
Fremde Heimat
Lynn Austin(Author)
Francke-Buch (Publisher)
1st Edition
Published in January 2014
Book
Paperback/Softback
448 pages
978-3-86827-423-3 (ISBN)
Description
Babylon ist Sacharjas ganze Welt. Doch als König Kyros dem jüdischen Volk die Rückkehr ins Land seiner Väter erlaubt, beginnt für den jungen Sacharja das Abenteuer seines Lebens. Zusammen mit seinen Großeltern und seiner Jugendfreundin Yael macht er sich auf den Weg nach Jerusalem. Fern von Babylons Schönheit und Reichtum müssen die jüdischen Heimkehrer ganz neu beginnen - in einem unwirtlichen Land und unter Menschen, die sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Wird es ihnen gelingen, den Tempel wieder zu errichten und sich ein neues Leben aufzubauen?
Lynn Austin webt einen farbenprächtigen, filigranen biblischen Hintergrund, auf dem die Hauptpersonen so zur Geltung kommen, dass wir uns mit ihren Hoffnungen und Träumen, mit ihren Siegen und Niederlagen identifizieren können. Eine epische, ergreifende Erzählung von Kämpfen, Leid und Glück eines Volkes, das Gott dienen will.
More details
Edition
1., Auflage
Language
German
Dimensions
Height: 205 mm
Width: 134 mm
Thickness: 40 mm
Weight
521 gr
ISBN-13
978-3-86827-423-3 (9783868274233)
Schweitzer Classification
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Persons
Lynn Austin ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Illinois. Ihre große Familie, die vier Generationen umfasst, ist ebenso Aufgabe wie Inspiration für sie. Wenn ihr nach dem Tagesgeschäft noch Zeit bleibt, ist sie als Vortragsreisende unterwegs und widmet sich der Schriftstellerei.
Author
ISNI: 0000 0000 6701 3608 GND: 13215921X
Translation
ISNI: 0000 0000 1092 9121 GND: 115450130
Content
1
Iddo erwachte keuchend aus seinem Traum. Der Albtraum hätte ihn beinahe verschlungen. Er hörte die besänftigende Stimme seiner Frau und fühlte, wie ihre Hand sich auf seine Brust legte, als wollte sie sein hämmerndes Herz beruhigen. "Schhh . Es war nur ein Traum, Iddo. Nur ein Traum ."
Aber es war kein Traum, oder jedenfalls nicht die Art Traum, wie andere Menschen sie hatten, wenn sie schliefen - verwirrende Visionen, die bei Tageslicht keinen Sinn ergaben. In Iddos Träumen durchlebte er wieder die alten Erinnerungen, kraftvolle Szenen, so lebendig wie an dem Tag, an dem er sie als Kind mit angesehen hatte. Die Bilder und Geräusche und Schrecken hatten sich in seine Seele eingegraben wie die Spitze eines Griffels, die in weichen Lehm gedrückt wird. Der Ofen des Leidens hatte sie verhärtet, sodass sie nie mehr ausradiert werden konnten.
Er holte zitternd Luft und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, um die Tränen aus seinen Augen zu wischen. "Es tut mir leid, Dina", flüsterte er. "Es tut mir leid ."
"Geht es wieder?", fragte sie. "Ich mache dir etwas Heißes zu trinken."
Er legte eine Hand auf ihren Arm, um sie zurückzuhalten. "Nein, bleib liegen. Wir müssen doch nicht beide wach sein." Iddo erhob sich von ihrem gemeinsamen Lager und tastete im Dunkeln nach seinem Gewand. Er würde jetzt sowieso nicht mehr schlafen können.
Während des Tages konnte er die Bilder, die wie lauernde Schakale am Rand seines Bewusstseins kreisten, in Schach halten, indem er zum Himmel mit seinen Wolken hinaufsah oder darüber staunte, wie vollkommen der winzige Finger seines Enkels war. Aber nachts, wenn das Dunkel die Schönheit des Schöpfers verbarg, stürzten die Bilder und Geräusche auf Iddo ein, ohne dass er sie zum Schweigen bringen konnte. Wenn sie angriffen, nahmen sie ihm alles, was er erreicht hatte, und zerrten an dem Mann, der er jetzt war. Er wurde wieder zu dem zehnjährigen Jungen, der mit ansehen musste, wie Jerusalem in die Hände der Feinde fiel - hilflos, starr vor Angst, nackt und zitternd. Siebenundvierzig Jahre waren verstrichen, seit er den echten Albtraum erlebt hatte, und diese Jahre hatte Iddo hier in Babylon verbracht. Er hatte eine Frau, Kinder, Enkel - alle hier geboren. Doch die Gräueltaten, die er in Jerusalem gesehen hatte, waren noch genauso lebendig wie die Welt, in der er jeden Morgen aufwachte. Der Albtraum verblasste nie und wurde niemals unscharf.
Er wartete, bis sein Herzschlag sich beruhigte und sein Atem regelmäßiger ging, dann schlurfte er zur Tür. Er öffnete und schloss sie lautlos, damit er nicht die Bewohner seines Haushaltes aufweckte. Draußen in seinem dunklen Hof ließ er den Blick über die vertraute Silhouette der Lehmziegelhäuser in seinem Viertel und die stacheligen Dattelpalmen gleiten, die am Ufer des Kanals wuchsen. Er hob das Kinn, um zu beobachten, wie die Sterne hinter den phantasievollen Formen der Nachtwolken verschwanden und dann wieder auftauchten. "'Ich blicke zum Himmel und sehe, was deine Hände geschaffen haben'", flüsterte er, "'den Mond und die Sterne - allen hast du ihre Bahnen vorgezeichnet. Was ist da schon der Mensch, dass du an ihn denkst?'" Die Psalmen König Davids waren für ihn wie eine Waffe, die er benutzte, um die Schakale der Angst zu vertreiben.
Das Unheil, das Jerusalem zerstört hatte, war die Strafe des Allmächtigen. Alle Propheten hatten es gesagt. Gott wohnte nicht länger bei seinem Volk, weil es ihm untreu gewesen war. Sein Tempel war zerstört, sein Volk war in alle Himmelsrichtungen verstreut und lebte unter heidnischen Göttern. Iddos einzige Hoffnung, die einzige Hoffnung seiner Familie, lag darin, Gottes Gesetz zu studieren, sein Herz und seinen Verstand mit der Thora zu füllen und an jedem Tag seines Lebens jedes Wort davon zu befolgen. Wenn er den Gott seiner Väter mit aller Kraft suchte, würde der Heilige vielleicht gnädig sein und zu seinem Volk zurückkehren.
Iddo schauderte in der kühlen Herbstluft, während er darauf wartete, dass der nächtliche Friede seine Seele erfüllte. Aber anstelle der tiefen Stille, nach der er sich sehnte, hörte er immer noch die Laute seines Albtraums: ein leises Grollen wie von Hunderten marschierender Füße, entfernte Schreie und Rufe . oder war das nur das Kreischen der Vögel? Iddo hatte viele Nächte wachend verbracht, aber noch nie waren die Geräusche aus seinen Träumen so nachgeklungen. Bildete er sich Dinge ein? Er stieg die Außentreppe zum Flachdach hinauf und blickte über die Stadt hinaus. Lichter tanzten in der Ferne wie Sommerblitze - doch es konnten keine Blitze sein. Der Sternenhimmel erstreckte sich über der Ebene von einem Horizont zum anderen und die nächtlichen Wolken waren federleicht.
Eine plötzliche Bewegung auf der Straße unter ihm erregte seine Aufmerksamkeit und er blinzelte in das Dunkel hinunter. Sein Nachbar Mattania stand dort, die Hände in die Hüften gestemmt, und starrte auf das Zentrum von Babylon. Neben ihm stand ein anderer Nachbar, Joel, der wie Iddo von den Tempelpriestern abstammte. Konnten sie die Geräusche auch hören?
Iddo eilte hinunter und durch das Hoftor auf die Straße hinaus. Die beiden Männer wandten sich um, als sie seine Schritte hörten. "Hat der Lärm dich auch geweckt?", fragte Mattania.
"Was ist das? Was ist dort los?"
"Wir wissen es nicht", sagte Joel. "Die Babylonier feiern heute irgendein Fest zu Ehren ihrer heidnischen Götter, aber mein Sohn Reuben fand, dass es eher nach marschierenden Soldaten klingt."
"Ja . das dachte ich auch", sagte Iddo.
"Wir fragen uns, ob die Armeen der Meder und Perser die Stadt angegriffen haben könnten", sagte Mattania.
Joel schüttelte den Kopf. "Damit werden sie niemals Erfolg haben. Die Tore Babylons sind schwer befestigt und die Stadtmauern sechs Meter dick. Da kommt keiner durch!" Aber Iddo erinnerte sich an die eingestürzten Mauern Jerusalems und ihn fröstelte. "Mein Sohn ist losgegangen, um nachzusehen", fuhr Joel fort. "Wir warten darauf, dass er zurückkommt."
Iddo stand neben seinen Nachbarn und lauschte den entfernten Klängen, während sie sich leise unterhielten und auf Reubens Rückkehr warteten. Als der junge Mann endlich nach Hause gelaufen kam, mit gerötetem Gesicht und ganz außer Atem, erhellte ein Bogen aus rosafarbenem Licht den Horizont im Osten. "Du wirst es nicht glauben, Abba! Ich bin den ganzen Weg bis zum Platz am Ischtar-Tor gelaufen: Die Straßen rund um den südlichen Palast sind voll mit Soldaten. Es sind Tausende!"
"Babylonische Soldaten?", fragte Iddo.
"Nein. Solche babylonischen Soldaten habe ich jedenfalls noch nie gesehen."
"Dann ist es eine Invasion!", sagte Mattania.
"Das kann nicht sein. Wie sollte der Feind unsere Mauern bezwingen?", fragte Joel.
"Ich glaube, ich weiß, wie", sagte Reuben. "Ich bin auf dem Heimweg dem Fluss gefolgt und das Wasser war nur so hoch ." Er zeigte auf die Mitte seines Oberschenkels. "Die Soldaten könnten unter der Mauer hindurch in die Stadt gewatet sein, mit dem Fluss als Straße sozusagen - wie bei der Geschichte in der Thora, als das Wasser sich für das Volk teilte, wisst ihr noch?"
Eine Invasion. Iddo wandte sich wortlos ab und eilte zurück in seinen von Mauern umgebenen Hof. Er schloss das hölzerne Tor hinter sich und lehnte sich dagegen. Er musste immer noch träumen. Er war anscheinend doch noch nicht aus seinem Albtraum erwacht. Jeden Augenblick würde Dina ihn rütteln und dann würde er aufwachen. Er schloss die Augen, während er langsam einatmete, dann öffnete er sie wieder. Er war noch immer im Hof und hörte das entfernte Poltern marschierender Füße.
Wenn das kein Traum war, dann hatten zum zweiten Mal in Iddos Leben Soldaten die Stadt überfallen, in der er lebte. Sein Albtraum war noch einmal Wirklichkeit geworden. Er ging ein paar unsichere Schritte auf sein Haus zu, dann blieb er stehen und drehte sich hilflos um die eigene Achse, wie ein Tier, das in einer Grube gefangen ist. Er musste fliehen, musste mit seiner Frau und seiner Familie entkommen. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Vielleicht konnten sie aus der Stadt waten und sich jenseits der Mauern im Sumpfland verstecken. Vielleicht hatte der Allmächtige die Wasser nur für sie geteilt, damit sie fliehen konnten. Er machte zwei Schritte vorwärts und blieb dann wieder stehen.
Der Allmächtige.
Würde er ihnen helfen? Iddo musste beten und um Weisheit bitten und um den Schutz des Allmächtigen, bevor sie aufbrachen. Er stieg die Treppe hinauf aufs Dach, obwohl er sie mit seinen zitternden Knien kaum bewältigen konnte. Dann warf er sich auf den Boden, das Gesicht in Richtung Jerusalem im Westen gewandt. "Gepriesen seist du, oh Herr, unser Gott, König des Weltalls -" Er hielt inne. Sein Vater und Großvater hatten sich damals in Jerusalem zusammen mit all den anderen Priestern auf den Boden geworfen und Tag und Nacht für Hilfe und Schutz und Rettung gebetet. Ihre Gebete waren nicht erhört worden.
"Gepriesen seist du, oh Herr, unser Gott .", fing Iddo erneut an. Vielleicht würde es diesmal anders sein und der Allmächtige würde hören, wie sein Volk um Gnade flehte. Iddo und die anderen hatten alles befolgt, was die Propheten gesagt hatten: "Heiratet und zeugt Kinder! Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch wegführen ließ, und betet für sie." Das hatte Iddo getan. Er und die anderen Priester hatten nicht nur versucht, jeden Buchstaben des Gesetzes zu befolgen, sondern einen Zaun aus schützenden Gesetzen um die Thora errichtet, um dafür zu sorgen, dass niemand auch nur in die Gefahr kam, gegen eines von Gottes Geboten zu verstoßen. Sie ehrten den Sabbat, so gut sie konnten, auch wenn ihre Entführer ihnen einen Ruhetag versagten. Sie versammelten sich dreimal am Tag, wie die drei Patriarchen es getan hatten, und .
Iddo hob den Kopf. Warum betete er ganz allein? Die anderen Männer mussten inzwischen auch wach sein. Er würde zum Morgengebet gehen und sich mit den anderen treffen, dann konnten sie gemeinsam beschließen, was sie tun sollten. Seine Familie regte sich, als er nach unten ging, um seinen Gebetsschal und die Tefillin, die Gebetsriemen, zu holen. Dina kniete mit einer Hand voll Stroh vor der Feuerstelle und blies in die Kohlen, um das Feuer anzufachen. Seine Tochter Rachel - die süße, zarte Rachel - summte, während sie die Bettdecken zusammenfaltete. Auch aus den anderen Zimmern, die er für seine Söhne Berechja und Hosea und ihre Frauen und Kinder angebaut hatte, hörte Iddo Stimmen dringen. Sein jüngster Enkel weinte, weil er Hunger hatte. Sein hilfloses Schluchzen jagte Iddo einen Schauer über den Rücken, als er an die Kinder in Jerusalem dachte, die zu hungrig gewesen waren, um zu weinen. Würde es bei dieser Invasion genauso sein? Das Leid, der Hunger?
"Ich gehe zum Morgengebet", sagte er zu Dina.
Sie blickte überrascht zu ihm auf. "So früh? Du gehst doch sonst nie so früh."
"Ich muss mit den anderen sprechen. Etwas ist geschehen, und ich bin nicht sicher -"
"Was meinst du? Was ist denn geschehen?" Sie erhob sich und musterte ihn mit dunklen, besorgten Augen. Ihre langen Haare hingen ihr noch lose und unbedeckt über die Schultern und Iddo widerstand dem Drang, die weiche Fülle ihrer Locken in die Hand zu nehmen. Keine einzige silberne Strähne zeigte sich in ihrem schwarzen Haar, während sein eigenes Haupt und sein Bart schon vor zehn Jahren ganz und gar weiß geworden waren. Damals war er noch keine fünfzig gewesen. "Ist alles in Ordnung, Iddo?", fragte sie.
Er wandte den Blick ab. "Joels Sohn war heute Morgen mit . mit Neuigkeiten hier. Ich muss mit den anderen reden, um zu verstehen, was sie bedeuten."
"Welche Neuigkeiten?"
Er konnte es nicht laut aussprechen, konnte nicht über die feindliche Invasion reden. "Sorg einfach dafür, dass du und die anderen Frauen hier bleibt. Die Kinder auch. Niemand darf den Hof verlassen, bis ich zurück bin. Geht nicht zum Marktplatz oder zum Brunnen oder zu den Öfen -"
"Iddo, du machst mir Angst!"
"Mach dir keine Sorgen", sagte er zu ihr. Sinnlose Worte. Wenn das, was Reuben gesagt hatte, stimmte, dann hatten sie allen Grund, sich Sorgen zu machen. Er wandte sich zum Gehen und blieb einen Moment lang im Türrahmen stehen, während er überlegte, ob er seine Söhne bitten sollte, ihn zu begleiten. Aber nein, Berechja und Hosea gingen nur selten zum Morgengebet - warum sollte es heute anders sein? "Ich bleibe nicht lange", versicherte er Dina. Er hatte keine Ahnung, ob es der Wahrheit entsprach.
Die Beit Knesset, das Versammlungshaus, war beinahe voll, als Iddo dort eintraf. Er brauchte nicht lange, um zu erfahren, dass die Gerüchte stimmten: Fremde Soldaten hatten Babylon überfallen. Einer von Israels Ältesten - ein Mitglied der Großen Versammlung - war vom anderen Ende der Stadt hergekommen, um die Nachricht zu überbringen. "Die Perser und Meder haben die Wasser des Euphrats in einen Kanal nördlich der Stadt umgeleitet", erzählte er. "Ihre Armeen haben im Süden der Stadt gewartet, bis das Wasser seicht genug war, sodass sie hindurchwaten und im Schutz der Dunkelheit unter der Mauer her eindringen konnten."
Einen, zwei Herzschläge lang war es ganz still im Raum. "Wie konnte das geschehen?", fragte schließlich jemand. "Wie konnten Babylons König und seine Armee so überrumpelt werden? Haben sie denn keine Wachen aufgestellt? Haben sie das nicht gesehen?"
"Der Allmächtige hat dabei seine Hand im Spiel", erwiderte der Älteste. "Er hat versprochen, dass das babylonische Reich eines Tages fallen würde, und letzte Nacht ist genau das geschehen. Die Babylonier haben ein Fest für ihre Götzen gefeiert und erst bemerkt, dass die Meder und Perser in ihre Stadt eindrangen, als es schon zu spät war. König Belsazar ist tot. Tausende von Edelmännern wurden hingerichtet. Der Meder Darius hat das Reich übernommen."
Iddo sank auf eine der Bänke, die an den Wänden entlang aufgestellt waren, während alle anfingen, gleichzeitig zu reden und den Raum mit ihren panischen Fragen zu überfluten.
"Werden die Meder und Perser Massaker anrichten und plündern, wie die Babylonier es getan haben?"
"Wie können wir unsere Familien beschützen?"
"Sollen wir aus der Stadt fliehen?"
"Wie kann es sein, dass uns das zum zweiten Mal widerfährt?"
Iddo bewegten dieselben Fragen, doch er hatte nicht die Kraft, sie zu stellen. Der Älteste hob die Hand, um Ruhe zu fordern. "Hört zu . bitte . Wir werden warten, was Daniel, der Rechtschaffene, und die Prinzen von Juda zu sagen haben, aber in der Zwischenzeit solltet ihr alle nach Hause zurückkehren. Die Babylonier bleiben heute in ihren Häusern, und das sollten wir auch tun. Wenn es zur Zeit des Abendgebetes in der Stadt noch ruhig ist, treffen wir uns wieder hier. Vielleicht gibt es bis dahin Neuigkeiten."
Während Iddo sich anschickte zu gehen, beherrschte ihn ein einziger Gedanke: Wie konnte er seine Familie schützen? Die Wahrheit war jedoch, dass er es nicht konnte. Während jüngere Männer nach Hause eilten, um ihre Türen zu verbarrikadieren, und sich wappneten, um ihre Lieben mit Küchenmessern und Knüppeln zu verteidigen, wussten Männer wie Iddo, die sich noch an Jerusalem erinnerten, dass sie sich nicht retten konnten.
Dina hatte das Frühstück fertig, als er zu Hause ankam. Seine Söhne und Schwiegertöchter und Enkel hatten sich in dem großen, zentralen Raum des Hauses versammelt. "Was ist los, Abba?", fragte Berechja. "Mama sagt, du hättest besorgt ausgesehen - und wir sollten alle im Haus bleiben."
Es wurde still im Raum, als Iddo erklärte, was er über die Invasion wusste. Selbst seine kleinen Enkel wurden ganz ruhig. "Was bedeutet das für uns?", fragte sein Sohn Hosea, als Iddo mit seinem Bericht fertig war.
"Das weiß niemand. Aber einer der Ältesten der Großen Versammlung hat versprochen, mit Neuigkeiten wiederzukommen, wenn wir uns zum Abendgebet versammeln. Dann werden wir mehr wissen. In der Zwischenzeit müssen wir alle im Haus bleiben, wie die Babylonier es tun." Er sah Dina an, und die Angst, die er in ihren Augen sah, ließ ihn nach ihrer Hand greifen. Er war ihr Beschützer, der Patriarch der Familie, und es bekümmerte ihn zu wissen, dass er sie nicht vor Schaden bewahren konnte.
"Können wir zum Brunnen gehen und Wasser holen?", fragte seine Tochter.
"Nein, Rachel. Auch nicht zum Markt oder zum Backhaus."
"Aber - was sollen wir dann machen?"
"Wir bleiben hier zu Hause. So wie am Sabbat."
"Aber was ist, wenn uns das Wasser ausgeht?"
"Bis Sonnenuntergang werden wir wohl noch durchhalten, Rachel." Seine Worte klangen schärfer, als er beabsichtigt hatte, aber ihre Frage brachte die Erinnerung an die lange Belagerung Jerusalems zurück, als der Stadt sowohl die Nahrungsmittel als auch das Wasser ausgegangen waren. Er erinnerte sich daran, dass sein Mund sich so trocken wie Sand angefühlt hatte, und an die unentwegten Bauchkrämpfe. Er dachte an das Ungeziefer zurück, das er gegessen hatte, um seinen Magen zu füllen, und das abgestandene Wasser, das seinen Durst nicht gestillt hatte. "Wir werden den Tag damit verbringen, um Gnade zu beten", sagte er und sah seine Söhne an. "Ich werde auf dem Dach sein, falls ihr euch mir anschließen wollt." Er legte sein noch unberührtes Stück Brot zur Seite und ging hi-naus, um die Treppe hinaufzusteigen.
Iddos unmittelbare Nachbarschaft und die Stadt wirkten vom Dach aus unheimlich ruhig. Das entfernte Poltern der Schritte hatte endlich aufgehört, und als er sich auf die von der Sonne erwärmten Fliesen kniete, wusste er nicht, ob die Stille ein gutes Zeichen war oder ein schlechtes. An einem gewöhnlichen Tag wären er und seine Söhne jetzt schon bei der Arbeit. Iddo war ein Schreiber, der für die Babylonier Geschäftszahlungen buchte, ihre Korrespondenz erledigte und ihre Lieferungen und Handelsprojekte im ganzen Reich im Blick behielt. Seine beiden Söhne hatten ihre eigene Handelspartnerschaft gegründet, die bereits Gewinne einbrachte - bis jetzt jedenfalls. Wer wusste schon, was jetzt geschehen würde? Iddo und seine Söhne waren wie ihre Vorfahren eigentlich dazu geboren worden, Priester des wahren Gottes zu sein. Wenn sie in Jerusalem leben würden anstatt im Exil, würden sie im Tempel des Allmächtigen Opfer darbringen, wie Iddos Vater und Großvater es getan hatten, und alle Vorfahren bis zurück zu Israels erstem Priester Aaron. Iddo erinnerte sich an den Tempel in Jerusalem und daran, wie er als Junge den Opferzeremonien beigewohnt, den Duft des gebratenen Fleisches eingeatmet, den Chören der Leviten und den Klängen der Trompeten gelauscht hatte. Jetzt war der heilige Tempel nicht mehr da.
Aber Iddo war immer noch Priester. Als er hier in Babylon das Erwachsenenalter erreicht hatte, war er bei den älteren Priestern, die zusammen mit ihm verbannt worden waren, in die Lehre gegangen, hatte die Regeln gelernt und daran geglaubt, dass der Tempel eines Tages wieder aufgebaut werden würde, so wie der Prophet Ezechiel es versprochen hatte. "Das ist Zeitverschwendung, Abba", hatten seine beiden Söhne gesagt, als sie das Alter erreicht hatten, in dem sie eigentlich ihre Ausbildung beginnen sollten. "Warum sollen wir tote Rituale einer toten Religion lernen?" Hatten sie recht? Waren der Glaube ihres Vorfahren Abraham und die Gesetze, die Mose gegeben worden waren, nur noch Relikte der Vergangenheit, so tot wie die Leichen, die Jerusalems Straßen bedeckt hatten?
Die Stadt Babylon blieb den ganzen Tag über ruhig. Keine von Iddos Ängsten vor Tod und Zerstörung war wahr geworden - jedenfalls noch nicht. "Kommt mit mir zum Versammlungshaus, um zu beten", sagte er am Abend zu seinen Söhnen. "Ich will, dass ihr bei mir seid und hört, was es an Nachrichten gibt. Dann können wir gemeinsam entscheiden, was zu tun ist."
"Sollten wir nicht noch ein paar Tage warten, bis sich die erste Aufregung gelegt hat, bevor wir hinausgehen?", fragte Berechja. "Wir wissen doch nicht, wie unsere neuen Eroberer so sind und -"
"Nein. Ihr solltet euren Kindern ein Vorbild im Glauben sein." Iddo zeigte auf Berechjas ältesten Jungen Sacharja, der beinahe zwölf Jahre alt und Iddos Liebling war. Er hatte den Gebetsschal für seinen Vater geholt und hielt ihn in der Hand, während er die Männer beobachtete und lauschte. "Wir müssen beten. Ist dir nicht klar, wie ernst die Lage ist?", fragte Iddo.
"Natürlich ist mir das klar. Und ich denke an meine Kinder. Was ist, wenn unsere neuen persischen Besatzer unsere Versammlung falsch deuten und glauben, wir planten einen Aufstand?"
"Ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen. Komm, wir müssen gehen."
"Darf ich auch mitkommen?", fragte Sacharja. Bevor Iddo antworten konnte, packte Dina ihren Enkel von hinten und zog ihn an sich.
"Nein, Saki. Bleib hier. Wir wissen noch nicht, ob es sicher ist."
Das Wissen, dass er seiner Familie kein Gefühl der Sicherheit geben konnte, fachte Iddos Wut an. Er würde diesen Feind, die Angst, bekämpfen und durch Glauben ersetzen. Der Heilige war auf ihrer Seite und nicht auf der ihrer Feinde. Er nahm Sacharjas Hand. "Ja, du darfst mitkommen. Der Allmächtige wird uns beschützen." Er hoffte, dass es stimmte.
Niemand sprach, während Iddo mit seinen Söhnen und seinem Enkel zum Versammlungshaus ging. Hunderte von Männern hatten sich schon in den Raum gedrängt und ein aufgeregtes Murmeln durchzog die Versammlung. "Was ist los?", fragte er einen seiner Priesterkollegen. "Was habe ich verpasst?"
"Es ist Rebbe Daniel", flüsterte der Priester. "Er lebt! Er hat die Invasion überlebt und ist vom Palast des Königs hergekommen, um mit uns zu beten."
Iddos Beklommenheit wandelte sich in Erleichterung. Rebbe Daniel, der Rechtschaffene, wurde in Babylon sehr verehrt, nicht nur von der jüdischen Bevölkerung, sondern auch von den Babyloniern und ihren Anführern. Wenn die Meder und Perser ihn am Leben gelassen hatten, dann bestand für Iddo und seine jüdischen Landsleute noch Hoffnung. Iddo hatte diesen legendären Mann bislang erst zwei Mal zu Gesicht bekommen und war hoch erfreut, ihn jetzt zu sehen. Er freute sich auch für seine Söhne und seinen Enkel, die ebenfalls hören konnten, was Daniel zu sagen hatte. Es wurde still im Raum, als ein älterer Mann auf das erhöhte Podium stieg, um zu sprechen.
"Wir haben von unseren neuen Herrschern nichts zu befürchten", sagte Daniel. "Darius, der Meder, hat mich gebeten, ihm zu dienen, so wie ich den Babyloniern gedient habe."
"Heißt das, wir sind in Sicherheit?", fragte jemand.
"Ja. Wir sind alle in Sicherheit."
Iddo schloss die Augen, als die Neuigkeit erleichtertes Murmeln in dem Saal auslöste.
"Das ist noch nicht alles", fuhr Daniel fort. "Ich bete und studiere die Worte der Propheten nun schon eine ganze Weile, und der Heilige hat mir gezeigt, dass die Jahre unserer Gefangenschaft beinahe zu Ende sind. Er hat durch den Propheten Jeremia gesprochen und gesagt, dass wir dem König von Babylonien siebzig Jahre lang dienen würden, und wenn diese siebzig Jahre erfüllt wären, würde er die Babylonier bestrafen. Diese Invasion durch die Meder und Perser ist der Anfang der Strafe. Mehr als dreitausend von unseren Unterdrückern wurden hingerichtet, darunter der König und seine Edelleute. Unser Exil neigt sich dem Ende zu. Wir werden bald nach Jerusalem zurückkehren."
Jubel stieg von den versammelten Männern auf. Iddo legte eine Hand auf Sacharjas Schulter, um sich abzustützen. Nach Hause. Nach Jerusalem. Er sehnte sich danach, mit den anderen Männern zu jubeln, aber die Nachricht hatte ihm den Atem geraubt. Er hatte Angst, seinen Glauben auf etwas so Unmögliches zu setzen wie die Rückkehr nach Jerusalem. Und selbst wenn es sich als wahr erwies, konnte er es dann ertragen, in die von Geistern bevölkerten Ruinen heimzukehren, die er als Kind zurückgelassen hatte?
"Unsere Gefangenschaft begann, als König Nebukadnezar König Jojachin in bronzenen Fesseln hierher nach Babylon brachte", fuhr Daniel fort. "Ich gehörte zu dieser ersten Gruppe von Verbannten vor siebenundsechzig Jahren. Es bedeutet, dass die siebzig Jahre unserer Gefangenschaft bald vorbei sind. Wir müssen heute und jeden Tag beten, dass der Heilige jetzt Erbarmen mit uns hat und uns wieder in das Land führt, das er unserem Vorfahren Abraham verheißen hat."
"Haben unsere neuen Herrscher gesagt, dass wir zurückgehen können?", fragte jemand.
"Noch nicht - aber Gott hat versprochen, dass es so kommen wird. Wir haben eine Zeit lang die Strafe erduldet, aber der Heilige hat versprochen, uns zurückzubringen, unsere Gemeinschaft mit ihm wiederherzustellen und seinen Plan, die ganze Menschheit durch unser Volk zu erlösen, weiter zu verfolgen."
Als Rebbe Daniel sich anschickte zu beten, wandte Iddo sich mit den anderen Männern dem Aron Ha Kodesch, dem Schrein zu, in dem die heiligen Thorarollen aufbewahrt wurden. Daniel betete laut, die Hände zum Himmel erhoben, und der Glaube und die Überzeugung in der Stimme des Mannes jagte Iddo einen Schauer über den Rücken.
"Oh Herr, du großer und herrlicher Gott, der seinen Bund der Liebe hält mit allen, die ihn lieben und seine Gebote befolgen - wir haben gesündigt und übel getan. Wir waren ungehorsam und haben rebelliert. All dieses Unheil ist über uns gekommen, so wie es im Gesetz des Mose geschrieben stand. Aber jetzt, oh Herr, unser Gott, der du unser Volk mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt hast, höre unsere Gebete und vergib uns in deiner Barmherzigkeit! Sieh mit Wohlwollen auf unser zerstörtes Heiligtum. Wir bitten dich nicht, weil wir rechtschaffen wären, sondern weil du gnädig bist. Oh Herr, erhöre uns! Oh Herr, vergib uns! Um deinetwillen, oh mein Gott, zögere nicht, weil deine Stadt und dein Volk deinen Namen tragen."
Die Gebete dauerten bis spät abends, und als sie beendet waren, trugen Iddos Beine ihn kaum noch nach Hause. Aber seine Sorge war verschwunden, als hätte jemand sie von seinen Schultern gehoben und mit den Gebeten gen Himmel geschickt. "Siehst du, Sacharja? Jetzt ist das Schlimmste vorbei", sagte er, als sie durch das Tor den Innenhof ihres Hauses betraten. "Aber wir müssen tun, was Rebbe Daniel gesagt hat, und weiterbeten. Der Allmächtige hat versprochen, wenn sein Volk sich demütigt und betet, wird er unsere Sünden vergeben und unser Land heilen. Wir werden nach Jerusalem zurückkehren und -"
Berechja packte Iddos Arm und hielt ihn zurück, bevor er das Haus betrat. "Abba. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir nach Jerusalem zurückkehren werden, oder?", fragte er leise.
"Natürlich glaube ich das! Du hast doch gehört, was Rebbe Daniel gesagt hat. Der Allmächtige hat durch seine Propheten verheißen, dass wir zurückkehren werden." Iddo blickte auf seinen Enkel hinunter, um seine Worte zu bekräftigen, aber der Vater des Jungen schob ihn in Richtung Tür.
"Geh rein, Sacharja. Dein Großvater und ich kommen gleich." Hosea blieb ebenfalls zurück, und Iddo sah, dass seine Söhne einen besorgten Blick wechselten.
"Hör zu, Abba. Es ist verrückt zu glauben, dass sie uns erlauben, zurückzugehen", sagte Hosea. "Sklaven werden nie freigelassen, und Verbannte kehren niemals in ihr Heimatland zurück."
"Unter Mose wurden die Sklaven befreit", sagte Iddo. "Damals muss ihnen das auch unmöglich erschienen sein."
"Und wer wagt es, sich an den neuen 'Pharao' zu wenden und zu verlangen, dass unsere Herrscher uns freilassen?", fragte Berechja.
"Vielleicht wird der Allmächtige Rebbe Daniel schicken, um -"
"Um was zu tun? Kann er Wunder vollbringen, wie Mose es getan hat? Wird Gott Plagen und Finsternis schicken, um diese Armee von Besatzern davon zu überzeugen, dass sie uns ziehen lassen? Du glaubst all diese Geschichten doch nicht etwa, oder?"
Iddo konnte nichts erwidern. Was so glaubwürdig erschienen war, als er im Versammlungshaus gebetet hatte, schien ihm angesichts der Zweifel seiner Söhne jetzt absurd.
"Abba, ausgerechnet du solltest doch wissen, dass das Gebet keine Zauberformel ist. Der Heilige tut nicht, was wir von ihm verlangen. Wenn er es täte, würden wir noch immer in Jerusalem leben und Opfer im Tempel darbringen, anstatt hier in Babylon zu sein."
"Aber der Heilige muss uns nach Hause bringen", sagte Iddo. "Wenn unser Volk hier bleibt, wird unser Glaube aussterben. Das passiert doch jetzt schon, jeden Tag ein bisschen mehr. Wie können wir überleben, wenn wir hier bleiben, umgeben von Heiden und ihren verruchten Praktiken? Am Ende werden wir so wie sie."
"Aber unser Glaube ist nicht ausgelöscht worden, Abba, er hat überdauert - selbst hier."
"Und warum praktiziert ihr ihn dann nicht? Ihr kommt kaum einmal mit mir zum Gebet oder zum Studium der Thora."
"Es gibt einen Unterschied zwischen Ritualen und Glauben", sagte Berechja. "Nur weil ich nicht dreimal am Tag mit den anderen Männern bete, heißt das nicht, dass ich nicht glaube."
"Aber jetzt, wo unsere Anführer uns aufgefordert haben, zusammenzukommen und für unsere Freiheit zu beten, werdet ihr doch mitmachen, oder? Glaubt ihr an die Verheißungen des Heiligen?"
Als Berechja nicht antwortete, tat Hosea es für beide. "Wir glauben, unsere Anführer sollten den Menschen keine Hoffnungen machen, wenn die Wahrheit ist, dass wir niemals zurückkehren werden. Es wird nicht geschehen."
"Genug! Ich will kein Wort mehr davon hören!" Iddo riss seinen Arm los und stieg allein die Treppe zum Dach hinauf, um zu beten.
Er wusste, es war seine Schuld, dass seine Söhne nicht glaubten. Als sie Kinder gewesen waren, war Iddos eigener Glaube zu schwach gewesen, um die Last ihrer Zweifel und Fragen auszuhalten. Jetzt waren sie erwachsene Männer, die sich mehr Gedanken über die Welt machten, die sie vor Augen hatten, als über die unsichtbare Welt des Glaubens und Betens.
Aber Iddo würde seinen Enkel Sacharja lehren zu glauben. Von jetzt an würde er alles dafür tun. Vielleicht würde der Allmächtige dann ihre Gebete erhören und das Exil seines Volkes beenden.