Feuerfrau
Roman
Federica Cesco(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 1. July 2004
Book
Paperback/Softback
608 pages
978-3-442-36077-2 (ISBN)
Description
Seit ihrer Kindheit ist Ariana vom Feuer wie verzaubert. Immer auf der Suche nach dem extremen Abenteuer, fühlt sich die Vulkanforscherin stark und völlig furchtlos. Ihre Unabhängigkeit und Sinnlichkeit faszinieren zwei höchst unterschiedliche Männer. Als in Italien der Ätna ausbricht, glaubt sich Ariana, die 'Feuerfrau', auf ungewöhnliche Weise herausgefordert - und steht schließlich vor der dramatischsten Entscheidung ihres Lebens.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-442-36077-2 (9783442360772)
Schweitzer Classification
Content
Prolog
Ich träume jedesmal von Nonna, wenn sich etwas Wesentliches in meinem Leben ankündigt. Das Traumbild wechselt, flimmernd wie ein unscharfer Filmstreifen, und ergibt auch nicht immer einen Sinn. Wenn ich erwache, verblaßt es bereits, aber irgendwie in mir schwebt die Erinnerung. Ich weiß, daß es eine andere Wirklichkeit als meine gibt, das wußte ich schon als Kind. Nonna hat mich nie ganz verlassen, obwohl sie längst gestorben ist. Ihr Fortbestehen, an der Schwelle zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, wurde für mich zur natürlichen Gegebenheit. Manchmal verfließt diese Grenze, und Nonna erscheint mir im Traum. Und jedesmal führt sie mich in meine Kindheit zurück, formt Bilder und Gefühle in mir, die mit einem ganz besonderen Ereignis in Verbindung stehen. Der Ort: Casa Monte, das alte Haus in Montereale Celina, in dem sie vor achtzig Jahren zur Welt kam. Der Zeitpunkt: der fünfzehnte August, am späten Nachmittag. Mein Alter: zehn. In dieser Nacht waren die Bilder ungewöhnlich deutlich. Ich sah mich selbst, im großen Spiegel über Nonnas Kommode. Ein zartes Kind, mit dunklen Zöpfen und mandelförmigen Augen. Das Gesicht rund, sonnengebräunt und sehr glatt, der Ausdruck nachdenklich.
Während ich mich betrachtete, sah ich im Spiegel hinter meinem Gesicht das von Nonna. Ihr noch schwarzes Haar trug sie so über den Kopf hochgesteckt, daß die Stirn, die fast keine Falten zeigte, frei blieb. Nur das Kinn war schlaff geworden, und das Alter hatte ihre Augen getrübt. An jenem Nachmittag hatte sie eine Stunde in ihrem verdunkelten Zimmer geschlafen und war noch nicht angekleidet. Sie trug ihren weißen Morgenmantel und darunter einen hellblauen Unterrock aus Kunstseide. Sie war knapp über sechzig: eine große Frau, mit einem wunderschönen Rücken, breiten Hüften und einer ganz schmalen Taille. Ihre kleinen Füße steckten in koketten Hausschuhen. Ihre Nase war freundlich, ihr großzügiger Mund lag weich um ihre noch tadellosen Zähne. An ihrem Körper war die Haut hell wie Elfenbein. Nur Arme und Hände, von der Sonne gebräunt, wiesen einige Flecken auf. 'Ariana, vieni qui!'
Sie setzte sich auf das ungemachte Bett und zog mich zwischen ihre Knie, um mein Haar neu zu flechten. Meine Mutter beklagte sich, daß ich beim Frisieren nie ruhig blieb, aber bei Nonna hielt ich geduldig still. Sie flocht meine Zöpfe mit ihren gelenkigen Händen, wobei sie ein Volkslied aus ihrer eigenen Kindheit summte. Ihre Stimme war klar, tief im Ton. Nur die dunkle Aussprache der Konsonanten, den schleppenden friaulanischen Akzent hatte sie bewahrt.
'A laferia de l'est per due soldi un topolino mi padre mi compro.'
'Auf der Kirmes im Osten kaufte mir mein Vater für zwei Groschen ein Mäuschen.'
Sie unterbrach sich, runzelte leicht die Brauen.
'Hörst du, Piccina? Hörst du, wie es donnert?'
Ich lauschte. Dunkles, undeutliches Brummen wehte von Hügel zu Hügel, als ob in einem Augenblick des Fieberwahns die Berge erwacht waren. Ein Gewitter! Ich war sehr aufgeregt, von freudiger Erwartung erfüllt. Ich liebte wilde Wolkenstrudel, prasselnden Regen, das Flattern der Blitze.
'Regen ist gut für die Pflanzen', sagte Nonna. 'Nach dieser Trockenheit! '
Sie band meine Schleifen fest, erhob sich, wobei sie sich unter dem Büstenhalter kratzte und sich ächzend die Hüften massierte. Ihre Gelenke schmerzten, wenn das Wetter sich änderte. Die Krankheit, die sie einige Jahre später an den Rollstuhl fesseln sollte, kündigte sich schon in ihren Knochen an.
'Geh, Piccina! Geh spielen. Ich komme gleich.'
Ich tänzelte die Steintreppe herunter, summte das Lied vor mich hin, das sie gerade gesungen hatte.
'A la feria de l'est, per due soldi.'
Maria stand in der Küche und rollte einen Teig. Ihre Arme waren bis zum Ellbogen mit weißem Mehlstaub überpudert.
'Heiliger Himmel, diese Hitze! ' 'Ich weiß, was da kommt! ' rief ich. 'Ein Gewitter!'
'Jesusmaria!' seufzte Maria, 'hoffentlich wird es nicht schlimm! '
Ich lief an die offene Haustür. Die warme Luft schlug mir wie aus einem Ofen entgegen. Die Gerüche von reifen Maulbeerfrüchten, warmem Salbei und trockenem Kuhmist waren zu einem einzigen Dunst vermischt. Mein T-Shirt klebte am Nacken. Alles war windstill. Plötzlich ertönte in der Ferne ein explosionsartiger, dumpfer Laut. Ein paar Vögel flatterten unruhig unter den Dachziegeln auf. Ich beobachtete die ersten Wolkenschwaden, die wie graue Watte über das Dorf hinwegzogen. Die Sonnenscheibe darin war nur ein kreisrunder weißer Fleck. Jener Teil des Himmels, hoch über den Wolken, war still und klar und ohne feste Substanz. Aber der untere Teil des Himmels, der tief über den Bergen hing, barg Sturm, Donner, Hagel und Schnee. Schwefelgelbe, fast grünliche Wolken schoben sich über die Hügel, wirbelten umeinander und wurden dunkler. Als Fabrizio mit dem Traktor durch das große Tor fuhr, nahm der Wind plötzlich zu. Die schwarze Dogge Cesare - die Fabrizio manchmal Il Duce nannte - sprang ihm bellend entgegen. Fabrizio fuhr den Traktor vor die Scheune, sprang von seinem Sitz und klatschte Cesare auf das nasse Fell. Schweißtropfen, mit Staub vermischt, klebten auf seinem hageren Gesicht.
'So ein Himmel! ' sagte er zu mir.
Ich starrte zu den Wolken empor, pfiff unmelodisch und nervös zwischen den Zähnen. Fabrizio stapfte in die Küche, und Cesare lief hechelnd neben ihm her. Maria schlug den Teig zusammen, rollte ihn unermüdlich wieder aus, bis an den dünnsten Stellen das Licht durchschimmerte.
'Du bist früh da', sagte sie. 'Du machst dir wohl Gedanken.' Fabrizio holte Bier aus dem Kühlschrank.
'Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich zu Hause bin.'
Er öffnete mit leisem Knall die Bierbüchse und trank. Maria wischte sich mit den Handrücken über die Stirn.
'Gerade habe ich den Wetterbericht gehört. Sie haben gesagt, daß es heute nacht etwas gibt.'
Es wurde eine Nacht voller Beunruhigung und Schrecken. Eine Nacht, in der du hättest sterben sollen, Nonna. Dein Tod trat nicht ein, weil ich es nicht wollte. Weil ich unerschrocken und neugierig war, wie kleine Mädchen es sind. Weil ich bestimmte Dinge aus dem Instinkt heraus machte. Und keine Schmerzen empfand, als das Entscheidende geschah. Es ist eine merkwürdige Geschichte, nicht wahr? Und danach war ich mehrere Tage außerstande, von dem zu erzählen, was geschehen war. Das, was in den Zeitungen stand, entsprach nicht im geringsten der Wahrheit. Es ist übersehen worden, daß ich ja nur zehn Jahre alt war. Ich glaube, man kann es auf verschiedene Weise erklären. Vielleicht lag es an meinem Erbgut und entsprach meiner Bestimmung - aber davon hatte mich niemand in Kenntnis gesetzt, auch du nicht. Ich gebe mir Mühe zu verstehen, aber ich merke oft, daß mich meine Phantasie zum Narren hält. Vielleicht sollte ich nicht zuviel darüber nachdenken. Verzeih mir.
Was sagst du, Nonna, wer bin ich?
Nonna lebte noch fünfzehn Jahre, sieben davon im Rollstuhl.
Sie litt an Osteoporose. Die Krankheit fraß sich durch ihre Knochen, zersplitterte ihre Wirbel bis zum Hals. Operieren konnte man sie nicht mehr.
'Piccina, setz dich zu mir und erzähl mir was Neues', sagte sie mit ihrer brüchigen Stimme, wenn ich sie in Mailand im Altersheim besuchte. Sie drückte meine Hände, wie alte Menschen es zu tun pflegen, als ob sie sich der Lebenskraft der Jüngeren versichern wollten. Ihre Vorwürfe klangen zärtlich und ironisch:
'Ich bin eine alte Frau, du denkst nicht mehr an mich. Ich weiß ja, du hast Besseres zu tun. Aber ich langweile mich so!' Sie sang vor sich hin: 'Alaferiadel est.' und wiegte den Kopf, langsam und unbeholfen, als ob das Gewicht zu schwer für ihr schmales Genick wurde.
Ich war nicht bei ihr, als sie starb, aber den Augenblick habe ich genau gefühlt.
Auch Fabrizio ist tot: ein Unfall auf der Autobahn. Maria lebt bei ihrem Bruder in Udine und führt ihm den Haushalt. Sie schickt mir einmal im Jahr eine kitschige Weihnachtskarte.
Über diese Sache, damals, hat sie nie mehr gesprochen.
1. Kapitel
Geisterhaftes Licht zuckte durch die Dunkelheit. Ein Donnerschlag zerriß die Nacht, fegte über die Dächer. Es folgte das Prasseln eines Regenschauers. Ich erwachte und blinzelte verwirrt; das ganze Zimmer war von der Helle der Blitze erleuchtet. Die Donnerschläge entluden sich in wütendem Widerhall. Das Gewitter hatte sich aus meinem Traum in die Wirklichkeit verlagert. Als eine Stille von wenigen Sekunden eintrat, hörte ich Martin atmen. Ich warf die Decke zurück, meine nackten Füße berührten den Boden. Ich stand auf, trat dicht an das Fenster. Zuerst konnte ich nichts Deutliches sehen, wegen dem Tropfennetz, das zitternd an der Scheibe klebte. Ich wischte mit der Hand über das Glas. Der Sturm jagte die schweren Wolken wie Fetzen am Nachthimmel dahin; zuweilen öffnete sich ein Loch in dieser Finsternis, und ich erblickte flüchtig ein paar klare, glänzende Sterne. Ich hob meine Uhr an die Augen, wartete auf den nächsten Blitz, um das Zifferblatt zu erkennen. Halb vier. Paris schlief. An der Place du Contrescarpe waren Bistros und Cafes längst geschlossen. Hoch oben an der düsteren Häuserfront entdeckte ich ein einziges erleuchtetes Fenster, gerade unter dem Dach, ein goldenes Licht im weißen Feuerwerk der Blitze.
Meine Hände tasteten über den Fensterrahmen. Ich fand den Griff, drückte ihn herunter. Das Fenster flog auf. Ich beugte mich hinaus, in den kalten Wind. Die Tropfen fielen herab, wie aus der Luft herausgesprüht; sie glitzerten bei jedem Blitz wie Edelsteine. Ich spürte den Regen auf mein Gesicht prasseln, und mein T-Shirt war in zwei Sekunden klatschnaß.
Jetzt, bei offenem Fenster, war das Getöse ohrenbetäubend. Die Blitze schlugen gleichzeitig von allen Seiten durch die Nacht, ließen violette und grünliche Spuren in den Augen zurück.
Durch das Rauschen und Krachen hörte ich eine Stimme hinter mir, die etwas rief. Ich wandte mich um; Martins Gestalt wurde im Aufflackern der Blitze sichtbar. Er tastete sich zum Fenster, packte den Griff und schloß es, daß die Scheiben klirrten. Durch das beschlagene Glas waren die Blitze nur noch als weißliches Leuchten sichtbar, und das Krachen des Donners ging in dumpfes Rollen über.
'Du bist ja ganz naß! ' keuchte Martin. 'Bist du wahnsinnig?'
'Ein herrliches Gewitter!'
'Darüber kann man geteilter Meinung sein.'
Ich verschränkte schlotternd die Arme. Ein Blitzknäuel zuckte über die Dächer; der nächste Donnerschlag klang gedämpft: Das Gewitter wanderte nach Süden.
'So komm doch, du erkältest dich ja', sagte Martin.
Ich streifte mein feuchtes T-Shirt über den Kopf, rieb mir die Haare trocken. Dann warf ich das zerknüllte T-Shirt auf den Boden, legte mich wieder zu Bett. Martin hatte sich schon unter das Daunen gekuschelt. Er nahm mich in die Arme; ich zog die Knie hoch, unter seinen gekrümmten Beinen, den Rücken gegen ihn gedrückt, um mich an seinem Körper zu wärmen. Er lachte leise.
'Um ehrlich zu sein, ich habe Angst vor Gewitter. Da würde ich mich am liebsten unter dem Bett verkriechen.'
'Das kannst du bei mir nicht. Ich habe einen Futon.'
'Gott sei Dank ist es bald vorbei. Hat das Haus eigentlich einen Blitzableiter?'
'Ich weiß nicht.'
Martin räusperte sich, suchte eine Melodie und summte sie vor sich hin.
'Unter den Dächern von Paris. Hat das nicht Yves Montand gesungen? Oder Edith Piaf? Ist ja egal, ich würde lieber im Parterre wohnen! '
Ich lachte, wobei ich gleichzeitig mit den Zähnen klapperte. 'Du bist ja ganz klamm!' sagte Martin. 'Dann wärme mich.'
Er drückte mich enger an sich; seine Lippen knabberten an meinen Ohrläppchen, wanderten über mein Gesicht und suchten meinen Mund. Martin küßte gut und zeigte sich auch in anderen Dingen ganz geschickt. Leider mochte er begehrenswerte Frauen mit großen Busen, und bei mir kam er nicht ganz auf seine Rechnung. Aber ich würde mir kein Silikon einsetzen lassen, bloß um einem Mann zu gefallen.
Martin kam aus Yale, Connecticut, wo er das College besucht hatte. Er war Stipendiat der John-Hopkins-Universität, wo er als Wissenschaftsjournalist promovierte. Daneben hatte er sich als Fotograf ausbilden lassen, sich auf Vulkane spezialisiert und bei einem Wettbewerb des amerikanischen Fotografenverbandes den zweiten Preis gewonnen. Seine Farbfotos über den Ausbruch des Mayon-Vulkans auf den Philippinen waren atemberaubend schön.
Martin war für waghalsige Reportagen an Kraterseen und Lavaströmen bekannt. Als ich ihn kennenlernte, hatte er schon zwei Bildbände veröffentlicht. Wir begegneten uns im CNRS - im Centre National de la Recherche Scientifique -,wo ich seit drei Jahren arbeitete. Martin war für die UNESCO im Rahmen eines Projektes über die Erscheinungen des Vulkanismus tätig. Das CNRS beteiligte sich am gleichen Projekt. Zu Neujahr hatte das Institut die übliche Party veranstaltet. Eine Menge Leute waren anwesend. Forscher und Wissenschaftsjournalisten beherrschen die Kunst, sich ohne Pathos in Szene zu setzen; sie gehen in einer Aura bescheidenen Glanzes einher. Ähnlich wie Korrespondenten und Pressevertreter erwarten sie, als VIPs zu reisen und nur in den besten Hotels untergebracht zu werden. Pullover, ausgebeulte Hosen und Pfeiferauchen gehören bei ihnen zum guten Ton. Einige sind ausgeglichen, freundlich, beziehen ein geringes Gehalt und leben von aufrichtigem Idealismus.
Martin war mir aufgefallen, weil er fast zwei Meter groß war und einen Trenchcoat in der gleichen blauen Farbe wie meiner trug. Er wirkte trotz seiner Körpergröße schüchtern. Mir wurde erst später klar, daß er diese Eigenschaft sehr bewußt kultivierte. Es war eine Pose: Er hatte Erfolg gehabt und fühlte sich gezwungen, Bescheidenheit vorzutäuschen, aus Angst, sein Ehrgeiz könnte entdeckt werden. Er gab sich zurückhaltend, wenn auch salopp, und hielt seinen Noilly-Prat wie ein Schuljunge auf der ersten Party. Sein gedehntes Französisch hörte sich angenehm an, er sprach es mit dem weichen Singsang der Amerikaner. Er erzählte mir, daß 'National Geographic' seine Reportage über die Geburt einer vulkanischen Insel vor der kolumbianischen Küste gebracht hatte. Eine prestigeträchtige Veröffentlichung, die ihm viel Neid eingetragen hatte.
'Fotoreporter leben von Rivalität. Sie schnappen sich gegenseitig die Aufträge weg, haben immer Angst, daß sie zu spät kommen. Sie nehmen erfolgreiches Bildmaterial unter die Lupe, kopieren Motiv, Einstellung und Belichtung und verkünden: >Ich mache die besseren Fotos!Als Frau hatte ich zuviel akuten Größenwahn unter Kollegen angetroffen, um mich an dieser Krankheit zu stoßen. Außerdem hatte ich noch nicht gemerkt, daß Martin sich verstellte.
'Sie werden Ihnen den Erfolg noch lange übelnehmen. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wenn ein Vulkan rumort, werden sie Ihnen kaum in das Sperrgebiet folgen.'
Die Party war langweilig; wir verließen frühzeitig das Gedränge und aßen einen Spinatkuchen in einer kleinen Weinstube in der Rue Beaubourg. Wir tranken dazu Rotwein.
'Als ich zum ersten Mal nach Frankreich kam', erzählte Martin, 'habe ich in einem nichtssagenden Lokal meine erste Quiche gegessen, mit duftenden Zwiebeln und geräuchertem Speck gefüllt. Ein ganz einfaches Gericht, keine Kreation der Nouvelle Cuisine, doch ist mir diese Quiche unter den vielen Gerichten, die ich gegessen hatte, am stärksten in Erinnerung geblieben. Sie war Ausdruck einer Kultur.'
Ich fand ihn nett. Er war beweglich und gut gebaut, obwohl er - wie manche Amerikaner - zu breiten Hüften neigte. Und er lächelte, wobei er eine Wangenseite höher zog als die andere. Er hatte eine Narbe, kaum haaresbreit, genau in der linken Lachfalte; als kleiner Junge hatte er sich mit dem Rasiermesser seines Vaters geschnitten. Martin lächelte selten, und das war schade; es stand ihm gut. Er fragte mich, ob ich gerne kochen würde. Ich schüttelte amüsiert den Kopf.
'Mein Vater ist Italiener und liebt gutes Essen. Aber ich koche selten. Ich habe keine Geduld für solche Dinge. Und Sie?'
'Doch', sagte er langsam. 'Ich glaube, ich bin ein guter Koch.'
Er betrachtete mich intensiv. Seine Augen waren saphirblau und sehr glänzend.
'Sind Sie verheiratet?' Ich schüttelte den Kopf. ' Nein. Und Sie?'
Martin zeigte sein flüchtiges Lächeln. 'Ich bin geschieden.'
Er erzählte mir von den zwei Jahren seines Lebens, in denen er mit einer Kommilitonin verheiratet gewesen war.
'Wir waren beide zwanzig. Aber Karen sah unsere Beziehung unter dem Blickpunkt der Konkurrenz. Schließlich merkte ich, um wieviel leichter das Leben wird, wenn man Frauen trifft, die nicht das gleiche College besucht haben.'
Ich lachte.
'Das kann ich mir lebhaft vorstellen.'
Martin bestritt, irgendeiner Tiefgründigkeit nachspüren zu wollen. Die visionäre Schönheit seiner Bilder führte er auf das rein Ästhetische zurück.
'Ich komponiere meine Fotos wie ein Maler sein Bild, wobei ich das Reale durch Farbakzente emotional unterstütze. Natürlich fordert diese Formulierung Präzision. Und am Rande eines glühenden Kraters erreicht die physische Belastung oft die Grenzen des Erträglichen.'
Im Geist tastete ich mich behutsam an ihn heran. Er bemühte sich, mir einen Eindruck von distanzierter Sachlichkeit zu geben. Ich glaubte ihm nicht ganz. Er kam mir zwieschichtig vor, mit einem verdoppelten Ich. Gewisse Vorstellungen ließ er im dunkeln verborgen und befaßte sich lieber mit Fakten. Bei mir gehen Denken und Handeln, Gefühle und Wahrnehmungen unbefangen ineinander über. Und weil ich auf Intuitionen empfindsam reagiere, mehr auf den Herzschlag höre als auf den Verstand, war ich in Martins Augen keine richtige Forscherin. Aber darüber redeten wir erst später.
Martin wohnte bei einer befreundeten amerikanischen Familie in Chaillot, da er - wie er sagte - nicht gerne auf längere Zeit im Hotel lebte. Meine dürftig eingerichtete Zweizimmerwohnung mit den Möbeln aus Rohrgeflecht gefiel ihm. Außer einem flachen japanischen Bett und einem alten Schrank vom Flohmarkt besaß ich nur ein vollgestopftes Bücherregal und eine Stereoanlage. Vor dem Fenster stand mein Arbeitstisch mit dem Computer. Ein Tisch mit vier Stühlen nahm in der altertümlichen Küche fast den ganzen Platz ein. Das Badezimmer verfügte über eine Wanne auf Füßen und ein riesiges Lavabo mit einem Wasserhahn aus Messing in Form eines Schwans. Das Museumsstück hatte meine Vorgängerin, eine polnische Musiklehrerin, vor etlichen Jahrzehnten mal montieren lassen. Martin wirkte sehr belustigt und besah sich alles ganz genau. Die Wände, früher mit einer gräßlichen Blümchentapete überzogen, hatte ich weiß gestrichen. An einer Wand hing ein großes Ölbild: Aus violetter Dunkelheit schoß eine Säule empor, goldgesprenkelt, lichtdurchströmt, je nach Beleuchtung orangerot oder grünlich schimmernd. Das Bild hieß 'Sonnenaufgang' und trug den Namenszug eines italienischen Künstlers. Mein Vater hatte es in einer Ausstellung erworben und mir zum Abitur geschenkt.
Ich träume jedesmal von Nonna, wenn sich etwas Wesentliches in meinem Leben ankündigt. Das Traumbild wechselt, flimmernd wie ein unscharfer Filmstreifen, und ergibt auch nicht immer einen Sinn. Wenn ich erwache, verblaßt es bereits, aber irgendwie in mir schwebt die Erinnerung. Ich weiß, daß es eine andere Wirklichkeit als meine gibt, das wußte ich schon als Kind. Nonna hat mich nie ganz verlassen, obwohl sie längst gestorben ist. Ihr Fortbestehen, an der Schwelle zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, wurde für mich zur natürlichen Gegebenheit. Manchmal verfließt diese Grenze, und Nonna erscheint mir im Traum. Und jedesmal führt sie mich in meine Kindheit zurück, formt Bilder und Gefühle in mir, die mit einem ganz besonderen Ereignis in Verbindung stehen. Der Ort: Casa Monte, das alte Haus in Montereale Celina, in dem sie vor achtzig Jahren zur Welt kam. Der Zeitpunkt: der fünfzehnte August, am späten Nachmittag. Mein Alter: zehn. In dieser Nacht waren die Bilder ungewöhnlich deutlich. Ich sah mich selbst, im großen Spiegel über Nonnas Kommode. Ein zartes Kind, mit dunklen Zöpfen und mandelförmigen Augen. Das Gesicht rund, sonnengebräunt und sehr glatt, der Ausdruck nachdenklich.
Während ich mich betrachtete, sah ich im Spiegel hinter meinem Gesicht das von Nonna. Ihr noch schwarzes Haar trug sie so über den Kopf hochgesteckt, daß die Stirn, die fast keine Falten zeigte, frei blieb. Nur das Kinn war schlaff geworden, und das Alter hatte ihre Augen getrübt. An jenem Nachmittag hatte sie eine Stunde in ihrem verdunkelten Zimmer geschlafen und war noch nicht angekleidet. Sie trug ihren weißen Morgenmantel und darunter einen hellblauen Unterrock aus Kunstseide. Sie war knapp über sechzig: eine große Frau, mit einem wunderschönen Rücken, breiten Hüften und einer ganz schmalen Taille. Ihre kleinen Füße steckten in koketten Hausschuhen. Ihre Nase war freundlich, ihr großzügiger Mund lag weich um ihre noch tadellosen Zähne. An ihrem Körper war die Haut hell wie Elfenbein. Nur Arme und Hände, von der Sonne gebräunt, wiesen einige Flecken auf. 'Ariana, vieni qui!'
Sie setzte sich auf das ungemachte Bett und zog mich zwischen ihre Knie, um mein Haar neu zu flechten. Meine Mutter beklagte sich, daß ich beim Frisieren nie ruhig blieb, aber bei Nonna hielt ich geduldig still. Sie flocht meine Zöpfe mit ihren gelenkigen Händen, wobei sie ein Volkslied aus ihrer eigenen Kindheit summte. Ihre Stimme war klar, tief im Ton. Nur die dunkle Aussprache der Konsonanten, den schleppenden friaulanischen Akzent hatte sie bewahrt.
'A laferia de l'est per due soldi un topolino mi padre mi compro.'
'Auf der Kirmes im Osten kaufte mir mein Vater für zwei Groschen ein Mäuschen.'
Sie unterbrach sich, runzelte leicht die Brauen.
'Hörst du, Piccina? Hörst du, wie es donnert?'
Ich lauschte. Dunkles, undeutliches Brummen wehte von Hügel zu Hügel, als ob in einem Augenblick des Fieberwahns die Berge erwacht waren. Ein Gewitter! Ich war sehr aufgeregt, von freudiger Erwartung erfüllt. Ich liebte wilde Wolkenstrudel, prasselnden Regen, das Flattern der Blitze.
'Regen ist gut für die Pflanzen', sagte Nonna. 'Nach dieser Trockenheit! '
Sie band meine Schleifen fest, erhob sich, wobei sie sich unter dem Büstenhalter kratzte und sich ächzend die Hüften massierte. Ihre Gelenke schmerzten, wenn das Wetter sich änderte. Die Krankheit, die sie einige Jahre später an den Rollstuhl fesseln sollte, kündigte sich schon in ihren Knochen an.
'Geh, Piccina! Geh spielen. Ich komme gleich.'
Ich tänzelte die Steintreppe herunter, summte das Lied vor mich hin, das sie gerade gesungen hatte.
'A la feria de l'est, per due soldi.'
Maria stand in der Küche und rollte einen Teig. Ihre Arme waren bis zum Ellbogen mit weißem Mehlstaub überpudert.
'Heiliger Himmel, diese Hitze! ' 'Ich weiß, was da kommt! ' rief ich. 'Ein Gewitter!'
'Jesusmaria!' seufzte Maria, 'hoffentlich wird es nicht schlimm! '
Ich lief an die offene Haustür. Die warme Luft schlug mir wie aus einem Ofen entgegen. Die Gerüche von reifen Maulbeerfrüchten, warmem Salbei und trockenem Kuhmist waren zu einem einzigen Dunst vermischt. Mein T-Shirt klebte am Nacken. Alles war windstill. Plötzlich ertönte in der Ferne ein explosionsartiger, dumpfer Laut. Ein paar Vögel flatterten unruhig unter den Dachziegeln auf. Ich beobachtete die ersten Wolkenschwaden, die wie graue Watte über das Dorf hinwegzogen. Die Sonnenscheibe darin war nur ein kreisrunder weißer Fleck. Jener Teil des Himmels, hoch über den Wolken, war still und klar und ohne feste Substanz. Aber der untere Teil des Himmels, der tief über den Bergen hing, barg Sturm, Donner, Hagel und Schnee. Schwefelgelbe, fast grünliche Wolken schoben sich über die Hügel, wirbelten umeinander und wurden dunkler. Als Fabrizio mit dem Traktor durch das große Tor fuhr, nahm der Wind plötzlich zu. Die schwarze Dogge Cesare - die Fabrizio manchmal Il Duce nannte - sprang ihm bellend entgegen. Fabrizio fuhr den Traktor vor die Scheune, sprang von seinem Sitz und klatschte Cesare auf das nasse Fell. Schweißtropfen, mit Staub vermischt, klebten auf seinem hageren Gesicht.
'So ein Himmel! ' sagte er zu mir.
Ich starrte zu den Wolken empor, pfiff unmelodisch und nervös zwischen den Zähnen. Fabrizio stapfte in die Küche, und Cesare lief hechelnd neben ihm her. Maria schlug den Teig zusammen, rollte ihn unermüdlich wieder aus, bis an den dünnsten Stellen das Licht durchschimmerte.
'Du bist früh da', sagte sie. 'Du machst dir wohl Gedanken.' Fabrizio holte Bier aus dem Kühlschrank.
'Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich zu Hause bin.'
Er öffnete mit leisem Knall die Bierbüchse und trank. Maria wischte sich mit den Handrücken über die Stirn.
'Gerade habe ich den Wetterbericht gehört. Sie haben gesagt, daß es heute nacht etwas gibt.'
Es wurde eine Nacht voller Beunruhigung und Schrecken. Eine Nacht, in der du hättest sterben sollen, Nonna. Dein Tod trat nicht ein, weil ich es nicht wollte. Weil ich unerschrocken und neugierig war, wie kleine Mädchen es sind. Weil ich bestimmte Dinge aus dem Instinkt heraus machte. Und keine Schmerzen empfand, als das Entscheidende geschah. Es ist eine merkwürdige Geschichte, nicht wahr? Und danach war ich mehrere Tage außerstande, von dem zu erzählen, was geschehen war. Das, was in den Zeitungen stand, entsprach nicht im geringsten der Wahrheit. Es ist übersehen worden, daß ich ja nur zehn Jahre alt war. Ich glaube, man kann es auf verschiedene Weise erklären. Vielleicht lag es an meinem Erbgut und entsprach meiner Bestimmung - aber davon hatte mich niemand in Kenntnis gesetzt, auch du nicht. Ich gebe mir Mühe zu verstehen, aber ich merke oft, daß mich meine Phantasie zum Narren hält. Vielleicht sollte ich nicht zuviel darüber nachdenken. Verzeih mir.
Was sagst du, Nonna, wer bin ich?
Nonna lebte noch fünfzehn Jahre, sieben davon im Rollstuhl.
Sie litt an Osteoporose. Die Krankheit fraß sich durch ihre Knochen, zersplitterte ihre Wirbel bis zum Hals. Operieren konnte man sie nicht mehr.
'Piccina, setz dich zu mir und erzähl mir was Neues', sagte sie mit ihrer brüchigen Stimme, wenn ich sie in Mailand im Altersheim besuchte. Sie drückte meine Hände, wie alte Menschen es zu tun pflegen, als ob sie sich der Lebenskraft der Jüngeren versichern wollten. Ihre Vorwürfe klangen zärtlich und ironisch:
'Ich bin eine alte Frau, du denkst nicht mehr an mich. Ich weiß ja, du hast Besseres zu tun. Aber ich langweile mich so!' Sie sang vor sich hin: 'Alaferiadel est.' und wiegte den Kopf, langsam und unbeholfen, als ob das Gewicht zu schwer für ihr schmales Genick wurde.
Ich war nicht bei ihr, als sie starb, aber den Augenblick habe ich genau gefühlt.
Auch Fabrizio ist tot: ein Unfall auf der Autobahn. Maria lebt bei ihrem Bruder in Udine und führt ihm den Haushalt. Sie schickt mir einmal im Jahr eine kitschige Weihnachtskarte.
Über diese Sache, damals, hat sie nie mehr gesprochen.
1. Kapitel
Geisterhaftes Licht zuckte durch die Dunkelheit. Ein Donnerschlag zerriß die Nacht, fegte über die Dächer. Es folgte das Prasseln eines Regenschauers. Ich erwachte und blinzelte verwirrt; das ganze Zimmer war von der Helle der Blitze erleuchtet. Die Donnerschläge entluden sich in wütendem Widerhall. Das Gewitter hatte sich aus meinem Traum in die Wirklichkeit verlagert. Als eine Stille von wenigen Sekunden eintrat, hörte ich Martin atmen. Ich warf die Decke zurück, meine nackten Füße berührten den Boden. Ich stand auf, trat dicht an das Fenster. Zuerst konnte ich nichts Deutliches sehen, wegen dem Tropfennetz, das zitternd an der Scheibe klebte. Ich wischte mit der Hand über das Glas. Der Sturm jagte die schweren Wolken wie Fetzen am Nachthimmel dahin; zuweilen öffnete sich ein Loch in dieser Finsternis, und ich erblickte flüchtig ein paar klare, glänzende Sterne. Ich hob meine Uhr an die Augen, wartete auf den nächsten Blitz, um das Zifferblatt zu erkennen. Halb vier. Paris schlief. An der Place du Contrescarpe waren Bistros und Cafes längst geschlossen. Hoch oben an der düsteren Häuserfront entdeckte ich ein einziges erleuchtetes Fenster, gerade unter dem Dach, ein goldenes Licht im weißen Feuerwerk der Blitze.
Meine Hände tasteten über den Fensterrahmen. Ich fand den Griff, drückte ihn herunter. Das Fenster flog auf. Ich beugte mich hinaus, in den kalten Wind. Die Tropfen fielen herab, wie aus der Luft herausgesprüht; sie glitzerten bei jedem Blitz wie Edelsteine. Ich spürte den Regen auf mein Gesicht prasseln, und mein T-Shirt war in zwei Sekunden klatschnaß.
Jetzt, bei offenem Fenster, war das Getöse ohrenbetäubend. Die Blitze schlugen gleichzeitig von allen Seiten durch die Nacht, ließen violette und grünliche Spuren in den Augen zurück.
Durch das Rauschen und Krachen hörte ich eine Stimme hinter mir, die etwas rief. Ich wandte mich um; Martins Gestalt wurde im Aufflackern der Blitze sichtbar. Er tastete sich zum Fenster, packte den Griff und schloß es, daß die Scheiben klirrten. Durch das beschlagene Glas waren die Blitze nur noch als weißliches Leuchten sichtbar, und das Krachen des Donners ging in dumpfes Rollen über.
'Du bist ja ganz naß! ' keuchte Martin. 'Bist du wahnsinnig?'
'Ein herrliches Gewitter!'
'Darüber kann man geteilter Meinung sein.'
Ich verschränkte schlotternd die Arme. Ein Blitzknäuel zuckte über die Dächer; der nächste Donnerschlag klang gedämpft: Das Gewitter wanderte nach Süden.
'So komm doch, du erkältest dich ja', sagte Martin.
Ich streifte mein feuchtes T-Shirt über den Kopf, rieb mir die Haare trocken. Dann warf ich das zerknüllte T-Shirt auf den Boden, legte mich wieder zu Bett. Martin hatte sich schon unter das Daunen gekuschelt. Er nahm mich in die Arme; ich zog die Knie hoch, unter seinen gekrümmten Beinen, den Rücken gegen ihn gedrückt, um mich an seinem Körper zu wärmen. Er lachte leise.
'Um ehrlich zu sein, ich habe Angst vor Gewitter. Da würde ich mich am liebsten unter dem Bett verkriechen.'
'Das kannst du bei mir nicht. Ich habe einen Futon.'
'Gott sei Dank ist es bald vorbei. Hat das Haus eigentlich einen Blitzableiter?'
'Ich weiß nicht.'
Martin räusperte sich, suchte eine Melodie und summte sie vor sich hin.
'Unter den Dächern von Paris. Hat das nicht Yves Montand gesungen? Oder Edith Piaf? Ist ja egal, ich würde lieber im Parterre wohnen! '
Ich lachte, wobei ich gleichzeitig mit den Zähnen klapperte. 'Du bist ja ganz klamm!' sagte Martin. 'Dann wärme mich.'
Er drückte mich enger an sich; seine Lippen knabberten an meinen Ohrläppchen, wanderten über mein Gesicht und suchten meinen Mund. Martin küßte gut und zeigte sich auch in anderen Dingen ganz geschickt. Leider mochte er begehrenswerte Frauen mit großen Busen, und bei mir kam er nicht ganz auf seine Rechnung. Aber ich würde mir kein Silikon einsetzen lassen, bloß um einem Mann zu gefallen.
Martin kam aus Yale, Connecticut, wo er das College besucht hatte. Er war Stipendiat der John-Hopkins-Universität, wo er als Wissenschaftsjournalist promovierte. Daneben hatte er sich als Fotograf ausbilden lassen, sich auf Vulkane spezialisiert und bei einem Wettbewerb des amerikanischen Fotografenverbandes den zweiten Preis gewonnen. Seine Farbfotos über den Ausbruch des Mayon-Vulkans auf den Philippinen waren atemberaubend schön.
Martin war für waghalsige Reportagen an Kraterseen und Lavaströmen bekannt. Als ich ihn kennenlernte, hatte er schon zwei Bildbände veröffentlicht. Wir begegneten uns im CNRS - im Centre National de la Recherche Scientifique -,wo ich seit drei Jahren arbeitete. Martin war für die UNESCO im Rahmen eines Projektes über die Erscheinungen des Vulkanismus tätig. Das CNRS beteiligte sich am gleichen Projekt. Zu Neujahr hatte das Institut die übliche Party veranstaltet. Eine Menge Leute waren anwesend. Forscher und Wissenschaftsjournalisten beherrschen die Kunst, sich ohne Pathos in Szene zu setzen; sie gehen in einer Aura bescheidenen Glanzes einher. Ähnlich wie Korrespondenten und Pressevertreter erwarten sie, als VIPs zu reisen und nur in den besten Hotels untergebracht zu werden. Pullover, ausgebeulte Hosen und Pfeiferauchen gehören bei ihnen zum guten Ton. Einige sind ausgeglichen, freundlich, beziehen ein geringes Gehalt und leben von aufrichtigem Idealismus.
Martin war mir aufgefallen, weil er fast zwei Meter groß war und einen Trenchcoat in der gleichen blauen Farbe wie meiner trug. Er wirkte trotz seiner Körpergröße schüchtern. Mir wurde erst später klar, daß er diese Eigenschaft sehr bewußt kultivierte. Es war eine Pose: Er hatte Erfolg gehabt und fühlte sich gezwungen, Bescheidenheit vorzutäuschen, aus Angst, sein Ehrgeiz könnte entdeckt werden. Er gab sich zurückhaltend, wenn auch salopp, und hielt seinen Noilly-Prat wie ein Schuljunge auf der ersten Party. Sein gedehntes Französisch hörte sich angenehm an, er sprach es mit dem weichen Singsang der Amerikaner. Er erzählte mir, daß 'National Geographic' seine Reportage über die Geburt einer vulkanischen Insel vor der kolumbianischen Küste gebracht hatte. Eine prestigeträchtige Veröffentlichung, die ihm viel Neid eingetragen hatte.
'Fotoreporter leben von Rivalität. Sie schnappen sich gegenseitig die Aufträge weg, haben immer Angst, daß sie zu spät kommen. Sie nehmen erfolgreiches Bildmaterial unter die Lupe, kopieren Motiv, Einstellung und Belichtung und verkünden: >Ich mache die besseren Fotos!Als Frau hatte ich zuviel akuten Größenwahn unter Kollegen angetroffen, um mich an dieser Krankheit zu stoßen. Außerdem hatte ich noch nicht gemerkt, daß Martin sich verstellte.
'Sie werden Ihnen den Erfolg noch lange übelnehmen. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wenn ein Vulkan rumort, werden sie Ihnen kaum in das Sperrgebiet folgen.'
Die Party war langweilig; wir verließen frühzeitig das Gedränge und aßen einen Spinatkuchen in einer kleinen Weinstube in der Rue Beaubourg. Wir tranken dazu Rotwein.
'Als ich zum ersten Mal nach Frankreich kam', erzählte Martin, 'habe ich in einem nichtssagenden Lokal meine erste Quiche gegessen, mit duftenden Zwiebeln und geräuchertem Speck gefüllt. Ein ganz einfaches Gericht, keine Kreation der Nouvelle Cuisine, doch ist mir diese Quiche unter den vielen Gerichten, die ich gegessen hatte, am stärksten in Erinnerung geblieben. Sie war Ausdruck einer Kultur.'
Ich fand ihn nett. Er war beweglich und gut gebaut, obwohl er - wie manche Amerikaner - zu breiten Hüften neigte. Und er lächelte, wobei er eine Wangenseite höher zog als die andere. Er hatte eine Narbe, kaum haaresbreit, genau in der linken Lachfalte; als kleiner Junge hatte er sich mit dem Rasiermesser seines Vaters geschnitten. Martin lächelte selten, und das war schade; es stand ihm gut. Er fragte mich, ob ich gerne kochen würde. Ich schüttelte amüsiert den Kopf.
'Mein Vater ist Italiener und liebt gutes Essen. Aber ich koche selten. Ich habe keine Geduld für solche Dinge. Und Sie?'
'Doch', sagte er langsam. 'Ich glaube, ich bin ein guter Koch.'
Er betrachtete mich intensiv. Seine Augen waren saphirblau und sehr glänzend.
'Sind Sie verheiratet?' Ich schüttelte den Kopf. ' Nein. Und Sie?'
Martin zeigte sein flüchtiges Lächeln. 'Ich bin geschieden.'
Er erzählte mir von den zwei Jahren seines Lebens, in denen er mit einer Kommilitonin verheiratet gewesen war.
'Wir waren beide zwanzig. Aber Karen sah unsere Beziehung unter dem Blickpunkt der Konkurrenz. Schließlich merkte ich, um wieviel leichter das Leben wird, wenn man Frauen trifft, die nicht das gleiche College besucht haben.'
Ich lachte.
'Das kann ich mir lebhaft vorstellen.'
Martin bestritt, irgendeiner Tiefgründigkeit nachspüren zu wollen. Die visionäre Schönheit seiner Bilder führte er auf das rein Ästhetische zurück.
'Ich komponiere meine Fotos wie ein Maler sein Bild, wobei ich das Reale durch Farbakzente emotional unterstütze. Natürlich fordert diese Formulierung Präzision. Und am Rande eines glühenden Kraters erreicht die physische Belastung oft die Grenzen des Erträglichen.'
Im Geist tastete ich mich behutsam an ihn heran. Er bemühte sich, mir einen Eindruck von distanzierter Sachlichkeit zu geben. Ich glaubte ihm nicht ganz. Er kam mir zwieschichtig vor, mit einem verdoppelten Ich. Gewisse Vorstellungen ließ er im dunkeln verborgen und befaßte sich lieber mit Fakten. Bei mir gehen Denken und Handeln, Gefühle und Wahrnehmungen unbefangen ineinander über. Und weil ich auf Intuitionen empfindsam reagiere, mehr auf den Herzschlag höre als auf den Verstand, war ich in Martins Augen keine richtige Forscherin. Aber darüber redeten wir erst später.
Martin wohnte bei einer befreundeten amerikanischen Familie in Chaillot, da er - wie er sagte - nicht gerne auf längere Zeit im Hotel lebte. Meine dürftig eingerichtete Zweizimmerwohnung mit den Möbeln aus Rohrgeflecht gefiel ihm. Außer einem flachen japanischen Bett und einem alten Schrank vom Flohmarkt besaß ich nur ein vollgestopftes Bücherregal und eine Stereoanlage. Vor dem Fenster stand mein Arbeitstisch mit dem Computer. Ein Tisch mit vier Stühlen nahm in der altertümlichen Küche fast den ganzen Platz ein. Das Badezimmer verfügte über eine Wanne auf Füßen und ein riesiges Lavabo mit einem Wasserhahn aus Messing in Form eines Schwans. Das Museumsstück hatte meine Vorgängerin, eine polnische Musiklehrerin, vor etlichen Jahrzehnten mal montieren lassen. Martin wirkte sehr belustigt und besah sich alles ganz genau. Die Wände, früher mit einer gräßlichen Blümchentapete überzogen, hatte ich weiß gestrichen. An einer Wand hing ein großes Ölbild: Aus violetter Dunkelheit schoß eine Säule empor, goldgesprenkelt, lichtdurchströmt, je nach Beleuchtung orangerot oder grünlich schimmernd. Das Bild hieß 'Sonnenaufgang' und trug den Namenszug eines italienischen Künstlers. Mein Vater hatte es in einer Ausstellung erworben und mir zum Abitur geschenkt.