Wie die Liebe sein soll
Roman
Julie Buxbaum(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 7. September 2009
Book
Paperback/Softback
384 pages
978-3-442-46817-1 (ISBN)
Description
Eine wunderbare Liebesgeschichte für alle, die in Herzensangelegenheiten schon einmal verrückte Entscheidungen getroffen haben
Emily Haxby steht kurz davor, alles erreicht zu haben: Sie hat einen lukrativen Job in einer Anwaltskanzlei, lebt in einem schicken Apartment in Manhattan und hat in Andrew einen Partner, um den sie andere Frauen nur beneiden. Doch ausgerechnet als Andrew ihr einen Heiratsantrag macht, gehen die Gefühle mit ihr durch und sie beendet die Beziehung. Als frischgebackener Single-in-the-City versucht Emily sich Klarheit über ihr Seelenleben zu verschaffen, doch das ist mit einem dementen Großvater, einem launischen Chef und einem herrischen Vater gar nicht so einfach .
Emily Haxby steht kurz davor, alles erreicht zu haben: Sie hat einen lukrativen Job in einer Anwaltskanzlei, lebt in einem schicken Apartment in Manhattan und hat in Andrew einen Partner, um den sie andere Frauen nur beneiden. Doch ausgerechnet als Andrew ihr einen Heiratsantrag macht, gehen die Gefühle mit ihr durch und sie beendet die Beziehung. Als frischgebackener Single-in-the-City versucht Emily sich Klarheit über ihr Seelenleben zu verschaffen, doch das ist mit einem dementen Großvater, einem launischen Chef und einem herrischen Vater gar nicht so einfach .
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-46817-1 (9783442468171)
Schweitzer Classification
Persons
Julie Buxbaum, geboren 1977 in Rockland County, New York, studierte an der University of Pennsylvania und an der Harvard Law School. Sie arbeitete zwei Jahre als Prozessanwältin in New York und Los Angeles, bis ihr auffiel, dass sie mehr als 730 Tage die
Content
Dein Bild hängt bereits am Kühlschrank. Schwarz-weiß, zehn mal fünfzehn Zentimeter - du wirkst ganz natürlich, unbefangen, du hast es dir gemütlich gemacht und zeigst dich im Profil. Du, in mir.
Ich weiß: Ich esse massenhaft rotes Fleisch, fluche ausgiebig, singe laut und falsch, aber dafür mit Inbrunst. Ich weine, wenn mir danach zumute ist, lache in den unpassendsten Momenten, studiere die Todesanzeigen und Heiratsanzeigen in der New York Times und lese sie laut und in der genannten Reihenfolge.
Du: Du wiegst weniger als einen halben Liter Milch. Du bist nicht länger nur ein abstrakter Gedanke. Du bist ein Mädchen.
Als der Arzt es uns heute mitteilte, klatschte er in die Hände, als wäre das Ganze sein Verdienst. Als hätte er dieses verblüffende, wunderbare Ereignis heraufbeschworen, deine Verwandlung vom Abstrakten zum Konkreten, vom Es zu einem kleinen Mädchen. Ich wollte ihn nicht enttäuschen, aber wir wussten die ganze Zeit schon, dass ich eine Tochter haben würde, schon von der Minute an, in der uns klar wurde, dass ich schwanger war, und genauso sicher waren wir uns, dass wir dich Charlotte nennen würden. (Dein Dad korrigiert mich andauernd - wir sind schwanger, sagt er, nicht nur du -, aber er hat gut reden. Seine Knöchel sind nicht angeschwollen, und er hat keine Brüste, die sich wie mit Wasser gefüllte Luftballons anfühlen. Es mag ja sein, dass er ein Kind erwartet, aber schwanger bin ich.)
"Millionen Frauen vor dir haben auf solche Teststreifen gepinkelt. Du kannst das, Emily." Mit diesen Worten gelang es deinem Dad schließlich, mich ins Badezimmer zu bewegen, damit unsere Vermutung endlich bestätigt würde. Doch weil ich so nervös war, dauerte es noch gute eineinhalb Stunden, bis ich mich in die Nähe der Toilette wagte, und danach zog es sich noch eine weitere Stunde hin, weil dein Dad mir ins Badezimmer folgte und ich vor Nervosität nicht pinkeln konnte. Aber schließlich tat ich das, was Millionen Frauen vor mir getan haben, und plötzlich hatten wir es schwarz auf weiß, das Zeichen für positiv, das uns schließlich - nach dreimaligem Vergleich mit der Abbildung auf der Packung und einem Anruf bei der Servicenummer und mehrmaligem Pinkeln auf weitere Teststreifen - die ersehnte Gewissheit lieferte.
Daraufhin wusste ich plötzlich - und hinter diesem Wissen steckte mehr als ein Wunsch, ja, es war mir fast ein Bedürfnis -, dass du ein Mädchen sein würdest. Und ich wusste auch, dass Nächte wie diese kommen würden - ich freute mich fast auf sie -, Nächte, in denen ich wach im Bett liegen würde, deinen schlafenden Dad an meiner Seite, und meine Gefühle zwischen freudiger Erregung und Furcht hin und her pendeln würden.
Dein Dad, der ein sonnigeres Wesen hat als ich, der unter der Dusche singt und nicht beständig den Drang verspürt, auf Holz zu klopfen, dessen Körper sich in diesem Moment an den meinen schmiegt, dessen Augenlider zucken, während er von Superman träumt oder im Traum bei einer Feier ihm zu Ehren eine Dankesrede schwingt, dein Dad hält mein Bedürfnis, mein Leben anhand von Worten und Fotos für dich zu dokumentieren, für eine Art morbiden Zeitvertreib. Er kann nicht nachvollziehen, warum ich mich für die in seinen Augen nebensächlichen Widersprüche des Lebens interessiere - die Trennungslinie zwischen Liebe und dem Gegenteil von Liebe, zwischen Festhalten und Loslassen.
Doch so einfach verhält es sich damit nicht. Dieses chronische Aufzeichnen von Ereignissen, das manchmal einem Verfassen von Nachrufen gleichkommt, ist mehr als eine bewusste Entscheidung meinerseits. Manchmal versuche ich, die Zeit zurückzudrehen, mich an die Zeit vor zwanzig Wochen zu erinnern, als du nichts weiter warst als eine Vorstellung, ein Wunschtraum, nachts, wenn wir dalagen und keinen Schlaf fanden. Aber schon damals - in dieser Welt vor dir - verspürte ich diesen seltsamen Drang, die Erinnerungen zusammenzutragen und unauslöschlich für die Nachwelt zu bewahren. Dafür zu sorgen, dass jegliche zeitliche Trennungslinien auch in der Zukunft jederzeit überwunden werden können: Du wirst mich immer hier finden, hier in diesen Seiten, selbst lange noch, nachdem ich von dir gegangen bin.
Und seien wir mal ehrlich, wer weiß denn schon, wie lange ich noch hier sein werde? Die Frauen in unserer Familie werden bekanntlich nicht sehr alt.
Aber das ist eigentlich nicht der Kernpunkt der Sache, denn egal zu welchem Zeitpunkt ich gehe, sei es mit dreiundvierzig oder dreiundachtzig, du wirst unweigerlich vieles über mich vergessen. Dieses Vergessen eines Menschen, der verstorben ist, ist Segen und Fluch zugleich: Du kannst es dir nicht aussuchen, was mit der Zeit dem Vergessen anheimfällt und was bleibt und dich mitten in der Nacht heimsucht, dein Gehirn mit Erinnerungen quält, während dein Mann neben dir träumt, wie er wie Spiderman Häuserwände hochklettert.
Meine eigene Mutter, nach der wir dich nennen werden, ist mir inzwischen zum großen Teil abhandengekommen, reduziert auf ein paar Anekdoten, die man von Zeit zu Zeit hervorkramt, und ein paar ziemlich willkürlich geschossene Fotos. Also sollte ich nicht sagen, abhandengekommen, sondern vielmehr, mein Bild von ihr ist verzerrt, gefiltert. Und auch wenn ich bisweilen Trost finde in dieser retuschierten Abbildung jener Frau, die sie einst war, sehne ich mich in Nächten wie dieser nach dem Original.
Das Original. Fleisch und Blut.
Vielleicht haben in gewisser Weise die Nachwirkungen dieses Verlustes - nämlich dass von meinen Erinnerungen nur noch Bruchstücke übrig sind - mehr Wunden bei mir hinterlassen als der Verlust selbst. Die Wahrheit ist, ich habe nie Fahrradfahren gelernt, weil man das Fahrradfahren nicht mehr vergessen kann,
wenn man es einmal gelernt hat. So ein Mensch bin ich: Ich sehne mich nach Erinnerungen und fürchte mich gleichzeitig vor den Verpflichtungen, die sie mit sich bringen. Da gibt es einerseits das Vergessen, bei dem sich die Erinnerungen Stück für Stück in nichts auflösen, und da gibt es andererseits die Unmöglichkeit des Vergessens, das dicke, undurchlässige Narbengewebe, das ein Vergessen verhindert. Beide suchen mich auf ihre Weise heim.
Du wirst nie den Menschen kennenlernen können, der ich einmal war, in der Zeit vor dir, ehe ich quasi ich selbst wurde.
Ich weiß: Ich esse massenhaft rotes Fleisch, fluche ausgiebig, singe laut und falsch, aber dafür mit Inbrunst. Ich weine, wenn mir danach zumute ist, lache in den unpassendsten Momenten, studiere die Todesanzeigen und Heiratsanzeigen in der New York Times und lese sie laut und in der genannten Reihenfolge.
Du: Du wiegst weniger als einen halben Liter Milch. Du bist nicht länger nur ein abstrakter Gedanke. Du bist ein Mädchen.
Als der Arzt es uns heute mitteilte, klatschte er in die Hände, als wäre das Ganze sein Verdienst. Als hätte er dieses verblüffende, wunderbare Ereignis heraufbeschworen, deine Verwandlung vom Abstrakten zum Konkreten, vom Es zu einem kleinen Mädchen. Ich wollte ihn nicht enttäuschen, aber wir wussten die ganze Zeit schon, dass ich eine Tochter haben würde, schon von der Minute an, in der uns klar wurde, dass ich schwanger war, und genauso sicher waren wir uns, dass wir dich Charlotte nennen würden. (Dein Dad korrigiert mich andauernd - wir sind schwanger, sagt er, nicht nur du -, aber er hat gut reden. Seine Knöchel sind nicht angeschwollen, und er hat keine Brüste, die sich wie mit Wasser gefüllte Luftballons anfühlen. Es mag ja sein, dass er ein Kind erwartet, aber schwanger bin ich.)
"Millionen Frauen vor dir haben auf solche Teststreifen gepinkelt. Du kannst das, Emily." Mit diesen Worten gelang es deinem Dad schließlich, mich ins Badezimmer zu bewegen, damit unsere Vermutung endlich bestätigt würde. Doch weil ich so nervös war, dauerte es noch gute eineinhalb Stunden, bis ich mich in die Nähe der Toilette wagte, und danach zog es sich noch eine weitere Stunde hin, weil dein Dad mir ins Badezimmer folgte und ich vor Nervosität nicht pinkeln konnte. Aber schließlich tat ich das, was Millionen Frauen vor mir getan haben, und plötzlich hatten wir es schwarz auf weiß, das Zeichen für positiv, das uns schließlich - nach dreimaligem Vergleich mit der Abbildung auf der Packung und einem Anruf bei der Servicenummer und mehrmaligem Pinkeln auf weitere Teststreifen - die ersehnte Gewissheit lieferte.
Daraufhin wusste ich plötzlich - und hinter diesem Wissen steckte mehr als ein Wunsch, ja, es war mir fast ein Bedürfnis -, dass du ein Mädchen sein würdest. Und ich wusste auch, dass Nächte wie diese kommen würden - ich freute mich fast auf sie -, Nächte, in denen ich wach im Bett liegen würde, deinen schlafenden Dad an meiner Seite, und meine Gefühle zwischen freudiger Erregung und Furcht hin und her pendeln würden.
Dein Dad, der ein sonnigeres Wesen hat als ich, der unter der Dusche singt und nicht beständig den Drang verspürt, auf Holz zu klopfen, dessen Körper sich in diesem Moment an den meinen schmiegt, dessen Augenlider zucken, während er von Superman träumt oder im Traum bei einer Feier ihm zu Ehren eine Dankesrede schwingt, dein Dad hält mein Bedürfnis, mein Leben anhand von Worten und Fotos für dich zu dokumentieren, für eine Art morbiden Zeitvertreib. Er kann nicht nachvollziehen, warum ich mich für die in seinen Augen nebensächlichen Widersprüche des Lebens interessiere - die Trennungslinie zwischen Liebe und dem Gegenteil von Liebe, zwischen Festhalten und Loslassen.
Doch so einfach verhält es sich damit nicht. Dieses chronische Aufzeichnen von Ereignissen, das manchmal einem Verfassen von Nachrufen gleichkommt, ist mehr als eine bewusste Entscheidung meinerseits. Manchmal versuche ich, die Zeit zurückzudrehen, mich an die Zeit vor zwanzig Wochen zu erinnern, als du nichts weiter warst als eine Vorstellung, ein Wunschtraum, nachts, wenn wir dalagen und keinen Schlaf fanden. Aber schon damals - in dieser Welt vor dir - verspürte ich diesen seltsamen Drang, die Erinnerungen zusammenzutragen und unauslöschlich für die Nachwelt zu bewahren. Dafür zu sorgen, dass jegliche zeitliche Trennungslinien auch in der Zukunft jederzeit überwunden werden können: Du wirst mich immer hier finden, hier in diesen Seiten, selbst lange noch, nachdem ich von dir gegangen bin.
Und seien wir mal ehrlich, wer weiß denn schon, wie lange ich noch hier sein werde? Die Frauen in unserer Familie werden bekanntlich nicht sehr alt.
Aber das ist eigentlich nicht der Kernpunkt der Sache, denn egal zu welchem Zeitpunkt ich gehe, sei es mit dreiundvierzig oder dreiundachtzig, du wirst unweigerlich vieles über mich vergessen. Dieses Vergessen eines Menschen, der verstorben ist, ist Segen und Fluch zugleich: Du kannst es dir nicht aussuchen, was mit der Zeit dem Vergessen anheimfällt und was bleibt und dich mitten in der Nacht heimsucht, dein Gehirn mit Erinnerungen quält, während dein Mann neben dir träumt, wie er wie Spiderman Häuserwände hochklettert.
Meine eigene Mutter, nach der wir dich nennen werden, ist mir inzwischen zum großen Teil abhandengekommen, reduziert auf ein paar Anekdoten, die man von Zeit zu Zeit hervorkramt, und ein paar ziemlich willkürlich geschossene Fotos. Also sollte ich nicht sagen, abhandengekommen, sondern vielmehr, mein Bild von ihr ist verzerrt, gefiltert. Und auch wenn ich bisweilen Trost finde in dieser retuschierten Abbildung jener Frau, die sie einst war, sehne ich mich in Nächten wie dieser nach dem Original.
Das Original. Fleisch und Blut.
Vielleicht haben in gewisser Weise die Nachwirkungen dieses Verlustes - nämlich dass von meinen Erinnerungen nur noch Bruchstücke übrig sind - mehr Wunden bei mir hinterlassen als der Verlust selbst. Die Wahrheit ist, ich habe nie Fahrradfahren gelernt, weil man das Fahrradfahren nicht mehr vergessen kann,
wenn man es einmal gelernt hat. So ein Mensch bin ich: Ich sehne mich nach Erinnerungen und fürchte mich gleichzeitig vor den Verpflichtungen, die sie mit sich bringen. Da gibt es einerseits das Vergessen, bei dem sich die Erinnerungen Stück für Stück in nichts auflösen, und da gibt es andererseits die Unmöglichkeit des Vergessens, das dicke, undurchlässige Narbengewebe, das ein Vergessen verhindert. Beide suchen mich auf ihre Weise heim.
Du wirst nie den Menschen kennenlernen können, der ich einmal war, in der Zeit vor dir, ehe ich quasi ich selbst wurde.