Evangelische Kirche und Frauenordination

Der Beitrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zur deutschlandweiten Diskussion im 20. Jahrhundert
 
 
Evangelische Verlagsanstalt
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im April 2017
  • |
  • 456 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-374-04881-6 (ISBN)
 
Innerhalb der EKD wird die Ordination von Frauen heute als Konsequenz der reformatorischen Tauftheologie bezeichnet. Um 1900 dagegen war die »Frau auf der Kanzel« in Deutschland noch kaum vorstellbar. Durch die Forderung der frühen Theologinnen nach hauptberuflicher Mitarbeit in der Verkündigung wurden die evangelischen Landeskirchen gezwungen, ihre Vorstellung von der Ordnung der Geschlechter und ihr Verständnis vom geistlichen Amt zu überdenken.
Die Studie legt ihren Schwerpunkt auf die Entwicklung innerhalb der bayerischen Landeskirche und setzt diese in Bezug zur deutschlandweiten Diskussion um die Frauenordination. Unter der Perspektive der historisch-theologischen Genderforschung werden umfangreiche Archivbestände ausgewertet.
Die beigefügte CD enthält eine Auswahl bislang unveröffentlichter Quellen zur Geschichte der Frauenordination von 1919 bis 1975 und ermöglicht so die Weiterarbeit am Thema.

[Protestant Church and Women's Ordination. The Contribution of the Bavarian Regional Church to the German-wide discussion in the 20th century]
Today the EKD (Protestant Church in Germany) regards the ordination of women as a consequence of Reformation baptismal theology, whereas around 1900, a female in the pulpit was hardly imaginable in Germany. The Protestant regional churches (Landeskirchen) were ultimately forced to rethink their understanding of gender roles in ordained ministry, once female theologians began to demand to be involved in Christian preaching as pastors.
This study focusses on the developments within the Bavarian Regional Church and relates them to the German-wide discussion on the ordination of women. Extensive archival documentation has been analyzed through the lens of historical-theological Gender Research.
The attached CD contains a sampling of yet unpublished sources on the history of women's ordination in Bavaria from 1919-1975, thus allowing for further studies on this subject.
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I. EINLEITUNG


1. RELEVANZ DES THEMAS


Die Ordination von Frauen hat das Gesicht der Evangelischen Kirche in Deutschland maßgeblich verändert. Im Raum der EKD ist der Dienst von Pfarrerinnen heutzutage selbstverständlich, ja, die Frauenordination wird von mancher Seite geradezu als ein Markenzeichen der Evangelischen Kirche angesehen. Innerhalb der Gliedkirchen der EKD kann man inzwischen auf eine jahrzehntelange Geschichte der Frauenordination zurückblicken. Einige Landeskirchen, wie im Jahr 2016 die Evangelisch-Lutherische Kirche Sachsens, konnten in der jüngsten Zeit ein halbes Jahrhundert Frauenordination, wenn auch noch nicht ein halbes Jahrhundert Gleichstellung der Theologinnen, feiern. Verbunden ist die Gestaltung solcher Jubiläen in der Regel mit der Spurensuche nach den ersten Theologinnen der eigenen Landeskirche und der jeweiligen kirchengeschichtlichen Entwicklung vom Amt der Theologin bzw. Vikarin bis zur Pfarrerin. Hierzu werden häufig auch Zeitzeuginnen interviewt. So wurde die Frauenordination vom heiß diskutierten Thema zum Gegenstand historischen Forschens. Seit den 1990er Jahren begann die Kirchliche Zeitgeschichte, die Thematik unter dem Aspekt der Frauengeschichts- bzw. Genderforschung in den Blick zu nehmen. Zu dieser Zeit war die Gleichstellung von Frauen im Pfarramt hinsichtlich kirchenleitender Funktionen noch nicht selbstverständlich, wie das öffentliche Aufsehen anlässlich der Wahl der ersten lutherischen Bischöfin, Maria Jepsen, zeigte.1

Der spezifische Beitrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zur Frage der Frauenordination kann nicht losgelöst von der deutschlandweiten Entwicklung betrachtet werden. Seit 1958 trieben progressive Regelungen einzelner Landeskirchen die Entwicklung voran. Sie brachten das Thema in die öffentliche Diskussion und lösten Gegenreaktionen aus. Daher werden die theologische Argumentation und die Entscheidungen der bayerischen Kirchenleitung im Zusammenhang der entsprechenden Diskussion innerhalb der lutherischen Zusammenschlüsse von Lutherrat und VELKD dargestellt. Der Einfluss der betont ablehnenden Position der bayerischen Kirchenleitung auf die gesamtdeutsche Diskussion kommt in den Blick. In diesem Zusammenhang ist zu fragen, inwiefern sich die bayerische Diskussion von derjenigen in anderen Landeskirchen unterschied.

2. FORSCHUNGSPERSPEKTIVE


2.1 FRAUENKIRCHENGESCHICHTE UND GENDERFORSCHUNG


In der Geschichtswissenschaft machten sich seit Anfang der 1970er Jahre Wissenschaftlerinnen auf den Weg der Erforschung der Geschlechtergeschichte. Innovative Fragestellungen wurden entwickelt. Die Erkenntnis, dass »gender« im Sinne von »sozialem Geschlecht« in der Geschichtswissenschaft als eine grundlegende Kategorie, vergleichbar der sozialen und religiösen Zugehörigkeit, berücksichtigt werden muss, setzte sich nach und nach durch. Um 1990 war die Geschlechtergeschichte Karin Hausen zufolge als »ernst zu nehmende Herausforderung der Geschichtswissenschaft« in der akademischen Welt akzeptiert.13

2.2 EINORDNUNG IN DIE GESAMTGESELLSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG


Nimmt man die Diskussion über die Frauenordination in den Blick, ist nach dem Einfluss der jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung auf die Leitbilder zu Ehe und Familie und zur Berufstätigkeit von Mann und Frau zu fragen. Zeitlich erstreckt sich dies über einen langen Zeitraum mit sehr unterschiedlichen Machtverhältnissen, vom späten Deutschen Kaiserreich über die Weimarer Republik und die Zeit des Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit, in der mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zwei unterschiedliche politische Systeme mit entsprechenden Auswirkungen auf die Gesellschaft und Kirchenpolitik etabliert wurden. Nach 1945 hielten die Kirchen, soweit und solange dies möglich war, an der Zusammenarbeit über die deutsch-deutsche Grenze hinweg fest. Auch dies hatte Auswirkungen auf die Diskussion der Frauenordination innerhalb der VELKD und der EKD.

2.3 THEOLOGIEGESCHICHTE


Die Diskussion über die Frauenordination stellte die Theologie vor schwierige Fragen. Sie betrafen große Bereiche der bisherigen Lehre: die Anthropologie, das Amtsverständnis und die Ekklesiologie, die Lehre von den Schöpfungsordnungen und die Ethik. Darüber hinaus ging es um die Hermeneutik der Bibel als der grundlegenden Norm der evangelischen Kirche.

3. FORSCHUNGSÜBERBLICK


Einige Studien bieten eine Übersicht zur Geschichte der Frauenordination in den deutschen evangelischen Landeskirchen.25 Einen wichtigen Anstoß, Quellen zur Theologinnengeschichte zu sichten, zu sammeln und auszuwerten, gab das 1987 von Hannelore Erhart gemeinsam mit einer Gruppe von Studentinnen gegründete Göttinger Frauenforschungsprojekt. Erste Ergebnisse wurden ab 1989 veröffentlicht.26 1994 kam der von 13 Mitarbeiterinnen verantwortete Sammelband Darum wagt es, Schwestern in der Reihe Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert heraus. Er stellt einen wichtigen und breitgefächerten Beitrag zur Erforschung der Theologinnengeschichte dar. Ihren Ansatz beschreiben die Autorinnen als kritische Frauengeschichtsforschung in feministisch-befreiungstheologischer Perspektive. Neben der jeweiligen allgemeinen politischen, ökonomischen und sozialen Situation von Frauen kommen die kirchenpolitischen Verhältnisse, die theologische Diskussion und die konkreten Arbeitsfelder der Theologinnen in den Blick. Mehrere Studien zur Geschichte des deutschen Theologinnenverbandes lassen die Haltung der Theologinnen zur Frage ihres Amtes erkennen.27 Mit der Auswertung bislang unveröffentlichter Quellen zielten die Autorinnen auf einen allgemeinen Überblick über die Geschichte der evangelischen Theologinnen in Deutschland ab, beschränkten sich allerdings im Wesentlichen auf die Situation im späten Kaiserreich, in der Weimarer Republik und während des Nationalsozialismus. In einem Ausblick wird darüber hinaus die Entwicklung des Amtes der Theologin nach 1945 bis zur Gleichstellung skizziert. Regionalkirchengeschichtliche Forschung kam der Themenstellung entsprechend in diesem Sammelband nur am Rande zum Tragen. Für den Bereich der bayerischen Landeskirche sind zwei Artikel von Gerda Nützel zur Entwicklung der Theologinnenarbeit in den sog. intakten Kirchen sowie zur Jugendarbeit als Arbeitsfeld von Theologinnen während des Nationalsozialismus von Interesse.28

4. QUELLEN


Die Quellenlage zur Geschichte der Frauenordination in der bayerischen Landeskirche ist insgesamt als sehr gut zu bezeichnen. Für die vorliegende Studie wurde umfangreiches Material aus 15 Archiven ausgewertet. Darüber hinaus konnten Quellen aus Privatbesitz herangezogen werden. Im Vorfeld wurden auch Gespräche mit einigen bayerischen Theologinnen geführt und aufgezeichnet, aus denen in der vorliegenden Studie vereinzelt zitiert wird. Da sie aufgrund der geringen Anzahl nicht repräsentativ sind, wurde auf eine vergleichende Auswertung verzichtet. Infolge dieser Interviews schrieben einzelne Theologinnen autobiographische Rückblicke auf ihre Zeit als Pfarrvikarin und Pfarrerin. Drei von ihnen wurden in der von der Frauengleichstellungsstelle der ELKB im Jahr 2015 anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Frauenordination herausgegebenen Festschrift veröffentlicht. Auch historische Fotos wurden der Autorin übergeben. Zeitzeuginnenberichte sind eine wichtige Quelle. Allerdings muss man sich dessen bewusst sein, dass sie aus heutigem Blickwinkel und im Rückblick verfasst sind. Quellen, die in zeitlicher Nähe zum jeweiligen Geschehen stehen, haben demgegenüber in der vorliegenden Arbeit Präferenz.

Das Landeskirchliche Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern besitzt wichtige Bestände zum Thema Frauenordination. Auf ihrer Auswertung basiert der größte Teil der vorliegenden Studie. Für die erstmalige Diskussion der sog....

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