationen, das Führen und Folgen, blieben gleich.
Angelica ließ sich auf der Bank nieder, auf der sie schon als Sechsjährige gesessen und eifrig ihre roten Ballettschuhe angezogen hatte. Sie kramte aus ihrer Tasche die roten abgenutzten, aber butterweichen Schnürschuhe mit der Ledersohle hervor, die sie zum Unterrichten trug. Selbst jetzt noch wollte sie den Schwingboden nicht mit ihren Straßenschuhen betreten.
Wenn sie sich schon auf den Weg in die Vergangenheit machte, dann wenigstens in den richtigen Schuhen.
Als sie mit den Füßen in die Tanzschuhe schlüpfte, fiel ihr Blick auf die Verbindungstüren. Sie spürte die Gänsehaut auf ihren gebräunten Armen. Wenn sie die Türen gleich aufstoßen würde, würden dann die Geister der Vergangenheit dort tanzen und sie missbilligend empfangen?
Mrs. Trellys zum Beispiel, die erste Ballettlehrerin, mit ihrem Gehstock und der alten Geschichte, wie sie beinahe zum Kirow-Ballett nach Russland gegangen wäre, und ihren scharfen Worten über kleine Mädchen mit rrrrrrrrunden Schultern.
Oder der süße, aber schwerfällige Bernard, ihr erster richtiger Tanzpartner. Mit zurückgegelten Haaren und leuchtend roten Ohren wartete er im Frack seines Vaters ein wenig unbeholfen darauf, dass sie vielleicht doch noch ihre Meinung ändern würde.