Johnny Ohneland

Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2020
  • |
  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43770-7 (ISBN)
 
A Girl named Johnny

Joana Wolkenzin weiß früh, dass sie anders ist. Sie liest stundenlang und lernt Songtexte auswendig; später verliebt sie sich in Jungs und in Mädchen. Im vorpommerschen Niemandsland der Neunziger gibt sie sich einen neuen Namen: Johnny. Aber bringt ein neuer Name auch neues Glück? Als die Mutter über Nacht die Familie verlässt, kreisen Johnny, ihr Bruder Charlie und ihr Vater auf wackligen Bahnen um eine leere Mitte. Schließlich macht Johnny sich auf die Suche nach einem Leben und einer Erzählung, die ihren eigenen Vorstellungen entsprechen, in Deutschland, Finnland und Australien.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren und lebt heute in Jüterbog. Für ihre Werke wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis. Ihr erster Roman "Dinge, die wir heute sagten" stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt erschien bei dtv ihr Roman "Johnny Ohneland".

 

 

 

 

Johnny, nicht mehr recht in Sicht, so könnte man sagen. Nichts mehr in Sicht, von dir aus. Zwängest du dich, die Augen noch einmal zu öffnen, hielte dein Blickfeld nichts bereit als deinen eigenen Schoß, die immer noch nackt in Sandalen steckenden Füße der Frau neben dir, deine eigenen in den immer noch zu großen alten Coles-Männersocken und die nahe Begrenzung der Rückenlehne vor dir, alles im gedimmten zwischenweltlichen Licht von ungefähr halb vier AEST. Rechts weißt du den Gang, the aisle, ein spät erworbenes Wort. »An aisle seat, please.« Ein Fensterplatz wäre nichts als Blödsinn gewesen auf einem Langstreckenflug, ein Anfängerfehler, und es mag ja sein, dass auch dies wieder nur des Schrecklichen Anfang ist, zunächst aber ist es des Schrecklichen Ende, und etwas anderes ist nicht zu sehen. Kein Abschiedsblick auf die nächtlichen Glühwürmchenlichter einer Stadt, die dir unvertraut blieb, zum Glück. Und es ist kein Abschied. Don't look back in anger. Don't look now.

Später, später wird früher sein, und obwohl du Abflugs- und Ankunftszeit kennst, Anfang und Ende, gelingt es dir nicht, Zeitdifferenz und Zeitverschiebung stimmig miteinander zu verrechnen zur Reisedauer, einen Zusammenhang herzustellen zwischen zwei äußersten Punkten und dem Dazwischen. Es gibt einen Widerstand, ein eigentliches Nicht-verstehen-Wollen, der Verdacht ist nicht neu: dass diese Verweigerung wirksamer zu befriedigen vermag als alle Erkenntnis, dass alle kurz- und langlebigen Kulte sich auf ihr gründen, dass alle schlimmen Geschichten eher zu ertragen sind in der Annahme, etwas daran bliebe grundsätzlich und auf immer undurchschaubar, jenseits der unwirtlichen Grenzbereiche unserer Logik, und dass, gingen alle Rechnungen restlos auf, es keinen Grund mehr gäbe weiterzumachen.

Fragt sich, womit. Womit, und: womit? Stellt sich heraus, in zwölf Kilometern Höhe, es existiert kein Wort dafür in der Sprache, an die du dich irgendwann gewöhnt haben musst, nach einer längeren Zeit, in der dir nur noch übel davon geworden war, täglich wie um eine heiße Kartoffel in deinem Mund herumreden zu müssen. Vomit. Auch Wombat hopst dir durch den Kopf, das seine nackte oder haarige Nase, du kannst dich nicht erinnern, beständig gen Zaungrenze reckende Exemplar im Zoo. Womit, ein Wombat mit ewig leerem Beutel. Woman. Geschlechtgewordene Infragestellung. I've given up on .

Die Aufgabe ist überschaubar. Es gilt, 27 Stunden in der Luft und dem luftleeren Raum von ein paar Flughäfen zu überstehen und anschließend das Delirium noch so lange im Zaum zu halten, bis du aus einem Taxi einem Nachtportier vors Rezeptionsdesk und endlich in jenes vor einer Woche reservierte Bett gestolpert sein wirst, das unglaublicherweise auf der anderen Seite der Welt sanft und anspruchslos bereitsteht, dich aufzunehmen in die saubere Kühle seiner Laken. Das heißt, es würde ein Laken sein, unten, und eine Bettdecke in einem echten Bezug, oben, nicht dieses ständig verrutschende Gewurschtel eines Laken- und Deckengefüges, das zudem noch mit sich dir nie erschließender Fertigkeit ringsum unter der Matratze festgestopft war, unter dem man so, wie in eine Tüte gesteckt, niemals warm werden und einschlafen konnte, und zerrte man es mühsam heraus und damit unweigerlich auch das untere, das eigentliche Laken, sah alles nur noch nach einem Werk der Zerstörung aus, einer mutwilligen Torpedierung des Ordnungssinns anderer Leute. Selbst Renata war diese alltägliche Unnötigkeit nicht abzugewöhnen gewesen. Oh Johnny. Ihr nachsichtiges Lächeln, als seist du es, der nicht zu helfen ist. Dir ist, als verstündest du es auf einmal: Womöglich hätte das Auslassen dieser Handgriffe eine Lücke in Renatas Tagesablauf verursacht, die, gerade weil sie unter der Bewusstseinsoberfläche geblieben wäre, mit nichts anderem hätte gefüllt werden können, sondern lediglich alles Weitere ins Stocken gebracht hätte. So wie überhaupt ein Vorlauf an Zeit eigentlich nie zu etwas zu gebrauchen ist und nur leichte Panik aufwirft.

Du denkst an dieses Bett in der vaterländischen Fremde wie an eine Wiedergutmachung, ohne dich um diese Stunde dem Zuendeführen eines Gedankens verpflichtet zu fühlen. Wiedergutmachen was an wem oder woran. Schon wieder. Woman. Oh, hebe dich hinweg, du nicht mal falsche Freundin. Welcome womit, wodurch, wobei, wohin, wofern, wovon, worin, woran, wohlan! Not to mention wogegen!

Ich reise gegen die Zeit, formulierst du dir deutlich in deiner Muttersprache, unsicher, ob das in überhaupt irgendeiner Weise einer Tatsache entspricht. Es könnte sein. Es könnte auch sein, dass zwei Bewegungen gleichzeitig stattfinden, grundsätzlich, das ungeschriebene Naturgesetz von der Relativität des Unterwegsseins. Ja, so nennen wir es vorläufig. Bis morgen die Welt schon wieder anders aussieht. Das war stets als Trost gemeint gewesen, auch dies aber hatte sich als zweierlei entpuppt: In der Kindheit tropfte ein sachter Schrecken, es könnte so sein und was, wenn, hinein, obwohl daran nicht recht zu glauben war, keinesfalls gleich morgen, und nur die Ahnung von einem abrupten, womöglich unabwendbaren Hineingeraten in den sogenannten Ernst des Lebens, unter dem doch alle, die ihn beschworen, zu leiden schienen, fällte sich nach und nach sichtbar aus. Und später, später bewahrheitete sich alles.

Zum Beispiel also dieser Nacht-Tag-Nachtflug auf eine Hauptstadt zu - und der Reflex, die zu denken, verlernt sich wie angeblich Schlittschuhlaufen nicht, obschon angespannte Wackligkeit auf den ersten Eismetern die Glieder versteift, und du hast nun einige Winter, Herbst-Winter, Sommer-Winter, keinen zugefrorenen See, Tümpel, Fluss gesehen, das kann doch nicht sein - diese Flugreise also, in einem Dreisprung sozusagen über die Städte Dubai und Düsseldorf, zu gleichen Teilen unvertraut, kann doch, was ein mögliches Protokoll beträfe, kaum anders denn als Rückwärtsbewegung bezeichnet werden. Was die Bewertung einer solchen Bewegung angeht, herrschen verschiedene Ansichten. Der Rückzug, die Flucht, das Scheitern, die Schmach, und auch diese einst in ein Blankobuch abgeschriebene, die du festhieltest wie eine letzte Gewissheit damals: Es gibt aus jeder vertrackten Lage einen Ausgang, in den man hineinfinden kann, ., man muss nur bedächtig rückwärts gehen, so wie ein Krebs in sein Schlupfloch zurückweicht. Und: Wenn man nichts mehr ist, dann ist man immer noch, was man war. Bloß wann? Wann war man das, und was? Diese Methode des Zurückgehens, Zurückverfolgens führt ja schon, wenn man sich ihr nicht ernsthaft, nur mal antestend nähert, an den Rand ihres Magnetfeldes gerät, zu einer wilden Drehung der Gedanken, einem Verrücktspielen der inneren Anzeiger, die nicht entscheiden können, worauf sie sich ausrichten sollen, denn jeder sogenannte Punkt in der Erinnerung, der eigenen Historie, entpuppt sich als ganz und gar nicht klar scheidbar von seiner unmittelbaren Umgebung, den Nachbarpunkten, Punkten nun schon in Anführungszeichen, jenem amorphen Davor und Danach, dem er in jeder ehrlichen Erzählweise - und dahinter kommt man ja nicht, kann man nicht zurück, hinter ein Erzählen - gleichermaßen doch zuzurechnen ist. Das heißt, du Hilfsphilosophin, es gibt nur den Fluss. Oder es gibt ihn nicht. Todd River. Mal so, mal so. Das weiß jeder, und keiner will es so haben. Womöglich, aber dies ist eine aeroplane Idee im Zustand des Nichtschlafenkönnens und der Gewissheit des Nichtschlafenkönnens für den Rest dieser Luftfahrt (ab wann kann man von Rest sprechen, wann von rest, oh, restlose restlessness, ach, das geht doch zu weit), womöglich gab dieses schwimmende Dasein im Fluss, die Schwammigkeit einer Ruhe im Flussbett nicht den letzten Grund ab für Erfindung - oder musste man von Entdeckung sprechen? - und Triumph des Digitalen. Entweder oder. Und es ist doch gar kein neues Kunsthandwerk, das vergangene eigene Leben in den Berichten davon automatisch umzuwandeln von analoger Abfolge in digitale Treppenstufen, zusammenhängende Tonfolgen auch etwas ahnungslos zu zerschneiden in verschiedene Lieder, sodass ein Knacken zu hören ist am Übergang, kann sein, es geht einzig darum, den Beweis der Grenze, der Andersartigkeit der Phasen anzutreten, vor sich selber zuerst.

Als ein Schlupfloch schlechthin aber ist dir doch stets das Reisen vorgekommen. Du verdächtigst dich seit Längerem der Scharlatanerie, wenn du dieses Wort benutzt für das, was richtigerweise Angewohnheit genannt in den Ohren mancher erst recht falsch und kokett klingen müsste, eine Angeberei per Understatement. Vor Jahren wäre das die Wahrheit gewesen. Als du vorhin - vorhin? im anderen Leben noch? - den übergewichtigen Koffer einchecktest, später, der Herde folgend, dich in die Boardingschlange reihtest, durch den Schlauch in den Bauch des Flugzeuges trabtest, stellte sich jedoch als einzige Gefühlswahrheit die ein, dass du nach längerer Abstinenz dich einer alten Gewohnheit wieder überließest. Abhauen, schlichtweg. Sich hinwegbegeben, aber nicht in Haltung und Verfassung einer Flüchtenden, nicht im Krebsgang, zurückweichend. Sondern sozusagen mit zum Pfeifen gespitzten Lippen, La Paloma, als die Taube auf dem Dach, unerreichbar zu bleiben für die begehrlich greifenden Umstände und das Nicht-mehr-Aushalten transformieren ins Nicht-nötig-Haben und in diesem Umhang genäht mit Galoppstichen aus fliegenden Fahnen von dannen ziehen, in den Siebenmeilenstiefeln zweiter Klasse. Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen, kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben. Dies ließ sich dann, leicht fröstelnd von den...

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