Eine geheime Liebe
Roman
Paola Calvetti(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 10. May 2010
Book
Paperback/Softback
208 pages
978-3-442-47276-5 (ISBN)
Description
Die Geschichte einer Liebe, die nie gelebt werden durfte, und die Geschichte zweier Frauen, die diese geheime Liebe zu Freundinnen macht
Als Lucrezia nach dem Tod ihres Vaters, eines berühmten Cellisten, dessen Nachlass ordnet, stößt sie auf eine Blechschachtel mit alten Briefen. Die Briefe offenbaren ihr, wovon sie nicht die geringste Ahnung hatte: Ihr Vater hatte zeitlebens eine heimliche Geliebte - Costanza. Lucrezia verspürt sofort den Wunsch, diese besondere Frau zu treffen, und besucht sie in ihrem Landhaus in der Provence. Im Gepäck hat sie ein letztes Dokument des Vaters, das sie Costanza überbringen soll und das deren Erinnerungen an den Geliebten für immer verändern wird.
Als Lucrezia nach dem Tod ihres Vaters, eines berühmten Cellisten, dessen Nachlass ordnet, stößt sie auf eine Blechschachtel mit alten Briefen. Die Briefe offenbaren ihr, wovon sie nicht die geringste Ahnung hatte: Ihr Vater hatte zeitlebens eine heimliche Geliebte - Costanza. Lucrezia verspürt sofort den Wunsch, diese besondere Frau zu treffen, und besucht sie in ihrem Landhaus in der Provence. Im Gepäck hat sie ein letztes Dokument des Vaters, das sie Costanza überbringen soll und das deren Erinnerungen an den Geliebten für immer verändern wird.
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-47276-5 (9783442472765)
Schweitzer Classification
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E-Book
05/2025
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Persons
Paola Calvetti wurde 1958 in Mailand geboren, wo sie auch heute noch lebt. Nach Stationen als Pressesprecherin des italienischen Touring Club und der Mailänder Scala schrieb die renommierte Journalistin für große italienische Tageszeitungen und Frauenmagazine. Alle ihre Romane standen in Italien auf der Bestsellerliste und wurden mit Preisen ausgezeichnet.
Content
Meine liebe Freundin,
mitten in der unwirklichen Ruhe einer ungewöhnlich verschneiten Provence sitze ich an dem kleinen Schreibtisch, den Tnierry in unser Schlafzimmer gestellt hat, direkt vor das Fenster. Seine Umstellung war ein liebevolles Zugeständnis an mein ewiges Rückzugsbedürfnis. Heute Morgen nach dem Frühstück hat sich Tnierry mit unserem Antiquitätenhändler in Isle-sur-la-Sorgue verabredet. 'Ich habe mit Pocquelin telefoniert', hat er gesagt und mich überschwänglich an sich gedrückt. 'Angeblich hat er einen Tisch aufgetrieben, der perfekt zu den beiden Stühlen am Eingang passt. Ich schau ihn mir mal an.'
Von meinem friedlichen Winkel aus sehe ich ihn in seinem gemächlichen Gang aufbrechen, betrachte seine breiten, einladenden Schultern, seine zurückhaltende Eleganz und preise den Augenblick, da ich ihn mit tausenden von Büchern und unbeschwerten Erinnerungen in dieses Haus aufgenommen habe. Der Garten wirkt verlassen mit seinen sanften, harmonischen Umrissen und den Bäumen, die sich dem Auge nun vollkommen kahl darbieten. Weißer Puder bedeckt die Terrakottakübel. Der unschuldige Schnee gibt ihnen den Anschein von Perfektion und löscht jede Erinnerung aus. Eine Miniaturwelt. Selbst die Schneeflocken, die sich auf dem Rasen, wo die Pfoten vom Hund der Nachbarn weiche Spuren hinterlassen haben, wieder zu einer unberührten Decke zusammenschließen, trösten mich in ihrer Winzigkeit. Der Bildschirm meines Computers ist erloschen. Die Tastatur steht unberührt da und ist womöglich eifersüchtig auf den alten Füllfederhalter, den ich in der Schublade gefunden habe und nun verwende, um Kontakt zu Dir aufzunehmen. Ich muss Dir unbedingt schreiben, wenigstens heute.
Kannst Du Dir mit dem schonungslosen Verstand Deiner vierundsiebzig Jahre vorstellen, dass ich von unendlicher Zärtlichkeit beseelt bin? Ich hoffe es sehr, denn genau das ist passiert, als ich kürzlich diesen Brief bekam. Und auch als ich die neun Ziffern seiner Telefonnummer wählte, einem Impuls folgend, der keinen Platz für andere Gedanken ließ. Mein Herz war aufgewühlt. Wie das einer jungen Frau.
Sehr geehrte Signora,
vor Monaten hat mein Vater den Wunsch geäußert, auf dem Friedhof eines kleinen Dorfes in der Nähe von Florenz begraben zu werden. Nie zuvor hatte er über den Tod gesprochen. Für ihn war er stets eine ferne Möglichkeit. Körperlich robust war mein Vater nicht gerade, und doch haben wir ihn immer für unsterblich gehalten.
Zurzeit sortiere ich seine Bücher. Er hat verfügt, dass wir Schwestern sie unter uns aufteilen und dabei der strengen alphabetischen Ordnung folgen sollen. Nicht auf die Masse, sondern auf den Wert der Dinge sollen wir achten, das hat er uns immer beizubringen versucht.
Im Regal mit den Romanen habe ich eine Blechschachtel mit Briefen gefunden, alle ohne Umschlag, alle mit C. unterschrieben. Von meiner Mutter waren sie nicht.
Ich würde mich gerne mit Ihnen treffen, Signora. Wenn es Ihnen recht ist, würde ich in die Provence kommen.
In der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören, übermittle ich Ihnen meine herzlichsten Grüße,
Lucrezia
Freitag
Vormittags habe ich mir vorsichtshalber das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy angehört, der es mir hoffentlich nachsieht, dass ich seine Musik manchmal als Therapie gegen meine Ängste missbrauche. Die Platte stand im Regal, das ich ihrem Vater gewidmet habe: Brahms, Schubert, Schumann, Mendelssohn, einer neben dem anderen, unschuldige Komplizen romantischer Verirrungen. Musik für Liebesfilme. Eindringlich. Schön. Ein wenig verworren.
Die Platte hatte er mir an einem friedlichen Tag geschenkt. Virtuos von welchem Bogen auch immer gestrichen, ging von der Violine der brillante, gewundene Klang einer Pein aus, die ich zutiefst mit dem Morgen dieses einzigartigen Tages verband. Innerlich bereitete ich mich auf die Begegnung vor, es war die Generalprobe für ein wichtiges erstes Treffen. Die Fragen verfingen sich in meinem Gehirn und sprangen wie Tischtennisbälle hin und her, ein monotones, rhythmisches Geräusch. Wie soll ich sie begrüßen? Was soll ich sagen? Soll ich ihr bis zum Tor entgegengehen, oder wäre es besser, sie an der Tür zu empfangen, die Hände distanziert vor dem Körper verschränkt? Ist eine herzliche Umarmung angemessen oder eher ein höflicher Händedruck? Was will sie überhaupt von mir?
Einer Tochter die körperlichen Vorzüge ihres Vaters zu beschreiben, schien mir unangemessen, aber während ich im Wohnzimmer aus dem Fenster schaute und darauf wartete, dass sie aus der Allee auftauchte, konnte ich an nichts anderes denken. Würde sie es mit einer gewissen Milde ertragen, dass eine alte Dame es bis heute nicht verstanden hatte, sich in Schamhaftigkeit zu üben? Wir Alten können den Jungen vielleicht beibringen, wie man sich in die Arme schließt. 'Lange Arme müssen es sein', würde ich ihr erklären. 'Und sensible Finger. Die Handgelenke müssen zart sein. Elegant. Nachgiebig.'
Ich hatte Annette den Besuch eines wichtigen Gastes angekündigt. Einer Italienerin.
'Dann mache ich Spaghetti mit Tomatensoße. Und Kotelett', sagte sie mit ihrer schrillen Stimme und bemühte sich vergeblich, eine Vertrautheit wiederherzustellen, die mit der Zeit brüchig geworden war. Freundschaft hatte uns nie verbunden, allerdings sind wir auch nie wie Hausherrin und Bedienstete miteinander umgegangen. Ihrer notorischen Aufdringlichkeit wegen haben wir uns oft gestritten, aber immerhin ist sie Teil dieses Hauses, seit sie mit der Blumenfrau aus Saint-Remy hier aufgekreuzt ist, die Hände mit den ungepflegten Fingernägeln herrisch in die breiten Hüften gestemmt, einen Ausdruck von unendlicher Traurigkeit in den Augen. Der einzige Mensch, der ihr geblieben war, ein alter und - wenn man ihr Glauben schenken durfte - mürrischer Ehemann, hatte sich mit einem Bauerntölpel aus dem Staub gemacht. Nach Jahren des Zusammenlebens war diese unglückselige Stimme mit dem unverkennbar elsässischen Akzent immer noch ein Ärgernis, das ich nur ertrug, wenn ich mit dem richtigen Fuß aufgestanden war. Wie an diesem Tag. Dass Tnierry verreist war, erfüllte mich mit Erleichterung. Obwohl er jeden Winkel meiner Existenz kennt, hätte ich nicht gewusst, wie ich sie ihm hätte vorstellen sollen. Heute Morgen ist er nach Paris aufgebrochen und hat eine verdächtige Sehnsucht nach seinem Sohn Maurice und Seezungen 'Isidore' aus dem Artois vorgeschoben. Als ich aufgewacht bin, lag ein Zettel auf dem Kopfkissen: 'N'oublie pas. Je reviens.' Vergiss nicht, ich komme wieder. Dann das übliche hochwillkommene 'Ich liebe dich'.
Sie kam am Nachmittag. Aus unerklärlichen Gründen war es schon dunkel.
mitten in der unwirklichen Ruhe einer ungewöhnlich verschneiten Provence sitze ich an dem kleinen Schreibtisch, den Tnierry in unser Schlafzimmer gestellt hat, direkt vor das Fenster. Seine Umstellung war ein liebevolles Zugeständnis an mein ewiges Rückzugsbedürfnis. Heute Morgen nach dem Frühstück hat sich Tnierry mit unserem Antiquitätenhändler in Isle-sur-la-Sorgue verabredet. 'Ich habe mit Pocquelin telefoniert', hat er gesagt und mich überschwänglich an sich gedrückt. 'Angeblich hat er einen Tisch aufgetrieben, der perfekt zu den beiden Stühlen am Eingang passt. Ich schau ihn mir mal an.'
Von meinem friedlichen Winkel aus sehe ich ihn in seinem gemächlichen Gang aufbrechen, betrachte seine breiten, einladenden Schultern, seine zurückhaltende Eleganz und preise den Augenblick, da ich ihn mit tausenden von Büchern und unbeschwerten Erinnerungen in dieses Haus aufgenommen habe. Der Garten wirkt verlassen mit seinen sanften, harmonischen Umrissen und den Bäumen, die sich dem Auge nun vollkommen kahl darbieten. Weißer Puder bedeckt die Terrakottakübel. Der unschuldige Schnee gibt ihnen den Anschein von Perfektion und löscht jede Erinnerung aus. Eine Miniaturwelt. Selbst die Schneeflocken, die sich auf dem Rasen, wo die Pfoten vom Hund der Nachbarn weiche Spuren hinterlassen haben, wieder zu einer unberührten Decke zusammenschließen, trösten mich in ihrer Winzigkeit. Der Bildschirm meines Computers ist erloschen. Die Tastatur steht unberührt da und ist womöglich eifersüchtig auf den alten Füllfederhalter, den ich in der Schublade gefunden habe und nun verwende, um Kontakt zu Dir aufzunehmen. Ich muss Dir unbedingt schreiben, wenigstens heute.
Kannst Du Dir mit dem schonungslosen Verstand Deiner vierundsiebzig Jahre vorstellen, dass ich von unendlicher Zärtlichkeit beseelt bin? Ich hoffe es sehr, denn genau das ist passiert, als ich kürzlich diesen Brief bekam. Und auch als ich die neun Ziffern seiner Telefonnummer wählte, einem Impuls folgend, der keinen Platz für andere Gedanken ließ. Mein Herz war aufgewühlt. Wie das einer jungen Frau.
Sehr geehrte Signora,
vor Monaten hat mein Vater den Wunsch geäußert, auf dem Friedhof eines kleinen Dorfes in der Nähe von Florenz begraben zu werden. Nie zuvor hatte er über den Tod gesprochen. Für ihn war er stets eine ferne Möglichkeit. Körperlich robust war mein Vater nicht gerade, und doch haben wir ihn immer für unsterblich gehalten.
Zurzeit sortiere ich seine Bücher. Er hat verfügt, dass wir Schwestern sie unter uns aufteilen und dabei der strengen alphabetischen Ordnung folgen sollen. Nicht auf die Masse, sondern auf den Wert der Dinge sollen wir achten, das hat er uns immer beizubringen versucht.
Im Regal mit den Romanen habe ich eine Blechschachtel mit Briefen gefunden, alle ohne Umschlag, alle mit C. unterschrieben. Von meiner Mutter waren sie nicht.
Ich würde mich gerne mit Ihnen treffen, Signora. Wenn es Ihnen recht ist, würde ich in die Provence kommen.
In der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören, übermittle ich Ihnen meine herzlichsten Grüße,
Lucrezia
Freitag
Vormittags habe ich mir vorsichtshalber das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy angehört, der es mir hoffentlich nachsieht, dass ich seine Musik manchmal als Therapie gegen meine Ängste missbrauche. Die Platte stand im Regal, das ich ihrem Vater gewidmet habe: Brahms, Schubert, Schumann, Mendelssohn, einer neben dem anderen, unschuldige Komplizen romantischer Verirrungen. Musik für Liebesfilme. Eindringlich. Schön. Ein wenig verworren.
Die Platte hatte er mir an einem friedlichen Tag geschenkt. Virtuos von welchem Bogen auch immer gestrichen, ging von der Violine der brillante, gewundene Klang einer Pein aus, die ich zutiefst mit dem Morgen dieses einzigartigen Tages verband. Innerlich bereitete ich mich auf die Begegnung vor, es war die Generalprobe für ein wichtiges erstes Treffen. Die Fragen verfingen sich in meinem Gehirn und sprangen wie Tischtennisbälle hin und her, ein monotones, rhythmisches Geräusch. Wie soll ich sie begrüßen? Was soll ich sagen? Soll ich ihr bis zum Tor entgegengehen, oder wäre es besser, sie an der Tür zu empfangen, die Hände distanziert vor dem Körper verschränkt? Ist eine herzliche Umarmung angemessen oder eher ein höflicher Händedruck? Was will sie überhaupt von mir?
Einer Tochter die körperlichen Vorzüge ihres Vaters zu beschreiben, schien mir unangemessen, aber während ich im Wohnzimmer aus dem Fenster schaute und darauf wartete, dass sie aus der Allee auftauchte, konnte ich an nichts anderes denken. Würde sie es mit einer gewissen Milde ertragen, dass eine alte Dame es bis heute nicht verstanden hatte, sich in Schamhaftigkeit zu üben? Wir Alten können den Jungen vielleicht beibringen, wie man sich in die Arme schließt. 'Lange Arme müssen es sein', würde ich ihr erklären. 'Und sensible Finger. Die Handgelenke müssen zart sein. Elegant. Nachgiebig.'
Ich hatte Annette den Besuch eines wichtigen Gastes angekündigt. Einer Italienerin.
'Dann mache ich Spaghetti mit Tomatensoße. Und Kotelett', sagte sie mit ihrer schrillen Stimme und bemühte sich vergeblich, eine Vertrautheit wiederherzustellen, die mit der Zeit brüchig geworden war. Freundschaft hatte uns nie verbunden, allerdings sind wir auch nie wie Hausherrin und Bedienstete miteinander umgegangen. Ihrer notorischen Aufdringlichkeit wegen haben wir uns oft gestritten, aber immerhin ist sie Teil dieses Hauses, seit sie mit der Blumenfrau aus Saint-Remy hier aufgekreuzt ist, die Hände mit den ungepflegten Fingernägeln herrisch in die breiten Hüften gestemmt, einen Ausdruck von unendlicher Traurigkeit in den Augen. Der einzige Mensch, der ihr geblieben war, ein alter und - wenn man ihr Glauben schenken durfte - mürrischer Ehemann, hatte sich mit einem Bauerntölpel aus dem Staub gemacht. Nach Jahren des Zusammenlebens war diese unglückselige Stimme mit dem unverkennbar elsässischen Akzent immer noch ein Ärgernis, das ich nur ertrug, wenn ich mit dem richtigen Fuß aufgestanden war. Wie an diesem Tag. Dass Tnierry verreist war, erfüllte mich mit Erleichterung. Obwohl er jeden Winkel meiner Existenz kennt, hätte ich nicht gewusst, wie ich sie ihm hätte vorstellen sollen. Heute Morgen ist er nach Paris aufgebrochen und hat eine verdächtige Sehnsucht nach seinem Sohn Maurice und Seezungen 'Isidore' aus dem Artois vorgeschoben. Als ich aufgewacht bin, lag ein Zettel auf dem Kopfkissen: 'N'oublie pas. Je reviens.' Vergiss nicht, ich komme wieder. Dann das übliche hochwillkommene 'Ich liebe dich'.
Sie kam am Nachmittag. Aus unerklärlichen Gründen war es schon dunkel.