
Das Lachen Haitis
Neunzig Miniaturen
Georges Anglade(Author)
litradukt Literatureditionen (Publisher)
1st Edition
Published on 3. December 2008
Book
312 pages
978-3-940435-06-4 (ISBN)
Description
Die lodyans, eine bis nach Afrika zurückreichende Erzählform, gehört zur haitianischen Kultur wie das Kreolische oder der Voodoo. Georges Anglade hat dieses Genre wiederentdeckt und wiederbelebt. In diesem Band sind neunzig lodyans zu einem Mosaik Haitis vereinigt, das die Provinz, die Hauptstadt und das Milieu der Auslandshaitianer umfasst. Dank Georges Anglades Humor funkeln seine reichen Erfahrungen immer wieder in tausend überraschenden Facetten. Wer dieses Buch liest, für den steht Haiti nicht mehr nur für Chaos und Diktatur. Ein Werk voll überraschendem Witz, Weisheit und Wärme, das literarische Hauptwerk des großen Humanisten Georges Anglade.
More details
Language
German
Place of publication
Kehl
Germany
Target group
Leserinnen und Leser mit Interesse an Haiti, Karibik, Dritter Welt, Zeitgeschichte
Edition type
Unabridged edition
Product notice
Paperback (trade)
Unsewn / adhesive bound
Illustrations
black & white illustrations
Dimensions
Height: 22 cm
Width: 17 cm
Thickness: 17 mm
Weight
540 gr
ISBN-13
978-3-940435-06-4 (9783940435064)
Schweitzer Classification
Persons
Georges Anglade, geboren 1944, aufgewachsen in der haitianischen Provinz, war als Geograph Autor mehrer Standardwerke über Haiti und führendes Mitglied der Demokratiebewegung seines Landes, deren Manifest er verfasste. Ein scharfzüngiger aber nie zynischer politischer Satiriker, der den meisten seiner Kollegen zwei Erfahrungen voraus hat: das Gefängnis (unter Duvalier) und ein Ministeramt (unter Aristide). Den haitianischen Lesern war er auch als Kolumnist der Zeitung Le Nouvelliste bekannt. Als Literat pflegte er das Genre der lodyans, das er als die typisch haitianische Literaturgattung wiederentdeckt und wiederbelebt hat. Georges Anglade starb am 12. ?Januar 2010 bei dem Erdbeben in Haiti.
Content
Zwei Bettler im Paradies
Zwei Bettler, die der zu Ende gehende Herbst von den rentablen Bürgersteigen der Rue Sainte-Catherine im Zentrum von Montreal zu vertreiben drohte, wetteten, bereits gekleidet wie Haitianer im Winter, wer von ihnen sich in der anbrechenden schlechten Jahreszeit am besten aus der Affäre ziehen würde. Damit die Bedingungen gleich waren und es nur auf ihre Bettelkunst ankam, vereinbarten sie einen Ort, einen Tag und eine Uhrzeit, um sich in der Almosenjagd zu messen.
Die beiden Haitianer, denn sie waren Haitianer und wettbegeistert wie nur Haitianer es sein können, für die Wetten die einzige Hoffnung ist, zogen also beide am nächsten Samstag ihre taucheranzugähnliche Montur an, um am ersten Oktober in der Station Berri-UQAM den internationalen Tag der Musik in der Metro zu begehen, ein Tag großer polizeilicher Toleranz, seit 1975 der Geiger Yehudi Menuhin dieses barocke Fest in Montreal begründet hatte. In der Schnorrerbranche ist dies die offizielle Eröffnung der Jagd auf den Eistaucher, den Vogel auf den Dollarmünzen.
Sie bettelten zwischen zwölf und fünf Uhr auf demselben Bahnsteig, der zur Station Henri-Bourassa im Norden führt, jeder vier Wagen, ohne Mogeln, der neunte Wagen in der Mitte diente als Pufferzone, damit nicht dieselbe Person zweimal angesprochen wurde. Und um die Wettbedingungen noch ausgeglichener zu gestalten, verständigten sie sich auf vier Runden von je einer Stunde mit Seitenwechsel und drei zwanzigminütigen Pausen, um einen Schluck zu trinken. Echte Profis eben.
Jedesmal, wenn eine Bahn einfuhr, liefen sie ihre Bahnsteighälfte ab und bettelten die aus den Geschäften der Innenstadt zurückkehrenden Passagiere an, bevor diese durch eine der sechzehn Türen das jeweilige Revier verlassen konnten.
Das Problem war, dass einer in vier Stunden dreihundert Dollar anhäufte, während der andere nur lumpige drei Dollar zusammenbrachte. Der Champion setzte sich klar durch, aber der übergroße Abstand war erstaunlich. Auch wenn der eine ein Neuling, frisch angeschwemmt von der letzten Welle aus dem verlorenen Paradies, und der andere ein weiser Alter war, der sich längst mit dem Schicksal des unauffindbaren Eldorado abgefunden hatte: Dieser Abstand war doch besorgniserregend.
Der erfolglose Bettler hatte an das Mitleid der Leute appelliert, indem er erklärte, neu im Land, Exilant und sogar politischer Flüchtling zu sein, aber diese Steigerung ließ niemanden in die Tasche greifen. Die Übung war ein solcher Fehlschlag, dass er sich an die vier Geber genau erinnerte: eine junge Mutter, der anzusehen war, dass sie ihre Zwillinge ruhigstellen wollte, indem sie jedem ein Fünfundzwanzig-Cent-Stück für den schwarzen Herrn gab, einen zerstrubbelten Gitarrenspieler, den die gute Fortune dieses Tages veranlasst hatte, ihm einen Dollar zuzuwerfen, den er übrigens nur mit Mühe im Flug auffing, das junge Mädchen, das gerade ihr Portemonnaie ausgeräumt hatte, um fünfzig kupferne Ein-Cent-Stücke loszuwerden, und schließlich das gemischte Paar, das sichtlich kurz vor dem Krach stand. Die Frau benutzte ihn in beleidigender Weise, um ihren haitianischen Freund auf die Palme zu bringen, indem sie ihm ostentativ einen mickrigen Dollar gab. Er konnte also unter Hinunterschlucken seiner Würde sogar noch von Glück reden, dass er drei Doller geerntet hatte.
Der Gewinner hatte so ärgerlich souverän gesiegt wie ein unverdrängbarer Ranglistenerster. Er ließ sich also eine Weile bitten, bevor er seinem Kollegen anvertraute, dass er den Leuten den ganzen Nachmittag erzählt hatte, er kehre END-GÜL-TIG in sein Land zurück, Betonung auf dem Adverb, und dass er noch Geld für den Flug brauchte. 'NUR HIN, OHNE RÜCKFLUGMÖGLICHKEIT', insistierte er.
Weniger als ein Dutzend Wörter im richtigen Rhythmus, davon fünf fettgedruckt.
Zwei Bettler, die der zu Ende gehende Herbst von den rentablen Bürgersteigen der Rue Sainte-Catherine im Zentrum von Montreal zu vertreiben drohte, wetteten, bereits gekleidet wie Haitianer im Winter, wer von ihnen sich in der anbrechenden schlechten Jahreszeit am besten aus der Affäre ziehen würde. Damit die Bedingungen gleich waren und es nur auf ihre Bettelkunst ankam, vereinbarten sie einen Ort, einen Tag und eine Uhrzeit, um sich in der Almosenjagd zu messen.
Die beiden Haitianer, denn sie waren Haitianer und wettbegeistert wie nur Haitianer es sein können, für die Wetten die einzige Hoffnung ist, zogen also beide am nächsten Samstag ihre taucheranzugähnliche Montur an, um am ersten Oktober in der Station Berri-UQAM den internationalen Tag der Musik in der Metro zu begehen, ein Tag großer polizeilicher Toleranz, seit 1975 der Geiger Yehudi Menuhin dieses barocke Fest in Montreal begründet hatte. In der Schnorrerbranche ist dies die offizielle Eröffnung der Jagd auf den Eistaucher, den Vogel auf den Dollarmünzen.
Sie bettelten zwischen zwölf und fünf Uhr auf demselben Bahnsteig, der zur Station Henri-Bourassa im Norden führt, jeder vier Wagen, ohne Mogeln, der neunte Wagen in der Mitte diente als Pufferzone, damit nicht dieselbe Person zweimal angesprochen wurde. Und um die Wettbedingungen noch ausgeglichener zu gestalten, verständigten sie sich auf vier Runden von je einer Stunde mit Seitenwechsel und drei zwanzigminütigen Pausen, um einen Schluck zu trinken. Echte Profis eben.
Jedesmal, wenn eine Bahn einfuhr, liefen sie ihre Bahnsteighälfte ab und bettelten die aus den Geschäften der Innenstadt zurückkehrenden Passagiere an, bevor diese durch eine der sechzehn Türen das jeweilige Revier verlassen konnten.
Das Problem war, dass einer in vier Stunden dreihundert Dollar anhäufte, während der andere nur lumpige drei Dollar zusammenbrachte. Der Champion setzte sich klar durch, aber der übergroße Abstand war erstaunlich. Auch wenn der eine ein Neuling, frisch angeschwemmt von der letzten Welle aus dem verlorenen Paradies, und der andere ein weiser Alter war, der sich längst mit dem Schicksal des unauffindbaren Eldorado abgefunden hatte: Dieser Abstand war doch besorgniserregend.
Der erfolglose Bettler hatte an das Mitleid der Leute appelliert, indem er erklärte, neu im Land, Exilant und sogar politischer Flüchtling zu sein, aber diese Steigerung ließ niemanden in die Tasche greifen. Die Übung war ein solcher Fehlschlag, dass er sich an die vier Geber genau erinnerte: eine junge Mutter, der anzusehen war, dass sie ihre Zwillinge ruhigstellen wollte, indem sie jedem ein Fünfundzwanzig-Cent-Stück für den schwarzen Herrn gab, einen zerstrubbelten Gitarrenspieler, den die gute Fortune dieses Tages veranlasst hatte, ihm einen Dollar zuzuwerfen, den er übrigens nur mit Mühe im Flug auffing, das junge Mädchen, das gerade ihr Portemonnaie ausgeräumt hatte, um fünfzig kupferne Ein-Cent-Stücke loszuwerden, und schließlich das gemischte Paar, das sichtlich kurz vor dem Krach stand. Die Frau benutzte ihn in beleidigender Weise, um ihren haitianischen Freund auf die Palme zu bringen, indem sie ihm ostentativ einen mickrigen Dollar gab. Er konnte also unter Hinunterschlucken seiner Würde sogar noch von Glück reden, dass er drei Doller geerntet hatte.
Der Gewinner hatte so ärgerlich souverän gesiegt wie ein unverdrängbarer Ranglistenerster. Er ließ sich also eine Weile bitten, bevor er seinem Kollegen anvertraute, dass er den Leuten den ganzen Nachmittag erzählt hatte, er kehre END-GÜL-TIG in sein Land zurück, Betonung auf dem Adverb, und dass er noch Geld für den Flug brauchte. 'NUR HIN, OHNE RÜCKFLUGMÖGLICHKEIT', insistierte er.
Weniger als ein Dutzend Wörter im richtigen Rhythmus, davon fünf fettgedruckt.