Das offene Gastmahl

 
 
Gütersloher Verlagshaus
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 25. März 2013
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  • 238 Seiten
 
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978-3-641-10392-7 (ISBN)
 
Abendmahlsfeiern - in offener Vielfalt das Gemeinsame suchen


In den Berichten um Jesus von Nazareth spielen gemeinsame Mahle eine besondere Rolle: zum einen das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Freunden, das Fest der Zuversicht, in seiner Nachfolge sich zu bewähren; zum anderen aber - viel öfter - fröhliche Gastmahle, die er mit den Armen und Ausgegrenzten in Galiläa begeht, laute und lebhafte Feste der Hochzeit Gottes mit seinem Volk. Beide Formen der Gemeinschaft sind für Christen bedeutsam.

Das in der Passionsgeschichte verwurzelte Abendmahl wird in der näheren Zukunft auch weiterhin nicht von allen Christen gemeinsam gefeiert werden können. Deshalb werden heute vielfach Elemente des Abendmahls und der offenen Gastmahle verbunden, zum Beispiel in "Feierabendmahlen" auf Kirchentagen oder in den Gemeinden. Aber die festlichen, offenen Gastmahle Jesu sind ein noch viel weiter gefasstes Angebot: Es kennt keine religiöse Begrenzung, sondern schließt alle ein, die teilnehmen wollen - gerade auch Fremde und Außenseiter.

In diesem Buch verdichtet Jörg Zink sein in einem langen Leben gewachsenes Verständnis der offenen Gastmahle Jesu zu einem eindringlichen Plädoyer für ein neues christliches Selbstbild, ein neues Handeln der Konfessionen und eine neue Theologie: unter dem Leitbild einer vorbehaltlosen Einladung aller zu offenem Dialog und Versöhnung, mit dem Ziel der Gestaltung einer gerechten, friedlichen Zukunft in der globalisierten Welt.

  • Deutsch
  • Gütersloh
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  • Deutschland
  • 0,91 MB
978-3-641-10392-7 (9783641103927)
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Jörg Zink (1922-2016), Dr. theol., Pfarrer, Schriftsteller, Publizist. Er gehörte zu den bekanntesten evangelischen Theologen der Gegenwart. Seine fast 200 Bücher haben sich insgesamt rund 20 Millionen Mal verkauft. Jörg Zink wurde im Laufe seines Lebens mit einer Vielzahl von Auszeichnungen geehrt.

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Das katholische Sicherungssystem

Durch zweitausend Jahre hin bauten die Christen die gastlichen Häuser, ihre Kirchen und Dome und Kathedralen. Dort liegt nun auf dem Tisch das Brot. Dort steht der Krug mit Wein. Und sie feiern die Ruhe, die Geborgenheit, sie feiern das Essen, sie nehmen sich Zeit, erzählen einander, singen und musizieren miteinander. Sie sprechen ihren Dank aus. Sie segnen einander und verlassen den festlichen Raum, um draußen ihren Weg fortzusetzen. Wenn wir hier allerdings die Kirche als ein Gasthaus verstehen, dann kann an ihr nicht der monumentale Bau das Wichtige sein, nicht der feierliche Raum und nicht der Schmuck. Wichtig ist das Kommen und Gehen, die Begegnung, das Reden, das Hören, das Gespräch. Der einfache Tisch. Aber das schlichte Essen deutet uns den ganzen Hintergrund hinter den Wegen und den Schicksalen der versammelten Menschen. Es zeigt, was sie am Leben hält auf ihren Wegen über diese Erde. Es zeigt das Ziel an, auf das sie am Ende zugehen: das Haus und den Tisch des Vaters.

Wenn ich hier für die kurze Zeit, in der Sie dieses Buch lesen, sozusagen als Wirt unter der Tür stehe und Sie willkommen heiße, dann frage ich Sie nicht, ob Sie katholisch seien oder evangelisch oder vielleicht noch etwas anderes. Sie kommen, und Sie sind mein Gast und Hausgenosse. Ich höre Jesus sagen: »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen« (Johannes 6,27), und versuche, ein wenig ihm, dem großen Gastgeber, seiner Liebe und seiner Freiheit ähnlich zu sein.

Natürlich wissen Sie, mindestens der Spur nach, was in einer Feier der Eucharistie oder des Abendmahls geschieht. Es steht ein Kelch mit Wein auf dem Altar, ein flacher Teller mit Brotstücken oder Oblaten. Ein Mann oder eine Frau spricht die uralten, immer gleichen Worte. Er oder sie lädt ein, verteilt, spricht einen Segen. Aber viel bleibt undeutlich. Was ist das nun, dieses Brot, das da ausgegeben wird? Wie ist das mit der Vergebung der Sünden, von der da gesprochen wird? Was meint dieses Bekenntnis zum »dreieinigen Gott«? Was ist mit dem »Lamm« gemeint, das »der Welt Sünde trägt«? Fragen begleiten uns von Anfang bis Ende.

Und worauf geht das Ganze zurück? Wie kam es dazu? Das wissen wir, jedenfalls so klar, wie man etwas lange Vergangenes wissen kann. Am Abend vor seinem Tod versammelte Jesus seine Freunde zu einem Essen. Dabei zeigte er ihnen ein Stück Brot und sagte: »Das bin ich.« Er bot Wein an mit den Worten: »Das bin ich.« Er erklärte nicht, wie er das meine. Er gibt keine Deutung. Was aber diese beiden kurzen Worte sagen wollen, darüber machen sich die Christen seit jenem Anfang ihre Gedanken. Wie soll man sich das vorstellen? Kommt irgendetwas zum Brot hinzu? Verwandelt sich etwas an ihm? Ist es symbolisch gemeint? Aber was mag es bedeuten, wenn wir von einem Symbol reden? Immer wieder hat die Christenheit eine Deutung versucht, und um diese Deutungen geht bis heute das Gespräch, bisweilen auch der Streit.

Alle Deutungen sind Versuche. Sie werden in unseren menschlichen Köpfen angestellt. Sie sind nicht die Sache selbst. Wir haben ja nur das kurze Wort: Das bin ich. Deutungen wandeln sich in langen Zeiträumen. Sie sind verschieden von Ort zu Ort, und keine von ihnen wird die ganze Wahrheit jemals einfangen können. Manche von ihnen führen näher zur Mitte, andere führen ins Abseits, und nie werden wir der Wahrheit näher kommen, als die gewagten Versuche unseres Menschengeistes es vermögen. Auch was ich in diesem Buch versuche, ist eine Deutung. Es ist die meiner Kirche und es ist meine persönliche, die sich mir in vielen langen Gesprächen mit Christen aus vielen Kirchen ergeben hat. Zuletzt aber wird es für Sie selbst darauf ankommen, dass Sie mit Hilfe Ihres eigenen Nachdenkens der Wahrheit näherkommen und dass Sie das Vertrauen finden, es werde Ihnen hier etwas gegeben, das Ihnen zum Leben hilft. Dass Sie essen und trinken und danach Ihren Weg finden. Dass Ihnen mit dem heiligen Mahl ein Symbol von großer Tiefe und Kraft gegeben ist.

Es ist nichts zu hoffen, solange die katholische Kirche sich Regeln gibt, die so festzementiert in der Landschaft stehen wie die ihren. Ihr Sicherungssystem, an dem jeder Appell einer anderen Kirche zerschellen wird, hat zwölf Punkte:

  1. Nur wer in dieser und keiner anderen Kirche getauft ist, ist wirklich und mit Sicherheit rechtmäßig getauft und ist zu den Sakramenten der Kirche zugelassen.
  2. Nur ein rechtmäßig geweihter Priester kann und darf die Eucharistie feiern und spenden, denn nur er hat die Fähigkeit, die Wandlung zu bewirken.
  3. Nur wenn Brot und wein in ihrer Substanz gewandelt werden, handelt es sich um eine gültige Eucharistie.
  4. Nur im strengen Zusammenhang der apostolischen Sukzession ist die Weihe eines Priesters gültig.
  5. Nur die durch die gültige sakramentale Weihe hergestellte Sukzession besteht wirklich.
  6. Nur ein Mann ist zum Priester geeignet.
  7. Nur der ohne Frau lebende Mann kann Priester sein.
  8. Nur wer anerkennt, was die katholische Kirche lehrt, hat den wahren und richtigen Glauben.
  9. Nur was durch die Lehrautorität des Papstes gedeckt ist, kann als Lehre der katholischen Kirche gelten.
  10. Die Grundlage der Lehre der Kirche ist die Heilige Schrift. Die zutreffende Auslegung der Heiligen Schrift legt allein der Papst fest.
  11. Konzilien sind die eigentlichen Führungsorgane der Kirche. Nur Konzilien aber, die durch den Papst einberufen und geleitet werden, sind statthaft und gültig.
  12. Wenn der Papst zu Glaubens- und Sittenfragen ex cathedra spricht, ist er unfehlbar.

Es ist ein vollkommenes Sicherungssystem, und wer mit einer Kirche, die so gefügt ist, glauben und wirken will, kann nicht das eine bejahen, das andere verneinen. Es ist ein System, mit Hilfe dessen Geschlossenheit demonstriert und Macht ausgeübt werden kann. Wir sagen freilich sofort das andere: Der weit überwiegenden Mehrzahl der geistlichen Würdenträger der katholischen Kirche tun wir schweres Unrecht an, wollten wir sagen, es gehe ihnen primär um Macht. Auch unter den Bischöfen dieser Kirche bis hin zu Päpsten vom Rang eines Johannes XXIII. wird ganz anders, geistlicher, offener und freundlicher gedacht, als dieses Sicherungssystem es vorschreiben will, und es ist einfach die Frage, ob diese Kirche in erster Linie dogmatisch denken will oder geistlich, ob sie gesichert stehen will oder ohne Sicherung auf einem Weg sein.

Es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, ob wir die katholische Kirche als allein schuldig an der Unsitte des Aussperrens anderer ansehen. Auch manche evangelische Kirche oder gar Sekten aller Art sind gegen diese Sucht nach Sicherheit nicht gefeit, und manche evangelische Kirche vollzieht diesen Absperrmechanismus auf ihre Weise bis zum heutigen Tag nach. Nur eben: Was sie dann tun, wirkt auf den, der es von außen sieht, nicht so sehr logisch und zwingend, sondern eher wie ein theologisches Laienspiel. Es ist einfacher. Aber es ist nicht besser.

Denn auch den evangelischen Kirchen geht es sehr entschieden um ihre Sicherheit. Nur sind die Lösungen, die sie dafür fanden, weniger vollkommen. Was man sich im 16. Jahrhundert dazu ausgedacht hat und danach fünfhundert Jahre lang festhielt, sichert zwar nicht die Lehre oder die Struktur der evangelischen Kirche, wohl aber sehr wirksam ihren Bestand.

Eines der Elemente jener Sicherung wurde auf der Basis der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse entwickelt. Man nannte es die »Zweireichelehre«. Dafür wurden zunächst die Funktionen des Staats und der Kirche reinlich voneinander getrennt. Dagegen kann man nichts einwenden. Der wechselseitigen Übergriffe gab es genug. Aber nun sprach man davon, Gott regiere die Welt auf zwei verschiedenen Wegen: Durch den Staat regiere er das äußere, das praktische Leben, durch die Kirche regiere er die Gewissen. Man sprach von »zwei Reichen«, dem Reich zur Rechten Gottes, der Kirche, und dem Reich zu seiner Linken, dem Staat. In allen politischen Dingen gehorche der Christ darum seiner Obrigkeit, dem Magistrat oder dem Fürsten als den Werkzeugen Gottes. In den geistlichen Dingen gehorche er dem Wort Gottes, das heißt der Kirche.

Das hat bewirkt, dass sich der christliche Glaube auf die Privatsphäre der Menschen zurückzog. Denn da der Staat ja von Gott eingesetzt war und die Fürsten von Gottes Gnaden regierten, erhob sich der Christ gegen Gottes Ordnung, wenn er seinem Staat oder seinem König widerstand. So gewann der Protestantismus im Lauf der Neuzeit ausgesprochen privatistische Züge, und die Kirche wurde für den Staat zum willfährigen Instrument, das die Moral und das staatsbürgerliche Verhalten des Einzelnen zu ordnen und in Schranken zu halten mithalf.

Weil der Christ also zu staatstreuem Verhalten verpflichtet war, wurde er, sobald er dem Staat gegenüber drohte aufsässig zu werden, von seiner eigenen Kirche gemaßregelt. Was dem sogenannten »linken Flügel« der Reformation widerfuhr, was den evangelischen Freikirchen, was dem Widerstand im Dritten Reich, was der Friedens- und Ökologiebewegung der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, liest sich wie ein Bilderbuch dieser »Zweireichelehre«.

Noch um die Wende zum 20. Jahrhundert konnte ein Pfarrer, der der sozialdemokratischen Partei beitrat, also den »vaterlandslosen Gesellen«, sein kirchliches Amt verlieren. So Blumhardt. Als am Anfang der Hitlerzeit Widerstand gefordert war gegen den Unrechtsstaat, tat man sich ungeheuer schwer damit. Man hatte es nie geübt, man hatte keine Erfahrung damit. Und es ist ja bekannt, dass...

"Zink leuchtet in spirituell feinsinniger Sprache die Facetten des offenen Gastmahls aus."

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