Zweiherz
Antje Babendererde(Author)
cbj (Publisher)
Published on 21. March 2007
Book
Hardback
320 pages
978-3-570-13165-7 (ISBN)
Description
Sein Name ist Zweiherz. Er ist auf der Jagd. Seit Anbeginn der Welt.
Zweiherz, so erzählt man sich die Legende bei den Navajo-Indianern, ist ein listenreicher Verführer, der Unruhestifter in der Welt seit Beginn allen Lebens. Deutlich spürt Kaye seine Nähe in diesem Sommer, als sie ihre große Liebe Will wieder trifft. Kaye, mit dem Schulabschluss in der Tasche und den Zukunftsplänen im Kopf - Will, verurteilt für ein Verbrechen, das für Kaye unbegreiflich bleibt, und nun vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.
Kaye liebt Will noch immer, aber wie ein unantastbares Geheimnis steht Wills Vergangenheit zwischen ihnen. In der Einsamkeit der Canyons sucht Will einen Weg zurück zum Leben - und zu sich selbst. Da lenken neue Verbrechen den Verdacht auf ihn - und fast scheint es, als hätte Kaye Will für immer an Zweiherz verloren.
Faszinierende Einblicke in indianisches Denken und Leben
Eine einzigartige Gratwanderung zwischen Moderne, Mystik und Tradition
Wunderschön, stimmungsvoll und spannend erzählt von der Indianer-Expertin Antje Babendererde
Zweiherz, so erzählt man sich die Legende bei den Navajo-Indianern, ist ein listenreicher Verführer, der Unruhestifter in der Welt seit Beginn allen Lebens. Deutlich spürt Kaye seine Nähe in diesem Sommer, als sie ihre große Liebe Will wieder trifft. Kaye, mit dem Schulabschluss in der Tasche und den Zukunftsplänen im Kopf - Will, verurteilt für ein Verbrechen, das für Kaye unbegreiflich bleibt, und nun vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.
Kaye liebt Will noch immer, aber wie ein unantastbares Geheimnis steht Wills Vergangenheit zwischen ihnen. In der Einsamkeit der Canyons sucht Will einen Weg zurück zum Leben - und zu sich selbst. Da lenken neue Verbrechen den Verdacht auf ihn - und fast scheint es, als hätte Kaye Will für immer an Zweiherz verloren.
Faszinierende Einblicke in indianisches Denken und Leben
Eine einzigartige Gratwanderung zwischen Moderne, Mystik und Tradition
Wunderschön, stimmungsvoll und spannend erzählt von der Indianer-Expertin Antje Babendererde
More details
Language
German
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-570-13165-7 (9783570131657)
Schweitzer Classification
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Person
Antje Babendererde, geboren 1963, wuchs in Thüringen auf. Nach einer Töpferlehre arbeitete sie als Arbeitstherapeutin mit Kindern in einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie. Seit 1996 ist sie freiberufliche Autorin mit einem besonderen Intere
Content
Vor langer Zeit
Düster und unheimlich war der Anfang allen Seins. Finsternis wallte wie schwarzer Nebel, es war kühl und feucht. Die Erste Welt erschien als eine Insel unter Wolken. Sie barg den Ursprung allen Lebens. In ihr hausten übernatürliche Wesen, genannt diyin, die Wissenden Leute. Paare von Wolken berührten einander und daraus entstanden Erster Mann und Erste Frau.
Auch Kojote gab es schon in dieser Schwarzen Welt, halb Mensch halb Tier. Zweiherz war sein Name, und man sagt, dass er schon länger lebt als alle übrigen Wesen.
Getrieben von Unzufriedenheit und Zanksucht, waren die unsterblichen Wanderer gezwungen, nach einer neuen Heimat zu suchen. Sie stiegen auf und verließen die Schwarze Welt. Mit ihnen Erster Mann, Erste Frau und Zweiherz, der Kojote. Sie alle waren auf der Suche nach Licht und nach einem Ort, an dem sie existieren konnten.
Doch in der Zweiten, der Blauen Welt, trafen sie auf gefährliche Säugetiere und Ungeheuer. Sie zankten untereinander pausenlos fort, verletzten Tabus und fielen in Ungnade. So mussten sie aufsteigen in die Dritte Welt.
In der Gelben, der Dritten Welt, wurden die vier heiligen Berge der Navajo geschaffen, wie sie heute noch existieren. Doch Kojote stahl Wassermonster, dem Herrn der unwirtlichen Fluten, ein Kind und beschwor mit seiner Boshaftigkeit eine Flut herauf. Die Wissenden Leute - und mit ihnen Erster Mann und Erste Frau - mussten fliehen. Sie erreichten die Vierte, die Weiße Welt. Aber auch in dieser Welt stiftete Zweiherz Unheil unter den unsterblichen Lebewesen und trieb sie damit weiter. Vier unvollkommene Welten hatten sie durchwandert und stiegen nun in die Fünfte, die schillernde, sich ewig wandelnde Welt der Gegenwart.
Dort angekommen mussten sie erkennen, dass auch diese Welt von Flut, Streit und Chaos beherrscht war. Erst als Kojote sich einsichtig zeigte und eine Zeit lang aufhörte, Unheil zu stiften, lichtete sich das Durcheinander. Die Gestirne, Tiere und Pflanzen wurden erschaffen. Die Zeit wurde unterteilt in Tag und Nacht; der Kreis eines Jahres in Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Erster Mann und Erste Frau fanden ein Baby und nahmen sich seiner an. In nur vier Tagen wurde aus dem kleinen Mädchen eine Frau, Changing Woman. Sich Wechselnde Frau schenkte zwei Söhnen das Leben, den Krieger-Zwillingen. Danach schuf sie aus Fetzen ihrer Haut die Menschen, um nicht länger einsam zu sein.
Die Menschen erhielten von den Wissenden Leuten jene Kenntnisse, die man zum Überleben braucht, und erfuhren, wie man nach hózhó, dem Zustand allumfassender Harmonie, strebt.
Erster Mann baute ein achteckiges Haus aus Steinen, Lehm und Balken - einen Hogan. Danach ruhte er sich auf der Erde aus, lag Kopf an Kopf mit Erster Frau und ihre Gedanken vermischten sich. Aus ihrer beider Ideen entstand die Ordnung der Welt, so wie sie heute noch existiert.
Der Unheilstifter aber, Kojote, leise und mit silbergrauem Fell, durfte zur Strafe für sein zerstörerisches Wesen an dieser Ordnung nicht teilhaben. Deshalb wurde er zornig und manchmal ist er es noch heute. Er heißt auch: Erster Zorn.
Mit dürren Beinen und hängendem Kopf streift er durch die weiten Schluchten der Canyons und über die Ebenen der Mesas. In den kühlen Nächten lässt er die Menschen sein schauriges Heulen hören. Wenn er ein gefügiges Opfer gefunden hat, dessen Zustand der Harmonie gestört ist, dann schleicht er zwischen den zusammengedrängten Lehmhütten umher, umkreist ein Ranchhaus oder drückt seinen mageren Körper unter einen abgestellten Wohnwagen.
Er ist auf der Jagd.
Und noch immer kann er seine Gestalt wechseln. Für jede hat er einen anderen Namen: Graubein Kojote. Erster Zorn. Zweiherz.
Bleib nicht so lange, Kaye!' Arthur Kingleys dunkle Stimme kam unter dem aufgebockten Ford Pickup hervor, einem zerschrammten Lieferwagen, der auch schon bessere Tage gesehen hatte.
'Ja, Dad', rief das Mädchen in den ausgewaschenen Jeans. 'Ich bringe Großvater Sam nur sein Essen.' Mit Schwung warf sie ihren schweren geflochtenen Zopf über die Schulter. Kaye stellte den Korb mit den beiden Emailletöpfen vorsichtig auf den Beifahrersitz und stieg hinter das Lenkrad ihres roten Geländewagens. Jazz - ein zotteliger Mischlingshund mit hellbraunem Fell - hockte schon auf der Rückbank des Jeep Wrangler und blickte sie aus seinen runden Hundeaugen erwartungsvoll an. Sein Fell war staubig und steckte voller trockener Halme und Samenkörner. Weiß der Teufel, dachte Kaye, wo er sich wieder herumgetrieben und nach Mäusen gejagt hatte.
'Das sagst du jedes Mal', brummte Arthur, während er sich unter dem Ford hervorschob. Er wischte sich Schweiß und ölige schwarze Schmiere aus dem sonnengebräunten Gesicht, um seiner Tochter nachzusehen, die vor dem Abend nicht zurückkommen würde.
Kaye fuhr los und sofort legte sich eine dichte Staubwolke um ihren Jeep. Im Vorbeifahren winkte Kaye den beiden indianischen Rancharbeitern, die den Weidezaun ausbesserten. Ashie Benally und Hoskie Whitehead winkten zurück. Shádi, Kayes dunkelbraune Stute, rannte noch eine Weile auf der Koppel neben dem Jeep her, bis der Elektrozaun am Ende des Fahrweges sie daran hinderte, Kaye weiter zu folgen. Der Jeep ratterte über das Viehgitter und bog von der Schotterpiste auf die glatte Teerstraße.
Mit offenen Fenstern fuhr Kaye in Richtung Süden. Der Jeep hatte Klimaanlage, aber sie mochte es, den Fahrtwind zu spüren. Schon seit Tagen blies der Sommer seinen heißen Atem über das Land. Dabei war es erst Anfang Juni. In wenigen Wochen würde das große Navajo-Reservat im nördlichen Arizona unter der Mittagssonne zu glühen beginnen.
Kaye liebte das Land und den Wechsel der Jahreszeiten. Ihr Vater, ein Schafrancher, war ein Weißer, aber ihre Mutter Sophie war eine Vollblut-Navajo gewesen. Sie hatte ihrer Tochter die Liebe zu diesem weiten Land vererbt. Kaye war mit der staubigen roten Erde, den von Wind und Regen geformten Felsen, den Pinienwäldern und den Wüsten pflanzen aufgewachsen. Das Big Res, das große Navajo-Reservat auf der Hochebene des Colorado Plateaus, das sich bis nach New Mexiko und Utah erstreckte, war ihr Zuhause.
Nach knapp zwei Meilen drosselte sie das Tempo. Das einst gelb gestrichene, nun arg verwitterte Holzhaus von Sam Roanhorse war von der Straße aus zu sehen. Kaye bog auf eine ausgewaschene Sandpiste, durchquerte hundert Meter Steinwüste, die von Salbei- und Wacholderbüschen gesprenkelt war, und parkte den Jeep unter einer Pappel hinter dem Haus.
Ein paar schwarze Hühner stiebten gackernd davon. Großvater Sams Schafe begannen zu blöken, das Motorengeräusch hatte sie aus ihrem Mittagsschlaf geweckt. Es waren ungefähr zwanzig Tiere, die in einem Korral im Schatten dreier Pappeln und eines verkrüppelten Pflaumenbaumes standen und ihre dünnen Leiber aneinanderdrängten. Sie waren vor vier Wochen erst geschoren worden und die Wolle noch nicht wieder nachgewachsen. Zwei von Sams Schafen waren so schwarz wie die Kohle von der Black Mesa.
Ein Ebenbild von Jazz umrundete freudig bellend den Wagen. Kaye öffnete die Tür, und Jazz sprang heraus, um seinen Bruder Jasper zu begrüßen. Die beiden sahen einander verblüffend ähnlich, nur dass Jaspers Fell um eine Nuance dunkler war.
Sams Hütehund, der im Augenblick von seinen Pflichten entbunden war, weil die Schafe mit ihren Lämmern im Korral standen, führte Jazz zu einer Stelle, an der Pinyonmäuse ihre Löcher hatten. Beide Hunde begannen winselnd zu graben. Damit würden sie eine Weile beschäftigt sein.
'Yá'át'ééh, Großvater, ich bringe dein Essen!', rief Kaye. Sie blieb eine Weile auf der überdachten Veranda stehen, damit der alte Mann Zeit hatte, sich auf ihren Besuch einzustellen.
Sam Roanhorse war nicht wirklich Kayes Großvater, auch wenn sie ihn liebevoll so nannte. Die Eltern ihrer Mutter waren früh gestorben. Vielleicht war das der Grund, warum Sophie angefangen hatte, dem Alten sein Sonntagsessen zu bringen. Sie begann damit, als Sams Sohn John sich zum Militärdienst meldete und nach Deutschland versetzt wurde. Kayes Mutter kannte John Roanhorse von ihren Versammlungen und hatte sich für seinen alten Vater verantwortlich gefühlt.
Sophie hatte ihr 'Essen auf Rädern' nur einmal für kurze Zeit eingestellt. Es war in den Wochen, die zwischen Johns Rückkehr aus Deutschland und jenem schwarzen Tag lagen, an dem er sich in den Bergen hinter dem gelben Haus eine Gewehrkugel in den Kopf gejagt hatte.
Niemand wusste, warum John Roanhorse mit fünfundvierzig Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Vielleicht hatte der alte Sam eine Erklärung für den Tod seines Sohnes. Doch wenn es so war, dann behielt er sein Wissen für sich.
Johns Freitod hatte den alten Mann schwer getroffen. Aber das Leben ging weiter, und Sam brauchte jemanden, der sich um ihn kümmerte. Er hatte einen Enkel,Will, doch der Junge saß in einem Staatsgefängnis in Texas und konnte nicht für seinen Großvater sorgen.
Sophie war vor zwei Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückt und Kaye hatte den Dienst ihrer Mutter übernommen. Jeden Sonntag brachte sie dem alten Mann sein Essen. Kaye tat es gern, weil sie Sam mochte. Aber ihre sonntäglichen Besuche bei ihm hatten noch einen anderen Grund. Es war der Junge: Will Roanhorse. Seit fünf langen Jahren saß Sams Enkel verurteilt wegen Totschlags hinter Gittern und hatte noch weitere fünf Jahre abzusitzen. Bei einem heftigen Streit hatte Will den Direktor seiner Internatsschule getötet und war von einem Gericht zu zehn Jahren Haft verurteilt worden - obwohl er damals erst vierzehn Jahre alt gewesen war.
Kaye und Will, das war von Anfang an etwas Besonderes gewesen. Dass der Junge fort war, hinderte das Mädchen nicht daran, an ihn zu denken. Und wenn sie bei Großvater Sam am Küchentisch saß, dann konnte sie sogar über Will reden.
Kaye fand, dass sie dem Alten nun genug Zeit gelassen hatte, und trat durch die klapprige Fliegengittertür ins Haus. Großvater Sam saß schon am zernarbten, aber blank gescheuerten Holztisch in der Küche und wartete. Kaye holte einen zerkratzten Emailleteller aus dem Wandschrank und tat dem Alten auf. Geröstete Kartoffeln, Bohnen und Lammgulasch. Das Essen war noch heiß. Für den Weg von der Ranch bis zum Holzhaus von Sam Roanhorse brauchte Kaye nur zehn Minuten.
'Setz dich, Tochter!', sagte der alte Indianer, der das gute Essen und die Gesellschaft des Mädchens zu schätzen wusste.
Kaye reichte ihm Messer und Gabel und setzte sich ihm gegenüber. Er schnitt sich das Fleisch sehr klein, denn er hatte nur noch wenige Zähne. Zu einem Gebiss hatte Kaye ihn bisher nicht überreden können. Ebenso wenig wie zu einer Brille, die er dringend brauchte, weil seine Augen immer schlechter wurden. Sams spärliches, grau meliertes Haar endete in einem winzigen länglichen Knoten am Hinterkopf, der typischen Haartracht der Navajo. Der Indianer war sehr alt. Aber in Wahrheit wusste Kaye nicht, wie alt er wirklich war.
Um die faltige Stirn hatte Sam ein ausgeblichenes rotes Tuch gebunden. Er trug ein sauberes blau-weiß kariertes Baumwollhemd, denn Kaye kümmerte sich auch um die Wäsche des Alten. Seine abgetragenen Kordhosen wurden von breiten Hosenträgern gehalten. Die Haut des Indianers war sehr dunkel und die Hände knotig vom Alter. Kaye wunderte sich immer wieder aufs Neue, wie er mit diesen Händen und seinen schlechten Augen noch so wunderbare Dinge schaffen konnte.
Sam Roanhorse war Silberschmied. Silberklopfer, wie die Navajo dazu sagten. Die kunstvollen Schmuckstücke, die in seiner kleinen Werkstatt entstanden - Halsketten, Armreifen, Ringe und Gürtelschnallen aus getriebenem Silber und Türkisen -, waren bei den Touristen als Souvenirs sehr begehrt. Und Kaye sorgte in ihrem Laden im dreizehn Meilen entfernten Window Rock dafür, dass sie gut verkauft wurden. Auf diese Weise sicherte sie dem alten Mann sein Auskommen - auch wenn er eines Tages nicht mehr arbeiten konnte. Die Unterstützung, die er vom Staat bekam, war knapp und reichte kaum für ein einfaches Leben.
'Hat Will geschrieben?', fragte Kaye, nachdem sie eine Weile gewartet hatte.
Es war die eine Frage, die sie Sam Roanhorse immer wieder stellte. Jeden Sonntag, wenn sie ihm das Essen brachte. Und fast immer war die Antwort des alten Mannes dieselbe: Er richtete seine Augen auf das Mädchen und schüttelte bedauernd den Kopf. Auch diesmal war ein Kopfschütteln die Antwort, doch etwas war anders, das spürte Kaye sofort.
'Es ist jetzt fast zwei Monate her, dass du den letzten Brief von ihm bekommen hast, Großvater. Ich mache mir Sorgen.'
Der alte Mann schluckte hinunter, was er sorgsam zwischen Gaumen und Zunge zermahlen hatte, und stellte eine unerwartete Behauptung in den Raum: 'Mein Enkelsohn wird bald nach Hause kommen, Tochter. Du und ich, wir haben lange genug gewartet.'
Ein freudiger Schreck jagte durch Kayes Körper. Sie spürte, wie Röte ihre Wangen überzog und es in ihrer Magengegend seltsam zu flattern begann. Einige Zeit verstrich, bis sie ihre Gedanken ordnen und darüber nachdenken konnte, was der Alte gesagt hatte. Großvater Sam konnte manchmal voraussehen, was passieren würde. Er hatte ein Gespür für solche Dinge, einen Sinn mehr als andere Menschen. Sam Roanhorse war ein hataalíí, ein Sänger und Heiler; jemand, der in der Lage war, schwierige Fragen zu beantworten und Dinge vorherzusehen. Für ihn war das Universum erfüllt von mächtigen Kräften, die allesamt das Potenzial von Gut und Böse in sich trugen. Fehlte die Balance zwischen beidem, wurden die Menschen krank. Der alte Sam konnte herausfinden, welche Ursache eine Krankheit hatte, und durch sein Wissen den richtigen Gesang bestimmen, der Heilung bringen würde.
Kaye war mit den alten Geschichten ihres Volkes aufgewachsen. Sie glaubte an hózhó, den Pfad der Schönheit, der die Regeln der Ausgewogenheit und Harmonie lehrte. Und sie glaubte auch an die Wirksamkeit der geheimnisvollen Heilzeremonien der Navajo. Aber Kaye hatte keine Angst vor den diyin, den Wissenden Leuten, und erst recht nicht vor Großvater Sam. Vielleicht war er ja in der Lage, zukünftige Geschehnisse vorherzusehen, doch bewirken konnte er sie nicht. Sonst wäre sein Enkelsohn Will längst wieder zu Hause.
Kaye warf einen Blick auf den Kalender an der Wand, an dem der alte Mann die Tage abstrich. Sie wusste, er zählte die Tage von Wills Haft und befürchtete, die Rückkehr seines Enkels nicht mehr zu erleben. Doch heute war das anders. Irgendetwas war eingetreten, das ihm Hoffnung machte. Was das wohl war? Einen Brief hatte der Alte jedenfalls nicht bekommen, denn den hätte sie ihm sonst vorlesen müssen.
Vorsichtig entgegnete sie: 'Will ist zu zehn Jahren verurteilt worden, Großvater, und er hat erst fünf davon abgesessen. Was macht dich so sicher, dass er bald nach Hause kommt?'
Insgeheim wünschte sie, der alte Mann würde eine plausible Erklärung für seine Behauptung haben. Eine Erklärung, an die sie glauben konnte. Wie sehr sie sich nach Will sehnte. Kaye sah ihn in der Erinnerung ganz deutlich vor sich. Er war vierzehn gewesen, als sie ihm das letzte Mal gegenübergestanden hatte, und er hatte geweint. Dann war er davongelaufen und hatte sie allein im Water Hole Canyon zurückgelassen. Am nächsten Tag war er wieder nach New Mexico gefahren, und vier Wochen später hatte Sophie ihr erzählt, dass Will im Gefängnis saß.
Wie er jetzt wohl aussah? Was für ein Mensch war aus ihm geworden, nach einer so langen Zeit hinter Gefängnismauern? Er, der die meiste Zeit seines Lebens unter freiem Himmel verbracht hatte, war nun schon fünf Jahre in einer winzigen Zelle eingesperrt. Vielleicht hatte er Schlimmes gesehen und erlebt im Gefängnis. Kaye hatte Angst, Will könnte nicht mehr derselbe sein, wenn er eines Tages ins Reservat zurückkehren würde. In solchen Momenten zweifelte sie daran, dass sie es schaffen konnte, noch einmal fünf Jahre auf ihn zu warten.
Bald wurde sie achtzehn und musste ihren Vater nicht mehr um Erlaubnis bitten, um Will zu besuchen. Sie hatte schon oft daran gedacht. Aber Will Roanhorse saß in einem Staatsgefängnis in Texas, mehrere hundert Meilen vom Reservat entfernt. Sie war noch nie so weit weg von zu Hause gewesen. Und sie wusste nicht, ob er sich überhaupt über ihren Besuch freuen würde. Auf keinen ihrer vielen Briefe hatte er jemals geantwortet. Alles, was sie von ihm hatte, waren die wenigen Briefe, die er an seinen Großvater geschrieben hatte. Und darin stand meist nur, dass es ihm gut gehe und der Alte sich nicht um ihn sorgen solle.
'Atsá, der Adler, hat es mir gesagt', antwortete Sam schließlich leise auf ihre Frage und schob sich ein weiteres Stück Fleisch in den Mund. 'Will wird bald wieder hier sein. Es ist nun genug.'
Genug war es tatsächlich, schon lange. Kaye fragte nicht weiter nach. Was der Adler Sam Roanhorse erzählte, war meistens eingetroffen, auch wenn es dafür keine Erklärung gab. Der Adler konnte sehr viel mehr sehen als die Menschen, denn seine ausgedehnten Flüge führten ihn weit über die großen Mesas und die tiefen Schluchten der Canyons. Seine Sicht der Dinge war eine völlig andere.
Doch der Adler hatte dem alten Navajo noch etwas anderes erzählt, etwas, das er dem Mädchen verschwieg. Außer ihm und der jungen Frau gab es noch jemanden, der auf Will Roanhorse wartete. Jemand, vor dem man auf der Hut sein musste, weil es ihm gefiel, die Schwächen anderer für sich selbst auszunutzen. Jemand, für den das Leben ein Spiel war, eine ewige Jagd. Dass auch Zweiherz, der Kojote, auf Wills Ankunft lauerte, würde Sam wohlweislich für sich behalten.
Staatsgefängnis von Gatesville, Texas
Will Roanhorse pickte langsam die vergilbten Fotos und Zeitungsausschnitte von seiner Zellenwand und verstaute sie in einem Schuhkarton. Der Karton war voller Briefe. Es waren ungeöffnete Briefe.
Der junge Navajo-Indianer strich sich das schulterlange Haar aus der Stirn, nahm eines der abgegriffenen Schwarz-Weiß-Fotos in die Hand und betrachtete es genauer. Er selbst war darauf zu sehen und Kaye Kingley. Er hatte den Arm um das Mädchen mit den dünnen Beinen und dem langen Zopf gelegt und sie griente ihn zufrieden an. Auf ihrem Schoß ein winziges Fellbündel. Das Foto war an ihrem zehnten Geburtstag entstanden.
Düster und unheimlich war der Anfang allen Seins. Finsternis wallte wie schwarzer Nebel, es war kühl und feucht. Die Erste Welt erschien als eine Insel unter Wolken. Sie barg den Ursprung allen Lebens. In ihr hausten übernatürliche Wesen, genannt diyin, die Wissenden Leute. Paare von Wolken berührten einander und daraus entstanden Erster Mann und Erste Frau.
Auch Kojote gab es schon in dieser Schwarzen Welt, halb Mensch halb Tier. Zweiherz war sein Name, und man sagt, dass er schon länger lebt als alle übrigen Wesen.
Getrieben von Unzufriedenheit und Zanksucht, waren die unsterblichen Wanderer gezwungen, nach einer neuen Heimat zu suchen. Sie stiegen auf und verließen die Schwarze Welt. Mit ihnen Erster Mann, Erste Frau und Zweiherz, der Kojote. Sie alle waren auf der Suche nach Licht und nach einem Ort, an dem sie existieren konnten.
Doch in der Zweiten, der Blauen Welt, trafen sie auf gefährliche Säugetiere und Ungeheuer. Sie zankten untereinander pausenlos fort, verletzten Tabus und fielen in Ungnade. So mussten sie aufsteigen in die Dritte Welt.
In der Gelben, der Dritten Welt, wurden die vier heiligen Berge der Navajo geschaffen, wie sie heute noch existieren. Doch Kojote stahl Wassermonster, dem Herrn der unwirtlichen Fluten, ein Kind und beschwor mit seiner Boshaftigkeit eine Flut herauf. Die Wissenden Leute - und mit ihnen Erster Mann und Erste Frau - mussten fliehen. Sie erreichten die Vierte, die Weiße Welt. Aber auch in dieser Welt stiftete Zweiherz Unheil unter den unsterblichen Lebewesen und trieb sie damit weiter. Vier unvollkommene Welten hatten sie durchwandert und stiegen nun in die Fünfte, die schillernde, sich ewig wandelnde Welt der Gegenwart.
Dort angekommen mussten sie erkennen, dass auch diese Welt von Flut, Streit und Chaos beherrscht war. Erst als Kojote sich einsichtig zeigte und eine Zeit lang aufhörte, Unheil zu stiften, lichtete sich das Durcheinander. Die Gestirne, Tiere und Pflanzen wurden erschaffen. Die Zeit wurde unterteilt in Tag und Nacht; der Kreis eines Jahres in Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Erster Mann und Erste Frau fanden ein Baby und nahmen sich seiner an. In nur vier Tagen wurde aus dem kleinen Mädchen eine Frau, Changing Woman. Sich Wechselnde Frau schenkte zwei Söhnen das Leben, den Krieger-Zwillingen. Danach schuf sie aus Fetzen ihrer Haut die Menschen, um nicht länger einsam zu sein.
Die Menschen erhielten von den Wissenden Leuten jene Kenntnisse, die man zum Überleben braucht, und erfuhren, wie man nach hózhó, dem Zustand allumfassender Harmonie, strebt.
Erster Mann baute ein achteckiges Haus aus Steinen, Lehm und Balken - einen Hogan. Danach ruhte er sich auf der Erde aus, lag Kopf an Kopf mit Erster Frau und ihre Gedanken vermischten sich. Aus ihrer beider Ideen entstand die Ordnung der Welt, so wie sie heute noch existiert.
Der Unheilstifter aber, Kojote, leise und mit silbergrauem Fell, durfte zur Strafe für sein zerstörerisches Wesen an dieser Ordnung nicht teilhaben. Deshalb wurde er zornig und manchmal ist er es noch heute. Er heißt auch: Erster Zorn.
Mit dürren Beinen und hängendem Kopf streift er durch die weiten Schluchten der Canyons und über die Ebenen der Mesas. In den kühlen Nächten lässt er die Menschen sein schauriges Heulen hören. Wenn er ein gefügiges Opfer gefunden hat, dessen Zustand der Harmonie gestört ist, dann schleicht er zwischen den zusammengedrängten Lehmhütten umher, umkreist ein Ranchhaus oder drückt seinen mageren Körper unter einen abgestellten Wohnwagen.
Er ist auf der Jagd.
Und noch immer kann er seine Gestalt wechseln. Für jede hat er einen anderen Namen: Graubein Kojote. Erster Zorn. Zweiherz.
Bleib nicht so lange, Kaye!' Arthur Kingleys dunkle Stimme kam unter dem aufgebockten Ford Pickup hervor, einem zerschrammten Lieferwagen, der auch schon bessere Tage gesehen hatte.
'Ja, Dad', rief das Mädchen in den ausgewaschenen Jeans. 'Ich bringe Großvater Sam nur sein Essen.' Mit Schwung warf sie ihren schweren geflochtenen Zopf über die Schulter. Kaye stellte den Korb mit den beiden Emailletöpfen vorsichtig auf den Beifahrersitz und stieg hinter das Lenkrad ihres roten Geländewagens. Jazz - ein zotteliger Mischlingshund mit hellbraunem Fell - hockte schon auf der Rückbank des Jeep Wrangler und blickte sie aus seinen runden Hundeaugen erwartungsvoll an. Sein Fell war staubig und steckte voller trockener Halme und Samenkörner. Weiß der Teufel, dachte Kaye, wo er sich wieder herumgetrieben und nach Mäusen gejagt hatte.
'Das sagst du jedes Mal', brummte Arthur, während er sich unter dem Ford hervorschob. Er wischte sich Schweiß und ölige schwarze Schmiere aus dem sonnengebräunten Gesicht, um seiner Tochter nachzusehen, die vor dem Abend nicht zurückkommen würde.
Kaye fuhr los und sofort legte sich eine dichte Staubwolke um ihren Jeep. Im Vorbeifahren winkte Kaye den beiden indianischen Rancharbeitern, die den Weidezaun ausbesserten. Ashie Benally und Hoskie Whitehead winkten zurück. Shádi, Kayes dunkelbraune Stute, rannte noch eine Weile auf der Koppel neben dem Jeep her, bis der Elektrozaun am Ende des Fahrweges sie daran hinderte, Kaye weiter zu folgen. Der Jeep ratterte über das Viehgitter und bog von der Schotterpiste auf die glatte Teerstraße.
Mit offenen Fenstern fuhr Kaye in Richtung Süden. Der Jeep hatte Klimaanlage, aber sie mochte es, den Fahrtwind zu spüren. Schon seit Tagen blies der Sommer seinen heißen Atem über das Land. Dabei war es erst Anfang Juni. In wenigen Wochen würde das große Navajo-Reservat im nördlichen Arizona unter der Mittagssonne zu glühen beginnen.
Kaye liebte das Land und den Wechsel der Jahreszeiten. Ihr Vater, ein Schafrancher, war ein Weißer, aber ihre Mutter Sophie war eine Vollblut-Navajo gewesen. Sie hatte ihrer Tochter die Liebe zu diesem weiten Land vererbt. Kaye war mit der staubigen roten Erde, den von Wind und Regen geformten Felsen, den Pinienwäldern und den Wüsten pflanzen aufgewachsen. Das Big Res, das große Navajo-Reservat auf der Hochebene des Colorado Plateaus, das sich bis nach New Mexiko und Utah erstreckte, war ihr Zuhause.
Nach knapp zwei Meilen drosselte sie das Tempo. Das einst gelb gestrichene, nun arg verwitterte Holzhaus von Sam Roanhorse war von der Straße aus zu sehen. Kaye bog auf eine ausgewaschene Sandpiste, durchquerte hundert Meter Steinwüste, die von Salbei- und Wacholderbüschen gesprenkelt war, und parkte den Jeep unter einer Pappel hinter dem Haus.
Ein paar schwarze Hühner stiebten gackernd davon. Großvater Sams Schafe begannen zu blöken, das Motorengeräusch hatte sie aus ihrem Mittagsschlaf geweckt. Es waren ungefähr zwanzig Tiere, die in einem Korral im Schatten dreier Pappeln und eines verkrüppelten Pflaumenbaumes standen und ihre dünnen Leiber aneinanderdrängten. Sie waren vor vier Wochen erst geschoren worden und die Wolle noch nicht wieder nachgewachsen. Zwei von Sams Schafen waren so schwarz wie die Kohle von der Black Mesa.
Ein Ebenbild von Jazz umrundete freudig bellend den Wagen. Kaye öffnete die Tür, und Jazz sprang heraus, um seinen Bruder Jasper zu begrüßen. Die beiden sahen einander verblüffend ähnlich, nur dass Jaspers Fell um eine Nuance dunkler war.
Sams Hütehund, der im Augenblick von seinen Pflichten entbunden war, weil die Schafe mit ihren Lämmern im Korral standen, führte Jazz zu einer Stelle, an der Pinyonmäuse ihre Löcher hatten. Beide Hunde begannen winselnd zu graben. Damit würden sie eine Weile beschäftigt sein.
'Yá'át'ééh, Großvater, ich bringe dein Essen!', rief Kaye. Sie blieb eine Weile auf der überdachten Veranda stehen, damit der alte Mann Zeit hatte, sich auf ihren Besuch einzustellen.
Sam Roanhorse war nicht wirklich Kayes Großvater, auch wenn sie ihn liebevoll so nannte. Die Eltern ihrer Mutter waren früh gestorben. Vielleicht war das der Grund, warum Sophie angefangen hatte, dem Alten sein Sonntagsessen zu bringen. Sie begann damit, als Sams Sohn John sich zum Militärdienst meldete und nach Deutschland versetzt wurde. Kayes Mutter kannte John Roanhorse von ihren Versammlungen und hatte sich für seinen alten Vater verantwortlich gefühlt.
Sophie hatte ihr 'Essen auf Rädern' nur einmal für kurze Zeit eingestellt. Es war in den Wochen, die zwischen Johns Rückkehr aus Deutschland und jenem schwarzen Tag lagen, an dem er sich in den Bergen hinter dem gelben Haus eine Gewehrkugel in den Kopf gejagt hatte.
Niemand wusste, warum John Roanhorse mit fünfundvierzig Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Vielleicht hatte der alte Sam eine Erklärung für den Tod seines Sohnes. Doch wenn es so war, dann behielt er sein Wissen für sich.
Johns Freitod hatte den alten Mann schwer getroffen. Aber das Leben ging weiter, und Sam brauchte jemanden, der sich um ihn kümmerte. Er hatte einen Enkel,Will, doch der Junge saß in einem Staatsgefängnis in Texas und konnte nicht für seinen Großvater sorgen.
Sophie war vor zwei Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückt und Kaye hatte den Dienst ihrer Mutter übernommen. Jeden Sonntag brachte sie dem alten Mann sein Essen. Kaye tat es gern, weil sie Sam mochte. Aber ihre sonntäglichen Besuche bei ihm hatten noch einen anderen Grund. Es war der Junge: Will Roanhorse. Seit fünf langen Jahren saß Sams Enkel verurteilt wegen Totschlags hinter Gittern und hatte noch weitere fünf Jahre abzusitzen. Bei einem heftigen Streit hatte Will den Direktor seiner Internatsschule getötet und war von einem Gericht zu zehn Jahren Haft verurteilt worden - obwohl er damals erst vierzehn Jahre alt gewesen war.
Kaye und Will, das war von Anfang an etwas Besonderes gewesen. Dass der Junge fort war, hinderte das Mädchen nicht daran, an ihn zu denken. Und wenn sie bei Großvater Sam am Küchentisch saß, dann konnte sie sogar über Will reden.
Kaye fand, dass sie dem Alten nun genug Zeit gelassen hatte, und trat durch die klapprige Fliegengittertür ins Haus. Großvater Sam saß schon am zernarbten, aber blank gescheuerten Holztisch in der Küche und wartete. Kaye holte einen zerkratzten Emailleteller aus dem Wandschrank und tat dem Alten auf. Geröstete Kartoffeln, Bohnen und Lammgulasch. Das Essen war noch heiß. Für den Weg von der Ranch bis zum Holzhaus von Sam Roanhorse brauchte Kaye nur zehn Minuten.
'Setz dich, Tochter!', sagte der alte Indianer, der das gute Essen und die Gesellschaft des Mädchens zu schätzen wusste.
Kaye reichte ihm Messer und Gabel und setzte sich ihm gegenüber. Er schnitt sich das Fleisch sehr klein, denn er hatte nur noch wenige Zähne. Zu einem Gebiss hatte Kaye ihn bisher nicht überreden können. Ebenso wenig wie zu einer Brille, die er dringend brauchte, weil seine Augen immer schlechter wurden. Sams spärliches, grau meliertes Haar endete in einem winzigen länglichen Knoten am Hinterkopf, der typischen Haartracht der Navajo. Der Indianer war sehr alt. Aber in Wahrheit wusste Kaye nicht, wie alt er wirklich war.
Um die faltige Stirn hatte Sam ein ausgeblichenes rotes Tuch gebunden. Er trug ein sauberes blau-weiß kariertes Baumwollhemd, denn Kaye kümmerte sich auch um die Wäsche des Alten. Seine abgetragenen Kordhosen wurden von breiten Hosenträgern gehalten. Die Haut des Indianers war sehr dunkel und die Hände knotig vom Alter. Kaye wunderte sich immer wieder aufs Neue, wie er mit diesen Händen und seinen schlechten Augen noch so wunderbare Dinge schaffen konnte.
Sam Roanhorse war Silberschmied. Silberklopfer, wie die Navajo dazu sagten. Die kunstvollen Schmuckstücke, die in seiner kleinen Werkstatt entstanden - Halsketten, Armreifen, Ringe und Gürtelschnallen aus getriebenem Silber und Türkisen -, waren bei den Touristen als Souvenirs sehr begehrt. Und Kaye sorgte in ihrem Laden im dreizehn Meilen entfernten Window Rock dafür, dass sie gut verkauft wurden. Auf diese Weise sicherte sie dem alten Mann sein Auskommen - auch wenn er eines Tages nicht mehr arbeiten konnte. Die Unterstützung, die er vom Staat bekam, war knapp und reichte kaum für ein einfaches Leben.
'Hat Will geschrieben?', fragte Kaye, nachdem sie eine Weile gewartet hatte.
Es war die eine Frage, die sie Sam Roanhorse immer wieder stellte. Jeden Sonntag, wenn sie ihm das Essen brachte. Und fast immer war die Antwort des alten Mannes dieselbe: Er richtete seine Augen auf das Mädchen und schüttelte bedauernd den Kopf. Auch diesmal war ein Kopfschütteln die Antwort, doch etwas war anders, das spürte Kaye sofort.
'Es ist jetzt fast zwei Monate her, dass du den letzten Brief von ihm bekommen hast, Großvater. Ich mache mir Sorgen.'
Der alte Mann schluckte hinunter, was er sorgsam zwischen Gaumen und Zunge zermahlen hatte, und stellte eine unerwartete Behauptung in den Raum: 'Mein Enkelsohn wird bald nach Hause kommen, Tochter. Du und ich, wir haben lange genug gewartet.'
Ein freudiger Schreck jagte durch Kayes Körper. Sie spürte, wie Röte ihre Wangen überzog und es in ihrer Magengegend seltsam zu flattern begann. Einige Zeit verstrich, bis sie ihre Gedanken ordnen und darüber nachdenken konnte, was der Alte gesagt hatte. Großvater Sam konnte manchmal voraussehen, was passieren würde. Er hatte ein Gespür für solche Dinge, einen Sinn mehr als andere Menschen. Sam Roanhorse war ein hataalíí, ein Sänger und Heiler; jemand, der in der Lage war, schwierige Fragen zu beantworten und Dinge vorherzusehen. Für ihn war das Universum erfüllt von mächtigen Kräften, die allesamt das Potenzial von Gut und Böse in sich trugen. Fehlte die Balance zwischen beidem, wurden die Menschen krank. Der alte Sam konnte herausfinden, welche Ursache eine Krankheit hatte, und durch sein Wissen den richtigen Gesang bestimmen, der Heilung bringen würde.
Kaye war mit den alten Geschichten ihres Volkes aufgewachsen. Sie glaubte an hózhó, den Pfad der Schönheit, der die Regeln der Ausgewogenheit und Harmonie lehrte. Und sie glaubte auch an die Wirksamkeit der geheimnisvollen Heilzeremonien der Navajo. Aber Kaye hatte keine Angst vor den diyin, den Wissenden Leuten, und erst recht nicht vor Großvater Sam. Vielleicht war er ja in der Lage, zukünftige Geschehnisse vorherzusehen, doch bewirken konnte er sie nicht. Sonst wäre sein Enkelsohn Will längst wieder zu Hause.
Kaye warf einen Blick auf den Kalender an der Wand, an dem der alte Mann die Tage abstrich. Sie wusste, er zählte die Tage von Wills Haft und befürchtete, die Rückkehr seines Enkels nicht mehr zu erleben. Doch heute war das anders. Irgendetwas war eingetreten, das ihm Hoffnung machte. Was das wohl war? Einen Brief hatte der Alte jedenfalls nicht bekommen, denn den hätte sie ihm sonst vorlesen müssen.
Vorsichtig entgegnete sie: 'Will ist zu zehn Jahren verurteilt worden, Großvater, und er hat erst fünf davon abgesessen. Was macht dich so sicher, dass er bald nach Hause kommt?'
Insgeheim wünschte sie, der alte Mann würde eine plausible Erklärung für seine Behauptung haben. Eine Erklärung, an die sie glauben konnte. Wie sehr sie sich nach Will sehnte. Kaye sah ihn in der Erinnerung ganz deutlich vor sich. Er war vierzehn gewesen, als sie ihm das letzte Mal gegenübergestanden hatte, und er hatte geweint. Dann war er davongelaufen und hatte sie allein im Water Hole Canyon zurückgelassen. Am nächsten Tag war er wieder nach New Mexico gefahren, und vier Wochen später hatte Sophie ihr erzählt, dass Will im Gefängnis saß.
Wie er jetzt wohl aussah? Was für ein Mensch war aus ihm geworden, nach einer so langen Zeit hinter Gefängnismauern? Er, der die meiste Zeit seines Lebens unter freiem Himmel verbracht hatte, war nun schon fünf Jahre in einer winzigen Zelle eingesperrt. Vielleicht hatte er Schlimmes gesehen und erlebt im Gefängnis. Kaye hatte Angst, Will könnte nicht mehr derselbe sein, wenn er eines Tages ins Reservat zurückkehren würde. In solchen Momenten zweifelte sie daran, dass sie es schaffen konnte, noch einmal fünf Jahre auf ihn zu warten.
Bald wurde sie achtzehn und musste ihren Vater nicht mehr um Erlaubnis bitten, um Will zu besuchen. Sie hatte schon oft daran gedacht. Aber Will Roanhorse saß in einem Staatsgefängnis in Texas, mehrere hundert Meilen vom Reservat entfernt. Sie war noch nie so weit weg von zu Hause gewesen. Und sie wusste nicht, ob er sich überhaupt über ihren Besuch freuen würde. Auf keinen ihrer vielen Briefe hatte er jemals geantwortet. Alles, was sie von ihm hatte, waren die wenigen Briefe, die er an seinen Großvater geschrieben hatte. Und darin stand meist nur, dass es ihm gut gehe und der Alte sich nicht um ihn sorgen solle.
'Atsá, der Adler, hat es mir gesagt', antwortete Sam schließlich leise auf ihre Frage und schob sich ein weiteres Stück Fleisch in den Mund. 'Will wird bald wieder hier sein. Es ist nun genug.'
Genug war es tatsächlich, schon lange. Kaye fragte nicht weiter nach. Was der Adler Sam Roanhorse erzählte, war meistens eingetroffen, auch wenn es dafür keine Erklärung gab. Der Adler konnte sehr viel mehr sehen als die Menschen, denn seine ausgedehnten Flüge führten ihn weit über die großen Mesas und die tiefen Schluchten der Canyons. Seine Sicht der Dinge war eine völlig andere.
Doch der Adler hatte dem alten Navajo noch etwas anderes erzählt, etwas, das er dem Mädchen verschwieg. Außer ihm und der jungen Frau gab es noch jemanden, der auf Will Roanhorse wartete. Jemand, vor dem man auf der Hut sein musste, weil es ihm gefiel, die Schwächen anderer für sich selbst auszunutzen. Jemand, für den das Leben ein Spiel war, eine ewige Jagd. Dass auch Zweiherz, der Kojote, auf Wills Ankunft lauerte, würde Sam wohlweislich für sich behalten.
Staatsgefängnis von Gatesville, Texas
Will Roanhorse pickte langsam die vergilbten Fotos und Zeitungsausschnitte von seiner Zellenwand und verstaute sie in einem Schuhkarton. Der Karton war voller Briefe. Es waren ungeöffnete Briefe.
Der junge Navajo-Indianer strich sich das schulterlange Haar aus der Stirn, nahm eines der abgegriffenen Schwarz-Weiß-Fotos in die Hand und betrachtete es genauer. Er selbst war darauf zu sehen und Kaye Kingley. Er hatte den Arm um das Mädchen mit den dünnen Beinen und dem langen Zopf gelegt und sie griente ihn zufrieden an. Auf ihrem Schoß ein winziges Fellbündel. Das Foto war an ihrem zehnten Geburtstag entstanden.