
Der Zauber von Rash
Gesamtausgabe
Florian Clever(Author)
Florian Clever (Publisher)
1st Edition
Published on 15. March 2023
Book
Paperback/Softback
462 pages
978-3-910536-05-0 (ISBN)
Description
Wenn dein letzter Ausweg alles ins Chaos stürzt ...
Arite soll beim Khan Hilfe gegen den Erzfeind ihres Stammes holen - Todor Zweipfeil. Verfolgt von den Schergen des machthungrigen Fürsten, wird ihr klar: Die ganze Grüne Weite droht unter Zweipfeils Schatten zu fallen. Und niemand wird ihn stoppen, wenn sie es nicht selbst versucht. Für einen Sieg aber muss Arite an uralter, verbotener Magie rühren.
Arite soll beim Khan Hilfe gegen den Erzfeind ihres Stammes holen - Todor Zweipfeil. Verfolgt von den Schergen des machthungrigen Fürsten, wird ihr klar: Die ganze Grüne Weite droht unter Zweipfeils Schatten zu fallen. Und niemand wird ihn stoppen, wenn sie es nicht selbst versucht. Für einen Sieg aber muss Arite an uralter, verbotener Magie rühren.
Reviews / Votes
'Spannender Ausflug in das Reich der Rashtei'- Patrick 1982 (auf lovelybooks, fünf Sterne)
'Spannend vom Anfang bis zum Schluss'
- LaDonna (auf lovelybooks, fünf Sterne)
'Alles, was man sich von einer guten Fantasy-Geschichte erhofft'
- Lesewunder (auf lovelybooks, fünf Sterne)
Spannender Ausflug in das Reich der Rashtei.
Eine Prophezeiung kündet von einer chaotischen Zukunft im Reich der Rashtei "Die Grüne Weite". Schnell findet sich Arite, zukünftige Erbin des Throns des Stammes der Weißen Mähnen, inmitten einer Intrige wieder. Andernorts fällt Nasko, ein Leibwächter des Fürsten der Hohen Falken, in Ungnade und wird verstoßen. Lässt sich der Untergang des Khanats noch aufhalten oder erfüllt sich die Prophezeiung?
Bei "Der Zauber von Rash" handelt es sich um einen spannenden Zweiteiler mit vielen tollen Charakteren. Auch dieses Buch spielt erneut in der von Florian Clever erdachten Welt, aus der der Autor bereits mehrere Geschichten veröffentlicht hat. Jedoch, wie bei all seinen Geschichten, kann diese Geschichte völlig eigenständig gelesen werden und es wird kein Vorwissen aus den anderen Büchern benötigt. Wer jedoch bereits etwas von Florian Clever gelesen hat, wird auch hier kleinere Bezüge zu den Vorgängerromanen finden. Diesmal geht es zum Reitervolk der Rashtei, die erstmals in Schwert und Meister auftauchen und über die man nun mehr erfährt.
Der Schreibstil ist gewohnt flüssig. Die Welt ist wieder detailreich beschrieben, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. Die Geschichte ist rundum spannend und auch in weniger actionreichen Szenen, kommt nie Langeweile auf. Die Charaktere sind wieder alle gut getroffen, so dass man richtig mit den Helden mitfiebern und mitleiden kann. Auch die Gegenspieler sind sehr gut gezeichnet und einige beginnt man richtig zu hassen. Von mir gibt es wieder eine klare Leseempfehlung.
- Patrick 1982 (auf lovelybooks, fünf Sterne)
More details
Language
German
Place of publication
Germany
Target group
Leserinnen und Leser von Fantasy und Abenteuer jedes Jahrgangs (ab 14 Jahren). Genrefans und -neueinsteiger. Rollenspieler, Nerds, Träumer und Liebhaber von Spannungslektüre. Alle, die gerne eine abgeschlossene Story in einem Rutsch wegschmökern.
Edition type
New edition
Product notice
Unsewn / adhesive bound
Illustrations
Karte der Handlungswelt
Dimensions
Height: 210 cm
Width: 148 cm
Weight
526 gr
ISBN-13
978-3-910536-05-0 (9783910536050)
Schweitzer Classification
Person
Author
Schriftsteller
Geboren in Kleve, Abitur in Bochum, Studium in Kassel, wohnhaft in Düsseldorf.
ISNI: 0000 0005 1613 7770 GND: 1246846985
Geboren in Kleve, Abitur in Bochum, Studium in Kassel, wohnhaft in Düsseldorf.
ISNI: 0000 0005 1613 7770 GND: 1246846985
Content
Karte von Iatiara . . . . . 8
Erster Teil: Entwurzelt . . . . . 11
Zweiter Teil: Die Jagd . . . . . 117
Dritter Teil: Falkenland . . . . . 195
Vierter Teil: Der letzte Feldzug . . . . 321
Kontakt . . . . . . 453
Glossar . . . . . . 455
Mehr Fantasy von Florian Clever . . . 458
Science-Fiction (als Clark C. Clever) . . . 461
Erster Teil: Entwurzelt . . . . . 11
Zweiter Teil: Die Jagd . . . . . 117
Dritter Teil: Falkenland . . . . . 195
Vierter Teil: Der letzte Feldzug . . . . 321
Kontakt . . . . . . 453
Glossar . . . . . . 455
Mehr Fantasy von Florian Clever . . . 458
Science-Fiction (als Clark C. Clever) . . . 461
1. Der Turm
Die aufziehende Nacht schluckte die einsame Hütte. Darin starrte der Knochenschüttler
auf das Ergebnis seines Wurfs. Im Kamin starb das Torffeuer
vor sich hin. Er bemerkte es kaum, trotz des schwindenden Lichts. Sein Blick
galt allein dem Ergebnis des Wurfs mit den Knöchelchen: Die kleinen Gebeine
auf dem Tisch bildeten den >Turm< - die seltenste aller Vorhersagen. Für den
Turm mussten die Knochen auf eine Weise aufeinandergestapelt liegen bleiben,
die den Naturgesetzen spottete. Meistens kippte er schon wieder um, ehe
das letzte Knochenstückchen aufhörte zu zittern. Wenn das geschah, zählte
der Wurf nicht, und bei der Ehre der Ahnen von Rash! Das wäre auch besser
so gewesen.
Der Turm verhieß Unheil. Er stand für die Zerstörung von allem, was war,
für den Umsturz der geltenden Ordnung. Er bedeutete Chaos, den Niedergang
der Dinge, verbrannte Erde. Da gab es nichts zu beschönigen.
Gebannt schaute der Knochenschüttler auf das gefürchtete Resultat. Das
durfte nicht wahr sein!
Noch nie zuvor hatte er den Turm geworfen, und er befragte die Knochen
nun schon seit Jahrzehnten. Bang besah er die labile Struktur von allen Seiten,
in der Hoffnung, sich zu irren. Vielleicht bot sich ja doch noch eine andere
Deutung an? Etwas Milderes, mit einem Hoffnungsschimmer am Horizont?
Kurz darauf resignierte er. Keine Chance. Auf dem Tisch erhob sich eindeutig
der Turm. Aufrecht und drohend, eine Schleuder des Grauens.
Nach und nach füllte die Hütte des Einsiedlers sich mit Dunkelheit. Draußen
rauschten die Baumkronen im Wind, es knackte im Wald. Wie passend.
Wenn ohnehin das Ende nahte, so machte ein Sturm doch einen stimmigen
Anfang.
Er hatte die Knochen gefragt, wie es um die Herrschaft des Khans von
Rash bestellt war, des Oberhaupts aller Rashtei, dem Reitervolk der Grünen
Weite. Zu lange schon gab es Unfrieden zwischen den neun Stämmen der
Taiga. Es wurde immer deutlicher, dass der Khan die Einigkeit aller nicht mehr
länger gewährleisten konnte. Und wo das Wort des Khans an Gewicht verlor,
da setzte sich das älteste Gesetz von Rash wieder durch: das Recht des Stärkeren.
Der Knochenschüttler sank zurück auf den Hocker, den er für die Rundumbegutachtung
des Turms verlassen hatte. Sorgfältig sortierte er seine
schlichte braune Robe, einer Mönchskluft ähnlich. Äußerlich wirkte er ganz
ruhig. In ihm aber tobte ein Sturm, gegen den die Brise in den Bäumen nur
einem müden Hauch glich. Er betrachtete den Turm aus Knochenstückchen
eindringlich, als wollte er ihn allein mit den Augen umwerfen. Die Knochen
aber behielten ihre Position bei und kümmerten sich nicht um seine
Verzweiflung.
»Es hat immer einen Khan gegeben«, murmelte er verdrossen, »seit das
große Eis gewichen ist und die Ahnherren gebannt wurden. Ohne Khan ertrinken
wir doch in unserem eigenen Blut! Dann wird die Grüne Weite wieder
zu einer Hochebene der Flammen werden. So, wie es schon einmal war.«
Er wollte sich nicht ausmalen, was käme, wenn der seit Jahren schwerwiegendste
Konflikt, der Rachekrieg zwischen den Hohen Falken und den Weißen
Mähnen, ganz Rash in seinen Bann ziehen würde. Und genau danach sah
es vor ihm auf dem Tisch nun aus. Nichts anderes konnte der Turm bei dieser
Fragestellung doch bedeuten. Die Falken und die Mähnen befehdeten sich bereits
seit anderthalb Jahrzehnten. Wenn eine der Streitigkeiten unter den
Rashtei bis zu dem jetzt vorhergesagten Ergebnis eskalieren sollte, dann diese.
Angespannt strich der Eremit sich das stoppelige Kinn. Warum musste es
ausgerechnet während seiner Lebzeit so weit kommen? Himmel noch mal! Er
hatte schon weit über sechzig Sommer gesehen. Hätte ihn ein gnädiges Geschick
seine letzten Jahre nicht in Frieden altern lassen können? Dafür sorgen,
dass dieser Krieg erst nach seinem Tod ausbrach? Gemütlich tattrig werden
und dann irgendwann von selbst umkippen, so hatte er sich seine Zukunft vorgestellt.
Besser noch, sich im Schlaf still und schmerzlos davonmachen.
Und nun .
Seine Faust krachte auf die Tischplatte. Der Turm erzitterte, doch er blieb
stehen. Noch ein Fausthieb. Die Muskeln mochten bereits welk werden, aber
wütend, wie er war, haute er zu, dass das Mehl aus den Löchern des Holzwurms
rieselte. Immer wieder.
Krach!
Krach!
Eines der Knöchelchen geriet in Schieflage. Dann ein zweites. Und noch
immer stürzte der Turm nicht in sich zusammen. Entnervt packte der Alte den
Tisch und rüttelte wild daran. Da, endlich, klackerten die Knochen über die
Bretter.
Keuchend rieb er die schmerzende Hand. Sein Herz spielte Fohlen in seiner
Brust, hopsende, unregelmäßige Sprünge.
Geschafft!
In diesem Moment beugte sich Taront, der Schicksalsgott, von hinten über
seine Schulter und räusperte sich. Wenigstens kam es dem Knochenschüttler
so vor. Auf einmal fühlte er sich beobachtet, obwohl seine Hütte fünf Tageswanderungen
von jedem Dorf entfernt lag, und auch abseits aller Routen der
Nomaden. Der nächste Götterschrein war weit. Es half nichts: Der Eindruck,
mit seiner kindischen Tat bei Taront, dem Ersten der himmlischen Fünfe, keinesfalls
durchzukommen, begann an ihm zu nagen.
Bis er es nicht länger aushielt.
Reuig sammelte er die Knochen ein. Wog sie in der Hand. Knallte sie
zurück auf den Tisch und stand auf, um Torf nachzulegen. Das Feuer brauchte
jetzt zwar wirklich neue Nahrung, wenn er hier nicht bald in völliger Tintenschwärze
sitzen wollte. Es lastete auch so schon genug Düsternis auf ihm. Vor
allem aber brauchte er auf diesen Schrecken etwas, das seine Hände beschäftigte
und ihn ablenkte, neben Licht und Wärme.
Ächzend beugte er die Knie bis an die Belastungsgrenze, bis er den obersten
Torfballen im Lager zu fassen bekam. Gierig leckten frische Flammen an
dem überfälligen Nachschub. Der kräftige Geruch des Feuers nahm wieder
zu.
Der Einsiedler schlurfte zu dem einzigen Fenster der Hütte und linste
durch die Ritzen des verschlossenen Ladens. Draußen wütete der Sturm. Die
Nacht war da. Es dauerte eine Weile, bis er die Umrisse von einzelnen Baumstämmen
rings um seine Hütte erkennen konnte. Antworten auf seine drängenden
Fragen fand er zwischen den Tannen keine. Die musste er sich schon
selber geben. Hätte er damals doch nur etwas Gescheites gelernt! Hufschmied
oder so . Etwas Praktisches, Handfestes. Aber nein, es hatten unbedingt die
Knochen sein müssen. Bloß, weil er die Wahrsager als Kind immer so um die
Aufmerksamkeit beneidet hatte, die ihnen vom Volk entgegengebracht wurde,
wenn sie mit raunender Stimme von der Zukunft sprachen.
Der Rachekrieg zwischen den Falken und den Mähnen, den beiden einflussreichsten
Stämmen der Hochebene . Neu entfacht, wie gerade eben das
Feuer . Schlimmer als je zuvor .
Keiner mochte heute mehr beschwören, was genau den Zwist eigentlich
vom Zaun gebrochen hatte. Angeblich war die Tochter des mittlerweile greisen
und kranken Fürsten der Weißen Mähnen vom Sohn des damaligen Anführers
der Hohen Falken geschändet worden. Und das während eines friedlichen
Treffens, während Verhandlungen über gemeinsame Beutezüge.
Stattdessen war es zum Bruderkrieg gekommen.
Was immer im Felsenhort, dem Stammsitz der Falken, damals wirklich geschehen
war: Nicht einmal der Khan hatte die beiden Lager danach noch einmal
an den Verhandlungstisch bringen können. Bereits zu jener Zeit hatte sich
abgezeichnet, dass der Khan im Grunde schon jenseits des Zenits seiner
Macht gewesen war. Dass es mit dem Zusammenhalt unter den Stämmen von
Rash bergab ging und die Große Radnabe nicht mehr rund lief.
Über fünfzehn Jahre war das nun schon her. Noch heute töteten sich die
Falken und die Mähnen mit der gleichen Wut wie früher. Und das Oberhaupt
der Grünen Weite hockte in seiner Stadt im Zentrum der Hochebene und sah
zu.
Heute also der Turm.
Seufzend kehrte der Knochenschüttler Fenster und Sturm den Rücken zu.
Sein Wurfergebnis aber würde sich nicht so leicht ausblenden lassen.
Und wenn doch ein Irrtum vorlag? Wenn es nur ein hässlicher Zufall war,
ohne echte Aussagekraft? Der Einsiedler zählte zu den erfahrensten Wahrsagern
von Rash, hielt sich aber keinesfalls für unfehlbar. Gerade, weil er sich
schon so lange mit den Knochen befasste, wusste er, dass er manchmal auch
falschlag. Nicht alles, was ihm die sehenden Gebeine zeigten, traf auch ein.
Er straffte sich. Vielleicht, ja .
Vielleicht war die Stunde da, einen Kunstgriff anzuwenden, dessen er sich
lange nicht mehr bedient hatte. Unter den älteren Traumdeutern und Auguren
galt er als verpönt, als Zeichen von Schwäche: der zweite Wurf.
Jeder Knochenschüttler, der etwas auf sich hielt, mied ihn. Zu oft angewendet,
litt die Glaubwürdigkeit ihrer ganzen Zunft darunter. Nach dem
Motto: »Der würfelt einfach so lange, bis ihm das Ergebnis schmeckt.« Die
Leute kamen dann seltener mit ihren Fragen. Schlecht für den Ruf, schlecht
fürs Geschäft.
Aber hier, in seiner entlegenen Hütte, gab es schließlich keine Zeugen. Warum
also nicht einen zweiten Versuch wagen? Vielleicht hatten die Götter sich
die Sache in den letzten Augenblicken ja schon wieder anders überlegt?
Der Alte fischte eine Tonflasche aus dem Regal und gönnte sich einen ausgiebigen
Schluck Silberwurzschnaps.
Ah! Lecker!
Erst mal Mut antrinken.
Ein zweiter Wurf, wie ein Anfänger . Sei's drum. Der Ernst der Lage
erforderte ungewöhnliche Mittel, da durfte ihm sein Stolz nicht im Wege stehen.
Es galt, alles zu versuchen, um sich vor den hässlichen Konsequenzen
des Turms zu drücken.
Er nippte noch einmal an der Flasche und krempelte die Ärmel seiner Robe
hoch. Ans Werk! Gleiche Fragestellung, gleiches Gebein.
Er hatte mehrere einsatzbereite Sortimente in seiner Kiste, jeweils aus unterschiedlichen
Tierskeletten zusammengefügt. Die einen schworen auf Marder,
die anderen auf Ratte, wieder andere nahmen nur Vogelknöchelchen in
die Hand. Das Häuflein auf dem Tisch aber war seine Liebste, zuverlässigste
Wahl, gefertigt aus den Knochen einer Kreuzotter.
Während er die Knochen schüttelte, summte er das Lied von Wind, Sonne
und Regen. Das Lied der Büsche und Gräser. Das ewige Lied der Berge und
Wälder. Es war die Melodie, in der alle Geheimnisse des Lebens verborgen
lagen. Wer die richtigen Tonfolgen kannte, der konnte allerlei Wunderdinge
vollbringen. Auch, die Mysterien der Zukunft mithilfe der Knochen zu lüften.
Der Eremit schüttelte und summte diesmal besonders lange. Dabei ließ er
sich wieder und immer wieder die Fragestellung durch den Kopf gehen: Was
hält das Morgen für die Herrschaft des Khans bereit? Wird der Krieg bald
enden? Und falls ja, wie wird er ausgehen? Was hält das Morgen für die Herrschaft
des Khans bereit?
Die Knochen purzelten über den Tisch. Und die Hände des Alten, die nach
dem Wurf noch in der Luft verharrten, begannen zu zittern.
Der Turm.
Schon wieder. Zweimal hintereinander.
Unmöglich!
Wie plötzlich von einem Dämon besessen kam der Knochenschüttler auf
die Füße und taumelte vom Tisch weg. Er stieß mit dem Rücken gegen das
Regal, klammerte sich daran fest und riss dabei Geschirr herunter.
Das . Das konnte einfach nicht wahr sein! Manche seiner Zunft warfen
die Knochen ein Leben lang, ohne den Turm dabei auch nur ein einziges Mal
zu sehen. Und nun gleich zweimal in Folge!
Damit bestätigten sich die schlechten Aussichten auf allerbrutalste Art und
Weise. Der Konflikt zwischen den Hohen Falken und den Weißen Mähnen
würde nicht nur weitergehen, er würde ausufern. Der Khan würde gestürzt
werden. Und im Anschluss würde sich die kopflose Meute der neun Stämme
selbst zerfleischen.
Taront, der Schicksalsgott, wollte es so. Und wenn er, der in der Mitte der
Fünfe saß, entschieden hatte, dann gab es kein Aufbegehren, kein Zurück.
Wo war der Schnaps? Jetzt brauchte der Alte ihn mehr denn je!
Keuchend setzte er die Flasche an. Feuer, das in seinen Magen schoss und
durch seine Adern raste. Er musste husten, schüttelte sich und stierte auf den
Tisch, wo sich die Knöchelchen türmten und ihn zu verhöhnen schienen.
Diese Scheußlichkeit, diese schräge Laune des Kosmos!
Seine Augen wässerten. Er rieb sich das Gesicht und versuchte, sich zu
sammeln. Seine Hütte stand noch. Der Wald stand auch noch. Der Weltuntergang
würde kommen, so viel wusste er nun. Doch er würde kaum auf einen
Schlag da sein. Noch blieb etwas Zeit, um zu reagieren und die richtigen Leute
zu warnen. Zeit, zumindest einige zur Vernunft zu bringen und vielleicht wenigstens
einen Teil ihres Volkes zu retten. Zeit vor allem auch, um den eigenen,
faltigen Arsch in Deckung zu bringen.
Er musste sofort mit seinesgleichen reden. Zuallererst mit Vlast, seinem
besten Freund. Vlast galt als wunderlich, aber das war er selbst schließlich
auch. Allen Knochenschüttlern sagte man nach, etwas wirr im Kopf zu sein.
Der Alte überzeugte sich davon, dass Tür und Fensterladen gut verschlossen
waren. Bei der Art von Austausch, die er nun vorhatte, würde er während
des Gesprächs nicht mitbekommen, was um ihn herum geschah. Einen hungrigen
Bären oder Wolf, der sich ausgerechnet dann zu seiner Hütte verirrte,
angelockt von den Vorräten, konnte er dabei nicht brauchen, sonst würde das
womöglich sein letztes Gespräch werden.
Fahrig suchte er in dem ramponierten Regal nach dem richtigen Kräutertopf,
fand ihn und streute etwas von dem Inhalt ins Feuer. Es knisterte, während
ein harziger Duft sich in der Stube ausbreitete. Der Alte verneigte sich
knapp gen allen vier Himmelsrichtungen, kramte einen zweiten Topf aus dem
Regal - den mit den Pilzen - und legte sich ein getrocknetes Exemplar daraus
auf die Zunge. Es schmeckte bitter und kaute sich zäh und ledrig. Schnaufend
und schwitzend kroch er auf seine Pritsche, streckte sich aus und zerkaute den
Pilz.
Bitter wie das Leben.
Zäh wie die Tage in Einsamkeit.
Entspannen. Er musste sich entspannen, musste seine Mitte finden. Normalerweise
war das für ihn kein Problem. Nach dem Schock des doppelten
Turms jedoch sah das anders aus. Er zählte seine Atemzüge, spürte hin, wie
sich Brust und Bauchdecke hoben und senkten und schluckte die weichgekaute,
wabbelige Masse in seinem Mund herunter.
Atmen! Atmen! Fünf. Sechs. Sieben. Acht .
Vlast würde Rat wissen. Vlast wusste immer Rat, wenn alle anderen Tabaksaft
rotzenden Druiden, Schamanen, Hexen und Sterndeuter schon an den
Verflechtungen des Schicksals verzweifelten und Knochen, Ziegenblut und
Tiergedärme frustriert in die Ecke pfefferten. Vlast war derjenige, zu dem die
Weisen kamen, wenn sie mit ihrer Weisheit am Ende waren.
Atmen! Zwölf. Dreizehn. Vierzehn .
Hoffentlich gelang es ihm trotz des Schreckens, sich in die nötige Ruhe für
das Gespräch zu versenken. Der Einsiedler wollte nicht den Eindruck eines
völlig aufgelösten Kindes machen, wenn die Verbindung erst einmal stand. Er
war der Überbringer denkbar schlechter Kunde. Da ziemte es sich nicht, gleich
einem aufgeregten Bengel mit der Tür ins Haus zu fallen.
Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Vierundzwanzig.
Jenseits der Fünfzig entglitten ihm allmählich die Ziffern und auch seine
Gedanken. Der Alte wechselte in eine besondere Form des Schlafs hinüber,
bei denen er die Augen nur halb geschlossen hielt. Eine Trance, die der Pilz
regierte.
Wohlige Schwärze umfing ihn nun, eine sehende Schwärze. In der Dunkelheit
lag Erkenntnis, das war schon immer so gewesen. Die meisten Menschen
waren bloß zu furchtsam, um hinter ihren Schleier zu schauen.
»Vlast? Vlast Dungschaufler! Bist du da? Hörst du mich?«
Uh. Die Pilze waren alt, hatten aber während des langen Lagerns nichts
von ihrer sanften Kraft verloren. Er fühlte sich etwas säuselig. Bunte Lichtpunkte
drängten sich vor sein inneres Auge und versuchten, ihm den Fokus
aufs Wesentliche zu nehmen. Rasche Bildfolgen attackierten seine Konzentration.
Köstliches Essen. Silberwurzschnaps, ein ganzer, großer Pokal voll. Eine
nackte Schöne, die auf einem Hirsch ritt und ihn einlud, aufzusitzen und sich
an ihr festzuhalten .
Entschlossen wischte er die Trugbilder fort, immer wieder.
»Vlast! Hörst du mich? Bist du da?«
Die Reise im Halbschlaf zog sich.
Was, wenn der Fähigste unter allen Knochenschüttlern der Rashtei nicht
mehr unter ihnen weilte? Vlast war schließlich auch nicht mehr der Jüngste.
Wenn die Götter ihn zu sich geholt hatten . ihn, der öfter mit den Fünfen
gesprochen hatte als jeder sonst? Für Taront und die anderen vier Götter da
oben würde es dann sein wie der Besuch eines alten Bekannten. Für die auf
Erden Zurückgebliebenen aber wäre Vlasts Tod ein Desaster, wenigstens für
die Gemeinschaft der Knochenschüttler. Nicht ausgerechnet jetzt! Nicht jetzt,
wo sie den Besten unter ihnen so dringend brauchten!
»Vlast?!«
Dann, rau und übernächtigt wie nach einem Weingelage, kam endlich eine
Antwort aus der Dunkelheit: »Ygor? Ygor, der Eremit?«
Erleichterung flutete den Alten.
»Ja. Ich bin's.«
Vlasts Stimme klang missmutig in Ygors Kopf. »Herrje, mein Freund! Hat
dir ein Bär ins Hirn geschissen? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«
»Tut mir leid. Aber ich . Es ist nur . Vlast, ich hab die Knochen geworfen!«
Ygor wusste: Wäre Vlast jetzt hier bei ihm in der Hütte gewesen, so hätte
der andere ihn wütend angefunkelt. »Du hast die Knochen geworfen. Schön.
Ja und? Machen wir das nicht immer?«
»Vlast! Der Turm! Der Turm, Vlast! Zweimal direkt hintereinander! Auf
die Frage, wie es mit der Herrschaft des Khans weitergeht.«
Am anderen Ende breitete sich Stille aus.
»Vlast? Bist du noch da?«
»Ja. Das passt ins Gesamtbild, würd ich mal sagen.«
Diese Antwort war nicht gerade dazu geeignet, Ygor zu beruhigen. »Wieso?
Was meinst du damit?«
»Na ja, du bist nicht der Einzige, der fleißig war. Ich hab heute Morgen im
Dung gepult. Wie du weißt, ist der Dung eine ausgezeichnete Alternative für
die Knochen. Im Gegensatz zu diesen ist Dung weich und formbar und .«
»Ja, ja. Und? Was hast du gesehen?«
»Nun .« Vlast schien nach den richtigen Worten zu suchen, ehe er sich
für den direkten Weg entschied. »Die Ahngeister von Rash, sie . sie kehren
zurück.«
Die aufziehende Nacht schluckte die einsame Hütte. Darin starrte der Knochenschüttler
auf das Ergebnis seines Wurfs. Im Kamin starb das Torffeuer
vor sich hin. Er bemerkte es kaum, trotz des schwindenden Lichts. Sein Blick
galt allein dem Ergebnis des Wurfs mit den Knöchelchen: Die kleinen Gebeine
auf dem Tisch bildeten den >Turm< - die seltenste aller Vorhersagen. Für den
Turm mussten die Knochen auf eine Weise aufeinandergestapelt liegen bleiben,
die den Naturgesetzen spottete. Meistens kippte er schon wieder um, ehe
das letzte Knochenstückchen aufhörte zu zittern. Wenn das geschah, zählte
der Wurf nicht, und bei der Ehre der Ahnen von Rash! Das wäre auch besser
so gewesen.
Der Turm verhieß Unheil. Er stand für die Zerstörung von allem, was war,
für den Umsturz der geltenden Ordnung. Er bedeutete Chaos, den Niedergang
der Dinge, verbrannte Erde. Da gab es nichts zu beschönigen.
Gebannt schaute der Knochenschüttler auf das gefürchtete Resultat. Das
durfte nicht wahr sein!
Noch nie zuvor hatte er den Turm geworfen, und er befragte die Knochen
nun schon seit Jahrzehnten. Bang besah er die labile Struktur von allen Seiten,
in der Hoffnung, sich zu irren. Vielleicht bot sich ja doch noch eine andere
Deutung an? Etwas Milderes, mit einem Hoffnungsschimmer am Horizont?
Kurz darauf resignierte er. Keine Chance. Auf dem Tisch erhob sich eindeutig
der Turm. Aufrecht und drohend, eine Schleuder des Grauens.
Nach und nach füllte die Hütte des Einsiedlers sich mit Dunkelheit. Draußen
rauschten die Baumkronen im Wind, es knackte im Wald. Wie passend.
Wenn ohnehin das Ende nahte, so machte ein Sturm doch einen stimmigen
Anfang.
Er hatte die Knochen gefragt, wie es um die Herrschaft des Khans von
Rash bestellt war, des Oberhaupts aller Rashtei, dem Reitervolk der Grünen
Weite. Zu lange schon gab es Unfrieden zwischen den neun Stämmen der
Taiga. Es wurde immer deutlicher, dass der Khan die Einigkeit aller nicht mehr
länger gewährleisten konnte. Und wo das Wort des Khans an Gewicht verlor,
da setzte sich das älteste Gesetz von Rash wieder durch: das Recht des Stärkeren.
Der Knochenschüttler sank zurück auf den Hocker, den er für die Rundumbegutachtung
des Turms verlassen hatte. Sorgfältig sortierte er seine
schlichte braune Robe, einer Mönchskluft ähnlich. Äußerlich wirkte er ganz
ruhig. In ihm aber tobte ein Sturm, gegen den die Brise in den Bäumen nur
einem müden Hauch glich. Er betrachtete den Turm aus Knochenstückchen
eindringlich, als wollte er ihn allein mit den Augen umwerfen. Die Knochen
aber behielten ihre Position bei und kümmerten sich nicht um seine
Verzweiflung.
»Es hat immer einen Khan gegeben«, murmelte er verdrossen, »seit das
große Eis gewichen ist und die Ahnherren gebannt wurden. Ohne Khan ertrinken
wir doch in unserem eigenen Blut! Dann wird die Grüne Weite wieder
zu einer Hochebene der Flammen werden. So, wie es schon einmal war.«
Er wollte sich nicht ausmalen, was käme, wenn der seit Jahren schwerwiegendste
Konflikt, der Rachekrieg zwischen den Hohen Falken und den Weißen
Mähnen, ganz Rash in seinen Bann ziehen würde. Und genau danach sah
es vor ihm auf dem Tisch nun aus. Nichts anderes konnte der Turm bei dieser
Fragestellung doch bedeuten. Die Falken und die Mähnen befehdeten sich bereits
seit anderthalb Jahrzehnten. Wenn eine der Streitigkeiten unter den
Rashtei bis zu dem jetzt vorhergesagten Ergebnis eskalieren sollte, dann diese.
Angespannt strich der Eremit sich das stoppelige Kinn. Warum musste es
ausgerechnet während seiner Lebzeit so weit kommen? Himmel noch mal! Er
hatte schon weit über sechzig Sommer gesehen. Hätte ihn ein gnädiges Geschick
seine letzten Jahre nicht in Frieden altern lassen können? Dafür sorgen,
dass dieser Krieg erst nach seinem Tod ausbrach? Gemütlich tattrig werden
und dann irgendwann von selbst umkippen, so hatte er sich seine Zukunft vorgestellt.
Besser noch, sich im Schlaf still und schmerzlos davonmachen.
Und nun .
Seine Faust krachte auf die Tischplatte. Der Turm erzitterte, doch er blieb
stehen. Noch ein Fausthieb. Die Muskeln mochten bereits welk werden, aber
wütend, wie er war, haute er zu, dass das Mehl aus den Löchern des Holzwurms
rieselte. Immer wieder.
Krach!
Krach!
Eines der Knöchelchen geriet in Schieflage. Dann ein zweites. Und noch
immer stürzte der Turm nicht in sich zusammen. Entnervt packte der Alte den
Tisch und rüttelte wild daran. Da, endlich, klackerten die Knochen über die
Bretter.
Keuchend rieb er die schmerzende Hand. Sein Herz spielte Fohlen in seiner
Brust, hopsende, unregelmäßige Sprünge.
Geschafft!
In diesem Moment beugte sich Taront, der Schicksalsgott, von hinten über
seine Schulter und räusperte sich. Wenigstens kam es dem Knochenschüttler
so vor. Auf einmal fühlte er sich beobachtet, obwohl seine Hütte fünf Tageswanderungen
von jedem Dorf entfernt lag, und auch abseits aller Routen der
Nomaden. Der nächste Götterschrein war weit. Es half nichts: Der Eindruck,
mit seiner kindischen Tat bei Taront, dem Ersten der himmlischen Fünfe, keinesfalls
durchzukommen, begann an ihm zu nagen.
Bis er es nicht länger aushielt.
Reuig sammelte er die Knochen ein. Wog sie in der Hand. Knallte sie
zurück auf den Tisch und stand auf, um Torf nachzulegen. Das Feuer brauchte
jetzt zwar wirklich neue Nahrung, wenn er hier nicht bald in völliger Tintenschwärze
sitzen wollte. Es lastete auch so schon genug Düsternis auf ihm. Vor
allem aber brauchte er auf diesen Schrecken etwas, das seine Hände beschäftigte
und ihn ablenkte, neben Licht und Wärme.
Ächzend beugte er die Knie bis an die Belastungsgrenze, bis er den obersten
Torfballen im Lager zu fassen bekam. Gierig leckten frische Flammen an
dem überfälligen Nachschub. Der kräftige Geruch des Feuers nahm wieder
zu.
Der Einsiedler schlurfte zu dem einzigen Fenster der Hütte und linste
durch die Ritzen des verschlossenen Ladens. Draußen wütete der Sturm. Die
Nacht war da. Es dauerte eine Weile, bis er die Umrisse von einzelnen Baumstämmen
rings um seine Hütte erkennen konnte. Antworten auf seine drängenden
Fragen fand er zwischen den Tannen keine. Die musste er sich schon
selber geben. Hätte er damals doch nur etwas Gescheites gelernt! Hufschmied
oder so . Etwas Praktisches, Handfestes. Aber nein, es hatten unbedingt die
Knochen sein müssen. Bloß, weil er die Wahrsager als Kind immer so um die
Aufmerksamkeit beneidet hatte, die ihnen vom Volk entgegengebracht wurde,
wenn sie mit raunender Stimme von der Zukunft sprachen.
Der Rachekrieg zwischen den Falken und den Mähnen, den beiden einflussreichsten
Stämmen der Hochebene . Neu entfacht, wie gerade eben das
Feuer . Schlimmer als je zuvor .
Keiner mochte heute mehr beschwören, was genau den Zwist eigentlich
vom Zaun gebrochen hatte. Angeblich war die Tochter des mittlerweile greisen
und kranken Fürsten der Weißen Mähnen vom Sohn des damaligen Anführers
der Hohen Falken geschändet worden. Und das während eines friedlichen
Treffens, während Verhandlungen über gemeinsame Beutezüge.
Stattdessen war es zum Bruderkrieg gekommen.
Was immer im Felsenhort, dem Stammsitz der Falken, damals wirklich geschehen
war: Nicht einmal der Khan hatte die beiden Lager danach noch einmal
an den Verhandlungstisch bringen können. Bereits zu jener Zeit hatte sich
abgezeichnet, dass der Khan im Grunde schon jenseits des Zenits seiner
Macht gewesen war. Dass es mit dem Zusammenhalt unter den Stämmen von
Rash bergab ging und die Große Radnabe nicht mehr rund lief.
Über fünfzehn Jahre war das nun schon her. Noch heute töteten sich die
Falken und die Mähnen mit der gleichen Wut wie früher. Und das Oberhaupt
der Grünen Weite hockte in seiner Stadt im Zentrum der Hochebene und sah
zu.
Heute also der Turm.
Seufzend kehrte der Knochenschüttler Fenster und Sturm den Rücken zu.
Sein Wurfergebnis aber würde sich nicht so leicht ausblenden lassen.
Und wenn doch ein Irrtum vorlag? Wenn es nur ein hässlicher Zufall war,
ohne echte Aussagekraft? Der Einsiedler zählte zu den erfahrensten Wahrsagern
von Rash, hielt sich aber keinesfalls für unfehlbar. Gerade, weil er sich
schon so lange mit den Knochen befasste, wusste er, dass er manchmal auch
falschlag. Nicht alles, was ihm die sehenden Gebeine zeigten, traf auch ein.
Er straffte sich. Vielleicht, ja .
Vielleicht war die Stunde da, einen Kunstgriff anzuwenden, dessen er sich
lange nicht mehr bedient hatte. Unter den älteren Traumdeutern und Auguren
galt er als verpönt, als Zeichen von Schwäche: der zweite Wurf.
Jeder Knochenschüttler, der etwas auf sich hielt, mied ihn. Zu oft angewendet,
litt die Glaubwürdigkeit ihrer ganzen Zunft darunter. Nach dem
Motto: »Der würfelt einfach so lange, bis ihm das Ergebnis schmeckt.« Die
Leute kamen dann seltener mit ihren Fragen. Schlecht für den Ruf, schlecht
fürs Geschäft.
Aber hier, in seiner entlegenen Hütte, gab es schließlich keine Zeugen. Warum
also nicht einen zweiten Versuch wagen? Vielleicht hatten die Götter sich
die Sache in den letzten Augenblicken ja schon wieder anders überlegt?
Der Alte fischte eine Tonflasche aus dem Regal und gönnte sich einen ausgiebigen
Schluck Silberwurzschnaps.
Ah! Lecker!
Erst mal Mut antrinken.
Ein zweiter Wurf, wie ein Anfänger . Sei's drum. Der Ernst der Lage
erforderte ungewöhnliche Mittel, da durfte ihm sein Stolz nicht im Wege stehen.
Es galt, alles zu versuchen, um sich vor den hässlichen Konsequenzen
des Turms zu drücken.
Er nippte noch einmal an der Flasche und krempelte die Ärmel seiner Robe
hoch. Ans Werk! Gleiche Fragestellung, gleiches Gebein.
Er hatte mehrere einsatzbereite Sortimente in seiner Kiste, jeweils aus unterschiedlichen
Tierskeletten zusammengefügt. Die einen schworen auf Marder,
die anderen auf Ratte, wieder andere nahmen nur Vogelknöchelchen in
die Hand. Das Häuflein auf dem Tisch aber war seine Liebste, zuverlässigste
Wahl, gefertigt aus den Knochen einer Kreuzotter.
Während er die Knochen schüttelte, summte er das Lied von Wind, Sonne
und Regen. Das Lied der Büsche und Gräser. Das ewige Lied der Berge und
Wälder. Es war die Melodie, in der alle Geheimnisse des Lebens verborgen
lagen. Wer die richtigen Tonfolgen kannte, der konnte allerlei Wunderdinge
vollbringen. Auch, die Mysterien der Zukunft mithilfe der Knochen zu lüften.
Der Eremit schüttelte und summte diesmal besonders lange. Dabei ließ er
sich wieder und immer wieder die Fragestellung durch den Kopf gehen: Was
hält das Morgen für die Herrschaft des Khans bereit? Wird der Krieg bald
enden? Und falls ja, wie wird er ausgehen? Was hält das Morgen für die Herrschaft
des Khans bereit?
Die Knochen purzelten über den Tisch. Und die Hände des Alten, die nach
dem Wurf noch in der Luft verharrten, begannen zu zittern.
Der Turm.
Schon wieder. Zweimal hintereinander.
Unmöglich!
Wie plötzlich von einem Dämon besessen kam der Knochenschüttler auf
die Füße und taumelte vom Tisch weg. Er stieß mit dem Rücken gegen das
Regal, klammerte sich daran fest und riss dabei Geschirr herunter.
Das . Das konnte einfach nicht wahr sein! Manche seiner Zunft warfen
die Knochen ein Leben lang, ohne den Turm dabei auch nur ein einziges Mal
zu sehen. Und nun gleich zweimal in Folge!
Damit bestätigten sich die schlechten Aussichten auf allerbrutalste Art und
Weise. Der Konflikt zwischen den Hohen Falken und den Weißen Mähnen
würde nicht nur weitergehen, er würde ausufern. Der Khan würde gestürzt
werden. Und im Anschluss würde sich die kopflose Meute der neun Stämme
selbst zerfleischen.
Taront, der Schicksalsgott, wollte es so. Und wenn er, der in der Mitte der
Fünfe saß, entschieden hatte, dann gab es kein Aufbegehren, kein Zurück.
Wo war der Schnaps? Jetzt brauchte der Alte ihn mehr denn je!
Keuchend setzte er die Flasche an. Feuer, das in seinen Magen schoss und
durch seine Adern raste. Er musste husten, schüttelte sich und stierte auf den
Tisch, wo sich die Knöchelchen türmten und ihn zu verhöhnen schienen.
Diese Scheußlichkeit, diese schräge Laune des Kosmos!
Seine Augen wässerten. Er rieb sich das Gesicht und versuchte, sich zu
sammeln. Seine Hütte stand noch. Der Wald stand auch noch. Der Weltuntergang
würde kommen, so viel wusste er nun. Doch er würde kaum auf einen
Schlag da sein. Noch blieb etwas Zeit, um zu reagieren und die richtigen Leute
zu warnen. Zeit, zumindest einige zur Vernunft zu bringen und vielleicht wenigstens
einen Teil ihres Volkes zu retten. Zeit vor allem auch, um den eigenen,
faltigen Arsch in Deckung zu bringen.
Er musste sofort mit seinesgleichen reden. Zuallererst mit Vlast, seinem
besten Freund. Vlast galt als wunderlich, aber das war er selbst schließlich
auch. Allen Knochenschüttlern sagte man nach, etwas wirr im Kopf zu sein.
Der Alte überzeugte sich davon, dass Tür und Fensterladen gut verschlossen
waren. Bei der Art von Austausch, die er nun vorhatte, würde er während
des Gesprächs nicht mitbekommen, was um ihn herum geschah. Einen hungrigen
Bären oder Wolf, der sich ausgerechnet dann zu seiner Hütte verirrte,
angelockt von den Vorräten, konnte er dabei nicht brauchen, sonst würde das
womöglich sein letztes Gespräch werden.
Fahrig suchte er in dem ramponierten Regal nach dem richtigen Kräutertopf,
fand ihn und streute etwas von dem Inhalt ins Feuer. Es knisterte, während
ein harziger Duft sich in der Stube ausbreitete. Der Alte verneigte sich
knapp gen allen vier Himmelsrichtungen, kramte einen zweiten Topf aus dem
Regal - den mit den Pilzen - und legte sich ein getrocknetes Exemplar daraus
auf die Zunge. Es schmeckte bitter und kaute sich zäh und ledrig. Schnaufend
und schwitzend kroch er auf seine Pritsche, streckte sich aus und zerkaute den
Pilz.
Bitter wie das Leben.
Zäh wie die Tage in Einsamkeit.
Entspannen. Er musste sich entspannen, musste seine Mitte finden. Normalerweise
war das für ihn kein Problem. Nach dem Schock des doppelten
Turms jedoch sah das anders aus. Er zählte seine Atemzüge, spürte hin, wie
sich Brust und Bauchdecke hoben und senkten und schluckte die weichgekaute,
wabbelige Masse in seinem Mund herunter.
Atmen! Atmen! Fünf. Sechs. Sieben. Acht .
Vlast würde Rat wissen. Vlast wusste immer Rat, wenn alle anderen Tabaksaft
rotzenden Druiden, Schamanen, Hexen und Sterndeuter schon an den
Verflechtungen des Schicksals verzweifelten und Knochen, Ziegenblut und
Tiergedärme frustriert in die Ecke pfefferten. Vlast war derjenige, zu dem die
Weisen kamen, wenn sie mit ihrer Weisheit am Ende waren.
Atmen! Zwölf. Dreizehn. Vierzehn .
Hoffentlich gelang es ihm trotz des Schreckens, sich in die nötige Ruhe für
das Gespräch zu versenken. Der Einsiedler wollte nicht den Eindruck eines
völlig aufgelösten Kindes machen, wenn die Verbindung erst einmal stand. Er
war der Überbringer denkbar schlechter Kunde. Da ziemte es sich nicht, gleich
einem aufgeregten Bengel mit der Tür ins Haus zu fallen.
Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Vierundzwanzig.
Jenseits der Fünfzig entglitten ihm allmählich die Ziffern und auch seine
Gedanken. Der Alte wechselte in eine besondere Form des Schlafs hinüber,
bei denen er die Augen nur halb geschlossen hielt. Eine Trance, die der Pilz
regierte.
Wohlige Schwärze umfing ihn nun, eine sehende Schwärze. In der Dunkelheit
lag Erkenntnis, das war schon immer so gewesen. Die meisten Menschen
waren bloß zu furchtsam, um hinter ihren Schleier zu schauen.
»Vlast? Vlast Dungschaufler! Bist du da? Hörst du mich?«
Uh. Die Pilze waren alt, hatten aber während des langen Lagerns nichts
von ihrer sanften Kraft verloren. Er fühlte sich etwas säuselig. Bunte Lichtpunkte
drängten sich vor sein inneres Auge und versuchten, ihm den Fokus
aufs Wesentliche zu nehmen. Rasche Bildfolgen attackierten seine Konzentration.
Köstliches Essen. Silberwurzschnaps, ein ganzer, großer Pokal voll. Eine
nackte Schöne, die auf einem Hirsch ritt und ihn einlud, aufzusitzen und sich
an ihr festzuhalten .
Entschlossen wischte er die Trugbilder fort, immer wieder.
»Vlast! Hörst du mich? Bist du da?«
Die Reise im Halbschlaf zog sich.
Was, wenn der Fähigste unter allen Knochenschüttlern der Rashtei nicht
mehr unter ihnen weilte? Vlast war schließlich auch nicht mehr der Jüngste.
Wenn die Götter ihn zu sich geholt hatten . ihn, der öfter mit den Fünfen
gesprochen hatte als jeder sonst? Für Taront und die anderen vier Götter da
oben würde es dann sein wie der Besuch eines alten Bekannten. Für die auf
Erden Zurückgebliebenen aber wäre Vlasts Tod ein Desaster, wenigstens für
die Gemeinschaft der Knochenschüttler. Nicht ausgerechnet jetzt! Nicht jetzt,
wo sie den Besten unter ihnen so dringend brauchten!
»Vlast?!«
Dann, rau und übernächtigt wie nach einem Weingelage, kam endlich eine
Antwort aus der Dunkelheit: »Ygor? Ygor, der Eremit?«
Erleichterung flutete den Alten.
»Ja. Ich bin's.«
Vlasts Stimme klang missmutig in Ygors Kopf. »Herrje, mein Freund! Hat
dir ein Bär ins Hirn geschissen? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«
»Tut mir leid. Aber ich . Es ist nur . Vlast, ich hab die Knochen geworfen!«
Ygor wusste: Wäre Vlast jetzt hier bei ihm in der Hütte gewesen, so hätte
der andere ihn wütend angefunkelt. »Du hast die Knochen geworfen. Schön.
Ja und? Machen wir das nicht immer?«
»Vlast! Der Turm! Der Turm, Vlast! Zweimal direkt hintereinander! Auf
die Frage, wie es mit der Herrschaft des Khans weitergeht.«
Am anderen Ende breitete sich Stille aus.
»Vlast? Bist du noch da?«
»Ja. Das passt ins Gesamtbild, würd ich mal sagen.«
Diese Antwort war nicht gerade dazu geeignet, Ygor zu beruhigen. »Wieso?
Was meinst du damit?«
»Na ja, du bist nicht der Einzige, der fleißig war. Ich hab heute Morgen im
Dung gepult. Wie du weißt, ist der Dung eine ausgezeichnete Alternative für
die Knochen. Im Gegensatz zu diesen ist Dung weich und formbar und .«
»Ja, ja. Und? Was hast du gesehen?«
»Nun .« Vlast schien nach den richtigen Worten zu suchen, ehe er sich
für den direkten Weg entschied. »Die Ahngeister von Rash, sie . sie kehren
zurück.«