
Im Sturm
Roman
Tom Clancy(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 1. September 2004
Book
Paperback/Softback
736 pages
978-3-442-45750-2 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
Das Attentat arabischer Fundamentalisten auf eines der wichtigsten Ölfelder Sibiriens bringt die GUS in einen fatalen Zugzwang. Um den Zusammenbruch ihrer maroden Wirtschaft zu verhindern, erzwingt Moskau sich Zugang zum Persischen Golf und schreckt auch vor einem Schlag gegen die NATO nicht zurück.
More details
Series
Language
German
Place of publication
Munchen
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-45750-2 (9783442457502)
Schweitzer Classification
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Persons
Tom Clancy, geboren 1947, arbeitete lange Jahre als Versicherungsagent. Eine Meuterei auf einem sowjetischen Zerstörer regte Clancy dazu an, seinen ersten Thriller, "Jagd auf Roter Oktober" zu schreiben. Das Buch wurde auf Anhieb ein internationaler Erfolg, der sich in der Verfilmung mit Sean Connery in der Hauptrolle wiederholte. Seither ist Tom Clancy der Erfolg treu geblieben, seine Romane belegen regelmäßig über Wochen hinweg die ersten Plätze der internationalen Bestsellerlisten, die Verfilmungen mit Harrison Ford als Jack Ryan waren ausnahmslos Kassenschlager. Wie realistisch und gut recherchiert seine Bücher sind, zeigt die Tatsache, dass der Autor nach den Anschlägen vom 11. September von der amerikanischen Regierung als spezieller Berater hinzugezogen wurde - in "Befehl von oben" hatte er ein Szenario entworfen, dass der späteren Realität erschreckend nahe kam.
Content
Niscbnewartowsk, UdSSR
Sie gingen rasch, lautlos, zielstrebig vor; über ihnen leuchtete kristallklar der Sternenhimmel Westsibiriens. Sie waren Moslems, was man ihnen kaum anmerkte; sie sprachen russisch mit dem singenden Tonfall der Aserbeidschaner. Die drei hatten gerade auf dem Lkw-Parkplatz und an den Bahngleisen eine komplizierte Aufgabe erledigt, nämlich das Öffnen Hunderter von Füllventilen. Ibrahim Tolkase war ihr Anführer. An der Spitze ging jedoch Rasul, ein Schrank von einem Mann, ehemals Feldwebel beim MVD; er hatte in dieser kalten Nacht bereits sechs Männer getötet - drei mit der Pistole, drei mit bloßen Händen. Niemand hatte etwas gehört, denn in einer Erdölraffinerie herrscht viel Lärm. Die Leichen waren im Dunkel zurückgelassen worden, und die drei Männer bestiegen nun Tolkases Wagen, um die nächste Phase in Angriff zu nehmen.
Das Kontrollzentrum befand sich in einem modernen zweistöckigen Bau in der Mitte des Komplexes. Mindestens fünf Kilometer weit in alle Richtungen erstreckten sich die Destillations- und katalytischen Anlagen, Tanklager und vor allem das kilometerlange Röhrengeflecht, das Nischnewartowsk zu einer der größten Raffinerien der Welt machte. In unregelmäßigen Abständen erhellten Flammen den Himmel, wo Gase abgefackelt wurden, und es stank nach Rohöldestillaten: Kerosin, Benzin, Diesel, Stickstofftetraoxid für Interkontinentalraketen, nach Schmierölen und allen möglichen anderen petrochemischen Verbindungen.
Der Ingenieur Tolkase steuerte seinen privaten Lada auf das fensterlose Backsteingebäude zu, hielt auf dem für ihn reservierten Parkplatz und ging zum Eingang. Seine Kameraden warteten geduckt im Fond.
Hinter der Glastür begrüßte Ibrahim den Mann vom Werkschutz, der zurücklächelte und die Hand nach Tolkases Ausweis ausstreckte. Der Wächter hatte getrunken; einziger Trost in diesem rauhen, kalten Land. Sein Blick war verschwommen, sein Lächeln zu starr. Tolkase händigte ungeschickt seinen Ausweis aus, ließ ihn fallen, und der Wächter bückte sich wankend, um ihn aufzuheben. Tolkases Pistolenmündung war das letzte, was der Mann spürte. Er starb, ohne zu wissen wie oder warum. Ibrahim hob die Leiche auf, setzte sie vornübergesunken an den Tisch - es verpennte mal wieder einer die Spätschicht - und winkte dann seine Kameraden heran. Rasul und Mohammed sprinteten auf den Eingang zu.
'Brüder, es ist soweit.' Tolkase reichte seinem hünenhaften Freund die Kalaschnikow AK-47 und einen Patronengurt.
Rasul wog die Waffe kurz in der Hand, überzeugte sich, daß sie geladen und entsichert war. Dann warf er sich den Patronengurt über die Schulter, pflanzte das Bajonett auf und sagte zum ersten Mal in dieser Nacht etwas: 'Das Paradies erwartet uns.'
Tolkase klemmte sich den Sicherheitsausweis an den weißen Kittel. Dann führte er seine Kameraden die Treppe hinauf.
Normalerweise durfte das Kontrollzentrum nur betreten, wer einem der dort Beschäftigten persönlich bekannt war. Nikolaj Barsow wirkte überrascht, als er Tolkase durch das winzige Fenster in der Tür erblickte. 'Sie haben doch heute frei, Ischa.'
'Heute nachmittag versagte ein Ventil, und ich vergaß, vor Schichtende nach dem Fortgang der Reparaturarbeiten zu sehen. Sie wissen ja, welches ich meine - das Hilfsspeiseventil für Kerosinlager acht. Wenn es bis morgen nicht instand gesetzt ist, müssen wir umleiten, und Sie können sich vorstellen, was das bedeutet.'
Barsow grunzte zustimmend. 'Allerdings, Ischa. Treten Sie zurück, damit ich aufmachen kann.'
Die schwere Stahltür öffnete sich nach außen. Rasul und Mohammed waren Barsow verborgen geblieben. Er hatte keine Zeit mehr, sie wahrzunehmen. Drei Geschosse vom Kaliber 7,62 mm bohrten sich in seine Brust.
Die Kontrollzentrale, in der zwanzig Mann Dienst taten, ähnelte einem Stellwerk oder der Schaltzentrale eines Kraftwerks. Schematische Darstellungen des Pipeline-Systems bedeckten die hohen Wände, übersät mit Hunderten von Leuchten, die die Funktion der einzelnen Steuerventile anzeigten. Doch dies war nur das Haupt-Display. Einzelne Teile des Systems wurden über separate Rückmeldeanlagen gesteuert, größtenteils durch Computer, aber auch von der Hälfte der diensttuenden Ingenieure überwacht. Das Personal konnte die drei Schüsse nicht überhören. Doch niemand war bewaffnet.
Gelassen, fast elegant begann sich Rasul vorzuarbeiten, setzte seine Kalaschnikow meisterhaft ein, gab jedem Ingenieur nur eine Kugel. Anfangs versuchten sie zu fliehen - bis sie erkannten, daß Rasul sie wie Vieh in eine Ecke trieb. Zwei Männer griffen tapfer nach den Telefonen, um die Sicherheitseinheiten des KGB zu alarmieren. Einen erschoß Rasul auf seinem Posten, der andere aber ging hinter den Schaltpulten in Deckung und rannte zur Tür, wo Tolkase stand. Es war Boris, wie Tolkase sah, der Favorit der Partei und Chef des Kollektivs, ein Mann, der mit ihm 'Freundschaft' geschlossen hatte. Ibrahim, der nicht vergessen hatte, wie gönnerhaft er von diesem Russen behandelt worden war, hob seine Pistole.
'Ischa!' schrie der Mann entsetzt. Ibrahim schoß ihm in den Mund und hoffte nur, daß Boris noch lange genug lebte, um sein verächtliches Giaur! zu hören. Es freute ihn, daß Rasul diesen Mann nicht erwischt hatte. Alle anderen überließ er seinem wortkargen Freund gern.
Die anderen Ingenieure brüllten und warfen mit Tassen, Stühlen und Handbüchern, doch es gab nirgends Zuflucht, nichts führte an dem dunkelhäutigen, baumlangen Mann vorbei. Manche hoben flehend die Hände, andere beteten sogar laut. Der Lärm legte sich, als Rasul lächelnd den letzten erschoß. Dieser schwitzende ungläubige Hund würde ihm im Paradies dienen. Rasul lud sein Sturmgewehr nach, ging zurück in die Kontrollzentrale, stieß die Leichen mit dem Bajonett an und verpaßte jenen vieren, die noch schwache Lebenszeichen zeigten, den Gnadenschuß. Sein Gesicht war grimmig befriedigt. Mindestens fünfundzwanzig ungläubige Hunde tot. Fünfundzwanzig Fremde, die nun nicht mehr zwischen seinem Volk und Allah standen. Wahrlich, er hatte Allahs Werk getan!
Mohammed, der dritte, war schon an seine Arbeit gegangen, als Rasul sich am oberen Ende der Treppe postierte. Im rückwärtigen Teil des Raumes schaltete er unter Umgehung aller automatischen Sicherheitssysteme von Computerkontrolle auf manuelle Notsteuerung um.
Ibrahim, ein methodischer Mann, hatte das Unternehmen zwar über Monate hinweg geplant und sich jede Einzelheit eingeprägt, trug aber dennoch eine Checkliste in der Tasche, die er nun entfaltete und vor sich aufs Hauptschaltpult legte. Tolkase warf einen Blick auf die Anzeigetafel, um sich zu orientieren, und hielt dann inne.
Aus der Hüfttasche zog er die Hälfte eines Korans, der seinem Großvater gehört hatte, und schlug ihn aufs Geratewohl auf: die Sure über die Kriegsbeute.
Sie gingen rasch, lautlos, zielstrebig vor; über ihnen leuchtete kristallklar der Sternenhimmel Westsibiriens. Sie waren Moslems, was man ihnen kaum anmerkte; sie sprachen russisch mit dem singenden Tonfall der Aserbeidschaner. Die drei hatten gerade auf dem Lkw-Parkplatz und an den Bahngleisen eine komplizierte Aufgabe erledigt, nämlich das Öffnen Hunderter von Füllventilen. Ibrahim Tolkase war ihr Anführer. An der Spitze ging jedoch Rasul, ein Schrank von einem Mann, ehemals Feldwebel beim MVD; er hatte in dieser kalten Nacht bereits sechs Männer getötet - drei mit der Pistole, drei mit bloßen Händen. Niemand hatte etwas gehört, denn in einer Erdölraffinerie herrscht viel Lärm. Die Leichen waren im Dunkel zurückgelassen worden, und die drei Männer bestiegen nun Tolkases Wagen, um die nächste Phase in Angriff zu nehmen.
Das Kontrollzentrum befand sich in einem modernen zweistöckigen Bau in der Mitte des Komplexes. Mindestens fünf Kilometer weit in alle Richtungen erstreckten sich die Destillations- und katalytischen Anlagen, Tanklager und vor allem das kilometerlange Röhrengeflecht, das Nischnewartowsk zu einer der größten Raffinerien der Welt machte. In unregelmäßigen Abständen erhellten Flammen den Himmel, wo Gase abgefackelt wurden, und es stank nach Rohöldestillaten: Kerosin, Benzin, Diesel, Stickstofftetraoxid für Interkontinentalraketen, nach Schmierölen und allen möglichen anderen petrochemischen Verbindungen.
Der Ingenieur Tolkase steuerte seinen privaten Lada auf das fensterlose Backsteingebäude zu, hielt auf dem für ihn reservierten Parkplatz und ging zum Eingang. Seine Kameraden warteten geduckt im Fond.
Hinter der Glastür begrüßte Ibrahim den Mann vom Werkschutz, der zurücklächelte und die Hand nach Tolkases Ausweis ausstreckte. Der Wächter hatte getrunken; einziger Trost in diesem rauhen, kalten Land. Sein Blick war verschwommen, sein Lächeln zu starr. Tolkase händigte ungeschickt seinen Ausweis aus, ließ ihn fallen, und der Wächter bückte sich wankend, um ihn aufzuheben. Tolkases Pistolenmündung war das letzte, was der Mann spürte. Er starb, ohne zu wissen wie oder warum. Ibrahim hob die Leiche auf, setzte sie vornübergesunken an den Tisch - es verpennte mal wieder einer die Spätschicht - und winkte dann seine Kameraden heran. Rasul und Mohammed sprinteten auf den Eingang zu.
'Brüder, es ist soweit.' Tolkase reichte seinem hünenhaften Freund die Kalaschnikow AK-47 und einen Patronengurt.
Rasul wog die Waffe kurz in der Hand, überzeugte sich, daß sie geladen und entsichert war. Dann warf er sich den Patronengurt über die Schulter, pflanzte das Bajonett auf und sagte zum ersten Mal in dieser Nacht etwas: 'Das Paradies erwartet uns.'
Tolkase klemmte sich den Sicherheitsausweis an den weißen Kittel. Dann führte er seine Kameraden die Treppe hinauf.
Normalerweise durfte das Kontrollzentrum nur betreten, wer einem der dort Beschäftigten persönlich bekannt war. Nikolaj Barsow wirkte überrascht, als er Tolkase durch das winzige Fenster in der Tür erblickte. 'Sie haben doch heute frei, Ischa.'
'Heute nachmittag versagte ein Ventil, und ich vergaß, vor Schichtende nach dem Fortgang der Reparaturarbeiten zu sehen. Sie wissen ja, welches ich meine - das Hilfsspeiseventil für Kerosinlager acht. Wenn es bis morgen nicht instand gesetzt ist, müssen wir umleiten, und Sie können sich vorstellen, was das bedeutet.'
Barsow grunzte zustimmend. 'Allerdings, Ischa. Treten Sie zurück, damit ich aufmachen kann.'
Die schwere Stahltür öffnete sich nach außen. Rasul und Mohammed waren Barsow verborgen geblieben. Er hatte keine Zeit mehr, sie wahrzunehmen. Drei Geschosse vom Kaliber 7,62 mm bohrten sich in seine Brust.
Die Kontrollzentrale, in der zwanzig Mann Dienst taten, ähnelte einem Stellwerk oder der Schaltzentrale eines Kraftwerks. Schematische Darstellungen des Pipeline-Systems bedeckten die hohen Wände, übersät mit Hunderten von Leuchten, die die Funktion der einzelnen Steuerventile anzeigten. Doch dies war nur das Haupt-Display. Einzelne Teile des Systems wurden über separate Rückmeldeanlagen gesteuert, größtenteils durch Computer, aber auch von der Hälfte der diensttuenden Ingenieure überwacht. Das Personal konnte die drei Schüsse nicht überhören. Doch niemand war bewaffnet.
Gelassen, fast elegant begann sich Rasul vorzuarbeiten, setzte seine Kalaschnikow meisterhaft ein, gab jedem Ingenieur nur eine Kugel. Anfangs versuchten sie zu fliehen - bis sie erkannten, daß Rasul sie wie Vieh in eine Ecke trieb. Zwei Männer griffen tapfer nach den Telefonen, um die Sicherheitseinheiten des KGB zu alarmieren. Einen erschoß Rasul auf seinem Posten, der andere aber ging hinter den Schaltpulten in Deckung und rannte zur Tür, wo Tolkase stand. Es war Boris, wie Tolkase sah, der Favorit der Partei und Chef des Kollektivs, ein Mann, der mit ihm 'Freundschaft' geschlossen hatte. Ibrahim, der nicht vergessen hatte, wie gönnerhaft er von diesem Russen behandelt worden war, hob seine Pistole.
'Ischa!' schrie der Mann entsetzt. Ibrahim schoß ihm in den Mund und hoffte nur, daß Boris noch lange genug lebte, um sein verächtliches Giaur! zu hören. Es freute ihn, daß Rasul diesen Mann nicht erwischt hatte. Alle anderen überließ er seinem wortkargen Freund gern.
Die anderen Ingenieure brüllten und warfen mit Tassen, Stühlen und Handbüchern, doch es gab nirgends Zuflucht, nichts führte an dem dunkelhäutigen, baumlangen Mann vorbei. Manche hoben flehend die Hände, andere beteten sogar laut. Der Lärm legte sich, als Rasul lächelnd den letzten erschoß. Dieser schwitzende ungläubige Hund würde ihm im Paradies dienen. Rasul lud sein Sturmgewehr nach, ging zurück in die Kontrollzentrale, stieß die Leichen mit dem Bajonett an und verpaßte jenen vieren, die noch schwache Lebenszeichen zeigten, den Gnadenschuß. Sein Gesicht war grimmig befriedigt. Mindestens fünfundzwanzig ungläubige Hunde tot. Fünfundzwanzig Fremde, die nun nicht mehr zwischen seinem Volk und Allah standen. Wahrlich, er hatte Allahs Werk getan!
Mohammed, der dritte, war schon an seine Arbeit gegangen, als Rasul sich am oberen Ende der Treppe postierte. Im rückwärtigen Teil des Raumes schaltete er unter Umgehung aller automatischen Sicherheitssysteme von Computerkontrolle auf manuelle Notsteuerung um.
Ibrahim, ein methodischer Mann, hatte das Unternehmen zwar über Monate hinweg geplant und sich jede Einzelheit eingeprägt, trug aber dennoch eine Checkliste in der Tasche, die er nun entfaltete und vor sich aufs Hauptschaltpult legte. Tolkase warf einen Blick auf die Anzeigetafel, um sich zu orientieren, und hielt dann inne.
Aus der Hüfttasche zog er die Hälfte eines Korans, der seinem Großvater gehört hatte, und schlug ihn aufs Geratewohl auf: die Sure über die Kriegsbeute.