Ungeduld des Herzens

Roman
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Januar 2013
  • |
  • 460 Seiten
 
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978-3-458-79110-2 (ISBN)
 
Edith, siebzehnjährige Tochter eines ungarischen Großindustriellen, ist an den Rollstuhl gefesselt. Als sie den jungen Leutnant Anton Hofmiller kennenlernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt, schöpft sie neuen Lebensmut. Anton dagegen hat kein Interesse an der gelähmten jungen Frau, heuchelt ihr aus falschem Mitleid aber Zuneigung vor und lässt sich sogar auf eine Verlobung mit ihr ein. Aus Scham über diese Verbindung verleugnet er sie jedoch vor seinen Kameraden - ohne zu ahnen, welch schwerwiegenden Konsequenzen sein Verrat nach sich ziehen wird .
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978-3-458-79110-2 (9783458791102)
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Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb am 23. Februar 1942 in Petropolis bei Rio de Janeiro.
Bis 1904 Studium der Philosophie, Germanistik und Romanistik in Berlin und Wien. Reisen in Europa, nach Indien, Nordafrika, Nord- und Mittelamerika. 1917/18 als Kriegsgegner in Zürich u. a. mit Hermann Hesse, James Joyce, Annette Kolb. Freundschaft mit Émile Verhaeren und Romain Rolland. 1919-34 zumeist in Salzburg. 1928 Rußlandreise. Ab 1935 häufige Aufenthalte in England. 1938 Emigration dorthin. 1940/41 erst New York, dann Petropolis in Brasilien. 1942 Selbstmord.


»Er war in seiner Zeit weltweit einer der berühmtesten und populärsten deutschsprachigen Schriftsteller. Seine unter dem Einfluß Sigmund Freuds entstandenen Novellen zeichnen sich durch geschickte Milieuschilderungen und einfühlsame psychologische Porträts aus, in denen die dezente, doch unmißverständliche Darstellung sexueller Motive auffällt. Seine romanhaften Biographien akzentuieren die menschlichen Schwächen der großen historischen Persönlichkeiten.« Marcel Reich-Ranicki

Unwillkürlich blieben Condor und ich, kaum daß wir aus dem Haustor getreten waren, auf der obersten Stufe der Treppe stehen, denn der Vorgarten bot einen erstaunlichen Anblick. Während der Stunden, die wir erregt in den Zimmern verbracht hatten, war es keinem von uns in den Sinn gekommen, aus dem Fenster zu schauen; nun überraschte uns eine vollkommene Verwandlung. Ein riesiger Vollmond stand reglos, eine blank geschliffene Silberscheibe, inmitten des völlig ausgestirnten Himmels, und indes die vom sonnigen Tag erhitzte Luft uns sommerlich umschwülte, schien gleichzeitig dank jener blendenden Strahlung ein magischer Winter in die Welt gefahren. Wie frisch gefallener Schnee schimmerte der Kies zwischen dem gradgeschnittenen Spalier, das mit seinen schwarzen Schatten den offenen Weg flankierte; spiegelnd bald im Licht und bald in Dunkelheit wie Mahagoni und Glas, standen die Bäume in atemloser Erstarrung. Nie kann ich mich erinnern, das Mondlicht dermaßen gespenstisch empfunden zu haben wie hier in der völligen Ruhe und Reglosigkeit des im flutenden Eisglanz ertrunkenen Gartens; ja, derart täuschend war die Bezauberung des scheinbar winterlichen Lichts, daß wir unwillkürlich zögernd den Fuß auf die schimmernde Treppe setzten, als wäre sie glitschiges Glas. Aber da wir nun die schneeig schummrige Kiesallee entlangschritten, waren wir plötzlich nicht mehr zwei, sondern vier, die da gingen, denn vor uns streckten sich, vom überscharfen Mondlicht genau herausmodelliert, unsere Schatten. Wider Willen mußte ich die beiden beharrlichen schwarzen Gefährten beobachten, die als wandernder Schattenriß jede unserer Bewegungen vorauszeichneten, und es gewährte mir – unser Gefühl ist ja manchmal merkwürdig kindisch gesinnt – eine gewisse Beruhigung, daß mein Schatten länger, schlanker und ich möchte fast sagen »besser« war als der dickliche und kleine meines Begleiters. Ich fühlte mich durch diese Überlegenheit – ich weiß, daß es ziemlichen Mut fordert, eine derartige Einfältigkeit sich selbst einzugestehen – etwas gesteigert in meiner Sicherheit; von den sonderbarsten Zufälligkeiten wird doch allezeit die Seele bestimmt, und gerade die winzigsten Äußerlichkeiten stärken oder mindern oft unseren Mut.

Wortlos waren wir bis zur Gittertür gelangt. Um sie zu schließen, mußten wir notwendigerweise zurückblicken. Wie mit bläulichem Phosphor gestrichen leuchtete die Front des Hauses, ein einziger Block blanken Eises, und derart vehement blendete das überschwengliche Mondlicht, daß man nicht unterscheiden konnte, welche der Fenster noch von innen beleuchtet waren und welche von außen. Erst der harte Zuschlag der Türklinke brach die Stille entzwei; gleichsam ermutigt durch dies irdische Geräusch inmitten des geisterhaften Schweigens wandte sich Condor mir mit einer Unbefangenheit zu, die ich nicht erhofft hatte.

»Der arme Kekesfalva! Ich mach mir schon die ganze Zeit über Vorwürfe, ob ich nicht eben zu brüsk mit ihm gewesen bin. Ich weiß natürlich, daß er mich am liebsten noch Stunden zurückgehalten und hundert Sachen gefragt hätte, oder eigentlich hundertmal dasselbe. Aber ich konnte einfach nicht mehr. Es war ein zu schwerer Tag, von früh bis nachts Kranke, und dabei lauter Fälle, bei denen man nicht vorwärtskommt.«

Wir waren unterdessen in die Allee getreten, deren Bäume sich mit schattendem Geflecht gegen das durchsickernde Mondlicht zusammenbuschten. Um so greller leuchtete inmitten der Chaussee der eisweiße Kies, und diese helle Lichtrinne schritten wir beide entlang. Ich war zu respektvoll, um zu antworten, aber Condor schien mich gar nicht zu bemerken.

»Und dann, an manchen Tagen ertrag ich seine Insistenz einfach nicht mehr. Wissen Sie, das Schwere bei unserem Beruf sind gar nicht die Kranken; mit denen lernt man schließlich richtig umgehen, man kriegt eine Technik heraus. Und schließlich – wenn Patienten klagen und fragen und drängen, so gehört das einfach zu ihrem Zustand wie Fieber oder Kopfschmerz. Wir rechnen von vornherein mit ihrer Ungeduld, wir sind darauf eingestellt und gerüstet, und jeder hat dafür gewisse beruhigende Phrasen und Unwahrheiten genau so bereit wie seine Schlafmittel und schmerzstillenden Tropfen. Aber niemand macht unsereinem das Leben so sauer wie die Anverwandten, die Zugehörigen, die sich unberufenerweise zwischen den Arzt und den Patienten schieben und immer die ›Wahrheit‹ wissen wollen. Alle tun sie, als ob momentan nur dieser eine Mensch krank wäre auf Erden und man einzig für ihn sich sorgen müßte, für ihn allein. Ich nehme Kekesfalva sein Gefrage wirklich nicht übel, aber wissen Sie, wenn Ungeduld chronisch wird, läßt einen manchmal die Geduld im Stich. Zehnmal habe ich ihm erklärt, ich hätte jetzt einen schweren Fall in der Stadt, wo es auf Tod und Leben geht. Und obwohl er's weiß, telephoniert er doch Tag für Tag und drängt und drängt und will mit Gewalt sich eine Hoffnung erzwingen. Und gleichzeitig weiß ich als sein Arzt, wie verhängnisvoll diese Aufregung auf ihn wirkt, ich bin ja viel mehr beunruhigt als er ahnt, viel, viel mehr. Ein Glück, daß er nicht weiß, wie schlimm es steht.«

Ich erschrak. Es stand also schlimm! Offen und völlig spontan hatte mir Condor die Auskunft gegeben, die ich von ihm erschleichen sollte. In starker Erregung drängte ich nach:

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, aber Sie werden verstehen, daß mich das beunruhigt … ich hatte doch keine Ahnung, daß es so schlecht steht mit Edith …«

»Mit Edith?« Condor wandte sich mir ganz erstaunt zu. Er schien zum erstenmal zu bemerken, daß er zu einem andern gesprochen. »Wieso mit Edith? Ich hab doch kein Wort von Edith geredet … Sie haben mich völlig mißverstanden … Nein, nein, bei Edith ist der Zustand wirklich ganz stationär – leider noch immer stationär. Aber er macht mir Sorge, Kekesfalva, und immer mehr Sorge. Ist Ihnen nicht aufgefallen, wie sehr er sich in den letzten paar Monaten verändert hat? Wie schlecht er aussieht, wie er von Woche zu Woche mehr verfällt?«

»Ich kann das natürlich nicht beurteilen … ich habe erst seit einigen Wochen die Ehre, Herrn von Kekesfalva zu kennen und …«

»Ach so – richtig! Verzeihen Sie … dann konnten Sie's natürlich nicht konstatieren … Aber ich, der ich ihn seit Jahren kenne, war für mein Teil heute ehrlich erschrocken, als ich zufällig auf seine Hände sah; ist Ihnen nicht aufgefallen, wie durchsichtig und knöchrig die sind – wissen Sie, wenn man viele Hände von Toten gesehen hat, dann bestürzt einen immer diese gewisse Art bläulicher Farbe an einer lebendigen Hand. Und dann … seine rasche Rührseligkeit gefällt mir nicht: bei dem geringsten Gefühl werden ihm die Augen feucht, bei dem kleinsten Sich-Ängstigen lischt ihm die Farbe aus. Gerade bei Männern, die früher so griffig und energisch waren wie Kekesfalva, wirkt ein solches Sich-Nachgeben bedenklich. Leider, es bedeutet nichts Gutes, wenn harte Menschen mit einmal weich werden – ja sogar, daß sie plötzlich gütig werden, seh ich nicht gern. Etwas klappt, etwas hält dann innen nicht mehr zusammen. Natürlich – ich nehm's mir schon lang vor, ihn einmal gründlich zu untersuchen – ich trau mich nur nicht recht an ihn heran. Denn, mein Gott, wenn man ihn jetzt noch auf den Gedanken brächte, daß er selber krank ist, und gar auf den Gedanken, er könnte sterben und sein Kind lahm zurücklassen, das wär überhaupt nicht auszudenken! Er unterminiert sich ohnehin schon mit diesem ewigen Drandenken, mit dieser rasenden Ungeduld … Nein, nein, Herr Leutnant, Sie haben mich mißverstanden – nicht Edith, sondern er bereitet mir die Hauptsorge … ich fürchte, der alte Mann macht es nicht mehr lang.«

Ich war ganz niedergeschmettert. Daran hatte ich nie gedacht. Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt und hatte noch keinen nahen Menschen sterben sehen. So konnte ich den Gedanken gar nicht gleich erfassen, jemand, mit dem man eben zu Tisch gesessen, mit dem man gesprochen, getrunken, könne morgen schon starr liegen in seinem Leichenlaken. Gleichzeitig spürte ich an einem feinen plötzlichen Stich in der Herzgegend, daß ich diesen alten Mann wirklich liebgewonnen hatte. In meiner ergriffenen Verlegenheit wollte ich nur irgend etwas entgegnen.

»Entsetzlich«, sagte ich, ganz benommen, »das wäre ja ganz entsetzlich. Ein so vornehmer, ein so großzügiger, ein so gütiger Mensch – wirklich der erste echte ungarische Edelmann, dem ich begegnet bin …«

Aber da geschah etwas Überraschendes. Condor blieb mit so jähem Ruck stehen, daß auch mir unwillkürlich der Fuß stockte. Er sah mich starr an, die Augengläser blitzten im brüsken Herüberwenden. Erst nach ein oder zwei Atemzügen fragte er ganz verblüfft:

»Ein Edelmann? … Ein echter noch dazu? … Kekesfalva? Verzeihen Sie, lieber Herr Leutnant … aber meinen Sie das … wirklich im Ernst … das mit dem echten ungarischen Edelmann?«

Ich begriff die Frage nicht ganz. Ich hatte nur das Gefühl, etwas Törichtes gesagt zu haben. So äußerte ich verlegen:

»Ich kann ja bloß von mir aus urteilen, und zu mir hat sich Herr von Kekesfalva bei jeder Gelegenheit von der vornehmsten und gütigsten Seite gezeigt … man hatte uns beim Regiment die ungarische Gentry immer als besonders hochfahrend geschildert … Aber … ich … ich bin nie einem gütigeren Menschen begegnet … ich … ich …«

Ich verstummte, weil ich spürte, daß Condor mich noch immer von der Seite mit Aufmerksamkeit betrachtete. Sein rundes Gesicht schimmerte im Mond, übergroß blitzten die beiden Gläser, hinter denen ich die suchenden Augen nur undeutlich wahrnahm; das gab mir das unangenehme...

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