
The Great Repair
Politiken der Reparaturgesellschaft
ARCH+ Verlag GmbH(Author)
Arch+ (Publisher)
1st Edition
Published on 19. December 2022
Book
Paperback/Softback
208 pages
978-3-931435-73-8 (ISBN)
Description
Politiken einer Reparaturgesellschaft
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Text: Florian Hertweck, Christian Hiller, Markus Krieger, Alex Nehmer, Anh-Linh Ngo, Milica Topalovic
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Wir sind zur Reparatur verdammt. Angesichts einer Welt, die in jedem Augenblick altert, vergeht, ist dies keine überraschende Erkenntnis. Die kapitalistische Moderne mit ihrer Betonung von Innovation, Wachstum und Fortschritt, ihrem auf Verbrauch, Vernutzung und Verschwendung basierenden Wirtschaftssystem und der damit einhergehenden rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen hat jedoch eine Wegwerfmentalität in unseren Köpfen verankert: Alles ist ersetzbar. Das noch bessere Produkt steht bereit. Reparatur lohnt sich nicht. Im Architekturdiskurs kulminiert diese Denkweise in dem euphemistischen Begriff des Ersatzneubaus. Und so verwundert es nicht, dass Bau- und Abbruchabfälle heute über die Hälfte des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland ausmachen.
Verdrängt wird dabei, dass das Ausmaß dessen, was repariert werden muss, beständig zunimmt. Schließlich geht die totale Mechanisierung und Technisierung der modernen Lebenswelt mit einer naturgemäßen (oder geplanten) Obsoleszenz der eingesetzten Technik einher. Bei nüchterner Betrachtung kann man allerdings trotz der vorherrschenden Wegwerfmentalität feststellen, dass Städte, Infrastrukturen und Gebäude insgesamt öfter umgebaut und weitergenutzt als abgerissen werden. Auch eine Vielzahl technischer Geräte wird täglich repariert und gewartet. Wartung, Reparatur und Instandhaltung bilden einen wichtigen Wirtschaftszweig. Einschlägigen Statistiken zufolge arbeiten heute weltweit mehr Ingenieur*innen in der Reparatur als in der Entwicklung.1
Diese Tatsache ist kaum bekannt, da Reparatur eine unglamouröse Sisyphusarbeit ist. Sie vollzieht sich im Verborgenen, Alltäglichen, im Kleinen. Gerade dort entfaltet sie ihre Wirkmacht, und gerade dort setzt das Projekt The Great Repair an, um über die pragmatische Ebene hinaus auf die geopolitischen, sozioökonomischen und ökologischen Abhängigkeiten hinzuweisen, die ?hinter den Materialassemblagen, Infrastrukturen und sozialen Interaktionen unserer Gesellschaften stehen. Es sind diese großen, reparaturbedürftigen Zusammenhänge gemeint, wenn wir von der Großen Reparatur sprechen.
Groß ist der Reparaturbedarf auch angesichts des Zerstörungsgrads der Welt. Die Auswirkungen der Klimakrise und des Ressourcenschwunds mit Verlust der Biodiversität und mit Waldsterben, mit Überschwemmungen und Stürmen, Hitzewellen und Dürreperioden sind bereits heute Auslöser von Tod, Hunger und Migration im Globalen Süden, wo großflächig Habitate von Menschen und Tieren unbewohnbar werden. Militärische Konflikte um Energie, Infrastruktur und Nahrungsmittel werden in Zukunft durch die Folgen der Klimakrise mit ihren unausweichlichen Kämpfen um geopolitische Kontrolle über Territorien und Ressourcen zunehmen. Hier zeigt sich, dass unter diesen Einflüssen nicht nur das Alltagsleben, sondern auch geopolitische Architekturen und Grenzen destabilisiert werden. Das trifft allerdings nicht nur auf den Globalen Süden zu, sondern auch längst auf Europa, wo in den letzten 30 Jahren die Temperatur um durchschnittlich 0,5 °C pro Jahrzehnt gestiegen ist.2
Wie kann angesichts dieses planetarischen Ausmaßes der eskalierenden Krisen ein so behutsames Konzept wie das der Reparatur helfen? Sicherlich werden nicht wenige einwenden: Müssen wir nicht wie ehemals in der modernBewegungen eher große Visionen beschwören, anstatt die Große Reparatur auszurufen? Es ist allerdings dieser Kontrast zwischen der Behutsamkeit und der globalen Perspektive, der das Projekt The Great Repair auszeichnet. Angesichts der Großkrisen, die gerade durch die Visionen der Moderne hervorgerufen wurden, bedarf es eines neuen Paradigmas.
Um etwas Kaputtes zu reparieren, muss man sich zunächst einmal des Schadens bewusst sein. Wir sollten daher "Erosion, Zerfall und Verfall statt Neuheit, Wachstum und Fortschritt als Ausgangspunkt unseres Denkens" nehmen, meint der Informationsforscher Steven J. Jackson. Doch im Globalen Norden gilt weiterhin das wirkmächtige Narrativ, allein mit technologischer Innovation und Entwicklung ließe sich die Klima- und Ressourcenkrise in den Griff bekommen und wirtschaftliches Wachstum von den Umweltauswirkungen entkoppeln. In dieser Vision einer grünen kapitalistischen Transformation würden erneuerbare Energien den Bedarf von Industrie und einer ständig wachsenden Zahl von städtischen Verbraucher*innen klimaneutral decken, intelligente Technologien die Ströme von Menschen, Gütern und Energie mit steigender Effizienz regeln, das Recycling von Materialien managen, Energiekreisläufe schließen und Treibhausgase binden. Der Verlust der Artenvielfalt und die Auslaugung der Böden würden durch die Automatisierung der industriellen Landwirtschaft, die Lebensmitteltechnologie, die Verringerung der Lebensmittelverschwendung in der gesamten Lieferkette und durch die massenhafte Einführung veganer Ernährung und Produkte gelöst werden. Notwendige Rohstoffe ließen sich durch Zukunftstechnologien möglicherweise sogar extraterrestrisch abbauen.
Mit dieser Vision ist die politische Hoffnung verbunden, dass der wachsende materielle Wohlstand auf der Grundlage grüner Technologien die Stärkung und Ausbreitung der "liberalen Marktdemokratien" gegen die "zunehmende Bedrohung durch den Autoritarismus" ermöglichen würde. Diese Narrative sind attraktiv, weil sie in letzter Konsequenz den politischen Status quo stützen: Weder müssen sich Politik noch die Bürger*innen strukturell verändern, noch wird das zugrundeliegende kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinen Mechanismen der Ausbeutung und ungleichen Verteilung infrage gestellt. Die Gefahr einer solchen Denkweise liegt darin, dass sie die notwendige Reparatur des Systems in die Zukunft verschiebt, die globale Geografie der Ungleichheiten weiter verschärft und die Klimakrise mit einer Inflation von Greenwashing und innovation speak oberflächlich übertüncht. Die Widersprüche solcher Visionen sind kaum zu leugnen: Trotz vieler technologischer Innovationen und Effizienzsteigerungen in den letzten Jahren klaffen Anspruch und Wirklichkeit, die ehrgeizigen Ziele des Pariser Klimaabkommens und die realen Treibhausgasemissionen kontinuierlich auseinander. Trotz massiver Bemühungen funktioniert die "grüne Lösung" noch nicht.
Reparaturgesellschaft
Deshalb entwirft das Projekt The Great Repair ein Gegennarrativ, das auf die Fähigkeit des Menschen zielt, seine Beziehungen innerhalb der sozialen und natürlichen Umwelt neu zu gestalten: von den Produktionsbedingungen über die gesellschaftliche Teilhabe bis hin zu Fragen der Gerechtigkeit, von der gebauten Umwelt über die Ökosysteme bis hin zum Erdklima. Als Gegenstrategie zur kreativen Zerstörung der kapitalistischen Moderne plädieren wir für einen reparativen Ansatz, in dem Pflege, Wartung und Reparatur die wesentlichen Handlungsstrategien werden. Wobei Reparatur hier nicht die Wiederherstellung eines idealisierten, usprünglichen Zustands meint, sondern auf eine regenerative Transformation hin zu einem besseren Zustand abzielt. Im Gegensatz zu (Techno)-Fixes geht es nicht lediglich darum, Funktionsstörungen zu beheben: Reparatur bedeute, die Welt "wieder ins Gleiche bringen", so der Denkmalpflegetheoretiker Wilfried Lipp in seinem bahnbrechenden Essay "Rettung von Geschichte für die Reparaturgesellschaft im 21. Jahrhundert" ein altes Konversationslexikon zitierend.3 Lipp prägte bereits 1993 auf einer Denkmalpflege-Tagung den Begriff der Reparaturgesellschaft als neues gesellschaftliches Leitbild,4 das er "sowohl diagnostisch als therapeutisch, ja perspektivisch appellativ, versteht".5
Wir sind also mittendrin in "Reparatur". ?Überall wird repariert. Das betrifft - hier nur in Schlagworten angeblitzt - allgemeine Umweltmaßnahmen für Luft (Abgasverminderung), Wasser (Güte, Kanalisation, Verbrauch), Meere (Verringerung der Belastungsfaktoren), Boden (Überdüngung), Holz, Wald ("Waldsterben", Überschlägerung, Regenwälder). [.] Es ist so etwas wie eine "Reparatur ?am Menschen" in Gang gekommen. [.] Es läuft letztlich auf eine "Reparatur" am System einer volkswirtschaftlich vorwiegend an Produktion und Absatz festgemachten Arbeit hinaus, die sich - in unserer Logik - als endlose Kette von Fülle - Stau - Abfall definiert.6
Kurz nach Lipp rief der Politologe Claus Leggewie in seinem 1995 erschienenen Buch Die 89er - Portrait einer Generation7 ebenfalls die Reparaturgesellschaft aus, ein Konzept, das er 2016 gemeinsam mit Jürgen Bertling wieder aufgriff: "Die Reparaturgesellschaft. Ein Beitrag zur großen Transformation?"8. Mit der Anspielung auf Karl Polanyis The Great Transformation (1944)9 verorten Leggewie und Bertling den Reparaturdiskurs in der technikhistorischen Perspektive der "großen Transformation" der Industrialisierung, die Polanyi zufolge zur Verselbstständigung und Hegemonie des "freien" Marktes gegenüber der Gesellschaft geführt hat: "Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet."10 Die Folge dieser "großen Transformation" ist die rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur. Dieser Prozess lässt sich laut Polanyi nur umkehren, wenn statt des Ideals eines freien und sich selbst regulierenden Marktes, dem alles Gesellschaftliche untergeordnet ist, die Vorstellung einer freien und selbstbestimmten Gesellschaft das politische Handeln bestimmt. In diesem Sinne geht es im Projekt The Great Repair um nicht weniger als eine Neuausrichtung der Grundlagen, Normen, Prozesse und Ziele unseres Wirtschaftssystems hin zu Ökonomien der Reparatur und Sorge, um die ?Wirtschaft wieder in die Gesellschaft und diese wiederum in die natürliche Umwelt einzubetten.
Fast beiläufig geben Leggewie und Bertling einen Hinweis darauf, an welcher Sollbruchstelle das Projekt The Great Repair ansetzen muss:
Es kann davon ausgegangen werden, dass das Fertigen und Reparieren der Dinge vor Herausbildung des Manufakturwesens und nachfolgender Industrialisierung von den gleichen Akteuren betrieben wurde. Für beide Handlungen wurden die gleichen Kompetenzen und Werkzeuge benötigt und in vielen Fällen dürfte bereits bei der Fertigung die spätere Reparatur berücksichtigt worden sein. Aus technikhistorischer Perspektive trennten sich Fertigung und Reparatur im Zusammenhang mit der zunehmenden Mechanisierung vor allem der Kernprozesse der Fertigung: Stoffumwandlung und Formgebung.11
Das kapitalistische industrielle Wirtschaftssystem basiert also nicht nur auf dem "Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel"12, wie Karl Marx es beschrieb, sondern auch auf der Trennung von Produktion und Reparatur - sowie letztlich darauf, dass Waren zirkulieren, die austauschbare Blackboxes bar jeglicher sozialer Beziehungen sind. Die dadurch entstehende Entfremdung ist tiefgreifend, sie reicht von den Produktionsbedingungen bis zum individuellen Konsumverhalten: Der zum Verbrauch bestimmte Artikel besitzt weder eine Verbindung zu den Arbeitsprozessen, die seiner Herstellung vorausgingen, noch zu solchen, die zu seiner Instandhaltung und Reparatur notwendig wären. Gesellschaftlich geht die Entwicklung mit einer Technikunmündigkeit der Menschen einher, einem Verlust an "Kompetenzen und Werkzeugen", mit denen sie ihre Lebenswelt gestalten und reparieren können. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass die Große Reparatur nur dann emanzipatorisch wirken kann, wenn sie den Menschen Werkzeuge der Reparatur an die Hand gibt. Sie muss dem Motto folgen, das der Architekt Yoshiharu Tsukamoto von Atelier Bow-Wow im Zusammenhang mit seinem Forschungsprojekt Satoyama School of Design13 formuliert hat: "Tools to the People!"14
Dieser Aufruf berührt ein zentrales Thema der marxistischen Theorie, wenn wir Werkzeuge im Sinne von "Produktionsmitteln" übersetzen. Für Marx bildet die Konzentration des Eigentums an Werkzeugen, Werkstoffen und Maschinen als "Produktionsmittel" in den Händen weniger den Kern des kapitalistischen Systems, zu dessen Überwindung - in der Theorie - die Wiederaneignung beziehungsweise Vergesellschaftung der Produktionsmittel notwendig wäre. Hier allerdings setzt das Projekt The Great Repair zunächst bescheidener an, weniger revolutionär als vielmehr alltagsweltlich. Es geht darum, die Handlungsmacht des Einzelnen dadurch zu erhöhen, dass statt des anonymen Verbrauchs die Sorge und Pflege der eigenen Lebenswelt ins Zentrum rückt. Man könnte mit Kant pathetisch sagen: Die Große Reparatur ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten technischen Unmündigkeit.
Werkzeuge für alle
Den Menschen die Werkzeuge und den Dingen die Reparaturfähigkeit zurückzugeben mag auf den ersten Blick einen antitechnischen Duktus haben. Doch der in vielen Fällen damit einhergehende DIY- und Low-Tech-Ansatz ist nicht in erster Linie gegen Technik gerichtet, sondern folgt dem Wunsch, die sozialen Beziehungen, die der Produktion eingeschrieben sind, zu entkommodifizieren. Polanyi zufolge liegt im Warencharakter des Sozialen das Kernproblem des gegenwärtigen Systems: "Die maschinelle Produktion in einer kommerziellen Gesellschaft bedeutet letztlich nichts Geringeres als die Transformation der natürlichen und menschlichen Substanz der Gesellschaft in Waren."15 Diese Entwicklung hat uns in eine Sackgasse geführt, aus der uns nur die Erkenntnis befreit, dass wir einem falschen Bewusstsein aufgesessen sind: "Indessen sind Arbeit, Boden und Geld ganz offensichtlich keine Waren: Die Behauptung, dass alles, was gekauft und verkauft wird, zum Zwecke des Verkaufs produziert werden musste, ist in Bezug auf diese Faktoren eindeutig falsch."16 Nicht von ungefähr stellen viele reparative Ansätze, bei denen es um Formen des Empowerment geht, das Verhältnis zur Arbeit, zum Boden und zum Geld ins Zentrum der Auseinandersetzungen.
"Werkzeuge für alle" meint somit die konkrete Selbstermächtigung des Menschen. Auch Leggewie und Bertling zielen mit ihrem Beitrag zu "Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis" in dieselbe Richtung. Deswegen stehen Wissen und Werkzeuge im Zentrum des Projekts The Great Repair. Doch um neu-alte Werkzeuge zu erarbeiten oder zurückzugewinnen, müssen wir zunächst unsere Wissensbestände, unsere epistemologischen Grundlagen infrage stellen - und anerkennen, dass wir im Namen des Fortschritts eine Vielzahl von Wissenswelten, von Zugängen zur Welt verdrängt, marginalisiert und verloren haben. Dazu gehört das Wissen über nachhaltige Materialgewinnung, Bautechniken und Bodennutzung, aber auch die damit verbundene Erfahrung mit Formen der Bewirtschaftung von Gemeingütern. In diesem Sinne führt der Reparaturprozess auch zu einem neuen Verständnis von Territorium und Gesetzen als spezifischen Governance-Instrumenten, durch die unsere - derzeit ungleichen und ungerechten - sozio-ökologischen Systeme reproduziert werden. Wir brauchen angesichts der verheerenden ökologischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieser Fortschrittserzählung dringend ein alternatives Narrativ. Reparatur als Gegenstrategie zur Obsoleszenz könnte zumindest dazu beitragen, den Fortschrittsmotor mit seiner Logik der unablässigen Destruktion und ?Rekonstruktion zu verlangsamen.17
Aus dieser Perspektive muss das Konzept der Reparatur immer wieder gegen das falsche Ideal einer anachronistischen Rückkehr zu vorindustriellen Ökonomien oder zu einem vermeintlich "natürlichen" Zustand verteidigt werden. Nicht zuletzt weil dieser Weg spätestens mit der Veröffentlichung des Club-of-Rome-Berichts Die Grenzen des Wachstums vor genau fünfzig Jahren abgeschnitten war. Allerdings lauern heute in der Vertauschung von beobachteten Wachstumsgrenzen mit den Ursachen der Klimakrise oft neomalthusianische Weltbilder, die vor allem gegen die Entwicklung des Globalen Südens gerichtet werden können. So weist der Sozialgeograf Jason W. Moore darauf hin, dass die ?umfassende Umgestaltung der globalen Natur bereits vor der Erfindung der Dampfmaschine mit der frühneuzeitlichen Eroberung neuer Territorien durch die aufstrebenden europäischen Imperien begann. Diese Produktionssteigerung im "Netz des Lebens" (web of life) drehte sich laut Moore um die Konzeption der "Great Frontiers" und die damit untrennbar verbundenen kolonialen Praktiken der Expansion, Aneignung und Ausbeutung für die Produktion "billiger Natur" (cheap nature). In diesem Sinn richtet sich das Paradigma der Großen Reparatur wie dargelegt nicht per se gegen Technologie, sondern gegen Technologie als Mittel zur Reproduktion von Ungleichheit und zur Ausbeutung der nichtmenschlichen Welt, sowohl auf planetarer als auch auf lokaler Ebene.
Reparatur und Reparation
Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Ausbeutung der "billigen Natur" und der billigen Arbeitskraft des Globalen Südens kann Reparatur im planetaren Maßstab die Mitbedeutung der Reparation nicht außer Acht lassen. Auch wenn die bereits angerichteten sozialen und ökologischen Schäden nicht reparabel sind, geht es beim Thema der Klimagerechtigkeit um die Anerkennung der Verantwortung und das Bemühen um einen Ausgleich zwischen den bisherigen Profiteur*innen des klimaschädigenden Wirtschaftssystems und denjenigen, die von den Folgen der Klimakrise am stärksten betroffen sind. Der Ausgleichsfonds für Klimaschäden für ärmere Länder, den die Weltklimakonferenz COP27 in Scharm el-Scheich trotz ihres Scheiterns verabschiedet hat, ist ein erster Schritt in einen Mechanismus der Reparation. Reparationen für Klimaschäden sind in diesem Zusammenhang jedoch nur ein Beispiel für notwendige Prozesse der Dekolonisierung. The Great Repair strebt, neben der Dekommodifizierung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse wie weiter oben ausgeführt, vor allem die Dekolonisierung der sozialen Beziehungen, einschließlich der gesellschaftlichen Institutionen, als eine umfassendere Form der dekolonialen Reparationsleistung an. Der Begriff ist im Deutschen vor allem im Zusammenhang mit Kriegsentschädigungen gebräuchlich. Diejenige Partei, die Verantwortung für den Krieg trägt und diesen verliert, muss in der Regel Reparationsleistungen zahlen. Allerdings weist Lipp darauf hin, dass beim Thema der Nachhaltigkeit die Kategorien durcheinandergeraten:
Der Begriff von "Reparatur" ist dem martialischen von Reparation verwandt. [.] Die Verlierer müssen zahlen. Aber - paradox, und reparationsgeschichtlich neu - es gibt keine Gewinner. Die Reparation trifft alle. Ihre Währung heißt "Reparatur".18
Politiken der Reparaturgesellschaft
Wir sollten uns jedoch davor hüten, Reparatur als Wert an sich zu verabsolutieren. Nur als politische Kategorie, die Handlung und Aushandlung zugleich umfasst, ist sie sozial wirksam. Was muss wie, mit welchen Werkzeugen repariert werden? Welcher Zustand wird angestrebt? Als Bezugsrahmen für diesen offenen Aushandlungsprozess haben wir sechs Politiken bestimmt, die aus unserer Sicht das Handeln einer Reparaturgesellschaft strukturieren - wobei klar ist, dass dies keine abschließende Aufzählung darstellt.
Suffizienz
Angesichts des Auseinanderklaffens von Ambition und Aktion wird Suffizienz immer wichtiger. Naturgemäß wird sie von der Green-Tech-Ideologie jedoch ausgeblendet. Suffizienz ist nicht das Gegenteil von Effizienz. Vielmehr beschreibt sie - wider die Logik der planetarischen Materialgewinnung und der langen Lieferketten, die die Bauindustrie speisen - die Vision einer materiellen Kultur, in der die Menschheit und insbesondere der Globale Norden mit weniger aus-kommen muss: weniger Energie, weniger Ressourcen, weniger Flächenverbrauch durch einen sorgsamen Umgang mit dem, was bereits da ist. Suffizienz ist zudem nicht zu verwechseln mit Austerität, bei der es um die Reduktion der individuellen Lebensweise zu Lasten der sozial Schwachen geht, sondern ist als gesellschaftliches Planungs- und Governance-Paradigma zu verstehen, das eine Gestaltung der gebauten und unbebauten Umwelt in einer Weise steuert, die ein suffizientes Leben möglich macht. Entscheidend ist dabei auch eine Reterritorialisierung, also die Einbettung von Produktions- und Lieferketten in regionale und lokale Kontexte.
Langlebigkeit
Im Gegensatz zur Nachhaltigkeit, die heute in erster Linie die Übertragung wirtschaftlicher Prinzipien auf die Ökologie bedeutet, geht es bei Langlebigkeit darum, die Lebensdauer und Lebenszyklen von Materialien, Gegenständen und Techniken so lange wie möglich auszudehnen. Recycling fungiert in dieser Perspektive lediglich als Schmiermittel des unhinterfragten produktiven Systems, während Reparieren die Langlebigkeit der Dinge zum Ziel hat. Einen wichtigen Beitrag zum Designdiskurs leistet die Right-to-Repair-Bewegung, die gegen Wegwerfkultur und geplante Obsoleszenz ankämpft. Gleichzeitig verdeutlicht die Realität der zunehmenden Migration, insbesondere der erzwungenen Migration von Klimaflüchtenden, die Notwendigkeit, Unbeständigkeit und Bewegung von Architektur und Siedlungsräumen neu zu denken. Langlebigkeit ist nicht das Gegenteil von Leichtigkeit und Flexibilität.
Care
Reparatur beinhaltet nicht nur die Reparatur von Dingen, sondern auch die Fürsorge für Menschen, nicht-menschliche Lebewesen und Ökosysteme. Sie setzt voraus, dass bislang unsichtbare Arbeit anerkannt wird. Dazu gehören die bisher externalisierten Kosten der häuslichen und reproduktiven Arbeit, aber auch die Arbeit der Natur. Auf der Grundlage dieses erweiterten Verständnisses können "Ökologien der Reparatur" geschaffen werden, die ein Netz menschlicher und nicht-menschlicher Beziehungen spannen.
Wiederaneignung
Die rassistische und koloniale Gewalt, sowohl territorialer als auch kultureller Art, ist eine der unabdingbaren Voraussetzungen für die kapitalistische Produktion von "billiger Natur" (cheap nature), im Globalen Norden wie im Globalen Süden. Sie ist daher aus einem kritischen Klimadiskurs nicht wegzudenken. In diesem Kontext müssen Praktiken der Reparatur die dekoloniale Wiederaneignung des Entwendeten und Entwerteten berücksichtigen. Sie reichen von Objekten über Orte und Territorien bis hin zu kulturellen Praktiken und Epistemen.
Solidarität
Im Zentrum einer Vielzahl von Praktiken der Reparatur steht die Politik der Solidarität. Reparatur wird hier als sozialer Akt verstanden, der das Zusammenleben, das gemeinschaftliche Arbeiten, soziale Eigentumsformen sowie Ökonomien des Gemeinwohls und der geteilten Risiken fördert. Der Schwerpunkt liegt auf der lokalen, städtischen oder kommunalen Ebene, oft jenseits von Markt und Staat. Die Erforschung und Stärkung kleinerer kollaborativer Strukturen und Ökonomien trägt zu ihrer zunehmenden Widerstandsfähigkeit bei, zum Beispiel in Bezug auf die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und die Klimaanpassung.
Pluralität
In dem Bemühen, die gesellschaftlichen Beziehungen zu entkommodifizieren und zu dekolonisieren, problematisiert die Reparaturgesellschaft die Einseitigkeit der technowissenschaftlichen Rationalität und strebt stattdessen nach Pluralität. Damit ist insbesondere das Bestreben gemeint, die Wissensproduktion außerhalb der staatlich und marktwirtschaftlich validierten Wissenskreisläufe zu pluralisieren und sie für unterschiedliche Wissenssysteme und -praktiken zu öffnen. Dazu gehören Praktiken, die auf indigenem, handwerklichem oder bricoleurhaftem Wissen basieren und mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen Probleme lösen. Dadurch wird die Expert*innenposition infrage gestellt und die Akteurskonstellation verändert. Statt auf Neuheit und individuelle Urheberschaft setzt Pluralität auf kollaborative Formen der Wissensproduktion und Selbstermächtigung.
Selbstreparatur
Diese aktuellen Debatten um Repair, Care und Maintenance finden in der Architektur- und Stadtforschung nicht nur großen Widerhall, sondern haben auch das Potential, mit dem spezifischen Reparatur-Wissen der Disziplin andere Diskurse und Praxen zu befruchten. Schließlich sind Strategien der Reparatur seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Repertoires der Architektur. Angefangen bei Leon Battista Albertis Buch Über die Wiederherstellung der Bauwerke19, über die Arts- and Crafts-Bewegung bis hin zu Carlo Scarpas Umgang mit historischer Bausubstanz oder dem as found-Konzept von Alison und Peter Smithson. Von besonderer Bedeutung sind "Instandbesetzungen", die Reparatur mit Aneignungsstrategien von unten kombinierten, sowie Stadtreparatur und andere großmaßstäbliche Planungsprojekte, die unter anderem auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die Folgen der Deindustrialisierung und schrumpfende Städte reagierten.
Bei The Great Repair geht es nicht zuletzt auch um eine Selbstreparatur der Architektur als Disziplin: die Reparatur ihres Arbeitsbegriffs, ihrer Arbeitsprozesse, ihres Verständnisses von Autorschaft, ihres Ausbildungssystems und ihrer Kommunikationsformen. Allerdings handelt es sich längst nicht mehr um die Suche nach einer Inter- oder Transdisziplinarität, bei der die disziplinäre Verortung noch im Vordergrund steht und man, bildlich gesprochen, nach der Überfahrt wieder in den sicheren Hafen der Disziplin zurückkehrt. Eine Selbstreparatur der Disziplin bedeutet jedoch auch nicht die völlige Aufgabe von Verortung. Schließlich hat die feministische Kritik offengelegt, dass wir so frei nicht sind. Wir haben es im kulturellen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bereich stets mit Situiertheiten und Framings zu tun, die uns als Person mehrfach binden. Die Herausforderung der Politiken der Reparaturgesellschaft besteht darin, dass wir aufgrund dieser Situiertheit intersektional denken und handeln müssen, um gesellschaftliche Emanzipation zu erreichen. Wenn die Große Reparatur der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten technischen Unmündigkeit ist, ist die Selbstreparatur der Ausgang der Disziplin aus ihrer selbstverschuldeten sozialen Unmündigkeit.
Das Projekt
The Great Repair ist ein Projekt der ARCH+ gGmbH in Kooperation mit der Akademie der Künste, Berlin, dem Departement für Geographie und Raumplanung der Universität Luxemburg und dem Departement Architektur der ETH Zürich. Das Projekt umfasst zwei ARCH+ Ausgaben sowie ein Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das vom 14. Oktober 2023 bis zum 14. Januar 2024 in der Akademie der Künste, Berlin, stattfinden wird. Die vorliegende Ausgabe dient der theoretischen Einführung, die zweite wird Praktiken der Reparatur vorstellen und zur Eröffnung der Ausstellung am 13. Oktober 2023 als Katalog erscheinen.
Danksagung
Ohne die Unterstützung und das Vertrauen der Akademie der Künste, insbesondere von Johannes Odenthal, dem ehemaligen Programmbeauftragten der Akademie der Künste, Berlin, und seiner Nachfolgerin Johanna M. Keller wäre das Projekt in dieser Tiefe nicht zustande gekommen. Allen Förderern, insbesondere der Kulturstiftung des Bundes und der Wüstenrot Stiftung, allen Autor*innen, Gesprächspartner*innen, Künstler*innen und nicht zuletzt unseren Kolleginnen Marija Maric und Nazlı Tümerdem sowie dem ARCH+ Team, allen voran Nora Dünser und Felix Hofmann, gilt unser aufrichtiger Dank.
Hortensia Völckers sprechen wir unseren tief empfundenen Dank aus. Ohne ihren Mut und ihre Vision von Kultur als gesellschaftliche Herausforderung hätten wir in ihrer nun auslaufenden Amtszeit als künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes solche ambitionierten?Forschungs-, Diskurs- und Ausstellungsvorhaben wie projekt bauhaus, Cohabitation oder The Great Repair nicht umsetzen können.
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1 Vgl. Stefan Krebs, Gabriele Schabacher, Heike Weber (Hg.): Kulturen des ?Reparierens. Dinge - Wissen - Praktiken, Bielefeld 2018, S. 20: "Betrachten wir ?die Beschäftigungsstruktur von Ingenieuren als zentrale Akteure des Technischen, ?so sind die meisten heutigen Ingenieure nicht im Bereich von Entwicklung und ?Konstruktion tätig, sondern in Wartung und Reparatur."
2 Vgl. The World Meteorological Organization: "Temperatures in Europe increase more than twice global average", Pressemitteilung vom 2.11.2022, public.wmo.int/en/media/press-release/temperatures-europe-increase-more-twice-global-average (Stand: 29.11.2022)
3 Wilfried Lipp: "Rettung von Geschichte für die Reparaturgesellschaft im ?21. Jahrhundert. Sub specie conservatoris", in: ICOMOS - Hefte des Deutschen ?Nationalkomitees, Band 21 (1996): Das Denkmal als Altlast? Auf dem Weg in die Reparaturgesellschaft, S. 143-151, hier S. 146
4 Vgl. Wilfried Lipp: "Vom modernen zum postmodernen Denkmalkultus? Aspekte zur Reparaturgesellschaft", in: Ders., Michael Petzet (Hg.): Vom modernen zum postmodernen Denkmalkultus? Denkmalpflege am Ende des 20. Jahrhunderts, 7. Jahrestagung der Bayerischen Denkmalpflege, Passau, 14.-16. Oktober 1993, ?Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Arbeitsheft 69, München 1994, S. 6-12
5 Lipp 1996 (wie Anm. 3), S. 144
6 Ebd., S. 146 f.
7 Siehe Claus Leggewie: Die 89er - Portrait einer Generation, Hamburg 1995
8 Siehe Jürgen Bertling, Claus Leggewie: "Die Reparaturgesellschaft. Ein ?Beitrag zur großen Transformation?", in: Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller, Karin Werner (Hg.): Die Welt reparieren - Open Source und Selbermachen als ?postkapitalistische Praxis, Bielefeld 2016, S. 275-286
9 Karl Polanyi: The Great Transformation - Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen (1944), übers. v. Heinrich Jelinek, Frankfurt a. M. 1978
10 Ebd., S. 88 f.
11 Bertling, Leggewie 2016 (wie Anm. 8), S. 276
12 Karl Marx: Das Kapital, Band I, MEW Band 23, S. 742
13 Siehe Yoshiharu Tsukamoto, Siena Hirao: "Lernen im Feld: Die Satoyama School of Design", in: ARCH+ 249: Learning Spaces (September 2022), S. 196-203
14 Ein Claim, den Tsukamoto im Gespräch mit den Kurator*innen erhoben ?hat und gemeinsam mit Momoyo Kaijima für ihren geplanten Ausstellungsbeitrag für ?The Great Repair ausarbeiten wird.
15 Polanyi 1978 (wie Anm. 9), S. 70
16 Ebd., S. 107
17 Vgl. Daniel M. Abramson: Obsolescence - An Architectural History, ?Chicago/London 2016
18 Lipp 1996 (wie Anm. 3), S. 148
19 Leon Battista Alberti: "Zehntes Buch: Über die Wiederherstellung der ?Bauwerke", in: Zehn Bücher über die Baukunst, übersetzt und hg. von Max Theuer, Darmstadt 1991 (Nachdruck der 1. Auflage von 1912), S. 523 ff.
Editorial
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Text: Florian Hertweck, Christian Hiller, Markus Krieger, Alex Nehmer, Anh-Linh Ngo, Milica Topalovic
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Wir sind zur Reparatur verdammt. Angesichts einer Welt, die in jedem Augenblick altert, vergeht, ist dies keine überraschende Erkenntnis. Die kapitalistische Moderne mit ihrer Betonung von Innovation, Wachstum und Fortschritt, ihrem auf Verbrauch, Vernutzung und Verschwendung basierenden Wirtschaftssystem und der damit einhergehenden rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen hat jedoch eine Wegwerfmentalität in unseren Köpfen verankert: Alles ist ersetzbar. Das noch bessere Produkt steht bereit. Reparatur lohnt sich nicht. Im Architekturdiskurs kulminiert diese Denkweise in dem euphemistischen Begriff des Ersatzneubaus. Und so verwundert es nicht, dass Bau- und Abbruchabfälle heute über die Hälfte des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland ausmachen.
Verdrängt wird dabei, dass das Ausmaß dessen, was repariert werden muss, beständig zunimmt. Schließlich geht die totale Mechanisierung und Technisierung der modernen Lebenswelt mit einer naturgemäßen (oder geplanten) Obsoleszenz der eingesetzten Technik einher. Bei nüchterner Betrachtung kann man allerdings trotz der vorherrschenden Wegwerfmentalität feststellen, dass Städte, Infrastrukturen und Gebäude insgesamt öfter umgebaut und weitergenutzt als abgerissen werden. Auch eine Vielzahl technischer Geräte wird täglich repariert und gewartet. Wartung, Reparatur und Instandhaltung bilden einen wichtigen Wirtschaftszweig. Einschlägigen Statistiken zufolge arbeiten heute weltweit mehr Ingenieur*innen in der Reparatur als in der Entwicklung.1
Diese Tatsache ist kaum bekannt, da Reparatur eine unglamouröse Sisyphusarbeit ist. Sie vollzieht sich im Verborgenen, Alltäglichen, im Kleinen. Gerade dort entfaltet sie ihre Wirkmacht, und gerade dort setzt das Projekt The Great Repair an, um über die pragmatische Ebene hinaus auf die geopolitischen, sozioökonomischen und ökologischen Abhängigkeiten hinzuweisen, die ?hinter den Materialassemblagen, Infrastrukturen und sozialen Interaktionen unserer Gesellschaften stehen. Es sind diese großen, reparaturbedürftigen Zusammenhänge gemeint, wenn wir von der Großen Reparatur sprechen.
Groß ist der Reparaturbedarf auch angesichts des Zerstörungsgrads der Welt. Die Auswirkungen der Klimakrise und des Ressourcenschwunds mit Verlust der Biodiversität und mit Waldsterben, mit Überschwemmungen und Stürmen, Hitzewellen und Dürreperioden sind bereits heute Auslöser von Tod, Hunger und Migration im Globalen Süden, wo großflächig Habitate von Menschen und Tieren unbewohnbar werden. Militärische Konflikte um Energie, Infrastruktur und Nahrungsmittel werden in Zukunft durch die Folgen der Klimakrise mit ihren unausweichlichen Kämpfen um geopolitische Kontrolle über Territorien und Ressourcen zunehmen. Hier zeigt sich, dass unter diesen Einflüssen nicht nur das Alltagsleben, sondern auch geopolitische Architekturen und Grenzen destabilisiert werden. Das trifft allerdings nicht nur auf den Globalen Süden zu, sondern auch längst auf Europa, wo in den letzten 30 Jahren die Temperatur um durchschnittlich 0,5 °C pro Jahrzehnt gestiegen ist.2
Wie kann angesichts dieses planetarischen Ausmaßes der eskalierenden Krisen ein so behutsames Konzept wie das der Reparatur helfen? Sicherlich werden nicht wenige einwenden: Müssen wir nicht wie ehemals in der modernBewegungen eher große Visionen beschwören, anstatt die Große Reparatur auszurufen? Es ist allerdings dieser Kontrast zwischen der Behutsamkeit und der globalen Perspektive, der das Projekt The Great Repair auszeichnet. Angesichts der Großkrisen, die gerade durch die Visionen der Moderne hervorgerufen wurden, bedarf es eines neuen Paradigmas.
Um etwas Kaputtes zu reparieren, muss man sich zunächst einmal des Schadens bewusst sein. Wir sollten daher "Erosion, Zerfall und Verfall statt Neuheit, Wachstum und Fortschritt als Ausgangspunkt unseres Denkens" nehmen, meint der Informationsforscher Steven J. Jackson. Doch im Globalen Norden gilt weiterhin das wirkmächtige Narrativ, allein mit technologischer Innovation und Entwicklung ließe sich die Klima- und Ressourcenkrise in den Griff bekommen und wirtschaftliches Wachstum von den Umweltauswirkungen entkoppeln. In dieser Vision einer grünen kapitalistischen Transformation würden erneuerbare Energien den Bedarf von Industrie und einer ständig wachsenden Zahl von städtischen Verbraucher*innen klimaneutral decken, intelligente Technologien die Ströme von Menschen, Gütern und Energie mit steigender Effizienz regeln, das Recycling von Materialien managen, Energiekreisläufe schließen und Treibhausgase binden. Der Verlust der Artenvielfalt und die Auslaugung der Böden würden durch die Automatisierung der industriellen Landwirtschaft, die Lebensmitteltechnologie, die Verringerung der Lebensmittelverschwendung in der gesamten Lieferkette und durch die massenhafte Einführung veganer Ernährung und Produkte gelöst werden. Notwendige Rohstoffe ließen sich durch Zukunftstechnologien möglicherweise sogar extraterrestrisch abbauen.
Mit dieser Vision ist die politische Hoffnung verbunden, dass der wachsende materielle Wohlstand auf der Grundlage grüner Technologien die Stärkung und Ausbreitung der "liberalen Marktdemokratien" gegen die "zunehmende Bedrohung durch den Autoritarismus" ermöglichen würde. Diese Narrative sind attraktiv, weil sie in letzter Konsequenz den politischen Status quo stützen: Weder müssen sich Politik noch die Bürger*innen strukturell verändern, noch wird das zugrundeliegende kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinen Mechanismen der Ausbeutung und ungleichen Verteilung infrage gestellt. Die Gefahr einer solchen Denkweise liegt darin, dass sie die notwendige Reparatur des Systems in die Zukunft verschiebt, die globale Geografie der Ungleichheiten weiter verschärft und die Klimakrise mit einer Inflation von Greenwashing und innovation speak oberflächlich übertüncht. Die Widersprüche solcher Visionen sind kaum zu leugnen: Trotz vieler technologischer Innovationen und Effizienzsteigerungen in den letzten Jahren klaffen Anspruch und Wirklichkeit, die ehrgeizigen Ziele des Pariser Klimaabkommens und die realen Treibhausgasemissionen kontinuierlich auseinander. Trotz massiver Bemühungen funktioniert die "grüne Lösung" noch nicht.
Reparaturgesellschaft
Deshalb entwirft das Projekt The Great Repair ein Gegennarrativ, das auf die Fähigkeit des Menschen zielt, seine Beziehungen innerhalb der sozialen und natürlichen Umwelt neu zu gestalten: von den Produktionsbedingungen über die gesellschaftliche Teilhabe bis hin zu Fragen der Gerechtigkeit, von der gebauten Umwelt über die Ökosysteme bis hin zum Erdklima. Als Gegenstrategie zur kreativen Zerstörung der kapitalistischen Moderne plädieren wir für einen reparativen Ansatz, in dem Pflege, Wartung und Reparatur die wesentlichen Handlungsstrategien werden. Wobei Reparatur hier nicht die Wiederherstellung eines idealisierten, usprünglichen Zustands meint, sondern auf eine regenerative Transformation hin zu einem besseren Zustand abzielt. Im Gegensatz zu (Techno)-Fixes geht es nicht lediglich darum, Funktionsstörungen zu beheben: Reparatur bedeute, die Welt "wieder ins Gleiche bringen", so der Denkmalpflegetheoretiker Wilfried Lipp in seinem bahnbrechenden Essay "Rettung von Geschichte für die Reparaturgesellschaft im 21. Jahrhundert" ein altes Konversationslexikon zitierend.3 Lipp prägte bereits 1993 auf einer Denkmalpflege-Tagung den Begriff der Reparaturgesellschaft als neues gesellschaftliches Leitbild,4 das er "sowohl diagnostisch als therapeutisch, ja perspektivisch appellativ, versteht".5
Wir sind also mittendrin in "Reparatur". ?Überall wird repariert. Das betrifft - hier nur in Schlagworten angeblitzt - allgemeine Umweltmaßnahmen für Luft (Abgasverminderung), Wasser (Güte, Kanalisation, Verbrauch), Meere (Verringerung der Belastungsfaktoren), Boden (Überdüngung), Holz, Wald ("Waldsterben", Überschlägerung, Regenwälder). [.] Es ist so etwas wie eine "Reparatur ?am Menschen" in Gang gekommen. [.] Es läuft letztlich auf eine "Reparatur" am System einer volkswirtschaftlich vorwiegend an Produktion und Absatz festgemachten Arbeit hinaus, die sich - in unserer Logik - als endlose Kette von Fülle - Stau - Abfall definiert.6
Kurz nach Lipp rief der Politologe Claus Leggewie in seinem 1995 erschienenen Buch Die 89er - Portrait einer Generation7 ebenfalls die Reparaturgesellschaft aus, ein Konzept, das er 2016 gemeinsam mit Jürgen Bertling wieder aufgriff: "Die Reparaturgesellschaft. Ein Beitrag zur großen Transformation?"8. Mit der Anspielung auf Karl Polanyis The Great Transformation (1944)9 verorten Leggewie und Bertling den Reparaturdiskurs in der technikhistorischen Perspektive der "großen Transformation" der Industrialisierung, die Polanyi zufolge zur Verselbstständigung und Hegemonie des "freien" Marktes gegenüber der Gesellschaft geführt hat: "Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet."10 Die Folge dieser "großen Transformation" ist die rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur. Dieser Prozess lässt sich laut Polanyi nur umkehren, wenn statt des Ideals eines freien und sich selbst regulierenden Marktes, dem alles Gesellschaftliche untergeordnet ist, die Vorstellung einer freien und selbstbestimmten Gesellschaft das politische Handeln bestimmt. In diesem Sinne geht es im Projekt The Great Repair um nicht weniger als eine Neuausrichtung der Grundlagen, Normen, Prozesse und Ziele unseres Wirtschaftssystems hin zu Ökonomien der Reparatur und Sorge, um die ?Wirtschaft wieder in die Gesellschaft und diese wiederum in die natürliche Umwelt einzubetten.
Fast beiläufig geben Leggewie und Bertling einen Hinweis darauf, an welcher Sollbruchstelle das Projekt The Great Repair ansetzen muss:
Es kann davon ausgegangen werden, dass das Fertigen und Reparieren der Dinge vor Herausbildung des Manufakturwesens und nachfolgender Industrialisierung von den gleichen Akteuren betrieben wurde. Für beide Handlungen wurden die gleichen Kompetenzen und Werkzeuge benötigt und in vielen Fällen dürfte bereits bei der Fertigung die spätere Reparatur berücksichtigt worden sein. Aus technikhistorischer Perspektive trennten sich Fertigung und Reparatur im Zusammenhang mit der zunehmenden Mechanisierung vor allem der Kernprozesse der Fertigung: Stoffumwandlung und Formgebung.11
Das kapitalistische industrielle Wirtschaftssystem basiert also nicht nur auf dem "Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel"12, wie Karl Marx es beschrieb, sondern auch auf der Trennung von Produktion und Reparatur - sowie letztlich darauf, dass Waren zirkulieren, die austauschbare Blackboxes bar jeglicher sozialer Beziehungen sind. Die dadurch entstehende Entfremdung ist tiefgreifend, sie reicht von den Produktionsbedingungen bis zum individuellen Konsumverhalten: Der zum Verbrauch bestimmte Artikel besitzt weder eine Verbindung zu den Arbeitsprozessen, die seiner Herstellung vorausgingen, noch zu solchen, die zu seiner Instandhaltung und Reparatur notwendig wären. Gesellschaftlich geht die Entwicklung mit einer Technikunmündigkeit der Menschen einher, einem Verlust an "Kompetenzen und Werkzeugen", mit denen sie ihre Lebenswelt gestalten und reparieren können. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass die Große Reparatur nur dann emanzipatorisch wirken kann, wenn sie den Menschen Werkzeuge der Reparatur an die Hand gibt. Sie muss dem Motto folgen, das der Architekt Yoshiharu Tsukamoto von Atelier Bow-Wow im Zusammenhang mit seinem Forschungsprojekt Satoyama School of Design13 formuliert hat: "Tools to the People!"14
Dieser Aufruf berührt ein zentrales Thema der marxistischen Theorie, wenn wir Werkzeuge im Sinne von "Produktionsmitteln" übersetzen. Für Marx bildet die Konzentration des Eigentums an Werkzeugen, Werkstoffen und Maschinen als "Produktionsmittel" in den Händen weniger den Kern des kapitalistischen Systems, zu dessen Überwindung - in der Theorie - die Wiederaneignung beziehungsweise Vergesellschaftung der Produktionsmittel notwendig wäre. Hier allerdings setzt das Projekt The Great Repair zunächst bescheidener an, weniger revolutionär als vielmehr alltagsweltlich. Es geht darum, die Handlungsmacht des Einzelnen dadurch zu erhöhen, dass statt des anonymen Verbrauchs die Sorge und Pflege der eigenen Lebenswelt ins Zentrum rückt. Man könnte mit Kant pathetisch sagen: Die Große Reparatur ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten technischen Unmündigkeit.
Werkzeuge für alle
Den Menschen die Werkzeuge und den Dingen die Reparaturfähigkeit zurückzugeben mag auf den ersten Blick einen antitechnischen Duktus haben. Doch der in vielen Fällen damit einhergehende DIY- und Low-Tech-Ansatz ist nicht in erster Linie gegen Technik gerichtet, sondern folgt dem Wunsch, die sozialen Beziehungen, die der Produktion eingeschrieben sind, zu entkommodifizieren. Polanyi zufolge liegt im Warencharakter des Sozialen das Kernproblem des gegenwärtigen Systems: "Die maschinelle Produktion in einer kommerziellen Gesellschaft bedeutet letztlich nichts Geringeres als die Transformation der natürlichen und menschlichen Substanz der Gesellschaft in Waren."15 Diese Entwicklung hat uns in eine Sackgasse geführt, aus der uns nur die Erkenntnis befreit, dass wir einem falschen Bewusstsein aufgesessen sind: "Indessen sind Arbeit, Boden und Geld ganz offensichtlich keine Waren: Die Behauptung, dass alles, was gekauft und verkauft wird, zum Zwecke des Verkaufs produziert werden musste, ist in Bezug auf diese Faktoren eindeutig falsch."16 Nicht von ungefähr stellen viele reparative Ansätze, bei denen es um Formen des Empowerment geht, das Verhältnis zur Arbeit, zum Boden und zum Geld ins Zentrum der Auseinandersetzungen.
"Werkzeuge für alle" meint somit die konkrete Selbstermächtigung des Menschen. Auch Leggewie und Bertling zielen mit ihrem Beitrag zu "Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis" in dieselbe Richtung. Deswegen stehen Wissen und Werkzeuge im Zentrum des Projekts The Great Repair. Doch um neu-alte Werkzeuge zu erarbeiten oder zurückzugewinnen, müssen wir zunächst unsere Wissensbestände, unsere epistemologischen Grundlagen infrage stellen - und anerkennen, dass wir im Namen des Fortschritts eine Vielzahl von Wissenswelten, von Zugängen zur Welt verdrängt, marginalisiert und verloren haben. Dazu gehört das Wissen über nachhaltige Materialgewinnung, Bautechniken und Bodennutzung, aber auch die damit verbundene Erfahrung mit Formen der Bewirtschaftung von Gemeingütern. In diesem Sinne führt der Reparaturprozess auch zu einem neuen Verständnis von Territorium und Gesetzen als spezifischen Governance-Instrumenten, durch die unsere - derzeit ungleichen und ungerechten - sozio-ökologischen Systeme reproduziert werden. Wir brauchen angesichts der verheerenden ökologischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieser Fortschrittserzählung dringend ein alternatives Narrativ. Reparatur als Gegenstrategie zur Obsoleszenz könnte zumindest dazu beitragen, den Fortschrittsmotor mit seiner Logik der unablässigen Destruktion und ?Rekonstruktion zu verlangsamen.17
Aus dieser Perspektive muss das Konzept der Reparatur immer wieder gegen das falsche Ideal einer anachronistischen Rückkehr zu vorindustriellen Ökonomien oder zu einem vermeintlich "natürlichen" Zustand verteidigt werden. Nicht zuletzt weil dieser Weg spätestens mit der Veröffentlichung des Club-of-Rome-Berichts Die Grenzen des Wachstums vor genau fünfzig Jahren abgeschnitten war. Allerdings lauern heute in der Vertauschung von beobachteten Wachstumsgrenzen mit den Ursachen der Klimakrise oft neomalthusianische Weltbilder, die vor allem gegen die Entwicklung des Globalen Südens gerichtet werden können. So weist der Sozialgeograf Jason W. Moore darauf hin, dass die ?umfassende Umgestaltung der globalen Natur bereits vor der Erfindung der Dampfmaschine mit der frühneuzeitlichen Eroberung neuer Territorien durch die aufstrebenden europäischen Imperien begann. Diese Produktionssteigerung im "Netz des Lebens" (web of life) drehte sich laut Moore um die Konzeption der "Great Frontiers" und die damit untrennbar verbundenen kolonialen Praktiken der Expansion, Aneignung und Ausbeutung für die Produktion "billiger Natur" (cheap nature). In diesem Sinn richtet sich das Paradigma der Großen Reparatur wie dargelegt nicht per se gegen Technologie, sondern gegen Technologie als Mittel zur Reproduktion von Ungleichheit und zur Ausbeutung der nichtmenschlichen Welt, sowohl auf planetarer als auch auf lokaler Ebene.
Reparatur und Reparation
Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Ausbeutung der "billigen Natur" und der billigen Arbeitskraft des Globalen Südens kann Reparatur im planetaren Maßstab die Mitbedeutung der Reparation nicht außer Acht lassen. Auch wenn die bereits angerichteten sozialen und ökologischen Schäden nicht reparabel sind, geht es beim Thema der Klimagerechtigkeit um die Anerkennung der Verantwortung und das Bemühen um einen Ausgleich zwischen den bisherigen Profiteur*innen des klimaschädigenden Wirtschaftssystems und denjenigen, die von den Folgen der Klimakrise am stärksten betroffen sind. Der Ausgleichsfonds für Klimaschäden für ärmere Länder, den die Weltklimakonferenz COP27 in Scharm el-Scheich trotz ihres Scheiterns verabschiedet hat, ist ein erster Schritt in einen Mechanismus der Reparation. Reparationen für Klimaschäden sind in diesem Zusammenhang jedoch nur ein Beispiel für notwendige Prozesse der Dekolonisierung. The Great Repair strebt, neben der Dekommodifizierung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse wie weiter oben ausgeführt, vor allem die Dekolonisierung der sozialen Beziehungen, einschließlich der gesellschaftlichen Institutionen, als eine umfassendere Form der dekolonialen Reparationsleistung an. Der Begriff ist im Deutschen vor allem im Zusammenhang mit Kriegsentschädigungen gebräuchlich. Diejenige Partei, die Verantwortung für den Krieg trägt und diesen verliert, muss in der Regel Reparationsleistungen zahlen. Allerdings weist Lipp darauf hin, dass beim Thema der Nachhaltigkeit die Kategorien durcheinandergeraten:
Der Begriff von "Reparatur" ist dem martialischen von Reparation verwandt. [.] Die Verlierer müssen zahlen. Aber - paradox, und reparationsgeschichtlich neu - es gibt keine Gewinner. Die Reparation trifft alle. Ihre Währung heißt "Reparatur".18
Politiken der Reparaturgesellschaft
Wir sollten uns jedoch davor hüten, Reparatur als Wert an sich zu verabsolutieren. Nur als politische Kategorie, die Handlung und Aushandlung zugleich umfasst, ist sie sozial wirksam. Was muss wie, mit welchen Werkzeugen repariert werden? Welcher Zustand wird angestrebt? Als Bezugsrahmen für diesen offenen Aushandlungsprozess haben wir sechs Politiken bestimmt, die aus unserer Sicht das Handeln einer Reparaturgesellschaft strukturieren - wobei klar ist, dass dies keine abschließende Aufzählung darstellt.
Suffizienz
Angesichts des Auseinanderklaffens von Ambition und Aktion wird Suffizienz immer wichtiger. Naturgemäß wird sie von der Green-Tech-Ideologie jedoch ausgeblendet. Suffizienz ist nicht das Gegenteil von Effizienz. Vielmehr beschreibt sie - wider die Logik der planetarischen Materialgewinnung und der langen Lieferketten, die die Bauindustrie speisen - die Vision einer materiellen Kultur, in der die Menschheit und insbesondere der Globale Norden mit weniger aus-kommen muss: weniger Energie, weniger Ressourcen, weniger Flächenverbrauch durch einen sorgsamen Umgang mit dem, was bereits da ist. Suffizienz ist zudem nicht zu verwechseln mit Austerität, bei der es um die Reduktion der individuellen Lebensweise zu Lasten der sozial Schwachen geht, sondern ist als gesellschaftliches Planungs- und Governance-Paradigma zu verstehen, das eine Gestaltung der gebauten und unbebauten Umwelt in einer Weise steuert, die ein suffizientes Leben möglich macht. Entscheidend ist dabei auch eine Reterritorialisierung, also die Einbettung von Produktions- und Lieferketten in regionale und lokale Kontexte.
Langlebigkeit
Im Gegensatz zur Nachhaltigkeit, die heute in erster Linie die Übertragung wirtschaftlicher Prinzipien auf die Ökologie bedeutet, geht es bei Langlebigkeit darum, die Lebensdauer und Lebenszyklen von Materialien, Gegenständen und Techniken so lange wie möglich auszudehnen. Recycling fungiert in dieser Perspektive lediglich als Schmiermittel des unhinterfragten produktiven Systems, während Reparieren die Langlebigkeit der Dinge zum Ziel hat. Einen wichtigen Beitrag zum Designdiskurs leistet die Right-to-Repair-Bewegung, die gegen Wegwerfkultur und geplante Obsoleszenz ankämpft. Gleichzeitig verdeutlicht die Realität der zunehmenden Migration, insbesondere der erzwungenen Migration von Klimaflüchtenden, die Notwendigkeit, Unbeständigkeit und Bewegung von Architektur und Siedlungsräumen neu zu denken. Langlebigkeit ist nicht das Gegenteil von Leichtigkeit und Flexibilität.
Care
Reparatur beinhaltet nicht nur die Reparatur von Dingen, sondern auch die Fürsorge für Menschen, nicht-menschliche Lebewesen und Ökosysteme. Sie setzt voraus, dass bislang unsichtbare Arbeit anerkannt wird. Dazu gehören die bisher externalisierten Kosten der häuslichen und reproduktiven Arbeit, aber auch die Arbeit der Natur. Auf der Grundlage dieses erweiterten Verständnisses können "Ökologien der Reparatur" geschaffen werden, die ein Netz menschlicher und nicht-menschlicher Beziehungen spannen.
Wiederaneignung
Die rassistische und koloniale Gewalt, sowohl territorialer als auch kultureller Art, ist eine der unabdingbaren Voraussetzungen für die kapitalistische Produktion von "billiger Natur" (cheap nature), im Globalen Norden wie im Globalen Süden. Sie ist daher aus einem kritischen Klimadiskurs nicht wegzudenken. In diesem Kontext müssen Praktiken der Reparatur die dekoloniale Wiederaneignung des Entwendeten und Entwerteten berücksichtigen. Sie reichen von Objekten über Orte und Territorien bis hin zu kulturellen Praktiken und Epistemen.
Solidarität
Im Zentrum einer Vielzahl von Praktiken der Reparatur steht die Politik der Solidarität. Reparatur wird hier als sozialer Akt verstanden, der das Zusammenleben, das gemeinschaftliche Arbeiten, soziale Eigentumsformen sowie Ökonomien des Gemeinwohls und der geteilten Risiken fördert. Der Schwerpunkt liegt auf der lokalen, städtischen oder kommunalen Ebene, oft jenseits von Markt und Staat. Die Erforschung und Stärkung kleinerer kollaborativer Strukturen und Ökonomien trägt zu ihrer zunehmenden Widerstandsfähigkeit bei, zum Beispiel in Bezug auf die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und die Klimaanpassung.
Pluralität
In dem Bemühen, die gesellschaftlichen Beziehungen zu entkommodifizieren und zu dekolonisieren, problematisiert die Reparaturgesellschaft die Einseitigkeit der technowissenschaftlichen Rationalität und strebt stattdessen nach Pluralität. Damit ist insbesondere das Bestreben gemeint, die Wissensproduktion außerhalb der staatlich und marktwirtschaftlich validierten Wissenskreisläufe zu pluralisieren und sie für unterschiedliche Wissenssysteme und -praktiken zu öffnen. Dazu gehören Praktiken, die auf indigenem, handwerklichem oder bricoleurhaftem Wissen basieren und mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen Probleme lösen. Dadurch wird die Expert*innenposition infrage gestellt und die Akteurskonstellation verändert. Statt auf Neuheit und individuelle Urheberschaft setzt Pluralität auf kollaborative Formen der Wissensproduktion und Selbstermächtigung.
Selbstreparatur
Diese aktuellen Debatten um Repair, Care und Maintenance finden in der Architektur- und Stadtforschung nicht nur großen Widerhall, sondern haben auch das Potential, mit dem spezifischen Reparatur-Wissen der Disziplin andere Diskurse und Praxen zu befruchten. Schließlich sind Strategien der Reparatur seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Repertoires der Architektur. Angefangen bei Leon Battista Albertis Buch Über die Wiederherstellung der Bauwerke19, über die Arts- and Crafts-Bewegung bis hin zu Carlo Scarpas Umgang mit historischer Bausubstanz oder dem as found-Konzept von Alison und Peter Smithson. Von besonderer Bedeutung sind "Instandbesetzungen", die Reparatur mit Aneignungsstrategien von unten kombinierten, sowie Stadtreparatur und andere großmaßstäbliche Planungsprojekte, die unter anderem auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die Folgen der Deindustrialisierung und schrumpfende Städte reagierten.
Bei The Great Repair geht es nicht zuletzt auch um eine Selbstreparatur der Architektur als Disziplin: die Reparatur ihres Arbeitsbegriffs, ihrer Arbeitsprozesse, ihres Verständnisses von Autorschaft, ihres Ausbildungssystems und ihrer Kommunikationsformen. Allerdings handelt es sich längst nicht mehr um die Suche nach einer Inter- oder Transdisziplinarität, bei der die disziplinäre Verortung noch im Vordergrund steht und man, bildlich gesprochen, nach der Überfahrt wieder in den sicheren Hafen der Disziplin zurückkehrt. Eine Selbstreparatur der Disziplin bedeutet jedoch auch nicht die völlige Aufgabe von Verortung. Schließlich hat die feministische Kritik offengelegt, dass wir so frei nicht sind. Wir haben es im kulturellen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bereich stets mit Situiertheiten und Framings zu tun, die uns als Person mehrfach binden. Die Herausforderung der Politiken der Reparaturgesellschaft besteht darin, dass wir aufgrund dieser Situiertheit intersektional denken und handeln müssen, um gesellschaftliche Emanzipation zu erreichen. Wenn die Große Reparatur der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten technischen Unmündigkeit ist, ist die Selbstreparatur der Ausgang der Disziplin aus ihrer selbstverschuldeten sozialen Unmündigkeit.
Das Projekt
The Great Repair ist ein Projekt der ARCH+ gGmbH in Kooperation mit der Akademie der Künste, Berlin, dem Departement für Geographie und Raumplanung der Universität Luxemburg und dem Departement Architektur der ETH Zürich. Das Projekt umfasst zwei ARCH+ Ausgaben sowie ein Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das vom 14. Oktober 2023 bis zum 14. Januar 2024 in der Akademie der Künste, Berlin, stattfinden wird. Die vorliegende Ausgabe dient der theoretischen Einführung, die zweite wird Praktiken der Reparatur vorstellen und zur Eröffnung der Ausstellung am 13. Oktober 2023 als Katalog erscheinen.
Danksagung
Ohne die Unterstützung und das Vertrauen der Akademie der Künste, insbesondere von Johannes Odenthal, dem ehemaligen Programmbeauftragten der Akademie der Künste, Berlin, und seiner Nachfolgerin Johanna M. Keller wäre das Projekt in dieser Tiefe nicht zustande gekommen. Allen Förderern, insbesondere der Kulturstiftung des Bundes und der Wüstenrot Stiftung, allen Autor*innen, Gesprächspartner*innen, Künstler*innen und nicht zuletzt unseren Kolleginnen Marija Maric und Nazlı Tümerdem sowie dem ARCH+ Team, allen voran Nora Dünser und Felix Hofmann, gilt unser aufrichtiger Dank.
Hortensia Völckers sprechen wir unseren tief empfundenen Dank aus. Ohne ihren Mut und ihre Vision von Kultur als gesellschaftliche Herausforderung hätten wir in ihrer nun auslaufenden Amtszeit als künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes solche ambitionierten?Forschungs-, Diskurs- und Ausstellungsvorhaben wie projekt bauhaus, Cohabitation oder The Great Repair nicht umsetzen können.
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1 Vgl. Stefan Krebs, Gabriele Schabacher, Heike Weber (Hg.): Kulturen des ?Reparierens. Dinge - Wissen - Praktiken, Bielefeld 2018, S. 20: "Betrachten wir ?die Beschäftigungsstruktur von Ingenieuren als zentrale Akteure des Technischen, ?so sind die meisten heutigen Ingenieure nicht im Bereich von Entwicklung und ?Konstruktion tätig, sondern in Wartung und Reparatur."
2 Vgl. The World Meteorological Organization: "Temperatures in Europe increase more than twice global average", Pressemitteilung vom 2.11.2022, public.wmo.int/en/media/press-release/temperatures-europe-increase-more-twice-global-average (Stand: 29.11.2022)
3 Wilfried Lipp: "Rettung von Geschichte für die Reparaturgesellschaft im ?21. Jahrhundert. Sub specie conservatoris", in: ICOMOS - Hefte des Deutschen ?Nationalkomitees, Band 21 (1996): Das Denkmal als Altlast? Auf dem Weg in die Reparaturgesellschaft, S. 143-151, hier S. 146
4 Vgl. Wilfried Lipp: "Vom modernen zum postmodernen Denkmalkultus? Aspekte zur Reparaturgesellschaft", in: Ders., Michael Petzet (Hg.): Vom modernen zum postmodernen Denkmalkultus? Denkmalpflege am Ende des 20. Jahrhunderts, 7. Jahrestagung der Bayerischen Denkmalpflege, Passau, 14.-16. Oktober 1993, ?Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Arbeitsheft 69, München 1994, S. 6-12
5 Lipp 1996 (wie Anm. 3), S. 144
6 Ebd., S. 146 f.
7 Siehe Claus Leggewie: Die 89er - Portrait einer Generation, Hamburg 1995
8 Siehe Jürgen Bertling, Claus Leggewie: "Die Reparaturgesellschaft. Ein ?Beitrag zur großen Transformation?", in: Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller, Karin Werner (Hg.): Die Welt reparieren - Open Source und Selbermachen als ?postkapitalistische Praxis, Bielefeld 2016, S. 275-286
9 Karl Polanyi: The Great Transformation - Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen (1944), übers. v. Heinrich Jelinek, Frankfurt a. M. 1978
10 Ebd., S. 88 f.
11 Bertling, Leggewie 2016 (wie Anm. 8), S. 276
12 Karl Marx: Das Kapital, Band I, MEW Band 23, S. 742
13 Siehe Yoshiharu Tsukamoto, Siena Hirao: "Lernen im Feld: Die Satoyama School of Design", in: ARCH+ 249: Learning Spaces (September 2022), S. 196-203
14 Ein Claim, den Tsukamoto im Gespräch mit den Kurator*innen erhoben ?hat und gemeinsam mit Momoyo Kaijima für ihren geplanten Ausstellungsbeitrag für ?The Great Repair ausarbeiten wird.
15 Polanyi 1978 (wie Anm. 9), S. 70
16 Ebd., S. 107
17 Vgl. Daniel M. Abramson: Obsolescence - An Architectural History, ?Chicago/London 2016
18 Lipp 1996 (wie Anm. 3), S. 148
19 Leon Battista Alberti: "Zehntes Buch: Über die Wiederherstellung der ?Bauwerke", in: Zehn Bücher über die Baukunst, übersetzt und hg. von Max Theuer, Darmstadt 1991 (Nachdruck der 1. Auflage von 1912), S. 523 ff.
Editorial
More details
Language
German
Place of publication
Berlin
Germany
Target group
Adult education
Professional and scholarly
College/higher education
Architektur, Klimakrise, Instandbesetzung
Edition type
New edition
Illustrations
Ca. 90 farbige, 50 s/w Abbildungen
Dimensions
Height: 29.7 cm
Width: 23.5 cm
Weight
850 gr
ISBN-13
978-3-931435-73-8 (9783931435738)
Schweitzer Classification
Person
Kader Attia
(* 1970) ist Künstler und erforscht in seiner Arbeit die weitreichenden Auswirkungen der westlichen Kulturhegemonie und des Kolonialismus. Dabei spielen die Konzepte der Verletzung und Reparatur eine zentrale Rolle. Diese nutzt er, um verschiedene Wissensbestände - darunter Architektur, Musik, Psychoanalyse, Medizinwissenschaften, traditionelle Heilmethoden und spirituelle Glaubenssätze - zu verbinden. Reparatur bedeutet in seiner multimedialen Praxis nicht die Rückkehr zu einem intakten Zustand, sondern die Sichtbarmachung immaterieller Narben der psychischen Verletzungen. Dieser Ansatz ist von der Erfahrung des Künstlers geprägt, zwischen Algerien und den Pariser Banlieues aufzuwachsen. 2022 war Attia Kurator der Berlin Biennale.
Nitin Bathla
(* 1986) ist Dozent und Postdoktorand am Departement Architektur der ETH Zürich, wo er das Promotionsprogramm des Instituts für Landschaft und Urbane Studien koordiniert. Er lehrt Urban Studies und Politische Ökologie und widmet seine Forschung aktuell Agrarfragen im planetaren Zeitalter. Bathla verbindet akademische Forschung mit künstlerischen Praktiken wie ?Filmemachen und sozial engagierter Kunst. Sein Film Not Just Roads (2020, mit Klearjos E. Papanicolaou) wurde bei mehreren wichtigen Filmfestivals gezeigt und 2022 mit dem SAH Film Award ausgezeichnet.
Anton Brokow-Loga
(* 1992) ist Politikwissenschaftler und Urbanist. ?Er beschäftigt sich in Forschung und Lehre am Lehrstuhl für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung der ?Bauhaus-Universität Weimar mit Postwachstums- und Demokratisierungspolitiken in der Stadtplanung. In ?seiner Dissertation forscht er zu translokaler Klimapolitik im Zeichen des Klimanotstands. Zudem ist er Teil des I.L.A. Kollektivs und seit 2019 Mitglied des Stadtrats der Stadt Weimar. 2021 publizierte er mit Frank Eckardt Stadtpolitik für alle - Städte zwischen Pandemie und Transformation. 2023 erscheint sein Buch Corona und die Stadt - Beteiligungskultur in der Krise?.
Pierre Caye
ist Philosoph und seit 2011 Leiter des Centre Jean Pépin an der École Normale Supérieure in Villejuif. In seiner Forschung beschäftigt er sich u. a. mit Umweltfragen und Architektur, insbesondere mit Vitruvs De architectura und der Architekturtheorie im humanistischen und klassischen Zeitalter. Er ist Preisträger der Académie française (1996) sowie der Académie des sciences morales et politiques (2009) und Autor zahlreicher Bücher, darunter Durer - Éléments pour la transformation du système productif (2020) und Critique ?de la destruction créatrice - Humanisme et production ?(2015).
Eli Clare
(* 1963) ist Autor und Social Justice Trainer. Er veröffentlichte u. a. die Aufsatzsammlungen Brilliant Imperfection - Grappling with Cure (????) und Exile and Pride - Disability, Queerness, and Liberation (1999) sowie den Gedichtband The Marrow's Telling - Words in Motion (2007). Er ist Mitglied des Community Advisory Board für das Disability Project am Transgender Law Center in Oakland. 2020 war er Disability Futures Fellow der Ford Foundation und Andrew W. Mellon Foundation.
Charlotte Grace
beschäftigt sich mit den sozioräumlichen Dimensionen von feministischen (und) dekolonialen Bewegungen und entwickelt Methoden und solidarische Praktiken, die diese unterstützen. Grace leitet den Theoriebereich Embodied Knowledges and Urban Struggles des City Design-Masterprogramms des Royal College of Art in London. Sie promoviert mit einer Arbeit über die fortwährende Revolution in Rojava, Kurdistan, und deren Streben nach einer Neugestaltung sozialer und räumlicher Subjektivitäten.
Katrin Großmann
(* 1972) ist seit 2014 Professorin für Stadt- und Raumsoziologie an der FH Erfurt, zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie. Sie forscht zu unterschiedlichen ?Fragen nachhaltiger und gerechter Stadtentwicklung mit Schwerpunkten auf Energie und soziale Ungleichheit, Quartiersentwicklung, residentielle Segregation und sozialen Zusammenhalt, demografischen Wandel und Zuwanderung.
Florian Hertweck
(* 1975) ist Architekt und Stadtforscher. Seit 2016 ist er ordentlicher Professor an der Universität Luxemburg, wo er den Masterstudiengang Architektur leitet, und Partner im Studio Hertweck Architecture Urbanism. 2018 kuratierte er mit Andrea Rumpf den Luxemburgischen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und gab zuletzt Architektur auf gemeinsamem Boden - Positionen und Modelle zur Bodenfrage (2020) heraus. Er ist Co-Kurator von The Great Repair.
Santiago del Hierro
(* 1980) ist Architekt und Forscher. Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Geopolitik des Anden-Amazonas-Gebiets. Er ist Doktorand an der ETH Zürich und forscht derzeit zu potentiellen Zusammenhängen zwischen interkultureller Bildung und Waldschutz. Del Hierro absolvierte als Fulbrightstipendiat das Masterprogramm für Architektur an der Yale University. 2009 bis 2010 war er Design Researcher an der Jan van Eyck Academie in Maastricht und 2011 bis 2017 lehrte er an der Pontificia Universidad Católica del Ecuador, wo ?er das Masterprogramm Urban and Territorial Design entwickelte und koordinierte.
Christian Hiller
(* 1975) ist Medienwissenschaftler, Kurator und Publizist. Er realisierte internationale Ausstellungs-, ?Veranstaltungs- und Forschungsprojekte und veröffentlichte zahlreiche Publikationen an den Schnittstellen von Architektur, Urbanismus, Kunst und Medien, darunter projekt bauhaus, An Atlas of Commoning - Orte des Gemeinschaffens und Cohabitation. Für ARCH+ ist er seit 2016 als Redakteur tätig und leitet die Forschungs- und Ausstellungsprojekte. Er ist Co-Kurator von The Great Repair und 2023 Co-Kurator des Deutschen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig.
Hollyamber Kennedy
ist Gastdozentin und Senior Postdoctoral Fellow am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich. Sie promovierte in Architekturgeschichte und -theorie an der Columbia University, New York. Fokus ihrer Forschungsarbeit sind Rechts-, Umwelt- und Migrationsgeschichten der Landbesiedlung ehemals kolonisierter Gebiete. Kennedy leitet die Arbeitsgruppe Architectural and Landscape Histories ?of Internal Colonization und ist Mitglied des Forschungskollektivs Insurgent Domesticities.
Stefan Krebs
(* 1973) ist Assistenzprofessor für Zeitgeschichte am Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C2DH). Er studierte Geschichte, Politische ?Wissenschaft und Philosophie an der RWTH Aachen und der Aix-Marseille Université. Nach Stationen an der TU Eindhoven und der Maastricht University arbeitet er seit 2017 am C2DH, wo er das vom Luxembourg National Research Fund (FNR) geförderte Projekt Repairing Technology - Fixing Society? leitet. Er ist u. a. Mitherausgeber von Kulturen des Reparierens: Dinge - Wissen - Praktiken (2018) und The Persistence of Technology - Histories of Repair, Reuse and Disposal (2021).
Markus Krieger
(* 1993) ist ARCH+ Redakteur und Co-Kurator ?des Ausstellungs- und Publikationsprojekts The Great Repair. 2020 schloss er sein Studium am Architekturdepartement der ETH Zürich mit Auszeichnung ab.
Silke Langenberg
(* 1974) ist Professorin für Konstruktionserbe ?und Denkmalpflege am Departement Architektur der ETH Zürich. Ihre Professur ist neben dem Institut für Denkmalpflege und Bauforschung auch dem Institut für ?Technologie in der Architektur zugehörig. Langenberg beschäftigt sich in Forschung und Lehre bereits seit Jahren mit dem Thema der Reparatur und Reparaturfähigkeit im Bauwesen. 2018 erschien ihre Publikation Reparatur - Anstiftung zum Denken und Machen, 2022 der Fortsetzungsband Upgrade - Making Things Better.
Wilfried Lipp
(* 1945) ist Denkmalpfleger und Kunsthistoriker. Er war von 1992 bis 2010 Landeskonservator Oberösterreichs und stand ICOMOS Österreich 2002 bis ?2018 als Präsident vor. Lipp war Honorarprofessor am Institut für Kunstwissenschaft und Philosophie der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Seit den 1990er-Jahren stehen Fragen der gesellschaftlichen Relevanz der Denkmalpflege und der Aktualisierung ?tradierter Denkmalwerte im Zentrum seiner Arbeit. ?1993 prägte er den Begriff der Reparaturgesellschaft.
Andreas Malm
(* 1977) forscht an der Universität Lund in Schweden am Institut für Humanökologie und engagiert sich seit fast 20 Jahren in der Klimagerechtigkeitsbewegung. Im Frühjahr 2020 war er als Gastforscher am Center for Humanities und Social Change in Berlin. Er ?ist Teil des Zetkin Collective, das sich mit der politischen Ökologie der extremen Rechten befasst.
Charlotte Malterre-Barthes
ist Architektin, Stadtplanerin und Assistenzprofessorin für Architektur und Stadtplanung an der EPFL in Lausanne. Zuvor war sie Assistenzprofessorin an der Harvard Graduate School of Design. Sie beschäftigt sich mit zeitgenössischer Urbanisierung, Ressourcenabbau, Klimakrise und ökologischer/sozialer Ungerechtigkeit. Im Jahr 2020 rief sie die Initiative "A Global Moratorium on New Construction" ins Leben. Sie ist Gründungsmitglied der aktivistischen Netzwerke Parity Group und Parity Front, promovierte an der ETH Zürich über die politische Ökonomie von Verbrauchsgütern ?in der gebauten Umwelt und leitete dort das Masterprogramm für Urban Design.
Panos Mantziaras
(* 1967) ist Architekt und promovierte im Bereich Stadtplanung und Städtebau. Von 2010 bis 2015 war er Leiter des Büros für Architektur-, Stadt- und Landschaftsforschung des französischen Ministeriums für Kultur und Kommunikation. Seit 2015 ist er Direktor ?der Fondation Braillard Architectes in Genf, mit deren ?Forschungsprogramm The Eco-Century Project® er die internationalen Ideenwettbewerbe für den Großraum Genf (2017-2019) und für Luxemburg (2020-2022) begleitete. Mantziaras berät Städte und Regierungen ?in Fragen der ökologischen Transformation.
Elke Marhöfer
(* 1967) ist Künstlerin und arbeitet vorwiegend im filmischen Medium, mit dem sie ökologische Praktiken, die menschliche und nicht-menschliche Gemeinschaften stützen, erforscht. Ihre Arbeit wurde auf zahlreichen Festivals und in Ausstellungen gezeigt, darunter ?transmediale, BFI-Film Festival London, Berlinale, ?International Film Festival Rotterdam, Courtisane Festival Gent, Images Festival Toronto, Berlinische Galerie, ?Biennale of Urbanism Shenzhen, Badischer Kunstverein, Kyiv Biennial, Palais de Tokyo Paris und Jeu de Paume.
Marija Maric
(* 1986) ist Architektin, Forscherin und Kuratorin. Sie ist Postdoktorandin an der Universität Luxemburg, wo sie im Masterprogramm für Architektur unterrichtet. 2020 promovierte sie am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich mit einer Arbeit über die Rolle von Medienstrateg*innen in der Kommunikation, Gestaltung und Globalisierung von urbanen Projekten. 2023 ist Maric Co-Kuratorin des Luxemburgischen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig.
Metaxia Markaki
ist Architektin und Stadtplanerin. Derzeit promoviert sie am Institut für Landschaft und Urbane Studien der ETH Zürich mit einer Arbeit über die Urbanisierung peripherer Landschaften in Griechenland. Sie unterrichtete am Lehrstuhl von Herzog & de Meuron am ETH Studio Basel und Harvard GSD, und am Lehrstuhl Architecture of Territory von Milica Topalovic an der ETH Zürich. ?Sie ist Co-Autorin des Buchs achtung: die Landschaft (2015). 2019 gewann ihr Team für Landscape ?In-Between bei Europan15 den ersten Preis. 2022 ?organisierte sie die Schreibwerkstatt Tentacular Writing mit. Markaki ist Teil des kollaborativen Entwurfsstudios ThatStudio in Athen und Zürich.
Markus Miessen
(* 1978) ist Architekt und Professor an der ?Universität Luxemburg, wo er den Lehrstuhl für Urbane Regeneration innehat. Er promovierte bei Eyal Weizman am Goldsmiths, University of London. Miessen lehrte ?an der AA in London und hatte Professuren an der ?Städelschule in Frankfurt, der University of Southern California in Los Angeles sowie der HDK-Valand ?Academy of Art and Design in Göteborg. Außerdem ?war er Harvard GSD Fellow. Neben einer Vielzahl von Publikationen ist er Autor der in acht Sprachen übersetzten Bücher The Nightmare of Participation (2010) und Crossbenching (????) sowie mit Nikolaus Hirsch Herausgeber der Buchreihe Critical Spatial Practice.
Richard Misrach
(* 1949) ist Fotograf. Er wurde bekannt für seine seit ???? fortlaufende Serie Desert Cantos, in der er die komplexe Beziehung der Menschen zu ihren Lebensräumen untersucht. Das Kapitel Border Cantos, eine Zusammenarbeit mit dem experimentellen Komponisten Guillermo Galindo, zeigt die ungesehenen Realitäten ?der US-mexikanischen Grenzgebiets. In den jüngsten Kapiteln, Premonitions und The Writing on the Wall, dokumentierte Misrach wütende und unheilverkündende Graffiti auf verlassenen Gebäuden in Kalifornien als ?Ausdruck des höchst aufgeladenen politischen Klimas vor und während der Präsidentschaftswahlen 2016.
Jason W. Moore
(* 1971) ist Umwelthistoriker und Historischer Geograf. Er ist Professor für Soziologie an der Binghamton University, NY, und leitet dort das World-Ecology Research Collective. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Beziehung von Kapitalismus und Umwelt, insbesondere im Hinblick auf ihre historische Entwicklung und die aktuelle Krise. Er ist Autor von Capitalism in the Web of Life (????) und A History of the World in Seven Cheap Things (???8, mit Raj Patel).
Alex Nehmer
(* 1989) ist Redakteurin von ARCH+. Sie studierte Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu ?Berlin und am Department of Visual Cultures des ?Goldsmiths, University of London. 2015 bis 2016 arbeitete sie für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin an der Publikationsreihe zur Ausstellung Wohnungsfrage, 2019/20 lehrte sie im Studiengang Kultur der Metropole an der HafenCity Universität Hamburg. Sie ist ?Co-Kuratorin von The Great Repair, zuvor hat sie das Projekt Cohabitation mitkuratiert.
Anh-Linh Ngo
(* 1974) ist Architekt, Autor und Mitherausgeber von ARCH+. Er ist Co-Kurator von The Great Repair, zuvor war er u. a. Co-Kurator der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekte projekt bauhaus (2015-2019) und Cohabitation (2021-2022). 2010-2016 war er Mitglied des Kunstbeirats des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), für das er die Tourneeausstellungen An Atlas of Commoning - Orte des Gemeinschaffens (2018) und Post-Oil City (2009) entwickelte und ?co-kuratierte. Aktuell ist er Mitglied des Kuratoriums der IBA 2027 StadtRegion Stuttgart, des Kuratoriums der Akademie Schloss Solitude sowie des Beirats des ?Goethe-Instituts. Seit 2022 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin. 2023 ist er Co-Kurator des Deutschen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig.
Sarah Nichols
ist Assistenzprofessorin für Architektur an der EPFL in Lausanne und dort Leiterin des Labors Theory of Environment and Materials in Architecture (THEMA). In ihrer wissenschaftlichen Arbeit untersucht sie die ökologischen und politischen Verflechtungen im Bauwesen mit Fokus auf das Baumaterial. Die von ihr wissenschaftlich konzipierte Ausstellung Beton war 2021/22 im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel zu sehen. Derzeit arbeitet Nichols an dem Buch Opération Béton - Constructing Concrete in Switzerland, das auf ihrer, mit einer ETH-Medaille ausgezeichneten, Dissertation basiert.
Raj Patel
(* 1972) ist Autor, Filmemacher und Forscher. ?Er ist Research Professor der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs der University of Texas, Austin. Er studierte an der University of Oxford, London School of Economics und Cornell University, arbeitete für die Weltbank und die WTO und protestierte weltweit gegen die letzteren. Er ist u. a. Autor der Bücher A History of the World in Seven Cheap Things (2018, mit Jason W. Moore) und Inflamed - Deep Medicine and The Anatomy of Injustice (2021, mit Rupa Marya).
Pluritext-Autor*innen
Antonia Agreda ist Bildungsbeauftragte des Cities Two Areal der Inga. Sie lebt in Bogotá. Liliana Armero ist Beraterin der Universidad Biocultural ?Indígena Panamazónica (AWAI) in der Region Nariño. Sie lebt in Piamonte, Cauca. Pablo Cuchalá ist Berater der AWAI in der mittleren und unteren Putumayo-Region. Er lebt in Villagarzón, Putumayo. Agripina Garreta ist Bildungsbeauftrage für die mittlere und untere Putumayo-Region. Sie lebt in Mocoa, Putumayo. Álvaro Hernández Bello ist Doktorand an der National University of Colombia. Er lebt in Bogotá. Yeni Yolanda Jacanamijoy ist Bildungsbeauftragte für die Regionen Yunguillo und Media Bota Caucana. Sie lebt in Yunguillo, Putumayo.?Pedro Jajoy ist Berater der AWAI in der oberen ?Putumayo-Region. Er lebt in Colón, Putumayo. Mariela Pujimuy ist Bildungsbeauftragte für die Nariño-Region. Sie lebt zwischen Bucaramanga und Aponte.
Bas Princen
(* 1975) ist Künstler und Fotograf. Er wurde als Industriedesigner an der Design Academy Eindhoven ausgebildet und studierte später Architektur am Berlage Institute in Rotterdam. Seitdem konzentriert sich seine Arbeit durch die Verwendung von Fotografie auf städtische Landschaften im Wandel, wobei er die verschiedenen Formen, Ergebnisse und Vorstellungen des sich verändernden städtischen Raums untersucht.
Andrew L. Russell
(* 1975) ist Dekan des College of Arts & Sciences am SUNY Polytechnic Institute in Utica und Albany, New York. Er schreibt über Technologie, Instandhaltung, Standards und die Geschichte des Internets. Russell ist Autor von The Innovation Delusion - How Our Obsession with the New Has Disrupted the Work That Matters Most (2020, mit Lee Vinsel) und Circuits, Packets, and ?Protocols - Entrepreneurs and Computer Communications, 1968-1988 (????, mit James L. Pelkey und Loring G. Robbins).
Dubravka Sekulic
ist Architektin und Autorin. Sie ist Senior Tutor am Royal College of Art in London und war zuvor vier Jahre Assistenzprofessorin am IZK - Institut für Zeitgenössische Kunst der TU Graz. In ihrer Dissertation am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich befasste sie sich mit der politischen Ökonomie der Bewegung der Blockfreien Staaten am Beispiel ?des jugoslawischen Bauunternehmens Energoprojekt. Sekulic ist Autorin des Buchs Glotzt Nicht so Romantisch! On Extralegal Space in Belgrade (2012) und des Films Don't Trace, Draw! (2020, mit Ana Husman). Curriculum Revolution initiierte sie 2019 gemeinsam mit Charlotte Malterre-Barthes.
Olúfémi O. Táíwò
ist Associate Professor für Philosophie an der Georgetown University in Washington DC. Er promovierte an der University of California in Los Angeles. Seine ?theoretische Arbeit stützt sich u. a. auf die Black Radical Tradition, auf anti-koloniale Ideen und aktivistische Denker*innen. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel, u. a. über den Zusammenhang von Klimagerechtigkeit und Kolonialismus, in The New Yorker, The Nation, Boston Review, Dissent, The Appeal, Slate, Al Jazeera, The New Republic, Aeon und Foreign Policy. Er ist Autor von Elite Capture (2022) und Reconsidering Reparations (2022).
Paulo Tavares
(* 1980) ist Architekt, Autor und Dozent. Seine medienübergreifende, oft kollaborative Praxis zielt auf Umweltgerechtigkeit und gegenhegemoniale Narrative in der Architektur und visuellen Kultur. Tavares' Arbeit wurde in diversen Publikationen und Ausstellungen weltweit präsentiert, darunter im Harvard Design Magazine, The Architectural Review, der Oslo Architecture Triennale, Istanbul Design Biennial und der Kunstbiennale in São Paulo. Er ist Autor mehrerer Bücher, in denen er das koloniale Erbe der Moderne hinterfragt, zuletzt ?Des-Habitat (2019), Lucio Costa era Racista? (2022) ?und Derechos No-Humanos (2022). Tavares gründete 2017 autonoma, eine Plattform für Stadtforschung und urbane Interventionen. 2019 war er Co-Kurator der ?Chicago Architecture Biennial.
Oxana Timofeeva
ist Professorin am Center for Philosophy "Stasis" der European University in St. Petersburg und Mitglied des Künstler*innenkollektivs Chto Delat. Zu ihren Publikationen zählen Solar Politics (2022), Eto ne to [Dies ist nicht Jenes] (auf Russisch, 2022), How to Love a Homeland (2020, dt. Heimat - Eine Gebrauchsanweisung, 2022), History of Animals (2018) und Introduction to the Erotic Philosophy of Georges Bataille (auf Russisch, 2009).
Milica Topalovic
ist außerordentliche Professorin für Architektur und Territorialplanung am Architekturdepartement der ETH Zürich. Sie untersucht Gebiete jenseits der Stadt und die Transformationsprozesse, denen diese durch Kapitalbewegungen, soziale Umstrukturierungen und Umweltveränderungen ausgesetzt sind. Mit der ?Forschungsgruppe Architecture of Territory führte sie weltweit eine Reihe von Territorialstudien in entlegenen Regionen, im ressourcenreichen Hinterland und in ländlichen Gegenden durch, um die Ansätze der Architektur in Bezug auf die Stadt, die Urbanisierung und ?das Urbane zu dezentrieren und ökologisieren. Sie ist Co-Kuratorin von The Great Repair.
Nazlı Tümerdem
ist Architektin und Forscherin. Sie studierte an der Istanbul Technical University und der Istanbul Bilgi University. 2018 promovierte sie mit der Arbeit Istanbul Walkabouts - A Critical Walking Study of Northern Istanbul an der Istanbul Technical University. In diesem Kontext entstand im öffentlichen Raum auch das performative Projekt Istanbul Walkabouts. Seit 2019 ist sie mit dem Bundes-Exzellenz-Stipendium der Schweizerischen ?Eidgenossenschaft Postdoktorandin am Lehrstuhl Architektur und Territorialplanung der ETH Zürich.
UVW-SAW
United Voices of the World - Section of Architectural Workers ist eine 2019 gegründete Gewerkschaft von Architekturschaffenden in Großbritannien. SAW engagiert sich gegen die negativen Auswirkungen von Architekturarbeit auf Arbeiter*innen, Gemeinschaften und die Umwelt. Ihre Mitglieder organisieren sich gegen Überarbeitung, Unterbezahlung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, toxische Arbeitskulturen, Diskriminierung und unethische Praktiken.
Iván Darío Vargas Roncancio
(* 1984) ist Anwalt und promovierte in Natural Resource Sciences. Er ist Postdoktorand (Leadership for the Ecozoic) und Assoziierter Direktor des Centre for Indigenous Conservation and Development Alternatives (CICADA) an der McGill University in Montreal, Kanada. Er ist Mitglied eines Teams von Wissenschaftler*innen, die die von den Inga in Kolumbien geleitete Universidad Biocultural Indígena Panamazónica unterstützen. Vargas Roncancio veröffentlichte Artikel zum Earth Law und den Rechten der Natur, zu indigenen Rechtstraditionen und Kosmologien im Amazonas-Gebiet, der Anthropologie der Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen und kritischer Pädagogik.
(* 1970) ist Künstler und erforscht in seiner Arbeit die weitreichenden Auswirkungen der westlichen Kulturhegemonie und des Kolonialismus. Dabei spielen die Konzepte der Verletzung und Reparatur eine zentrale Rolle. Diese nutzt er, um verschiedene Wissensbestände - darunter Architektur, Musik, Psychoanalyse, Medizinwissenschaften, traditionelle Heilmethoden und spirituelle Glaubenssätze - zu verbinden. Reparatur bedeutet in seiner multimedialen Praxis nicht die Rückkehr zu einem intakten Zustand, sondern die Sichtbarmachung immaterieller Narben der psychischen Verletzungen. Dieser Ansatz ist von der Erfahrung des Künstlers geprägt, zwischen Algerien und den Pariser Banlieues aufzuwachsen. 2022 war Attia Kurator der Berlin Biennale.
Nitin Bathla
(* 1986) ist Dozent und Postdoktorand am Departement Architektur der ETH Zürich, wo er das Promotionsprogramm des Instituts für Landschaft und Urbane Studien koordiniert. Er lehrt Urban Studies und Politische Ökologie und widmet seine Forschung aktuell Agrarfragen im planetaren Zeitalter. Bathla verbindet akademische Forschung mit künstlerischen Praktiken wie ?Filmemachen und sozial engagierter Kunst. Sein Film Not Just Roads (2020, mit Klearjos E. Papanicolaou) wurde bei mehreren wichtigen Filmfestivals gezeigt und 2022 mit dem SAH Film Award ausgezeichnet.
Anton Brokow-Loga
(* 1992) ist Politikwissenschaftler und Urbanist. ?Er beschäftigt sich in Forschung und Lehre am Lehrstuhl für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung der ?Bauhaus-Universität Weimar mit Postwachstums- und Demokratisierungspolitiken in der Stadtplanung. In ?seiner Dissertation forscht er zu translokaler Klimapolitik im Zeichen des Klimanotstands. Zudem ist er Teil des I.L.A. Kollektivs und seit 2019 Mitglied des Stadtrats der Stadt Weimar. 2021 publizierte er mit Frank Eckardt Stadtpolitik für alle - Städte zwischen Pandemie und Transformation. 2023 erscheint sein Buch Corona und die Stadt - Beteiligungskultur in der Krise?.
Pierre Caye
ist Philosoph und seit 2011 Leiter des Centre Jean Pépin an der École Normale Supérieure in Villejuif. In seiner Forschung beschäftigt er sich u. a. mit Umweltfragen und Architektur, insbesondere mit Vitruvs De architectura und der Architekturtheorie im humanistischen und klassischen Zeitalter. Er ist Preisträger der Académie française (1996) sowie der Académie des sciences morales et politiques (2009) und Autor zahlreicher Bücher, darunter Durer - Éléments pour la transformation du système productif (2020) und Critique ?de la destruction créatrice - Humanisme et production ?(2015).
Eli Clare
(* 1963) ist Autor und Social Justice Trainer. Er veröffentlichte u. a. die Aufsatzsammlungen Brilliant Imperfection - Grappling with Cure (????) und Exile and Pride - Disability, Queerness, and Liberation (1999) sowie den Gedichtband The Marrow's Telling - Words in Motion (2007). Er ist Mitglied des Community Advisory Board für das Disability Project am Transgender Law Center in Oakland. 2020 war er Disability Futures Fellow der Ford Foundation und Andrew W. Mellon Foundation.
Charlotte Grace
beschäftigt sich mit den sozioräumlichen Dimensionen von feministischen (und) dekolonialen Bewegungen und entwickelt Methoden und solidarische Praktiken, die diese unterstützen. Grace leitet den Theoriebereich Embodied Knowledges and Urban Struggles des City Design-Masterprogramms des Royal College of Art in London. Sie promoviert mit einer Arbeit über die fortwährende Revolution in Rojava, Kurdistan, und deren Streben nach einer Neugestaltung sozialer und räumlicher Subjektivitäten.
Katrin Großmann
(* 1972) ist seit 2014 Professorin für Stadt- und Raumsoziologie an der FH Erfurt, zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie. Sie forscht zu unterschiedlichen ?Fragen nachhaltiger und gerechter Stadtentwicklung mit Schwerpunkten auf Energie und soziale Ungleichheit, Quartiersentwicklung, residentielle Segregation und sozialen Zusammenhalt, demografischen Wandel und Zuwanderung.
Florian Hertweck
(* 1975) ist Architekt und Stadtforscher. Seit 2016 ist er ordentlicher Professor an der Universität Luxemburg, wo er den Masterstudiengang Architektur leitet, und Partner im Studio Hertweck Architecture Urbanism. 2018 kuratierte er mit Andrea Rumpf den Luxemburgischen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und gab zuletzt Architektur auf gemeinsamem Boden - Positionen und Modelle zur Bodenfrage (2020) heraus. Er ist Co-Kurator von The Great Repair.
Santiago del Hierro
(* 1980) ist Architekt und Forscher. Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Geopolitik des Anden-Amazonas-Gebiets. Er ist Doktorand an der ETH Zürich und forscht derzeit zu potentiellen Zusammenhängen zwischen interkultureller Bildung und Waldschutz. Del Hierro absolvierte als Fulbrightstipendiat das Masterprogramm für Architektur an der Yale University. 2009 bis 2010 war er Design Researcher an der Jan van Eyck Academie in Maastricht und 2011 bis 2017 lehrte er an der Pontificia Universidad Católica del Ecuador, wo ?er das Masterprogramm Urban and Territorial Design entwickelte und koordinierte.
Christian Hiller
(* 1975) ist Medienwissenschaftler, Kurator und Publizist. Er realisierte internationale Ausstellungs-, ?Veranstaltungs- und Forschungsprojekte und veröffentlichte zahlreiche Publikationen an den Schnittstellen von Architektur, Urbanismus, Kunst und Medien, darunter projekt bauhaus, An Atlas of Commoning - Orte des Gemeinschaffens und Cohabitation. Für ARCH+ ist er seit 2016 als Redakteur tätig und leitet die Forschungs- und Ausstellungsprojekte. Er ist Co-Kurator von The Great Repair und 2023 Co-Kurator des Deutschen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig.
Hollyamber Kennedy
ist Gastdozentin und Senior Postdoctoral Fellow am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich. Sie promovierte in Architekturgeschichte und -theorie an der Columbia University, New York. Fokus ihrer Forschungsarbeit sind Rechts-, Umwelt- und Migrationsgeschichten der Landbesiedlung ehemals kolonisierter Gebiete. Kennedy leitet die Arbeitsgruppe Architectural and Landscape Histories ?of Internal Colonization und ist Mitglied des Forschungskollektivs Insurgent Domesticities.
Stefan Krebs
(* 1973) ist Assistenzprofessor für Zeitgeschichte am Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C2DH). Er studierte Geschichte, Politische ?Wissenschaft und Philosophie an der RWTH Aachen und der Aix-Marseille Université. Nach Stationen an der TU Eindhoven und der Maastricht University arbeitet er seit 2017 am C2DH, wo er das vom Luxembourg National Research Fund (FNR) geförderte Projekt Repairing Technology - Fixing Society? leitet. Er ist u. a. Mitherausgeber von Kulturen des Reparierens: Dinge - Wissen - Praktiken (2018) und The Persistence of Technology - Histories of Repair, Reuse and Disposal (2021).
Markus Krieger
(* 1993) ist ARCH+ Redakteur und Co-Kurator ?des Ausstellungs- und Publikationsprojekts The Great Repair. 2020 schloss er sein Studium am Architekturdepartement der ETH Zürich mit Auszeichnung ab.
Silke Langenberg
(* 1974) ist Professorin für Konstruktionserbe ?und Denkmalpflege am Departement Architektur der ETH Zürich. Ihre Professur ist neben dem Institut für Denkmalpflege und Bauforschung auch dem Institut für ?Technologie in der Architektur zugehörig. Langenberg beschäftigt sich in Forschung und Lehre bereits seit Jahren mit dem Thema der Reparatur und Reparaturfähigkeit im Bauwesen. 2018 erschien ihre Publikation Reparatur - Anstiftung zum Denken und Machen, 2022 der Fortsetzungsband Upgrade - Making Things Better.
Wilfried Lipp
(* 1945) ist Denkmalpfleger und Kunsthistoriker. Er war von 1992 bis 2010 Landeskonservator Oberösterreichs und stand ICOMOS Österreich 2002 bis ?2018 als Präsident vor. Lipp war Honorarprofessor am Institut für Kunstwissenschaft und Philosophie der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Seit den 1990er-Jahren stehen Fragen der gesellschaftlichen Relevanz der Denkmalpflege und der Aktualisierung ?tradierter Denkmalwerte im Zentrum seiner Arbeit. ?1993 prägte er den Begriff der Reparaturgesellschaft.
Andreas Malm
(* 1977) forscht an der Universität Lund in Schweden am Institut für Humanökologie und engagiert sich seit fast 20 Jahren in der Klimagerechtigkeitsbewegung. Im Frühjahr 2020 war er als Gastforscher am Center for Humanities und Social Change in Berlin. Er ?ist Teil des Zetkin Collective, das sich mit der politischen Ökologie der extremen Rechten befasst.
Charlotte Malterre-Barthes
ist Architektin, Stadtplanerin und Assistenzprofessorin für Architektur und Stadtplanung an der EPFL in Lausanne. Zuvor war sie Assistenzprofessorin an der Harvard Graduate School of Design. Sie beschäftigt sich mit zeitgenössischer Urbanisierung, Ressourcenabbau, Klimakrise und ökologischer/sozialer Ungerechtigkeit. Im Jahr 2020 rief sie die Initiative "A Global Moratorium on New Construction" ins Leben. Sie ist Gründungsmitglied der aktivistischen Netzwerke Parity Group und Parity Front, promovierte an der ETH Zürich über die politische Ökonomie von Verbrauchsgütern ?in der gebauten Umwelt und leitete dort das Masterprogramm für Urban Design.
Panos Mantziaras
(* 1967) ist Architekt und promovierte im Bereich Stadtplanung und Städtebau. Von 2010 bis 2015 war er Leiter des Büros für Architektur-, Stadt- und Landschaftsforschung des französischen Ministeriums für Kultur und Kommunikation. Seit 2015 ist er Direktor ?der Fondation Braillard Architectes in Genf, mit deren ?Forschungsprogramm The Eco-Century Project® er die internationalen Ideenwettbewerbe für den Großraum Genf (2017-2019) und für Luxemburg (2020-2022) begleitete. Mantziaras berät Städte und Regierungen ?in Fragen der ökologischen Transformation.
Elke Marhöfer
(* 1967) ist Künstlerin und arbeitet vorwiegend im filmischen Medium, mit dem sie ökologische Praktiken, die menschliche und nicht-menschliche Gemeinschaften stützen, erforscht. Ihre Arbeit wurde auf zahlreichen Festivals und in Ausstellungen gezeigt, darunter ?transmediale, BFI-Film Festival London, Berlinale, ?International Film Festival Rotterdam, Courtisane Festival Gent, Images Festival Toronto, Berlinische Galerie, ?Biennale of Urbanism Shenzhen, Badischer Kunstverein, Kyiv Biennial, Palais de Tokyo Paris und Jeu de Paume.
Marija Maric
(* 1986) ist Architektin, Forscherin und Kuratorin. Sie ist Postdoktorandin an der Universität Luxemburg, wo sie im Masterprogramm für Architektur unterrichtet. 2020 promovierte sie am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich mit einer Arbeit über die Rolle von Medienstrateg*innen in der Kommunikation, Gestaltung und Globalisierung von urbanen Projekten. 2023 ist Maric Co-Kuratorin des Luxemburgischen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig.
Metaxia Markaki
ist Architektin und Stadtplanerin. Derzeit promoviert sie am Institut für Landschaft und Urbane Studien der ETH Zürich mit einer Arbeit über die Urbanisierung peripherer Landschaften in Griechenland. Sie unterrichtete am Lehrstuhl von Herzog & de Meuron am ETH Studio Basel und Harvard GSD, und am Lehrstuhl Architecture of Territory von Milica Topalovic an der ETH Zürich. ?Sie ist Co-Autorin des Buchs achtung: die Landschaft (2015). 2019 gewann ihr Team für Landscape ?In-Between bei Europan15 den ersten Preis. 2022 ?organisierte sie die Schreibwerkstatt Tentacular Writing mit. Markaki ist Teil des kollaborativen Entwurfsstudios ThatStudio in Athen und Zürich.
Markus Miessen
(* 1978) ist Architekt und Professor an der ?Universität Luxemburg, wo er den Lehrstuhl für Urbane Regeneration innehat. Er promovierte bei Eyal Weizman am Goldsmiths, University of London. Miessen lehrte ?an der AA in London und hatte Professuren an der ?Städelschule in Frankfurt, der University of Southern California in Los Angeles sowie der HDK-Valand ?Academy of Art and Design in Göteborg. Außerdem ?war er Harvard GSD Fellow. Neben einer Vielzahl von Publikationen ist er Autor der in acht Sprachen übersetzten Bücher The Nightmare of Participation (2010) und Crossbenching (????) sowie mit Nikolaus Hirsch Herausgeber der Buchreihe Critical Spatial Practice.
Richard Misrach
(* 1949) ist Fotograf. Er wurde bekannt für seine seit ???? fortlaufende Serie Desert Cantos, in der er die komplexe Beziehung der Menschen zu ihren Lebensräumen untersucht. Das Kapitel Border Cantos, eine Zusammenarbeit mit dem experimentellen Komponisten Guillermo Galindo, zeigt die ungesehenen Realitäten ?der US-mexikanischen Grenzgebiets. In den jüngsten Kapiteln, Premonitions und The Writing on the Wall, dokumentierte Misrach wütende und unheilverkündende Graffiti auf verlassenen Gebäuden in Kalifornien als ?Ausdruck des höchst aufgeladenen politischen Klimas vor und während der Präsidentschaftswahlen 2016.
Jason W. Moore
(* 1971) ist Umwelthistoriker und Historischer Geograf. Er ist Professor für Soziologie an der Binghamton University, NY, und leitet dort das World-Ecology Research Collective. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Beziehung von Kapitalismus und Umwelt, insbesondere im Hinblick auf ihre historische Entwicklung und die aktuelle Krise. Er ist Autor von Capitalism in the Web of Life (????) und A History of the World in Seven Cheap Things (???8, mit Raj Patel).
Alex Nehmer
(* 1989) ist Redakteurin von ARCH+. Sie studierte Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu ?Berlin und am Department of Visual Cultures des ?Goldsmiths, University of London. 2015 bis 2016 arbeitete sie für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin an der Publikationsreihe zur Ausstellung Wohnungsfrage, 2019/20 lehrte sie im Studiengang Kultur der Metropole an der HafenCity Universität Hamburg. Sie ist ?Co-Kuratorin von The Great Repair, zuvor hat sie das Projekt Cohabitation mitkuratiert.
Anh-Linh Ngo
(* 1974) ist Architekt, Autor und Mitherausgeber von ARCH+. Er ist Co-Kurator von The Great Repair, zuvor war er u. a. Co-Kurator der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekte projekt bauhaus (2015-2019) und Cohabitation (2021-2022). 2010-2016 war er Mitglied des Kunstbeirats des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), für das er die Tourneeausstellungen An Atlas of Commoning - Orte des Gemeinschaffens (2018) und Post-Oil City (2009) entwickelte und ?co-kuratierte. Aktuell ist er Mitglied des Kuratoriums der IBA 2027 StadtRegion Stuttgart, des Kuratoriums der Akademie Schloss Solitude sowie des Beirats des ?Goethe-Instituts. Seit 2022 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin. 2023 ist er Co-Kurator des Deutschen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig.
Sarah Nichols
ist Assistenzprofessorin für Architektur an der EPFL in Lausanne und dort Leiterin des Labors Theory of Environment and Materials in Architecture (THEMA). In ihrer wissenschaftlichen Arbeit untersucht sie die ökologischen und politischen Verflechtungen im Bauwesen mit Fokus auf das Baumaterial. Die von ihr wissenschaftlich konzipierte Ausstellung Beton war 2021/22 im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel zu sehen. Derzeit arbeitet Nichols an dem Buch Opération Béton - Constructing Concrete in Switzerland, das auf ihrer, mit einer ETH-Medaille ausgezeichneten, Dissertation basiert.
Raj Patel
(* 1972) ist Autor, Filmemacher und Forscher. ?Er ist Research Professor der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs der University of Texas, Austin. Er studierte an der University of Oxford, London School of Economics und Cornell University, arbeitete für die Weltbank und die WTO und protestierte weltweit gegen die letzteren. Er ist u. a. Autor der Bücher A History of the World in Seven Cheap Things (2018, mit Jason W. Moore) und Inflamed - Deep Medicine and The Anatomy of Injustice (2021, mit Rupa Marya).
Pluritext-Autor*innen
Antonia Agreda ist Bildungsbeauftragte des Cities Two Areal der Inga. Sie lebt in Bogotá. Liliana Armero ist Beraterin der Universidad Biocultural ?Indígena Panamazónica (AWAI) in der Region Nariño. Sie lebt in Piamonte, Cauca. Pablo Cuchalá ist Berater der AWAI in der mittleren und unteren Putumayo-Region. Er lebt in Villagarzón, Putumayo. Agripina Garreta ist Bildungsbeauftrage für die mittlere und untere Putumayo-Region. Sie lebt in Mocoa, Putumayo. Álvaro Hernández Bello ist Doktorand an der National University of Colombia. Er lebt in Bogotá. Yeni Yolanda Jacanamijoy ist Bildungsbeauftragte für die Regionen Yunguillo und Media Bota Caucana. Sie lebt in Yunguillo, Putumayo.?Pedro Jajoy ist Berater der AWAI in der oberen ?Putumayo-Region. Er lebt in Colón, Putumayo. Mariela Pujimuy ist Bildungsbeauftragte für die Nariño-Region. Sie lebt zwischen Bucaramanga und Aponte.
Bas Princen
(* 1975) ist Künstler und Fotograf. Er wurde als Industriedesigner an der Design Academy Eindhoven ausgebildet und studierte später Architektur am Berlage Institute in Rotterdam. Seitdem konzentriert sich seine Arbeit durch die Verwendung von Fotografie auf städtische Landschaften im Wandel, wobei er die verschiedenen Formen, Ergebnisse und Vorstellungen des sich verändernden städtischen Raums untersucht.
Andrew L. Russell
(* 1975) ist Dekan des College of Arts & Sciences am SUNY Polytechnic Institute in Utica und Albany, New York. Er schreibt über Technologie, Instandhaltung, Standards und die Geschichte des Internets. Russell ist Autor von The Innovation Delusion - How Our Obsession with the New Has Disrupted the Work That Matters Most (2020, mit Lee Vinsel) und Circuits, Packets, and ?Protocols - Entrepreneurs and Computer Communications, 1968-1988 (????, mit James L. Pelkey und Loring G. Robbins).
Dubravka Sekulic
ist Architektin und Autorin. Sie ist Senior Tutor am Royal College of Art in London und war zuvor vier Jahre Assistenzprofessorin am IZK - Institut für Zeitgenössische Kunst der TU Graz. In ihrer Dissertation am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich befasste sie sich mit der politischen Ökonomie der Bewegung der Blockfreien Staaten am Beispiel ?des jugoslawischen Bauunternehmens Energoprojekt. Sekulic ist Autorin des Buchs Glotzt Nicht so Romantisch! On Extralegal Space in Belgrade (2012) und des Films Don't Trace, Draw! (2020, mit Ana Husman). Curriculum Revolution initiierte sie 2019 gemeinsam mit Charlotte Malterre-Barthes.
Olúfémi O. Táíwò
ist Associate Professor für Philosophie an der Georgetown University in Washington DC. Er promovierte an der University of California in Los Angeles. Seine ?theoretische Arbeit stützt sich u. a. auf die Black Radical Tradition, auf anti-koloniale Ideen und aktivistische Denker*innen. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel, u. a. über den Zusammenhang von Klimagerechtigkeit und Kolonialismus, in The New Yorker, The Nation, Boston Review, Dissent, The Appeal, Slate, Al Jazeera, The New Republic, Aeon und Foreign Policy. Er ist Autor von Elite Capture (2022) und Reconsidering Reparations (2022).
Paulo Tavares
(* 1980) ist Architekt, Autor und Dozent. Seine medienübergreifende, oft kollaborative Praxis zielt auf Umweltgerechtigkeit und gegenhegemoniale Narrative in der Architektur und visuellen Kultur. Tavares' Arbeit wurde in diversen Publikationen und Ausstellungen weltweit präsentiert, darunter im Harvard Design Magazine, The Architectural Review, der Oslo Architecture Triennale, Istanbul Design Biennial und der Kunstbiennale in São Paulo. Er ist Autor mehrerer Bücher, in denen er das koloniale Erbe der Moderne hinterfragt, zuletzt ?Des-Habitat (2019), Lucio Costa era Racista? (2022) ?und Derechos No-Humanos (2022). Tavares gründete 2017 autonoma, eine Plattform für Stadtforschung und urbane Interventionen. 2019 war er Co-Kurator der ?Chicago Architecture Biennial.
Oxana Timofeeva
ist Professorin am Center for Philosophy "Stasis" der European University in St. Petersburg und Mitglied des Künstler*innenkollektivs Chto Delat. Zu ihren Publikationen zählen Solar Politics (2022), Eto ne to [Dies ist nicht Jenes] (auf Russisch, 2022), How to Love a Homeland (2020, dt. Heimat - Eine Gebrauchsanweisung, 2022), History of Animals (2018) und Introduction to the Erotic Philosophy of Georges Bataille (auf Russisch, 2009).
Milica Topalovic
ist außerordentliche Professorin für Architektur und Territorialplanung am Architekturdepartement der ETH Zürich. Sie untersucht Gebiete jenseits der Stadt und die Transformationsprozesse, denen diese durch Kapitalbewegungen, soziale Umstrukturierungen und Umweltveränderungen ausgesetzt sind. Mit der ?Forschungsgruppe Architecture of Territory führte sie weltweit eine Reihe von Territorialstudien in entlegenen Regionen, im ressourcenreichen Hinterland und in ländlichen Gegenden durch, um die Ansätze der Architektur in Bezug auf die Stadt, die Urbanisierung und ?das Urbane zu dezentrieren und ökologisieren. Sie ist Co-Kuratorin von The Great Repair.
Nazlı Tümerdem
ist Architektin und Forscherin. Sie studierte an der Istanbul Technical University und der Istanbul Bilgi University. 2018 promovierte sie mit der Arbeit Istanbul Walkabouts - A Critical Walking Study of Northern Istanbul an der Istanbul Technical University. In diesem Kontext entstand im öffentlichen Raum auch das performative Projekt Istanbul Walkabouts. Seit 2019 ist sie mit dem Bundes-Exzellenz-Stipendium der Schweizerischen ?Eidgenossenschaft Postdoktorandin am Lehrstuhl Architektur und Territorialplanung der ETH Zürich.
UVW-SAW
United Voices of the World - Section of Architectural Workers ist eine 2019 gegründete Gewerkschaft von Architekturschaffenden in Großbritannien. SAW engagiert sich gegen die negativen Auswirkungen von Architekturarbeit auf Arbeiter*innen, Gemeinschaften und die Umwelt. Ihre Mitglieder organisieren sich gegen Überarbeitung, Unterbezahlung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, toxische Arbeitskulturen, Diskriminierung und unethische Praktiken.
Iván Darío Vargas Roncancio
(* 1984) ist Anwalt und promovierte in Natural Resource Sciences. Er ist Postdoktorand (Leadership for the Ecozoic) und Assoziierter Direktor des Centre for Indigenous Conservation and Development Alternatives (CICADA) an der McGill University in Montreal, Kanada. Er ist Mitglied eines Teams von Wissenschaftler*innen, die die von den Inga in Kolumbien geleitete Universidad Biocultural Indígena Panamazónica unterstützen. Vargas Roncancio veröffentlichte Artikel zum Earth Law und den Rechten der Natur, zu indigenen Rechtstraditionen und Kosmologien im Amazonas-Gebiet, der Anthropologie der Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen und kritischer Pädagogik.
Content
1 Editorial
Florian Hertweck, Christian Hiller, Markus Krieger, ?Alex Nehmer, Anh-Linh Ngo, Milica Topalovic
14 REPARATUR ?UND REPARATION
16 Reparatur und Fix unterscheiden - ?Zu einer Ökologie des Wiederaufbaus
Jason W. Moore und Raj Patel im Gespräch mit Milica Topalovic, Alex Nehmer und Nitin Bathla
Bildessay: Bas Princen
30 "Wir müssen materialistisch ansetzen!"
Olúfémi O. Táíwò im Gespräch mit Alex Nehmer ?und Markus Krieger
Bildessay: Richard Misrach
44 Rettung von Geschichte für die Reparaturgesellschaft ?im 21. Jahrhundert - Sub specie conservatoris
Wilfried Lipp
50 Reparatur als Präparatur
Wilfried Lipp im Gespräch mit Florian Hertweck, ?Silke Langenberg, Alex Nehmer und Markus Krieger
54 POLITIKEN DER ?REPARATURGESELLSCHAFT
56 Curriculum: Suffizienz
Florian Hertweck
60 Less is more - Zur Strategie der Suffizienz für eine ?nachhaltige Stadt-Land-Entwicklung
Florian Hertweck, Markus Miessen
68 "Suffizienz ist ein Konzept für Politik und Planung, ?nicht für das Individuum"
Anton Brokow-Loga und Katrin Großmann im Gespräch mit Alex Nehmer, Florian Hertweck und Markus Krieger
74 Curriculum: Langlebigkeit
Florian Hertweck
78 Die Welt vor dem Verschleiß schützen
Pierre Caye im Gespräch mit Florian Hertweck und ?Panos Mantziaras
86 Ein Gegenstand der Pflege
Sarah Nichols
90 "Instandhaltung, Fürsorge und Reparatur ?sind die Schlüsselworte von heute"
Andrew L. Russell und Stefan Krebs im Gespräch mit Florian Hertweck und Marija Maric
98 Curriculum: Care
Alex Nehmer
102 Über natürliche Welten, behinderte Körper ?und eine Politik der Heilung
Eli Clare
110 The Tree We Hurt - ?Der Baum, den wir verletzten
Metaxia Markaki
116 Curriculum: Wiederaneignung
Nazlı Tümerdem
120 "Reparatur darf keine Metapher bleiben, ?sondern muss zur Handlung werden"
Kader Attia im Gespräch mit Charlotte Grace und ?Dubravka Sekulic
128 Wie man eine Pipeline in die Luft jagt
Andreas Malm
132 Curriculum: Solidarität
Alex Nehmer
136 Vom Planen zum Pflanzen
Paulo Tavares im Gespräch mit Markus Krieger und ?Alex Nehmer
144 Widerständige Wurzeln
Oxana Timofeeva im Gespräch mit Alex Nehmer, ?Milica Topalovic und Nazlı Tümerdem
150 Curriculum: Pluralität
Santiago del Hierro
154 Eine Welt, in die viele Welten passen
Iván Darío Vargas Roncancio
162 Das Gewebe des Lebens reparieren
Antonia Agreda, Liliana Armero, Pablo Cuchalá, Santiago del Hierro, Agripina Garreta, Álvaro Hernández Bello, Yeni Yolanda Jacanamijoy, Pedro Jajoy, Mariela Pujimuy
166 SELBSTREPARATUR, EIN EPILOG
168 Curriculum: Selbstreparatur
Marija Maric
170 Von Reparaturarbeiten zur Reparatur der Arbeit ?in der Architektur
Marija Maric
174 Unsere Beziehung zur Welt neu verhandeln -?Eine Gewerkschaft für den Planeten
United Voices of the World - Section of Architectural Workers (UVW-SAW)
176 Land als Schlüssel zu Reparatur und Reparation
Hollyamber Kennedy
182 Leitlinien für eine Reparatur des Curriculums
Charlotte Malterre-Barthes, Dubravka Sekulic
188 Beteiligte
191 Bildnachweise
192 Impressum
ARCH+ Team dieser Ausgabe:
Nora Dünser (CvD), Franziska Gödicke, Christian Hiller, Felix Hofmann, Marlene Huster, Sarah Knechtel, Markus Krieger (Projektleitung), Daniel Kuhnert, Victor Lortie, Alex Nehmer (Projektleitung), Anh-Linh Ngo (Redaktionsleitung)
Gastredaktion:
Florian Hertweck, Milica Topalovic mit Marija Maric, ?Nazlı Tümerdem und Santiago del Hierro, Leo Paulmichl
Cover: Bas Princen: Djenné Mosque, 2010
Jedes Frühjahr am Tag der crépissage wird die aus Lehmziegeln konstruierte Große Moschee von Djenné in Mali in einem kollektiven Akt der Instandhaltung mit einem Putz aus Lehmschlamm, Sand und Reishülsen vor der Regenzeit geschützt. Diese kollektive Praxis der Reparatur reicht bis zur ersten Großen Moschee zurück, die schon im 13. Jahrhundert an dieser Stelle errichtet wurde. Nachdem das Bauwerk im 19. Jahrhundert aufgrund lokaler Konflikte verfallen war, wurde es 1907 auf den alten Fundamenten rekonstruiert. Die Planung dieses Baus wurde später der ?französischen Kolonialmacht zugeschrieben, Symmetrien und Ordnungshierarchien auf die polytechnische Ausbildung französischer Ingenieure projiziert. Dieses ?Narrativ ist jedoch nicht unangefochten: Der Architekturhistoriker Jean-Louis ?Bourgeois argumentiert, dass die Architektur das Werk lokaler Maurer unter dem Zunftleiter Ismaila Traoré sei, unter anderem da sie keine Spuren der Verwendung kolonialer Vermessungstechniken aufweise. Die Fotografie von Bas Princen von ?2010 zeigt das Monument während einer großangelegten Renovierung, bei der die sonst vom jährlich aufgetragenen Putz geschützten, zum Teil jahrhundertealten Lehmziegel repariert wurden.
Florian Hertweck, Christian Hiller, Markus Krieger, ?Alex Nehmer, Anh-Linh Ngo, Milica Topalovic
14 REPARATUR ?UND REPARATION
16 Reparatur und Fix unterscheiden - ?Zu einer Ökologie des Wiederaufbaus
Jason W. Moore und Raj Patel im Gespräch mit Milica Topalovic, Alex Nehmer und Nitin Bathla
Bildessay: Bas Princen
30 "Wir müssen materialistisch ansetzen!"
Olúfémi O. Táíwò im Gespräch mit Alex Nehmer ?und Markus Krieger
Bildessay: Richard Misrach
44 Rettung von Geschichte für die Reparaturgesellschaft ?im 21. Jahrhundert - Sub specie conservatoris
Wilfried Lipp
50 Reparatur als Präparatur
Wilfried Lipp im Gespräch mit Florian Hertweck, ?Silke Langenberg, Alex Nehmer und Markus Krieger
54 POLITIKEN DER ?REPARATURGESELLSCHAFT
56 Curriculum: Suffizienz
Florian Hertweck
60 Less is more - Zur Strategie der Suffizienz für eine ?nachhaltige Stadt-Land-Entwicklung
Florian Hertweck, Markus Miessen
68 "Suffizienz ist ein Konzept für Politik und Planung, ?nicht für das Individuum"
Anton Brokow-Loga und Katrin Großmann im Gespräch mit Alex Nehmer, Florian Hertweck und Markus Krieger
74 Curriculum: Langlebigkeit
Florian Hertweck
78 Die Welt vor dem Verschleiß schützen
Pierre Caye im Gespräch mit Florian Hertweck und ?Panos Mantziaras
86 Ein Gegenstand der Pflege
Sarah Nichols
90 "Instandhaltung, Fürsorge und Reparatur ?sind die Schlüsselworte von heute"
Andrew L. Russell und Stefan Krebs im Gespräch mit Florian Hertweck und Marija Maric
98 Curriculum: Care
Alex Nehmer
102 Über natürliche Welten, behinderte Körper ?und eine Politik der Heilung
Eli Clare
110 The Tree We Hurt - ?Der Baum, den wir verletzten
Metaxia Markaki
116 Curriculum: Wiederaneignung
Nazlı Tümerdem
120 "Reparatur darf keine Metapher bleiben, ?sondern muss zur Handlung werden"
Kader Attia im Gespräch mit Charlotte Grace und ?Dubravka Sekulic
128 Wie man eine Pipeline in die Luft jagt
Andreas Malm
132 Curriculum: Solidarität
Alex Nehmer
136 Vom Planen zum Pflanzen
Paulo Tavares im Gespräch mit Markus Krieger und ?Alex Nehmer
144 Widerständige Wurzeln
Oxana Timofeeva im Gespräch mit Alex Nehmer, ?Milica Topalovic und Nazlı Tümerdem
150 Curriculum: Pluralität
Santiago del Hierro
154 Eine Welt, in die viele Welten passen
Iván Darío Vargas Roncancio
162 Das Gewebe des Lebens reparieren
Antonia Agreda, Liliana Armero, Pablo Cuchalá, Santiago del Hierro, Agripina Garreta, Álvaro Hernández Bello, Yeni Yolanda Jacanamijoy, Pedro Jajoy, Mariela Pujimuy
166 SELBSTREPARATUR, EIN EPILOG
168 Curriculum: Selbstreparatur
Marija Maric
170 Von Reparaturarbeiten zur Reparatur der Arbeit ?in der Architektur
Marija Maric
174 Unsere Beziehung zur Welt neu verhandeln -?Eine Gewerkschaft für den Planeten
United Voices of the World - Section of Architectural Workers (UVW-SAW)
176 Land als Schlüssel zu Reparatur und Reparation
Hollyamber Kennedy
182 Leitlinien für eine Reparatur des Curriculums
Charlotte Malterre-Barthes, Dubravka Sekulic
188 Beteiligte
191 Bildnachweise
192 Impressum
ARCH+ Team dieser Ausgabe:
Nora Dünser (CvD), Franziska Gödicke, Christian Hiller, Felix Hofmann, Marlene Huster, Sarah Knechtel, Markus Krieger (Projektleitung), Daniel Kuhnert, Victor Lortie, Alex Nehmer (Projektleitung), Anh-Linh Ngo (Redaktionsleitung)
Gastredaktion:
Florian Hertweck, Milica Topalovic mit Marija Maric, ?Nazlı Tümerdem und Santiago del Hierro, Leo Paulmichl
Cover: Bas Princen: Djenné Mosque, 2010
Jedes Frühjahr am Tag der crépissage wird die aus Lehmziegeln konstruierte Große Moschee von Djenné in Mali in einem kollektiven Akt der Instandhaltung mit einem Putz aus Lehmschlamm, Sand und Reishülsen vor der Regenzeit geschützt. Diese kollektive Praxis der Reparatur reicht bis zur ersten Großen Moschee zurück, die schon im 13. Jahrhundert an dieser Stelle errichtet wurde. Nachdem das Bauwerk im 19. Jahrhundert aufgrund lokaler Konflikte verfallen war, wurde es 1907 auf den alten Fundamenten rekonstruiert. Die Planung dieses Baus wurde später der ?französischen Kolonialmacht zugeschrieben, Symmetrien und Ordnungshierarchien auf die polytechnische Ausbildung französischer Ingenieure projiziert. Dieses ?Narrativ ist jedoch nicht unangefochten: Der Architekturhistoriker Jean-Louis ?Bourgeois argumentiert, dass die Architektur das Werk lokaler Maurer unter dem Zunftleiter Ismaila Traoré sei, unter anderem da sie keine Spuren der Verwendung kolonialer Vermessungstechniken aufweise. Die Fotografie von Bas Princen von ?2010 zeigt das Monument während einer großangelegten Renovierung, bei der die sonst vom jährlich aufgetragenen Putz geschützten, zum Teil jahrhundertealten Lehmziegel repariert wurden.