Was sie nicht weiß

Thriller
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Oktober 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11272-1 (ISBN)
 
Sie ist unschuldig wie ein Kind und böse wie der Teufel

An einem Seeufer bei Alkmaar wird die grausam zugerichtete Leiche eines jungen Mannes gefunden. Davids Tod: ein Racheakt. Welches Detail ihrer gemeinsamen Jugend mit dem Opfer will die Malerin Maaike um jeden Preis verheimlichen? Ein Hinweis führt zu einer gewissen Tamara. Von einer Frau dieses Namens aber fehlt jede Spur - und dennoch ist sie immer da .

Bei den Ermittlungen im Mordfall David Hoogland tappt Lois Elzinga von der Kriminalpolizei in Alkmaar zunächst im Dunkeln. Diese grausame Tat wurde allem Anschein nach von einer Frau begangen, doch das Leben des Grundschullehrers ist vollkommen unauffällig. Die Künstlerin Maaike Schoolten, deren Ausstellungsprospekt bei der Leiche gefunden wurde, streitet ab, David gekannt zu haben. Der Hinweis auf eine Fotografin namens Tamara führt ins Leere, denn diese ist unauffindbar. Irgendetwas muss Lois übersehen haben. Sie ist nervös, private Probleme lenken sie ab. Ihre große Liebe ist gerade zerbrochen und Fred, ihr langjähriger Partner bei der Polizei, geht demnächst in Pension. Doch Lois bleibt hartnäckig, und bald schon findet sie heraus, dass David Täter war, lange bevor er ein Opfer wurde. Was sie nicht weiß, ist, welch doppeltes Spiel Maaike und Tamara mit ihr treiben ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,81 MB
978-3-641-11272-1 (9783641112721)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Der Mann steht auf dem Dach des Wohnblocks, gefährlich nah am Rand. Von unten ist er im Nebel des Dezembermorgens kaum zu sehen. Er hätte unbemerkt springen können, wäre er nicht einer Passantin aufgefallen, die zufällig hochschaute und sofort die Polizei alarmierte.

»Ich glaube, er ist nicht allein«, hatte die Frau gesagt. »Es sieht aus, als ob ein Kind neben ihm steht.«

Die Meldung an sich hätte schon gereicht, um den gesamten Polizeiapparat in Bewegung zu setzen, doch dass der Lebensmüde womöglich ein Kind bei sich hat, macht die Sache noch dringlicher.

Lois hört über Polizeifunk die Durchsage der Einsatzzentrale und wirft ihrem Kollegen Fred Klinkenberg auf dem Fahrersitz einen Blick zu: »Judith Leysterstraat, das ist doch ganz in der Nähe, oder?«

»Keine fünf Minuten von hier.«

Eigentlich sind für solche Einsätze die Streifenpolizisten zuständig. Da es jetzt aber auf jede Sekunde ankommt, reißt Fred das Steuer herum und gibt Vollgas.

»11.18, hier 89.22. Fred und ich sind nicht weit von der Judith Leysterstraat entfernt und schon auf dem Weg. Ist eventuell jemand näher dran?«

»89.22, nein. Fahrt hin und seht zu, dass ihr die Situation unter Kontrolle bekommt. Ich schicke einen Verhandler.«

»11.18, verstanden. Wir sind gleich da.«

Kurz darauf erreichen sie die Judith Leysterstraat, wo neben einem Einkaufszentrum ein zwölf Etagen hoher Wohnblock aufragt.

Lois späht durchs Seitenfenster empor, erkennt aber wegen des Nebels nichts. »Wer das gemeldet hat, muss Adleraugen haben«, sagt sie.

»Vielleicht steht er an der Rückseite.« Fred steuert den Parkplatz neben dem Gebäude an.

Das Auto steht noch nicht ganz, da steigt Lois bereits aus und rennt zur offenen Tür, wo ein glatzköpfiger Mann um die fünfzig wartet.

»Ich bin Jan Fossen, der Hausmeister«, stellt er sich vor. »Die Frau, die Sie benachrichtigt hat, hat mir Bescheid gesagt.«

»Waren Sie schon oben? Wissen Sie, ob da wirklich jemand steht? Es ist sogar von zwei Personen die Rede.« Lois drückt hektisch auf den Rufknopf am Aufzug und blickt sich nach Fred um, der gerade auf die Tür zueilt.

»Ja, ich hab nachgesehen. Die Dachluke ist aufgebrochen worden. Als ich rausgeguckt hab, waren da zwei Leute: ein Mann und ein Junge. Auf mein Rufen haben die nicht reagiert. Da bin ich wieder runter, um auf Sie zu warten.«

Die Lifttür öffnet sich, und sie steigen zu dritt ein. Die Enge in der Kabine verursacht Lois Beklemmungen; sie atmet mehrmals tief durch.

»Sprich du mit dem Mann«, sagt Fred auf dem Weg nach oben. »Du weißt ja, Reden ist nicht mein Ding. Und wir können nicht auf den Verhandler warten.«

»Kein Problem, ich mach so was ja täglich.« Lois verzieht das Gesicht, protestiert aber nicht weiter.

Mit seiner Erfahrung aus vierzig Dienstjahren ist Fred ein hervorragender Ermittler, aber Reden ist tatsächlich nicht sein größtes Talent. Vermutlich würde er sich dem Mann nervös hüstelnd nähern und keinen Anfang finden. Sie selbst weiß jetzt zwar auch noch nicht, was sie sagen soll, verlässt sich aber auf ihre Intuition.

»Wir sind da, von hier kommt man aufs Dach.« Nachdem der Hausmeister aus dem Aufzug gestiegen ist, deutet er nach oben auf die offene Luke. Neben der Ausziehleiter liegt ein Hammer am Boden - das Werkzeug, mit dem das Schloss weggeschlagen wurde.

»Dann mal los.« Fred setzt den Fuß auf die unterste Sprosse.

»Fahren Sie bitte wieder runter und warten Sie dort auf unsere Leute«, bittet Lois den Hausmeister.

Er nickt und geht nach einem Blick auf Fred, der jetzt die Leiter hinaufsteigt, zurück in den Lift.

Kaum hat ihr stämmiger Kollege sich durch die Öffnung gezwängt, klettert Lois hinterher.

Dann sieht sie den Mann und das Kind. Die beiden stehen am Rand des Dachs, zwei in Nebelschwaden gehüllte Silhouetten. Ihr erster Impuls ist, sofort loszulaufen, aber sie bleibt doch erst neben Fred stehen, der fröstelnd den Jackenkragen hochstellt.

»Geh hin, ich halt mich erst mal im Hintergrund«, flüstert er.

Sie nickt.

Der Nebel bietet auch Vorteile, er dämpft die Geräusche. Aber anscheinend hat der Mann doch etwas gehört, denn er blickt kurz über die Schulter.

Vorsichtig geht Lois auf ihn zu. Als sie in Hörweite ist, spricht sie ihn an: »Hallo. Bitte erschrecken Sie nicht. Ich bin von der Polizei. Bleiben Sie ruhig stehen, bewegen Sie sich nicht.«

Wieder blickt der Mann sich um.

»Keinen Schritt weiter!«, ruft er panisch. »Sonst springen wir!«

»In Ordnung, ich bleibe, wo ich bin. Ich möchte nur mit Ihnen reden.«

Der Größe nach dürfte der Junge acht, neun Jahre alt sein. Er hat sich bisher noch nicht umgesehen. Mit gesenktem Kopf steht er da und schwankt leicht, so als schliefe er halb. Der Vater - Lois geht zumindest davon aus, dass es sich um Vater und Sohn handelt - hält ihn an der Hand.

Fred hat sich den beiden im Schutz des Nebels von der Seite ein wenig genähert. Lois sucht seinen Blick und macht eine Kopfbewegung zu dem Kind hin.

Er nickt.

»Was ist geschehen? Sagen Sie mir doch bitte, weshalb Sie hier stehen!«, ruft sie dem Mann zu, der ihr jetzt den Rücken zukehrt.

Blödes Gerede, denkt sie, wo doch glasklar ist, was hier passiert. Aber es geht ja darum, den Kontakt herzustellen und den Mann so weit zu kriegen, dass er mit ihr spricht.

»Ich komme ein bisschen näher, dann redet es sich besser. Nicht zu nahe, versprochen.«

Keine Reaktion.

Lois macht ein paar Schritte nach vorn, zum Rand des Dachs hin. Beim Gedanken an die über dreißig Meter bis zum harten Asphalt wird ihr mulmig. Das Flachdach hat kein Mäuerchen oder Geländer, das vor einem Fall schützen könnte.

Etwa drei Meter von dem Mann entfernt bleibt sie stehen, damit er sich nicht bedrängt fühlt.

Fred hat sich nicht mehr vom Fleck gerührt, stellt sie aus dem Augenwinkel fest, er beobachtet das Ganze aber weiter ganz genau.

»Was ist denn? Wollen Sie es mir sagen?«, fragt sie wieder.

Den Blick starr in die Tiefe gerichtet, scheint der verzweifelte Mann gar nicht registriert zu haben, dass sie näher gekommen ist. Nun aber sieht er sich um und erschrickt. Er macht eine abwehrende Geste, hält sie mit gestrecktem Arm auf Abstand.

»Wegbleiben, hab ich gesagt!«

»Ist ja schon gut. Wollen Sie mir nicht von Ihrem Problem erzählen? Bitte.«

»Das hat doch keinen Sinn. Mein Entschluss steht fest. So ist es für alle am besten.«

»Vielleicht«, sagt Lois. »Aber vielleicht auch nicht. Bestimmt gibt es Alternativen, eine Lösung, an die Sie noch gar nicht gedacht haben. Was für ein Problem haben Sie?«

»Das geht Sie einen Scheißdreck an!« Er wendet sich ab und schaut wieder nach unten.

Lois macht einen weiteren Schritt, bleibt aber sofort stehen, als er sie mit einem wütenden Seitenblick bedenkt.

Wann kommt endlich der Verhandler? Für solche Einsätze ist sie nicht ausgebildet und hat auch null Erfahrung damit. Aber wenn der Mann mitsamt dem Kind tatsächlich springt, wird sie sich ihr ganzes Leben lang vorwerfen, es nicht verhindert zu haben.

»Ist der Junge Ihr Sohn?«, fragt sie.

Es funktioniert: Der Mann löst den Blick vom Abgrund und betrachtet das Kind neben sich. Dann nickt er.

»Wie heißt er?«

»Sem.«

Ja, sehr gut!, denkt Lois, sieh ihn dir an, wie er zittert und schwankt, mach dir klar, was du dem Kleinen antust!

»Hübscher Name. Mein Neffe heißt auch so.«

Lois hat keinen Neffen, aber das kann der Mann ja nicht wissen. Sie merkt, dass ihre Stimme viel zu munter klingt, so als würde sie mit einem Nachbarn über den Gartenzaun hinweg plaudern. Egal, sie hat ihn zum Reden gebracht, und nur darauf kommt es an. Wenn sie jetzt die richtigen Worte findet, stehen die Chancen gut. Nur: Welches sind die richtigen Worte?

In ihrer Hilflosigkeit streckt sie die Hand nach dem Mann aus, als tröstliche Geste, nicht um ihn festzuhalten. Und so versteht er es auch. Er bleibt regungslos stehen und sieht sie schweigend an. Sein Gesichtsausdruck ist unendlich verzweifelt.

Lois ist versucht, weiter auf ihn zuzugehen, aber das wäre jetzt falsch. Die Situation unter Kontrolle bekommen, hat de Vries von der Einsatzzentrale gesagt, und auf den Verhandler warten.

Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick nach unten zu wagen. Die Straße ist nicht zu sehen. Nebelschleier legen sich wie feuchte Tücher um die oberen Etagen und täuschen über die gähnende Tiefe hinweg. Mit Entsetzen wird ihr klar, dass ein Sprung unter diesen Umständen viel leichter fällt.

Vorsichtig schaut sie zu Fred hinüber, dem es gelungen ist, sich unbemerkt dem Kind zu nähern. Rasch wendet sie sich wieder dem Mann zu.

Da ist etwas in seinen Augen, und mit einem Mal weiß sie, dass er es tun wird, jetzt gleich!

»Nicht!« Ihr Ruf hallt über das Dach und verliert sich im Nebel.

»Nicht springen!« Unwillkürlich macht sie ein paar Schritte auf ihn zu und ist nun so nah, dass sie ihn mit gestrecktem Arm berühren könnte.

Sekundenlang schauen sie einander an. Seine Züge sind von Kummer und Sorgen gezeichnet, an den Brauen und Wimpern hängen feine Wassertröpfchen.

»Sie haben versprochen wegzubleiben«, sagt er heiser.

»Tun Sie's nicht! Bitte! Ich helfe Ihnen! Was auch immer Ihr Problem ist, es gibt für alles eine Lösung!« Regelrecht flehend klingt ihre...

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