Die Darwin-Kinder
Roman
Greg Bear(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 6. February 2006
Book
Paperback/Softback
560 pages
978-3-453-52035-6 (ISBN)
Description
Greg Bears neuer, genialer Wissenschafts-Thriller, die spannende Fortsetzung von "Das Darwin-Virus". Ein packender Roman über eine wissenschaftliche Entdeckung, die alles infrage stellt, was wir über Herkunft und Schicksal des Menschen zu wissen glauben, und die Welt für immer verändern wird. Ein fesselnder Science-Thriller, der an die Grenzen der Wissenschaft geht.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 12 cm
ISBN-13
978-3-453-52035-6 (9783453520356)
Schweitzer Classification
Persons
Greg Bear wurde 1951 in San Diego geboren und studierte dort englische Literatur. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren der Gegenwart. Seine zuletzt veröffentlichten Rom
Content
1. Spotsylvania County, Virginia
Die Dunkelheit und Stille der frühen Morgenstunden umhüllten das Haus. Leicht benommen, nach nur drei Stunden Schlaf, stand Mitch Rafelson mit einem Becher Kaffee auf der hinteren Veranda. Durch das Zwielicht des Himmels drang immer noch der Glanz der Sterne. Einige Motten und Käfer summten hartnäckig um die Lampe auf der Veranda herum. Waschbären hatten sich hinten am Mülleimer zu schaffen gemacht, waren aber schon vor Stunden schimpfend und miteinander balgend wieder abgezogen, da die Kettensicherung ihnen das Spiel verdorben hatte.
Die Welt wirkte leer und neu.
Mitch stellte seinen Becher in die Küchenspüle und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Kaye schlief noch. Vor dem Spiegel über der Kommode rückte er seine Krawatte zurecht. Krawatten wirkten bei ihm immer irgendwie deplatziert. Angesichts des Jacketts, das trotz seiner breiten Schultern schlotterte, des viel zu weiten Hemdkragens und der überlangen weißen Hemdsärmel, die unter dem Aufschlag seines Mantels zu sehen waren, verzog er das Gesicht.
Gestern Abend hatten sie miteinander gestritten. Mitch, Kaye und Stella, ihre Tochter, hatten bis zwei Uhr früh in dem kleinen Schlafzimmer zusammengesessen und versucht, ein klärendes Gespräch zu führen. Stella fühlte sich isoliert. Sie wollte, musste mit jungen Menschen zusammenkommen, die so waren wie sie. Dies war eine durchaus vernünftige Einstellung, aber sie hatten keine Wahl.
Es war nicht die erste Auseinandersetzung dieser Art gewesen und sicher auch nicht die letzte. Kaye begegnete solchen Konfrontationen immer mit bemühter Gelassenheit, während Mitch lieber auswich und Ausflüchte suchte. Und natürlich waren es Ausflüchte, denn er hatte keine Antworten auf Stellas Fragen und konnte ihren Argumenten eigentlich nichts entgegensetzen. Beide wussten sie, dass Stella irgendwann mit Menschen ihrer Art zusammen sein und ihren eigenen Weg finden musste.
Schließlich war es Stella zuviel geworden. Als sie in ihr Zimmer marschiert war und die Tür hinter sich zugeknallt hatte, waren Kaye die Tränen gekommen. Mitch hatte sie im Bett an sich gedrückt, bis sie allmählich in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Er war wach geblieben, hatte auf die dunkle Zimmerdecke gestarrt, das Spiel der Lichter verfolgt, als draußen auf der Landstraße ein Lastwagen vorbeirumpelte, und sich wie immer gefragt, ob der Lastwagen in ihre Auffahrt einbiegen würde, um ihre Tochter abzuholen und das Kopfgeld einzukassieren oder sogar noch Schlimmeres anzurichten.
Er konnte sich selbst in diesen Klamotten, die Kaye in Anspielung auf Mr. Smith goes to Washington seine Mr. Smith-Verkleidung nannte, nicht ausstehen. Er hob eine Hand hoch, drehte sie und musterte die Handfläche, die langen, starken Finger und den Ehering, den er trug, obwohl Kaye und er keinen amtlichen Trauschein besaßen. Seine Hände hatten etwas Grobes.
Die Fahrt in die Hauptstadt, das Passieren all dieser Kontrollen mit einem Schriftstück, das ihn als Mitarbeiter des Repräsentantenhauses auswies, waren ihm zutiefst zuwider. Im Schritttempo vorbei an all den mit Soldaten bemannten Lastwagen der Armee, deren Einsatz verzweifelte Eltern davon abhalten sollte, Selbstmordattentate zu begehen. Das war seit dem Frühjahr schon dreimal geschehen.
Und jetzt kamen noch die Vorfälle in Riverside in Kalifornien hinzu.
Mitch ging zur linken Bettseite hinüber, flüsterte 'Guten Morgen, Liebste' und blieb einen Augenblick stehen, um die Frau, die er liebte, zu betrachten. Seine Augen wanderten vom Ärmel ihres Schlafanzugs zu den schlanken Händen, den gekrümmten Fingern, den bis aufs Fleisch abgenagten Fingernägeln. Jede Falte in der Kunstseide, jedes Spiel des frühmorgendlichen Lichts auf dem Stoff nahm er bewusst in sich auf.
Als er sich zu ihr hinunterbeugte, um sie auf die Wange zu küssen, und die Bettdecke über ihren Arm zog, flatterten ihre Lider, und sie schlug die Augen auf. 'Viel Glück', sagte sie und streichelte seinen Hinterkopf.
'Bin um vier Uhr zurück.'
'Ich liebe dich.' Seufzend kuschelte sich Kaye wieder in die Kissen.
Die nächste Station war Stellas Zimmer. Nie verließ er das Haus ohne diesen vorherigen Rundgang, bei dem er die Bilder seiner Frau, seiner Tochter und des Hauses bewusst in sich aufnahm und in seinem Gedächtnis speicherte. So als könne er diesen Augenblick jederzeit wieder abrufen, falls man ihm all dies nehmen sollte - falls dies der Abschied war. Als würde es im Fall des Falles irgendetwas nützen.
Stellas Zimmer war ein einziges Chaos, das verriet, womit sie sich in Ermangelung wirklicher Freundinnen und Freunde beschäftigte. An die Wand über ihrem Bett hatte sie ein Abschiedsfoto jener berühmt-berüchtigten orange-weiß getigerten Familienkatze gehängt. Aus der Holzkiste quollen kleine Stofftiere, deren Knopfaugen im Halbdunkel geheimnisvoll funkelten. Alte Taschenbücher füllten ein kleines Bücherregal aus Kiefernholz, das Mitch und Stella im vergangenen Winter gemeinsam zusammengenagelt hatten. Stella genoss es, mit ihrem Vater Hand in Hand zu arbeiten, allerdings war Mitch nicht entgangen, dass sie sich mit den Jahren immer weiter voneinander entfernt hatten.
Stella lag auf dem Rücken in einem Bett, das schon seit einem Jahr zu kurz für sie war. Mit elf Jahren war sie fast so groß wie Kaye und mit der schlanken Figur und dem runden Gesicht auf ihre Weise schön. Im Schein der kleinen Nachtlampe schimmerte ihre Haut in blassen Kupfer- und Goldtönen. Ihr Haar war kastanienbraun mit einem Stich ins Rote, von derselben Struktur wie das von Kaye und nicht viel länger als das ihrer Mutter.
Ihre Familie hatte sich zu einem Dreieck entwickelt, das immer noch starken Zusammenhalt hatte, obwohl die drei Seiten Monat für Monat weiter auseinander strebten. Weder Mitch noch Kaye konnten Stella das geben, was sie wirklich brauchte.
Und einander?
Er blickte auf, um den Sonnenaufgang zu betrachten, der sich durch die duftigen weißen Vorhänge vor Stellas Fenster als orangefarbene Linie am Himmel abzeichnete. Gestern Abend hatte Stella, deren Wangen vor Zorn mit Flecken übersät waren, wissen wollen, wann sie ihr erlauben würden, das Haus auf eigene Faust und ohne Make-up zu verlassen, damit sie sich mit Gleichaltrigen treffen konnte. Mit Kindern, die so waren wie sie selbst. Seit ihrer letzten 'Verabredung zum Spielen' waren schon zwei Jahre vergangen.
Kaye hatte mit dem häuslichen Unterricht Wunder gewirkt, aber Stella hatte gestern Abend immer wieder und mit wachsender Heftigkeit betont: 'Ich bin nicht so wie ihr!' Zum ersten Mal hatte Stella offiziell verkündet: 'Ich bin kein menschliches Wesen!'
Aber das stimmte natürlich nicht. Nur Dummköpfe dachten so etwas. Dummköpfe, Scheusale - und ihre Tochter.
Mitch küsste Stella auf die Stirn, ohne dass sie aufwachte. Ihre Haut war warm. Wenn Stella schlief, roch sie nach ihren Träumen. Jetzt roch sie leicht salzig - nach Tränen und Traurigkeit.
'Ich muss los', murmelte er. Als Wellen goldener Punkte über Stellas Wangen liefen, lächelte Mitch.
Selbst im Schlaf konnte sich seine Tochter von ihm verabschieden.
2. Zentrum zur Erforschung alter Viren, United States Army Medical Research Institute of Infectious Diseases
(USAMRIID), Fort Detrick, Maryland
'Es sind Menschen ums Leben gekommen, Christopher', sagte Marian Freedman. 'Reicht das nicht als Rechtfertigung dafür, dass wir auf der Hut sein und uns sogar ein wenig verrückt verhalten müssen?'
Auf sein gutes Bein gestützt, humpelte Christopher Dicken neben ihr her und starrte auf die Stahltür am Ende des betonierten Ganges. Die Dienstmarke, die ihn als Mitarbeiter des Nationalen Krebsforschungsinstituts, des NCI, auswies, steckte immer noch an der Brusttasche seines Jacketts. Er hielt einen großen Blumenstrauß mit Rosen und Lilien in der Hand. Die Auseinandersetzung zwischen Marian Freedman und ihm hatte schon an der Rezeption angefangen und sich den ganzen Weg über, durch vier Sicherheitskontrollen hindurch, fortgesetzt.
'Schon seit zehn Jahren ist kein Fall von Shiver mehr diagnostiziert worden', sagte er. 'Und noch nie ist jemand aufgrund des Kontakts mit den Kindern erkrankt. Wenn man sie isoliert, hat das nicht biologische, sondern politische Gründe.'
Marian griff nach seinem Tagesausweis und zog ihn durch den Scanner. Gleich darauf öffnete sich die Stahltür und gab den Blick auf ein Netz von waagerechten Zugangsröhren aus grünlichem Sonnenschutzglas frei, die wie ein Labyrinth für Hamster über einem mehr als achttausend Quadratmeter großen Becken aus nacktem grauen Beton schwebten. Sie streckte die Hand aus und bedeutete ihm, voranzugehen. 'Sie wissen doch aus erster Hand, was Shiver bedeutet.'
'Nach ein paar Wochen war es überstanden', bemerkte Dicken.
'Es hat fünf Wochen gedauert und Sie wären beinahe gestorben, verdammt noch mal! Spielen Sie mir hier bloß nicht den tollkühnen Virusjäger vor!'
Dicken trat vorsichtig auf den Laufsteg, da er Tiefendimensionen nur schwer abschätzen konnte. Nur eines seiner Augen war noch intakt, aber auch auf diesem Auge war er sehbehindert, sodass er eine starke Kontaktlinse brauchte. 'Der Mann hat seine Frau geschlagen, Marian. Sie war aufgrund einer schwierigen Schwangerschaft krank. Hatte Stress und Schmerzen.'
'Stimmt', erwiderte Marian. 'Aber das traf doch sicher nicht auf Mrs. Rhine zu, oder?'
'Da lag das Problem woanders', räumte Dicken ein.
Freedman ließ sich zu einem dünnen Lächeln herab. Zuweilen offenbarte sie Witz von beißender Schärfe, allerdings schien ihr wirklicher Humor völlig fremd zu sein. Pflichterfüllung, harte Arbeit, Forschung und ein würdevolles Auftreten bestimmten ihren engen Lebenskreis. Marian Freedman war eine überzeugte Feministin und hatte nie geheiratet. Sie war eine der besten und engagiertesten Wissenschaftlerinnen, denen Dicken je begegnet war.
Während sie nebeneinander auf dem Aluminiumlaufsteg hergingen und den Weg in nördliche Richtung einschlugen, passte sie ihr Tempo seinem Schritt an. Hohe Stahlzylinder erwarteten sie am Ende der Zugangsröhren, Aufzugschächte für die Fahrstühle, die zu Kammern unterhalb der fugenlosen Betonfläche führten. Die Zylinder trugen große viereckige 'Hüte' - gasbetriebene Hochtemperaturöfen, die jeden Luftzug sterilisierten, der aus den darunter liegenden Einrichtungen drang.
'Willkommen in Augustine's Haus. Wie geht's Mark eigentlich?'
'Bei unserer letzten Begegnung wirkte er nicht sonderlich glücklich.'
'Ehrlich gesagt, wundert mich das gar nicht, obwohl ich natürlich Milde walten lassen sollte. Schließlich hat Mark mich von Forschungsprojekten mit Affen zum Forschungsprojekt Mrs. Rhine befördert.'
Vor zwölf Jahren, als die Centers for Disease Control, kurz CDC genannt, die Projektgruppe zur Erforschung der Herodes-Grippe ins Leben gerufen hatten, war Freedman noch Leiterin des Primaten-Labors in Baltimore gewesen. Mark Augustine, damals Direktor der CDC und Dickens Chef, hatte in der angespannten Finanzlage auf staatliche Sondermittel gehofft. Die Herodes-Grippe, die man für Tausende schrecklich missgebildeter Fehlgeburten verantwortlich machte, hatte wie ein Geschenk des Himmels (oder der Hölle) zur Sanierung der Finanzen gewirkt. Es wurde recht bald klar, dass die Herodes-Grippe durch eines von Tausenden humaner endogener Retroviren, kurz HERVs genannt, übertragen wurde, die in der DNA jedes Menschen enthalten sind. Prompt hatte man das uralte Virus, das jetzt freigesetzt, mutiert und ansteckend war, SHEVA getauft. SHEVA stand für Scattered Human Endogenous Viral Activation - Aktivierung verstreuter humaner endogener Retroviren -, weckte aber gleichzeitig Assoziationen an die lebensspendende und lebensvernichtende Kraft der hinduistischen Gottheit Schiwa. Damals hatte man die Viren für nichts anderes als eigennützige Krankheitserreger gehalten.
'Sie hat sich auf das Wiedersehen mit Ihnen gefreut', bemerkte Freedman. 'Wie lange liegt Ihr letzter Besuch zurück?'
'Sechs Monate.'
'Mein liebster Wallfahrer erweist unserem Lourdes der Viren die Ehre', sagte Freedman. 'Na ja, die Gute ist ja auch wirklich so etwas wie ein Wunder. Außerdem hat die arme Frau auch etwas von einer Heiligen.'
Freedman und Dicken passierten Kreuzungen, an denen Röhren in südwestlicher, nordöstlicher und nordwestlicher Richtung zu anderen Aufzugschächten führten. Draußen wärmte sich die Luft an diesem Sommermorgen schnell auf. Durch das dämpfende Schutzglas der Röhren war die Sonne unmittelbar über dem Horizont als grünliche Kugel zu erkennen. Rings um sie herum verströmte die Klimaanlage mit ächzenden Atemzügen kühle Luft.
Inzwischen waren sie ans Ende der Hauptröhre gelangt. Rechts von der Fahrstuhltür hing ein laminiertes Schild, in das der Name MRS. CARLA RHINE eingraviert war. Freedman drückte auf den weißen Knopf, es war der einzige in diesem Fahrstuhl. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, gingen Dickens vom Druck verstopfte Ohren wieder auf.
SHEVA war weit mehr als eine Krankheit, wie sich inzwischen herausgestellt hatte. Das aktivierte Retrovirus, das nur von Männern in festen Beziehungen verbreitet wurde, diente als genetischer Bote, der komplizierte Instruktionen für eine neue Art von Geburt beförderte. SHEVA infizierte gerade befruchtete menschliche Eizellen, übernahm sie gewissermaßen. Bei den von der Herodes-Grippe ausgelösten Fehlgeburten handelte es sich um Embryonen im Frühstadium, allgemein Zwischentöchter genannt. Sie stellten kaum mehr als spezielle Eierstöcke dar, deren einziger Zweck darin bestand, neue Zygoten, befruchtete Eizellen, nach einem genau vorgegebenen Mutationsmuster zu produzieren. Ohne einen weiteren Geschlechtsverkehr setzten sich die neuen Zygoten in der zweiten Phase fest und überzogen sich mit dünnen Schutzmembranen. Sie überlebten die Austreibung des ersten Embryos und lösten eine erneute Schwangerschaft aus.
Bei manchen Menschen hatte das Assoziationen an eine Art Jungfrauengeburt ausgelöst.
Die meisten Embryonen des zweiten Stadiums waren in Schwangerschaften ausgetragen worden, die durchaus normal verlaufen waren. Weltweit waren im Abstand von vier Jahren in zwei großen Schüben drei Millionen dieser neuartigen Kinder geboren worden. Mehr als zweieinhalb Millionen der Säuglinge hatten überlebt. Immer noch hielt der Streit darüber an, wer oder was diese Kinder eigentlich waren: eine krankhafte Mutation? Eine neue Unterart der Spezies Mensch? Eine völlig neue Spezies?
Die einfachen Leute nannten sie schlicht Virus-Kinder.
'Carla pumpt sie immer noch heraus', sagte Freedman, als der Fahrstuhl unten ankam. 'Allein in den letzten vier Monaten hat sie siebenhundert neue Viren ausgeschüttet. Etwa ein Drittel davon ist infektiös, alles Viren mit einzelsträngiger RNA von negativer Polarität - und mordsmäßig gefährlich. Zweiundfünfzig dieser Viren töten Schweine innerhalb von Stunden. Einundneunzig sind für Menschen höchstwahrscheinlich tödlich. Und weitere zehn können womöglich Schweine wie Menschen umbringen.' Freedman warf einen Blick über ihre Schulter, um zu sehen, wie Dicken es aufnahm.
'Ich weiß', erwiderte er trocken und rieb sich die Hüfte. Wenn er mehr als fünfzehn Minuten stand, machte ihm sein Bein zu schaffen. Die Explosion im Weißen Haus, bei der er vor zwölf Jahren ein Auge eingebüßt hatte, war auch für seine Gehbehinderung verantwortlich. Drei Operationen hatten dafür gesorgt, dass er inzwischen wieder ohne Krücken auskam, aber die Schmerzen hatten sie ihm nicht genommen.
'Immer noch voll informiert, selbst im Krebsforschungsinstitut?', fragte Freedman.
'Ich versuch's zumindest.'
'Gott sei Dank gibt es nur vier Fälle dieser Art.'
'Wir sind für ihren Zustand verantwortlich.' Er blieb kurz stehen und bückte sich, um seine Wade zu massieren.
'Mag ja sein, aber Mutter Natur ist trotzdem ganz schön hinterhältig.' Die Hände in die Hüften gestemmt, sah Freedman ihn prüfend an.
Durch eine kleine Luftschleuse am Ende des Ganges gelangten sie zum Hauptgeschoss, das sich mehr als fünfzehn Meter unter der Erde befand. Eine Aufseherin in adretter grüner Uniform inspizierte ihre Passierscheine und die behördlichen Genehmigungen und verglich sie mit der offiziellen Besucherliste, die in ihrem Computer gespeichert war.
'Bitte identifizieren Sie sich', forderte sie Freedman und Dicken auf. Beide richteten die Augen auf Scanner und drückten die Daumen gleichzeitig auf Platten, die mit Sensoren ausgestattet waren. Gleich darauf begleitete eine Krankenpflegerin in grüner Schwesterntracht sie zum Sterilbereich.
Mrs. Rhine war in einer von zehn unterirdischen Wohnungen untergebracht, von denen gegenwärtig vier belegt waren. Die Wohnungen bildeten den Mittelpunkt einer Forschungseinrichtung, die durch so ausgefeilte Sicherheitsvorkehrungen geschützt wurde, wie sie weltweit wohl einmalig waren. Obwohl sich Dickens und Freedmans Treffen mit Mrs. Rhine stets auf den Blickkontakt durch ein mehr als zehn Zentimeter dickes Acrylfenster beschränkten, mussten sie sich vor und nach jedem Gespräch einer Ganzkörperreinigung unterziehen.
Die Dunkelheit und Stille der frühen Morgenstunden umhüllten das Haus. Leicht benommen, nach nur drei Stunden Schlaf, stand Mitch Rafelson mit einem Becher Kaffee auf der hinteren Veranda. Durch das Zwielicht des Himmels drang immer noch der Glanz der Sterne. Einige Motten und Käfer summten hartnäckig um die Lampe auf der Veranda herum. Waschbären hatten sich hinten am Mülleimer zu schaffen gemacht, waren aber schon vor Stunden schimpfend und miteinander balgend wieder abgezogen, da die Kettensicherung ihnen das Spiel verdorben hatte.
Die Welt wirkte leer und neu.
Mitch stellte seinen Becher in die Küchenspüle und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Kaye schlief noch. Vor dem Spiegel über der Kommode rückte er seine Krawatte zurecht. Krawatten wirkten bei ihm immer irgendwie deplatziert. Angesichts des Jacketts, das trotz seiner breiten Schultern schlotterte, des viel zu weiten Hemdkragens und der überlangen weißen Hemdsärmel, die unter dem Aufschlag seines Mantels zu sehen waren, verzog er das Gesicht.
Gestern Abend hatten sie miteinander gestritten. Mitch, Kaye und Stella, ihre Tochter, hatten bis zwei Uhr früh in dem kleinen Schlafzimmer zusammengesessen und versucht, ein klärendes Gespräch zu führen. Stella fühlte sich isoliert. Sie wollte, musste mit jungen Menschen zusammenkommen, die so waren wie sie. Dies war eine durchaus vernünftige Einstellung, aber sie hatten keine Wahl.
Es war nicht die erste Auseinandersetzung dieser Art gewesen und sicher auch nicht die letzte. Kaye begegnete solchen Konfrontationen immer mit bemühter Gelassenheit, während Mitch lieber auswich und Ausflüchte suchte. Und natürlich waren es Ausflüchte, denn er hatte keine Antworten auf Stellas Fragen und konnte ihren Argumenten eigentlich nichts entgegensetzen. Beide wussten sie, dass Stella irgendwann mit Menschen ihrer Art zusammen sein und ihren eigenen Weg finden musste.
Schließlich war es Stella zuviel geworden. Als sie in ihr Zimmer marschiert war und die Tür hinter sich zugeknallt hatte, waren Kaye die Tränen gekommen. Mitch hatte sie im Bett an sich gedrückt, bis sie allmählich in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Er war wach geblieben, hatte auf die dunkle Zimmerdecke gestarrt, das Spiel der Lichter verfolgt, als draußen auf der Landstraße ein Lastwagen vorbeirumpelte, und sich wie immer gefragt, ob der Lastwagen in ihre Auffahrt einbiegen würde, um ihre Tochter abzuholen und das Kopfgeld einzukassieren oder sogar noch Schlimmeres anzurichten.
Er konnte sich selbst in diesen Klamotten, die Kaye in Anspielung auf Mr. Smith goes to Washington seine Mr. Smith-Verkleidung nannte, nicht ausstehen. Er hob eine Hand hoch, drehte sie und musterte die Handfläche, die langen, starken Finger und den Ehering, den er trug, obwohl Kaye und er keinen amtlichen Trauschein besaßen. Seine Hände hatten etwas Grobes.
Die Fahrt in die Hauptstadt, das Passieren all dieser Kontrollen mit einem Schriftstück, das ihn als Mitarbeiter des Repräsentantenhauses auswies, waren ihm zutiefst zuwider. Im Schritttempo vorbei an all den mit Soldaten bemannten Lastwagen der Armee, deren Einsatz verzweifelte Eltern davon abhalten sollte, Selbstmordattentate zu begehen. Das war seit dem Frühjahr schon dreimal geschehen.
Und jetzt kamen noch die Vorfälle in Riverside in Kalifornien hinzu.
Mitch ging zur linken Bettseite hinüber, flüsterte 'Guten Morgen, Liebste' und blieb einen Augenblick stehen, um die Frau, die er liebte, zu betrachten. Seine Augen wanderten vom Ärmel ihres Schlafanzugs zu den schlanken Händen, den gekrümmten Fingern, den bis aufs Fleisch abgenagten Fingernägeln. Jede Falte in der Kunstseide, jedes Spiel des frühmorgendlichen Lichts auf dem Stoff nahm er bewusst in sich auf.
Als er sich zu ihr hinunterbeugte, um sie auf die Wange zu küssen, und die Bettdecke über ihren Arm zog, flatterten ihre Lider, und sie schlug die Augen auf. 'Viel Glück', sagte sie und streichelte seinen Hinterkopf.
'Bin um vier Uhr zurück.'
'Ich liebe dich.' Seufzend kuschelte sich Kaye wieder in die Kissen.
Die nächste Station war Stellas Zimmer. Nie verließ er das Haus ohne diesen vorherigen Rundgang, bei dem er die Bilder seiner Frau, seiner Tochter und des Hauses bewusst in sich aufnahm und in seinem Gedächtnis speicherte. So als könne er diesen Augenblick jederzeit wieder abrufen, falls man ihm all dies nehmen sollte - falls dies der Abschied war. Als würde es im Fall des Falles irgendetwas nützen.
Stellas Zimmer war ein einziges Chaos, das verriet, womit sie sich in Ermangelung wirklicher Freundinnen und Freunde beschäftigte. An die Wand über ihrem Bett hatte sie ein Abschiedsfoto jener berühmt-berüchtigten orange-weiß getigerten Familienkatze gehängt. Aus der Holzkiste quollen kleine Stofftiere, deren Knopfaugen im Halbdunkel geheimnisvoll funkelten. Alte Taschenbücher füllten ein kleines Bücherregal aus Kiefernholz, das Mitch und Stella im vergangenen Winter gemeinsam zusammengenagelt hatten. Stella genoss es, mit ihrem Vater Hand in Hand zu arbeiten, allerdings war Mitch nicht entgangen, dass sie sich mit den Jahren immer weiter voneinander entfernt hatten.
Stella lag auf dem Rücken in einem Bett, das schon seit einem Jahr zu kurz für sie war. Mit elf Jahren war sie fast so groß wie Kaye und mit der schlanken Figur und dem runden Gesicht auf ihre Weise schön. Im Schein der kleinen Nachtlampe schimmerte ihre Haut in blassen Kupfer- und Goldtönen. Ihr Haar war kastanienbraun mit einem Stich ins Rote, von derselben Struktur wie das von Kaye und nicht viel länger als das ihrer Mutter.
Ihre Familie hatte sich zu einem Dreieck entwickelt, das immer noch starken Zusammenhalt hatte, obwohl die drei Seiten Monat für Monat weiter auseinander strebten. Weder Mitch noch Kaye konnten Stella das geben, was sie wirklich brauchte.
Und einander?
Er blickte auf, um den Sonnenaufgang zu betrachten, der sich durch die duftigen weißen Vorhänge vor Stellas Fenster als orangefarbene Linie am Himmel abzeichnete. Gestern Abend hatte Stella, deren Wangen vor Zorn mit Flecken übersät waren, wissen wollen, wann sie ihr erlauben würden, das Haus auf eigene Faust und ohne Make-up zu verlassen, damit sie sich mit Gleichaltrigen treffen konnte. Mit Kindern, die so waren wie sie selbst. Seit ihrer letzten 'Verabredung zum Spielen' waren schon zwei Jahre vergangen.
Kaye hatte mit dem häuslichen Unterricht Wunder gewirkt, aber Stella hatte gestern Abend immer wieder und mit wachsender Heftigkeit betont: 'Ich bin nicht so wie ihr!' Zum ersten Mal hatte Stella offiziell verkündet: 'Ich bin kein menschliches Wesen!'
Aber das stimmte natürlich nicht. Nur Dummköpfe dachten so etwas. Dummköpfe, Scheusale - und ihre Tochter.
Mitch küsste Stella auf die Stirn, ohne dass sie aufwachte. Ihre Haut war warm. Wenn Stella schlief, roch sie nach ihren Träumen. Jetzt roch sie leicht salzig - nach Tränen und Traurigkeit.
'Ich muss los', murmelte er. Als Wellen goldener Punkte über Stellas Wangen liefen, lächelte Mitch.
Selbst im Schlaf konnte sich seine Tochter von ihm verabschieden.
2. Zentrum zur Erforschung alter Viren, United States Army Medical Research Institute of Infectious Diseases
(USAMRIID), Fort Detrick, Maryland
'Es sind Menschen ums Leben gekommen, Christopher', sagte Marian Freedman. 'Reicht das nicht als Rechtfertigung dafür, dass wir auf der Hut sein und uns sogar ein wenig verrückt verhalten müssen?'
Auf sein gutes Bein gestützt, humpelte Christopher Dicken neben ihr her und starrte auf die Stahltür am Ende des betonierten Ganges. Die Dienstmarke, die ihn als Mitarbeiter des Nationalen Krebsforschungsinstituts, des NCI, auswies, steckte immer noch an der Brusttasche seines Jacketts. Er hielt einen großen Blumenstrauß mit Rosen und Lilien in der Hand. Die Auseinandersetzung zwischen Marian Freedman und ihm hatte schon an der Rezeption angefangen und sich den ganzen Weg über, durch vier Sicherheitskontrollen hindurch, fortgesetzt.
'Schon seit zehn Jahren ist kein Fall von Shiver mehr diagnostiziert worden', sagte er. 'Und noch nie ist jemand aufgrund des Kontakts mit den Kindern erkrankt. Wenn man sie isoliert, hat das nicht biologische, sondern politische Gründe.'
Marian griff nach seinem Tagesausweis und zog ihn durch den Scanner. Gleich darauf öffnete sich die Stahltür und gab den Blick auf ein Netz von waagerechten Zugangsröhren aus grünlichem Sonnenschutzglas frei, die wie ein Labyrinth für Hamster über einem mehr als achttausend Quadratmeter großen Becken aus nacktem grauen Beton schwebten. Sie streckte die Hand aus und bedeutete ihm, voranzugehen. 'Sie wissen doch aus erster Hand, was Shiver bedeutet.'
'Nach ein paar Wochen war es überstanden', bemerkte Dicken.
'Es hat fünf Wochen gedauert und Sie wären beinahe gestorben, verdammt noch mal! Spielen Sie mir hier bloß nicht den tollkühnen Virusjäger vor!'
Dicken trat vorsichtig auf den Laufsteg, da er Tiefendimensionen nur schwer abschätzen konnte. Nur eines seiner Augen war noch intakt, aber auch auf diesem Auge war er sehbehindert, sodass er eine starke Kontaktlinse brauchte. 'Der Mann hat seine Frau geschlagen, Marian. Sie war aufgrund einer schwierigen Schwangerschaft krank. Hatte Stress und Schmerzen.'
'Stimmt', erwiderte Marian. 'Aber das traf doch sicher nicht auf Mrs. Rhine zu, oder?'
'Da lag das Problem woanders', räumte Dicken ein.
Freedman ließ sich zu einem dünnen Lächeln herab. Zuweilen offenbarte sie Witz von beißender Schärfe, allerdings schien ihr wirklicher Humor völlig fremd zu sein. Pflichterfüllung, harte Arbeit, Forschung und ein würdevolles Auftreten bestimmten ihren engen Lebenskreis. Marian Freedman war eine überzeugte Feministin und hatte nie geheiratet. Sie war eine der besten und engagiertesten Wissenschaftlerinnen, denen Dicken je begegnet war.
Während sie nebeneinander auf dem Aluminiumlaufsteg hergingen und den Weg in nördliche Richtung einschlugen, passte sie ihr Tempo seinem Schritt an. Hohe Stahlzylinder erwarteten sie am Ende der Zugangsröhren, Aufzugschächte für die Fahrstühle, die zu Kammern unterhalb der fugenlosen Betonfläche führten. Die Zylinder trugen große viereckige 'Hüte' - gasbetriebene Hochtemperaturöfen, die jeden Luftzug sterilisierten, der aus den darunter liegenden Einrichtungen drang.
'Willkommen in Augustine's Haus. Wie geht's Mark eigentlich?'
'Bei unserer letzten Begegnung wirkte er nicht sonderlich glücklich.'
'Ehrlich gesagt, wundert mich das gar nicht, obwohl ich natürlich Milde walten lassen sollte. Schließlich hat Mark mich von Forschungsprojekten mit Affen zum Forschungsprojekt Mrs. Rhine befördert.'
Vor zwölf Jahren, als die Centers for Disease Control, kurz CDC genannt, die Projektgruppe zur Erforschung der Herodes-Grippe ins Leben gerufen hatten, war Freedman noch Leiterin des Primaten-Labors in Baltimore gewesen. Mark Augustine, damals Direktor der CDC und Dickens Chef, hatte in der angespannten Finanzlage auf staatliche Sondermittel gehofft. Die Herodes-Grippe, die man für Tausende schrecklich missgebildeter Fehlgeburten verantwortlich machte, hatte wie ein Geschenk des Himmels (oder der Hölle) zur Sanierung der Finanzen gewirkt. Es wurde recht bald klar, dass die Herodes-Grippe durch eines von Tausenden humaner endogener Retroviren, kurz HERVs genannt, übertragen wurde, die in der DNA jedes Menschen enthalten sind. Prompt hatte man das uralte Virus, das jetzt freigesetzt, mutiert und ansteckend war, SHEVA getauft. SHEVA stand für Scattered Human Endogenous Viral Activation - Aktivierung verstreuter humaner endogener Retroviren -, weckte aber gleichzeitig Assoziationen an die lebensspendende und lebensvernichtende Kraft der hinduistischen Gottheit Schiwa. Damals hatte man die Viren für nichts anderes als eigennützige Krankheitserreger gehalten.
'Sie hat sich auf das Wiedersehen mit Ihnen gefreut', bemerkte Freedman. 'Wie lange liegt Ihr letzter Besuch zurück?'
'Sechs Monate.'
'Mein liebster Wallfahrer erweist unserem Lourdes der Viren die Ehre', sagte Freedman. 'Na ja, die Gute ist ja auch wirklich so etwas wie ein Wunder. Außerdem hat die arme Frau auch etwas von einer Heiligen.'
Freedman und Dicken passierten Kreuzungen, an denen Röhren in südwestlicher, nordöstlicher und nordwestlicher Richtung zu anderen Aufzugschächten führten. Draußen wärmte sich die Luft an diesem Sommermorgen schnell auf. Durch das dämpfende Schutzglas der Röhren war die Sonne unmittelbar über dem Horizont als grünliche Kugel zu erkennen. Rings um sie herum verströmte die Klimaanlage mit ächzenden Atemzügen kühle Luft.
Inzwischen waren sie ans Ende der Hauptröhre gelangt. Rechts von der Fahrstuhltür hing ein laminiertes Schild, in das der Name MRS. CARLA RHINE eingraviert war. Freedman drückte auf den weißen Knopf, es war der einzige in diesem Fahrstuhl. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, gingen Dickens vom Druck verstopfte Ohren wieder auf.
SHEVA war weit mehr als eine Krankheit, wie sich inzwischen herausgestellt hatte. Das aktivierte Retrovirus, das nur von Männern in festen Beziehungen verbreitet wurde, diente als genetischer Bote, der komplizierte Instruktionen für eine neue Art von Geburt beförderte. SHEVA infizierte gerade befruchtete menschliche Eizellen, übernahm sie gewissermaßen. Bei den von der Herodes-Grippe ausgelösten Fehlgeburten handelte es sich um Embryonen im Frühstadium, allgemein Zwischentöchter genannt. Sie stellten kaum mehr als spezielle Eierstöcke dar, deren einziger Zweck darin bestand, neue Zygoten, befruchtete Eizellen, nach einem genau vorgegebenen Mutationsmuster zu produzieren. Ohne einen weiteren Geschlechtsverkehr setzten sich die neuen Zygoten in der zweiten Phase fest und überzogen sich mit dünnen Schutzmembranen. Sie überlebten die Austreibung des ersten Embryos und lösten eine erneute Schwangerschaft aus.
Bei manchen Menschen hatte das Assoziationen an eine Art Jungfrauengeburt ausgelöst.
Die meisten Embryonen des zweiten Stadiums waren in Schwangerschaften ausgetragen worden, die durchaus normal verlaufen waren. Weltweit waren im Abstand von vier Jahren in zwei großen Schüben drei Millionen dieser neuartigen Kinder geboren worden. Mehr als zweieinhalb Millionen der Säuglinge hatten überlebt. Immer noch hielt der Streit darüber an, wer oder was diese Kinder eigentlich waren: eine krankhafte Mutation? Eine neue Unterart der Spezies Mensch? Eine völlig neue Spezies?
Die einfachen Leute nannten sie schlicht Virus-Kinder.
'Carla pumpt sie immer noch heraus', sagte Freedman, als der Fahrstuhl unten ankam. 'Allein in den letzten vier Monaten hat sie siebenhundert neue Viren ausgeschüttet. Etwa ein Drittel davon ist infektiös, alles Viren mit einzelsträngiger RNA von negativer Polarität - und mordsmäßig gefährlich. Zweiundfünfzig dieser Viren töten Schweine innerhalb von Stunden. Einundneunzig sind für Menschen höchstwahrscheinlich tödlich. Und weitere zehn können womöglich Schweine wie Menschen umbringen.' Freedman warf einen Blick über ihre Schulter, um zu sehen, wie Dicken es aufnahm.
'Ich weiß', erwiderte er trocken und rieb sich die Hüfte. Wenn er mehr als fünfzehn Minuten stand, machte ihm sein Bein zu schaffen. Die Explosion im Weißen Haus, bei der er vor zwölf Jahren ein Auge eingebüßt hatte, war auch für seine Gehbehinderung verantwortlich. Drei Operationen hatten dafür gesorgt, dass er inzwischen wieder ohne Krücken auskam, aber die Schmerzen hatten sie ihm nicht genommen.
'Immer noch voll informiert, selbst im Krebsforschungsinstitut?', fragte Freedman.
'Ich versuch's zumindest.'
'Gott sei Dank gibt es nur vier Fälle dieser Art.'
'Wir sind für ihren Zustand verantwortlich.' Er blieb kurz stehen und bückte sich, um seine Wade zu massieren.
'Mag ja sein, aber Mutter Natur ist trotzdem ganz schön hinterhältig.' Die Hände in die Hüften gestemmt, sah Freedman ihn prüfend an.
Durch eine kleine Luftschleuse am Ende des Ganges gelangten sie zum Hauptgeschoss, das sich mehr als fünfzehn Meter unter der Erde befand. Eine Aufseherin in adretter grüner Uniform inspizierte ihre Passierscheine und die behördlichen Genehmigungen und verglich sie mit der offiziellen Besucherliste, die in ihrem Computer gespeichert war.
'Bitte identifizieren Sie sich', forderte sie Freedman und Dicken auf. Beide richteten die Augen auf Scanner und drückten die Daumen gleichzeitig auf Platten, die mit Sensoren ausgestattet waren. Gleich darauf begleitete eine Krankenpflegerin in grüner Schwesterntracht sie zum Sterilbereich.
Mrs. Rhine war in einer von zehn unterirdischen Wohnungen untergebracht, von denen gegenwärtig vier belegt waren. Die Wohnungen bildeten den Mittelpunkt einer Forschungseinrichtung, die durch so ausgefeilte Sicherheitsvorkehrungen geschützt wurde, wie sie weltweit wohl einmalig waren. Obwohl sich Dickens und Freedmans Treffen mit Mrs. Rhine stets auf den Blickkontakt durch ein mehr als zehn Zentimeter dickes Acrylfenster beschränkten, mussten sie sich vor und nach jedem Gespräch einer Ganzkörperreinigung unterziehen.