
Eine Runde um den Block
Alltagsgeschichten aus Köln. Von 1977 bis heute.
Bert Brune(Author)
Reischl, Roland (Publisher)
1st Edition
Published on 1. May 2010
Book
Paperback/Softback
312 pages
978-3-9812648-3-8 (ISBN)
Description
Eine Runde um den Block, das sind 71 Alltagsgeschichten aus Köln, die Bert Brune als "Stadtwanderer" von 1977 bis heute verfasst hat. Die Themen reichen vom Wesen des Boule-Spiels über die Komplikationen beim ersten Internet-Anschluss bis zur jüngsten Künstler-Demo gegen den Abriss des Schauspielhauses. Vor allem jedoch sind es die Menschen, deren Originalität der Leser dank der lebendigen Dialoge fast schon so erleben darf, als wäre er selbst auf des Autors Runde mit dabei gewesen; als Beispiele seien ein bekehrungswütiger Bhagwan-Jünger, eine gerade in Köln angekommene Russland-Deutsche und die Suche nach dem Lieblingsengel auf Melaten genannt.
More details
Language
German
Place of publication
Germany
Edition type
Enlarged edition
Product notice
Klappenbroschur
Dimensions
Height: 17 cm
Width: 16 cm
Weight
445 gr
ISBN-13
978-3-9812648-3-8 (9783981264838)
Schweitzer Classification
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Bert Brune
Eine Runde um den Block
Book
08/2007
Wolkenstein Verlag
€13.80
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Persons
Bert Brune, 1943 in Büren bei Paderborn geboren, studierte von 1966 bis 1970 in Köln Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften. Arbeitete zunächst als Gymnasiallehrer und ist seit 1979 freier Schriftsteller. Brune veröffentlichte bisher 15 Bücher, u.a. die Romane Der lange Weg (1992) und Der Aquarellist (1997), die Gedichtbände Südstadt-Idylle (1985) und Rotwein (2000) sowie die Erzählung Die Krümel am Tellerrand (2001). Außerdem publizierte er Lyrik und Prosa in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, so in DIE ZEIT, 1981, Nr.89, Traumtanz, rororo panther, 1986, Too much - das lange Leben des Rolf Dieter Brinkmann, 1994, Nach Tschernobyl: Sind es noch die alten Farben? (Hg. Harry Böseke, Bernhard Wagner), Stadt im Bauch (Hg. Jochen Arlt), Wortnetze II (Hg. Axel Kutsch) und NordWestSüdOst (Hg. Theo Breuer). Gemeinsam mit Frieder Döring edierte er die Anthologien Kölner Bucht (1990) sowie Narren und Co. (1991). Weitere Werke von Bert Brune (in Auswahl): König der Südstadt (Erz.) 1984, In Omas Läubchen (Ged.) 1988, So weit, daß du die Träume lebst (Rom.) 1989, Cappuccino (Ged.) 1995, Dreckige Trips (Erzählungen, mit Frieder Döring und Heinz Schüssler, 2000). Im Frühjahr 2010 hat Bert Brune neben dieser Ausgabe auch den ersten Band seiner Sonntags-Spaziergangs-Geschichten unter dem Titel Rheinwärts im Roland Reischl Verlag publiziert.
Content
Künstler werden ist nicht schwer . (1977) 8
Der Gepäckträger (1977) 17
Besuch im Morgengrauen (1977) 19
Bhagwans Sohn (1979) 23
Der Diamantenschleifer von Neu-Delhi (1980) 27
Boulespielen (1980) 34
Der Funktionär (1980) 38
Der Bruder des Bäckers (1981) 45
Robert Anton aus New York (1981) 57
Eine Runde um den Block (1986) 61
Pilzsucher (1989) 65
Reise in die Vergangenheit (1989) 70
Energischer Vater (1990) 75
Zu Gast bei "Radio Köln" (1991) 81
Monika in China (1992) 84
Der gute alte Rock'n'Roll (1993) 92
Kümmel - Kunst und Leben (1993) 108
Ab nach Kasachstan (1993) 114
Al's Beerdigung (1995) 117
Schwarze unterm Dach (1995) 121
Kunde bei Telekom (1996) 124
Im Internet-Café (1996) 126
Russinnen in der Südstadt (1996) 128
Mein?Arbeitsplatz (1996) 132
Sitzungskarneval (1996) 134
Bei Heinz und Wellershof (1997) 138
Militär und Strümpfestopfen (1997) 141
Kirche, Aldi, Clementine (1998) 144
Annäherung (1998) 147
Das kleine rote Mädchen - auf R.D. Brinkmanns Spuren (1998) 149
Poesie und Auto (1998) 154
Helmut (1998) 156
Der Markus-Effekt (1998) 163
Klaus, der Spellbähn (1999) 166
In Markus' Keller (1999) 171
Café-Therapie (1999) 173
Die Zukunft des Rentners (1999) 175
Band 13 (1999) 177
Oma und Abtreibung (1999) 180
Wieder im?Café (1999) 182
Licht in der Südstadt (2000) 184
Die Kapuzinerin (2000) 187
Die Karawane zieht weiter (2000) 189
Der Nachbar (2001) 191
Und wieder beim Meister (2002) 193
Die Wochenend-Runde (2002) 195
Bob Dylan (2002) 199
Irritationen (2002) 204
Frau Naumann (2003) 207
Peter (2003) 209
Das Geheimnis (2003) 211
Die Schänke (2003) 216
Das Haus (2004) 220
Der Engel von Melaten (2004) 230
Der Stuhl (2004) 233
Frühstück mit Werner (2005/06) 236
Das Leben der Frauen (2005) 248
Kupfergasse (2005) 249
Jan (2005) 252
Um Mitternacht (2005) 256
Elkes Trauerfeier (2006) 260
Beim Geiger (2006) 266
74 Schläge (2007) 269
Land-Art (2007) 276
Der Aquarellist (2007) 282
Beim König (2007) 286
Auf dem Bouleplatz - Jahre später (2008) 289
Der Antiquar (2009) 292
Frau Derskis Geschichten (2009) 295
Die Demo (2010) 299
Der Jurist und der Künstler (2010) 302
Flaneur und Chronist
Nachwort von Jochen Arlt 308
Autor, Verleger, Danke 311
Künstler werden ist nicht schwer . (1977)
Eines Tages stand ich in meiner schnuckeligen gemütlichen Bank in der Nähe des Chlodwigplatzes, um ein paar Mark vom Konto abzuheben - als der Mann hinterm Schalter mich auch schon aus der Reihe der Wartenden herauswinkte. Ich begab mich zum Tresen. Der Mann hatte bereits meine Auszüge vor sich liegen. "Herr Brune", sagte er ruhig und blickte durch das Fenster auf die Straße und strich mit den Fingern über seine Krawatte, "was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?" - "Ja?", fragte ich, " w o b e i gedacht?" - Sein schlanker, weißer Finger zeigte auf eine bestimmte Stelle des neuesten Kontoauszuges. Dort stand die Zahl 936. Hinter dieser Zahl ein großes "S". - "Oh", sagte ich, "so viel ist es geworden? Da kommt in den nächsten Tagen bestimmt wieder was drauf."
Der Bankangestellte blickte mich mit aufmerksamen Augen an. "Sie hätten Ihr Konto überhaupt nicht überziehen dürfen. Sie haben ja nicht einmal einen Dispositionskredit beantragt. -Der würde Ihnen, nebenbei gesagt, bei Ihren unregelmäßigen und geringen Einkünften auch kaum gewährt werden." Der Bankmensch richtete sich auf. "Ich denke, wir gehen so vor. Ich mache hier einen Vermerk. Bis zum Monatsende wird Ihnen kein Geld mehr ausgezahlt - bis Sie das Minus beseitigt und das Konto gedeckt haben. Halten wir es so?" Ich grinste betreten vor mich hin und verdrückte mich sehr schnell. Na ja, tröstete ich mich, nachdem ich mich von meinem ersten Schrecken erholt hatte, es ist eigentlich kein Wunder: Der Mann malocht acht Stunden täglich - und mich sieht er vielleicht vormittags um elf oder zwölf in der Bank auftauchen: gut ausgeschlafen, um dann wieder in der Sonne zu verschwinden. Und er muss zu seinen Zahlen zurück und den Geldhaufen, die ihm gar nicht gehören. Werden wir diesem losen Burschen mal ein wenig auf die Füße treten, wird der Mann gedacht haben, man muss ihn mit den Realitäten des Lebens vertraut machen, er braucht eine starke Hand.
Tatsächlich hatte ich damals meine Arbeit als Lehrer am Gymnasium gekündigt. War arbeitslos geworden. Ich wollte ein neues Leben anfangen, mich ganz der Kunst widmen, ging viel spazieren und schrieb zu Hause Geschichten, Gedichte - und malte Aquarelle. Erst erhielt ich Geld vom Arbeitsamt, dann nicht mehr. Ich jobbte. Mal dies, mal jenes. Allerdings kamen die Jobs nicht immer so rein, wie es sein sollte.
Wie gesagt, ich verstand durchaus meinen väterlichen Freund, der sich bisher immer korrekt und höflich und zuvorkommend gezeigt hatte. Es hatte sich eben mal wieder eine Finanzlücke aufgetan. Und das Problem war: Wie komme ich jetzt an ein bisschen Kleingeld? Schließlich mussten nicht nur die Bankschulden, sondern beispielsweise auch mein obligatorischer Frühstückskaffee im Merzenich und das Kölsch beim Clemens, dem Wirt, bezahlt werden. Es war mir klar, es musste sich was Entscheidendes tun. Die Tage verstrichen. Bedrückt saß ich eines Nachmittags am Tisch und sah zu, wie Gilla Wäsche aus der Maschine nahm und an die Leine hängte, - bedrückt vor allem deshalb, weil ich morgens vier Stunden vor der Jobvermittlung der Universität herumgesessen hatte, - ganz umsonst, denn für die zirka achtzig Bewerber lagen nur sechs Arbeitsangebote vor. Die Warterei hatte mächtig an den Nerven gezerrt. "Wenn du doch deine Bilder verkaufen könntest", seufzte Gilla, die sich zu mir gesetzt hatte. Es war richtig: Ich, der Künstler, der ich zu sein glaubte, malte und schrieb mir die Finger wund, - aber, keine Kohle, kein Umsatz. Sicher, bisher war ich einigermaßen über die Runden gekommen. Und Sprüche wie - "Ein echter Künstler muss Geduld haben, in zehn Jahren rollt das große Geld an" - kamen mir flott über die Lippen.
Aber jetzt sah alles anders aus. Den Idealismus konnte ich mir nicht mehr leisten. Wenn mir jemand zweihundert oder dreihundert Mark für meine früher "unverkäuflichen" Werke gegeben hätte, ich wäre sofort einverstanden gewesen. Leider kam kein Kunsthändler, kein Mäzen und blätterte mir die Scheinchen hin. Plötzlich sagte Gilla: "Wenn die Käufer nicht zu d i r kommen, warum gehst du nicht zu i h n e n ?" - "Was soll das heißen?" - Aber es war nur so eine leicht hingeworfene Bemerkung von ihr gewesen. Sie machte sich ihren Caro-Kaffee und las im "Stern". Bei mir jedoch hatte es gefunkt. Warum eigentlich nicht? War doch gar nicht so dumm, die Idee. - Schließlich, so fiel mir ein, hatte Walt Whitman, der amerikanische Dichter, seine Werke auch selbst an der Haustür verkauft. Und viele andere Künstlerkollegen ebenso. Klinken putzen, das war die Idee! Ich war wie elektrisiert. Der Künstler zieht von Haus zu Haus und bietet seine Werke an wie andere Schuhriemen oder Heftpflaster. Wurde es eine Pleite, so war es doch ein Abenteuer.
Am nächsten Morgen war ich allerdings nicht mehr so begeistert. Nur, mir bleib kaum eine andere Wahl. Denn vor der studentischen Jobvermittlung die Zeit totschlagen wollte ich nicht. Außerdem hatte ich eine zu kesse Lippe riskiert. Vor Gilla, und auch vor Werner, der zum Frühstück herübergekommen war, konnte ich schlecht einen Rückzieher machen. So verabschiedete ich mich scheinbar gut gelaunt - und verschwand, die Tasche mit den Bildern am Arm, aus der Wohnung. Was die Bilder betraf: Ich hatte mich doch nicht getraut, die "echten" mitzunehmen. Früher hatte ich bloß gelächelt, wenn ich von Künstlern hörte, die sich drehen und wenden, bevor sie eins ihrer Bilder, wenn auch möglicherweise für eine Menge Geld, aus den Händen geben. Offenbar bloß eine alte Verkaufsmasche, um die Preise hochzutreiben. Aber jetzt - ich brachte es nicht übers Herz. Was habe ich davon, wenn ich hundert oder zweihundert Mark für ein Bild eintausche? Ein paar mal draußen zu Mittag gegessen, und schon wäre das Geld futsch. Und ich hätte ein Stück von mir verloren, eine ganz persönliche Empfindung ,hätte ein Bild, das nie wieder in dieser Form würde entstehen können, einem völlig Fremden überlassen. Immer wieder hatte ich, Wochen oder auch Monate nach ihrer Vollendung, meine Bilder hervorgeholt, sie angesehen, mich daran erfreut, Erinnerungen in mir wachgerufen. - Jedes einzelne würde mir fehlen. - Außerdem: Was verkauft sich bekanntlich besser als Kitsch, Pseudo-Kunst? - Also hatte ich an jenem Nachmittag meine Runde gedreht, mir entsprechende Motive gesucht - Bäume, Landschaften, Tiere - und losgelegt. Von acht Entwürfen hatten mir fünf gar nicht so schlecht gefallen. Trotzdem, mit ziemlich gemischten Gefühlen stand ich vor meinem ersten Einsatzort, einer Apotheke in der Nähe des Chlodwigplatzes. Denn das war mein Trick: Das schnelle Geld bei Leuten zu verdienen, die es hatten - wobei mir zuerst die Ärzte und die Apotheker einfielen.
Ich trat also durch die Tür und sagte "Guten Tag" zu dem jungen Mann im weißen Kittel, der aus den hinteren Räumen herangeschlendert kam. "Ich bin ein Maler aus der Südstadt hier. Wie ich sehe, haben Sie viel Platz an den Wänden über den Regalen. Ich denke, ein oder zwei bunte Aquarelle - auf dem dunklen Untergrund dort - würden sehr gut aussehen. Meinen Sie nicht auch?" Ich hielt ihm meine Tasche mit den Bildern offen hin, so dass er einen Blick hineinwerfen konnte. Aber der junge bleiche Mann bemühte sich keineswegs. "Wir brauchen keine Bilder", sagte er und schob einen Notizblock auf dem Tisch neben sich zurecht, so dass er parallel zur Kante lag. "Wirklich nicht?" -"Nein." Er trat einige Schritte zurück und sah mir mit ausdruckslosem Gesicht nach, wie ich, die schwere Tasche unterm Arm, durch die Tür verschwand. - Fehlanzeige. Ich biss die Zähne zusammen. So leicht machen die mich nicht fertig. Die nächste Apotheke. Eine sanfte Blondine trat auf mich zu. "Ich bin Maler aus der Südstadt.", ließ ich meinen Spruch los. Das Mädchen lächelte sogar gewinnend. Und ich durfte ein Bild hervorholen. "Sehr schön. Aber, ich selbst kann das nicht entscheiden. Der Herr Doktor." - Sie verschwand. Getuschel hinter den Regalen. Nach einiger Zeit kam sie wieder. "Der Herr Doktor ist leider nicht da. Tut mir leid." - "Macht nichts", grinste ich jovial, "bis demnächst also." - Verfluchte Geizhälse!
Nach vier Apotheken stand ich, die Tasche mit immer noch fünf Bildern am langsam schmerzenden Arm, vor der Informationstafel im Ärztehochhaus. Fast zwanzig Rezeptbeschrifter auf einen Haufen, so sah ich es, die den ganzen Tag nichts anderes taten, als ihre Unterschriften auf Papiere zu setzen. Und am Monatsende ihren schön angestiegenen Kontostand betrachteten. Immerhin, wie ich wusste, hatten einige außer Interesse fürs Tennisspielen und Mit-der-Assistentin-aus-und-essen-gehen etwas für Bildung und Kunst übrig. Das galt in ihren Kreisen als chic. Dafür leisteten sie sich schon mal eine gewisse Großzügigkeit. Ich stieg also in den geräumigen Fahrstuhl. Der Gynäkologe Offermann hatte zwei weibliche Diener, die ununterbrochen telefonierten und Karten aus den Adressenkästen herausnahmen und wieder einordneten. Ich sah ihnen bei der Arbeit zu und wartete. Schon nach kurzer Zeit kam der Boss selbst den Gang herauf. "Ich bin Maler", sagte ich, "viele Wartezimmer in Arztpraxen sehen, wie ich festgestellt habe, oft sehr nüchtern und kahl aus. Ich habe einige Aquarelle gemacht, von denen ich glaube, dass sie auf Patienten einen positiven Einfluss haben." Der hochgewachsene Doktor sah mich durch seine Brillengläser neugierig, und, wie mir schien, ziemlich amüsiert an. "Lassen Sie mal sehen. Hm .", sagte er, ". an sich nicht schlecht. Ich brauche sogar Bilder. Aber, die sind mir zu grell. Die Leute wollen milde, sanfte Farben, das beruhigt. - Nein, tut mir leid."
Ich war nicht einmal sehr enttäuscht. Immerhin, es war ein Ansatz gewesen. Er
b r a u c h t e Bilder. Und, ich fing ja gerade erst an.
Ein Stockwerk höher hatten zwei junge Orthopäden ihre Praxen zusammengelegt. Vier weißgeschürzte Mädchen rasten über den Gang, gaben sich die Türklinken in die Hand. Zwischen ihnen schlurften bleich und matt die Patienten umher. Schließlich konnte ich einen der Doktoren, der aus dem Sprechzimmer kam, um aufs Klo zu gehen, stoppen. Es schien bei ihm sehr dringend zu sein. "Bilder?", rief er, "vielleicht. Aber heute geht's nicht. Keine Zeit. Lassen Sie Ihre Adresse hier. Wir rufen Sie an." Schon fiel die Tür ins Schloss.
Sechs Ärzte hatte ich hinter mir. Es reichte. Meine Bomben-Idee war doch nicht das Gelbe vom Ei, wie es aussah. Die Tasche hing mir wie Blei in den Fingern. Meine Knie zitterten, denn um schnell zu sein, ließ ich den Fahrstuhl erst gar nicht kommen, sprang sofort die Stufen rauf. Übrigens kam mir die ganze Aktion auch nicht besonders abenteuerlich vor. Es war einfach bloß anstrengend. Und ich spürte, dass diese Übung mein Selbstbewusstsein keineswegs gefördert hatte. Im fünften Stock hatte Dr. Gorsky seine Räume. Orthopäde. Wie gesagt, ich hatte eigentlich keine Lust mehr und wartete bloß noch auf den Fahrstuhl zwecks Heimreise. Nur, die Tür vom Herrn Doktor stand einen Spalt auf. Ich trat langsam näher. Die Tür stand deshalb auf, weil sie Frischluft durchlassen sollte. Bei Dr. Gorsky drängelten sich nämlich die Patienten bereits im Gang. "Womit kann ich Ihnen dienen?", rief auch schon das diensthabende Fräulein energisch über die Köpfe der Leute hinweg. Ich schob mich zu ihr durch. "Na ja", sagte ich matt. "Ich bin Maler, versuche, ein paar Bilder zu verscherbeln. Meinen Sie, ich hätte 'ne Chance?" - "Warum nicht." Sie drückte einen Knopf vor sich auf dem Pult und sprach in ein Mikro. "Geradeaus, zweite Tür rechts", sagte kurz darauf die Dame. Ich war geplättet. Der Boss ließ mich durch die von Rheuma und Gicht geplagten Patienten nach vorn durchstoßen.
Offensichtlich hatte er die Nase voll vom Geldverdienen - und brauchte mal andere Gesichter um sich als die schmerzverzerrten Mienen seiner Zöglinge. In der Tat wischte sich der Mittvierziger den Schweiß von der Stirn. "Wieder heiß heute, nicht wahr?" - "Genau", sagte ich. Übrigens schenkte er mir nur einen flüchtigen Blick, sondern interessierte sich sofort für die Bilder, die ich ihm aus der Tasche ziehen musste. "Dorothee!" - Dorothee, seine Frau oder Freundin, wie ich vermutete, eine vitale pummelige Dame, die die Haare streng nach hinten gekämmt trug, kam aus dem Nebenzimmer. "Meinst du nicht auch, Dorothee, dass wir für die Wartezimmer Bilder gebrauchen könnten?" - "Hm". Dorothee beugte sich ein wenig vor und fixierte meine Kunstwerke scharf. - Sie schien nicht besonders begeistert. Dr. Gorsky nahm von meinen fünf Aquarellen vier heraus und stellte sie an die Wand und betrachtete sie aus der Ferne. "Sehr schön. Sollen wir die nicht nehmen?" - "Drei", sagte Dorothee, "drei reichen auch." Ich musste den beiden eine Quittung ausstellen - so was kann man ja von der Steuer absetzen - dann stand ich draußen. Die Tasche war plötzlich federleicht.
Ich wartete nicht auf den Fahrstuhl, sondern flog nur so die Stufen hinab. Draußen strahlte die Sonne. Es war zwölf Uhr. Ich nach Hause. Werner und Gilla saßen noch am Frühstückstisch, gewöhnlich ließen sie sich dabei viel Zeit. "Na, so schnell zurück?" Ich stellte die Tasche an ein Tischbein, setzte mich ruhig hin. "Ich hatte keine Lust mehr." Die beiden sahen mich mitfühlend an. "Es ist eben nicht so einfach, mit Kunst Geld zu machen. Man muss Geduld haben." Ich blickte auf die Uhr an der Wand. "Ich bin ungefähr eine Stunde unterwegs gewesen", sagte ich, "in Zukunft werde ich nicht länger als diese eine Stunde pro Tag arbeiten. Arbeit ist Sünde, heißt es." - "Diese Einstellung kann man sich allerdings nur leisten, wenn man den entsprechenden Stundenlohn hat", ergänzte ich lässig. Und ich stand auf, griff in meine Hosentasche und ließ von einer schönen Höhe einige Zwanzig-, Zehn-, aber auch Fünfzigmarkscheine auf die Marmeladengläser, Käsescheiben, Brotschnitten herabfallen. Werner und Gilla bekamen Stielaugen. Das Leben kann sehr angenehm sein, dachte ich. Sich den Unterhalt zu verdienen schien für mich in Zukunft ein Kinderspiel zu sein. Ich würde ein paar Aquarelle herstellen, gängiges Zeug, kein Ehrgeiz, Hauptsache, das Geld stimmt. Maximal drei Stunden Arbeit am Tag, rechnete ich mir aus, und alles war gelaufen. So blieb mir Zeit für wirkliche, echte Produktivität.
Zwei Tage ließ ich verstreichen. Ich brauchte schließlich ein bisschen Erholung. Dann malte ich einige schnelle Bilder, packte sie eilig in die Tasche - und los. Der Restbestand an Ärzten im Hochhaus brachte nichts. Aber ich hatte mir das Branchenbuch hervorgeholt und einige Adressen aufgeschrieben. Die Ärzte konzentrierten sich in der City und am Ring. Wieder war es richtige Knochenarbeit. Doch ich tröstete mich: Lieber hier ein paar Tropfen Schweiß vergießen als acht Stunden im Büro oder in dem Lager einer miesen Klitsche sich vom Chef oder den Kollegen nerven zu lassen. Freies Unternehmertum, das war das einzig Wahre. Treppauf, treppab, zwei Stunden lang - und kein einziges Bild unter die Leute gebracht. Ich machte Kniebeugen, Diener, lächelte, schmeichelte, drohte sogar - aber: Pleite von vorne bis hinten. Vielleicht lag es auch daran, dass dunkle Wolken sich über den Dächern zeigten und heftig Regen plätscherte. Ich musste eine Plastik-Tüte organisieren und über die Tasche legen. In den Schuhen stand bald Wasser. Aber ich konnte mich ja nicht unterstellen und auf bessere Bedingungen warten. Jetzt oder nie hieß die Devise.
Mit anderen Worten, ich sah nicht mehr besonders gut aus. Ich war von einem armen, aber optimistischen Künstler zu einem schlaffen, schweiß- und regennassen zerknitterten Penner herabgesunken. Und die sauberen Herren wollten sich mit so einem wie mir offenbar nicht mehr sehen lassen, geschweige denn mit ihm Geschäfte machen. Gilla klopfte mir tröstend auf die Schultern, als ich nach drei Stunden deprimiert vor ihr stand. "Lass es langsam angehen. Du bist immer so ungeduldig. Es lag bestimmt am Wetter."
Der letzte Kunde, den ich am übernächsten Tag - ich musste mich zwischendurch erholen - besuchte, war ein Tierarzt. Es erübrigt sich wohl zu sagen: Meine Tasche mit den Bildern hing mir auch nach drei Stunden Plackerei wie eh und je bleischwer am Arm. Ein Tierarzt braucht sicherlich auch was Frohes, Helles, Farbiges in seinen Räumen, überlegte ich. Und wirklich, die Leute in dem Wartezimmer, jeder auf dem Schoß ein Hund oder eine Katze, sahen bedrückt und schweigsam vor sich hin, - unter anderem auch deshalb, weil, wie ich erkannte, die Wände kahl und sehr trist aussahen; nur der übliche Abreißkalender hing neben der Tür. Es ging allerdings hier nicht so steif zu - ich durfte gleich rein zum Meister. Der stand neben dem Operationstisch, die rechte Hand mit der Spritze gegen das Licht haltend und den Flüssigkeitspegel prüfend, wobei er mir einen kurzen Blick zuwarf.
"Was gibt's?" - Ich erzählte meine Story, während er nochmals durch die Kanüle der Spritze blickte. Dann fuhr der Arm herab - der Pudel auf dem Tisch, gehalten von den schweren wurstartigen Fingern einer vollbusigen Dame, offenbar der Besitzerin - heulte jämmerlich auf. Der Arzt zog gelassen die Nadel aus dem Fell. "Sie sind also Maler", sagte er, mit seiner Rechten beruhigend über die Nase des Hundes fahrend, "sehr interessant. - Kennen Sie Kandinsky?" Ich hielt ihm die Tasche mit den Bildern offen hin. Aber der Doktor beachtete sie überhaupt nicht. "Kandinsky ist ein großer Künstler", fuhr der Arzt fort, "das erkennt man an der exakten, aber phantasievollen Linienführung - wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich male nämlich selbst", sagte er und trat zum Waschbecken und wusch sich die Hände. "Wenn ich auf Sylt Urlaub mache, setze ich mich an den Strand und male. Und wissen Sie, was ich male? Wellen, nichts als Wellen. Und das Überraschende ist"- der Mann in dem weißen Kittel kam auf mich zu und sah mich durchbohrend an - "Ihnen kann ich es ja sagen, Sie sind Kollege: Wellen malt man am besten mit dem Kugelschreiber. Mit nichts anderem als mit einem gewöhnlichen Kugelschreiber." Mit triumphierendem Blick stand er vor mir, erwartete wohl eine geistreiche Antwort. Der Pudel, immer noch von den kräftigen Fingern der Dame niedergehalten, jaulte weiter vor sich hin. Ich grinste. "Tatsächlich?" Aber der Arzt hatte sich bereits umgedreht und begrüßte einen dicken Mann mit einem Dackel im Arm. Ich nahm meine Tasche und verschwand möglichst geräuschlos. Mehr als brotlose Kunst-Diskussion war hier nicht zu erwarten.
Zwei Tage später - wieder musste ich mich zwischendurch erholen - saß ich vor der Jobvermittlung. Schon morgens um acht. Ich hatte beschlossen, mit "ehrlicher Arbeit", wie es heißt, mein Geld zu verdienen. Nicht immer aus der Reihe tanzen, sagte ich mir. Kleine Brötchen backen, hieß nun die Devise. Die Hoffnung, mit Kunst schnelles und leichtes Geld zu verdienen, hatte ich aufgegeben. Seinerzeit war ich auf Jobsuche gewesen, um mein Studiengeld, später, um meine Arbeitslosenunterstützung aufzubessern. Jetzt aber ging's ums Ganze. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, nur so aus Spaß ein bisschen in die Arbeitswelt reinzuriechen.
Früher hatte ich mich, wenn die Angebote nicht so günstig kamen, nach zwei, drei Stunden Warterei gewöhnlich nach Hause begeben. Jetzt blieb ich eisern sitzen. Schließlich, ohne Kohle lief nichts mehr. Wie gesagt, kein Kaffee, kein Bier. Für einige Wochen, Monate war ich aus dem Verkehr gezogen. Nach acht Stunden Schufterei als Möbelpacker, Zeitschriftenstapler oder auch Dachdecker saß ich abends, nach Feierabend, wie man ja so schön sagt, im Zimmer, die Füße hoch, und guckte in die Glotze. Mehr war nicht drin. Die Bilder beziehungsweise die Aquarellblocks verstaubten in der Ecke. Die Schreibmaschine rostete vor sich hin. Das einzige Ziel, das ich ins Auge gefasst hatte, war: viel Geld zu verdienen. Und es auszugeben. Ich hatte mir sogar überlegt, ein Auto zu kaufen. Einfach deshalb, weil alle ein Auto hatten.
Doch dann traf ich Gerd. Gerd ist Maler und Schriftsteller. Also ein ehemaliger Kollege. "Na, wie sieht's aus?", fragte ich. - "Einerseits schlecht", sagte er und trank schnell sein Glas Bier aus, um die Gelegenheit zu haben, es wieder voll zu machen, denn Gerd liebte Bier, "hab' nämlich Schulden. - Andererseits." Dann ließ er die Katze aus dem Sack: "Ich habe gerade ein Buch gemacht, im Selbstverlag, zusammen mit meiner Freundin, die das Layout besorgte. Texte und Bilder. Mit Hochglanz und allen Schikanen." Ich war beeindruckt. Gerd legte sich krumm, sparte sich jeden Pfennig vom Mund ab - nun, hin und wieder mal ein Bier - opferte sich im Grunde auf für seine Kunst. Und ich.
Es fraß und fraß in mir. Ich kam nicht mehr davon los. Und eines Tages, als ich im Niehler Hafen jobbte und tief gefrorenen Tintenfisch auspackte, da fiel der Groschen. "Du dicker toter Fisch", sagte ich zu dem Tier, das ich gerade in der Hand hatte, "du bist durch die Meere geschwommen, warst frei, hast dich wohlgefühlt, hast getan, wozu du Lust hattest. Sicher, einmal erwischt es jeden. Aber bis es so weit ist: leben, sich nicht mit Nebensächlichkeiten abgeben, das tun, was man wirklich möchte." Und als ich das gesagt hatte, ließ ich den Fisch einfach fallen. Seine langen Arme begannen sich zu bewegen, so gerührt war er. Er war ein Kumpel, schien mir, er verstand mich. Und als ich rausging, fing sogar sein großes Auge an zu tränen. Ich schloss den Spalt der Tür vom Kühlraum, ging über den Hof ins Büro und ließ mir mein Geld auszahlen. Am nächsten Morgen schlenderte ich ruhig durch die City.
Überall schufteten in diesem Moment die Leute, ließen sich vom Chef drangsalieren. Nur ich, ich hatte endlich den Absprung geschafft. Sicher, das Geld musste einigermaßen stimmen. Aber eben nur einigermaßen. Was drüber hinausging, war Sünde. Das musste ich im Auge behalten.