Operation Overkill
Roman
Commander James Barrington(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 8. January 2008
Book
Paperback/Softback
672 pages
978-3-442-36848-8 (ISBN)
Description
Die Welt ist ein Pulverfass - und die Lunte brennt lichterloh!
Ein spannungsgeladener und höchst authentischer Polit-Techno-Thriller mit High-Speed-Action - ein Juwel des Genres!
Der britische Geheimagent Paul Richter soll den Tod eines in Moskau stationierten Kollegen aufklären - und macht dabei schon bald eine brisante Entdeckung: Irgendjemand führt im weiten Norden Russlands erfolgreiche Tests mit einem neuartigen und besonders verheerenden Atombombentyp durch. Für Richter beginnt die gefährlichste Mission seines Lebens. Denn es scheint, als ob sich skrupellose russische Terroristen mit einer Gruppe islamistischer Gotteskrieger zusammengetan haben - um für alle Zeiten den verhassten Westen von der Weltkarte zu radieren .
Ein spannungsgeladener und höchst authentischer Polit-Techno-Thriller mit High-Speed-Action - ein Juwel des Genres!
Der britische Geheimagent Paul Richter soll den Tod eines in Moskau stationierten Kollegen aufklären - und macht dabei schon bald eine brisante Entdeckung: Irgendjemand führt im weiten Norden Russlands erfolgreiche Tests mit einem neuartigen und besonders verheerenden Atombombentyp durch. Für Richter beginnt die gefährlichste Mission seines Lebens. Denn es scheint, als ob sich skrupellose russische Terroristen mit einer Gruppe islamistischer Gotteskrieger zusammengetan haben - um für alle Zeiten den verhassten Westen von der Weltkarte zu radieren .
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-442-36848-8 (9783442368488)
Schweitzer Classification
Persons
Commander James Barrington war Helikopterpilot bei der Royal Navy und später weltweit an verdeckten militärischen Operationen beteiligt. Seine langjährigen Erfahrungen fließen in seine Romane ein und verleihen seinen Werken die von Fans so geschätzte Auth
Content
Anmerkung des Autors
Dieses Buch ist ein Roman, dessen Handlungsträger frei erfunden sind. Die Grundidee allerdings beruht auf Tatsachen, und auch die amerikanischen Politiker John F. Kennedy, Jimmy Carter und Ronald Reagan, auf die kurz Bezug genommen wird, sind ebenso der Realität entlehnt wie ein Mann namens Sam Cohen.
Sam Cohen war als Analytiker für die Einsatzmöglichkeiten strategischer Atomwaffen bei der Rand Corporation tätig, einer Denkfabrik in Diensten des Militärs mit Sitz in Santa Monica, Kalifornien. Ende der 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts schlug er den Bau von Wasserstoffbomben ohne einen äußeren Mantel aus Uran vor, womit er die Neutronenbombe erfand, eine Kernwaffe, die zwar für Menschen tödlich ist, Gebäude aber weitgehend intakt lässt. Alle in diesem Buch aufgeführten Angaben bezüglich der Wirkung einer Neutronenbombe und der theoretischen Maximalgröße dieser Waffe entsprechen den Tatsachen.
Aufgrund des politischen Drucks sowie Protesten von Seiten der Öffentlichkeit wurden diese Waffen von den Amerikanern zwar nie eingesetzt oder irgendwo stationiert, doch in den USA lagert nach wie vor ein ganzes Arsenal. Und auch andere Länder, darunter Frankreich, China, Russland, Israel und Südafrika, haben die notwendige Technologie entweder gestohlen, gekauft oder eigenhändig entwickelt.
Rotes Quecksilber ist eine chemische Substanz, die genauso wirkt, wie es in diesem Buch beschrieben wird. Es handelt sich um eine Quecksilberverbindung, die einer starken Strahlung ausgesetzt wurde und mit der man, wenn sie zur Explosion gebracht wird, die Hitze und den Druck erzeugen kann, die erforderlich sind, um eine Kernfusionswaffe wie die Neutronenbombe zu zünden, sodass man dazu nicht auf Plutonium angewiesen ist. Rotes Quecksilber lässt sich verhältnismäßig billig und einfach herstellen, vor allem im Vergleich mit waffenfähigem Plutonium, und wurde viele Jahre lang von Russland auf dem Schwarzen Markt an diverse Länder verkauft, unter anderem auch an den Irak.
Tatsache ist auch, dass die Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Milliarden Dollar für das bei der Demontage des Kernwaffenarsenals anfallende Plutonium an Russland bezahlten, weil sie verhindern wollten, dass dieses Element auf den Schwarzen Markt gelangt. Allerdings deuten zahlreiche unabhängige Untersuchungen darauf hin, dass es sich bei dem Plutonium, das die Russen den Amerikanern zukommen ließen, um ein Nebenprodukt ihrer Kernreaktoren handelte, also nicht um waffenfähiges Plutonium. Dies wiederum bedeutet entweder, dass die Russen ihr Kernwaffenarsenal nicht reduziert haben, oder dass es einen florierenden Schwarzmarkt für waffenfähiges Plutonium gibt.
Prolog
12. Februar 1999
Bei As Salamiha, südöstlich von Riad, Saudi-Arabien
Bei Exekutionen fackelten sie meist nicht lange. Der Delinquent bekam eine Kugel in den Hinterkopf, oder man schnitt ihm kurzerhand die Kehle durch und ließ den Toten an Ort und Stelle liegen. Aber nicht, wenn Raschid dabei war. Raschid spielte gern.
Dabei sah Raschid eher wie die Karikatur eines Buchhalters aus - klein und schmächtig, bucklig, dicke Brillengläser -, aber niemand lächelte, wenn er zugegen war. Er hatte sein Handwerk in den Seitenstraßen von Bagdad und Basra gelernt und es zur Meisterschaft gebracht, als er sich russische Gefangene vorgenommen hatte, die den Afghanen in die Hände gefallen waren. Der Geruch des Todes hing ihm an.
Als Sadoun Khamils Vollstrecker führte er die Befehle seines Herrn ohne Widerworte oder Mitgefühl aus. Für ihn war das Töten lediglich ein Beruf, und auf den verstand er sich ausgezeichnet. Seine Spezialität war der schleichende Tod, 'schwai schwai noum' oder 'schlaf langsam ein', wie er es nannte, wenn er dem Opfer mit einem schmalen, scharfen Messer das Rückenmark durchtrennte. Er wusste genau, wann er den richtigen Schnitt angesetzt hatte, weil der Delinquent jäh zusammensackte, wenn die Nervenstränge gekappt waren. Danach lehnten sie den schlaffen Leib an eine Mauer oder einen Baum und ließen ihn liegen. Es konnte tagelang dauern, bis der Mann starb - normalerweise verdurstete er, aber manchmal brachte ihm Raschid zudem noch ein paar oberflächliche Wunden an Armen und Beinen bei. Der reglose Körper und das Blut lockten Vögel und Ratten, streunende Hunde und Insekten an, sodass das Opfer buchstäblich bei lebendigem Leib aufgefressen wurde.
Hassan Abbas schaute nur ungern zu, aber Khamil bestand normalerweise darauf. Er war der Meinung, dass die Mitglieder der Zelle besser bei der Stange blieben, wenn sie wussten, was mit ihnen geschah, wenn sie ihn verrieten oder anderweitig beleidigten.
Heute war es anders. Khamil hatte Raschid angewiesen, die Sache schnell, aber schmerzhaft zu erledigen. Der Mann gehörte nicht zur Zelle, war nicht einmal festes Mitglied von al-Qaida. Er war nur ein Kurier, ein kleiner Zuträger, einer von hunderttausenden Arabern, die der Hass auf Amerika einte und die allesamt Osama Bin Laden und alles, wofür er stand, bewunderten.
Aber der Kurier hatte etwas Ungeheuerliches getan. Er hatte einem Freund mitgeteilt, wo sich der Standort der Zelle befand - einem Freund, der seinerseits Mitglied der Zelle war, was der Kurier nicht gewusst hatte. Der Freund hatte Khamil sofort Bescheid gegeben, und deshalb stand die ganze Gruppe jetzt um ein verlassenes Gebäude zwei Meilen außerhalb von As Salamiha herum, statt sich in ihrem alten, weitaus bequemeren Quartier in Riad aufzuhalten. Zwar unterstützten viele Saudis insgeheim - und manche auch öffentlich - die Sache von al-Qaida, nicht aber die große Mehrheit, daher war Sadoun Khamil nichts anderes übrig geblieben, als seinen Stützpunkt zu verlegen, sobald er erfahren hatte, dass der Standort aufgeflogen war. Für dieses Ungemach musste der Kurier büßen.
Der Mann lag rücklings, mit gespreizten Armen und Beinen an vier dicke Pfähle gefesselt, in der prallen Frühnachmittagssonne hinter dem Gebäude. Er war nackt, und über Bauch und Schenkel zogen sich die blutigen Striemen der Peitsche, die ihn einer von Raschids 'Helfern' zum Auftakt hatte schmecken lassen.
Khamil trat aus dem Gebäude und näherte sich mit flatternder weißer Dscheüaba. Er blieb ein paar Schritte vor dem Kurier stehen und blickte auf ihn hinab. Das frische Blut hatte die Fliegen angelockt, die in schwarzen Schwärmen um die offenen Wunden an Oberkörper und Beinen des Mannes wimmelten.
Der Kurier war offenbar besinnungslos, doch auf Khamils Befehl hin trat einer der Wachmänner vor. Ein knallender Peitschenschlag scheuchte die Fliegen auf, die wie eine schwarze Wolke brummend über ihrem Opfer kreisten, ehe sie sich wieder niederließen. Der Mann riss die Augen auf und heulte vor Schmerz, blickte dann zu Khamil auf und verstummte. Er hatte bereits um Gnade gefleht und wusste, dass sein Schicksal besiegelt war.
Khamil trat zurück, wandte sich um und nickte Raschid zu. Der kleine Mann lächelte, ging nach vorn und blieb vor dem am Boden liegenden Mann stehen. In der rechten Hand hatte er ein schweres, wuchtiges Taschenmesser mit einer fünfzehn Zentimeter langen Klinge, scharf wie ein Skalpell. Er klappte es langsam auf, ließ sich Zeit und achtete auf die Augen des Kuriers. Dann kniete er sich neben den Mann und machte sich ans Werk.
Achtzehn Minuten später stand Raschid auf, wischte sorgfältig das Blut von der Messerklinge, lächelte Khamil kurz zu und ging davon. Khamil warf einen letzten Blick auf die blutige rote Masse vor ihm, nickte zufrieden und begab sich wieder in das Gebäude. Abbas folgte ihm.
Im größten Raum des baufälligen Hauses standen zwei Sessel und ein zerschrammter Tisch. Khamil ließ sich nieder und blickte zu Abbas auf, der höflich vor ihm stehen geblieben war. Er musterte ihn einen Moment und ergriff dann das Wort. 'Die Sache gefällt mir nicht. Schon jetzt, von Anfang an, noch ehe wir überhaupt Kontakt mit ihnen aufgenommen haben, ist mir unwohl dabei.' Khamil verstummte und sah ihn besorgt an. Unter dem rot-weiß karierten Keffieh - ein klares Zeichen für seine unbeirrbare Treue zu Osama Bin Laden - wirkten seine Augen beinahe schwarz.
Abbas senkte den Blick, beharrte aber auf seinem Standpunkt. 'Auch ich bin alles andere als froh über die Begleiterscheinungen, die sich aus einer derartigen Zusammenarbeit ergeben, Sajidi. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Wir können diese Technologie nicht selbst entwickeln, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Und selbst wenn wir alles Notwendige kaufen, gibt es nach wie vor große Schwierigkeiten mit der Lieferung. Ich habe alles überprüft und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir nur durch Kooperation Aussicht auf Erfolg haben.'
Hassan Abbas hielt inne und wartete. Er wusste, dass er in diesem Augenblick nicht nur seine Stellung, sondern auch sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Obwohl er sich häufig nach westlicher Mode kleidete, hellgraue Anzüge und glänzende Oxford-Schuhe trug und fließend Englisch und Französisch sprach, war Khamil im Grunde seines Herzens nach wie vor ein Wüstenaraber. Das bedeutete unter anderem, dass er es gewohnt war, über jeden, der ihm missfiel, auf der Stelle zu richten.
Und Abbas' Vorschlag dürfte ihm kaum gefallen. Er entsprach allerdings der Wahrheit, und Abbas hoffte, Khamil gut genug zu kennen, und glaubte daher, dass er die Wahrheit höher schätzte als alles andere. Abbas wartete, wagte kaum zu atmen und betrachtete unverwandt den Boden. Er verfolgte die Spuren im Staub und achtete auf jede Belanglosigkeit, während er auf Khamils Erwiderung wartete. Auf die Worte, die ihn entweder in seiner Stellung als Khamils Stabschef bestärkten oder ihm das gleiche Schicksal bescherten wie dem Kurier, der auf dem kargen Boden hinter dem Gebäude lag. Grässliche Bilder von Raschids grausigem Werk gingen Abbas durch den Kopf, während er weiter wartete.
Khamil regte sich kurz auf dem knarrenden Holzstuhl auf der anderen Seite des Tisches, dann stand er auf und ging quer durch den Raum zu dem kleinen, unverglasten Fenster. Dort gab es nichts weiter zu sehen, nur Sand und Steine, aber Khamil stützte die Hände in die Hüften und starrte fast zwei Minuten lang hinaus. Dann drehte er sich um und ging wieder hinter den Tisch. Er setzte sich, blickte zu Abbas und stieß nur ein einziges Wort aus. 'Wie?'
Abbas holte wieder Luft und blickte auf. 'Mit Geld, Sajidi, mit Geld. Sie haben schon immer Geld gebraucht, und jetzt brauchen sie es dringender denn je. Wir haben die harte Währung, nach der sie verlangen, und sie haben die technischen Vorrichtungen, die wir benötigen. Es wird ein einfaches Tauschgeschäft, eins gegen das andere.'
'Einfach wohl kaum', murmelte Khamil. 'Und wie lange wird das dauern?'
'Vier bis fünf Jahre, bis alles an Ort und Stelle ist, Sajidi.'
Khamil blickte überrascht auf. 'Warum so lange?', wollte er wissen. 'Die Sprengkörper stehen doch sicherlich sofort zur Verfügung.'
Abbas nickte. 'Ja, die für Amerika bestimmten Waffen, Sajidi. Aber die Geräte, die wir benötigen, müssen eigens angefertigt werden. Doch das ist nicht der Hauptgrund für die Verzögerung. Der Transport ist das Problem. Die Waffen müssen unter absoluter Geheimhaltung in Stellung gebracht werden, und das heißt, dass wir uns Zeit lassen und vorsichtig sein müssen. Wir müssen geeignete Immobilien anmieten, für die entsprechende Energiezufuhr und die erforderlichen Fernmeldeeinrichtungen sorgen, bevor auch nur eine der Apparaturen in Stellung gebracht wird. Und die Apparaturen selbst müssen Stück für Stück angeliefert werden. Wenn irgendetwas von diesem Plan durchsickert, wird das ganze Vorhaben scheitern, ehe wir es in die Tat umsetzen können.'
Khamil dachte einen Moment lang darüber nach. 'Ich muss mich mit meinem Kollegen beraten', sagte er schließlich. 'Er wollte eigentlich früher losschlagen, als es deiner Ansicht nach möglich ist.'
Abbas nickte erneut. Wie jeder, der in Khamils Diensten stand, wusste er genau, wer dieser 'Kollege' war, aber niemand wagte seinen Namen auch nur zu flüstern. Teilweise aus Respekt, oder genauer gesagt aus Angst, vor allem aber aus Sicherheitsgründen.
Es ist kein Geheimnis, dass von den beiden bedeutendsten nachrichtendienstlichen Abhörstationen des Westens - der Zentrale der amerikanischen National Security Agency (NSA) in Fort Meade, Maryland, und dem britischen Government Commmunications Headquarters (GCHQ) in Cheltenham, Gloucestershire - sämtlicher Fernmeldeverkehr weltweit überwacht wird. Allein bei der NSA fallen pro Woche
mehr als hundert Tonnen Ausdrucke mit geheimem Datenmaterial aus aufgezeichneten Kommunikationsverbindungen an.
Diese gewaltige 'Ausbeute' bezieht die NSA durch ein streng geheimes Abhörsystem namens Echelon, das sämtliche Gespräche per Handy oder Satelliten-Telefon - die sind vermutlich am leichtesten anzupeilen - sowie den gesamten Funk- und Fernmeldeverkehr erfasst; dazu kommen E-Mails und andere Mitteilungen per Internet, die ein Carnivore genanntes Programm liefert, aber auch Anrufe im Festnetz, soweit sie per Mikrowelle oder Satellit übermittelt werden oder wenn die terrestrische Leitung durch ein 'befreundetes' Land führt. Das britische Außenministerium lässt zum Beispiel aufgrund einer beiderseitigen Übereinkunft zwischen GCHQ und NSA sämtliche Auslandsgespräche von und nach Großbritannien abhören.
Da diese Unmengen abgehörter Fernmeldeverbindungen nicht mehr von Menschen überwacht werden können, setzt man dazu Computer ein, die auf alle möglichen Sprachen programmiert sind und auf bestimmte Stichwörter oder Namen achten. Die Stichwörter sind ziemlich eindeutig und werden von dem Nachrichtendienst vorgegeben und eingespeichert, der sich davon bestimmte Erkenntnisse verspricht, aber die Namen ändern sich je nach politischer Lage. Doch seit Anfang der neunziger Jahre, nach den Selbstmordanschlägen von Jakarta und Lagos, stand bei den westlichen Nationen vor allem ein Name ganz oben auf der Liste der meistgesuchten Terroristen. Aus diesem Grund sprach keiner von Osama Bin Ladens Anhängern jemals seinen Namen oder den seiner Terrororganisation al-Qaida laut aus.
'Ich habe aber', meldete sich Abbas respektvoll zu Wort, 'noch einen anderen Vorschlag.'
Zehn Minuten später lehnte sich Khamil zurück. Der Plan, den Abbas vorgetragen hatte, war unerhört, beunruhigend und geradezu atemberaubend. Er steckte voller Tücken, was die Logistik und andere Probleme anging, aber er war zweifellos einfach, und ihm war augenblicklich klar, dass er Bin Ladens Wohlgefallen finden würde, wenn er ihn vorschlug. 'Und bis wann ließe sich das durchführen?'
'Innerhalb von zwei Jahren, vielleicht auch in achtzehn Monaten. Einige unserer Kämpfer sind bereits vor Ort. Bereit für diese oder eine andere Gelegenheit.'
Khamil nickte zufrieden. Das gefiel ihm schon besser. 'Sind sie voll ausgebildet und einsatzfähig?', fragte er.
'Ihre Einsatzbereitschaft steht außer Frage, Sajidi, und die nötige Ausbildung ist nicht allzu umfangreich. Während wir miteinander sprechen', fügte Abbas mit einem leichten Lächeln hinzu, 'sollten einige unserer Männer ihre Anweisungen erhalten. In Amerika.'
Khamil lächelte ebenfalls - der spöttische Unterton war ihm nicht entgangen. 'Was könnte die Sache zum Scheitern bringen?'
Abbas grinste. 'Nichts, Sajidi. Sie wird gelingen.'
Khamil nickte, dann warf er Abbas einen scharfen Blick zu. 'Woher willst du das wissen? Woher willst du wissen, dass es gelingt?'
Abbas war einen Moment lang sprachlos. 'Das war einfach so dahingesagt, Sajidi. Ich habe damit gemeint, dass dieses Vorhaben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelingen wird. Es kann so gut wie nicht scheitern.'
Khamil schüttelte den Kopf. 'Nein. Ich kenne dich seit vielen Jahren und weiß, dass du dich stets klar ausdrückst. Du hast gesagt, dass dieses Vorhaben gelingen wird. Deshalb frage ich dich noch einmal. Woher willst du das wissen?'
Abbas stand schweigend vor dem Tisch, während ihm ein Gedanke nach dem anderen durch den Kopf schoss. Er kannte Khamil, wusste, dass er sich nicht mit Wortklaubereien abspeisen ließ. Khamil konnte augenblicklich erkennen, ob man aufrichtig war oder Ausflüchte machte, und er fragte ebenso beharrlich wie geduldig nach, bis er die ganze Wahrheit erfuhr. Abbas wurde klar, dass er ihm reinen Wein einschenken musste, so peinlich ihm das auch sein mochte. 'Ich habe ein Buch gelesen, Sajidi', setzte er an.
Fünf Minuten später ließ sich Khamil zurücksinken und lachte. 'Aha, Hassan, jetzt wissen wir also, woher du deine Einfälle hast. Aus dem Gesabber eines Ungläubigen, der vor fünfhundert Jahren seine Visionen aufgeschrieben hat. Was für ein Unsinn!'
Abbas schüttelte leicht den Kopf. 'Verspotten Sie mich meinetwegen, Sajidi, aber die Weissagungen dieses Nostradamus deuten darauf hin, dass dieser Plan gelingen wird. Und außerdem', fügte er hinzu, 'sind auch andere Prophezeiungen von ihm in Erfüllung gegangen, zum Beispiel der Sturz des Schah.'
Khamil lächelte nach wie vor, aber er schüttelte den Kopf. 'Das ist doch alles Unsinn, Hassan. Die Zukunft lässt sich nicht vorherbestimmen, das weißt du genau. Aber wenn du dich unbedingt auf die wirren Worte eines Franzosen verlassen willst, der seit fünfhundert Jahren tot ist, dann soll das deine Sache sein. Es erspart mir viel Mühe, weil ich dadurch nicht lange über einen Codenamen für dich nachdenken muss. Ich werde dich einfach>Prophet< nennen.'
1
Dienstag
Lubjanskaja Ploschtschad, Moskau
Der Mann, der im Lubjanka-Gefängnis lag, war dem Tod geweiht, aber er hatte keine Ahnung, warum. Kein Mediziner auf der Welt hätte ihm eine Diagnose stellen können, denn er war nicht krank, aber trotzdem war er dem Tod geweiht, und keine Heilkunst konnte ihn retten. Um Viertel nach vier hatte er noch etwa vier Stunden zu leben. Er wusste es. Seine Wärter wussten es. Und die Techniker in den weißen Kitteln, die den Tisch und die Geräte in dem schalldichten Vernehmungszimmer vorbereiteten, wussten es ebenfalls.
Er wusste ganz genau, dass er nie wieder die Sonne, den blauen Himmel oder die Wellen sehen würde, die sich an der felsigen Küste von Northumberland brachen, seiner Heimat. Ihm blieb nur noch eine kurze Frist, begrenzt auf vier verblichene Betonwände seiner Gefängniszelle und den im Keller des KGB-Gefängnisses gelegenen Vernehmungsraum, in dem sie ihn töten würden.
Als sie kamen, um ihn zu holen, schluchzte er vor Verzweiflung, aber als ihm der Wärter die Hand auf die Schulter legte und ihn von der fleckigen Matratze hochziehen wollte, schrie er auf und setzte sich blindlings mit Fäusten, Füßen und Zähnen zur Wehr. Der Kampf war kurz und sinnlos. Der Gefangene verlor das Bewusstsein, als ihn der Totschläger am Hinterkopf traf, und als er wieder zu sich kam, hatten sie den kurzen Weg zum Vernehmungsraum bereits hinter sich, und er war nackt auf dem Tisch festgeschnallt.
Dieses Buch ist ein Roman, dessen Handlungsträger frei erfunden sind. Die Grundidee allerdings beruht auf Tatsachen, und auch die amerikanischen Politiker John F. Kennedy, Jimmy Carter und Ronald Reagan, auf die kurz Bezug genommen wird, sind ebenso der Realität entlehnt wie ein Mann namens Sam Cohen.
Sam Cohen war als Analytiker für die Einsatzmöglichkeiten strategischer Atomwaffen bei der Rand Corporation tätig, einer Denkfabrik in Diensten des Militärs mit Sitz in Santa Monica, Kalifornien. Ende der 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts schlug er den Bau von Wasserstoffbomben ohne einen äußeren Mantel aus Uran vor, womit er die Neutronenbombe erfand, eine Kernwaffe, die zwar für Menschen tödlich ist, Gebäude aber weitgehend intakt lässt. Alle in diesem Buch aufgeführten Angaben bezüglich der Wirkung einer Neutronenbombe und der theoretischen Maximalgröße dieser Waffe entsprechen den Tatsachen.
Aufgrund des politischen Drucks sowie Protesten von Seiten der Öffentlichkeit wurden diese Waffen von den Amerikanern zwar nie eingesetzt oder irgendwo stationiert, doch in den USA lagert nach wie vor ein ganzes Arsenal. Und auch andere Länder, darunter Frankreich, China, Russland, Israel und Südafrika, haben die notwendige Technologie entweder gestohlen, gekauft oder eigenhändig entwickelt.
Rotes Quecksilber ist eine chemische Substanz, die genauso wirkt, wie es in diesem Buch beschrieben wird. Es handelt sich um eine Quecksilberverbindung, die einer starken Strahlung ausgesetzt wurde und mit der man, wenn sie zur Explosion gebracht wird, die Hitze und den Druck erzeugen kann, die erforderlich sind, um eine Kernfusionswaffe wie die Neutronenbombe zu zünden, sodass man dazu nicht auf Plutonium angewiesen ist. Rotes Quecksilber lässt sich verhältnismäßig billig und einfach herstellen, vor allem im Vergleich mit waffenfähigem Plutonium, und wurde viele Jahre lang von Russland auf dem Schwarzen Markt an diverse Länder verkauft, unter anderem auch an den Irak.
Tatsache ist auch, dass die Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Milliarden Dollar für das bei der Demontage des Kernwaffenarsenals anfallende Plutonium an Russland bezahlten, weil sie verhindern wollten, dass dieses Element auf den Schwarzen Markt gelangt. Allerdings deuten zahlreiche unabhängige Untersuchungen darauf hin, dass es sich bei dem Plutonium, das die Russen den Amerikanern zukommen ließen, um ein Nebenprodukt ihrer Kernreaktoren handelte, also nicht um waffenfähiges Plutonium. Dies wiederum bedeutet entweder, dass die Russen ihr Kernwaffenarsenal nicht reduziert haben, oder dass es einen florierenden Schwarzmarkt für waffenfähiges Plutonium gibt.
Prolog
12. Februar 1999
Bei As Salamiha, südöstlich von Riad, Saudi-Arabien
Bei Exekutionen fackelten sie meist nicht lange. Der Delinquent bekam eine Kugel in den Hinterkopf, oder man schnitt ihm kurzerhand die Kehle durch und ließ den Toten an Ort und Stelle liegen. Aber nicht, wenn Raschid dabei war. Raschid spielte gern.
Dabei sah Raschid eher wie die Karikatur eines Buchhalters aus - klein und schmächtig, bucklig, dicke Brillengläser -, aber niemand lächelte, wenn er zugegen war. Er hatte sein Handwerk in den Seitenstraßen von Bagdad und Basra gelernt und es zur Meisterschaft gebracht, als er sich russische Gefangene vorgenommen hatte, die den Afghanen in die Hände gefallen waren. Der Geruch des Todes hing ihm an.
Als Sadoun Khamils Vollstrecker führte er die Befehle seines Herrn ohne Widerworte oder Mitgefühl aus. Für ihn war das Töten lediglich ein Beruf, und auf den verstand er sich ausgezeichnet. Seine Spezialität war der schleichende Tod, 'schwai schwai noum' oder 'schlaf langsam ein', wie er es nannte, wenn er dem Opfer mit einem schmalen, scharfen Messer das Rückenmark durchtrennte. Er wusste genau, wann er den richtigen Schnitt angesetzt hatte, weil der Delinquent jäh zusammensackte, wenn die Nervenstränge gekappt waren. Danach lehnten sie den schlaffen Leib an eine Mauer oder einen Baum und ließen ihn liegen. Es konnte tagelang dauern, bis der Mann starb - normalerweise verdurstete er, aber manchmal brachte ihm Raschid zudem noch ein paar oberflächliche Wunden an Armen und Beinen bei. Der reglose Körper und das Blut lockten Vögel und Ratten, streunende Hunde und Insekten an, sodass das Opfer buchstäblich bei lebendigem Leib aufgefressen wurde.
Hassan Abbas schaute nur ungern zu, aber Khamil bestand normalerweise darauf. Er war der Meinung, dass die Mitglieder der Zelle besser bei der Stange blieben, wenn sie wussten, was mit ihnen geschah, wenn sie ihn verrieten oder anderweitig beleidigten.
Heute war es anders. Khamil hatte Raschid angewiesen, die Sache schnell, aber schmerzhaft zu erledigen. Der Mann gehörte nicht zur Zelle, war nicht einmal festes Mitglied von al-Qaida. Er war nur ein Kurier, ein kleiner Zuträger, einer von hunderttausenden Arabern, die der Hass auf Amerika einte und die allesamt Osama Bin Laden und alles, wofür er stand, bewunderten.
Aber der Kurier hatte etwas Ungeheuerliches getan. Er hatte einem Freund mitgeteilt, wo sich der Standort der Zelle befand - einem Freund, der seinerseits Mitglied der Zelle war, was der Kurier nicht gewusst hatte. Der Freund hatte Khamil sofort Bescheid gegeben, und deshalb stand die ganze Gruppe jetzt um ein verlassenes Gebäude zwei Meilen außerhalb von As Salamiha herum, statt sich in ihrem alten, weitaus bequemeren Quartier in Riad aufzuhalten. Zwar unterstützten viele Saudis insgeheim - und manche auch öffentlich - die Sache von al-Qaida, nicht aber die große Mehrheit, daher war Sadoun Khamil nichts anderes übrig geblieben, als seinen Stützpunkt zu verlegen, sobald er erfahren hatte, dass der Standort aufgeflogen war. Für dieses Ungemach musste der Kurier büßen.
Der Mann lag rücklings, mit gespreizten Armen und Beinen an vier dicke Pfähle gefesselt, in der prallen Frühnachmittagssonne hinter dem Gebäude. Er war nackt, und über Bauch und Schenkel zogen sich die blutigen Striemen der Peitsche, die ihn einer von Raschids 'Helfern' zum Auftakt hatte schmecken lassen.
Khamil trat aus dem Gebäude und näherte sich mit flatternder weißer Dscheüaba. Er blieb ein paar Schritte vor dem Kurier stehen und blickte auf ihn hinab. Das frische Blut hatte die Fliegen angelockt, die in schwarzen Schwärmen um die offenen Wunden an Oberkörper und Beinen des Mannes wimmelten.
Der Kurier war offenbar besinnungslos, doch auf Khamils Befehl hin trat einer der Wachmänner vor. Ein knallender Peitschenschlag scheuchte die Fliegen auf, die wie eine schwarze Wolke brummend über ihrem Opfer kreisten, ehe sie sich wieder niederließen. Der Mann riss die Augen auf und heulte vor Schmerz, blickte dann zu Khamil auf und verstummte. Er hatte bereits um Gnade gefleht und wusste, dass sein Schicksal besiegelt war.
Khamil trat zurück, wandte sich um und nickte Raschid zu. Der kleine Mann lächelte, ging nach vorn und blieb vor dem am Boden liegenden Mann stehen. In der rechten Hand hatte er ein schweres, wuchtiges Taschenmesser mit einer fünfzehn Zentimeter langen Klinge, scharf wie ein Skalpell. Er klappte es langsam auf, ließ sich Zeit und achtete auf die Augen des Kuriers. Dann kniete er sich neben den Mann und machte sich ans Werk.
Achtzehn Minuten später stand Raschid auf, wischte sorgfältig das Blut von der Messerklinge, lächelte Khamil kurz zu und ging davon. Khamil warf einen letzten Blick auf die blutige rote Masse vor ihm, nickte zufrieden und begab sich wieder in das Gebäude. Abbas folgte ihm.
Im größten Raum des baufälligen Hauses standen zwei Sessel und ein zerschrammter Tisch. Khamil ließ sich nieder und blickte zu Abbas auf, der höflich vor ihm stehen geblieben war. Er musterte ihn einen Moment und ergriff dann das Wort. 'Die Sache gefällt mir nicht. Schon jetzt, von Anfang an, noch ehe wir überhaupt Kontakt mit ihnen aufgenommen haben, ist mir unwohl dabei.' Khamil verstummte und sah ihn besorgt an. Unter dem rot-weiß karierten Keffieh - ein klares Zeichen für seine unbeirrbare Treue zu Osama Bin Laden - wirkten seine Augen beinahe schwarz.
Abbas senkte den Blick, beharrte aber auf seinem Standpunkt. 'Auch ich bin alles andere als froh über die Begleiterscheinungen, die sich aus einer derartigen Zusammenarbeit ergeben, Sajidi. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Wir können diese Technologie nicht selbst entwickeln, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Und selbst wenn wir alles Notwendige kaufen, gibt es nach wie vor große Schwierigkeiten mit der Lieferung. Ich habe alles überprüft und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir nur durch Kooperation Aussicht auf Erfolg haben.'
Hassan Abbas hielt inne und wartete. Er wusste, dass er in diesem Augenblick nicht nur seine Stellung, sondern auch sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Obwohl er sich häufig nach westlicher Mode kleidete, hellgraue Anzüge und glänzende Oxford-Schuhe trug und fließend Englisch und Französisch sprach, war Khamil im Grunde seines Herzens nach wie vor ein Wüstenaraber. Das bedeutete unter anderem, dass er es gewohnt war, über jeden, der ihm missfiel, auf der Stelle zu richten.
Und Abbas' Vorschlag dürfte ihm kaum gefallen. Er entsprach allerdings der Wahrheit, und Abbas hoffte, Khamil gut genug zu kennen, und glaubte daher, dass er die Wahrheit höher schätzte als alles andere. Abbas wartete, wagte kaum zu atmen und betrachtete unverwandt den Boden. Er verfolgte die Spuren im Staub und achtete auf jede Belanglosigkeit, während er auf Khamils Erwiderung wartete. Auf die Worte, die ihn entweder in seiner Stellung als Khamils Stabschef bestärkten oder ihm das gleiche Schicksal bescherten wie dem Kurier, der auf dem kargen Boden hinter dem Gebäude lag. Grässliche Bilder von Raschids grausigem Werk gingen Abbas durch den Kopf, während er weiter wartete.
Khamil regte sich kurz auf dem knarrenden Holzstuhl auf der anderen Seite des Tisches, dann stand er auf und ging quer durch den Raum zu dem kleinen, unverglasten Fenster. Dort gab es nichts weiter zu sehen, nur Sand und Steine, aber Khamil stützte die Hände in die Hüften und starrte fast zwei Minuten lang hinaus. Dann drehte er sich um und ging wieder hinter den Tisch. Er setzte sich, blickte zu Abbas und stieß nur ein einziges Wort aus. 'Wie?'
Abbas holte wieder Luft und blickte auf. 'Mit Geld, Sajidi, mit Geld. Sie haben schon immer Geld gebraucht, und jetzt brauchen sie es dringender denn je. Wir haben die harte Währung, nach der sie verlangen, und sie haben die technischen Vorrichtungen, die wir benötigen. Es wird ein einfaches Tauschgeschäft, eins gegen das andere.'
'Einfach wohl kaum', murmelte Khamil. 'Und wie lange wird das dauern?'
'Vier bis fünf Jahre, bis alles an Ort und Stelle ist, Sajidi.'
Khamil blickte überrascht auf. 'Warum so lange?', wollte er wissen. 'Die Sprengkörper stehen doch sicherlich sofort zur Verfügung.'
Abbas nickte. 'Ja, die für Amerika bestimmten Waffen, Sajidi. Aber die Geräte, die wir benötigen, müssen eigens angefertigt werden. Doch das ist nicht der Hauptgrund für die Verzögerung. Der Transport ist das Problem. Die Waffen müssen unter absoluter Geheimhaltung in Stellung gebracht werden, und das heißt, dass wir uns Zeit lassen und vorsichtig sein müssen. Wir müssen geeignete Immobilien anmieten, für die entsprechende Energiezufuhr und die erforderlichen Fernmeldeeinrichtungen sorgen, bevor auch nur eine der Apparaturen in Stellung gebracht wird. Und die Apparaturen selbst müssen Stück für Stück angeliefert werden. Wenn irgendetwas von diesem Plan durchsickert, wird das ganze Vorhaben scheitern, ehe wir es in die Tat umsetzen können.'
Khamil dachte einen Moment lang darüber nach. 'Ich muss mich mit meinem Kollegen beraten', sagte er schließlich. 'Er wollte eigentlich früher losschlagen, als es deiner Ansicht nach möglich ist.'
Abbas nickte erneut. Wie jeder, der in Khamils Diensten stand, wusste er genau, wer dieser 'Kollege' war, aber niemand wagte seinen Namen auch nur zu flüstern. Teilweise aus Respekt, oder genauer gesagt aus Angst, vor allem aber aus Sicherheitsgründen.
Es ist kein Geheimnis, dass von den beiden bedeutendsten nachrichtendienstlichen Abhörstationen des Westens - der Zentrale der amerikanischen National Security Agency (NSA) in Fort Meade, Maryland, und dem britischen Government Commmunications Headquarters (GCHQ) in Cheltenham, Gloucestershire - sämtlicher Fernmeldeverkehr weltweit überwacht wird. Allein bei der NSA fallen pro Woche
mehr als hundert Tonnen Ausdrucke mit geheimem Datenmaterial aus aufgezeichneten Kommunikationsverbindungen an.
Diese gewaltige 'Ausbeute' bezieht die NSA durch ein streng geheimes Abhörsystem namens Echelon, das sämtliche Gespräche per Handy oder Satelliten-Telefon - die sind vermutlich am leichtesten anzupeilen - sowie den gesamten Funk- und Fernmeldeverkehr erfasst; dazu kommen E-Mails und andere Mitteilungen per Internet, die ein Carnivore genanntes Programm liefert, aber auch Anrufe im Festnetz, soweit sie per Mikrowelle oder Satellit übermittelt werden oder wenn die terrestrische Leitung durch ein 'befreundetes' Land führt. Das britische Außenministerium lässt zum Beispiel aufgrund einer beiderseitigen Übereinkunft zwischen GCHQ und NSA sämtliche Auslandsgespräche von und nach Großbritannien abhören.
Da diese Unmengen abgehörter Fernmeldeverbindungen nicht mehr von Menschen überwacht werden können, setzt man dazu Computer ein, die auf alle möglichen Sprachen programmiert sind und auf bestimmte Stichwörter oder Namen achten. Die Stichwörter sind ziemlich eindeutig und werden von dem Nachrichtendienst vorgegeben und eingespeichert, der sich davon bestimmte Erkenntnisse verspricht, aber die Namen ändern sich je nach politischer Lage. Doch seit Anfang der neunziger Jahre, nach den Selbstmordanschlägen von Jakarta und Lagos, stand bei den westlichen Nationen vor allem ein Name ganz oben auf der Liste der meistgesuchten Terroristen. Aus diesem Grund sprach keiner von Osama Bin Ladens Anhängern jemals seinen Namen oder den seiner Terrororganisation al-Qaida laut aus.
'Ich habe aber', meldete sich Abbas respektvoll zu Wort, 'noch einen anderen Vorschlag.'
Zehn Minuten später lehnte sich Khamil zurück. Der Plan, den Abbas vorgetragen hatte, war unerhört, beunruhigend und geradezu atemberaubend. Er steckte voller Tücken, was die Logistik und andere Probleme anging, aber er war zweifellos einfach, und ihm war augenblicklich klar, dass er Bin Ladens Wohlgefallen finden würde, wenn er ihn vorschlug. 'Und bis wann ließe sich das durchführen?'
'Innerhalb von zwei Jahren, vielleicht auch in achtzehn Monaten. Einige unserer Kämpfer sind bereits vor Ort. Bereit für diese oder eine andere Gelegenheit.'
Khamil nickte zufrieden. Das gefiel ihm schon besser. 'Sind sie voll ausgebildet und einsatzfähig?', fragte er.
'Ihre Einsatzbereitschaft steht außer Frage, Sajidi, und die nötige Ausbildung ist nicht allzu umfangreich. Während wir miteinander sprechen', fügte Abbas mit einem leichten Lächeln hinzu, 'sollten einige unserer Männer ihre Anweisungen erhalten. In Amerika.'
Khamil lächelte ebenfalls - der spöttische Unterton war ihm nicht entgangen. 'Was könnte die Sache zum Scheitern bringen?'
Abbas grinste. 'Nichts, Sajidi. Sie wird gelingen.'
Khamil nickte, dann warf er Abbas einen scharfen Blick zu. 'Woher willst du das wissen? Woher willst du wissen, dass es gelingt?'
Abbas war einen Moment lang sprachlos. 'Das war einfach so dahingesagt, Sajidi. Ich habe damit gemeint, dass dieses Vorhaben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelingen wird. Es kann so gut wie nicht scheitern.'
Khamil schüttelte den Kopf. 'Nein. Ich kenne dich seit vielen Jahren und weiß, dass du dich stets klar ausdrückst. Du hast gesagt, dass dieses Vorhaben gelingen wird. Deshalb frage ich dich noch einmal. Woher willst du das wissen?'
Abbas stand schweigend vor dem Tisch, während ihm ein Gedanke nach dem anderen durch den Kopf schoss. Er kannte Khamil, wusste, dass er sich nicht mit Wortklaubereien abspeisen ließ. Khamil konnte augenblicklich erkennen, ob man aufrichtig war oder Ausflüchte machte, und er fragte ebenso beharrlich wie geduldig nach, bis er die ganze Wahrheit erfuhr. Abbas wurde klar, dass er ihm reinen Wein einschenken musste, so peinlich ihm das auch sein mochte. 'Ich habe ein Buch gelesen, Sajidi', setzte er an.
Fünf Minuten später ließ sich Khamil zurücksinken und lachte. 'Aha, Hassan, jetzt wissen wir also, woher du deine Einfälle hast. Aus dem Gesabber eines Ungläubigen, der vor fünfhundert Jahren seine Visionen aufgeschrieben hat. Was für ein Unsinn!'
Abbas schüttelte leicht den Kopf. 'Verspotten Sie mich meinetwegen, Sajidi, aber die Weissagungen dieses Nostradamus deuten darauf hin, dass dieser Plan gelingen wird. Und außerdem', fügte er hinzu, 'sind auch andere Prophezeiungen von ihm in Erfüllung gegangen, zum Beispiel der Sturz des Schah.'
Khamil lächelte nach wie vor, aber er schüttelte den Kopf. 'Das ist doch alles Unsinn, Hassan. Die Zukunft lässt sich nicht vorherbestimmen, das weißt du genau. Aber wenn du dich unbedingt auf die wirren Worte eines Franzosen verlassen willst, der seit fünfhundert Jahren tot ist, dann soll das deine Sache sein. Es erspart mir viel Mühe, weil ich dadurch nicht lange über einen Codenamen für dich nachdenken muss. Ich werde dich einfach>Prophet< nennen.'
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Dienstag
Lubjanskaja Ploschtschad, Moskau
Der Mann, der im Lubjanka-Gefängnis lag, war dem Tod geweiht, aber er hatte keine Ahnung, warum. Kein Mediziner auf der Welt hätte ihm eine Diagnose stellen können, denn er war nicht krank, aber trotzdem war er dem Tod geweiht, und keine Heilkunst konnte ihn retten. Um Viertel nach vier hatte er noch etwa vier Stunden zu leben. Er wusste es. Seine Wärter wussten es. Und die Techniker in den weißen Kitteln, die den Tisch und die Geräte in dem schalldichten Vernehmungszimmer vorbereiteten, wussten es ebenfalls.
Er wusste ganz genau, dass er nie wieder die Sonne, den blauen Himmel oder die Wellen sehen würde, die sich an der felsigen Küste von Northumberland brachen, seiner Heimat. Ihm blieb nur noch eine kurze Frist, begrenzt auf vier verblichene Betonwände seiner Gefängniszelle und den im Keller des KGB-Gefängnisses gelegenen Vernehmungsraum, in dem sie ihn töten würden.
Als sie kamen, um ihn zu holen, schluchzte er vor Verzweiflung, aber als ihm der Wärter die Hand auf die Schulter legte und ihn von der fleckigen Matratze hochziehen wollte, schrie er auf und setzte sich blindlings mit Fäusten, Füßen und Zähnen zur Wehr. Der Kampf war kurz und sinnlos. Der Gefangene verlor das Bewusstsein, als ihn der Totschläger am Hinterkopf traf, und als er wieder zu sich kam, hatten sie den kurzen Weg zum Vernehmungsraum bereits hinter sich, und er war nackt auf dem Tisch festgeschnallt.