Anna & Anto

Plötzlich anders
 
 
Planet! (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Februar 2020
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-522-65432-6 (ISBN)
 
Körpertausch mal anders - Eine turbulent-lustige Zwillingsgeschichte für Mädchen und Jungs ab 11 Jahren.

Anna und Anto Anders sind Zwillinge - und gehen sich schrecklich auf die Nerven. Die Phase in Mamas Bauch mitgerechnet sind sie nun schon 15 Jahre gezwungen, ihr Leben zu teilen. Als Anna immer häufiger dieses Kribbeln verspürt, wenn sie Antos besten Freund Maxim sieht, spitzt sich die Lage zu. Gerne würde sie mehr Zeit mit Maxim verbringen. Alleine. Ohne Anto. Und da passiert es plötzlich! Anna steckt im Körper ihres Bruders! Und Anto in dem seiner Schwester. Gab es vorher schon viel Verwirrung, geht's jetzt erst so richtig los. Überraschend, witzig und mit Tiefgang.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 1,85 MB
978-3-522-65432-6 (9783522654326)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gerlis Zillgens war Schauspielerin und Regisseurin, hat fürs Fernsehen gearbeitet und ist mit Leib und Seele Autorin! Wortgewandt und mit fantastisch-komischen Dialogen bringt sie ihren Lesern und Leserinnen so richtig viel Freude am Lesen. Wenn sie nicht gerade schreibt, geht sie auf Lesetour. Oder tanzt Tango und Salsa. Oder turnt herum. Manchmal auch auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Annchen, mein Annchen


»Annchen, mein Annchen, bist so schmal wie ein Tannchen«, sang Oma mit ihrer hohen, etwas brüchigen Stimme. Sie drückte mich an sich und streichelte mir über den Rücken. »Wie schön, dass du mich besuchst, meine kleine Lieblingsenkelin.«

»Du hast nur eine Enkelin, Oma!« Ich gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. Sie war so klein, dass ich mich dazu nicht mal auf die Zehenspitzen stellen musste.

»Wer weiß, wie viele Enkelinnen ich noch habe?« Oma lächelte geheimnisvoll.

Ich lächelte zurück und sagte nichts. Meine Oma lebte, seitdem ich denken konnte, in mehreren Welten gleichzeitig. Möglicherweise hatte sie tatsächlich in irgendeiner der anderen Welten noch weitere Enkelinnen. Nur konnte die außer Oma niemand wahrnehmen. Das sei alles Quantenphysik, sagte Oma öfter. Die Quantenphysik stelle alles auf den Kopf, was wir glauben zu wissen.

Ich habe mal im Internet nachgeforscht, was Quantenphysik eigentlich ist. Kapiert hab ich quasi nix. Nur so viel, dass Oma wohl irgendwie recht hat. Quantenphysik ist ganz schön durchgeknallt. Aber total seriöse Wissenschaftler beschäftigen sich damit und bekommen Nobelpreise und so.

Mama hält gar nichts von Quantenphysik. Ihre Meinung: Oma ist ein bisschen durchgeknallt, das war sie schon immer. Für Mama ist das in ihrer Kindheit nicht so einfach gewesen, mit Omas anderen Welten klarzukommen. Vermutlich ist sie deswegen zur Bahn gegangen. Dort kommen Fantasiewelten nicht vor. Hätte Papa Romane geschrieben und nicht Gebrauchsanweisungen für Elektrogeräte, hätte sie sich auch bestimmt nicht in ihn verliebt und ihn geheiratet.

»Dann mach ich mal ein kleines Käffchen, für mich und das kleine Anna-Äffchen«, trällerte Oma schief vor sich hin.

Bei ihr gab es immer Kaffee. Mama wollte nicht, dass ich Kaffee trank, aber ich war schließlich schon vierzehn. Und Kaffee war eindeutig besser als schwanger, fand ich.

Oma stellte Käsekuchen auf den Tisch. Der war mega. Absolut Spitzenklasse!

»Hmmm, niemand macht besseren Käsekuchen als du, Oma.«

»Der ist von Opa.« Oma lächelte versonnen. »Er ist der beste Käsekuchenbäcker der Welt.«

»Ja, Oma, das ist er.« Ich drückte sie an mich.

Wäre Mama jetzt hier gewesen, hätte es wieder ewige Diskussionen darüber gegeben, dass Opa doch schon über fünf Jahre tot ist, und dass Oma das immer wieder vergisst. Und dass sie das nicht vergessen darf. Nach fünf Jahren muss man doch mal das Schicksal annehmen. Man kann doch nicht für den Rest des Lebens die Tatsache verdrängen, dass Opa nicht mehr unter uns weilt. Bla, bla, bla. Und so weiter und so weiter.

Aber ich wusste gar nicht, warum Oma das nicht vergessen durfte. Schließlich sah sie glücklich aus und mir war es egal, wer den Käsekuchen gebacken hatte. Hauptsache, er schmeckte so herrlich wie immer.

»Erzähl mir von deinem Maxim!« Oma machte es sich auf der Couch gemütlich, trank ganz langsam und voller Genuss einen Schluck ihres tiefschwarzen Kaffees und schaute mich erwartungsvoll an.

Sie wusste so ziemlich alles über Maxim. Sie war - außer Mia - der einzige Mensch, mit dem ich wirklich über ihn reden konnte. Im Grunde konnte ich mit Oma sogar noch besser reden. Mit Mia stritt ich mich ab und zu und wir waren öfter unterschiedlicher Meinung. Mit Oma stritt ich mich nie. Und ihre fremden Welten, in die sie mich in ihren wilden Geschichten entführte, waren spannender als die meisten Filme, die ich in meinem Leben gesehen hatte. Oft machte sie uns sogar Popcorn.

Mit ihr war ich, seit ich klein war, am liebsten unterwegs gewesen. Oma konnte schon immer irgendwie zaubern. Wenn wir den Zoo nicht nur von Antos Fenster aus sehen, sondern live besuchen wollten, ging Oma mit mir hin und es geschah meist etwas Ungewöhnliches: Das frisch geborene Pandabärchen kroch zum ersten Mal aus seiner Höhle oder ein Tierpfleger hatte ein Gatter nicht richtig geschlossen und niedliche Pinguine watschelten über den Weg. Wenn wir für den Nachmittag einen Schwimmbadbesuch geplant hatten und es morgens aus Kübeln regnete, hörte es ziemlich sicher pünktlich auf und die Sonne schien plötzlich, sobald wir loswollten. Und als die kleine fünfjährige Anna sich so furchtbar schrecklich dringend einen Hund gewünscht hat, stand plötzlich einer in Omas Garten. Er trug kein Halsband und hatte keinen Chip. Oma sorgte dafür, dass ich ihn behalten durfte, obwohl Mama anfangs strikt dagegen war.

Nur lebendig machen konnte Oma Knöpfchen nicht, als er schon nach drei Jahren gestorben ist. »Das geht leider nicht, seine Zeit war gekommen«, erklärte mir Oma, und wir haben beide lange geweint, als wir Knöpfchen auf einem Tierfriedhof bestattet haben.

Ich erzählte Oma von der Kümmerwoche und der Babypuppe, die Maxim und Anto versorgen mussten.

Oma schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. »Und das Loskügelchen, das hat fein dafür gesorgt, dass Mia und du euch um den Fußballplatz kümmern dürft.« Sie kicherte und genehmigte sich noch ein Schlückchen Kaffee.

Einen Moment wunderte ich mich. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, Oma schon davon erzählt zu haben, dass unsere Aufgaben per Loskugel gezogen wurden. Aber sicher hatte ich das nur vergessen, weil ich ihr seit Wochen jeden Tag von Maxim vorschwärmte. Das war entschieden spannender als das Losverfahren.

»Und hatte dein Maxim wieder voll den Swag?«

Ich umarmte Oma. Es war so süß, wenn sie Anto oder mir ganz genau zuhörte und selbst neue Begriffe in ihren Wortschatz mit aufnahm.

»Was ist heut passiert, als du ihn angeguckt hast?«, fragte sie neugierig.

»Füße, Hände, Gesicht.«

»Kitzeln, schwitzen, Tiefkühltruhe?«, riet Oma.

»Exakt.«

»Wie damals bei Opa. Der hatte auch den Swag, als ich ihm mit fünfzehn in der Tanzstunde das erste Mal begegnet bin.«

Wäre meine Mutter jetzt hier, hätte sie Oma schon wieder zurechtgewiesen.

Aber Mama, du verwechselst schon wieder alles. Du hast Papa doch erst kennengelernt, als du siebzehn warst und er bei euch in den Ferien die Post ausgetragen hat.

Als ob es nicht völlig egal ist, ob Oma fünfzehn oder siebzehn war und ob sie Opa in der Tanzstunde oder am Briefkasten kennengelernt hat. Hauptsache, er hat kitzeln, schwitzen und Tiefkühltruhe ausgelöst. Oma und ich konnten die wichtigen Dinge von den unwichtigen unterscheiden. Das konnte Mama oft nicht ganz so gut.

»Ich wollte auf der Stelle für den gesamten Rest meines Lebens jede weitere Sekunde mit Opa zusammen sein«, schwärmte Oma. Sie trank ihren Kaffee aus und schenkte uns beiden nach.

Ich blinzelte ihr zu. »Ich würde auch gern mehr Zeit mit Maxim zusammen verbringen. Viel mehr. Ganz viiiiiieeeel mehr. So wie du mit Opa. Aber er hängt immer nur mit Anto rum und bemerkt mich gar nicht.«

»Nicht?« Oma schüttelte betrübt den Kopf. »Dabei bist du doch meine absolute Lieblingsenkelin. Du bist die Beste. Er sollte dich bemerken!«

Ich verdrehte die Augen. »Er geht mit Anto ins Kino, er zockt mit Anto, er spielt mit Anto Fußball. Anto, Anto, immer nur Anto.«

»Obwohl du doch besser Fußball spielst als dein Bruder.«

»Viel besser!«

Oma nickte. »Wie sehr wünschst du dir denn, mehr mit Maxim zusammen zu sein?«

»Sehr«, sagte ich leise.

»Wie sehr?«, beharrte Oma und schaute mir tief in die Augen, als könne sie darin die Antwort ablesen.

»So sehr, dass ich mindestens ein Jahr lang immer alle meine Hausaufgaben machen würde.«

Oma schien noch nicht zufrieden. »Das ist kein besonders hoher Einsatz.«

»So sehr, dass ich einen Monat lang jeden Tag Antos Zimmer aufräumen würde.«

»Hui!« Oma pfiff auf zwei Fingern. Das konnte sie besonders gut. Der Ton brachte auch noch in einem Kilometer Entfernung jedes Trommelfell zum Klingeln. Mama hasste dieses Pfeifen. »Okay, der Einsatz wird deutlich höher.«

»So sehr, dass ich das Kümmern um den Fußballplatz gegen das Kümmern um das Baby tauschen würde.«

»Ein Jahr lang immer Hausaufgaben machen, einen Monat lang jeden Tag das Chaos-Zimmer deines Bruders aufräumen und eine knappe Woche lang kaum schlafen, mehrmals in der Nacht aufstehen und ein schreiendes Baby beruhigen.« Oma wiegte den Kopf hin und her, schaute aus dem Fenster und schwieg. Es sah aus, als würde sie auf irgendetwas lauschen. Außer dem Zwitschern der Vögel und dem Verkehr auf der Straße, konnte ich aber nichts hören.

»Meinst du?«, fragte sie nach einer Weile. Irgendein Wesen aus einer ihrer anderen Welten schien ihr zu antworten. Oma hörte aufmerksam zu, nickte ab und an, dann lächelte sie. »Oh, wirklich? Ans Meer?« Sie strahlte übers ganze Gesicht und sang: »Ans Meer, ans Meer, das freut mich so sehr.«

Mama würde schon wieder ausrasten und Oma erklären, dass derjenige, mit dem sie da spricht, genauso wenig vorhanden ist wie Opa.

Ich war wirklich froh, dass ich Oma so oft ohne Mama besuchen konnte. Ich streichelte über ihren schon ein bisschen runzeligen Handrücken. Ich mochte diese Zeichen der vielen Jahre, die sie schon auf dieser Welt war.

Oma hatte mir mal, als ich noch klein war, die Jahresringe an Bäumen gezeigt. Ich liebte es, sie abzuzählen und dann zu wissen, wie alt der Baum war. Oma hatte gemeint, dass die Jahresringe bei Bäumen das wären, was bei Menschen die Falten und Runzeln sind. Seitdem mochte...

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