Vierzehn Jahre als Pestarzt in Ägypten

Erlebnisse aus den Jahren 1788-1802
 
 
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  • 1. Auflage
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  • erschienen am 21. April 2020
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  • 240 Seiten
 
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978-3-7519-2518-1 (ISBN)
 
"Ein vierzehnjähriger Aufenthalt in Kairo, woselbst ich als Arzt praktizierte, verschaffte mir Gelegenheit, das Fieber, welches man die Pest nennt, in der Nähe und an mir selbst zweimal zu beobachten ..."
Der italienische Mediziner Dr. Enrico di Wolmar schrieb mit dem vorliegenden Buch einen der bekanntesten Augenzeugenberichte über die Pest.
Als Arzt erlebte er während seines vierzehnjährigen Aufenthalts in Ägypten gleich mehrere Pestepidemien - auch er selbst erkrankte zweimal daran und beschreibt detailliert seinen eigenen Krankheitsverlauf. Er erläutert die diversen Symptome und Verläufe der Pesterkrankung bei seinen Patienten, die Behandlungsmethoden und die Erfolgsaussichten bei den verschiedenen Ausprägungen.
Dennoch handelt seine "Abhandlung über die Pest" nicht ausschließlich von der Pest: Mit seinen amüsanten und spannenden Alltagsbeschreibungen sowie Einblicken in die politischen Verläufe zeichnet es ein farbenfrohes und lebendiges Bild Ägyptens zum Ende des 18. Jahrhunderts.
"Ich würde ein mehrbändiges Werk schreiben müssen, wenn ich hier alle die verschiedenen und sonderbaren Wirkungen, welche das Pestgift auf Personen von den genannten verschiedenen Konstitutionen äußert, beschreiben wollte, wie ich es sowohl bei den Kranken im Kastell des Pascha, als auch bei denjenigen Kranken, die ich in der Stadt behandelte, zu beobachten Gelegenheit hatte. Jeden Tag starb einer von meinen Patienten, obgleich sich die Zahl derselben auf nicht mehr als dreißig belaufen mochte. Kaum waren die Leichname von eben Gestorbenen weggeschafft, als auch schon wieder neue Kranke an ihre Stelle kamen; es waren größtenteils Soldaten aus dem Lager des Pascha. Während des ganzen Monats Mai starben mehr als zwei Drittel, im Monat Juni genasen ebenso viel."
1. Auflage
  • Deutsch
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978-3-7519-2518-1 (9783751925181)
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Zweites Kapitel.


Welche Personen sind der Pest am meisten unterworfen?


IM Allgemeinen verschont diese Krankheit niemanden; gewöhnlich aber werden diejenigen Personen seltener befallen, die sie nicht fürchten, die ruhigen und heiteren Gemüts sind, die mäßig leben, und außerdem fast alle kachektischen Personen, zumal, wenn sie offene Wunden oder künstliche Geschwüre haben, die in guter Eiterung stehen.

Die Armen, die Niedergeschlagenen, die sehr Starken und Gesunden, ferner die Personen, die den Trunk, den Wein, und gegorene Getränke lieben, die den Ausschweifungen ergeben sind, er liegen der Pest am ersten.

Um die Verschiedenheit der Wirkung, welche das Pestgift im Verlauf einer Epidemie hervorbringt, besser ins Licht setzen zu können, ist es nützlich die Masse der Kranken nach der Eigentümlichkeit ihrer Konstitutionen einzuteilen, welche die einzige Ursache so großer und so vieler Abweichungen ist.

Ich führe daher alle Konstitutionen auf vier Gattungen zurück, die plethorische, die bilöse, die gemischte und die kachektische Konstitution.2

Der Plethorische wird mit größerer Gewalt als jeder andere ergriffen, und die Wirkung des Krankheitsstoffes bewirkt bei ihm auf der Stelle die Gerinnung des Bluts, hemmt den Kreislauf desselben und bringt einen plötzlichen Tod zuwege. Dies ist die einzige Klasse der Pestkranken, bei der im ersten Fieberanfall ein reichlicher Aderlaß nicht nur passend, sondern von dem größten Nutzen ist, und häufig Rettung vom Tode bewirkt. Es ist merkwürdig zu sehen, wie man einen Augenblick nach der Öffnung der Ader, das Gefäß, worin das Blut enthalten ist, umwenden kann, ohne daß ein Tropfen herausfließt. So stark ist die Gerinnung und so hängt das Blut am Gefäß, in dem es sich befindet. Dieser Versuch beweist die schon erwähnte Behauptung, daß das Pestgift schnelle Gerinnung des Bluts bewirkt, seine Zirkulation hemmt, und sehr schnell den Tod des Plethorischen herbeiführt. Noch andere Beobachtungen werden in der Folge diese Tatsache bekräftigen.

Öfters ist der Hintritt eines Plethorischen so plötzlich, daß man sagen möchte, er habe einen Dolchstich ins Herz bekommen; und er erfolgt dann ohne irgendein vorhergehendes Zeichen. Der Puls ist noch einen Augenblick vor dem Tode bloß schwach, und kaum fieberhaft zu nennen. Aus diesem Grunde haben vielleicht viele Ärzte geglaubt, man brauchte gar kein Fieber zu haben um an der Pest zu sterben. Ich bin der entgegengesetzten Meinung, und halte für gewiß, daß Fieber unbedingt notwendig ist, daß aber die Krankheit zuweilen den Plethorischen innerlich mit solcher Gewalt ergreift, daß sie ihn schon tötet, ehe noch die Kräfte der Natur Zeit haben das Fieber zu entwickeln. Gewöhnlich erzeugen sich auf dem Körper eines Plethorischen, der auf die beschriebene Art stirbt, nach seinem Tode Frieselbläschen, pustulae vesiculares, die einen schwarzen Punkt in der Mitte und einen roten Rand im Umkreise haben; Gesicht und Hände bleiben frei davon. Wenn Petechien fehlen, so finden sich bei der Untersuchung hier und da Bubonen, die im Entstehen sind, oder gewisse Bläschen, wie von kleinen Verbrennungen, die dem Ausbruche der Karbunkel vorherzugehen pflegen.

Die Pest, welche den plethorischen Kranken tötet, entstellt ihn auf eine gräßliche Weise.

Kurz vor seinem Hintritt wirft er furchtbare Blicke um sich her, und verdreht seine beinahe gläsernen Augen auf eine Art, welche bei dem, der gegenwärtig ist, Schaudern erregt. Im Sterben schließt er sie nicht, und sieht aus, als ob er noch lebte und wild um sich blickte. Das Gesicht wird leichenhaft, die Nase spitz, der Mund öffnet sich, die Zunge schwillt an, und tritt mit Schaum bedeckt zum Munde heraus; die Hände sind zusammengezogen, die Hautfarbe überall bleich und bleifarben.

Er haucht plötzlich einen Atem der Fäulnis aus, den man nur mit Mühe ertragen kann. Gibt es unter allen kontagiösen Giften eines, das augenblicklich solche furchtbare Wirkungen hervorbringen könnte? Bestimmt nicht! Ich konnte also mit Recht behaupten, daß das Pest-Miasma, oder der aus dem Körper eines Pestkranken ausströmende Krankheitsstoff, eins der stärksten und schnellsten Gifte ist.

Die plötzlichen Todesfälle der Plethorischen sind von heftigen konvulsiven Bewegungen, von gewaltsamen Zusammenziehungen und Krämpfen, vorzüglich am Kopfe, begleitet. Aber alles dies ist das Werk eines Augenblicks, woher man deutlich sieht, daß das Gift vorzüglich, wie in anderen bösartigen Fiebern, Gehirn und Nervensystem zerrüttet.

Wenn der Plethorische auch nicht am ersten Tage stirbt, so erscheint doch die brennende Fieberhitze innerhalb des ersten Tages, und durchläuft beinahe alle Grade eines Fiebers, wie man dies aus dem Pulse erkennt. Zuerst ist derselbe schwach, zusammengezogen und zitternd, dann wird er frequent, dann stark, und plötzlich außerordentlich ungestüm, dann ungleich intermittierend, und zuletzt kriechend (formicans). Dies beweist, was ich oben behauptet habe, daß nämlich die Pest das ursprüngliche Fieber unseres Erdballes sei, welches, wenn es den höchsten Grad erreicht hat, abwechselnd mit den Symptomen aller übrigen Fieber erscheint. Die innerliche und äußere Fieberhitze nimmt gleichförmig mit dem Puls zu und ab. Der Urin ist blutrot.

Der plethorische Pestkranke, der das Fieber des ersten Tages überwunden hat, verfällt in einen Zustand der Ruhe, und scheint an keinem anderen Übel zu leiden, als einer gewissen Betäubung; denn wenn man ihn ruft und schüttelt, öffnet er ruhig die Augen, hebt den Kopf in die Höhe, antwortet kurz mit Ja oder Nein, und legt sich dann wieder nieder und schließt die Augen.

Unter diesen Umständen ist sein Puls schwach, aber gleichförmig, die Hitze unbedeutend, der Atem nicht schwer, der Durst fehlt beinahe ganz, kurz nach allem möchte man glauben, er wird wieder besser; der Unerfahrene und er selbst, glaubt es auch, er antwortet, wenn man ihn fragt, daß er sich wohl befinde, aber bloß Ruhe nötig habe, und schließt die Augen, als ob er schlafen wollte.

Diese scheinbare Ruhe ist die Klippe, an der die Konjekturen aller Ärzte scheitern, sie ist ihnen etwas gänzlich Unerklärbares! - Wo, muß man sich fragen, hat dieses mächtige Gift, welches ein so heftiges Fieber erzeugt hat, und auch in Kurzem mit erneuter Kraft wieder zum Vorschein kommen wird, während der Zeit dieser scheinbaren Ruhe seinen Sitz? In welchem Teile des Körpers ist es jetzt wirksam? Welches sind jetzt seine chemischen Operationen? Denn es ist doch nicht wohl anzunehmen, daß es auch nur einen Augenblick untätig sei, und andererseits, wenn es tätig ist, warum zeigt sich das nicht deutlicher? - Ich wage es, hier die Vermutung auszusprechen, daß diese Ruhe der Anstrengung der Natur zuzuschreiben sei, welche sie mit allen ihren konzentrierten Kräften macht, um den Krankheitsstoff aus dem Körper zu entfernen, indem sie ihn in Bubonen, Karbunkel und Petechien ausbrechen läßt, um so Meister über die Krankheit selbst zu werden. Die, dieser scheinbaren Ruhe meistenteils folgenden Erscheinungen berechtigen mich zu der eben ausgesprochenen Vermutung, daß das durch die Anstrengungen der Natur, auf eine uns verborgene Weise, aus der Blutmasse eine Zeit lang gänzlich entfernt scheinende Gift, wenn ich mich eines solchen Ausdrucks bedienen darf, einen Waffenstillstand schließt, um gleichsam zu einem neuen stärkeren Angriffe Kräfte zu sammeln.

Ich selbst mache hier einen Einwurf gegen diese Hypothese, indem ich mich frage: "Wie ist es möglich, daß der Kampf zwischen der Natur und dem Krankheits- oder Giftstoffe sich auf keine Weise in äußeren Erscheinungen kund gebe?" Und hierauf weiß ich wahrlich nichts zu erwidern, nur so viel bleibt ausgemacht, daß, wenn das Gift stärker als die Natur ist, es sich wieder mit der Blutmasse vermischt, und einen zweiten heftigeren Fieberanfall zuwege bringt.

Die Bubonen, Karbunkel und Petechien, die sich schon früher sehen ließen und verschwanden, kommen dann entweder wieder zum Vorschein, oder bleiben in einem Zustand der Untätigkeit, und der arme Kranke, getäuscht in seiner voreiligen Hoffnung, endet sein Leben am fünften Tage. Die faule Ausdünstung aus dem Leichnam ist dann mäßig, und es stellen sich gewöhnlich Anschwellungen und die übrigen Umstände ein, die ich bei dem Plethorischen, der plötzlich stirbt, erwähnt habe.

Die biliösen Pestkranken bilden die größte Anzahl, und das Pestgift wirkt bei ihnen im entgegengesetzten Sinne wie bei den plethorischen, das heißt, es mischt die Galle dem Blute bei, und löst dasselbe auf. Dieser Prozeß geht nicht so rasch vor sich, als der der Blutgerinnung, die sich im Plethorischen erzeugt. Bei Kranken der Art hilft das Aderlassen nicht nur nichts, sondern im Gegenteil, wenn man es unternimmt, spricht man dem Kranken sein Todesurteil. Ich wurde in zwei Fällen bei Pestkranken zu Hilfe gerufen, deren Konstitution ich nicht kannte; dem...

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