Jenseits des Existenzminimums

Tagebuch einer feindseligen Selbstisolierung
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Mai 2020
  • |
  • 178 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-2024-7 (ISBN)
 
Vielen von uns dürfte die Stimmung vertraut sein: Eine Unzufriedenheit mit einem Teil der eigenen Persönlichkeit. Benjamin Nautilius, der Held unserer Erzählung, ist auf den ersten Blick ein unauffälliger Zeitgenosse. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen von 2013 wird dann aber doch schnell ersichtlich, dass der subalterne Angestellte einer Bank mit seinem Hang zur Selbstbeschau sich in eine fixe Idee hineingesteigert hat. Mehr und mehr kristallisiert sich heraus, dass ihm die eigene Persönlichkeit nicht ganz geheuer ist. Sind seine Vorstellungen wahnhaft oder bloß zugespitztes Resultat einer radikalen Selbstanalyse? Nach dem plötzlichen Tod seines Freundes Fred, eines erfolgreichen Investmentbankers, macht Benjamin die Bereinigung seiner Existenzkrise für sich zur lebensfüllenden Aufgabe. Durch Spekulation am Aktienmarkt bis zum Platzen der Dotcom-Blase sichert er sich nach der Jahrtausendwende die berufliche Unabhängigkeit und kann sich daher ganz der Aufgabe seiner Selbstbefreiung widmen: Mit einem überraschenden Finale.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 1,53 MB
978-3-7519-2024-7 (9783751920247)
Aufgewachsen in Gelsenkirchen. Ausbildung zum Chemielaboranten. Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Lehrer am Gymnasium und an der Gesamtschule. Verheiratet. Eine erwachsene Tochter. War das Schreiben während des Berufslebens als Ablenkung gedacht, in deren Windschatten ein ruhiger Pfad der Identitätssuche zu beschreiten war, so steht hinter der Initiative, nunmehr im Ruhestand etwas zu veröffentlichen, auch die Neugierde, ob und inwieweit ein bisweilen ausgefallener Stoff Interesse finden kann. Nach FLIEGENPIZZA legt der Autor hiermit seine zweite Erzählung vor.

5. September 2013: Sorry, ein verpatzter Einstieg


Es fällt mir schwer, mit etwas halbwegs Gescheitem in eine Unterhaltung einzusteigen. Das ist sogar dann der Fall, wenn ich, wie jetzt, gar keine Rückmeldung bekomme, ob und wie stark ich mich blamiere. Ein Grundproblem. Am geschicktesten ist es, ich tu so, als hätte es den Einstieg gar nicht gegeben und wir wären bereits mittendrin in der Unterhaltung. Der Trick funktioniert meistens erstaunlich gut.

Mit der Geselligkeit und ihren faden Kunststücken, so ist das nun einmal, verhält es sich ähnlich wie mit der Musikalität: Entweder man ist dafür veranlagt oder nicht. Gegen die Vorgaben der Natur wirst du bei Nichtbegabung weder in dem einen noch in dem anderen Fall groß herauskommen. Ich sehe nur den hilfreichen Unterschied, dass man sich in der einen Eigenschaft leichter als Talent tarnen kann als in der anderen.

Nun bin ich als Persönlichkeit alles andere als eine gesellige Natur. Deshalb ist es in meiner Lage nicht unbedingt hilfreich, allerlei Erwartungen zu hegen, die gewöhnlich an einen erfolgreichen mitmenschlichen Umgang gestellt werden. Dennoch hätte ich gern noch einmal in meinem Dasein erlebt, dass einer ausschert aus dem ewigen Konversationseinerlei und die dämliche Frage Wie geht es dir? tatsächlich passender und geschickter stellt.

Früher, als ich noch unter Menschen weilte, als ich mich schon rein beruflich mit ihnen einlassen musste, war ich häufig mit dieser Frage konfrontiert worden. Sie gehörte bei einer Begegnung einfach dazu. Nur, was sollte ich darauf anders antworten als: Gut. Gut geht es mir. Instinktiv checkte ich mich durch: Innereien in Ordnung. Kondition stark. Nur mäßige Molesten mit dem Stützkorsett. Krebszellen haben sich noch nicht geoutet. Und Demenz wird sich vielleicht erst dann einstellen, wenn ich mein Leben ohnehin beinahe ausgedünstet habe. Alles in allem der Kerl also noch ein klasse Biotop.

Nun bin ich zwar keine gesellige, aber eine im Großen und Ganzen aufrichtige Natur. Und deshalb sagte ich damals von Mal zu Mal - und ich würde das jetzt noch genauso sagen, wenn eine mitmenschliche Begegnung tatsächlich eine Aussprache zu dem angemerkten Thema heraufbeschwören würde: Gut. Gut geht es mir. Dabei denke ich mir sogleich - auch das damals genauso wie ich das heute denken würde: Wenn der doch nur gefragt hätte: Wie fühlst du dich?

Das wäre nach meiner Auffassung sofort eine völlig andere Frage gewesen. Jedenfalls hätte ich sie in einem anderen Sinne aufgefasst. Die zweite Variante wäre zudem eine viel geschicktere Frage gewesen, die mir als dem Befragten weniger Ausflüchte erlaubte. Rhetorisch geschmeidig in die Enge getrieben, hätte ich womöglich erst einmal gestutzt und gezögert, hätte mich gesammelt und nervös überlegt, welche Strategie ich mit meiner Antwort denn überhaupt einschlagen sollte: Ehrlich? Unehrlich? Unentschlossen drum herumeiern?

Vielleicht hätte ich mich für ehrlich entschieden. Sicher, auf jeden Fall hätte ich mich für ehrlich entschieden. Das kann ich hier verlässlich sagen, wo ich weiß, dass ja doch keiner so fragt und wo ich zudem gar nicht mehr unter Menschen komme, die dergleichen fragen könnten. Allerdings, das betone ich ausdrücklich, spricht auch meine naturgegebene Aufrichtigkeit für eine ehrliche Haltung.

Nehmen wir also einmal an, es hätte tatsächlich jemand in der weitaus geschickteren Weise gefragt. Und ich hätte mich für eine ehrliche Antwort entschieden. Dann hätte diese meine ehrliche Antwort gelautet: Sorry. Ich fühle mich wie in die Welt geschissen.

Um Gottes Willen! Ich will jetzt bloß keine falschen Vorstellungen wecken. Der Eindruck richtet sich nicht gegen die Mutter. Und er richtet sich auch nicht gegen den Geburtsvorgang. Der soll nämlich völlig normal gewesen sein. Das Gefühl hat sich im Grunde erst später, in deutlichem Abstand zu meiner Geburt, bei mir eingenistet. Zu jenem späteren Zeitpunkt war eine mentale Begegnung mit der Welt beim besten Willen schon nicht mehr zu vermeiden gewesen. Zugleich hatte mir ungut zu schwanen begonnen, mit dem Existieren womöglich in eine Unternehmung einbezogen zu sein, die schwer zu überblicken war und die möglicherweise nicht gut ausgehen konnte.

Wie alt ich da war? Kann ich nicht genau sagen. Später werde ich aber darauf zurückkommen. Ich halte das mit dem Alter übrigens nicht für besonders wichtig. Mir kommt es mit meiner Feststellung eher darauf an glaubhaft zu machen, dass die geschilderte Empfindung damals tatsächlich mein allererster bewusster Eindruck vom Leben war und dass außerdem der Eindruck nachhaltig geblieben ist bis heute. Deshalb bin ich überhaupt erst darauf gekommen, darüber zu berichten, weil es andernfalls absolut nichts geben würde, was in irgendeiner Weise in meinem Dasein berichtenswert wäre.

Als ich diesen Plan fasste, darüber zu berichten, nahm ich mir fest vor, unbedingt ein passendes Beispiel zu finden, das mein Urempfinden wenigstens geistig ein wenig miterlebbar machen könnte. Das Ereignis meiner Geburt ist - wenn ich jetzt dieses Beispiel als Ergebnis meines Nachdenkens einmal einbringen darf - bei aller äußerlichen Schmerzfreiheit gut vergleichbar mit einem Sturz, bei dem ein Unglücklicher während eines Waldspaziergangs mit der Nase zuerst in einen frisch geschlagenen Holzstoß fällt und für eine Weile ganz benommen ist. Irgendwann später, wenn seine Nase längst verheilt ist, wird er immer wieder, wenn er in den Wald geht, einen Geruch von frischem Holz in seiner Witterung haben. Da kann er gar nichts gegen tun. So ähnlich scheint das mit mir und der Welt zu sein. Da hat der Geburtsvorgang einen traumatischen Wiedererinnerungsmechanismus ausgelöst, bei dem es nun aber gar nicht nach frischem Holz riecht, sondern eben nach .   aber das deutete ich ja bereits an.

Diejenigen Mitexistierenden, die sich mit womöglich unangebrachten Erwartungen auf die Lektüre meines Berichtes eingelassen haben, werden ihn womöglich schon wieder kopfschüttelnd beiseitegelegt haben: Pure Negativität! Ätzend! Gar nicht aufbauend! Keine Weltsicht, die mir zusagt.

Stimmt. Na und? entgegne ich. Ich habe zweifellos Schwierigkeiten mit dem Existieren. Man konnte das heraushören. Man sollte das auch heraushören. Ich will den Eindruck überhaupt nicht leugnen. Doch ich habe, wie jeder andere Mitexistierende auch, ein Recht auf mein eigenes Weltempfinden. Und darin eingebettet, verströmt das Leben für mich auch nur bei oberflächlicher Teilhabe ein Aroma, das nicht auf meinen Geschmack ausgerichtet ist. Das Leben zeigt vielmehr Charakterzüge, die mir eindeutig missfallen. Das ganze anmaßende Prinzip des Lebens, so sehe ich das nun einmal, zwingt mir eine Existenz auf, in die ich freiwillig niemals eingetreten wäre.

Du musst dir selbst einmal, werter Mitexistierender, die absonderliche Story deines In-der-Welt-seins unvoreingenommen vor Augen führen: Ein hinterhältiger Vorgang unter ausschließlich fremder Beteiligung löst eine biologische Gärung aus, die dich hervorbringt, bevor du nur den Ansatz einer Chance hattest, etwas dagegen einzuwenden (oder meinetwegen auch darin einzuwilligen). Du kannst nichts von dem ganzen Geschehen rückgängig machen. Du kannst nicht stornieren, was für dich auf deine Kosten bestellt wurde. Du kannst keinen Deut an den Voreinstellungen deines Persönlichkeitsprogramms verändern. Und dennoch, die meisten, sicherlich, halten ihr Leben für ein Geschenk. Sie sagen das. Sie denken das vielleicht auch. Dennoch habe ich meine Zweifel, dass sie sich wirklich mit dem Problem auseinandergesetzt haben.

Ich halte aus meinen Gründen also strikt dagegen. Ich halte das Leben für eine Bürde. Ich halte mein Leben für meine Bürde. Ich halte sogar, wenngleich ich keineswegs vorhabe, mich rechthaberisch in deine persönlichen Angelegenheiten einzumischen, dein Leben, werter Mitexistierender, für deine Bürde. Haftet dir nämlich die Existenz erst einmal an, dann wirst du sie so schnell und auf keinen Fall leicht wieder los. Zwar, irgendwann, lässt sie ganz von allein wieder von dir ab. Doch das kann dauern. Und über alle Stationen hinweg wirst du bis ins Ende unsanft mitgezerrt. Mit welchem Ergebnis? Zu welchem Zweck? Na, dass nach deinem Existieren dasselbe ist wie davor, nämlich NICHTS.

Ein gelehrter Mitexistierender, der seinerzeit viel nachgedacht hatte, obwohl er gar nicht sehr alt geworden ist, bezeichnete einmal das Existieren als einen Hiatus zwischen zwei Nichtsen. Du fällst, so lege ich mir den Spruch aus, in einen zufälligen, zeitlich bedeutungslosen Materiespalt des Nichts. Und wohl die meisten, die davon betroffen sind, denen es also genauso ergeht, dass sie plötzlich existieren müssen, komme, was da wolle, halten diesen Aufenthalt dann für ungeheuer bedeutsam, sehen ihn in ihrem Habitus der Wichtigtuerei für ein ALLES an, obwohl er doch nur eine Unterbrechung des Nichts, eine zufällige Pore im universalen Chaosgefüge darstellt.

Im Prinzip zwar steht jedem Existierenden gleichwertig und gleichberechtigt eine ganze Ewigkeit zur Verfügung. Doch nur dieser eine kleine Spalt, dieses lächerliche Etwas deiner an sich banalen Existenz hat es für dich wirklich in sich. Das gewaltig lange Davor und Danach lässt sich demgegenüber einfach und leicht verkraften. Nur die Lebenden, nicht die Toten, machen bekanntlich ein Aufheben davon. Das sollte uns zu denken geben.

Niemand würde doch die komfortable Position im unbeschwerten Nichts bei vollem Bewusstsein freiwillig aufgeben. Nur deshalb hat die Natur - oder wer oder was immer hinter dem universellen Spektakel stecken mag, blieb der Natur vielleicht auch gar nichts anderes übrig - den hinterhältigen Vorgang eingeführt, ohne den...

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