Nur ein bisschen Magie
Leonie Bell(Author)
CBT (Publisher)
Published on 6. December 2006
Book
Paperback/Softback
288 pages
978-3-570-30287-3 (ISBN)
Description
Erfrischend leichte Teenie-Unterhaltung
Mags und Tipi haben auf einer Halloween-Party ihren Spaß mit Kartenlesen und Orakeln. Der düster-geheimnisvolle Robin lädt sie zu Séancen ein und ihm ist es - im Gegensatz zu Mags - bitter ernst damit. Robin kriegt einen Wutausbruch - und Mags in den folgenden Wochen eine dicke Pechsträhne. Hat Robin sie verflucht?
Flotte Sprüche und spritzige Dialoge
Mags und Tipi haben auf einer Halloween-Party ihren Spaß mit Kartenlesen und Orakeln. Der düster-geheimnisvolle Robin lädt sie zu Séancen ein und ihm ist es - im Gegensatz zu Mags - bitter ernst damit. Robin kriegt einen Wutausbruch - und Mags in den folgenden Wochen eine dicke Pechsträhne. Hat Robin sie verflucht?
Flotte Sprüche und spritzige Dialoge
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-570-30287-3 (9783570302873)
Schweitzer Classification
Person
Leonie Bell hat erst Psychologie, dann Gesang studiert. Beidem hat sie jedoch den Rücken gekehrt und arbeitet inzwischen als Lektorin für verschiedene Wissenschaftsverlage. Sie lebt in der Nähe von Münster.
Content
Halloween
Du siehst wirklich krass aus! Wahnsinn, du musst ja Stunden mit der Schminkerei verbracht haben!' Tipis Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung, und Mags strahlte sie an, obwohl Strahlen eigentlich gar nicht so gut zu ihrem heutigen Outfit passte.
Schließlich war Halloween, und Mags hatte sich richtig viel Zeit genommen, um sich so gruselig wie möglich anzumalen.
Ihr Gesicht war schneeweiß geschminkt, ihre Augen tiefschwarz umrandet und mit grünem Lidschatten betont. Auf ihre rechte Wange hatte sie außerdem eine Strass-Träne geklebt. Ihr Mund war ebenfalls mit schwarzem Konturenstift umrandet, aber die Lippen hatte sie giftgrün ausgemalt. In ihrem blonden Haar steckten Kämme mit Fledermaussymbolen. Zu all dem trug Mags einen grünen Pulli, einen schwarzen Mini und wirklich giftgrüne Strumpfhosen.
'War gar nicht so schlimm', erklärte Mags. 'Die Schminktipps sind aus dem Internet und die Träne hatte meine Mom noch von Karneval. Sie wollte sie sich erst selbst ankleben, aber ich war schneller.'
'Weshalb ich jetzt auch in diesem höchst unvorteilhaften Outfit herumgeistern muss!', kommentierte Frau Richter.
Tipi kicherte los, als sie Mags etwas füllige Mutter in einem bauschigen Geisterkostüm erblickte. Es sah aus wie eine Kutte, unzweifelhaft aus alten Betttüchern genäht. Dazu trug Frau Richter einen seltsamen Hut, der entfernt an einen Hexenhut erinnerte.
'Das Gewand ist bequem, macht aber ein bisschen dick', bemerkte sie. 'Woran man sieht, dass Geister praktisch denken und sich von ihren irdischen Lastern wie Stolz und Hoffart vollständig abgewendet haben. Wenn die Nahrung im Geisterreich allerdings hauptsächlich aus Kürbis besteht, überlege ich mir das noch mal mit der Unsterblichkeit . Ich habe beim Aushöhlen fast zu viel gekriegt. Und ich mag Kürbiskuchen nicht besonders.'
Mags und ihre Mutter waren seit Tagen mit den Vorbereitungen für die Halloween-Party beschäftigt. Mags hatte fast die ganze Klasse eingeladen und Stunden im Internet verbracht, um nach Schminktipps und Rezepten für 'Spinnenkekse' und 'Pestsalat' zu suchen. Auch ein paar gruselige Partyspiele waren dabei. Sicher würde es großartig werden!
Mags' bedauerte nur, dass ihr Freund Julius wieder mal nicht dabei sein konnte. Julius hatte sie in den Ferien kennen gelernt, er wohnte in München - drei Stunden Zugfahrt von ihrem Heimatort Burgdorf entfernt. Das war zu weit für eine Halloween-Party. Mags seufzte. Sie sah Julius ohnehin zu selten. Frühestens in den Weihnachtsferien würde sie ihn wieder besuchen können.
Immerhin war sie nicht die Einzige, die solo zu der Party erschien. Tipi, ihre beste Freundin, kam ebenfalls allein. Und Tipi musste aufgemuntert werden. Sie hatte vor kurzem mit ihrem ersten Freund Schluss gemacht und knabberte immer noch daran, wieder solo zu sein. Nicht unbedingt deshalb, weil ihr Ex-Freund Ralf so cool gewesen war, sondern eher wegen ihrer strengen Eltern. Mit Ralf als 'Beschützer' hatte sie zu allen angesagten Feten gehen dürfen, aber jetzt achtete 'Pauker Pirogge', Tipis Vater und meistgehasster Mathe-Lehrer der Schule, wieder streng darauf, dass sie spätestens um zehn zu Hause war. Heute war das aber nicht so tragisch, Mags wohnte praktisch im Haus nebenan. Bestimmt stellten Pirogges sich da nicht so an.
'Los, jetzt zeig mal dein Outfit!', forderte Mags Tipi auf, die sich aus ihrem Mantel schälte. 'Was hast du denn da mitgebracht?'
Tipi hatte sich nicht so aufwändig geschminkt wie Mags. Ihre Mutter hätte sonst wohl auch Einspruch eingelegt. Make-up zum Beispiel war für Tipi tabu, sie lieh es sich gewöhnlich bei Mags. Aber sie hatte ihr ganzes Taschengeld der letzten Woche für Neon-Lidschatten und Lipgloss ausgegeben, das angeblich im Dunkeln leuchtete. Den Lidschatten hatte sie nun so aufgetragen, dass ihre blassgrünen Augen katzenartig wirkten, und links und rechts an ihrem Mund hatte sie mit Lidstrich Schnurrhaare angedeutet. Außerdem trug sie einen Pulli mit Katzenmotiv zu ihrer engen Jeans. Ihr wirres braunes Haar, das sich so gar nicht zu der von ihren Eltern gewünschten, braven Pagenkopffrisur bändigen ließ, hatte sie mit reichlich Gel in 'Katzenohrenform' gebracht.
'Süß!', kommentierte Mags. 'Ist es wahr, dass ihr >Cats< in der Theatergruppe probt?'
'Ja und nein', meinte Tipi. Seit ein paar Wochen gab es eine Theater-AG in der Schule, in der Tipi mitmachte. Dabei glaubte sie nicht wirklich an ihre schauspielerische Begabung, aber nach der Trennung von Ralf wollte sie etwas Neues ausprobieren. 'Also das Musical machen wir nicht, es kann doch sowieso keiner singen. Obwohl Lisa sich natürlich darum reißt. Aber wenn du die singen lässt, grenzt das glatt an Körperverletzung!'
Mags kicherte. Lisas mangelndes Talent war allgemein bekannt, hinderte sie aber nicht daran, von einem Casting zum anderen zu fahren und fest an ihre Berufung zur Schauspielerin oder Sängerin zu glauben.
'Nicht begabt, aber beharrlich', pflegte Mags zu lästern.
'Tobias hat allerdings die Originaltexte von T. S. Eliot ausgegraben', fuhr Tipi fort. 'Damit wollen wir vielleicht etwas machen. Also ein Stück, aber ohne Tanzerei.' Tipi griff nach ihrem mitgebrachten Tablett,das sie auf der Flurgarderobe abgestellt hatte. 'Wo habt ihr das Büfett? Oder warte mal, vielleicht willst du ja einen Salat damit garnieren. Ich habe >Tote Augen< aus Mozzarella gemacht.'
Tipi folgte Mags in die Küche, wo ihre Mutter gerade die Salate herrichtete. Die anderen Gäste würden erst in einer halben Stunde eintreffen, Tipi war früher gekommen, um beim Aufbauen zu helfen.
'Was ist das denn?', quietschte sie beim Anblick des Kartoffelsalats. Er war blutrot und sah absolut ekelerregend aus.
'Das nennt sich >Blutschwamm<', erklärte Mags' Mutter und verdrehte die Augen. 'Mags findet das voll abgefahren, aber mir dreht sich der Magen um. Dabei ist es nur Kartoffelsalat, eingefärbt mit Rote-Bete-Saft.'
'Da passen meine Mozzarella-Kügelchen ja wie die Faust aufs Auge dazu - oder besser wie die Augen auf den Blutschwamm .', freute sich Tipi und nahm die Alufolie von ihrem Mitbringsel.
Begeistert betrachtete Mags die Ergebnisse ihrer Bastelarbeit: Die Mozzarella-Kügelchen waren mit grünen und schwarzen Oliven als 'Augäpfel' geschminkt. Sogar Äderchen hatte Tipi mit Rote-Bete-Saft aufgemalt.
'Cool!', meinte Mags und drapierte die Augäpfel auf den Salaten. Neben dem roten Kartoffelsalat gab es noch eine ähnlich appetitliche Kreation aus grünen Nudeln und Avocados.
In einer bläulichen 'Ekel-Bowle' schwammen bunte Würmer aus Weingummi.
Als Tipi sich anschickte, alles ins Wohnzimmer zu tragen, klingelte es an der Tür. Mags öffnete und schrak zusammen. Im Flur stand ein Skelett, dessen Knochen fluoreszierend leuchteten. Auf den zweiten Blick erkannte man allerdings, dass sie nur auf ein Betttuch gemalt waren, das eine ziemlich üppige Figur verbarg. Tobias, in der Klasse oft als 'Dickerchen' gehänselt, grinste Mags an. 'Ich bin eher gekommen. Ich dachte, ich kann vielleicht etwas helfen', erklärte er. 'Tipi hat vorhin gesagt, dass ihr noch dekorieren müsst.'
Mags ließ ihn ein und verdrehte hinter seinem Rücken die Augen.
Tobias schwärmte für Tipi, das war ihr seit langem klar. Sie konnte sich allerdings nicht erklären, warum ihre Freundin ihn bisweilen dazu auch noch ermutigte.
Tipi ging mit ihm auf Flohmärkte oder ins Kino. Mags fand natürlich auch, dass Tobias im Grunde ein netter Kerl war. Man konnte bedingungslos auf ihn zählen, wenn man sich in irgendeinen hoffnungslosen Schlamassel hineingeritten hatte. Aber sonst war Tobias doch ziemlich uncool.
Gute Ideen hatte er allerdings, das musste man ihm lassen. Jetzt zum Beispiel brachte er eine Schüssel mit giftgrünem Wackelpudding mit, in dem rote Plastikspinnen eingeschlossen waren wie Fliegen im Bernstein. Dabei war Tobias einer von der Sorte, dem so etwas selbst einfiel, er brauchte nicht danach im Internet zu stöbern.
'Du kannst die Spinnweben aufhängen', meinte Mags. 'Und hier ist ein Mobile mit Fledermäusen. Geli hat es mir geliehen, es soll rattenscharf aussehen, aber irgendwie kriege ich es nicht entwirrt .'
Tobias machte sich gleich an die Arbeit und hatte das Mobile tatsächlich mit wenigen Handgriffen in eine vorzeigbare Form gebracht. Gemeinsam mit Tipi begann er, die Dekos im Wohnzimmer zu verteilen. Mags hörte die beiden von der Küche aus herumalbern und kichern. Jedenfalls schien sich Tipi mit Tobias nicht zu langweilen.
Pünktlich um sieben trudelten dann die anderen ein. Geli und Maik waren die Ersten. Sie hatten sich als Vampire verkleidet. Dabei glaubte man dem vierschrötigen Maik den Grafen Dracula kaum. Mags fand, dass er eher als 'Shrek' oder als 'Frankensteins Monster' durchgehen würde. Geli bestand jedoch auf Partnerlook. Clarissa erschien als Hexe - nahe liegend bei ihrem langen roten Haar, dessen Farbe sie mit Henna zusätzlich unterstrich. Mit dem entsprechenden Make-up machte sie das zu einer wirklich atemberaubenden Hexe - selbst Maik warf ihr hinter Gelis Rücken verstohlene Blicke zu. Clarissa hatte schon einen richtigen Busen und eine Figur mit 'Kurven', die sie gern durch knallenge Röcke betonte. Das tat sie auch jetzt, ihr neongrüner Ledermini war aufreizend sexy. Ihr aktueller Freund - bei Clarissa wechselten sie so häufig, dass sich niemand mehr ihre Namen merkte - folgte ihr wie ein Hündchen.
Danach erschienen Lisa und Bastian - Bastian allerdings ohne Kostüm. Lisa kam auch als Katze verkleidet und hatte sich beim Schminken viel mehr Mühe gegeben als Tipi.
'Sieht doch scharf aus, nicht?', fragte sie Tobias und Tipi und wetzte theatralisch ihre Krallen an der Tischkante. 'Das wird sich auf der Bühne sagenhaft machen. Kann ich wirklich nicht >Mondlicht< singen?'
Tobias, der die Gründung der Theater-AG angeregt hatte, verdrehte die Augen, und Tipi behauptete, dringend etwas in der Küche zu tun zu haben. Mags war schon wieder auf dem Weg zur Tür. Sehr viele Gäste wurden jetzt nicht mehr erwartet. Zwar hatte sie noch ein paar weitere Klassenkameraden eher halbherzig eingeladen, aber der Schönling Dennis hatte an einem Freitagabend sicher etwas anderes vor, und Anna Lena war die neue Freundin von Ralf. Mit dem begab sie sich garantiert nicht in Tipis Umfeld! Mags' Herz klopfte heftig. Wenn es nicht Dennis war, kam eigentlich nur noch Robin infrage. Aber Robin auf ihrer Fete? Irgendwie konnte Mags sich das nicht so recht vorstellen. Andererseits war 'Halloween' in gewisser Weise Robins Thema. Er sah schließlich immer so aus, als komme er gerade von einer Halloween-Party - oder eher einer 'Beerdigung',wie Tobias gern witzelte. Robin war groß, sehr schlank und trug immer tiefschwarze Klamotten, meistens vom Flohmarkt.
Er hatte es jetzt auch nicht nötig, die Lippen zu Mags' Begrüßung zu einem Lächeln zu verziehen. Finster und ernst stand er in der Tür und rang sich nur ein kurzes 'Hi' ab, als Mags ihn begeistert willkommen hieß. Er zog auch seinen langen Mantel nicht aus, sondern schob sich nur wie ein Schatten an Mags vorbei und streifte das Büfett und die schon versammelten Partygäste mit einem lässigen, betont desinteressierten Blick. Natürlich brachte er nichts zu essen oder zu trinken mit. Wenn Robin eine Party mit seiner Anwesenheit beehrte, war das Anerkennung genug für den Gastgeber.
Was Mags anging, genügte ihr das tatsächlich. Und diesmal hatte er sie sogar angesehen! Gut, er wäre kaum in die Wohnung gekommen, ohne ihr zumindest einen Blick zuzuwerfen, aber Mags wertete es immerhin als Erfolg, dass seine unergründlichen grauen Augen einen Sekundenbruchteil auf ihr schräges Outfit gerichtet gewesen waren. Sonst tat der Typ schließlich so, als wäre es völlig unter seiner Würde, sich mit irgendjemandem aus der Klasse abzugeben. Egal ob Junge oder Mädchen. Allenfalls suchte er gelegentlich die Gesellschaft von Dennis, aber das beschränkte sich dann nur darauf, dass die beiden in der gleichen Ecke standen und teilnahmslos in die Gegend starrten. Bisher hatte niemand gehört, dass sie auch nur ein Wort miteinander wechselten. Mags wusste eigentlich nicht, was sie an Robin fand, aber irgendwie faszinierte er sie. Schon dieses absolute Selbstvertrauen! Nichts, gar nichts auf der Welt schien Robin etwas antun zu können. Egal ob seine Noten in der Schule gut oder schlecht waren, Robin blieb gelassen. Annäherungsversuche, egal von welcher Seite, blockte er ab. Robin hatte es nicht nötig, anderen zu imponieren, er war vollkommen selbstsicher und nicht aus der Ruhe zu bringen. Vollständig cool.
Auch jetzt stand er unbeteiligt am Rande und beobachtete, wie die Party langsam in Gang kam. Mags' Büfett wurde begeistert aufgenommen, und Lisa und Clarissa peppten es zusätzlich auf, indem sie eine Flasche Blue Curacao in die ohnehin blaue Bowle kippten. Mags hoffte, dass ihre Mutter das nicht spitzkriegte, aber die hatte offensichtlich keine Lust, das blaue Gebräu zu probieren. Maik hatte Bier mitgebracht und das zu horten war deutlich schwieriger. Zumal Maik nicht der Hellste war. Seine Verstecke zeichneten sich nicht unbedingt durch überhöhte Kreativität aus.
Immerhin war Mags' Mom so nett, sich relativ bald von der Party zu verabschieden. Sie ging nach der ersten Stunde zu ihrer Nachbarin, mit der sie befreundet war, um dort in Ruhe ein Glas Wein zu trinken. Mags gab sich allerdings keinen Illusionen hin: Ab und zu würde ihre Mutter vorbeischauen und die Party im Auge behalten. So ganz sich selbst überlassen wie bei Gelis und Clarissas Feten blieben die Kids hier nicht. Auch in Sachen Musik waren sie Zwängen unterworfen. Dies war nun mal ein Mietshaus und gewisse Nachbarn reagierten empfindlich auf Lärm. Karaoke und Tanzen fielen deshalb flach. Auch das war ein Grund, weshalb Mags Halloween als Motto für ihre Fete gewählt hatte. An diesem besonderen Abend konnte man sich auch anderweitig unterhalten als mit dem immer gleichen Abhotten und Herumhängen. Schon die Deko war etwas Besonderes: Es gab nicht die üblichen bunten Lichterketten, sondern die Wohnung war zu einem Großteil mit Kerzen beleuchtet. Und gegen neun eröffnete Mags dann das Partyprogramm.
'Hallo, Leute! Nochmals willkommen bei unserer Halloween-Fete. Halloween - das ist die Nacht der Nächte, die Göttin des Lichts weicht dem Gott der Finsternis. Dieser Machtwechsel bedeutet, dass die Tore zur Unterwelt weniger gut bewacht sind als sonst. Verlorene Seelen streifen umher .'
'Buuh!', riefen Tipi und Tobias gespenstisch, und die anderen kicherten.
'Die Geister der Toten sind uns nahe, und es ist Zeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Das wollen wir heute Nacht auch tun und dazu habe ich hier ein paar Dinge vorbereitet.' Mags wies auf ein Tischchen, das sie mit ein paar Büchern und verschiedenen Gegenständen dekoriert hatte: Wahrsagekarten, ein Pendel, ein Buch über Handlesen und eine Tüte Gummibärchen.
'Ich denke, wir fangen klein an. Das Gummibärchen-Orakel wird uns die ersten Einblicke gewähren. Man nimmt einfach fünf Bärchen aus der Packung und ich suche dann die entsprechende Deutung dazu.' Mags schwenkte das Buch 'Gummibärchen-Orakel' und hielt der Ersten in der Reihe, Geli, die Tüte hin.
'Was haben denn Gummibärchen mit Geistern zu tun?', fragte Tipi kichernd.
Tobias zuckte die Schultern. 'Vor allem fragt sich, ob wir die Biester nicht erst essen müssten, bevor wir sie befragen. Schließlich ist dies die Nacht der Toten. Los, Tipi, opfern wir fünf Gummibärchen auf dem Altar Satans und erfahren wir unsere Zukunft.'
Während Geli noch zögerte, griff er beherzt zu. Tipi bemerkte jedoch, dass Robin eine finstere Miene aufgesetzt hatte.
'Ihr wisst nicht, worüber ihr Witze macht .', murmelte der dunkel gekleidete Junge und schien irgendwelche Zeichen in die Luft zu malen. Tobias störte das nicht. Er hielt Mags zwei rote, ein gelbes, ein grünes und ein orangefarbenes Bärchen hin und ließ sie gleich darauf im Mund verschwinden. 'Möge der Geist mit uns sein!'
Mags lachte. 'Mal sehen: Also Rot bedeutet, du hast Wut im Bauch. Du fühlst dich oft übergangen, übersehen oder übervorteilt. Weil du nämlich deine Energie unterdrückst, statt sie zu nutzen. Aber das ändert sich jetzt. Mit dem Ziehen des orangenen Bärchens hast du das Tor zu deiner Kreativität geöffnet, das Türchen zum unbegrenzten Reich deiner Einfälle und Ideen. Außerdem ein gelbes Bärchen. Das bedeutet Reichtum und Wohlstand, deine Ideen werden sich also bezahlt machen. Und ein grünes: Das heißt Beständigkeit. Du wirst lang anhaltenden Erfolg haben.'
Beifall heischend sah Mags ihn an. Tobias verdrehte die Augen.
'Also schreibe ich >Cats< demnächst neu, es wird mit Lisa in der Hauptrolle verfilmt und ich werde reich und berühmt. Danke, Mags, das war es, was ich wissen wollte.'
Tipi kicherte, Lisa guckte verklärt. Wobei unklar war, ob das an Mags' Orakel oder am reichlichen Bowlengenuss lag. Lisa nippte garantiert schon an ihrem vierten Glas.
'Noch einer! Was ist mit dir, Robin?', fragte Mags.
Robin schüttelte gelangweilt den Kopf. 'Ich ziehe es vor, meine Zukunft selbst zu gestalten. Und solcher Kinderkram . Das hier, das öffnet schon eher mal Türen .' Er spielte mit dem Pendel.
'Das?', fragte Mags. 'Das ist ein Pendel. Hat meine Mom mal zum Geburtstag gekriegt. Von ihrer überkandidelten Kusine. Ich weiß aber nicht, wie man richtig damit pendelt.'
'Aber ich!', erklärte Clarissa. 'Gib mal her.'
Die Partygäste hatten es sich inzwischen auf dem Boden in Mags' Wohnzimmer gemütlich gemacht. Mags hatte dazu vorhin Kissen verteilt, außerdem standen überall Kerzen. Als Clarissa jetzt nach dem Pendel griff und die Kette vorsichtig zwischen die Finger nahm, war die Stimmung tatsächlich fast gespenstisch.
'Also, es beantwortet Fragen. Mit Ja oder Nein. Aber vorher müssen wir es einstimmen. Wir müssen herausfinden, womit es heute Ja und womit es Nein sagen will.'
'Aha', murmelte Maik. 'Holst du mir noch ein Bier, Geli? Ich habe es im Bad in den Spülkasten vom Klo getan. Da bleibt es auch kalt.'
Geli verdrehte die Augen. 'Hol es dir selbst, ich will jetzt pendeln. Wie macht man das denn, Clarissa?'
'Also man stellt ihm eine Frage. Zum Beispiel >Ist heute Freitag?<' Clarissa richtete die Frage langsam an das Pendel in ihrer Hand, das daraufhin begann, linksherum zu kreisen. 'Da haben wir es. So sagt es heute Ja.'
'Na, dann können wir ja zu den existenzielleren Fragen übergehen', bemerkte Tobias. 'Gibt es ein Leben nach dem Tod?'
Das Pendel kreiste sofort linksherum. Clarissa war begeistert.
'Sind hier Geister unter uns?', fragte Mags mit dunkler Stimme. Wieder kreiste das Pendel.
Geli plagten andere Sorgen. 'Wird meine Mathearbeit wohl noch eine Vier?'
Das Pendel schien eine Art Hupfer zu machen und wechselte dann die Drehrichtung.
Geli seufzte.
Du siehst wirklich krass aus! Wahnsinn, du musst ja Stunden mit der Schminkerei verbracht haben!' Tipis Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung, und Mags strahlte sie an, obwohl Strahlen eigentlich gar nicht so gut zu ihrem heutigen Outfit passte.
Schließlich war Halloween, und Mags hatte sich richtig viel Zeit genommen, um sich so gruselig wie möglich anzumalen.
Ihr Gesicht war schneeweiß geschminkt, ihre Augen tiefschwarz umrandet und mit grünem Lidschatten betont. Auf ihre rechte Wange hatte sie außerdem eine Strass-Träne geklebt. Ihr Mund war ebenfalls mit schwarzem Konturenstift umrandet, aber die Lippen hatte sie giftgrün ausgemalt. In ihrem blonden Haar steckten Kämme mit Fledermaussymbolen. Zu all dem trug Mags einen grünen Pulli, einen schwarzen Mini und wirklich giftgrüne Strumpfhosen.
'War gar nicht so schlimm', erklärte Mags. 'Die Schminktipps sind aus dem Internet und die Träne hatte meine Mom noch von Karneval. Sie wollte sie sich erst selbst ankleben, aber ich war schneller.'
'Weshalb ich jetzt auch in diesem höchst unvorteilhaften Outfit herumgeistern muss!', kommentierte Frau Richter.
Tipi kicherte los, als sie Mags etwas füllige Mutter in einem bauschigen Geisterkostüm erblickte. Es sah aus wie eine Kutte, unzweifelhaft aus alten Betttüchern genäht. Dazu trug Frau Richter einen seltsamen Hut, der entfernt an einen Hexenhut erinnerte.
'Das Gewand ist bequem, macht aber ein bisschen dick', bemerkte sie. 'Woran man sieht, dass Geister praktisch denken und sich von ihren irdischen Lastern wie Stolz und Hoffart vollständig abgewendet haben. Wenn die Nahrung im Geisterreich allerdings hauptsächlich aus Kürbis besteht, überlege ich mir das noch mal mit der Unsterblichkeit . Ich habe beim Aushöhlen fast zu viel gekriegt. Und ich mag Kürbiskuchen nicht besonders.'
Mags und ihre Mutter waren seit Tagen mit den Vorbereitungen für die Halloween-Party beschäftigt. Mags hatte fast die ganze Klasse eingeladen und Stunden im Internet verbracht, um nach Schminktipps und Rezepten für 'Spinnenkekse' und 'Pestsalat' zu suchen. Auch ein paar gruselige Partyspiele waren dabei. Sicher würde es großartig werden!
Mags' bedauerte nur, dass ihr Freund Julius wieder mal nicht dabei sein konnte. Julius hatte sie in den Ferien kennen gelernt, er wohnte in München - drei Stunden Zugfahrt von ihrem Heimatort Burgdorf entfernt. Das war zu weit für eine Halloween-Party. Mags seufzte. Sie sah Julius ohnehin zu selten. Frühestens in den Weihnachtsferien würde sie ihn wieder besuchen können.
Immerhin war sie nicht die Einzige, die solo zu der Party erschien. Tipi, ihre beste Freundin, kam ebenfalls allein. Und Tipi musste aufgemuntert werden. Sie hatte vor kurzem mit ihrem ersten Freund Schluss gemacht und knabberte immer noch daran, wieder solo zu sein. Nicht unbedingt deshalb, weil ihr Ex-Freund Ralf so cool gewesen war, sondern eher wegen ihrer strengen Eltern. Mit Ralf als 'Beschützer' hatte sie zu allen angesagten Feten gehen dürfen, aber jetzt achtete 'Pauker Pirogge', Tipis Vater und meistgehasster Mathe-Lehrer der Schule, wieder streng darauf, dass sie spätestens um zehn zu Hause war. Heute war das aber nicht so tragisch, Mags wohnte praktisch im Haus nebenan. Bestimmt stellten Pirogges sich da nicht so an.
'Los, jetzt zeig mal dein Outfit!', forderte Mags Tipi auf, die sich aus ihrem Mantel schälte. 'Was hast du denn da mitgebracht?'
Tipi hatte sich nicht so aufwändig geschminkt wie Mags. Ihre Mutter hätte sonst wohl auch Einspruch eingelegt. Make-up zum Beispiel war für Tipi tabu, sie lieh es sich gewöhnlich bei Mags. Aber sie hatte ihr ganzes Taschengeld der letzten Woche für Neon-Lidschatten und Lipgloss ausgegeben, das angeblich im Dunkeln leuchtete. Den Lidschatten hatte sie nun so aufgetragen, dass ihre blassgrünen Augen katzenartig wirkten, und links und rechts an ihrem Mund hatte sie mit Lidstrich Schnurrhaare angedeutet. Außerdem trug sie einen Pulli mit Katzenmotiv zu ihrer engen Jeans. Ihr wirres braunes Haar, das sich so gar nicht zu der von ihren Eltern gewünschten, braven Pagenkopffrisur bändigen ließ, hatte sie mit reichlich Gel in 'Katzenohrenform' gebracht.
'Süß!', kommentierte Mags. 'Ist es wahr, dass ihr >Cats< in der Theatergruppe probt?'
'Ja und nein', meinte Tipi. Seit ein paar Wochen gab es eine Theater-AG in der Schule, in der Tipi mitmachte. Dabei glaubte sie nicht wirklich an ihre schauspielerische Begabung, aber nach der Trennung von Ralf wollte sie etwas Neues ausprobieren. 'Also das Musical machen wir nicht, es kann doch sowieso keiner singen. Obwohl Lisa sich natürlich darum reißt. Aber wenn du die singen lässt, grenzt das glatt an Körperverletzung!'
Mags kicherte. Lisas mangelndes Talent war allgemein bekannt, hinderte sie aber nicht daran, von einem Casting zum anderen zu fahren und fest an ihre Berufung zur Schauspielerin oder Sängerin zu glauben.
'Nicht begabt, aber beharrlich', pflegte Mags zu lästern.
'Tobias hat allerdings die Originaltexte von T. S. Eliot ausgegraben', fuhr Tipi fort. 'Damit wollen wir vielleicht etwas machen. Also ein Stück, aber ohne Tanzerei.' Tipi griff nach ihrem mitgebrachten Tablett,das sie auf der Flurgarderobe abgestellt hatte. 'Wo habt ihr das Büfett? Oder warte mal, vielleicht willst du ja einen Salat damit garnieren. Ich habe >Tote Augen< aus Mozzarella gemacht.'
Tipi folgte Mags in die Küche, wo ihre Mutter gerade die Salate herrichtete. Die anderen Gäste würden erst in einer halben Stunde eintreffen, Tipi war früher gekommen, um beim Aufbauen zu helfen.
'Was ist das denn?', quietschte sie beim Anblick des Kartoffelsalats. Er war blutrot und sah absolut ekelerregend aus.
'Das nennt sich >Blutschwamm<', erklärte Mags' Mutter und verdrehte die Augen. 'Mags findet das voll abgefahren, aber mir dreht sich der Magen um. Dabei ist es nur Kartoffelsalat, eingefärbt mit Rote-Bete-Saft.'
'Da passen meine Mozzarella-Kügelchen ja wie die Faust aufs Auge dazu - oder besser wie die Augen auf den Blutschwamm .', freute sich Tipi und nahm die Alufolie von ihrem Mitbringsel.
Begeistert betrachtete Mags die Ergebnisse ihrer Bastelarbeit: Die Mozzarella-Kügelchen waren mit grünen und schwarzen Oliven als 'Augäpfel' geschminkt. Sogar Äderchen hatte Tipi mit Rote-Bete-Saft aufgemalt.
'Cool!', meinte Mags und drapierte die Augäpfel auf den Salaten. Neben dem roten Kartoffelsalat gab es noch eine ähnlich appetitliche Kreation aus grünen Nudeln und Avocados.
In einer bläulichen 'Ekel-Bowle' schwammen bunte Würmer aus Weingummi.
Als Tipi sich anschickte, alles ins Wohnzimmer zu tragen, klingelte es an der Tür. Mags öffnete und schrak zusammen. Im Flur stand ein Skelett, dessen Knochen fluoreszierend leuchteten. Auf den zweiten Blick erkannte man allerdings, dass sie nur auf ein Betttuch gemalt waren, das eine ziemlich üppige Figur verbarg. Tobias, in der Klasse oft als 'Dickerchen' gehänselt, grinste Mags an. 'Ich bin eher gekommen. Ich dachte, ich kann vielleicht etwas helfen', erklärte er. 'Tipi hat vorhin gesagt, dass ihr noch dekorieren müsst.'
Mags ließ ihn ein und verdrehte hinter seinem Rücken die Augen.
Tobias schwärmte für Tipi, das war ihr seit langem klar. Sie konnte sich allerdings nicht erklären, warum ihre Freundin ihn bisweilen dazu auch noch ermutigte.
Tipi ging mit ihm auf Flohmärkte oder ins Kino. Mags fand natürlich auch, dass Tobias im Grunde ein netter Kerl war. Man konnte bedingungslos auf ihn zählen, wenn man sich in irgendeinen hoffnungslosen Schlamassel hineingeritten hatte. Aber sonst war Tobias doch ziemlich uncool.
Gute Ideen hatte er allerdings, das musste man ihm lassen. Jetzt zum Beispiel brachte er eine Schüssel mit giftgrünem Wackelpudding mit, in dem rote Plastikspinnen eingeschlossen waren wie Fliegen im Bernstein. Dabei war Tobias einer von der Sorte, dem so etwas selbst einfiel, er brauchte nicht danach im Internet zu stöbern.
'Du kannst die Spinnweben aufhängen', meinte Mags. 'Und hier ist ein Mobile mit Fledermäusen. Geli hat es mir geliehen, es soll rattenscharf aussehen, aber irgendwie kriege ich es nicht entwirrt .'
Tobias machte sich gleich an die Arbeit und hatte das Mobile tatsächlich mit wenigen Handgriffen in eine vorzeigbare Form gebracht. Gemeinsam mit Tipi begann er, die Dekos im Wohnzimmer zu verteilen. Mags hörte die beiden von der Küche aus herumalbern und kichern. Jedenfalls schien sich Tipi mit Tobias nicht zu langweilen.
Pünktlich um sieben trudelten dann die anderen ein. Geli und Maik waren die Ersten. Sie hatten sich als Vampire verkleidet. Dabei glaubte man dem vierschrötigen Maik den Grafen Dracula kaum. Mags fand, dass er eher als 'Shrek' oder als 'Frankensteins Monster' durchgehen würde. Geli bestand jedoch auf Partnerlook. Clarissa erschien als Hexe - nahe liegend bei ihrem langen roten Haar, dessen Farbe sie mit Henna zusätzlich unterstrich. Mit dem entsprechenden Make-up machte sie das zu einer wirklich atemberaubenden Hexe - selbst Maik warf ihr hinter Gelis Rücken verstohlene Blicke zu. Clarissa hatte schon einen richtigen Busen und eine Figur mit 'Kurven', die sie gern durch knallenge Röcke betonte. Das tat sie auch jetzt, ihr neongrüner Ledermini war aufreizend sexy. Ihr aktueller Freund - bei Clarissa wechselten sie so häufig, dass sich niemand mehr ihre Namen merkte - folgte ihr wie ein Hündchen.
Danach erschienen Lisa und Bastian - Bastian allerdings ohne Kostüm. Lisa kam auch als Katze verkleidet und hatte sich beim Schminken viel mehr Mühe gegeben als Tipi.
'Sieht doch scharf aus, nicht?', fragte sie Tobias und Tipi und wetzte theatralisch ihre Krallen an der Tischkante. 'Das wird sich auf der Bühne sagenhaft machen. Kann ich wirklich nicht >Mondlicht< singen?'
Tobias, der die Gründung der Theater-AG angeregt hatte, verdrehte die Augen, und Tipi behauptete, dringend etwas in der Küche zu tun zu haben. Mags war schon wieder auf dem Weg zur Tür. Sehr viele Gäste wurden jetzt nicht mehr erwartet. Zwar hatte sie noch ein paar weitere Klassenkameraden eher halbherzig eingeladen, aber der Schönling Dennis hatte an einem Freitagabend sicher etwas anderes vor, und Anna Lena war die neue Freundin von Ralf. Mit dem begab sie sich garantiert nicht in Tipis Umfeld! Mags' Herz klopfte heftig. Wenn es nicht Dennis war, kam eigentlich nur noch Robin infrage. Aber Robin auf ihrer Fete? Irgendwie konnte Mags sich das nicht so recht vorstellen. Andererseits war 'Halloween' in gewisser Weise Robins Thema. Er sah schließlich immer so aus, als komme er gerade von einer Halloween-Party - oder eher einer 'Beerdigung',wie Tobias gern witzelte. Robin war groß, sehr schlank und trug immer tiefschwarze Klamotten, meistens vom Flohmarkt.
Er hatte es jetzt auch nicht nötig, die Lippen zu Mags' Begrüßung zu einem Lächeln zu verziehen. Finster und ernst stand er in der Tür und rang sich nur ein kurzes 'Hi' ab, als Mags ihn begeistert willkommen hieß. Er zog auch seinen langen Mantel nicht aus, sondern schob sich nur wie ein Schatten an Mags vorbei und streifte das Büfett und die schon versammelten Partygäste mit einem lässigen, betont desinteressierten Blick. Natürlich brachte er nichts zu essen oder zu trinken mit. Wenn Robin eine Party mit seiner Anwesenheit beehrte, war das Anerkennung genug für den Gastgeber.
Was Mags anging, genügte ihr das tatsächlich. Und diesmal hatte er sie sogar angesehen! Gut, er wäre kaum in die Wohnung gekommen, ohne ihr zumindest einen Blick zuzuwerfen, aber Mags wertete es immerhin als Erfolg, dass seine unergründlichen grauen Augen einen Sekundenbruchteil auf ihr schräges Outfit gerichtet gewesen waren. Sonst tat der Typ schließlich so, als wäre es völlig unter seiner Würde, sich mit irgendjemandem aus der Klasse abzugeben. Egal ob Junge oder Mädchen. Allenfalls suchte er gelegentlich die Gesellschaft von Dennis, aber das beschränkte sich dann nur darauf, dass die beiden in der gleichen Ecke standen und teilnahmslos in die Gegend starrten. Bisher hatte niemand gehört, dass sie auch nur ein Wort miteinander wechselten. Mags wusste eigentlich nicht, was sie an Robin fand, aber irgendwie faszinierte er sie. Schon dieses absolute Selbstvertrauen! Nichts, gar nichts auf der Welt schien Robin etwas antun zu können. Egal ob seine Noten in der Schule gut oder schlecht waren, Robin blieb gelassen. Annäherungsversuche, egal von welcher Seite, blockte er ab. Robin hatte es nicht nötig, anderen zu imponieren, er war vollkommen selbstsicher und nicht aus der Ruhe zu bringen. Vollständig cool.
Auch jetzt stand er unbeteiligt am Rande und beobachtete, wie die Party langsam in Gang kam. Mags' Büfett wurde begeistert aufgenommen, und Lisa und Clarissa peppten es zusätzlich auf, indem sie eine Flasche Blue Curacao in die ohnehin blaue Bowle kippten. Mags hoffte, dass ihre Mutter das nicht spitzkriegte, aber die hatte offensichtlich keine Lust, das blaue Gebräu zu probieren. Maik hatte Bier mitgebracht und das zu horten war deutlich schwieriger. Zumal Maik nicht der Hellste war. Seine Verstecke zeichneten sich nicht unbedingt durch überhöhte Kreativität aus.
Immerhin war Mags' Mom so nett, sich relativ bald von der Party zu verabschieden. Sie ging nach der ersten Stunde zu ihrer Nachbarin, mit der sie befreundet war, um dort in Ruhe ein Glas Wein zu trinken. Mags gab sich allerdings keinen Illusionen hin: Ab und zu würde ihre Mutter vorbeischauen und die Party im Auge behalten. So ganz sich selbst überlassen wie bei Gelis und Clarissas Feten blieben die Kids hier nicht. Auch in Sachen Musik waren sie Zwängen unterworfen. Dies war nun mal ein Mietshaus und gewisse Nachbarn reagierten empfindlich auf Lärm. Karaoke und Tanzen fielen deshalb flach. Auch das war ein Grund, weshalb Mags Halloween als Motto für ihre Fete gewählt hatte. An diesem besonderen Abend konnte man sich auch anderweitig unterhalten als mit dem immer gleichen Abhotten und Herumhängen. Schon die Deko war etwas Besonderes: Es gab nicht die üblichen bunten Lichterketten, sondern die Wohnung war zu einem Großteil mit Kerzen beleuchtet. Und gegen neun eröffnete Mags dann das Partyprogramm.
'Hallo, Leute! Nochmals willkommen bei unserer Halloween-Fete. Halloween - das ist die Nacht der Nächte, die Göttin des Lichts weicht dem Gott der Finsternis. Dieser Machtwechsel bedeutet, dass die Tore zur Unterwelt weniger gut bewacht sind als sonst. Verlorene Seelen streifen umher .'
'Buuh!', riefen Tipi und Tobias gespenstisch, und die anderen kicherten.
'Die Geister der Toten sind uns nahe, und es ist Zeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Das wollen wir heute Nacht auch tun und dazu habe ich hier ein paar Dinge vorbereitet.' Mags wies auf ein Tischchen, das sie mit ein paar Büchern und verschiedenen Gegenständen dekoriert hatte: Wahrsagekarten, ein Pendel, ein Buch über Handlesen und eine Tüte Gummibärchen.
'Ich denke, wir fangen klein an. Das Gummibärchen-Orakel wird uns die ersten Einblicke gewähren. Man nimmt einfach fünf Bärchen aus der Packung und ich suche dann die entsprechende Deutung dazu.' Mags schwenkte das Buch 'Gummibärchen-Orakel' und hielt der Ersten in der Reihe, Geli, die Tüte hin.
'Was haben denn Gummibärchen mit Geistern zu tun?', fragte Tipi kichernd.
Tobias zuckte die Schultern. 'Vor allem fragt sich, ob wir die Biester nicht erst essen müssten, bevor wir sie befragen. Schließlich ist dies die Nacht der Toten. Los, Tipi, opfern wir fünf Gummibärchen auf dem Altar Satans und erfahren wir unsere Zukunft.'
Während Geli noch zögerte, griff er beherzt zu. Tipi bemerkte jedoch, dass Robin eine finstere Miene aufgesetzt hatte.
'Ihr wisst nicht, worüber ihr Witze macht .', murmelte der dunkel gekleidete Junge und schien irgendwelche Zeichen in die Luft zu malen. Tobias störte das nicht. Er hielt Mags zwei rote, ein gelbes, ein grünes und ein orangefarbenes Bärchen hin und ließ sie gleich darauf im Mund verschwinden. 'Möge der Geist mit uns sein!'
Mags lachte. 'Mal sehen: Also Rot bedeutet, du hast Wut im Bauch. Du fühlst dich oft übergangen, übersehen oder übervorteilt. Weil du nämlich deine Energie unterdrückst, statt sie zu nutzen. Aber das ändert sich jetzt. Mit dem Ziehen des orangenen Bärchens hast du das Tor zu deiner Kreativität geöffnet, das Türchen zum unbegrenzten Reich deiner Einfälle und Ideen. Außerdem ein gelbes Bärchen. Das bedeutet Reichtum und Wohlstand, deine Ideen werden sich also bezahlt machen. Und ein grünes: Das heißt Beständigkeit. Du wirst lang anhaltenden Erfolg haben.'
Beifall heischend sah Mags ihn an. Tobias verdrehte die Augen.
'Also schreibe ich >Cats< demnächst neu, es wird mit Lisa in der Hauptrolle verfilmt und ich werde reich und berühmt. Danke, Mags, das war es, was ich wissen wollte.'
Tipi kicherte, Lisa guckte verklärt. Wobei unklar war, ob das an Mags' Orakel oder am reichlichen Bowlengenuss lag. Lisa nippte garantiert schon an ihrem vierten Glas.
'Noch einer! Was ist mit dir, Robin?', fragte Mags.
Robin schüttelte gelangweilt den Kopf. 'Ich ziehe es vor, meine Zukunft selbst zu gestalten. Und solcher Kinderkram . Das hier, das öffnet schon eher mal Türen .' Er spielte mit dem Pendel.
'Das?', fragte Mags. 'Das ist ein Pendel. Hat meine Mom mal zum Geburtstag gekriegt. Von ihrer überkandidelten Kusine. Ich weiß aber nicht, wie man richtig damit pendelt.'
'Aber ich!', erklärte Clarissa. 'Gib mal her.'
Die Partygäste hatten es sich inzwischen auf dem Boden in Mags' Wohnzimmer gemütlich gemacht. Mags hatte dazu vorhin Kissen verteilt, außerdem standen überall Kerzen. Als Clarissa jetzt nach dem Pendel griff und die Kette vorsichtig zwischen die Finger nahm, war die Stimmung tatsächlich fast gespenstisch.
'Also, es beantwortet Fragen. Mit Ja oder Nein. Aber vorher müssen wir es einstimmen. Wir müssen herausfinden, womit es heute Ja und womit es Nein sagen will.'
'Aha', murmelte Maik. 'Holst du mir noch ein Bier, Geli? Ich habe es im Bad in den Spülkasten vom Klo getan. Da bleibt es auch kalt.'
Geli verdrehte die Augen. 'Hol es dir selbst, ich will jetzt pendeln. Wie macht man das denn, Clarissa?'
'Also man stellt ihm eine Frage. Zum Beispiel >Ist heute Freitag?<' Clarissa richtete die Frage langsam an das Pendel in ihrer Hand, das daraufhin begann, linksherum zu kreisen. 'Da haben wir es. So sagt es heute Ja.'
'Na, dann können wir ja zu den existenzielleren Fragen übergehen', bemerkte Tobias. 'Gibt es ein Leben nach dem Tod?'
Das Pendel kreiste sofort linksherum. Clarissa war begeistert.
'Sind hier Geister unter uns?', fragte Mags mit dunkler Stimme. Wieder kreiste das Pendel.
Geli plagten andere Sorgen. 'Wird meine Mathearbeit wohl noch eine Vier?'
Das Pendel schien eine Art Hupfer zu machen und wechselte dann die Drehrichtung.
Geli seufzte.