Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Oktober 2018
  • |
  • 727 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-43963-1 (ISBN)
 

Gegen den Big-Other-Kapitalismus ist Big Brother harmlos.

Die Menschheit steht am Scheideweg, sagt die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff. Bekommt die Politik die wachsende Macht der High-Tech-Giganten in den Griff? Oder überlassen wir uns der verborgenen Logik des Überwachungskapitalismus? Wie reagieren wir auf die neuen Methoden der Verhaltensauswertung und -manipulation, die unsere Autonomie bedrohen? Akzeptieren wir die neuen Formen sozialer Ungleichheit? Ist Widerstand ohnehin zwecklos?

Zuboff bewertet die soziale, politische, ökonomische und technologische Bedeutung der großen Veränderung, die wir erleben. Sie zeichnet ein unmissverständliches Bild der neuen Märkte, auf denen Menschen nur noch Quelle eines kostenlosen Rohstoffs sind - Lieferanten von Verhaltensdaten. Noch haben wir es in der Hand, wie das nächste Kapitel des Kapitalismus aussehen wird. Meistern wir das Digitale oder sind wir seine Sklaven? Es ist unsere Entscheidung!

Zuboffs Buch liefert eine neue Erzählung des Kapitalismus. An ihrer Deutung kommen kritische Geister nicht vorbei.

  • Deutsch
  • Frankfurt am Main
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  • Deutschland
  • Neue Ausgabe
  • 4,28 MB
978-3-593-43963-1 (9783593439631)
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Shoshana Zuboff war 1981 eine der ersten Frauen, die an der Harvard Business School einen Lehrstuhl bekamen. Bereits 1988 schrieb sie den Best- und Longseller "In the Age of the Smart Machine", in dem sie als Sozialwissenschaftlerin und Ökonomin die technologischen Entwicklungen und daraus resultierenden Kontrollmechanismen vorhersagte. Mit dem Begriff "Dark Google" prägte sie 2014 maßgeblich die Debatte um die digitale Zukunft und Big Data. Das Magazin strategy+business bezeichnet sie als eine der elf originellsten Wirtschaftsdenkerinnen und -denker der Welt.

Shoshana Zuboff lebt in Maine (USA).

Erwacht im Frost und finstern Lärm der Stunde,
begehren wir nach südlich-alter Zeit,
Nacktheit und Wärme und Gelassenheit,
Geschmack von Lebenslust in reinem Munde.
Und nachts in unsern Hütten träumen wir
von Zukunftsfesten: jedem Labyrinth,
das die Musik entwirft, folgt die Musik
des Herzens unfehlbar mit ihren Schritten. 
Wir neiden Flüssen, Häusern die Gewißheit,
selbst aber, zweifelnd, fehlbar, waren wir
nie wie ein großes Tor so nackt und stet
und werden nie so klar wie unsre Quellen:
nur weil wir müssen, leben wir in Freiheit,
ein Bergvolk, das sich in den Bergen bläht.
- W. H. Auden, Sonette aus China, XVIII

Ich widme dieses Buch der Vergangenheit und der Zukunft. 
Im Gedenken an meinen geliebten Jim Maxmin
Im Gedenken an meinen mutigen Freund Frank Schirrmacher 
Meinen Kindern Chloe Sophia Maxmin und Jacob Raphael Maxmin zu Ehren - 
ich schreibe zur Stärkung eurer Zukunft und 
der moralischen Sache eurer Generation

Überwachungskapitalismus, der 
1. Neue Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre versteckten kommerziellen Operationen der Extraktion, Vorhersage und des Verkaufs reklamiert; 2. eine parasitäre ökonomische Logik, bei der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einer neuen globalen Architektur zur Verhaltensmodifikation untergeordnet ist; 3. eine aus der Art geschlagene Form des Kapitalismus, die sich durch eine Konzentration von Reichtum, Wissen und Macht auszeichnet, die in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist; 4. Fundament und Rahmen einer Überwachungsökonomie; 5. so bedeutend für die menschliche Natur im 21. Jh. wie der Industriekapitalismus des 19. und 20. Jhs. für die Natur an sich; 6. der Ursprung einer neuen instrumentären Macht, die Anspruch auf die Herrschaft über die Gesellschaft erhebt und die Marktdemokratie vor bestürzende Herausforderungen stellt; 7. zielt auf eine neue kollektive Ordnung auf der Basis totaler Gewissheit ab; 8. eine Enteignung kritischer Menschenrechte, die am besten als Putsch von oben zu verstehen ist - als Sturz der Volkssouveränität.

Einführung

1. Kapitel
Heimat oder Exil in der digitalen Zukunft

Ihn sah ich auf der Insel die bittersten Tränen vergießen,
In dem Hause der Nymphe Kalypso, die mit Gewalt ihn
Hält; und er sehnt sich umsonst nach seiner heimischen Insel
- Homer, Odyssee

Die ältesten Fragen
"Arbeiten wir dann künftig alle für eine intelligente Maschine, oder haben wir intelligente Menschen um die Maschine herum?" Diese Frage stellte mir 1981 der junge Manager einer Papierfabrik zwischen Backfisch und Nusstorte an meinem ersten Abend am Standort seines riesigen Betriebs, einer kleinen Stadt im Süden der Vereinigten Staaten, die mir die nächsten sechs Jahre über selbst immer mal wieder zum Zuhause werden sollte. An dem verregneten Abend beschäftigten mich seine Worte so sehr, dass ich darüber ganz das anschwellende Trommeln der Regentropfen auf der Markise über unserem Tisch vergaß. Ich erkannte in ihr eine der ältesten Fragen der Politik: Heimat oder Exil? Souverän oder Untertan? Herr oder Knecht? Wir sprechen hier von ewigen Themen wie Wissen, Autorität und Macht, die nie ein für alle Mal zu klären sein werden. Geschichte hat kein Ende; jede Generation muss ihren Willen und ihre Vorstellungen erneut durchsetzen, ihren Fall aufs Neue zur Verhandlung bringen, da jede Epoche neue spezifische Bedrohungen bringt.
"Was meinen Sie?" Kam der frustriert insistierende Ton des Fabrikleiters daher, dass er sonst niemanden fragen konnte? "Welche Richtung sollen wir einschlagen? Ich muss das wissen. Wir haben keine Zeit zu verlieren." Da mir selbst nach Antworten war, nahm damals das Projekt seinen Anfang, aus dem dann - vor dreißig Jahren - mein erstes Buch werden sollte: In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power. Und das wiederum wurde das erste Kapitel meiner lebenslangen Suche nach einer Antwort auf die Frage "Kann die digitale Zukunft uns eine Heimat sein?".
Jener linde Abend im Süden liegt Jahre zurück, aber die ältesten Fragen beschäftigen mich heute mehr denn je. Der Vormarsch der Digitalisierung sorgt für eine Neudefinition auch des letzten Aspekts unserer eben noch so vertrauten Welt, ohne uns auch nur eine Chance zu lassen, eine durchdachte Entscheidung darüber zu fällen. Wir loben die vernetzte Welt der vielschichtigen Bereicherung unserer Möglichkeiten und Aussichten wegen über den grünen Klee, aber da sie uns der Geborgenheit einer berechenbaren Zukunft beraubt, beschert sie uns auch eine Vielzahl neuer Ängste, Gefahren und Formen von Gewalt.
Stellen wir heute abermals die ältesten Fragen, stehen Milliarden von Menschen aller sozialen Schichten, aller Generationen, steht die Gesellschaft an sich in der Pflicht. Informations- und Kommunikationstechnologien erreichen heute drei der sieben Milliarden Erdbewohner und sind damit weiter verbreitet als selbst die Elektrizität. Das komplexe Dilemma um Wissen, Autorität und Macht beschränkt sich nicht mehr nur auf den Arbeitsplatz wie in den 1980er-Jahren; seine Wurzeln durchziehen heute die Erfordernisse des Alltags, vermitteln sie doch fast jeden Aspekt unseres sozialen Miteinanders.
Noch gestern schien es durchaus vernünftig, unser Augenmerk auf die Herausforderungen des Informationsarbeitsplatzes, eventuell auch auf eine Informationsgesellschaft zu konzentrieren. Heute müssen wir uns die ältesten Fragen im weitesten Sinne stellen - im Sinne der "Zivilisation" an sich, müsste man wohl sagen, oder spezifischer im Sinne einer Informationszivilisation. Wird die sich so herausbildende Zivilisation sich als etwas erweisen, was sich als Heimat bezeichnen lässt?
Jede Kreatur richtet sich an einer Heimat aus. Das Zuhause ist der Ausgangspunkt, an dem jede Spezies sich orientiert. Völlig unmöglich, uns ohne diese Ausnordung in einer Terra incognita zu orientieren; ohne sie sind wir verloren. Daran erinnert mich jedes Frühjahr das Seetaucherpärchen, das von seiner weiten Reise in sein Nest unter unserem Fenster zurückkehrt. Die eindringlichen Schreie, mit denen die beiden Heimkehr, Erneuerung, Verbundenheit und Geborgenheit feiern, lassen uns abends in der Gewissheit einschlafen, dass auch wir dort sind, wo wir hingehören. Die Grüne Meeresschildkröte bahnt sich nach dem Ausschlüpfen ihren Weg ins Meer, wo sie zehn, zwanzig Jahre lang Tausende von Kilometern zurücklegt; nach Erreichen der Geschlechtsreife findet sie zum Ablegen der Eier zurück an den Strand, an dem sie geboren wurde. Es gibt Vögel, die jedes Jahr Tausende von Kilometern zurücklegen und dabei die Hälfte ihres Körpergewichts verlieren, nur um sich am Ort ihrer Geburt zu paaren. Vögel, Bienen, Schmetterlinge . Nester, Bauten, Bäume, Seen, Stöcke, Hügel, Senken, Gestade . so gut wie jede Kreatur verfügt über die eine oder andere Spielart tiefer Verbundenheit mit einem Ort, mit dem sie die Vorstellung eines guten Lebens verbindet, mit einem Zuhause, wie wir sagen würden.
Es liegt in der Natur menschlicher Ortsverbundenheit, dass jede Reise, jede Vertreibung die Suche nach einem Zuhause auslöst. Dass dieser nóstos, diese Heimkehr, eines unserer tiefsten Bedürfnisse ist, wird deutlich in dem Preis, den wir dafür zu zahlen bereit sind. Uns allen ist eine schmerzliche Sehnsucht nach der Rückkehr an den Ort gemein, den wir verlassen haben, oder danach, eine neue Heimat zu finden, in der unsere Hoffnungen für die Zukunft nisten und sich entfalten können. Noch heute lesen und erzählen wir von den Prüfungen des Odysseus, auf dass wir nicht vergessen, was Menschen zu opfern, was sie zu ertragen bereit sind, um ihre heimischen Gestade zu erreichen und durch ihr eigenes Tor zu gehen.
Da unser Gehirn nun einmal größer ist als das von Vögeln und Meeresschildkröten, wissen wir, dass es nicht immer möglich, ja noch nicht einmal ausnahmslos wünschenswert ist, zu einem bestimmten Flecken Erde zurückzukehren. Heimat muss also nicht immer einem einzigen Zuhause, einem bestimmten Ort entsprechen; wir können uns ihre Beschaffenheit ebenso aussuchen wie ihre Verortung, nicht aber ihre Bedeutung. Heimat ist, wo wir Menschen kennen und wo wir den Menschen bekannt sind, wo wir lieben und wo wir geliebt werden. Heimat ist Souveränität, Stimme, Beziehungen und Freistatt - teils Freiheit, teils Entfaltung, teils Zuflucht, teils Chance.
Das Gefühl, dass einem die Heimat entgleitet, zeitigt ein schier unerträgliches Sehnen in uns. Die Portugiesen haben ein spezielles Wort für diese spezifische Art von Wehmut: saudade; es steht seit Jahrhunderten für Heimweh und das Fernweh unter Emigranten zugleich. Heute haben die Verwerfungen des 21. Jahrhunderts aus diesen heftigen Ängsten und den aus der Entwurzelung geborenen Sehnsüchten eine universelle Befindlichkeit gemacht; keiner von uns kann sich ihr entziehen.

Requiem für ein Zuhause
Im Jahr 2000 arbeitete eine Gruppe von Informatikern und IT-Ingenieuren der Technischen Hochschule in Atlanta, Georgia, an einem Projekt mit dem Namen "Aware Home".4 Gedacht war dieses als "lebendes Labor" für eine Studie über "ubiquitäres Computing". Man stellte sich eine "Symbiose von Mensch und Zuhause" vor, bei der zahlreiche unbelebte und belebte Prozesse über ein ausgeklügeltes Netzwerk "kontextsensitiver Sensoren" erfasst werden sollten, die überall im Haus und an von den Hausbewohnern getragenen "anziehbaren" Computern angebracht sein sollten. Das Design sah eine "automatisierte WLAN-Kollaboration" zwischen einer Plattform als Host für die persönlichen, von den "Wearables" der Hausbewohner übertragenen Informationen und einer zweiten Plattform als Host für die von allen anderen Sensoren übertragenen Umgebungsinformationen vor.
Es gab drei Arbeitshypothesen: Erstens gingen die Forscher davon aus, dass die neuen Datensysteme ein ganz neues Wissensgebiet hervorbringen würden. Zweitens galt es als selbstverständlich, dass die Rechte an dem neuen Wissen und die Macht, dieses lebensverbessernd einzusetzen, ausschließlich den Hausbewohnern zustanden. Drittens sah das Team das "bewusste Zuhause" bei aller digitalen Hexerei als moderne Inkarnation der traditionellen Vorstellung eines "Heims": als Zufluchtsort für die, die innerhalb seiner Mauern wohnen.
Die Annahmen fanden ihren Ausdruck in der technischen Anlage, die Vertrauen, Einfachheit, Souveränität des Individuums und die Unantastbarkeit des Zuhauses als privater Bereich betonte. Man dachte sich das Informationssystem des Projekts als einfachen "geschlossenen Kreislauf" mit nur zwei Knoten, der allein von den Bewohnern des Hauses zu kontrollieren war. Da das Haus "Aufenthaltsort und Aktivitäten seiner Bewohner rund um die Uhr . selbst in medizinischer Hinsicht beobachten würde", bestünde "die klare Notwendigkeit, die Bewohner über Kontrolle und Verteilung dieser Informationen aufzuklären". Sämtliche Informationen sollten in den Wearables gespeichert werden, "um sicherzugehen, dass der Schutz der Privatsphäre des Einzelnen gewahrt" bliebe.
2018 schätzte man den Wert des weltweiten "Smart-Home"-Markts auf 36 Milliarden Dollar und ging davon aus, dass er bis 2023 151 Milliarden erreichen würde. Unter der Oberfläche dieser Zahlen verbirgt sich ein Erdrutsch. Nehmen wir nur eines der Smart-Home-Geräte heraus: den Thermostat der Alphabet-Tochter Nest Labs, mit der Google 2018 fusionierte. 

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