Jagd auf Roter Oktober
Roman
Tom Clancy(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 26. March 2008
Book
Paperback/Softback
496 pages
978-3-453-72178-4 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
50 Jahre Heyne-Taschenbücher
Der Roman, der Tom Clancy mit einem Schlag weltberühmt gemacht hat! Ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel in den Tiefen des Meeres. Eine Hetzjagd in der grenzenlosen Unterwasserwelt des Atlantik. Nach diesem Buch kann Tom Clancy mit Recht von sich behaupten, er sei der wahre Erfinder des Techno-Thrillers.
Der Roman, der Tom Clancy mit einem Schlag weltberühmt gemacht hat! Ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel in den Tiefen des Meeres. Eine Hetzjagd in der grenzenlosen Unterwasserwelt des Atlantik. Nach diesem Buch kann Tom Clancy mit Recht von sich behaupten, er sei der wahre Erfinder des Techno-Thrillers.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-453-72178-4 (9783453721784)
Schweitzer Classification
Other editions
New editions

Persons
Tom Clancy, geboren 1948, arbeitete lange Jahre als Versicherungsagent. Eine Meuterei auf einem sowjetischen Zerstörer regte Clancy dazu an, seinen ersten Thriller, "Jagd auf Roter Oktober" zu schreiben. Das Buch wurde auf Anhieb ein internationaler Erfol
Content
Erster Tag
Freitag, 3. Dezember
Roter Oktober
Kapitän Ersten Ranges Marko Alexandrowitsch Ramius von der Sowjetmarine war entsprechend den arktischen Witterungsverhältnissen gekleidet, die bei dem U-Boot-Stützpunkt Polyarniji der Nordflotte normalerweise herrschten:Er steckte unter fünf Schichten Wolle und Ölzeug. Ein schmutziger Hafenschlepper bugsierte den Bug seines Unterseebootes nordwärts, in Richtung Kanal. Das Trockendock, in dem sein Roter Oktober zwei endlose Monatelang gelegen hatte, war nun ein gefluteter Betonkasten, einer der vielen, die eigens gebaut worden waren, um strategische Raketen-U-Boote vor den Elementen zu schützen. Am Dockrand sah eine Ansammlung von Matrosen und Werftarbeitern dem Auslaufen seines Bootes teilnahmslos zu.
'Langsam voraus, Kamarow', befahl er. Der Schlepper glitt aus dem Weg, und Ramius warf einen Blick zum Heck, wo die beiden Bronzeschrauben das Wasser aufwühlten. Der Kapitän des Schleppers winkte. Ramius erwiderte den Gruß. Roter Oktober, ein Boot der Typhoon-Klasse, lief nun mit eigener Kraft auf den Hauptschifffahrtskanal des Kola-Fiords zu.
'Dort ist die Purga, Genosse Kapitän.' Gregorij Kamarow wies auf den Eisbrecher, der sie hinaus aufs offene Meer begleiten sollte. Ramius nickte. Die zweistündige Kanaldurchfahrt würde nicht seine Seemannschaft, wohl aber seine Geduld auf die Probe stellen. Ein kalter Nordwind wehte. Der Spätherbst war erstaunlich mild gewesen, es hatte kaum geschneit, aber vor einer Woche war ein großer Wintersturm über die Murmansk-Küste hinweggefegt und hatte Brocken vom Packeis gerissen. Der Eisbrecher war keine Formsache. Die Purga sollte Eisberge, die über Nacht in den Kanal getrieben sein konnten, beiseite schieben.
Das Wasser im Fjord war kabbelig, getrieben von der steifen Brise. Es begann nun, über den runden Bug von Oktober zu schwappen und rollte dann über das flache Raketendeck vor dem hohen schwarzen Turm. Auf der Oberfläche trieb Öl aus dem Bilgenwasser zahlloser Schiffe, das bei den niedrigen Temperaturen nicht verdunsten konnte und am Fjordufer einen schwarzen Rand bildete.
'Fahrt auf ein Drittel steigern', sagte Ramius. Kamarow wiederholte den Befehl am Brückentelefon. Das Wasser wallte heftiger auf, als Roter Oktober sich hinter die Purga setzte. Kapitänleutnant Kamarow, der Navigationsoffizier, hatte bisher als Lotse für die großen Kriegsschiffe gedient, die beidseits des breiten Sunds stationiert waren. Die beiden Offiziere behielten den dreihundert Meter vor ihnen laufenden bewaffneten Eisbrecher scharf im Auge. Auf dem Achterdeck der Purga stampfte eine Hand voll Besatzungsmitglieder in der Kälte herum, die Zeuge der ersten Dienstfahrt von Roter Oktober werden wollten.
'Und so, Genosse Kapitän, stechen wir aufs Neue in See, um dem Vaterland zu dienen und es zu schützen!' Kapitän Zweiten Ranges Iwan Jurijewitsch Putin steckte den Kopf durch die Luke - wie üblich, ohne um Genehmigung gebeten zu haben - und kletterte unbeholfen wie eine Landratte die Leiter hinauf. Indem winzigen Ausguck war es auch ohne ihn schon eng genug. Putin war der Politoffizier des Schiffes.
'So ist's, Iwan Jurijewitsch', erwiderte Ramius mit gezwungener Heiterkeit. 'Zwei Wochen auf See. Tut wohl, aus dem Dock rauszukommen. Ein Seemann gehört aufs Meer und nicht in den Hafen, wo Bürokraten und Arbeiter mit schmutzigen Stiefeln auf ihm herumtrampeln. Und warm bekommen wir's auch.'
'Finden Sie es denn kalt?', fragte Putin ungläubig.
Zum hundertsten Male sagte sich Ramius, dass Putin der perfekte Politoffizier war: Stimme zu laut, Humor zu gekünstelt. Nie ließ er einen vergessen, wer er war. Und als perfekter Politoffizier war er ein gefürchteter Mann.
'Ich fahre schon solange auf U-Booten, mein Freund, dass ich mich an gemäßigte Temperaturen und ein ruhiges Deck unter den Füßen gewöhnt habe.' Putin merkte die versteckte Beleidigung nicht. Zu den U-Booten war er versetzt worden, nachdem seine Dienstzeit bei den Zerstörern wegen chronischer Seekrankheit ein verfrühtes Ende gefunden hatte - und vielleicht auch, weil ihn die Enge in den Booten, die andere Männer nur schwer ertragen konnten, nicht störte.
'Ah, Marko Alexandrowitsch, in Gorki blühen an einem Tag wie heute die Blumen!'
'Und was für Blumen wären das, Genosse Politoffizier?' Ramius suchte durchs Fernglas den Fjord ab. Jetzt, um die Mittagszeit, stand die Sonne nur knapp überm Südosthorizont und warf oranges Licht und lila Schatten auf die Fjordwände.
'Eisblumen natürlich', versetzte Putin und lachte laut. 'An einem Tag wie heute haben die Frauen und Kinder rosa Gesichter, und der Wodka schmeckt besonders gut. So schön ist's nur in Gorki!'
Es war ungewöhnlich, dass ein Nichtrusse an Bord eines Schiffes der Roten Marine eine Funktion hatte oder es gar kommandierte. Markos Vater, Alexander Ramius, war ein Parteiheld gewesen, ein glühend überzeugter Kommunist, der Stalin treu gedient hatte. Als die Sowjets Litauen 1940 erstmals besetzten, hatte Ramius senior entscheidend beim Zusammentreiben von Abweichlern, Ladenbesitzern, Priestern und anderen, die dem neuen Regime im Wege standen, mitgewirkt. Alle wurden verschleppt und über ihr Schicksal kann heutzutage selbst Moskau nur Vermutungen anstellen. Ein Jahr später, nach dem deutschen Einfall, kämpfte Alexander heldenhaft als politischer Kommissar und zeichnete sich später bei der Schlacht um Leningrad aus. 1944 kehrte er mit dem Stoßkeil der Elften Gardearmee in seine Heimat zurück, um blutige Rache an tatsächlichen oder angeblichen Kollaborateuren zu nehmen. Alexander Ramius war ein Held der Sowjetunion gewesen - und Marko schämte sich seiner. Die endlose Belagerung von Leningrad hatte die Gesundheit seiner Mutter ruiniert, sodass sie seine Geburt nicht überlebte. Marko wuchs bei seiner Großmutter in Litauen auf, während sein Vater im Zentralkomitee der Partei herumstolzierte und auf Beförderung und Versetzung nach Moskau wartete. Die bekam er auch und war Kandidat des Politbüros, als ein Herzschlag seiner Karriere ein Ende setzte.
Markos Scham hatte allerdings ihre Grenzen. Immerhin hatte die Berühmtheit seines Vaters ihm Gelegenheit gegeben, sein gegenwärtiges Ziel ins Auge zu fassen. Marko plante, persönlich an der Sowjetunion Rache zu nehmen; und zwar gründlich, um auch Vergeltung für jene Zahllosen zu üben, die vor seiner Geburt ermordet worden waren.
'Wo wir hinfahren, Iwan Jurijewitsch, wird's noch kälter sein.'
Putin schlug seinem Kapitän auf die Schulter. War seine Freundschaft echt oder gespielt? Vermutlich echt, sagte sich Ramius; dieser laute Ochse schien doch ein paar menschliche Seiten zu haben.
'Wie kommt es eigentlich, Genosse Kapitän, dass es Sie immer so freut, in See zu stechen und die Heimat zurückzulassen?'
Ramius lächelte hinter seinem Fernglas. 'Ein Seemann hat ein Vaterland, Iwan Jurijewitsch, aber zwei Frauen. Das werden Sie nie verstehen. Ich bin nun unterwegs zu meiner zweiten Frau, der kalten, herzlosen See, der meine Seele gehört.' Ramius schwieg. Sein Lächeln verschwand. 'Sie ist jetzt meine einzige Frau.'
Putin blieb zur Abwechslung einmal still. Der Politoffizier war bei der Einäscherung gewesen und hatte echte Tränen geweint, als der Sarg ins Krematorium gerollt war. Für Putin war Natalia Bogdanowa Ramius' Tod ein Trauerfall gewesen, der Akt eines gleichgültigen Gottes, dessen Existenz er ansonsten hartnäckig leugnete. Für Ramius war er ein Verbrechen gewesen, begangen vom Staat.
Ein überflüssiges, monströses Verbrechen, das bestraft werden musste.
'Eis!', meldete der Ausguck.
'Loses Packeis an Steuerbord, vielleicht vom Ostgletscher gekalbt. Passieren wir', sagte Kamarow.
'Käpt'n!', klang es metallisch aus dem Brückenlautsprecher. 'Nachricht vom Flottenhauptquartier.'
'Bitte verlesen.'
'Übungsgebiet klar. Keine Feindschiffe in der Nähe. Entsprechend Order verfahren. Gezeichnet: Korow, Flottenkommandant.'
'Verstanden', sagte Ramius. Es klickte im Lautsprecher. 'Also keine Amerikanski in der Nähe?'
'Glauben Sie dem Flottenkommandanten nicht?', fragte Putin.
'Ich hoffe, dass er sich nicht irrt', erwiderte Ramius aufrichtiger, als seinem Politoffizier lieb war. 'Vergessen Sie die Geheimdienstinformationen bei der Einsatzbesprechung nicht.'
Putin trat von einem Fuß auf den anderen. Vielleicht spürte er die Kälte.
'Es geht um die amerikanischen U-Boote der 688- oder Los-Angeles-Klasse. Wissen Sie noch, was einer ihrer Offiziere unserem Spion über sie erzählte? Sie können sich an einen Wal heranmachen und ihn vögeln, ehe er etwas merkt.' Der Kapitän grunzte erheitert. 'Vor den Los-Angeles-Booten der Amerikaner und den Trafalgars der Briten müssen wir uns in Acht nehmen. Die sind eine Bedrohung.'
'Die Amerikaner mögen gute Ingenieure haben, Genosse Kapitän', meinte Putin, 'aber unsere Technologie ist besser.'
Ramius nickte versonnen. Politoffiziere sollten eigentlich etwas von den Schiffen verstehen, die sie überwachten, so wie es die Parteidoktrin vorschrieb.
'Wie ich bei der Politischen Hauptverwaltung sagte', sprach Putin und schlug Ramius erneut auf die Schulter, 'ist Roter Oktober in den besten Händen!'
Du Schwein! Dachte der Kapitän, prahlst vor meinen Männern, dass du über meine Tauglichkeit befindest! Ein Mann, dem man kein Schlauchboot in der Flaute anvertrauen würde! Schade, dass du keine Gelegenheit bekommen wirst, diese Worte zu bereuen, Genosse Politoffizier, und wegen einer Fehlentscheidung den Rest deines Lebens im Gulag verbringen musst. Das wäre es fast wert, dich am Leben zu lassen.
Die nächste Stunde verging rasch. Die See ging höher, als sie sich dem offenen Meer näherten, und ihr Eisbrecher begann, sich in der Dünung zu wälzen. Ramius besah sich das Schiff mit Interesse. Er hatte seine gesamte Dienstzeit auf Unterseebooten verbracht und war noch nie auf einem Eisbrecher gewesen. U-Boote hatten mehr Annehmlichkeiten, waren aber gefährlicher. An Gefahren war er jedoch gewöhnt, und seine langjährige Erfahrung kam ihm jetzt zustatten.
'Boje in Sicht, Käpt'n.' Kamarow wies auf eine rot beleuchtete Boje, die auf den Wellen tanzte.
'Kontrollraum, bitte Lotung', fragte Ramius übers Brückentelefon.
'Hundert Meter unterm Kiel, Käpt'n.'
'Fahrt auf zwei Drittel steigern, zehn Grad nach Backbord.' Ramius sah Kamarow an. 'Signalisieren Sie der Purga unsere Kursänderung.'
Kamarow griff nach der kleinen Signallampe, die unter der Brückenkimming verstaut war. Roter Oktober, ein 30 000 Tonnen großer Koloss, begann langsam Fahrt aufzunehmen. Allmählich wuchs die Bugwelle zu einem drei Meter hohen Wasserbogen an; Brecher rollten übers Raketendeck und wurden vom Turm zerteilt. Die Purga änderte ihren Kurs nach Steuerbord und ließ das U-Boot vorbeiziehen.
Ramius schaute zu den Steilhängen des Kola-Fjords hinüber. Vor Urzeiten hatte ihnen der unbarmherzige Druck der Gletscher ihre Form gegeben. Wie oft während seiner zwanzigjährigen Dienstzeit in der Nordflotte 'Rotes Banner' hatte er diese weite, offene U-Form gesehen?
Nun ruhte sein Blick zum letzten Mal auf ihr. Was auch geschah, für ihn gab es keine Rückkehr. Wie würde es ausgehen? Ramius gestand sich, dass ihn das wenig scherte. Es gab kein Zurück. Er hatte einen Brief in den letzten Postsack geworfen, der vorm Auslaufen von Bord gegangen war.
'Kamarow, signalisieren Sie an Purga: Tauchen um-', er sah auf die Uhr, '13 Uhr 20. Übung Oktoberfrost beginnt planmäßig. Wir geben Sie für Ihre anderen Pflichten frei. Wir kehren planmäßig zurück.'
Kamarow blinkte den Spruch hinüber. Die Purga antwortete sofort, und Ramius entzifferte die Lichtsignale ohne fremde Hilfe: 'Wenn euch die Wale nicht fressen! Viel Glück Roter Oktober!'
Ramius griff nach dem Hörer, drückte den Knopf für den Funkraum und ließ den Spruch ans Flottenhauptquartier in Seweromorsk senden. Dann setzte er sich mit dem Kontrollraum in Verbindung.
'Lotung?'
'Einhundertvierzig Meter, Käpt'n.' 'Fertigmachen zum Tauchen.' Er befahl den Ausguck unter Deck.
'Brücke klar. Übernehmen Sie, wenn Sie unten sind, Gregorij.' Kamarow nickte und verschwand in der Luke.
Ramius, nun allein, suchte noch einmal sorgfältig den Horizont ab. Achtern war die Sonne kaum noch sichtbar, der Himmel bleiern, die See schwarz, abgesehen von den Wellenkämmen. Ist das mein Abschied von der Welt? Fragte er sich. Falls ja, hätte er eine heiterere Szenerie vorgezogen.
Ehe er nach unten glitt, inspizierte er die Dichtung der Luke, zog sie mit einer Kette zu und stellte sicher, dass der automatische Mechanismus richtig funktionierte. Anschließend kletterte er im Turm acht Meter tief hinunter zum Druckkörper und dann weitere zwei zum Kontrollraum. Ein Mitschman (Decksoffizier) schloss die zweite Luke und drehte mit kräftigem Schwung das Verschlussrad bis zum Anschlag.
'Gregorij?', fragte Ramius.
'Alles klar', sagte der Navigator knapp und wies auf das Taucharmaturenbrett. Alle den Druckkörper betreffenden Kontrolllampen leuchteten grün. 'Alle Systeme justiert und tauchbereit. Druckausgleich eingeleitet. Wir sind bereit zum Tauchen.'
Der Kapitän inspizierte selbst noch einmal alle mechanischen, elektrischen und hydraulischen Instrumente. Auf sein Nicken hin betätigte der Mitschman vom Dienst die Tauchventile.
'Tauchen', befahl Ramius und trat ans Periskop, um Wassilij Borodin, seinen Starpom (Ersten Offizier), abzulösen. Kamarow löste den Tauchalarm aus, und ein lautes Summen hallte durch den Bootsrumpf.
'Hauptballasttanks fluten. Tiefenruder anstellen, zehn Grad abwärts.' Kamarow gab seine Befehle mit wachen Augen und überzeugte sich davon, dass jedes Besatzungsmitglied seine Aufgabe genau erledigte. Ramius lauschte aufmerksam, schaute aber nicht hin. Kamarow war der beste junge Seemann, den er je kommandiert hatte. Er vertraute ihm.
Roter Oktobers Rumpf wurde vom Geräusch ausströmender Luft erfüllt, als Ventile an der Oberseite der Ballasttanks geöffnet wurden und Wasser, das von unten einströmte, die Auftrieb verleihende Luft verdrängte. Das war ein langwieriger Prozess, da das U-Boot über viele solcher Tanks verfügte, jeder in zahlreiche Zellen aufgeteilt. Ramius verstellte den Winkel des Periskopobjektivs und sah, wie sich das schwarze Wasser kurz in Schaum verwandelte.
Roter Oktober war das größte und beste Boot, das Ramius je befehligt hatte, aber es hatte einen entscheidenden Nachteil. Es hatte starke Maschinen und ein neuartiges Antriebssystem, das, wie er hoffte, amerikanische und sowjetische U-Boote verwirren würde, aber es war so groß, dass es sich unter Wasser verhielt wie ein waidwunder Wal: langsam beim Auftauchen, noch langsamer beim Abtauchen.
'Periskop einziehen.' Ramius trat nach einer scheinbar langen Pause von dem Instrument weg.
'Vierzig Meter', meldete Kamarow.
'Bei hundert Meter abfangen.' Ramius besah sich nun seine Mannschaft. Beim ersten Tauchen konnten erfahrene Männer ins Zittern geraten, und die Hälfte seiner Crew setzte sich aus jungen Bauern zusammen, frisch vom Ausbildungslager. Der Rumpf knackte und knirschte unter dem Wasserdruck. Daran musste man sich gewöhnen. Unter den Männern wurden einige blass, blieben aber stocksteif stehen.
Kamarow begann die Prozedur des Abfangens in der gewünschten Tiefe. Ramius sah mit väterlichem Stolz zu, wie der Kapitänleutnant präzise die erforderlichen Befehle gab. Er war der erste Offizier, den Ramius rekrutiert hatte. Die Männer im Kontrollraum führten seine Anweisungen zackig aus. Fünf Minuten später verlangsamte das U-Boot bei neunzig Metern seine Sinkgeschwindigkeit und pendelte sich dann bei hundert Metern ein.
'Gut gemacht, Kapitänleutnant. Sie führen das Boot. Lassen Sie die Sonar-Männer an allen passiven Systemen lauschen.' Ramius schickte sich an, den Kontrollraum zu verlassen, und bedeutete Putin mit einer Geste, ihm zu folgen.
Und so begann es.
Ramius und Putin gingen nach achtern zur Messe des U-Boots. Der Kapitän hielt dem Politoffizier die Tür auf und schloss sie dann hinter sich ab. Die vor der Kombüse und hinter den Offizierskabinen gelegene Messe war für U-Boot-Verhältnisse recht geräumig. Ihre Wände waren schalldicht, und ihre Tür hatte ein Schloss, weil die Konstrukteure berücksichtigt hatten, dass nicht alles, was Offiziere reden, für die Ohren der Mannschaft bestimmt ist. Sie war so groß, dass alle Offiziere von Oktober gemeinsam essen konnten - obwohl das nie vorkam, da drei immer Dienst hatten. Der Safe mit den Befehlen für das Boot stand hier und nicht in der Kommandantenkajüte, wo ein Mann die Einsamkeit nutzen und versuchen konnte, ihn allein zu öffnen. Er hatte zwei Skalen. Ramius kannte eine Kombination, Putin die andere, was eigentlich überflüssig war, da Putin zweifellos wusste, wie die Befehle lauteten. Auch Ramius war informiert, aber nicht in allen Einzelheiten.
Putin schenkte Tee ein, als der Kapitän seine Armbanduhr mit dem Chronometer am Schott verglich. In fünfzehn Minuten konnte er den Panzerschrank öffnen.
'Zwei Wochen lang eingesperrt', bemerkte der Politoffizier und rührte seinen Tee um.
'Die Amerikaner bleiben zwei Monate lang auf See, Iwan. Aber ihre Boote sind natürlich komfortabler.' Die Mannschaftsunterkünfte von Oktober waren trotz der gewaltigen Größe des Bootes recht spartanisch. Fünfzehn Offiziere waren achtern in recht ordentlichen Kajüten untergebracht, aber die hundert Seeleute mussten in Klappkojen schlafen, die überall im Bug vor den Raketensilos in Ecken und Winkel gezwängt waren. Oktobers Größe täuschte. Das Innere des Doppelrumpfs war mit Raketen, Torpedos, einem Kernreaktor und seinen Zusatzaggregaten, einem riesigen Diesel als Hilfsmaschine und einer Menge von Nickel-Kadmium-Batterien voll gestopft, letztere außerhalb des Druckkörpers und zehnmal so groß wie auf vergleichbaren amerikanischen Booten. Trotz weitgehender Automation, die es zum modernsten Schiff der sowjetischen Marine machte, war seine Bedienung und Wartung eine Riesenaufgabe für eine so kleine Mannschaft. Die Hälfte seiner Mannschaft bestand aus Wehrpflichtigen auf ihrer ersten Einsatzfahrt und selbst die erfahreneren Leute wussten herzlich wenig. Anders als bei westlichen Kriegsmarinen bildeten nicht die Glawniji Starschini (Bootsmänner), sondern die elf Mitschmani (Decksoffiziere) das Rückgrat der Mannschaft. Jeder Einzelne war darauf gedrillt, genau das zu tun, was die Offiziere befahlen. Und die Offiziere hatte Ramius selbst ausgewählt.
Freitag, 3. Dezember
Roter Oktober
Kapitän Ersten Ranges Marko Alexandrowitsch Ramius von der Sowjetmarine war entsprechend den arktischen Witterungsverhältnissen gekleidet, die bei dem U-Boot-Stützpunkt Polyarniji der Nordflotte normalerweise herrschten:Er steckte unter fünf Schichten Wolle und Ölzeug. Ein schmutziger Hafenschlepper bugsierte den Bug seines Unterseebootes nordwärts, in Richtung Kanal. Das Trockendock, in dem sein Roter Oktober zwei endlose Monatelang gelegen hatte, war nun ein gefluteter Betonkasten, einer der vielen, die eigens gebaut worden waren, um strategische Raketen-U-Boote vor den Elementen zu schützen. Am Dockrand sah eine Ansammlung von Matrosen und Werftarbeitern dem Auslaufen seines Bootes teilnahmslos zu.
'Langsam voraus, Kamarow', befahl er. Der Schlepper glitt aus dem Weg, und Ramius warf einen Blick zum Heck, wo die beiden Bronzeschrauben das Wasser aufwühlten. Der Kapitän des Schleppers winkte. Ramius erwiderte den Gruß. Roter Oktober, ein Boot der Typhoon-Klasse, lief nun mit eigener Kraft auf den Hauptschifffahrtskanal des Kola-Fiords zu.
'Dort ist die Purga, Genosse Kapitän.' Gregorij Kamarow wies auf den Eisbrecher, der sie hinaus aufs offene Meer begleiten sollte. Ramius nickte. Die zweistündige Kanaldurchfahrt würde nicht seine Seemannschaft, wohl aber seine Geduld auf die Probe stellen. Ein kalter Nordwind wehte. Der Spätherbst war erstaunlich mild gewesen, es hatte kaum geschneit, aber vor einer Woche war ein großer Wintersturm über die Murmansk-Küste hinweggefegt und hatte Brocken vom Packeis gerissen. Der Eisbrecher war keine Formsache. Die Purga sollte Eisberge, die über Nacht in den Kanal getrieben sein konnten, beiseite schieben.
Das Wasser im Fjord war kabbelig, getrieben von der steifen Brise. Es begann nun, über den runden Bug von Oktober zu schwappen und rollte dann über das flache Raketendeck vor dem hohen schwarzen Turm. Auf der Oberfläche trieb Öl aus dem Bilgenwasser zahlloser Schiffe, das bei den niedrigen Temperaturen nicht verdunsten konnte und am Fjordufer einen schwarzen Rand bildete.
'Fahrt auf ein Drittel steigern', sagte Ramius. Kamarow wiederholte den Befehl am Brückentelefon. Das Wasser wallte heftiger auf, als Roter Oktober sich hinter die Purga setzte. Kapitänleutnant Kamarow, der Navigationsoffizier, hatte bisher als Lotse für die großen Kriegsschiffe gedient, die beidseits des breiten Sunds stationiert waren. Die beiden Offiziere behielten den dreihundert Meter vor ihnen laufenden bewaffneten Eisbrecher scharf im Auge. Auf dem Achterdeck der Purga stampfte eine Hand voll Besatzungsmitglieder in der Kälte herum, die Zeuge der ersten Dienstfahrt von Roter Oktober werden wollten.
'Und so, Genosse Kapitän, stechen wir aufs Neue in See, um dem Vaterland zu dienen und es zu schützen!' Kapitän Zweiten Ranges Iwan Jurijewitsch Putin steckte den Kopf durch die Luke - wie üblich, ohne um Genehmigung gebeten zu haben - und kletterte unbeholfen wie eine Landratte die Leiter hinauf. Indem winzigen Ausguck war es auch ohne ihn schon eng genug. Putin war der Politoffizier des Schiffes.
'So ist's, Iwan Jurijewitsch', erwiderte Ramius mit gezwungener Heiterkeit. 'Zwei Wochen auf See. Tut wohl, aus dem Dock rauszukommen. Ein Seemann gehört aufs Meer und nicht in den Hafen, wo Bürokraten und Arbeiter mit schmutzigen Stiefeln auf ihm herumtrampeln. Und warm bekommen wir's auch.'
'Finden Sie es denn kalt?', fragte Putin ungläubig.
Zum hundertsten Male sagte sich Ramius, dass Putin der perfekte Politoffizier war: Stimme zu laut, Humor zu gekünstelt. Nie ließ er einen vergessen, wer er war. Und als perfekter Politoffizier war er ein gefürchteter Mann.
'Ich fahre schon solange auf U-Booten, mein Freund, dass ich mich an gemäßigte Temperaturen und ein ruhiges Deck unter den Füßen gewöhnt habe.' Putin merkte die versteckte Beleidigung nicht. Zu den U-Booten war er versetzt worden, nachdem seine Dienstzeit bei den Zerstörern wegen chronischer Seekrankheit ein verfrühtes Ende gefunden hatte - und vielleicht auch, weil ihn die Enge in den Booten, die andere Männer nur schwer ertragen konnten, nicht störte.
'Ah, Marko Alexandrowitsch, in Gorki blühen an einem Tag wie heute die Blumen!'
'Und was für Blumen wären das, Genosse Politoffizier?' Ramius suchte durchs Fernglas den Fjord ab. Jetzt, um die Mittagszeit, stand die Sonne nur knapp überm Südosthorizont und warf oranges Licht und lila Schatten auf die Fjordwände.
'Eisblumen natürlich', versetzte Putin und lachte laut. 'An einem Tag wie heute haben die Frauen und Kinder rosa Gesichter, und der Wodka schmeckt besonders gut. So schön ist's nur in Gorki!'
Es war ungewöhnlich, dass ein Nichtrusse an Bord eines Schiffes der Roten Marine eine Funktion hatte oder es gar kommandierte. Markos Vater, Alexander Ramius, war ein Parteiheld gewesen, ein glühend überzeugter Kommunist, der Stalin treu gedient hatte. Als die Sowjets Litauen 1940 erstmals besetzten, hatte Ramius senior entscheidend beim Zusammentreiben von Abweichlern, Ladenbesitzern, Priestern und anderen, die dem neuen Regime im Wege standen, mitgewirkt. Alle wurden verschleppt und über ihr Schicksal kann heutzutage selbst Moskau nur Vermutungen anstellen. Ein Jahr später, nach dem deutschen Einfall, kämpfte Alexander heldenhaft als politischer Kommissar und zeichnete sich später bei der Schlacht um Leningrad aus. 1944 kehrte er mit dem Stoßkeil der Elften Gardearmee in seine Heimat zurück, um blutige Rache an tatsächlichen oder angeblichen Kollaborateuren zu nehmen. Alexander Ramius war ein Held der Sowjetunion gewesen - und Marko schämte sich seiner. Die endlose Belagerung von Leningrad hatte die Gesundheit seiner Mutter ruiniert, sodass sie seine Geburt nicht überlebte. Marko wuchs bei seiner Großmutter in Litauen auf, während sein Vater im Zentralkomitee der Partei herumstolzierte und auf Beförderung und Versetzung nach Moskau wartete. Die bekam er auch und war Kandidat des Politbüros, als ein Herzschlag seiner Karriere ein Ende setzte.
Markos Scham hatte allerdings ihre Grenzen. Immerhin hatte die Berühmtheit seines Vaters ihm Gelegenheit gegeben, sein gegenwärtiges Ziel ins Auge zu fassen. Marko plante, persönlich an der Sowjetunion Rache zu nehmen; und zwar gründlich, um auch Vergeltung für jene Zahllosen zu üben, die vor seiner Geburt ermordet worden waren.
'Wo wir hinfahren, Iwan Jurijewitsch, wird's noch kälter sein.'
Putin schlug seinem Kapitän auf die Schulter. War seine Freundschaft echt oder gespielt? Vermutlich echt, sagte sich Ramius; dieser laute Ochse schien doch ein paar menschliche Seiten zu haben.
'Wie kommt es eigentlich, Genosse Kapitän, dass es Sie immer so freut, in See zu stechen und die Heimat zurückzulassen?'
Ramius lächelte hinter seinem Fernglas. 'Ein Seemann hat ein Vaterland, Iwan Jurijewitsch, aber zwei Frauen. Das werden Sie nie verstehen. Ich bin nun unterwegs zu meiner zweiten Frau, der kalten, herzlosen See, der meine Seele gehört.' Ramius schwieg. Sein Lächeln verschwand. 'Sie ist jetzt meine einzige Frau.'
Putin blieb zur Abwechslung einmal still. Der Politoffizier war bei der Einäscherung gewesen und hatte echte Tränen geweint, als der Sarg ins Krematorium gerollt war. Für Putin war Natalia Bogdanowa Ramius' Tod ein Trauerfall gewesen, der Akt eines gleichgültigen Gottes, dessen Existenz er ansonsten hartnäckig leugnete. Für Ramius war er ein Verbrechen gewesen, begangen vom Staat.
Ein überflüssiges, monströses Verbrechen, das bestraft werden musste.
'Eis!', meldete der Ausguck.
'Loses Packeis an Steuerbord, vielleicht vom Ostgletscher gekalbt. Passieren wir', sagte Kamarow.
'Käpt'n!', klang es metallisch aus dem Brückenlautsprecher. 'Nachricht vom Flottenhauptquartier.'
'Bitte verlesen.'
'Übungsgebiet klar. Keine Feindschiffe in der Nähe. Entsprechend Order verfahren. Gezeichnet: Korow, Flottenkommandant.'
'Verstanden', sagte Ramius. Es klickte im Lautsprecher. 'Also keine Amerikanski in der Nähe?'
'Glauben Sie dem Flottenkommandanten nicht?', fragte Putin.
'Ich hoffe, dass er sich nicht irrt', erwiderte Ramius aufrichtiger, als seinem Politoffizier lieb war. 'Vergessen Sie die Geheimdienstinformationen bei der Einsatzbesprechung nicht.'
Putin trat von einem Fuß auf den anderen. Vielleicht spürte er die Kälte.
'Es geht um die amerikanischen U-Boote der 688- oder Los-Angeles-Klasse. Wissen Sie noch, was einer ihrer Offiziere unserem Spion über sie erzählte? Sie können sich an einen Wal heranmachen und ihn vögeln, ehe er etwas merkt.' Der Kapitän grunzte erheitert. 'Vor den Los-Angeles-Booten der Amerikaner und den Trafalgars der Briten müssen wir uns in Acht nehmen. Die sind eine Bedrohung.'
'Die Amerikaner mögen gute Ingenieure haben, Genosse Kapitän', meinte Putin, 'aber unsere Technologie ist besser.'
Ramius nickte versonnen. Politoffiziere sollten eigentlich etwas von den Schiffen verstehen, die sie überwachten, so wie es die Parteidoktrin vorschrieb.
'Wie ich bei der Politischen Hauptverwaltung sagte', sprach Putin und schlug Ramius erneut auf die Schulter, 'ist Roter Oktober in den besten Händen!'
Du Schwein! Dachte der Kapitän, prahlst vor meinen Männern, dass du über meine Tauglichkeit befindest! Ein Mann, dem man kein Schlauchboot in der Flaute anvertrauen würde! Schade, dass du keine Gelegenheit bekommen wirst, diese Worte zu bereuen, Genosse Politoffizier, und wegen einer Fehlentscheidung den Rest deines Lebens im Gulag verbringen musst. Das wäre es fast wert, dich am Leben zu lassen.
Die nächste Stunde verging rasch. Die See ging höher, als sie sich dem offenen Meer näherten, und ihr Eisbrecher begann, sich in der Dünung zu wälzen. Ramius besah sich das Schiff mit Interesse. Er hatte seine gesamte Dienstzeit auf Unterseebooten verbracht und war noch nie auf einem Eisbrecher gewesen. U-Boote hatten mehr Annehmlichkeiten, waren aber gefährlicher. An Gefahren war er jedoch gewöhnt, und seine langjährige Erfahrung kam ihm jetzt zustatten.
'Boje in Sicht, Käpt'n.' Kamarow wies auf eine rot beleuchtete Boje, die auf den Wellen tanzte.
'Kontrollraum, bitte Lotung', fragte Ramius übers Brückentelefon.
'Hundert Meter unterm Kiel, Käpt'n.'
'Fahrt auf zwei Drittel steigern, zehn Grad nach Backbord.' Ramius sah Kamarow an. 'Signalisieren Sie der Purga unsere Kursänderung.'
Kamarow griff nach der kleinen Signallampe, die unter der Brückenkimming verstaut war. Roter Oktober, ein 30 000 Tonnen großer Koloss, begann langsam Fahrt aufzunehmen. Allmählich wuchs die Bugwelle zu einem drei Meter hohen Wasserbogen an; Brecher rollten übers Raketendeck und wurden vom Turm zerteilt. Die Purga änderte ihren Kurs nach Steuerbord und ließ das U-Boot vorbeiziehen.
Ramius schaute zu den Steilhängen des Kola-Fjords hinüber. Vor Urzeiten hatte ihnen der unbarmherzige Druck der Gletscher ihre Form gegeben. Wie oft während seiner zwanzigjährigen Dienstzeit in der Nordflotte 'Rotes Banner' hatte er diese weite, offene U-Form gesehen?
Nun ruhte sein Blick zum letzten Mal auf ihr. Was auch geschah, für ihn gab es keine Rückkehr. Wie würde es ausgehen? Ramius gestand sich, dass ihn das wenig scherte. Es gab kein Zurück. Er hatte einen Brief in den letzten Postsack geworfen, der vorm Auslaufen von Bord gegangen war.
'Kamarow, signalisieren Sie an Purga: Tauchen um-', er sah auf die Uhr, '13 Uhr 20. Übung Oktoberfrost beginnt planmäßig. Wir geben Sie für Ihre anderen Pflichten frei. Wir kehren planmäßig zurück.'
Kamarow blinkte den Spruch hinüber. Die Purga antwortete sofort, und Ramius entzifferte die Lichtsignale ohne fremde Hilfe: 'Wenn euch die Wale nicht fressen! Viel Glück Roter Oktober!'
Ramius griff nach dem Hörer, drückte den Knopf für den Funkraum und ließ den Spruch ans Flottenhauptquartier in Seweromorsk senden. Dann setzte er sich mit dem Kontrollraum in Verbindung.
'Lotung?'
'Einhundertvierzig Meter, Käpt'n.' 'Fertigmachen zum Tauchen.' Er befahl den Ausguck unter Deck.
'Brücke klar. Übernehmen Sie, wenn Sie unten sind, Gregorij.' Kamarow nickte und verschwand in der Luke.
Ramius, nun allein, suchte noch einmal sorgfältig den Horizont ab. Achtern war die Sonne kaum noch sichtbar, der Himmel bleiern, die See schwarz, abgesehen von den Wellenkämmen. Ist das mein Abschied von der Welt? Fragte er sich. Falls ja, hätte er eine heiterere Szenerie vorgezogen.
Ehe er nach unten glitt, inspizierte er die Dichtung der Luke, zog sie mit einer Kette zu und stellte sicher, dass der automatische Mechanismus richtig funktionierte. Anschließend kletterte er im Turm acht Meter tief hinunter zum Druckkörper und dann weitere zwei zum Kontrollraum. Ein Mitschman (Decksoffizier) schloss die zweite Luke und drehte mit kräftigem Schwung das Verschlussrad bis zum Anschlag.
'Gregorij?', fragte Ramius.
'Alles klar', sagte der Navigator knapp und wies auf das Taucharmaturenbrett. Alle den Druckkörper betreffenden Kontrolllampen leuchteten grün. 'Alle Systeme justiert und tauchbereit. Druckausgleich eingeleitet. Wir sind bereit zum Tauchen.'
Der Kapitän inspizierte selbst noch einmal alle mechanischen, elektrischen und hydraulischen Instrumente. Auf sein Nicken hin betätigte der Mitschman vom Dienst die Tauchventile.
'Tauchen', befahl Ramius und trat ans Periskop, um Wassilij Borodin, seinen Starpom (Ersten Offizier), abzulösen. Kamarow löste den Tauchalarm aus, und ein lautes Summen hallte durch den Bootsrumpf.
'Hauptballasttanks fluten. Tiefenruder anstellen, zehn Grad abwärts.' Kamarow gab seine Befehle mit wachen Augen und überzeugte sich davon, dass jedes Besatzungsmitglied seine Aufgabe genau erledigte. Ramius lauschte aufmerksam, schaute aber nicht hin. Kamarow war der beste junge Seemann, den er je kommandiert hatte. Er vertraute ihm.
Roter Oktobers Rumpf wurde vom Geräusch ausströmender Luft erfüllt, als Ventile an der Oberseite der Ballasttanks geöffnet wurden und Wasser, das von unten einströmte, die Auftrieb verleihende Luft verdrängte. Das war ein langwieriger Prozess, da das U-Boot über viele solcher Tanks verfügte, jeder in zahlreiche Zellen aufgeteilt. Ramius verstellte den Winkel des Periskopobjektivs und sah, wie sich das schwarze Wasser kurz in Schaum verwandelte.
Roter Oktober war das größte und beste Boot, das Ramius je befehligt hatte, aber es hatte einen entscheidenden Nachteil. Es hatte starke Maschinen und ein neuartiges Antriebssystem, das, wie er hoffte, amerikanische und sowjetische U-Boote verwirren würde, aber es war so groß, dass es sich unter Wasser verhielt wie ein waidwunder Wal: langsam beim Auftauchen, noch langsamer beim Abtauchen.
'Periskop einziehen.' Ramius trat nach einer scheinbar langen Pause von dem Instrument weg.
'Vierzig Meter', meldete Kamarow.
'Bei hundert Meter abfangen.' Ramius besah sich nun seine Mannschaft. Beim ersten Tauchen konnten erfahrene Männer ins Zittern geraten, und die Hälfte seiner Crew setzte sich aus jungen Bauern zusammen, frisch vom Ausbildungslager. Der Rumpf knackte und knirschte unter dem Wasserdruck. Daran musste man sich gewöhnen. Unter den Männern wurden einige blass, blieben aber stocksteif stehen.
Kamarow begann die Prozedur des Abfangens in der gewünschten Tiefe. Ramius sah mit väterlichem Stolz zu, wie der Kapitänleutnant präzise die erforderlichen Befehle gab. Er war der erste Offizier, den Ramius rekrutiert hatte. Die Männer im Kontrollraum führten seine Anweisungen zackig aus. Fünf Minuten später verlangsamte das U-Boot bei neunzig Metern seine Sinkgeschwindigkeit und pendelte sich dann bei hundert Metern ein.
'Gut gemacht, Kapitänleutnant. Sie führen das Boot. Lassen Sie die Sonar-Männer an allen passiven Systemen lauschen.' Ramius schickte sich an, den Kontrollraum zu verlassen, und bedeutete Putin mit einer Geste, ihm zu folgen.
Und so begann es.
Ramius und Putin gingen nach achtern zur Messe des U-Boots. Der Kapitän hielt dem Politoffizier die Tür auf und schloss sie dann hinter sich ab. Die vor der Kombüse und hinter den Offizierskabinen gelegene Messe war für U-Boot-Verhältnisse recht geräumig. Ihre Wände waren schalldicht, und ihre Tür hatte ein Schloss, weil die Konstrukteure berücksichtigt hatten, dass nicht alles, was Offiziere reden, für die Ohren der Mannschaft bestimmt ist. Sie war so groß, dass alle Offiziere von Oktober gemeinsam essen konnten - obwohl das nie vorkam, da drei immer Dienst hatten. Der Safe mit den Befehlen für das Boot stand hier und nicht in der Kommandantenkajüte, wo ein Mann die Einsamkeit nutzen und versuchen konnte, ihn allein zu öffnen. Er hatte zwei Skalen. Ramius kannte eine Kombination, Putin die andere, was eigentlich überflüssig war, da Putin zweifellos wusste, wie die Befehle lauteten. Auch Ramius war informiert, aber nicht in allen Einzelheiten.
Putin schenkte Tee ein, als der Kapitän seine Armbanduhr mit dem Chronometer am Schott verglich. In fünfzehn Minuten konnte er den Panzerschrank öffnen.
'Zwei Wochen lang eingesperrt', bemerkte der Politoffizier und rührte seinen Tee um.
'Die Amerikaner bleiben zwei Monate lang auf See, Iwan. Aber ihre Boote sind natürlich komfortabler.' Die Mannschaftsunterkünfte von Oktober waren trotz der gewaltigen Größe des Bootes recht spartanisch. Fünfzehn Offiziere waren achtern in recht ordentlichen Kajüten untergebracht, aber die hundert Seeleute mussten in Klappkojen schlafen, die überall im Bug vor den Raketensilos in Ecken und Winkel gezwängt waren. Oktobers Größe täuschte. Das Innere des Doppelrumpfs war mit Raketen, Torpedos, einem Kernreaktor und seinen Zusatzaggregaten, einem riesigen Diesel als Hilfsmaschine und einer Menge von Nickel-Kadmium-Batterien voll gestopft, letztere außerhalb des Druckkörpers und zehnmal so groß wie auf vergleichbaren amerikanischen Booten. Trotz weitgehender Automation, die es zum modernsten Schiff der sowjetischen Marine machte, war seine Bedienung und Wartung eine Riesenaufgabe für eine so kleine Mannschaft. Die Hälfte seiner Mannschaft bestand aus Wehrpflichtigen auf ihrer ersten Einsatzfahrt und selbst die erfahreneren Leute wussten herzlich wenig. Anders als bei westlichen Kriegsmarinen bildeten nicht die Glawniji Starschini (Bootsmänner), sondern die elf Mitschmani (Decksoffiziere) das Rückgrat der Mannschaft. Jeder Einzelne war darauf gedrillt, genau das zu tun, was die Offiziere befahlen. Und die Offiziere hatte Ramius selbst ausgewählt.