Der Turm der Ketzerin

Historischer Roman - Die Hugenotten 2
 
 
Goldmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Januar 2018
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-17580-1 (ISBN)
 
Frankreich 1588. Der junge Pierre wuchs im katholischen Glauben auf, bis er erfahren musste, dass er als Hugenotte geboren wurde. Aufgrund der verheerenden Glaubenskriege im Land war sein Vater jahrelang gezwungen, ihre Religion zu verheimlichen. Während seine Schwester Magali dem Katholizismus treu bleibt, möchte Pierre nun zu seiner ursprünglichen Konfession zurückkehren. In La Rochelle verliebt er sich in die Hugenottin Florence. Doch die strengen Sitten- und Lebensvorstellungen ihrer Familie stehen ihrer gemeinsamen Zukunft im Weg. Und dann wird der neue Glaube auch noch zur Gefahr für die beiden Liebenden ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,63 MB
978-3-641-17580-1 (9783641175801)
3641175801 (3641175801)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Deana Zinßmeister widmet sich seit einigen Jahren ganz dem Schreiben historischer Romane. Bei ihren Recherchen wird sie von führenden Fachleuten unterstützt, und für ihren Bestseller »Das Hexenmal« ist sie sogar den Fluchtweg ihrer Protagonisten selbst abgewandert. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Saarland.

Kapitel 1

La Rochelle, Juli 1588

Pierre hatte schweißnasse Hände. Kaum hatte er sie über dem Stoff seiner knielangen Hose trockengerieben, brach der Schweiß erneut aus. Gleich würde die große Uhr im Stadttor die sechste Stunde schlagen. Pierres Herzschlag begann zu rasen. Um sich abzulenken, schaute er zum Tour Saint-Nicolas hinüber, dessen helles Gemäuer von der tiefstehenden Sonne angestrahlt wurde. Sein Blick erfasste zwei Soldaten auf dem oberen Rundgang des Wachturms. Sie beobachteten die Segelschiffe, die weit draußen vor der Stadt auf Reede lagen.

»Wartest du auf mich?«, fragte eine Stimme hinter ihm.

Pierre schluckte. »Du bist gekommen«, flüsterte er.

Das Sonnenlicht blendete sie. Blinzelnd sah sie ihn an. »Warum sollte ich nicht kommen?«, fragte sie sanft.

Schüchtern zuckte Pierre mit den Schultern.

Sie kicherte. »Ich hatte dir versprochen, dass ich jeden Tag zur sechsten Stunde hier auf dich warte.«

Er kam näher, bis er dicht vor ihr stand.

Sie reckte ihm ihr Gesicht entgegen. Aus ihren veilchenblauen Augen musterte sie ihn scheu. Pierre glaubte ein zaghaftes Lächeln zu erkennen.

Mutig näherte er sich ihren Lippen.

Als sie nicht zurückschreckte, drückte er sanft seinen Mund auf ihren.

»Schläfst du im Stehen?«

Pierre riss die Augen auf und sah in das wettergegerbte Gesicht eines Bauern, der ihn hämisch angrinste. »Du hattest wohl einen süßen Traum«, grölte der Fremde, und die Umstehenden stimmten in sein Lachen ein.

Pierre sah sich erschrocken um. Er brauchte einige Sekunden, um wahrzunehmen, wo er war. Eingereiht zwischen zahlreichen Menschen wartete er vor dem nördlichen Stadttor von La Rochelle darauf, eingelassen zu werden. Reisende, die der Handelsstraße gefolgt waren, standen dicht gedrängt neben Viehhändlern, Bauern, Kaufleuten und anderen. Manche saßen auf Fuhrwerken, mit denen sie ihre Waren transportierten. Andere trugen Kiepen mit Gemüse oder Holz auf dem Rücken. Manche hielten Kinder an den Händen, die lautstark quengelten, da sie lieber umherlaufen wollten.

Es war nur ein Traum, dachte Pierre und schaute enttäuscht hoch. Abermals blickte er in das Gesicht des Alten.

»Oh, es war nur ein Traum«, grinste der.

Da der Bauer anscheinend seine Gedanken lesen konnte, drehte Pierre sich von ihm fort und lehnte sich gegen sein Pferd, das neben ihm stand, ebenso müde war wie er und döste.

Wie kann ich mich hier nur einem Traum hingeben?, schimpfte sich Pierre in Gedanken selbst und schüttelte beschämt den Kopf. Wie lange war er wohl hier schon gestanden? Lang genug, um zu träumen, dachte er spöttisch und sah gereizt hinüber zum Tor. Warum geht es nicht weiter? Ich will endlich zum Hafen und wissen, ob mein Traum wahr wird, dachte er und spitzte an den Leuten vorbei zum Tor. An diesem Tag schien nur ein Wachsoldat zu kontrollieren, erkannte Pierre und stützte die Hände auf seinen Oberschenkeln ab.

Erschöpft ließ er den Kopf hängen. Jeder Muskel seines Leibs schien zu schmerzen. Mit verkniffener Miene streckte er den Rücken. Seit seinem Fortritt aus Vernou-sur-Brenne am Vortag in aller Herrgottsfrühe hatte er sich und der Stute nur zweimal eine kurze Rast gegönnt. Eine innere Unruhe trieb ihn weiter. Ihn jagte die Angst, dass Florence nicht mehr auf ihn warten würde. Schließlich hatte er sich nicht persönlich von ihr verabschieden können, sondern eine Wahrsagerin gebeten, dem Mädchen eine Nachricht zu übermitteln. Ob Josianne seiner Bitte nachgekommen war, wusste Pierre nicht. Und er wusste auch nicht, wie Florence seine Nachricht aufgenommen hatte. Vielleicht war sie enttäuscht und wollte nichts mehr von ihm wissen. Pierre wäre am liebsten durch das Stadttor geprescht, um endlich zum Kettenturm am Hafen zu gelangen. Doch er zwang sich, ruhig zu bleiben, und atmete tief durch.

Ein Mann nickte ihm zu. Pierre erwiderte die Begrüßung. Wie die meisten wartenden Menschen war der Fremde in der dunklen Tracht der Hugenotten gekleidet. Pierre wusste aus der Erzählung seines Vaters, dass La Rochelle die heimliche Hauptstadt der Hugenotten genannt wurde, da sich die Gläubigen hier frei bewegen konnten und ihre protestantische Überzeugung offen leben durften - im Gegensatz zu den katholischen Städten, wo Protestanten nur geduldet wurden und sich an katholische Regeln halten mussten.

Pierre sah heimlich an sich herunter. Seine helle Kleidung fiel unter den dunklen Röcken der anderen auf. Als er um sich schaute, glaubte er manch unfreundlichen Blick zu sehen. Aber da man ihn in Ruhe ließ, hoffte er, sich zu täuschen. Wahrscheinlich hat mich das Gerede meiner Schwester Magali beeinflusst, sodass ich in jedem Hugenotten einen Gegner sehe, dachte er und unterdrückte den Gedanken. Er wollte nicht an seinen letzten Tag im Haus seines Vaters denken. Auch wollte er sich nicht erneut aufregen oder gar ärgern, denn Magalis abfälliges Gerede über die Hugenotten hatte ihn schwer getroffen.

Bevor Pierre weiter nachdenken konnte, erblickte er einen Wachmann, der sich vor ihm aufbaute. Der Mann, dessen Kopf von einem Helm eingeschlossen wurde, musterte ihn mürrisch. Sein Blick galt Pierres Erscheinung.

»Wohin des Wegs?«, fragte er, ohne eine Miene zu verziehen.

»Ich will in die Stadt.«

»Im Gefängnis sitzen achtzehn Gefangene. Sie alle wollen da raus, doch das ist kein Wunschkonzert«, spottete der Mann und verzog keine Miene. »Was will ein Katholik in unserer Stadt?«

Pierre konnte dem Mann nicht sagen, dass er hoffte, das Mädchen Florence am Kettenturm zu treffen. Hastig überlegte er sich eine Ausrede. »Ich suche meine Eltern. Sie sind Korbflechter und verkaufen ihre Ware am Hafen.«

»So, so! Korbflechter.«

Pierre nickte.

»Wie lange willst du in La Rochelle bleiben?«

»Das kommt darauf an, wie lange der Vater meine Hilfe benötigt. Er sieht nicht mehr gut, sodass die Körbe schief und krumm werden. Deshalb werde ich wohl einige für ihn flechten müssen«, log Pierre und grinste dabei.

»Darüber spaßt man nicht«, rügte ihn der Wachmann. »Schlimm genug, wenn man von Krankheiten geplagt wird. Ein Sohn, der seinen Vater nicht ehrt, weil er nicht mehr gut sieht .«

»Er ist Katholik!«, spottete derselbe Bauer, der sich über Pierres Träumerei lustig gemacht hatte. »Was erwartest du von so einem?«

Pierre sah den Mann entgeistert an. Wie konnte der Alte so über ihn reden? Sie kannten sich nicht, hatten kaum ein Wort miteinander gewechselt. Pierre öffnete den Mund, um zu sagen, dass er aus einer hugenottischen Familie kam. Doch da rief jemand hinter ihnen: »Wenn das nicht bald weitergeht, verdirbt meine Ware!«

»Halt die Klappe, sonst kannst du wieder umkehren«, rief der Wachmann und sah den Störenfried böse an.

»Wir stehen uns die Beine in den Bauch, weil es nicht weitergeht«, rief eine Frau. »Warum bist du heute allein, Vincent? Wo ist der zweite Wachmann, der an anderen Tagen mit dir kontrolliert?«

»Ihn plagt das Fieber«, antwortete der Soldat.

»Du kennst uns, Vincent. Wir stehen mindestens zweimal in der Woche hier, um auf den Märkten unsere Ware zu verkaufen. Warum kontrollierst du uns, als ob wir Schmuggler wären?«

»Den Katholiken kenne ich nicht.«

»Der will seinem Vater helfen. Also lass ihn gehen, damit wir alle weiterkommen.«

Nun wurden auch andere Stimmen laut. Der Wachmann sah Pierre durchdringend an. Wortlos winkte er ihn schließlich durch.

Pierre führte das Pferd am Strick durch die Gassen von La Rochelle. Obwohl er erst das zweite Mal in der Stadt am Atlantik war, hatte er das Gefühl, heimzukommen. Alles schien ihm vertraut. Doch für die Schönheit der Stadt hatte er im Augenblick keine Zeit, denn er wollte so schnell wie möglich zum Hafen.

Endlich lag das innere Stadttor mit der großen Turmuhr vor ihm. Die Portalflügel standen weit offen, sodass er den Hafen hätte sehen können. Doch eine große Traube Menschenköpfe versperrte ihm die Sicht. Pierre war versucht, in die Höhe zu springen, um über die vielen Hüte hinweg einen Blick auf das Meer zu werfen, als er auch schon von dem Menschenstrom mitgezogen wurde.

»Warum nehmt Ihr den Gaul mit in die Stadt?«, rief ein Mann verärgert, der sich seitlich an dem Pferd vorbeidrängte. »Er versperrt den schmalen Durchgang.«

»Wo soll ich das Pferd denn lassen?«, fragte Pierre.

»In der Rue Verdière gibt es einen Pferdestall«, rief der Mann ihm zu und wies in die entgegengesetzte Richtung.

»Und wie soll ich mich mit dem Pferd hier umdrehen?«, murmelte Pierre.

»Nahe dem Tor gibt es einen weiteren Stall, wo Ihr das Pferd unterstellen könnt«, verriet ihm ein anderer Mann, der neben ihm seine Tochter auf die Schultern hob, da diese weinte. »Beruhig dich, ma chère, hier oben bist du sicher«, versuchte er das Kind zu trösten. »Die vielen Menschen ängstigen sie«, entschuldigte er das Geschrei des Mädchens und verschwand in der Menge.

Als Pierre das Stadttor mit der Uhr durchschritten hatte, ging er in die Richtung, die der Mann ihm gewiesen hatte. Zwei Häuser weiter fand er den Stall, wo er das Pferd unterstellen konnte. Nachdem er bezahlt hatte, trat er hinaus in die Gasse. Unschlüssig sah er sich um. Die Sehnsucht nach Florence trieb ihn zum Kettenturm hinunter. Doch sein Pflichtbewusstsein forderte, dass er zuerst nach dem Ehepaar suchte, mit dem er drei Jahre lang umhergereist war. Unsicher blickte Pierre...

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