
Der Empathie-Faktor
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Die Welt ist voll von Ratsuchenden und Ratgebenden zum Thema Liebe. Üblicherweise laufen die Ratschläge darauf hinaus, daß wir erst uns selbst lieben müssen, um andere lieben zu können und von ihnen geliebt zu werden. Dabei wird oft übersehen, daß es für dieses so ersehnte Gefühl, wenn es denn von Dauer sein soll, tiefere Grundlagen geben muß. Die liegen in den Fähigkeiten, die mit dem Begriff Empathie zusammengefaßt werden: Toleranz, Einsicht, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen. Das Potenzial dazu ist in den meisten Menschen vorhanden, doch die bewußte Auseinandersetzung mit diesen oft verschütteten und mißachteten Empfindungen geht häufig.
Der Autor zeigt anhand seiner persönlichen Erfahrungen wie auch zahlreicher Fallbeispiele aus seiner klinischen Praxis, wie wichtig es ist, die Empathie als treibende Kraft für ein harmonisches Leben zu wecken und im Umgang mit anderen zu pflegen. Daß ein geschultes Einfühlungsvermögen auch Schattenseiten haben kann, wenn man es manipulativ einsetzt, wird nicht verschwiegen. Doch die positive Kraft der Empathie wird von diesem Hintergrund nur umso überzeugender entfaltet.
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Das Paradox der Empathie
Unter Empathie versteht man die Fähigkeit, die einzigartigen Erfahrungen des anderen zu verstehen und darauf zu reagieren. Das Paradox der Empathie besteht darin, daß diese angeborene Fähigkeit sowohl in hilfsbereiter als auch in verletzender Absicht eingesetzt werden kann.
Ich betrachte den Ozean und denke über die Einfühlung nach. Hier am Strand, wo ich sitze und den gegen die Felsenküste donnernden Brechern zusehe, weiß ich, daß diese immense Wassermasse sich vom einen zum nächsten Augenblick neu formt. Durch den Wechsel der Gezeiten und die sich verändernden Strömungen ist alles im Fluss, bewegt sich, mischt sich und bildet sich neu. Die Wellen brechen und ziehen sich zurück, erodieren die hohen Klippen, glätten die scharfen Kanten der 350 Millionen Jahre alten Felsen. Wolken werfen ihre Schatten auf die Wasseroberfläche, während die hellen Sonnenstrahlen türkisfarbene Flecken changierenden Lichts malen. Bei Nacht sieht das Wasser aus der Ferne wie Glas aus, auf das der Mond einen silbernen Pfad ätzt.
Betrachte ich den Ozean von meinem Platz am Strand aus, könnte ich mich in dem Gedanken wiegen, seine Tiefen zu kennen und zu verstehen. In Wahrheit jedoch harren für jedes bisschen Wissen, das ich mir angeeignet habe, mannigfaltige Geheimnisse ihrer Erforschung. Und genauso ist es mit den Menschen. Sehen wir uns nur das Äußere an, sind wir leicht davon überzeugt, die Tiefen zu erfassen. Wie oft beobachten wir die Menschen unserer Umgebung und bilden uns ein, sie durch und durch zu kennen? Wie oft werden wir von einer veränderten Meinungsströmung oder einer Flutwelle des Gefühls überrascht, die uns neue Einsicht und Verständnis bringt?
Wie die Gezeiten das Kommen und Gehen des Ozeans steuern, brandet in uns die Macht der Einfühlung. Die Einfühlung ist eine angeborene Kraft, ist Teil unseres biologischen Erbes, sie gibt uns Energie, Richtung und Zweck im Leben. Einfühlung ist kein Gefühl und keine Wahrnehmung, die uns plötzlich überspült und verschlingt, sondern eine intelligente, zutiefst respektvolle Erforschung dessen, was sich unter der Oberfläche unserer Welt befindet. Indem die Einfühlung uns dabei hilft, in einer sich ständig verändernden Landschaft weder das Gleichgewicht noch die Perspektive zu verlieren, lehrt sie uns, uns anzupassen und zu unterwerfen, unsere vorgefassten Meinungen aufzugeben und uns offenherzig und vorurteilsfrei auf unsere Beziehungen einzulassen.
Ich definiere Einfühlung als die Fähigkeit, die einzigartigen Erfahrungen der anderen zu verstehen und darauf zu reagieren. Das Paradox der Empathie besteht darin, daß diese angeborene Fähigkeit sowohl in hilfsbereiter als auch in verletzender Absicht eingesetzt werden kann. Wie die Meeresströmungen kann die Einfühlung im einen Moment beruhigend, im nächsten jedoch zutiefst zerstörend wirken. Wenn ich die heilende, nährende Kraft der Einfühlung zu vermitteln versuche, denke ich immer an Lisas Geschichte.
Als ich Lisa, eine große, attraktive Frau Mitte dreißig, zum ersten Mal traf, war sie zweifellos in Eile. Sie gab mir die Hand und stellte sich vor, setzte sich dann und stellte ihre große Lederaktenmappe neben dem Stuhl auf dem Boden ab. Ihre Bewegungen waren brüsk und gezielt. Alle paar Minuten schaute sie auf die Uhr.
»Bei einer ersten Sitzung mache ich mir für gewöhnlich ein paar Notizen«, sagte ich. »Sind Sie damit einverstanden?«
Sie runzelte leicht die Stirn. »Ich bin mir nicht sicher, ob das nötig ist«, meinte sie. »Ich weiß, daß Sie Psychologe sind, aber ich bin an keiner Langzeittherapie interessiert. Man hat mir gesagt, daß Sie sich in alternativer Medizin auskennen, und ich brauche so etwas wie Vitamine oder Kräuter, die mich beruhigen und mich wieder schlafen lassen. Wenn ich nicht mehr so beschäftigt bin, könnte ich mir auch einen Kurs zur Stressbewältigung vorstellen, aber jetzt brauche ich einfach etwas, das mir hilft, den Tag zu überstehen.«
Lisas Wunsch nach einer raschen Lösung