Zweimal Rixdorf und zurück
Familiengeschichtliche Erzählung
Ingrid Biermann-Volke(Author)
Gerd-Christian Th. Treutler(Editor)
Brandenburgische Genealogische Gesellschaft "Roter Adler" e.V. (Publisher)
1st Edition
Published on 10. December 2012
Book
Paperback/Softback
104 pages
978-3-9814410-3-1 (ISBN)
Description
Im Rahmen unserer Sonderpublikationen stellt Ingrid Biermann-Volke ihre erste Erzählung vor:
"Zweimal Rixdorf und zurück". Die familiengeschichtlich aktive Neuköllnerin begegnet darin ihrer Urgroßmutter: "Ich habe dich gesucht? Ich will eine Geschichte über dich schreiben, das ist alles. Aber ich wollte dir nicht bei minus zehn Grad mitten in Rixdorf begegnen. Meiner Urgroßmutter Friederike, glaubt ja wohl keiner. Wenn ich das irgendwo erzähle, halten mich alle für verrückt!"
Nein, nicht verrückt, denn Geschichte kann lebendig werden!
More details
Series
Language
German
Place of publication
Potsdam
Germany
Target group
familiengeschichtlich interessierte Laien
Illustrations
33
Dimensions
Height: 19 cm
Width: 12.5 cm
Weight
125 gr
ISBN-13
978-3-9814410-3-1 (9783981441031)
Schweitzer Classification
Persons
Author
Editor
Content
Ein Tag im Januar 2011
Der Richardplatz ist von einem Eispanzer ein-geschlossen.
Einen Tag zuvor hatte es kurz getaut. Ansonsten herrscht seit Wochen strenger Frost.
Vom S-Bahnhof Neukölln kommend, tapse ich vorsichtig über die Eisbuckelwüste auf die Frauenschmiede zu.
Die alte Rixdorfer Schmiede thront seit Jahr-hunderten mitten auf dem Richardplatz.
Früher ein kleines Dorf weit vor den Toren Berlins, ist es heute eine Oase mitten im brodelnden Neukölln. Im rechten Teil wird immer noch das Schmiedefeuer entzündet.
Aber im linken Teil, dem ehemaligen Wohn-haus des Schmieds, gibt es Veranstaltungen für Neuköllner Frauen. Dort ist heute die Literatur-werkstatt.
Alles liegt wie ausgestorben, dabei hat noch nicht einmal das Abendprogramm begonnen.
Nur aus den Fenstern der Häuser rings um den Platz dringt Licht.
Im Restaurant "Villa Rixdorf", Haus eines rei-chen Bauern aus dem Jahre 1870, sitzen Leute beim Essen. Unwillkürlich bekomme ich Hunger. Das Abendbrot wird es erst bei meiner Heimkehr geben. Ich kuschle mich tiefer in meinen Mantel. Noch wenige Schritte bis zur Schmiede.
Bei der Kälte jagt man keinen Hund vor die Tür.
Ich scheine die Einzige zu sein.
Bin ja auch kein Hund. Unwillkürlich lache ich laut auf.
Ich hasse dieses Lachen. Das habe ich von meiner Mutter.
"Was lachst du so laut?", fragt hinter mir eine Mädchenstimme. Abrupt drehe ich mich um. Ich hatte sie nicht kommen hören. Sie bleibt auch stehen. Im fahlen Schein der alten Straßenlaterne kann ich ihr Gesicht gut erkennen.
Sie hat meine Augen, meine Stirn. Sie ist einen Kopf kleiner, vielleicht acht, neun Jahre alt. So sehe ich auf Kinderbildern aus.
"Du bist nicht etwa .?"
"Ja, ich bin Friederike", lacht sie nun laut. Mit meiner Lache! Furchtbar!
"Du hast mich doch gesucht!", sagt sie nun fast verschwörerisch und will mir etwas ins Ohr flüstern, so dass ich mich etwas nach unten bü-cken muss.
"Du hast mich endlich gefunden, nun mach was draus!"
Ich trete einen Schritt zurück.
"Ich habe dich gesucht? Ich will eine Ge-schichte über dich schreiben, das ist alles. Aber ich wollte dir nicht bei minus zehn Grad mitten in Rixdorf begegnen. Meiner Urgroßmutter Friede-rike, glaubt ja wohl keiner. Wenn ich das irgend-wo erzähle, halten mich alle für verrückt!"
Vorsichtshalber ziehe ich meine Handschuhe aus und kneife mir in den Handrücken.
"Aua, das tut ja weh!"
"Was hast du denn gedacht", lacht Friederike wieder mit meiner Lache.
Ich bin irgendwie im falschen Film.
"Ich muss in die Schmiede, zu einer Literatur-werkstatt. Da kannst du nicht mit rein, ist ja keine Kinderveranstaltung."
Wieder meine Lache. Aber Friederike lacht mit. So ein freches Jör. Ich lass sie einfach ste-hen. Ein kleines Mädchen mit langem braunen Rock und nackten Füßen in den Holzpantoffeln. Und mit meiner Lache.
Eigentlich gibt es sie ja gar nicht.
Jedenfalls nicht im Januar 2011.
Sie wurde am 07. September 1871 in Deutsch- Rixdorf als Friederike Charlotte Antonie Kühl geboren. Und wenn ich trotz der Kälte noch richtig rechen kann, ist das fast 140 Jahre her .
Irgendwie habe ich Mitleid mit ihr.
Als ich die Treppe zum Schmiedehaus hochgehe und mich oben noch einmal umdrehe, ist sie verschwunden.
Ich habe sie schon fast vergessen, die Literaturwerkstatt in der gut geheizten Schmiede läuft schon eine Stunde etwa. Ich konzentriere mich auf meinen Text, als sie plötzlich hinter mir steht. Ich bekomme einen Schreck. Was werden die an-deren Kursteilnehmerinnen denken? Aber niemand scheint sie zu bemerken.
"Was schreibst du da?", fragt sie mich.
"Geschichten", murmele ich.
"Über mich?"
"Nein, über eine Sarah und Franz Kafka. Und grüne Bäume und rote Mäntel."
"Ich habe keinen warmen Mantel", sagt Frie-derike traurig, "Vater ist an der Schwindsucht gestorben, in der Charité."
"Ich weiß, ich habe seine Todesurkunde. Er war Webergeselle, ist nur 27 Jahre alt geworden .!"
"Wir wohnen jetzt beim Onkel, in der Rosen-straße", flüstert mir Friederike zu, "aber der Onkel gibt kein Geld, obwohl ihm Mutter beim We-ben hilft. Er meint, es reicht, wenn er zwei nutz-lose Münder durchfüttern muss."
"Die Rosenstraße heißt jetzt Uthmannstraße", sage ich in meinem belehrenden Ton, "und der Franz Kafka ist auch an Schwindsucht gestorben, wie dein Vater."
"Also dein Ururgroßvater!", verbessert sie mich.
"Ja, ja, ich weiß, aber von dem habe ich ja nicht einmal ein Foto. Von dir schon, aber da bist du eine junge Frau."
"Bist du fertig?", fragt die Kursleiterin. Ich schrecke hoch.
Friederike ist verschwunden.