In Furcht erwachen
Roman
Kenneth Cook(Author)
btb (Publisher)
Published on 1. February 2010
Book
Paperback/Softback
192 pages
978-3-442-73724-6 (ISBN)
Description
Ein moderner Klassiker der australischen Literatur
Eigentlich ist John Grant, ein junger Lehrer, in der trockenen, dürren Einsamkeit des australischen Outback nur auf der Durchreise in Bundanyabba gelandet. Er will am nächsten Tag weiter nach Sydney, um die wohlverdienten Weihnachtsferien anzutreten. Doch dann lässt er sich dazu hinreißen, in dem stickigen, überfüllten Hinterzimmer einer Kneipe an einem beliebten Glücksspiel teilzunehmen. Er gewinnt. Er geht in sein Hotel. Er kehrt noch einmal zurück, setzt sein gesamtes Geld und verliert alles. Eine Reise in die Finsternis beginnt.
Eigentlich ist John Grant, ein junger Lehrer, in der trockenen, dürren Einsamkeit des australischen Outback nur auf der Durchreise in Bundanyabba gelandet. Er will am nächsten Tag weiter nach Sydney, um die wohlverdienten Weihnachtsferien anzutreten. Doch dann lässt er sich dazu hinreißen, in dem stickigen, überfüllten Hinterzimmer einer Kneipe an einem beliebten Glücksspiel teilzunehmen. Er gewinnt. Er geht in sein Hotel. Er kehrt noch einmal zurück, setzt sein gesamtes Geld und verliert alles. Eine Reise in die Finsternis beginnt.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73724-6 (9783442737246)
Schweitzer Classification
Persons
Kenneth Cook, 1929 in Sydney geboren, arbeitete unter anderem als Journalist, Drehbuchautor und Dokumentarfilmer. Er veröffentlichte über zwanzig Bücher in verschiedenen Genres. Sein zweiter Roman "In Furcht erwachen" aus dem Jahr 1961 wurde zu einem internationalen Erfolg und auch verfilmt. Kenneth Cook starb 1987 im Alter von 57 Jahren.
Content
Er saß an seinem Pult, sah erschöpft zu, wie die Kinder nach und nach das Zimmer verließen, und dachte, wohl zumindest in diesem Semester davon ausgehen zu dürfen, daß keines der Mädchen schwanger war.
"Auf Wiedersehen, Sir", sagte das letzte Kind, das hinausging.
"Auf Wiedersehen, Mason", sagte der Lehrer, "bis zum nächsten Semester", dann verlor sich die schmale, unscheinbare Gestalt im grellen Licht der Tür, und die Klasse war nichts weiter als das Plappern eifriger Stimmen, das in der Hitze schwebte und sich allmählich auflöste.
Der Lehrer sah sich im leeren Klassenzimmer um, das mit der schäbigen Toilette die ganze Schule ausmachte. Zweiundzwanzig Bänke für achtundzwanzig Schüler, Mädchen und Jungen im Alter zwischen fünf und siebzehn.
Achtundzwanzig Schüler, von denen siebenundzwanzig einzig und allein zur Schule kamen, weil die Verfassung vorschrieb, sie bis mindestens fünfzehn zu unterrichten, oder weil ein verzweifelter Farmer, der auf dem Boden der weiten Prärie sein karges Einkommen fand, glaubte, eine Schulbildung gebe seinem Kind vielleicht die Hoffnung, die er selbst längst verloren hatte.
Der achtundzwanzigste Schüler, der elfjährige Mason, war begierig darauf zu lernen - eifrig, gescheit und unerklärlich sensibel, war er dennoch dazu verdammt, bei der Bahn anzufangen, sobald er das gesetzlich vorgeschriebene Alter erreicht hatte, weil sein Vater ebenfalls bei der Eisenbahn arbeitete.
Der Lehrer stand auf und ließ die Schultern kreisen, damit sich das naßgeschwitzte Hemd von seinem Körper löste, dann begann er, nach und nach die Fenster zu schließen und zu verriegeln.
Durch die Scheibe konnte er die Prärie sehen, die sich nach Westen ausdehnte, durchsetzt nur von vereinzelten Gruppen unverwüstlicher Salzbüsche, die selbst diesem Boden, auf den monatelang kein Wassertropfen fiel, ein Überleben abtrotzten. Irgendwie schafften es die Menschen, in dieser Halbwüste ein Auskommen zu finden. Sie schafften es, Kühe und Schafe - ein Stück Vieh auf zehn Hektar - am Leben zu erhalten, bis sie genug Gewicht zugelegt hatten, um auf den Märkten an der australischen Küste ein paar Pfund einzubringen, aber der Lehrer hatte nie verstanden, wie sie das machten. Ein paar Leute, denen Tausende von Quadratmeilen gehörten, machten sogar ein Vermögen, indem sie auf die seltenen Regenfälle warteten, um dann ganze Herden aufs Land zu treiben, die sich an dem grünen Teppich gütlich taten, der über Nacht aufgetaucht war. Aber nun hatte es seit bald einem Jahr nicht mehr geregnet, und unter der Sonne war jedes Leben verdorrt, abgesehen von den Salzbüschen. Die Menschen waren ausgetrocknet, ihre Haut gegerbt, die Augen eingefallen, während von ihrem Vieh nichts übrigblieb als weiße Knochen. Aber weil sie daran glaubten, daß eines Tages Regen fallen würde, harrten sie in ihren Holzhäusern aus.
Der Lehrer wußte, daß irgendwo da draußen im schimmernden Dunst, nicht allzu weit entfernt, die Grenze des Bundesstaates lag, markiert durch einen kaputten Zaun, und noch weiter draußen in der Hitze die stille Mitte Australiens, sein Totes Herz. Sein Blick aus dem Fenster war beinahe vergnügt, schließlich würde er sich noch am selben Abend auf den Weg nach Bundanyabba machen. Schon am nächsten Tag stiege er morgens in ein Flugzeug, wäre abends in Sydney, und am Sonntag schwämme er bereits im Meer. Der Schullehrer stammte nämlich von der Küste, von jenem Streifen des Kontinents, der zwischen dem Pazifischen Ozean und der Great Dividing Range lag und dem die Natur die Gunst schenkte, die sie dem Westen so standhaft vorenthielt.
Das Meer, zwölfhundert Meilen ostwärts, war das ganze Jahr über Tag für Tag mit den Gezeiten gestiegen und gefallen, ohne daß er es gesehen hatte. Zwölf Monate lang hatte er die Schule in Tiboonda geleitet, die einen einzigen Lehrer beschäftigte, zwölf Monate, wobei ihm während der Semesterferien nur die magere Ausfallzahlung zur Verfügung stand. Darum hatte er die Ferien in Bundanyabba verbracht, der Minenstadt mit sechzigtausend Einwohnern und Mittelpunkt des Lebens im Gebiet an der Grenze. Für den Lehrer war die Stadt allerdings nichts anderes als eine größere Variante von Tiboonda, und Tiboonda war eine Variante der Hölle.
Aber jetzt hatten die langen Weihnachtsferien begonnen, sechs Wochen bei vollem Lohn. Zwei Wochenlöhne reichten für den Rückflug nach Sydney, damit blieben vier Wochenlöhne übrig, die er durch sorgsam geplante Verwandtenbesuche aufbessern konnte. Sechs Wochen am Meer, einfach nur im Wasser liegen und den Staub loswerden, der ihm in jede Pore des Seins gedrungen war.
Er verriegelte das letzte Fenster und sah sich um. Ihm fiel der Geruch des Klassenzimmers auf, der ihm noch aufdringlicher vorkam, wenn die Kinder weg waren. Ein Geruch nach Kreide und Tinte mit einem Hauch von Körperschweiß, verdorbenen Sandwiches und braunen Apfelgehäusen, vermischt mit dem Geruch nach Staub, den seine Füße hochwirbelten.
Die Aktentasche in der Hand, trat er in die Sonne hinaus und zuckte zusammen, wie jedesmal, wenn sie ihn traf. Er konnte sich nicht an den Trick der Einheimischen gewöhnen, die Augen stets leicht zusammengekniffen zu halten. Er drückte die Tür in den schiefhängenden Rahmen und schloß ab. Dann schüttelte er den Kopf und fischte seine Sonnenbrille aus der Tasche. Das ganze Jahr, in dem er schon im Westen war, hatte er nicht herausgefunden, ob die Sonnenbrille nun etwas nützte oder nicht. Trug er sie nicht, war das grelle Licht weiß, trug er sie, war es grau - sofern grelles Licht überhaupt grau sein kann -, und die weißen Lichtstrahlen drangen von der Seite her wie spitze Steinsplitter in seine Augen.
Er versuchte, seine Lider so gut als möglich geschlossen zu halten, während er über den Schulhof ging, vorbei an dem Witz von einem Zaun, der aus dem weißen Staub in die Höhe wuchs, um eventuell herumstreunende Kälber erfolglos daran zu hindern, auf den Spielplatz laufen.
Die Straße war nur durch tiefe Reifenabdrücke von der Koppel zu unterscheiden, und der Lehrer spürte, wie seine Füße in die staubige Erde sanken.
Knapp hundert Meter vom Schulhaus entfernt befand sich das Hotel und ganz in der Nähe davon der Bahnhof von Tiboonda. Aus Holz und Eisen in jener gleichförmigen, schachtelartigen Art gebaut, die typisch ist für die Architektur des Westens, prägten diese Gebäude das Stadtbild.
"Auf Wiedersehen, Sir", sagte das letzte Kind, das hinausging.
"Auf Wiedersehen, Mason", sagte der Lehrer, "bis zum nächsten Semester", dann verlor sich die schmale, unscheinbare Gestalt im grellen Licht der Tür, und die Klasse war nichts weiter als das Plappern eifriger Stimmen, das in der Hitze schwebte und sich allmählich auflöste.
Der Lehrer sah sich im leeren Klassenzimmer um, das mit der schäbigen Toilette die ganze Schule ausmachte. Zweiundzwanzig Bänke für achtundzwanzig Schüler, Mädchen und Jungen im Alter zwischen fünf und siebzehn.
Achtundzwanzig Schüler, von denen siebenundzwanzig einzig und allein zur Schule kamen, weil die Verfassung vorschrieb, sie bis mindestens fünfzehn zu unterrichten, oder weil ein verzweifelter Farmer, der auf dem Boden der weiten Prärie sein karges Einkommen fand, glaubte, eine Schulbildung gebe seinem Kind vielleicht die Hoffnung, die er selbst längst verloren hatte.
Der achtundzwanzigste Schüler, der elfjährige Mason, war begierig darauf zu lernen - eifrig, gescheit und unerklärlich sensibel, war er dennoch dazu verdammt, bei der Bahn anzufangen, sobald er das gesetzlich vorgeschriebene Alter erreicht hatte, weil sein Vater ebenfalls bei der Eisenbahn arbeitete.
Der Lehrer stand auf und ließ die Schultern kreisen, damit sich das naßgeschwitzte Hemd von seinem Körper löste, dann begann er, nach und nach die Fenster zu schließen und zu verriegeln.
Durch die Scheibe konnte er die Prärie sehen, die sich nach Westen ausdehnte, durchsetzt nur von vereinzelten Gruppen unverwüstlicher Salzbüsche, die selbst diesem Boden, auf den monatelang kein Wassertropfen fiel, ein Überleben abtrotzten. Irgendwie schafften es die Menschen, in dieser Halbwüste ein Auskommen zu finden. Sie schafften es, Kühe und Schafe - ein Stück Vieh auf zehn Hektar - am Leben zu erhalten, bis sie genug Gewicht zugelegt hatten, um auf den Märkten an der australischen Küste ein paar Pfund einzubringen, aber der Lehrer hatte nie verstanden, wie sie das machten. Ein paar Leute, denen Tausende von Quadratmeilen gehörten, machten sogar ein Vermögen, indem sie auf die seltenen Regenfälle warteten, um dann ganze Herden aufs Land zu treiben, die sich an dem grünen Teppich gütlich taten, der über Nacht aufgetaucht war. Aber nun hatte es seit bald einem Jahr nicht mehr geregnet, und unter der Sonne war jedes Leben verdorrt, abgesehen von den Salzbüschen. Die Menschen waren ausgetrocknet, ihre Haut gegerbt, die Augen eingefallen, während von ihrem Vieh nichts übrigblieb als weiße Knochen. Aber weil sie daran glaubten, daß eines Tages Regen fallen würde, harrten sie in ihren Holzhäusern aus.
Der Lehrer wußte, daß irgendwo da draußen im schimmernden Dunst, nicht allzu weit entfernt, die Grenze des Bundesstaates lag, markiert durch einen kaputten Zaun, und noch weiter draußen in der Hitze die stille Mitte Australiens, sein Totes Herz. Sein Blick aus dem Fenster war beinahe vergnügt, schließlich würde er sich noch am selben Abend auf den Weg nach Bundanyabba machen. Schon am nächsten Tag stiege er morgens in ein Flugzeug, wäre abends in Sydney, und am Sonntag schwämme er bereits im Meer. Der Schullehrer stammte nämlich von der Küste, von jenem Streifen des Kontinents, der zwischen dem Pazifischen Ozean und der Great Dividing Range lag und dem die Natur die Gunst schenkte, die sie dem Westen so standhaft vorenthielt.
Das Meer, zwölfhundert Meilen ostwärts, war das ganze Jahr über Tag für Tag mit den Gezeiten gestiegen und gefallen, ohne daß er es gesehen hatte. Zwölf Monate lang hatte er die Schule in Tiboonda geleitet, die einen einzigen Lehrer beschäftigte, zwölf Monate, wobei ihm während der Semesterferien nur die magere Ausfallzahlung zur Verfügung stand. Darum hatte er die Ferien in Bundanyabba verbracht, der Minenstadt mit sechzigtausend Einwohnern und Mittelpunkt des Lebens im Gebiet an der Grenze. Für den Lehrer war die Stadt allerdings nichts anderes als eine größere Variante von Tiboonda, und Tiboonda war eine Variante der Hölle.
Aber jetzt hatten die langen Weihnachtsferien begonnen, sechs Wochen bei vollem Lohn. Zwei Wochenlöhne reichten für den Rückflug nach Sydney, damit blieben vier Wochenlöhne übrig, die er durch sorgsam geplante Verwandtenbesuche aufbessern konnte. Sechs Wochen am Meer, einfach nur im Wasser liegen und den Staub loswerden, der ihm in jede Pore des Seins gedrungen war.
Er verriegelte das letzte Fenster und sah sich um. Ihm fiel der Geruch des Klassenzimmers auf, der ihm noch aufdringlicher vorkam, wenn die Kinder weg waren. Ein Geruch nach Kreide und Tinte mit einem Hauch von Körperschweiß, verdorbenen Sandwiches und braunen Apfelgehäusen, vermischt mit dem Geruch nach Staub, den seine Füße hochwirbelten.
Die Aktentasche in der Hand, trat er in die Sonne hinaus und zuckte zusammen, wie jedesmal, wenn sie ihn traf. Er konnte sich nicht an den Trick der Einheimischen gewöhnen, die Augen stets leicht zusammengekniffen zu halten. Er drückte die Tür in den schiefhängenden Rahmen und schloß ab. Dann schüttelte er den Kopf und fischte seine Sonnenbrille aus der Tasche. Das ganze Jahr, in dem er schon im Westen war, hatte er nicht herausgefunden, ob die Sonnenbrille nun etwas nützte oder nicht. Trug er sie nicht, war das grelle Licht weiß, trug er sie, war es grau - sofern grelles Licht überhaupt grau sein kann -, und die weißen Lichtstrahlen drangen von der Seite her wie spitze Steinsplitter in seine Augen.
Er versuchte, seine Lider so gut als möglich geschlossen zu halten, während er über den Schulhof ging, vorbei an dem Witz von einem Zaun, der aus dem weißen Staub in die Höhe wuchs, um eventuell herumstreunende Kälber erfolglos daran zu hindern, auf den Spielplatz laufen.
Die Straße war nur durch tiefe Reifenabdrücke von der Koppel zu unterscheiden, und der Lehrer spürte, wie seine Füße in die staubige Erde sanken.
Knapp hundert Meter vom Schulhaus entfernt befand sich das Hotel und ganz in der Nähe davon der Bahnhof von Tiboonda. Aus Holz und Eisen in jener gleichförmigen, schachtelartigen Art gebaut, die typisch ist für die Architektur des Westens, prägten diese Gebäude das Stadtbild.