Das Teufelsritual
Roman
Lorenzo Beccati(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 10. November 2008
Book
Paperback/Softback
320 pages
978-3-442-46849-2 (ISBN)
Description
Genua 1589: Mädchenmorde erschüttern die Stadt. Und auf dem Altar einer Klosterkirche wird ein totes Schwein gefunden. Gibt es eine Verbindung zwischen den grausamen Taten?
Genua, 1589: Als auf dem Altar der Klosterkirche St. Anna ein totes Schwein aufgefunden wird, sind die elf Mönche der kleinen Gemeinschaft schockiert - zumal auf dem Rücken des Tieres ein Kreuzzeichen eingeritzt ist. In ihrer Not wenden sie sich an Pimain, einen jungen Mann, der die Sprache der Schweine versteht und der den Täter dieser abscheulichen Freveltaten ausfindig machen soll. Doch Pimain ist bereits einer anderen Fährte auf der Spur - denn in den dunklen Gassen von Genua treibt ein brutaler Serienmörder sein Unwesen, dem bereits mehrere junge Mädchen zum Opfer gefallen sind. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fällen?
Genua, 1589: Als auf dem Altar der Klosterkirche St. Anna ein totes Schwein aufgefunden wird, sind die elf Mönche der kleinen Gemeinschaft schockiert - zumal auf dem Rücken des Tieres ein Kreuzzeichen eingeritzt ist. In ihrer Not wenden sie sich an Pimain, einen jungen Mann, der die Sprache der Schweine versteht und der den Täter dieser abscheulichen Freveltaten ausfindig machen soll. Doch Pimain ist bereits einer anderen Fährte auf der Spur - denn in den dunklen Gassen von Genua treibt ein brutaler Serienmörder sein Unwesen, dem bereits mehrere junge Mädchen zum Opfer gefallen sind. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fällen?
More details
Series
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-46849-2 (9783442468492)
Schweitzer Classification
Persons
Lorenzo Beccati wurde 1955 in Genua geboren. Heute lebt er abwechselnd in Mailand und Genau. Nachdem er viele Jahre lang als Drehbuchautor für das italienische Fernsehen tätig war und einige der populärsten Sendungen gescriptet hat, will er sich nun mehr
Content
Eine Menschenmenge hat sich auf einen noch lebenden Wal gestürzt. Wild vor Hunger schlagen Männer, Frauen und Kinder ihm die Zähne ins Fleisch. Den Gierigsten gelingt es, sich dunkle Hautfetzen abzureißen, sie lachen, während ihnen das Fett übers Kinn läuft. Ein Mann mit nacktem Oberkörper hat mit der Axt ein Loch in den Bauch des Wals gehauen. Wie ein Rasender arbeitet er sich ins Innere vor. Plötzlich wird er von den herausschwappenden Eingeweiden umgeworfen und fällt rücklings in den Sand. Ein Pulk Kinder stürzt sich auf die dampfenden Gedärme und prügelt sich um jeden armseligen Bissen.
Die Frauen füllen sich die Schürzen, die Männer die Hemden. Viele stopfen sich die erbeuteten Brocken lieber gleich in den Mund und schlingen sie mit widerlicher Gier hinunter.
An der Mündung des trägen Flusses, der Genua durchquert, ist ein Wal gestrandet. Die Nachricht hat sich in Windeseile verbreitet.
Einem Jungen mit einem langen Messer ist es gelungen, sich aus dem Kopf des riesigen Säugers einen Streifen Fleisch herauszuschneiden, so lang wie er selbst. Er wirft sich die Beute über die Schulter und rennt los, um
sie in Sicherheit zu bringen. Bei jedem Schritt gibt ihm das Fleisch des Wals einen Klaps auf den Hintern.
Fast unmerklich bewegt das Tier seinen Schwanz. Erstaunt verfolgt es die Betriebsamkeit der seltsamen Fische, die mit seinen Körperteilen hektisch die Flucht ergreifen.
Ein Krüppel humpelt zum Blasloch des Wals und starrt neugierig hinein. Trotzig spritzt das Tier einen Strahl blutigen Meerwassers heraus. Es ist der letzte Streich seines Lebens. Mit einem Seufzer stirbt es, der riesige Körper sackt schlaff in den Sand.
Drei Menschen werden von der nachgebenden Masse erdrückt. Niemand eilt ihnen zu Hilfe. Ein jeder hat nur im Sinn, sich selbst und seine Familie vor dem Hungertod zu retten. Drei Nonnen, die Kleider mit den Körpersäften des Wals besudelt, drängeln sich vor und spornen eine wohlgeordnete Reihe Waisenkinder an, sich zu schnappen, was immer sie ergattern können. Welch unerwartetes Geschenk des Himmels! Oder des Meeres. Von Weitem ist das kein Unterschied.
Ein Blinder fuchtelt mit dem Stock in der Luft herum und schimpft lauthals vor sich hin. Er steht mit dem Rücken zum Wal, nur wenige Meter von ihm entfernt, und verflucht seine Orientierungslosigkeit. Nicht einmal der Hunger kommt ihm zu Hilfe.
Ein Grüppchen aus der Innung der Handlanger hat eine Kette gebildet, in der die Fleischklumpen weitergereicht werden wie Ziegelsteine. Am Ende werden sie auf einen Karren gestapelt, dessen Zugpferd so dürr ist wie ein Ruder in der Sonne.
Das Lasttier verdreht den Hals, um einen Fetzen Haut zu erwischen. Als es schließlich einen zu fassen bekommt, macht ihm ein scharfer Peitschenhieb klar, dass es besser ist, davon abzulassen, und so begnügt es sich damit, die gelbliche Suppe aufzulecken, die unentwegt in den Sand neben seinen Hufen tropft.
Seit vielen, seit allzu vielen Jahren wird Genua von einer schrecklichen Hungersnot heimgesucht.
Nicht wenige sind jedoch überzeugt, dass sich mit Beginn des neuen Jahres 1590 alles ändern wird.
Aus dem Schatten der Bäume, die den Strand säumen, beobachtet Pimain die apokalyptische Szene. Er ist ein Mann von bernsteinfarbener Haut und in seinen besten Jahren. Sein Oberkörper ist fest und muskulös. Ganz anders die Beine, die mager und kurz aus einem winzigen Gesäß wachsen. Sie erinnern an einen Berberaffen und scheinen zu einem völlig anderen Körper zu gehören. Wer ihn, nur oberhalb der Gürtellinie, in einem Fenster stehen sähe, käme nie auf den Gedanken, dass der Rest so mickrig sein könnte.
Schwarze Locken und Koteletten umrahmen das schöne Gesicht. Der Blick ist fest, die Bewegungen sicher, die Zähne weiß, das Lächeln schlau.
Die einfache Kleidung verrät nicht, welchem Stand er angehört. Den Frauen gefällt er, aber er weiß es nicht.
Sein Broterwerb ist absonderlich, für viele hat er den Ruch von Hexerei.
Pimain nimmt die Hand von der Krempe, an der er seinen Strohhut heruntergezogen hat, um sich vor den letzten Sonnenstrahlen zu schützen. Er rückt den Doppelsack zurecht, der ihm in die Schulter schneidet, und klopft sich auf den Schenkel: eine Aufforderung an seinen Hund. Das Tier, von mittlerer Größe, bellt mehrmals heiser und vorwurfsvoll und kommt herbei, um sein rötliches Fell an den Waden seines Herrchens zu reiben.
Dann nehmen Herr und Hund ihre Wanderung wieder auf und schlagen den Weg zur Anhöhe ein.
Schon nach wenigen Schritten kommt ihnen ein Haufen armer Schlucker entgegengerannt, versperrt ihnen den Weg und rempelt sie in der Eile an.
Der Hunger hat viele Kinder, und an der Tafel des Wals will niemand fehlen.
Das Schwein, ob es wohl die Klauen spaltet, so wiederkäut es doch nicht: es soll euch unrein sein. Ihr Fleisch sollt ihr nicht essen, und ihr Aas sollt ihr nicht anrühren.
Deuteronomium 14,8
Im Kloster der Unbeschuhten Karmeliten von Sant' Anna auf dem Poggio di Bacheria, dem ersten Felsbuckel im Rücken der mächtigen Stadt Genua, schluckt die hereinbrechende Dunkelheit rasch die abendlichen Schatten.
Noch ist es erst eine Vorahnung der Nacht.
Die elf Mönche des Klosters passieren das Refektorium, den Kreuzgang und die Zellen und begeben sich zur Kirche. Sie müssen die Köpfe einziehen in dem engen Gang, dessen Wände mit Reliquien zweifelhafter Herkunft und Wirkung geschmückt sind.
Zwei Pfeile des heiligen Sebastian, die aus Konstantinopel selbst stammen sollen; der Oberarmknochen des heiligen Christophorus, der das Jesuskind über den Fluss getragen hat; Stroh aus der heiligen Krippe, Sägespäne vom heiligen Josef und die kostbarste Reliquie, eine Ampulle mit ein paar Tropfen Milch der Mutter Jesu. An einem Holzstab befestigt zudem mehrere Dutzend Silberherzen, bauchig und hohl, die bei jedem Windstoß leise klingeln.
Der Kerzenrauch und die Feuchtigkeit haben allen Reliquien die gleiche Farbe verliehen.
Die Reihe der Mönche beschließt wie gewohnt Pater Nicolo von Jesus Maria Doria, der Superior des Klosters.
Als es an ihm ist, sich unter das niedrige Tonnengewölbe des Gangs zu bücken, erkennt er an den vielen Halmen und Stacheln auf dem Skapulier seines Vordermannes trotz der hochgeschlagenen Kapuze, und obwohl er ihn nur von hinten sieht, dass es sich um Bruder Gärtner handelt.
Es ist die Stunde der Komplet, und die Karmeliten begeben sich zum letzten Gebet des Tages in ihre winzige Kirche.
An der Wand gegenüber dem Eingang hängt ein verzogenes Kruzifix. Darunter steht der Altar, eine einfache Steinplatte auf Holzbeinen mit reliefartigen Einlegearbeiten. Bis auf einen Stuhl mit geflochtenem Sitz und eine Kniebank, die als Beichtstuhl dienen, ist die Kirche vollkommen leer.
Der Fußboden besteht aus groben Bohlen, die durch die Zeitläufte und viele Schichten Farbe verkrustet sind.
In der einzigen Nische hängt ein Madonnenbild. Das Kind auf dem Schoß der Muttergottes wendet sich ab, als wollte es hinabrutschen und fortlaufen. Hinter den beiden ist ein üppiger Garten zu sehen. Die Zweige eines Zitronenbäumchens umrahmen und erleuchten das Gesicht der Unbefleckten. Das Kind streckt sein Händchen nach einem Engel aus, der durch eine gelb blühende Kletterpflanze lugt.
Kaum ist der erste Mönch am Anfang der Schlange über die Schwelle getreten, merken die anderen an seinem abrupten Innehalten, dass etwas nicht stimmt.
Die Karmeliten treten aus der Ordnung und nähern sich dem Altar. Zu seinen Füßen liegt ein totes Schwein, den Rüssel zu einem schauerlichen Grinsen verzerrt.
Der Kopf des Tiers ist zertrümmert, einige Schädelknochen sind zu sehen. Am meisten erschüttert die Mönche jedoch ein grausiges Detail: In den Bauch des Tiers ist mit zwei tiefen Schnitten ein Kreuz geritzt.
Einige Mönche bekreuzigen sich und spucken auf die Leiche. Pater Nicolö Doria schiebt seine Ordensbrüder beiseite, um besser sehen zu können.
Es ist ein grässlicher, schauderhafter Anblick, und sein Magen revoltiert.
Tief verstört durch das Böse, das in der Luft liegt, sehen die Brüder sich um. Gegen alle Regeln der Vernunft spähen sie in die dunkelsten Ecken auf der Suche nach dem Satan.
Der Superior hebt den Blick zu Christus am Kreuz, dessen Augen im Widerschein der Kerzen zu brennen scheinen. Auch er wirkt entsetzt.
Pater Nicolo Doria ordnet an, das Schwein fortzuschaffen, um der Schändung des Altars ein Ende zu setzen.
Doch nichts rührt sich. Nichts als eine lähmende Angst, die nach und nach von ihnen Besitz ergreift.
Die Frauen füllen sich die Schürzen, die Männer die Hemden. Viele stopfen sich die erbeuteten Brocken lieber gleich in den Mund und schlingen sie mit widerlicher Gier hinunter.
An der Mündung des trägen Flusses, der Genua durchquert, ist ein Wal gestrandet. Die Nachricht hat sich in Windeseile verbreitet.
Einem Jungen mit einem langen Messer ist es gelungen, sich aus dem Kopf des riesigen Säugers einen Streifen Fleisch herauszuschneiden, so lang wie er selbst. Er wirft sich die Beute über die Schulter und rennt los, um
sie in Sicherheit zu bringen. Bei jedem Schritt gibt ihm das Fleisch des Wals einen Klaps auf den Hintern.
Fast unmerklich bewegt das Tier seinen Schwanz. Erstaunt verfolgt es die Betriebsamkeit der seltsamen Fische, die mit seinen Körperteilen hektisch die Flucht ergreifen.
Ein Krüppel humpelt zum Blasloch des Wals und starrt neugierig hinein. Trotzig spritzt das Tier einen Strahl blutigen Meerwassers heraus. Es ist der letzte Streich seines Lebens. Mit einem Seufzer stirbt es, der riesige Körper sackt schlaff in den Sand.
Drei Menschen werden von der nachgebenden Masse erdrückt. Niemand eilt ihnen zu Hilfe. Ein jeder hat nur im Sinn, sich selbst und seine Familie vor dem Hungertod zu retten. Drei Nonnen, die Kleider mit den Körpersäften des Wals besudelt, drängeln sich vor und spornen eine wohlgeordnete Reihe Waisenkinder an, sich zu schnappen, was immer sie ergattern können. Welch unerwartetes Geschenk des Himmels! Oder des Meeres. Von Weitem ist das kein Unterschied.
Ein Blinder fuchtelt mit dem Stock in der Luft herum und schimpft lauthals vor sich hin. Er steht mit dem Rücken zum Wal, nur wenige Meter von ihm entfernt, und verflucht seine Orientierungslosigkeit. Nicht einmal der Hunger kommt ihm zu Hilfe.
Ein Grüppchen aus der Innung der Handlanger hat eine Kette gebildet, in der die Fleischklumpen weitergereicht werden wie Ziegelsteine. Am Ende werden sie auf einen Karren gestapelt, dessen Zugpferd so dürr ist wie ein Ruder in der Sonne.
Das Lasttier verdreht den Hals, um einen Fetzen Haut zu erwischen. Als es schließlich einen zu fassen bekommt, macht ihm ein scharfer Peitschenhieb klar, dass es besser ist, davon abzulassen, und so begnügt es sich damit, die gelbliche Suppe aufzulecken, die unentwegt in den Sand neben seinen Hufen tropft.
Seit vielen, seit allzu vielen Jahren wird Genua von einer schrecklichen Hungersnot heimgesucht.
Nicht wenige sind jedoch überzeugt, dass sich mit Beginn des neuen Jahres 1590 alles ändern wird.
Aus dem Schatten der Bäume, die den Strand säumen, beobachtet Pimain die apokalyptische Szene. Er ist ein Mann von bernsteinfarbener Haut und in seinen besten Jahren. Sein Oberkörper ist fest und muskulös. Ganz anders die Beine, die mager und kurz aus einem winzigen Gesäß wachsen. Sie erinnern an einen Berberaffen und scheinen zu einem völlig anderen Körper zu gehören. Wer ihn, nur oberhalb der Gürtellinie, in einem Fenster stehen sähe, käme nie auf den Gedanken, dass der Rest so mickrig sein könnte.
Schwarze Locken und Koteletten umrahmen das schöne Gesicht. Der Blick ist fest, die Bewegungen sicher, die Zähne weiß, das Lächeln schlau.
Die einfache Kleidung verrät nicht, welchem Stand er angehört. Den Frauen gefällt er, aber er weiß es nicht.
Sein Broterwerb ist absonderlich, für viele hat er den Ruch von Hexerei.
Pimain nimmt die Hand von der Krempe, an der er seinen Strohhut heruntergezogen hat, um sich vor den letzten Sonnenstrahlen zu schützen. Er rückt den Doppelsack zurecht, der ihm in die Schulter schneidet, und klopft sich auf den Schenkel: eine Aufforderung an seinen Hund. Das Tier, von mittlerer Größe, bellt mehrmals heiser und vorwurfsvoll und kommt herbei, um sein rötliches Fell an den Waden seines Herrchens zu reiben.
Dann nehmen Herr und Hund ihre Wanderung wieder auf und schlagen den Weg zur Anhöhe ein.
Schon nach wenigen Schritten kommt ihnen ein Haufen armer Schlucker entgegengerannt, versperrt ihnen den Weg und rempelt sie in der Eile an.
Der Hunger hat viele Kinder, und an der Tafel des Wals will niemand fehlen.
Das Schwein, ob es wohl die Klauen spaltet, so wiederkäut es doch nicht: es soll euch unrein sein. Ihr Fleisch sollt ihr nicht essen, und ihr Aas sollt ihr nicht anrühren.
Deuteronomium 14,8
Im Kloster der Unbeschuhten Karmeliten von Sant' Anna auf dem Poggio di Bacheria, dem ersten Felsbuckel im Rücken der mächtigen Stadt Genua, schluckt die hereinbrechende Dunkelheit rasch die abendlichen Schatten.
Noch ist es erst eine Vorahnung der Nacht.
Die elf Mönche des Klosters passieren das Refektorium, den Kreuzgang und die Zellen und begeben sich zur Kirche. Sie müssen die Köpfe einziehen in dem engen Gang, dessen Wände mit Reliquien zweifelhafter Herkunft und Wirkung geschmückt sind.
Zwei Pfeile des heiligen Sebastian, die aus Konstantinopel selbst stammen sollen; der Oberarmknochen des heiligen Christophorus, der das Jesuskind über den Fluss getragen hat; Stroh aus der heiligen Krippe, Sägespäne vom heiligen Josef und die kostbarste Reliquie, eine Ampulle mit ein paar Tropfen Milch der Mutter Jesu. An einem Holzstab befestigt zudem mehrere Dutzend Silberherzen, bauchig und hohl, die bei jedem Windstoß leise klingeln.
Der Kerzenrauch und die Feuchtigkeit haben allen Reliquien die gleiche Farbe verliehen.
Die Reihe der Mönche beschließt wie gewohnt Pater Nicolo von Jesus Maria Doria, der Superior des Klosters.
Als es an ihm ist, sich unter das niedrige Tonnengewölbe des Gangs zu bücken, erkennt er an den vielen Halmen und Stacheln auf dem Skapulier seines Vordermannes trotz der hochgeschlagenen Kapuze, und obwohl er ihn nur von hinten sieht, dass es sich um Bruder Gärtner handelt.
Es ist die Stunde der Komplet, und die Karmeliten begeben sich zum letzten Gebet des Tages in ihre winzige Kirche.
An der Wand gegenüber dem Eingang hängt ein verzogenes Kruzifix. Darunter steht der Altar, eine einfache Steinplatte auf Holzbeinen mit reliefartigen Einlegearbeiten. Bis auf einen Stuhl mit geflochtenem Sitz und eine Kniebank, die als Beichtstuhl dienen, ist die Kirche vollkommen leer.
Der Fußboden besteht aus groben Bohlen, die durch die Zeitläufte und viele Schichten Farbe verkrustet sind.
In der einzigen Nische hängt ein Madonnenbild. Das Kind auf dem Schoß der Muttergottes wendet sich ab, als wollte es hinabrutschen und fortlaufen. Hinter den beiden ist ein üppiger Garten zu sehen. Die Zweige eines Zitronenbäumchens umrahmen und erleuchten das Gesicht der Unbefleckten. Das Kind streckt sein Händchen nach einem Engel aus, der durch eine gelb blühende Kletterpflanze lugt.
Kaum ist der erste Mönch am Anfang der Schlange über die Schwelle getreten, merken die anderen an seinem abrupten Innehalten, dass etwas nicht stimmt.
Die Karmeliten treten aus der Ordnung und nähern sich dem Altar. Zu seinen Füßen liegt ein totes Schwein, den Rüssel zu einem schauerlichen Grinsen verzerrt.
Der Kopf des Tiers ist zertrümmert, einige Schädelknochen sind zu sehen. Am meisten erschüttert die Mönche jedoch ein grausiges Detail: In den Bauch des Tiers ist mit zwei tiefen Schnitten ein Kreuz geritzt.
Einige Mönche bekreuzigen sich und spucken auf die Leiche. Pater Nicolö Doria schiebt seine Ordensbrüder beiseite, um besser sehen zu können.
Es ist ein grässlicher, schauderhafter Anblick, und sein Magen revoltiert.
Tief verstört durch das Böse, das in der Luft liegt, sehen die Brüder sich um. Gegen alle Regeln der Vernunft spähen sie in die dunkelsten Ecken auf der Suche nach dem Satan.
Der Superior hebt den Blick zu Christus am Kreuz, dessen Augen im Widerschein der Kerzen zu brennen scheinen. Auch er wirkt entsetzt.
Pater Nicolo Doria ordnet an, das Schwein fortzuschaffen, um der Schändung des Altars ein Ende zu setzen.
Doch nichts rührt sich. Nichts als eine lähmende Angst, die nach und nach von ihnen Besitz ergreift.