
Nächte der Füchsin
Roman
Cornelia Becker(Author)
PalmArtPress
1st Edition
Published on 23. October 2024
Book
Hardback
350 pages
978-3-96258-184-8 (ISBN)
Description
Spanien 1995. In dem vergessenen, von wenigen skurrilen Alten bewohnten Dorf Vallehermoso in der Sierra Nevada trifft Clara auf ihre Tante Rosalía. Diese erzählt ihr von ihrem Bruder José, Claras Vater, der in ihrer deutschen Familie verleugnet wurde, und sie erzählt von seiner Tochter Esperanza. Als Kleinkind ist Esperanza entführt worden, die Familie hat in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht herausfinden können, was mit Esperanza geschehen ist. Clara kann Rosalía nicht glauben, zu verrückt klingen ihre Schilderungen. Doch ein alter Gärtner berichtet von dem katholischen Kloster La Misericordia, in dem Esperanza verschwand und aus dem sie "fünf Wochen später in den Armen der ehrenwerten Doña Matilda Sepúlveda wieder herausgetragen" wurde.
Clara geht auf die Suche nach ihrer Schwester Esperanza. Sie erfährt, dass im franquistischen Spanien mindestens 300.000 Kinder ihren oftmals politisch links orientierten Eltern weggenommen wurden. Viele wurden für tot erklärt und verschwanden in katholischen Einrichtungen. Den Eltern wurde das Sorgerecht entzogen. Die Kinder bekamen neue Namen und wurden unter dieser Identität ins Register eingetragen und für eine Adoption freigegeben. So verlor sich jede Spur ihrer Herkunft.
Reviews / Votes
Cornelia Beckers Prosa besticht durch sinnliche Fülle und Präsenz. Innere und äußere Schauplätze bedingen und spiegeln einander. Sie spürt den blinden Flecken unserer Existenz auf, knüpft ein komplexes Beziehungsgefüge, indem sie Fäden zieht und Fährten legt, die jedoch Rätsel aufgeben und damit Spannung erzeugen. Mit souveräner Hand führt sie durch labyrinthische Abgründe und wieder hinaus, und überrascht ihre ProtagonistInnen ebenso wie ihre LeserInnen mit ihren Entdeckungen. - Dr. Dagmar Schulz, Orlanda Frauenbuch VerlagMore details
Language
German
Place of publication
Berlin
Germany
Product notice
With ribbon marker(s)
Dimensions
Height: 214 mm
Width: 145 mm
Thickness: 27 mm
Weight
514 gr
ISBN-13
978-3-96258-184-8 (9783962581848)
Schweitzer Classification
Person
Author
Cornelia Becker, geboren in Paderborn. Freie Schriftstellerin und Lyrikerin. Studien: Germanistik, Spanisch, Kunsttherapie. Beteiligung am Aufbau von verschiedenen feministischen interkulturellen Projekten, u.a LiteraturFrauen e.V. Berlin. Mitwirken in Initiativen wie The Poetry Project, eine Poesiewerkstatt für junge geflüchtete Menschen. Neben Publikationen von Erzählungen und Lyrik in Zeitschriften, Anthologien und Hörfunk, veröffentlichte sie Romane und Erzählungsbände. Für ihre Arbeiten erhielt sie Auszeichnungen und Stipendien. Grenzgänge zur bildenden Kunst: Visuelle Poesie und Mixed-Media-Arbeiten. Installationen und Performances in Wechselwirkung mit verschiedenen Künsten/Künstler*innen.
ISNI: 0000 0003 5795 7615
ISNI: 0000 0003 5795 7615
Content
Nie habe ich herausgefunden, was für ein Mensch mein Vater war. Auf dem einzigen Foto, das ich von ihm besitze, hält er die Augen geschlossen. Lange habe ich mir eingeredet, wären sie geöffnet und direkt auf mich gerichtet, dann erhielte ich Antworten auf alle meine Fragen.
Auf dem Bild steht er in einem schwarzen Anzug am Kai des Hamburger Hafens, den Sankt Pauli Landungsbrücken, vor einem Schoner. Kräne, Spiere, Masten überragen ihn, scheinen auch ihn emporzuheben. Den Wolken näher als der Erde ist er. Mit der rechten Hand hält er sich am Tau der Gangway fest. Der Körper, das Gesicht sind der Kamera zugewandt, er lachte, doch als der Auslöser gedrückt wurde, waren seine Augen geschlossen.
Als Kind dachte ich, er sei mit eben diesem Schiff aus Spanien eingetroffen. Seine dunkle Kleidung, die Schwerelosigkeit, das Schiff, alles unterstreicht die Einmaligkeit des Augenblicks. Eine Fotografie aus der Zeit vor mir, aber auf dem Weg zu mir.
Ich drehe das Bild in den Händen, während ich im Wohnzimmer meiner Tante stehe und ratlos auf sie hinabsehe. Sie weint stumm. Tränen laufen ihr über die Wangen, sie tupft sie mechanisch mit einem Taschentuch ab.
Mir wird bewusst, dass sie ihn erst vor einer Woche beerdigt hat. Vermutlich war mein Vater die wichtigste Person in ihrem Leben.
Im Fernsehen läuft noch immer die spanische Familienserie. Rosalía hat den Ton abgestellt. Ich starre auf den Bildschirm, sehe den grauhaarigen Helden, der gerade auf den Hof einer Hazienda reitet, das Pferd vor einer jungen Frau zügelt und von oben herab auf sie einredet.
Ächzend sackt Rosalía auf das Sofa, versinkt in Kissenbergen und Vergangenheit. Die Toten nehmen neben ihr Platz. Sie lauscht und nickt, flüstert unzusammenhängende Sätze in einem beruhigenden Singsang. Mich und den Grauhaarigen aus der Telenovela hat sie vergessen.