Adlerschanze

Baden-Württemberg-Krimi
 
 
Silberburg (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Januar 2019
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8425-1798-1 (ISBN)
 
Während des Skisprung-Sommer-Grand-Prix auf der Adlerschanze in Hinterzarten wird im nahe gelegenen Adlerweiher die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Der indischstämmige Kommissar Surendra Sinha, zufällig zu Besuch im Schwarzwald, wird ungewollt in die Ermittlungen der Freiburger Kripo mit einbezogen. Die Spuren führen in den Kreis der Nachwuchs-Skispringer. Eine Beobachtung der Skilegende Georg Thoma bringt schließlich den Stein ins Rollen .
  • Deutsch
  • Tübingen
  • |
  • Deutschland
  • 0,91 MB
978-3-8425-1798-1 (9783842517981)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ingrid Zellner wurde 1962 in Dachau geboren. Nach ihrem Theaterwissenschafts-, Literatur- und Geschichtsstudium in München war sie am Stadttheater Hildesheim und zwölf Jahre an der Bayerischen Staatsoper München Dramaturgin. Heute ist sie Übersetzerin (Schwedisch) und Autorin mehrerer Bücher. Daneben ist sie Regisseurin und Theaterschauspielerin.

1


Blau und wolkenlos wölbte sich der Himmel über dem Hochschwarzwald. Ganz Hinterzarten summte wie ein Bienenstock; an diesem Wochenende fand auf der Adlerschanze das große Sommerskispringen der FIS statt, und neben den ohnehin schon zahlreich angereisten Touristen, die mit Wanderschuhen und Trekkingstöcken bewaffnet die herrliche Naturlandschaft rund um den beschaulichen Luftkurort erkundeten, sorgten zusätzlich auch noch unzählige Skisprung-Freunde aus aller Welt dafür, dass in den Hotels und Ferienwohnungen des Ortes nicht einmal mehr eine Hängematte auf dem Dachboden frei war.

Auf der sonnenüberfluteten Terrasse des Café Diva saß Kriminalkommissar Surendra Sinha und genoss neben dem Blick auf den idyllischen Adlerweiher auch das äußerst befriedigende Bewusstsein, dass er seine To-Do-Liste für diesen Freitag abgearbeitet hatte und den Rest des Tages einfach entspannen konnte. Dienstlich hatte er ohnehin nichts zu tun; sein Revier war die Kriminalinspektion 1 Friedrichshafen, und er war lediglich zu Besuch hier im Schwarzwald. Seine Mutter unterzog sich seit zwei Wochen in der Földiklinik einer Lymphtherapie, und als gut erzogener Sohn hatte er sich selbstverständlich ein paar Tage freigenommen, um seiner maaji zwischenzeitlich seelischen Beistand zu leisten. Auch wenn er von Anfang an geahnt hatte, dass den Beistand in diesem Fall wohl eher das Klinikpersonal nötig haben würde als die Patientin selbst.

Diese Vorahnung hatte sich bereits bei seinem ersten Besuch in der Klinik bestätigt. Zenobia Sinha war eine kleine, energische Frau aus dem indischen Punjab, temperamentvoll, nicht auf den Mund gefallen und eine wandelnde Reklame für ihre in der ganzen Familie legendären Kochkünste. Auch wenn sie seit gut fünfunddreißig Jahren in Deutschland lebte (ihr Mann hatte kurz vor Surendras Geburt einen Job in Stuttgart bekommen) und sich hier alles in allem durchaus wohlfühlte - mit der deutschen Küche hatte sie sich niemals angefreundet. Was Surendra nur recht sein konnte; er liebte die Punjabi-Gerichte seiner Mutter, und zum Glück war er mit den Genen seines Vaters gesegnet, die ihnen beiden übermäßige Gewichtsprobleme ersparten. Im Gegensatz zu Zenobia, die so lange immer mehr in die Breite ging, bis ihr Arzt ihr vor einigen Monaten dringend empfohlen hatte, den Lymphstau in ihren Beinen in der Hinterzartener Földiklinik behandeln zu lassen. Natürlich hatte es erst noch eines entschiedenen Machtworts ihres Ehemanns Praveer bedurft, damit sie sich dazu bereit erklärt hatte - wobei die Vorstellung, sich fünf Wochen lang täglich die Beine mit Lymphdrainagen und Bandagen behandeln zu lassen und womöglich zu langen Spaziergängen und Sport angehalten zu werden, Zenobia wohl weniger Albträume bereitete als die Aussicht, sich in dieser Zeit ausschließlich von deutscher Klinik-Kost ernähren zu müssen.

Surendra Sinha seufzte. Bloß gut, dass er seinen obligatorischen täglichen Klinikbesuch bei maaji, deren Laune von Tag zu Tag mehr in den Keller sank, heute bereits hinter sich hatte. Auf dem Heimweg hatte er gleich auch noch Lebensmittel für das Wochenende eingekauft und in der Küche seiner Ferienwohnung verstaut. Jetzt hatte er sich eine kleine Stärkung verdient, und zwar redlich. Das nicht weit von seinem Domizil entfernt gelegene Wiener Kaffeehaus namens Diva mit seiner eleganten, sehr ansprechenden Jugendstil-Einrichtung hatte er bereits an seinem ersten Tag in Hinterzarten entdeckt und besuchte es seitdem täglich, um sich durch das verführerische Sortiment an Kaffee- und Teespezialitäten, Kuchen und feinsten Trüffeln durchzuprobieren.

»Hello, Mr Sinha - how do you do?«

Sinha blickte auf. Neben ihm waren auf dem Weg, der an dem Café vorbei in Richtung Adlerweiher führte, zwei Damen stehengeblieben und lachten ihn fröhlich an. Er kannte sie; sie residierten im gleichen Ferienhaus wie er und hatten sich ihm am Tag seiner Ankunft als Kim-Celine und Kim-Marie Walker aus London vorgestellt. Er hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sich zu merken, welcher Name zu welcher der beiden englischen Ladys gehörte, denn er sah sich mit einem der krassesten Fälle von eineiigen Zwillingen konfrontiert, die er je erlebt hatte. Die »Walker-Twins«, wie er sie im Geiste kurzerhand nannte, waren nach seiner Schätzung etwa dreißig Jahre alt und erwiesen sich schnell als ausgemachte Skisprung-Fans; schon seit einer Woche waren sie hier und besuchten täglich das Adler-Skistadion, um dort den Springern beim Training zuzusehen.

»How do you do?«, grüßte er freundlich zurück.

»Lovely day, isn't it?« Walker-Twin Nummer eins strich sich eine hellblonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Perfect for ski jumping. Die Eagles, sie werden weit fliegen, heute und morgen.«

»Werden Sie auch zusehen bei die Grand-Prix-Springen, Mr Sinha?«, fragte Walker-Twin Nummer zwei.

»Nein«, antwortete Sinha. »Ich gebe zu, ich interessiere mich nicht sehr für Wintersport. Erst recht nicht im Hochsommer.«

»Weil Sie sind from good old India«, stellte Walker-Twin Nummer eins mit einem breiten Grinsen fest. »Dort Sie haben keine Eagles, so wie wir unsere Eddie. Eddie the Eagle, he's the best!«

»Das wird's wahrscheinlich sein«, erwiderte Sinha lächelnd. Er verzichtete wohlweislich auf den Hinweis, dass er in Deutschland geboren worden war, um nicht zu riskieren, als nächstes ausführlich über sämtliche großen deutschen Skispringer der vergangenen Jahre und Jahrzehnte aufgeklärt zu werden - was für die skisprungbegeisterten Walker-Twins vermutlich keine größere Herausforderung darstellte. Die Lebensgeschichte des britischen Kult-Skispringers Michael Edwards hatten sie ihm am Vortag jedenfalls aus dem Stand heraus in allen Einzelheiten erzählen können, so dass Sinha jetzt zumindest mit Eddie the Eagle etwas anzufangen wusste.

»Aber waren Sie gestern nicht wenigstens bei die große Opening Party in die Stadion?«, hakte Walker-Twin Nummer zwei nach.

»Nein.« Sinha schüttelte den Kopf.

»Oh, dann Sie haben aber etwas versäumt«, versicherte Walker-Twin Nummer eins eifrig. »The DJ, he was fabulous, die Stimmung war top of the world. Und wir haben viel getanzt. Warum Sie sind nicht gekommen . die Inder, sie lieben zu singen und tanzen, they say.«

»Nicht alle«, entgegnete Sinha diplomatisch. »Und ganz ehrlich, ich habe beruflich zuletzt so viel um die Ohren gehabt, dass ich es sehr genieße, zur Abwechslung mal ein paar Tage lang gar nichts tun zu müssen. Nicht mal singen und tanzen.« Er zwinkerte den beiden englischen Ladys verschmitzt zu.

»Oh yes, Sie mussen ja ständig jagen die bad boys.« Walker-Twin Nummer eins riss fasziniert die Augen auf. »Sie sind ja . detective superintendent, wie war doch die deutsche Wort dafur?«

»Kriminalkommissar«, lächelte Sinha.

»Jesus, I'll never get that.« Walker-Twin Nummer eins verdrehte die Augen. »Can't we just say KK? Das ganze Wort, ich merke mir nie.«

»Oh, that's perfect, Celine!«, stellte Walker-Twin Nummer zwei fest und wandte sich grinsend an Sinha. »You see, wir sind auch KK - Kim and Kim. So wir passen zusammen sehr gut, wir drei.«

»Zweifellos.« Sinha konnte nicht anders, er musste lachen. Die Vorstellung, sich bei seinem nächsten Einsatz als Kay-Kay Surendra Sinha zu präsentieren, machte ihm Spaß.

»Well then, enjoy your time, Kay-Kay«, sagte Walker-Twin Nummer zwei. »Und kommen Sie unbedingt morgen zu die Grand Prix in die Stadion. Sie können nicht verlassen Hinterzarten ohne zu haben gesehen die Adler fliegen.«

»Da haben Sie wahrscheinlich recht.« Erneut musste Sinha seine gesamte Diplomatie mobilisieren. Er verspürte nicht das geringste Bedürfnis, sich bei dem Sommerskispringen unter die Zuschauermenge zu mischen, wollte aber den beiden redseligen Engländerinnen nicht wirklich Gelegenheit geben, sich wortreich darüber auszulassen, was für ein sportlicher Blindgänger er doch war. From good old India noch dazu.

»Of course wir haben recht!«, gab Walker-Twin Nummer eins im Brustton der Überzeugung zurück. »See you in die Stadion, Kay-Kay!«

Die beiden Damen setzten sich in Bewegung und schlenderten gemütlich in Richtung Adlerweiher davon. Sinha sah ihnen nach, und ein Schmunzeln umspielte seine Lippen. Er mochte diese beiden englischen Ladys, auch wenn er ihre Sportbegeisterung nicht teilte. Aber zumindest brachten sie ihn jedes Mal zum Lachen, und das war viel und kostbar für jemanden, der einen Beruf ausübte, in dem es eher selten etwas zu lachen gab.

Was nichts an der Tatsache änderte, dass er seinen Beruf liebte und sich jederzeit wieder...

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