Die dunkle Armee
Die Kinder von Estorea 3 - Roman
James Barclay(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 6. October 2008
Book
Other book format
464 pages
978-3-453-52403-3 (ISBN)
Description
Mit ihnen kam die Magie in die Welt - vier Kinder, die über die unglaubliche Macht der Elemente verfügen. Damals entbrannte ein erbitterter Kampf. Nur dem Schutz der Heerführerin Herine Del Aglios verdankten sie ihr Leben. Seither sind zehn Jahre vergangen, doch noch immer schweben sie in großer Gefahr, denn eine unheimliche Armee formiert sich an den Grenzen Estoreas .
Die atemberaubende Fortsetzung von "Das verlorene Reich" und "Der magische Bann".
Die atemberaubende Fortsetzung von "Das verlorene Reich" und "Der magische Bann".
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-453-52403-3 (9783453524033)
Schweitzer Classification
Persons
James Barclay wurde 1965 in Suffolk geboren. Er begeisterte er sich früh für Fantasy-Literatur und begann bereits mit dreizehn Jahren, die ersten eigenen Geschichten zu schreiben. Nach seinem Abschluss in Kommunikationswissenschaften besuchte Barclay eine
Author
Illustrated by
Revised by
Translation
Content
859. Zyklus Gottes, 15. Tag des Dusasab
Es war das zweite Mal, dass er Icenga sterben sah. Beim ersten Mal war es ein Sturz gewesen. Durch sein Spähglas hatte Harban weit unten den zerschmetterten Körper und den Blutfleck im Schnee betrachtet.
Dies war eine ungewöhnliche Todesart für einen Karku. Doch als Harban den Abstieg beendet hatte, war der Leichnam verschwunden gewesen, und er hatte eine tiefe Freude empfunden. Kein Tier hatte Icenga geholt. Keine Schleifspuren weit und breit, sondern nur eine Reihe von Fußabdrücken, die sich zwischen den Felsen verloren hatten. Neue Hoffnung war in ihm erwacht.
Gleich darauf aber hatte er sich überlegt, dass dies eigentlich unmöglich war. So einen Sturz hatte Icenga nicht überleben können. Darauf hatte ihn wieder die Angst gepackt, und schließlich hatte er zwischen den umliegenden Bergen das Glitzern eines Spähglases entdeckt, das jemand auf ihn gerichtet hatte. Dort waren auch Kies und Geröll heruntergerutscht. Dann hatte er das Scharren von Schuhen auf Eis vernommen und Icenga bemerkt, der sich ihm genähert hatte. Wie immer war der Alte trittsicher gegangen, hatte aber alle paar Schritte taumelnd innegehalten, als würden Schmerzen durch seinen Kopf schießen. Dabei hatte er die Orientierung verloren und die Hände an die Schläfen gepresst.
Harban hatte stumm zugeschaut und weder helfen noch fliehen können. Icenga war offensichtlich auch nicht von selbst abgestürzt. Dicht über dem Herzen steckte der abgebrochene Schaft eines Pfeils in seinen Rippen. Schließlich brach Icenga in Harbans Armen zusammen, und sie sanken auf den gefrorenen Boden. Harban strich über die Haare des Mannes, der nun endgültig sein Leben aushauchte. Als er Icengas verwirrten Blick einfing, verwandelte sich Harbans Furcht in Mitleid. Flüsternd suchte er den Alten zu trösten, aber keines seiner Worte schien ihm wirklich angemessen. Er war nicht einmal sicher, ob Icenga ihn überhaupt noch verstehen konnte.
Schließlich entspannte sich Icengas Miene, und der Alte sprach noch einige Worte, getragen vom stinkenden Hauch des Todes.
'Du weißt, was das bedeutet', sagte er mit trockener, rasselnder Stimme. 'Wir wissen es alle.'
Undeutlich hörte Harban Hufschläge auf Stein und Eis. Die Furcht vertiefte sich, sein Atem ging schneller. Dennoch blieb er hocken und hielt Icenga in seinen Armen, bis er alle Gebete gesprochen hatte und sein Körper vor Kälte taub war.
Erst dann setzten seine Gedanken wieder ein, und Harban schaute sich um. Der aus Marmor gemeißelte Gedenkstein für die Toten der Konkordanz im Gemetzel vor zehn Jahren stand rissig und von Ranken überwuchert vor ihm. Einst war es ein prächtiger Obelisk mit der stolzen Büste von Jorganesh, dem gefallenen General gewesen. Doch zwischen den Ranken konnte man gekritzelte tsardonische Schmähungen und Drohungen für den Fall erkennen, dass sich die Konkordanz jemals wieder hier blicken ließe. Außerdem war der Stein mit längst getrocknetem Ziegenblut beschmiert, und die steinerne Nase des Generals war abgeschlagen.
Die tiefe Kälte des Dusas ließ nicht nach. Ein Sturm, der Eisregen brachte, heulte durch die Lubjekschlucht und raschelte im Efeu auf dem Gedenkstein. Nichts sonst war noch da, das an die schlimmste Niederlage der Konkordanz im Krieg gegen Tsard erinnert hätte.
Keine Knochen waren übrig geblieben, im Laub waren keine Steine von Onagern mehr verborgen. Nicht einmal eine Pfeilspitze war noch zu entdecken. Die verarmte Bevölkerung im Süden von Atreska hatte längst alles Brauchbare geborgen.
Harban hatte die unmittelbaren Folgen der Schlacht gesehen, die Bilder suchten immer noch seine Träume heim, und immer noch schloss er die Toten in seine Gebete an das Herz des Berges ein. Dies war kein Ort, den irgendein Karku, Harban eingeschlossen, gern aufsuchte. Auch wenn die versengten Bäume nachgewachsen waren und Blumen den Boden bedeckten, sobald der Genastro die Erde wärmte, diese Schlucht war für immer besudelt.
Harban war im Norden von Kark an der Grenze zu Atreska mit Icenga unterwegs gewesen, um den Gerüchten auf den Grund zu gehen, die sich jetzt als wahr erwiesen hatten. Icenga war nicht der Erste, der auf diese Weise gestorben war. Andere hatten schon vorher die Gegend erkundet, um eine Kraft zu erforschen, die die Karku seit Jahrhunderten fürchteten, von der sie aber nie wirklich geglaubt hatten, dass sie Fleisch werden könnte. Nun hatte Harban unwiderlegbare Beweise dafür gefunden, dass jemand diese Kraft hier erprobte. Die schlimmsten Ängste der Karku wurden wahr.
Icengas schlaffen Körper auf den Armen tragend, stand Harban auf. Nun sollte der Alte den Frieden finden, den er verdient hatte. Zielstrebig stieg er den Hang hinauf bis zum Durchgang unter den Bergen. Über ihm ertönte das dumpfe Grollen einer Lawine. Er hielt inne und starrte zu den Gipfeln hinauf, deren weiße Kappen hinter dichten Wolken verborgen blieben. Ein weiteres Vorzeichen, das Icengas Worte nach dessen Tod noch einmal bekräftigte?
'Vielleicht kommen wir schon zu spät', sagte er und ging weiter.
Es gab so viel zu tun. Icenga musste in den Felshöhlen des Dorfs Yllin-Qvist, in dem er sein ganzes Leben verbracht hatte, begraben werden. Weit unten, wo niemand ihn wiedererwecken konnte. Harban musste auch mit den Hütern von Inthen-Gor sprechen, dem Herz des Berges. Sie mussten erfahren, was er gesehen hatte, und entscheiden, ob sich die Prophezeiung tatsächlich erfüllte. Wenn dem so war, dann musste Harban sich auf die Reise begeben und die Einzigen aufsuchen, die sie retten konnten.
Tief im Innern des Berges wurden bereits die Prophezeiungen und Schriften der Alten genau geprüft. Am heiligsten Ort von Kark, wo das Ewige Wasser ans Ufer der Insel schwappte, auf der sich der Herzensschrein befand, wo die Priester und Hüter unermüdlich wachten, hatte es einen Diebstahl gegeben. Die Wahrheit war gestohlen worden. Darauf würde gewiss die Katastrophe folgen. Er lebte, und Er würde sie heimsuchen.
König Thomal Yuran von Atreska nahm das Pergament entgegen, öffnete es jedoch nicht, weil er ohnehin schon wusste, dass es sein Schicksal als Herrscher des Landes besiegeln würde. Vor ihm standen ein Mann und eine Frau in respektvoller Entfernung. Flankiert wurden sie von Wächtern, auf deren polierten Rüstungen sich das Kaminfeuer des Thronsaales spiegelte. Ihre Gesichter blieben ausdruckslos. In allen Gängen der Burg waren weitere Wächter unterwegs, und viele Tausende besetzten unter dem Wappen der Del Aglios jeden Winkel seines Landes. Die Übernahme war so gut wie reibungslos verlaufen.
'Ist es das, was ich vermute?', fragte er.
Der Thron war nun ein ungemütlicher Platz, und der schon vor langer Zeit seines konkordantischen Schmucks beraubte Saal wirkte öd und leer. Draußen vor dem alten Stein wütete ein Dusassturm und heulte um die Türme und durch die Bogengänge. Er hatte gehofft, es würde nicht auf diese Weise enden.
Es war das zweite Mal, dass er Icenga sterben sah. Beim ersten Mal war es ein Sturz gewesen. Durch sein Spähglas hatte Harban weit unten den zerschmetterten Körper und den Blutfleck im Schnee betrachtet.
Dies war eine ungewöhnliche Todesart für einen Karku. Doch als Harban den Abstieg beendet hatte, war der Leichnam verschwunden gewesen, und er hatte eine tiefe Freude empfunden. Kein Tier hatte Icenga geholt. Keine Schleifspuren weit und breit, sondern nur eine Reihe von Fußabdrücken, die sich zwischen den Felsen verloren hatten. Neue Hoffnung war in ihm erwacht.
Gleich darauf aber hatte er sich überlegt, dass dies eigentlich unmöglich war. So einen Sturz hatte Icenga nicht überleben können. Darauf hatte ihn wieder die Angst gepackt, und schließlich hatte er zwischen den umliegenden Bergen das Glitzern eines Spähglases entdeckt, das jemand auf ihn gerichtet hatte. Dort waren auch Kies und Geröll heruntergerutscht. Dann hatte er das Scharren von Schuhen auf Eis vernommen und Icenga bemerkt, der sich ihm genähert hatte. Wie immer war der Alte trittsicher gegangen, hatte aber alle paar Schritte taumelnd innegehalten, als würden Schmerzen durch seinen Kopf schießen. Dabei hatte er die Orientierung verloren und die Hände an die Schläfen gepresst.
Harban hatte stumm zugeschaut und weder helfen noch fliehen können. Icenga war offensichtlich auch nicht von selbst abgestürzt. Dicht über dem Herzen steckte der abgebrochene Schaft eines Pfeils in seinen Rippen. Schließlich brach Icenga in Harbans Armen zusammen, und sie sanken auf den gefrorenen Boden. Harban strich über die Haare des Mannes, der nun endgültig sein Leben aushauchte. Als er Icengas verwirrten Blick einfing, verwandelte sich Harbans Furcht in Mitleid. Flüsternd suchte er den Alten zu trösten, aber keines seiner Worte schien ihm wirklich angemessen. Er war nicht einmal sicher, ob Icenga ihn überhaupt noch verstehen konnte.
Schließlich entspannte sich Icengas Miene, und der Alte sprach noch einige Worte, getragen vom stinkenden Hauch des Todes.
'Du weißt, was das bedeutet', sagte er mit trockener, rasselnder Stimme. 'Wir wissen es alle.'
Undeutlich hörte Harban Hufschläge auf Stein und Eis. Die Furcht vertiefte sich, sein Atem ging schneller. Dennoch blieb er hocken und hielt Icenga in seinen Armen, bis er alle Gebete gesprochen hatte und sein Körper vor Kälte taub war.
Erst dann setzten seine Gedanken wieder ein, und Harban schaute sich um. Der aus Marmor gemeißelte Gedenkstein für die Toten der Konkordanz im Gemetzel vor zehn Jahren stand rissig und von Ranken überwuchert vor ihm. Einst war es ein prächtiger Obelisk mit der stolzen Büste von Jorganesh, dem gefallenen General gewesen. Doch zwischen den Ranken konnte man gekritzelte tsardonische Schmähungen und Drohungen für den Fall erkennen, dass sich die Konkordanz jemals wieder hier blicken ließe. Außerdem war der Stein mit längst getrocknetem Ziegenblut beschmiert, und die steinerne Nase des Generals war abgeschlagen.
Die tiefe Kälte des Dusas ließ nicht nach. Ein Sturm, der Eisregen brachte, heulte durch die Lubjekschlucht und raschelte im Efeu auf dem Gedenkstein. Nichts sonst war noch da, das an die schlimmste Niederlage der Konkordanz im Krieg gegen Tsard erinnert hätte.
Keine Knochen waren übrig geblieben, im Laub waren keine Steine von Onagern mehr verborgen. Nicht einmal eine Pfeilspitze war noch zu entdecken. Die verarmte Bevölkerung im Süden von Atreska hatte längst alles Brauchbare geborgen.
Harban hatte die unmittelbaren Folgen der Schlacht gesehen, die Bilder suchten immer noch seine Träume heim, und immer noch schloss er die Toten in seine Gebete an das Herz des Berges ein. Dies war kein Ort, den irgendein Karku, Harban eingeschlossen, gern aufsuchte. Auch wenn die versengten Bäume nachgewachsen waren und Blumen den Boden bedeckten, sobald der Genastro die Erde wärmte, diese Schlucht war für immer besudelt.
Harban war im Norden von Kark an der Grenze zu Atreska mit Icenga unterwegs gewesen, um den Gerüchten auf den Grund zu gehen, die sich jetzt als wahr erwiesen hatten. Icenga war nicht der Erste, der auf diese Weise gestorben war. Andere hatten schon vorher die Gegend erkundet, um eine Kraft zu erforschen, die die Karku seit Jahrhunderten fürchteten, von der sie aber nie wirklich geglaubt hatten, dass sie Fleisch werden könnte. Nun hatte Harban unwiderlegbare Beweise dafür gefunden, dass jemand diese Kraft hier erprobte. Die schlimmsten Ängste der Karku wurden wahr.
Icengas schlaffen Körper auf den Armen tragend, stand Harban auf. Nun sollte der Alte den Frieden finden, den er verdient hatte. Zielstrebig stieg er den Hang hinauf bis zum Durchgang unter den Bergen. Über ihm ertönte das dumpfe Grollen einer Lawine. Er hielt inne und starrte zu den Gipfeln hinauf, deren weiße Kappen hinter dichten Wolken verborgen blieben. Ein weiteres Vorzeichen, das Icengas Worte nach dessen Tod noch einmal bekräftigte?
'Vielleicht kommen wir schon zu spät', sagte er und ging weiter.
Es gab so viel zu tun. Icenga musste in den Felshöhlen des Dorfs Yllin-Qvist, in dem er sein ganzes Leben verbracht hatte, begraben werden. Weit unten, wo niemand ihn wiedererwecken konnte. Harban musste auch mit den Hütern von Inthen-Gor sprechen, dem Herz des Berges. Sie mussten erfahren, was er gesehen hatte, und entscheiden, ob sich die Prophezeiung tatsächlich erfüllte. Wenn dem so war, dann musste Harban sich auf die Reise begeben und die Einzigen aufsuchen, die sie retten konnten.
Tief im Innern des Berges wurden bereits die Prophezeiungen und Schriften der Alten genau geprüft. Am heiligsten Ort von Kark, wo das Ewige Wasser ans Ufer der Insel schwappte, auf der sich der Herzensschrein befand, wo die Priester und Hüter unermüdlich wachten, hatte es einen Diebstahl gegeben. Die Wahrheit war gestohlen worden. Darauf würde gewiss die Katastrophe folgen. Er lebte, und Er würde sie heimsuchen.
König Thomal Yuran von Atreska nahm das Pergament entgegen, öffnete es jedoch nicht, weil er ohnehin schon wusste, dass es sein Schicksal als Herrscher des Landes besiegeln würde. Vor ihm standen ein Mann und eine Frau in respektvoller Entfernung. Flankiert wurden sie von Wächtern, auf deren polierten Rüstungen sich das Kaminfeuer des Thronsaales spiegelte. Ihre Gesichter blieben ausdruckslos. In allen Gängen der Burg waren weitere Wächter unterwegs, und viele Tausende besetzten unter dem Wappen der Del Aglios jeden Winkel seines Landes. Die Übernahme war so gut wie reibungslos verlaufen.
'Ist es das, was ich vermute?', fragte er.
Der Thron war nun ein ungemütlicher Platz, und der schon vor langer Zeit seines konkordantischen Schmucks beraubte Saal wirkte öd und leer. Draußen vor dem alten Stein wütete ein Dusassturm und heulte um die Türme und durch die Bogengänge. Er hatte gehofft, es würde nicht auf diese Weise enden.