Mamas letzte Umarmung

Die Emotionen der Tiere und was sie über uns aussagen
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. August 2020
  • |
  • 450 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-12025-7 (ISBN)
 
Hunde, Katzen, Affen, Elefanten, Delphine, Wale haben Gefühle. Tiere sind nicht weniger emotional als Menschen. Tatsächlich wäre es vermessen, menschliche Gefühle als einzigartig herauszustellen. Frans de Waal, der weltweit führende Forscher auf diesem Gebiet, schildert spannend und mitreißend die vielen, nicht nur emotionalen Gemeinsamkeiten von Tier und Mensch.

Sind Affen die besseren Menschen? De Waal schildert in seinem Meisterwerk anschaulich, wie Tiere - insbesondere Menschenaffen - empfinden, mitempfinden, leiden, sich freuen, sozial sind, trauern, wütend, umgänglich sind. Affen haben ein tiefes Gefühlsleben, das sie aber nicht so artikulieren können wie wir Menschen. Gerade beim Abschied der alten Schimpansin »Mama«, die auf ihre Weise mitteilt, dass sie sterben wird, gehen Beobachtung und Schilderung in ein intensives Mitgefühl über. Im Reich der Tiere entdecken wir die elementaren Grundlagen unseres Körpers und unserer Emotionen. Hier zeigt sich, wie großartig und tiefgründig Tiere sind und was wir von ihnen lernen sollten. Das persönlichste und bewegendste Buch von Frans de Waal.
1. Aufl.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 6,13 MB
978-3-608-12025-7 (9783608120257)
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Frans de Waal, geboren 1948, Biologe und Primatenforscher, Professor für Psychobiologie an der Emory University und Direktor des Yerkes National Primate Research Center in Atlanta. De Waal ist durch zahlreiche populärwissenschaftliche Buchveröffentlichungen bekannt geworden und wurde vom »Time Magazine« in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen.

Einführung


Verhalten zu beobachten liegt mir im Blut, und zwar so sehr, dass ich es manchmal damit übertreibe. Das wurde mir klar, als ich eines Tages - ich war ungefähr zwölf - nach Hause kam und meiner Mutter berichtete, was ich im Stadtbus gesehen hatte. Ein Junge und ein Mädchen hatten herumgeknutscht, wie Teenager es eben tun, die geöffneten Lippen fest aufeinandergepresst. An sich nichts Ungewöhnliches (außer, dass ich noch nichts damit anfangen konnte), aber als die beiden voneinander abließen, fiel mir auf, dass das Mädchen jetzt Kaugummi kaute, und vor dem Kuss hatte ich nur den Jungen kauen gesehen. Ich war verblüfft, doch dann verstand ich: Es war wie mit dem physikalischen Prinzip der kommunizierenden Röhren. Meine Mutter war allerdings nicht begeistert von der Geschichte. Mit ernster Miene ermahnte sie mich, ich solle anderen Leuten nicht so viel Aufmerksamkeit schenken, das gehöre sich nicht.

Ich habe das Beobachten zu meinem Beruf gemacht. Allerdings achte ich nicht darauf, welche Farbe ein Kleid hat oder ob jemand ein Haarteil trägt oder nicht. So etwas interessiert mich nicht im Geringsten. Worum es mir geht, sind emotionale Ausdrucksweisen, Körpersprache und soziale Dynamiken. Die sind bei Menschen und anderen Primaten so ähnlich, dass es keinen Unterschied macht, welche der beiden Spezies ich ins Visier nehme, wenngleich meine Arbeit hauptsächlich letztere betrifft. Als Student konnte ich vom Schreibtisch aus eine Schimpansenkolonie im Zoo beobachten, und als Wissenschaftler am Yerkes Primate Center in der Nähe von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia habe ich seit 25 Jahren einen ähnlichen Ausblick. Meine Schimpansen leben im Außengehege einer Forschungsstation, und manchmal geraten sie so lautstark aneinander, dass wir zum Fenster stürzen, um das Spektakel zu verfolgen. Die meisten Menschen würden darin lediglich ein chaotisches Durcheinander von zwanzig haarigen Tieren sehen, die mit wildem Gebrüll herumtoben, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine überaus geordnete Gesellschaft. Meine Mitarbeiter und ich erkennen jeden der Menschenaffen an seinem Gesicht oder sogar an seiner Stimme, und wir wissen, was vor sich geht. Ohne die Fähigkeit, Verhaltensmuster auszumachen, wäre jede Beobachtung ungenau und zufällig, so, als würde man einer Sportveranstaltung beiwohnen, ohne den Sport selbst je betrieben zu haben oder etwas davon zu verstehen. Eigentlich erkennt man überhaupt nichts. Das ist auch der Grund, weshalb ich amerikanische Fernsehübertragungen von internationalen Fußballturnieren nicht ausstehen kann: Die meisten Kommentatoren sind erst spät zu dieser Sportart gekommen und verstehen deren grundlegende Strategien nicht. Sie haben nur Augen für den Ball, und in den entscheidenden Momenten plappern sie einfach drauflos. Das passiert, wenn man keine Muster erkennt.

Hinter die Kulissen zu blicken ist entscheidend. Wenn zum Beispiel ein Schimpansenmann1 einen anderen einschüchtern will, indem er Steine nach ihm wirft oder hinter ihm herjagt, muss man den Blick von den beiden abwenden und schauen, was in ihrem Umfeld geschieht, denn dort entscheidet sich, wie es weitergeht. Ich nenne das die »holistische Beobachtung«, die Notwendigkeit, den größeren Zusammenhang zu betrachten. Dass der beste Kumpel des bedrängten Schimpansen in einer Ecke schläft, heißt noch lange nicht, dass man ihn ignorieren kann, denn sobald er aufwacht und sich dem Schauplatz nähert, verändert das die Lage. Die ganze Kolonie weiß das. Eine Schimpansenfrau stößt einen lauten Schrei aus, um anzukündigen, dass gleich etwas passieren wird, während die Mütter ihren Nachwuchs an sich pressen.

Wenn sich männliche Schimpansen nach einer Auseinandersetzung wieder versöhnen, pflegen sie oft das Fell am Hinterteil ihres Rivalen, was bei gleichzeitiger Verrichtung dazu führen kann, dass sie eine akrobatische 69er-Stellung einnehmen.

Hinterher, wenn sich die Wogen geglättet haben, ist es ratsam, die Hauptakteure weiter im Auge zu behalten. Sie sind nämlich noch nicht fertig. Eine der ersten Versöhnungsszenen, die ich je beobachtet habe (inzwischen sind es Tausende), überraschte mich zutiefst. Im Anschluss an eine Auseinandersetzung gingen zwei männliche Rivalen hoch aufgerichtet aufeinander zu, die Haare aufgestellt, wodurch sie doppelt so groß wirkten wie sonst. Sie hielten Blickkontakt und schauten so bedrohlich drein, dass ich ein Wiederaufleben der Feindseligkeiten befürchtete. Doch als sie nahe beieinander waren, drehte einer der beiden dem anderen plötzlich den Rücken zu. Der reagierte, indem er anfing, bei seinem Widersacher im Bereich des Anus Fellpflege zu betreiben. Dabei schmatzte er laut und klapperte mit den Zähnen, um deutlich zu machen, mit welcher Beflissenheit er dieser Aufgabe nachkam. Der andere Schimpansenmann wollte es ihm gleichtun - und am Ende nahmen sie eine akrobatische 69er-Stellung ein, die es ihnen gestattete, einander gleichzeitig das Hinterteil zu pflegen. Bald darauf entspannten sie sich, drehten sich um und begannen, sich gegenseitig im Gesicht zu striegeln. Der Friede war wiederhergestellt.

Dass die beiden zunächst ausgerechnet am Anus Fellpflege betrieben, mag merkwürdig erscheinen, aber denken Sie nur daran, dass es in zahlreichen Sprachen Ausdrücke wie »Arschkriechen« oder »Schleimscheißen« gibt, und das kommt nicht von ungefähr. Wir haben »Schiss« oder »scheißen uns in die Hosen«, wenn wir Angst haben, und das ist - abgesehen von den Hosen - auch bei Schimpansen der Fall. Körperausgänge liefern also wichtige Informationen. Es kommt vor, dass ein Schimpansenmann noch lange nach einer Auseinandersetzung genau zu der Stelle zurückkehrt, wo sein Rivale gesessen hat, und sie beschnüffelt. Der Sehsinn ist bei Schimpansen ähnlich dominant wie bei uns Menschen, aber der Geruchssinn ist nach wie vor von großer Bedeutung, und zwar nicht nur bei Schimpansen: Aufnahmen mit versteckter Kamera haben gezeigt, dass Menschen, nachdem sie anderen die Hand geschüttelt haben, an ihrer Hand riechen, vor allem, wenn sie Kontakt zu einer Person gleichen Geschlechts hatten. Instinktiv halten wir unsere Hand nahe ans Gesicht, um die chemische Duftmarke wahrzunehmen, die Aufschluss über die Verfassung des anderen gibt. Das geschieht unbewusst, aber dieses Verhalten ähnelt dem anderer Primaten. Und doch betrachten wir uns gern als rationale Akteure, die genau wissen, was sie tun, während wir andere Spezies als Automaten hinstellen. So einfach ist es aber beileibe nicht.

Wir sind laufend in Verbindung mit unseren Gefühlen, aber das Knifflige daran ist: Emotionen und Gefühle sind nicht dasselbe. Wir schmeißen sie gern in einen Topf, aber Gefühle sind subjektive innere Zustände, die im Grunde nur denen bekannt sind, die sie empfinden. Ich kenne meine eigenen Gefühle. Ihre kenne ich nicht, es sei denn, Sie erzählen mir davon. Gefühle werden durch Sprache kommuniziert. Emotionen sind dagegen körperliche und mentale, das Verhalten steuernde Zustände - von Wut und Angst über sexuelles Verlangen und Zuneigung bis hin zu dem Bestreben, die Oberhand über unsere Rivalen zu gewinnen. Sie werden durch bestimmte Reize ausgelöst und gehen mit Verhaltensänderungen einher. Emotionen lassen sich an der Mimik ablesen, aber auch an der Hautfarbe, der Stimme, der Gestik, dem Geruch und so weiter. Erst wenn man sich dieser Veränderungen gewahr wird, werden daraus bewusst wahrgenommene Gefühle. Unsere Emotionen zeigen wir also, über unsere Gefühle sprechen wir.

Nehmen wir die Versöhnung. Wenn zwei Widersacher nach einer Auseinandersetzung Frieden schließen, ist das eine messbare emotionale Interaktion. Die Empfindungen, die damit einhergehen - Reue, Vergebung, Erleichterung - lassen sich allerdings erst im Nachhinein verifizieren. Wir vermuten, dass der andere dasselbe empfindet, können aber nicht sicher sein, nicht einmal, wenn er unserer eigenen Spezies angehört.

Zum Beispiel kann jeder behaupten, er habe dem anderen verziehen - aber...

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